DIE VERGOTTUNG DES MENSCHEN IM MYSTISCHEN TOD
aufgewiesen am leben Jesu
oder
DIE RÜCKKEHR DER SEELE IN DEN "UNGRUND'1 (Böhme)
Verf.: Gisela Fräntzki


Im Werke Jakob Böhmes und hier speziell in seiner Schrift "Paradies, Erde, Hölle" mit dem Unterrtitel "Von drei Prinzipien und vom dreifachen Leben des Menschen" leuchtet ein Menschenbild auf, das es wert ist zu betrachten. Böhme zeigt uns den Menschen in seinem ursprünglichen paradiesischen Schöpfnngszustand. Er erklärt: In allen unsichtbaren und sichtbaren Welten und Wesen herrschen drei Prinzipien.
Das erste Prinzipium ist die verborgene, ewige Natur. Diese ist bestimmt durch das Liebefeuer Gottes~ als Reich Gottes und Paradies, aber auch vom Zornfeuer Gottes als Finsterwelt und Hölle. Das erste Prinzipium enthält also gleichzeitig Licht und Finsternis, Gutes und Böses. Dieses erste Prinzipium entspringt einem verborgenen Ungrund (nicht Urgrund), einer Wurzel, einem ewigen unauflöslichen Band, das keinen Anfang und kein Ende hat.
Im zweiten Prinzipium tritt dieser Ungrund in Einheit mit dem ersten Prinzipium aus der Verborgenheit in die Erscheinlichkeit als verborgene Lichtwelt, die wiederum aus sich das dritte Prinzipium gebiert, das sich
als materielle, sichtbare Welt darstellt und von der Vergänglichkeit, dem Werden und Vergehen bestimmt ist und dennoch mit dem ewigen unauflöslichen Ungrund verbunden ist.
Wenn nach Böhme diese drei Prinzipien in allen unsichtbaren und sichtbaren Welten und Wesen herrschen, dann müssen sie auch den Menschen bestimmen. Er weist nach, daß der Mensch ein dreifaches Leben hat, d.h. Leib und Seele des Menschen sind dreifach geprägt: nach der ewigen Natur, nach der Lichtwelt und nach der äußeren Welt. Die ewige Natur des Menschen wird von der äußeren, materiellen Welt verdeckt. Sie wird erst offenbar werden in der Lichtwelt oder in der Finsterwelt. Welche der beiden Welten das Regiment im Leben des irdischen Menschen führte, in eben dieser Welt bleibt der geistliche Mensch stehen. Im Zorn Gottes, das ist die Finsterwelt oder in Gottes Liebe, das ist die Lichtwelt. Deshalb verlangt Böhme, den Geist der äußeren Welt recht zu betrachten, nämlich als Gehäuse und Werkzeug der inneren geistigen Welt, welche darin verborgen liegt und durch die äußere Welt wirkt und sich auf diese Weise in die sichtbaren Formen mit einführt.

Betrachten wir nun das dreifache Leben im Menschen. Böhme erklärt:
"Wenn wir das göttliche Bild des Menschen betrachten, das Gott im Paradiese zum ewigen unzerstörbaren Leben geschaffen hat, so können wir keinesfalls von dem groben, fleischlichen Bilde sprechen, welches wir
jetzt an uns tragen. Und wir werden doch nicht behaupten wollen, daß das grobe irdische Menschenbild jenes Bild Gottes sei, das einmal die heilige Welt einnehmen soll. Alles, was am Menschen irdisch ist, das ist tierisch und vergänglich und ist nicht der Mensch nach Gottes Bild. Der rechte, wahre Leib, der in unserer groben Körperlichkeit verborgen liegt, ist wie ein geistlicher Leib gegenüber dem tierischen Körper. Er ist zwar auch aus Fleisch und Blut geschaffen worden, aber in einem unverwesbaren und beständigen Fleisch und Blut. Am Anfang hielt der innere himmlische Mensch den äußeren Menschen, d.h. Fleisch und Blut des geistigen Leibes, in sich gefangen und durchdrang ihn, wie das Feuer ein Eisen durchglüht, so daß man glaubt, es sei lauter Feuer. Also stand der erste Mensch im Paradiese in seiner Unverweslichkeit, denn innerer und äußerer Mensch befanden sich in innerem Gleichgewicht. Dieser paradiesische Mensch war niemandem untertan, als nur Gott allein, der in ihm wohnte und ihm durch die Kraft des heiligen Wesens offenbar war. So stand der Mensch da als Ebenbild oder Gleichnis Gottes, in welchem der Geist Gottes wohnte."
Wir erkennen, daß das dreifache Leben im Menschen den oben dargelegten drei Prinzipien entspricht.
Das erste Prinzipium tritt in dem inneren himmlischen Menschen in Erscheinung,
der, wie wir wissen, hier von Gut und Böse bestimmt wird.
Das zweite Prinzipium zeigt sich im geistlichen Leib aus unverwesbarem und beständigem Fleisch und Blut.
Das dritte Prinzipium ist im paradiesischen Menschen als Möglichkeit angelegt, was wir später noch entfalten werden.
Als Ungrund liegt allen drei Prinzipien die "Kraft des Heiligen Wesens" verborgen zugrunde.


Betrachten wir weitere Eigenschaften des vollkommenen, von den drei Prinzipien bestimmten, geschaffenen Menschen.


Adam, als paradiesischer Mensch, war männlich und weiblich, aber nicht geschlechtlich, denn er war das Bild Gottes. Gott verband im paradiesischen Menschen zwei unsterbliche Wesenheiten. Der geistliche Leib von der Liebewesenheit des inneren Himmels, welcher Gottes Tempel darstellte und der äußere geistliche Leib als Essenz der Erde, der dem inneren geistlichen Leibe als Heimstätte diente. Diese beiden Wesen, das innere himmlische und das äußere himmlische Wesen waren miteinander vermählt und in einem Leibe als ein ewiges Wesen geeint. Die inbrünstige Liebe zwischen dem äußeren und dem inneren Wesen war der Grund zur magischen (geheimnisvollen) Geburt, d.h. die beiden himmlischen Wesen, die in sich eins waren, hätten aus sich heraus gleiche Wesen erboren, um die in ihnen flammende himm1ische Liebe fortzupflanzen. Auf dieser Stufe war der Mensch nicht als Mann und Weib geschaffen und so war auch eine geschlechtliche Schwängerung in diesem Zustand nicht vorgesehen.


Der vollkommene Mensch, mit einer absoluten Freiheit von Gott beschenkt, wurde nun auf seine Bewährung hin erprobt. Er wurde hinsichtlich aller drei Prinzipien versucht, denn jedes Prinzipium zog die Seele im Fleische zu sich hin, um die Oberhand in ihr zu gewinnen. Was würde der freie Wille der Seele tun? Würde er in der göttlichen Harmonie und Gleichheit bleiben, oder würde er sich in die Selbstheit wenden, in die Unabhängigkeit von der göttlichen Harmonie?


Adam hielt - aufs Ende gesehen - nicht stand, sondern sein Begehren richtete sich auf die irdische Eitelkeit, denn er wollte Böses und Gutes schmecken und probieren. Dieses Begehren störte das harmonische Gleichgewicht zwischen dem inneren himmlischen - und dem äußeren himmlischen Wesen. Der Einfluß des inneren himmlischen Wesens wurde schwächer und verdunkelte, und es erwachte in der äußeren Seele das irdische Begehren. Durch den Verlust der inneren Harmonie verlor Adam die Fähigkeit zur magischen Geburt, denn der äußere Mensch in Adam bekam das Regiment und das göttliche Wesen in ihm zog sich zurück.
Adam wendete also seinen Willen und sein Begehren vom inneren himmlischen Wesen ab, und versenkte sich in seine Selbstheit und Eitelkeit und löste sich damit von Gott ab, trat heraus aus der göttlichen Harmonie und entschlief damit der engelhaften Welt, und er erwachte in der äußeren Welt. Dennoch hatte er in diesem Zustand die Verbindung zur himmlischen Welt nicht ganz verloren. Das himmlische Wesen in ihm hatte sich zwar zurückgezogen und war vom irdischen Wesen überschattet, dennoch wirkte der Heilige Geist weiter im Inneren der überdeckten himmlischen Wesenheit. Adam aber war jetzt abhängig von Raum und Zeit. Durch den Verlust der magischen Geburt, wurde die Erschaffung der Eva notwendig. Bei der Erschaffung der Eva wurde aus der ursprünglichen Einheit in Adam der weibliche Gegenpol aus ihm herausgenommen. Die ursprüngliche Einheit beider Pole ermöglichte Adam, Eva als sein Weib zu erkennen, daß "sie sein wäre". So richtete er sein Begehren auf sie und liebte sie, wie er sie zuvor in sich selbst geliebt hatte. Beide standen noch im Paradies und erkannten weder Böses noch Gutes, denn sie lebten noch in innerer Verbindung mit dem Himmelreich. Durch das irdische Begehren Adams war das himmlische Bild in ihm verdunkelt worden. Diese Schwäche war nun auch in Eva vorhanden und hatte zur Folge, daß die irdische Eitelkeit Eva nun sehr lockte. Gott warnte in seiner Liebe das Menschenpaar und gebot ihnen, nicht von der Frucht des Baumes der Erkenntnis von Bösem und Gutem zu essen, d.h. ihre Begierde nicht in das Irdische zu wenden. Die Schlange, als Bild der Eitelkeit, rührte in Eva genau diesen schwachen Punkt an, indem sie ihr vorgaukelte, die Frucht würde ihr nicht schaden, sondern ihr würden Augen des scharfen Verstandes aufgetan werden, daß sie sein würde wie Gott. "Das dauchte (dünkte) Eva gut sein, daß sie eine Göttin möchte sein und willigte ganz darein." Und in dieser Einwilligung fiel sie von der göttlichen Harmonie, von der Gelassenheit in Gott und von der göttlichen Begierde ab. Da verblich die Kraft in ihrem, durch Adam bereits überschatteten und zerteilten himmlischen geistigen Leib. Der heilige Geist wich also aus Evas Wesen. Der himmlische Teil des Menschen trat jetzt ganz in die Verborgenheit Gottes zurück.
"Und als Eva die Frucht vom Baume abbrach und davon aß, empfing sie bereits die Essenz des Baumes, und sie überredete den Adam auch zu essen."


Nach diesem erneuten Fall erwachten Adam und Eva in der tierischen Eigenschaft. Sie sahen sich nackt, denn zuvor hatte das Himmelsbild den äußeren Menschen noch durchdrungen und mit göttlicher Kraft bekleidet.
"Nun stand die arme Seele aus dem ersten Prinzipium allda mit dem Tiere umgeben, ganz nackt und bloß. Aber für dieses tierische Leben war der Mensch ursprünlich nicht geschaffen, wenngleich Gott erkannt, daß es so ausgehen würde. "
Die Seele hatte sich aus freiem Willen der göttlichen Verbindung beraubt und damit in den geistigen Tod gestürzt, aus dem sie sich aus eigener Kraft nie mehr erheben konnte.


Wir haben nun nach Böhme dargelegt, wie der vollkommene paradiesische Mensch durch falsche Begierde und Eitelkeit die harmonische Gottverbundenheit zerbrach und in die tierischen Begierden und damit in die Gottesferne abfiel. Wenn uns die Folgen dieses Abfalles vor Augen stehen, dann werden wir unmittelbar erkennen, an welcher Stelle wir heutigen Menschen stehen. Die Notwendigkeit einer radikalen Umkehr vom falschen Weg erscheint uns zwingend. Das ist auch nach dem Tode Jesu noch genau so notwendig, hat Jesus durch seine Erlösung der Menschheit zwar den Weg der Rückkehr zu Gott gebahnt, den Heimweg aber muß jede Seele selbst gehen. Jesus ist den Weg vorausgegangen, die Seele kann also den gleichen Weg nachgehen, will sie ins Vaterhaus heimkehren.


Wollen wir uns diesen gottgebahnten Weg nun näher anschauen.


Um die im geistigen Tod gefangenen Menschen aus der völligen Gottverlassenheit und Gottesferne zu erretten, stieg Gott selbst von Seinem Thron herab aus dem höchsten Lichtreich in die tiefste Finsternis, in das Reich der Hölle, um den Weg der Rückkehr zu bahnen. Er schuf sich in Maria einen Leib, der die Fülle der Gottheit fassen konnte. Maria aber war im Geiste darauf wohl vorbereitet für diesen großen Augenblick aller Zeiten.


Ihre Reinheit und Gottgläubigkeit ermöglichte, daß sie in ein Werk Gottes einwilligte, das sie selbst in der Tiefe nicht erfaßte. So war ihr "Fiat" der erste Schritt des gefallenen Menschengeschlechtes auf die Gottheit zu, und die Sehnsucht nach dem Heiland und Erretter knüpfte das erste Liebesband zwischen Schöpfer und Geschöpf in Maria.


"Und das Wort ist Fleisch geworden" oder "Das Licht leuchtet in der Finsternis"- solche Aussprüche in der Bibel bezeugen, die Besonderheit dieses Ereignisses. Die Bibel erzählt uns viele wunderbare Geschichten um diese einmalige Geburt. Für den jüdischen Glauben der damaligen Zeit, dem Maria entstammte, war es nichts Besonderes, daß die Menschen mit Engeln verkehrten. So wissen wir aus den Werken Jakob Lorbers von der Erziehung der Tempeljungfrauen, daß sie dort von weisen Männern und Frauen erzogen wurden und daß sie immer wieder von Engeln belehrt wurden. Da Maria als eine Jungfrau im Tempel aufgezogen worden war, und sie durch das Los von den Priestern des Tempels Josef zur weiteren Obhut übergeben wurde, war die Erscheinung des Engels bei Maria für dieses Mädchen nicht so ungewöhnlich.


Auch Josef war aus seinem Glauben heraus darauf vorbereitet, einmal der Zieh- und Nährvater des großen Gottessohnes zu sein. Seinem Glauben genügte es, daß ihm die Botschaft des Engels versicherte, daß es der Wille Gottes sei, daß er Maria bei sich behalte und sie in seinen Schutz nehme. Die Einmaligkeit dieser Geburt bewies sich den beiden Menschen immer wieder aufs Neue. Sie erhielten vom Engel den Auftrag, das Kind "Jesus" zu nennen. Bei und nach der Geburt Jesu ereigneten sich Dinge, die dem Durchschnittsmenschen unfaßbar erscheinen. Maria und Josef aber durften mit ihren Geistaugen in die himmlische Welt blicken, deren grenzenloser Jubel bezeugte, daß Gott in der Menschengestalt als Erlöser herniedergestiegen war. Weiter gab es immer wieder wunderbare Führungen, die dem Kind galten. Wir erinnern an die Anbetung der Hirten, der Könige, an die Verfolgung durch Herodes, der wohl ahnte, daß die irdische, menschliche Macht in der Gefahr stand, überwunden zu werden, das Bekenntnis von Simeon und Anna, die im Tempel in Jesus ihr Heil und ihren Erlöser erblicken und schließlich die wunderbare Schilderung über die Rede des zwölfjährigen Jesus im Tempel mit den dortigen Priestern. Aus all dem leuchtet hervor, welch großer Geist in diesem Kinde auf die Erde geboren wurde. In der Bibel hören wir dann nichts weiter von dem Knaben Jesu. Es heißt dort nur: "Und Er war Seinen Eltern untertan."

Was aber geschah mit Jesus in der Zeit vom zwölften bis zum dreißigsten Lebensjahr?

Wie jeder Mensch mußte Jesus lernen, das Leben zu meistem. Er lernte bei Josef das Handwerk eines Zimmermanns, hatte dadurch notwendig viel Umgang mit den Menschen und mußte wie jeder Mensch zu Gutem und Bösem Stellung nehmen. Durch den inwohnenden Gottgeist erkannte Er die Fehler und Schwächen der Menschen in einer besonderen Schärfe. Das von Ihm Erkannte klärte Er in Sich, in Seinem inneren Gottgeist, wobei Er sich immer wieder von den Menschen in die Einsamkeit zurückzog. Sein ganzes Bestreben ging dahin, im absoluten Gehorsam diesem inneren Erkennen gemäß zu leben. So wuchs das Erkennen in Jesus in diesen Jahren stetig, und die innere Gottheit konnte in Ihm immer mehr die Führung in Seinem Leben übernehmen. Gehorsam und Liebe Seinem Gottgeist gegenüber wurden immer wieder hart auf die Probe gestellt. Sei es in der Auseinandersetzung im elterlichen Haus oder mit den Tempelpriestern oder auch mit den damaligen Traditionen des Landes.

Welch schwere Kämpfe Jesus in Seiner Seele auszutragen hatte, schildert uns Jakob Lorber in der Jugend Jesu, S.389:
" Jesus fühlte in Sich fortwährend auf das Lebendigste die allmächtige Gottheit; Er wußte es in Seiner Seele, daß alles, was die Unendlichkeit faßt, Seinem leisesten Winke untertan ist und ewig sein muß. Dazu hatte Er den größten Drang in Seiner Seele, zu herrschen über alles. Stolz, Herrschlust, vollste Freiheit, Sinn fürs Wohlleben, Weiberlust und dergleichen mehr, also auch Zorn waren die Hauptschwächen Seiner Seele. Aber Er kämpfte aus dem Willen der Seele gegen alle diese gar mächtigsten, tödlichsten Triebfedern Seiner Seele.
Den Stolz demütigte Er durch die Armut; aber welch ein hartes Mittel war das für Den, dem alles zugehörte, und Er aber dennoch nichts 'Mein' nennen durfte!
Die Herrschlust bändigte Er durch den willigsten Gehorsam zu denen, die wie alle Menschen gegen Ihn wie gar nichts waren.
Seine ewige allerhöchste Freiheit bestürmte Er eben damit, daß Er Sich, wenn schon endlos schwer, den Menschen wie ein sklavischer Knecht zu den niedrigsten Arbeiten gefangen gab.
Den stärksten Hang zum Wohlleben bekämpfte Er durch gar oftmaliges Fasten - aus Not, und auch aus dem freien Willen Seiner Seele.
Die Weiberlust bekämpfte Er durch nicht selten schwere Arbeit, durch magere Kost, durch Gebet und durch den Umgang mit weisen Männern.
.... Da Er ferner die Bosheit der Menschen mit einem Blick durchschaute und sah ihre Hinterlist und Heuchelei, Verschmitztheit und ihre Selbstsucht, so ist es auch begreiflich, daß Er sehr erregbar war und konnte leichtlichst beleidigt und erzürnet werden; aber da mäßigte Er Sein göttliches Gemüt durch Seine Liebe und darauf erfolgte Erbarmung. Und also übte Er Sein Leben durch lauter schwerste Selbstverleugnungen, um dadurch die zerrüttete ewige Ordnung wiederherzustellen."

Das Einüben der ständigen Verbindung der Seele Jesu mit Seinem inneren Gottgeiste, um von dort her Sein Handeln zu bestimmen, machte Seine Seele mit den Jahren stark und reif, so daß schließlich der Gottesgeist in die Seele übergehen konnte. Von nun an durchflutet der Geist Gottes die Seele Jesu, die sich dem Geiste vollständig unterworfen hat. Jesus tritt nun in der Vollmacht Gottes auf und beginnt Seine dreijährige Lehrzeit. Daß Er die Fülle der Gottheit in Sich trägt, erkennt man an vielen biblischen Schriftstellen. Ihm gehorchten alle Naturkräfte, Er konnte Kranke heilen und Tote erwecken. Seine Lehre über das Reich Gottes war mächtig, klar und gewaltig. Er entlarvte die Falschheit der Tempelpriester und stellte ein Kind in die Mitte der Apostel und Jünger, um ihnen ein Vorbild zu geben, mit welch schlichtem Vertrauen der Mensch sich Gott zuwenden darf. Dem reuigen Sünder vergab Er die Sünden und den vermeintlich Rechtschaffenen nannte Er hochmütig. Die ungeschminkte Wahrheit gefiel den Menschen nicht, also schlug man Ihn ans Kreuz.


Fassen wir zusammen. Die Menschheit war durch den Sturz in die Finsterwelt in den geistigen Tod gefallen und damit von der Gottheit gänzlich abgeschnitten. In Jesus Christus nähert sich Gott selbst diesen
Seinen gefallenen Kindern, ohne ihnen die Freiheit aufzuheben. In herzlicher, liebender Zuwendung ruft Er sie auf, von der alten Herrschaft des Gesetzes und der Gerechtigkeit abzulassen und dem Mitmenschen in
liebendem Dienen zum helfenden Bruder oder zur helfenden Schwester zu werden. Jesus selbst bekräftigt diese Haltung in Seinem vorbildlichen Tun.

Was aber unterscheidet den Menschen und Gottessohn Jesus von den alttestamentarischen Urvätern oder Propheten?


Josej, der Nährvater Jesu, war ein gerechter Mann. Er lebte nach den Gesetzen und Vorschriften des Tempels, erfüllte in seinem Leben die zehn Gebote Moses und betete und opferte seinem Gott im Tempel.
Moses' ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl machte ihn zwar zum Totschläger, aber seine Rechtschaffenheit in der Erkenntnis von Gut und Böse befähigt ihn, von Gott die Gesetzestafeln erhalten zu dürfen. Moses aber hat immer nur einen vermittelnden Kontakt zu Gott. Er hört die Stimme im Dornbusch, Gott zeigt sich ihm in Blitz und Donner auf dem Berge und zieht als leuchtende Wolke vor den in der Wüste wandernden Israeliten her. Die Bundeslade wird von Engeln bewacht, jedoch eine direkte Begegnung mit Gott war nicht möglich, denn es heißt: "Gott kann niemand sehen und leben." In der Gestalt Jesu begegnet nun Gott dem Menschen wieder unmittelbar. Seine Wahrheit, Seine Lehre, Sein Wort stellen die Menschen wiederum vor die freie Wahl sich für oder gegen Ihn zu stellen.

Sein Wort und Seine Lehre sind das "zweischneidige Schwert". Es scheidet die Menschen voneinander, die auf der einen Seite Jesus als Retter sehen und auf der anderen Seite Ihn als Toren verurteilen.


Warum aber mußte Jesus ans Kreuz und beendete Sein Leben nicht auf gewöhnliche Weise?


Nicht nur der Herrscher der Finsterwelt, also Sein Gegner, hatte den unbedingten Willen, die Sendung Jesu als Retter und Erlöser der Menschheit zu durchkreuzen, sondern auch die Menschen, die in Ihm den Messias anerkannten, wollten Ihn für ihre Zwecke mißbrauchen und Ihn an der Spitze ihres Volkes zum König erheben. Dieser Versuchung aber setzte Jesus Sein Wort entgegen: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt." Die euphorische Stimmung Seiner Anhänger, die von Ihm politische Herrschaft erwarteten, schlug in Enttäuschung um und vereinte sich hierin mit Seinen Feinden, die Ihm ohnehin nach dem Leben trachteten. Die innere Führung Jesu durch Seinen Gottesgeist aber ließ Ihn in die Herzen und Seelenstrukturen der Menschen blicken, daher waren Ihm die Absichten Seiner Feinde durchaus bekannt. Nur dadurch konnte Er Sein Kreuz, Seinen Tod und Seine Auferstehung nach drei Tagen ganz konkret voraussagen, denn die Macht und Kraft in Ihm ließ nicht zu, daß Er vor der Zeit Sein Lehramt beenden und vom Pöbel niedergemacht wurde.


Warum ließ Jesus also Seine Ergreifung zu?


Der Vernichtungswille Seiner Feinde stand der Allmacht Gottes in Jesus gegenüber. Die Zulassung der Kreuzigung Jesu durch den Gottesgeist wurde von Jesus mit der Annahme im absoluten Gehorsam beantwortet und damit das Erlösungswerk vorangetrieben.


Jesus lehrte die Menschen, den Mitmenschen zu lieben. Jenen, die sich über den Mitmenschen erhoben, schleuderte Er Sein Wort entgegen: "Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein." Eine Hauptsäule Seiner Lehre war also: "Kindlein, liebet einander und vergebet einander," und später fügt Er hinzu, "wie Ich euch geliebet habe." Durch die Aufforderung in Seiner klaren Lehre hätten die Menschen sich auch gegen die Kreuzigung aussprechen können. Die zweite Säule Seiner Lehre besteht darin, daß das Gottesreich in Ihm sich herabsenkt in die Finsterwelt und damit das geistige himm1ische Lichtreich mitten unter uns ist. Aber die Menschen erkannten Ihn nicht. Seine Worte von der Auferstehung der Toten, von Seinem himm1ischen Reich, einem Reich, das die Welt nicht kennt, wurden von Seinen Mitmenschen verworfen. Zur Bekräftigung der Wahrheit Seiner Worte wirkte Jesus Wunder über Wunder und war sich dennoch bewußt, daß die Wunder auf Seine Anhänger einen Zwang ausüben würden, daher war der Glaube an Ihn Voraussetzung für ein Wunder. Auch die kleine Schar, die fest zu Ihm hielt, konnte die grenzenlose Liebe Gottes zu den Menschen nicht fassen. So klagt Jesus, daß sie immer noch nicht verstehen wollten, mit folgenden Worten:

"Kindlein, wie lange muß Ich euch noch ertragen."

Obwohl Er ihnen immer wieder Seinen Tod und Seine Auferstehung vorausgesagt hatte, zerstreute sich diese kleine Herde bei Seiner Ergreifung durch die Häscher voller Angst, wie eine Herde ohne Hirte, wenn die reißenden Wölfe kommen. Erst die Begegnung mit dem Auferstandenen ließ das in die Herzen der Jünger gestreute Samenkorn sich verwurzeln und zu einem wahren Leben emporschießen. Die Auferstehung bewies ihnen nicht nur die Wahrheit der Lehre, sondern zeugte auch von einem neuen heiligen Leben außerhalb der Dimension dieser irdischen Welt. Die Jünger erkannten in Jesus ihren Gott und Vater und waren nun bereit, dieses neue Leben mit ihrem Blute zu bezeugen.

Was aber geschah mit Jesus bei Seinem Leiden und Seiner Auferstehung?

Beim Abschiedsmahl im Abendmahlssaal versammelt Jesus Seine wenigen Getreuen noch einmal um Sich. Er verweist sie erneut darauf, daß Seine Lehre das vom Himmel herabgekommene Brot ist. An anderer Stelle nennt Er es Sein Fleisch, das allen, die es aufnehmen werden, zum Leben gereichen wird und es sie dann nie mehr hungern wird, daß der Wein der Geist der Liebe ist, der diese Lehre belebt und Seine Anhänger untereinander in Einheit, Demut und Liebe vereint sein läßt. An anderer Stelle vergleicht Er diesen Geist mit Seinem Blut, das das belebende Geistfeuer im Herzen Seiner Kinder entzünden wird.

In der Fußwaschung demütigt Sich Gott in Jesus Christus nicht nur unter Seine Freunde, sondern auch unter Satan, der das Herz des Judas bereits in Besitz genommen hatte. Das Wissen um den Verrat durch Judas und dessen Fußwaschung durch Jesus weist die große Feindesliebe auf und läßt diesen Vorgang zum Steigbügel werden für jeden tiefstgefallenen Geist, über den er bei wahrer Reue und Umkehr in die Arme des liebenden Vaters und damit nach Hause zurückkehren kann. Diese Feindesliebe gipfelt am Kreuz in den Worten: "Vater , verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun."

Als Jesus Sich in dem Garten Gethsemane zum Gebet zurückzieht, nimmt Er Seine engsten Freunde mit in Seine Nähe, in der Hoffnung, daß sie Ihm in der schwersten Stunde Seines Lebens Stütze und Hilfe sein werden. Daher spricht Er zu ihnen: "Bleibet hier und wachet mit Mir!" In der stillen Einsamkeit Seines Gebetes läßt der Gottesgeist Ihn im vorhinein Sein schreckliches Martyrium überschauen. Seine Seele erschauert unter der Wucht dieser Entsetzlichkeit. Als Alternative wird Ihm ein irdischer Herrscherthron zugesprochen, Seine Rückkehr ins Gotteszentrum bei Seinem irdischen Ableben und damit die endgültige Verwirkung einer Errettung der gefallenen Brüder und Schwestern. Angst, Not und Zagen vor dieser Wahl lassen Jesus Blut schwitzen. Die Seele Jesu in Ihrer Not beginnt mit dem Gottgeist zu verhandeln: "Mein Vater, wenn es möglich ist, so laß diesen Kelch an Mir vorübergehen. Aber nicht Mein, sondern Dein Wille geschehe!" Aber die Worte sind noch leer. Es ist eine zaghafte Zuwendung zur Erfiillung des Auftrages Seiner Sendung. In Seiner Seelennot sucht Er die Jünger auf und erwartet von ihnen Trost und Hilfe, aber Er findet sie schlafend. In Seiner Not rüttelt Er sie auf und fleht sie um Hilfe an mit den Worten: "Könnt ihr nicht eine Stunde mit Mir wachen? Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet!" Dann kehrt Er an den Ort Seines Gebetes zurück. Und wieder überfallt die Seele die ganze Wucht des Martyriums und die Qual der Entscheidung. Erneut verhandelt Jesus mit dem göttlichen Geist: "Vater, wenn es möglich ist, laß diesen Kelch an Mir vorübergehen, doch nicht wie Ich will, sondern wie Du willst!" Die Not der Entscheidung wird noch dadurch gesteigert, daß Jesus erkennt, daß in Seinem großen Leiden sich der Gottesgeist ganz von Ihm zurückziehen wird und Er somit als Mensch, ohne göttliche Hilfe, dieses schreckliche Leiden durchleben muß. In Seiner Pein eilt Er wiederum zu Seinen Freunden in der Hoffnung, von ihnen Hilfe und Beistand zu erhalten. Doch auch dieses Mal schlafen sie.

Er schaut sie mit wehem Blick an und erkennt, daß sie in ihrer menschlichen Schwachheit noch zu schwach sind, nur zu wachen. Und Er spricht: "Der Geist ist zwar willig, aber das Fleisch ist. schwach." Es überkommt Ihn eine unendliche Woge der Liebe und Barmherzigkeit für Seine gefallenen Brüder und Schwestern. Er eilt zurück an den Ort Seines Ringens und ruft aus: "Vater, ich weiß, es ist möglich, daß dieser Kelch vorübergehe; aber Dein Wille allein geschehe, und darum will Ich ihn trinken!" Nun vernimmt. Jesus die Stimme Seines Vaters, der zu Ihm spricht: "Nun, Mein Sohn, dies war Deine letzte Entscheidung, und so trage, was Dir zu tragen gegeben worden ist!" Hiermit entzog sich der Geist Gottes dem Menschen Jesus. Engel kamen und stärkten Ihn.

Warum war die Gottverlassenheit auf dem Leidenswege Jesu notwendig?

In der Entscheidung auf Gethsemane, den Kelch zu leeren und den Weg bis zum Ende zu gehen, vollzog sich die aktive Erlösung der Menschheit durch Jesus Christus. Satan, der sich in seinem Hochmute als großer Gegenspieler Gottes erhoben hat, - es dennoch niemals kann, da er dem Schöpfer gegenüber immer Geschöpf bleibt - läßt keine Gelegenheit aus, die ihm verliehene Freiheit gegen Gott zu wenden. Er wähnte sich dabei in der Größe seiner Gegnerschaft zu Gott, über Ihn triumphieren zu können, indem er meint, Gott durch seine Zerstörungswut in die Knie zwingen zu können, in dem Diesen gereut, daß Er den Menschen geschaffen hat.

Gerade aber die Freiheit des Geschöpfes ist in den Augen Gottes ein so großes Gut, daß Er in Seiner Weisheit nie und nimmer diese Freiheit antasten wird. Denn nur auf diesem Wege ist Gott es möglich, daß Er sich Kinder der Liebe aus der Freiheit des Geschöpfes heraus gebiert. Der ungeratene Sohn wird zwar hin und wieder in seine Schranken verwiesen, aber die Freilleit seines Planens und Denkens bleibt unangetastet. In Seiner Weisheit aber erkannte Gott diesen Fall Luzifers in der Möglicl1keit schon voraus, denn das Geraten und Mißraten Seines großen Schöpfungsplanes war in Seiner Weisheit mitbedacht. Deshalb erhielten die Stammeltern Adam und Eva nach ihrem letzten Fall die Verheißung des künftigen Weibes, das der Schlange den Kopf zertreten wird und das den Retter auf ihren Armen trägt.

In Seinem Leiden und Sterben demütigt Sich Jesus als Gott unter Seinem Gegner, den Satan, indem Er Sich ganz von der Macht und Weisheit Seines Gottseins trennt und sich nur als Mensch dem Haß und der Zerstörungswut Satans aussetzt, der die Schergen und Priester gegen Jesus aufhetzt in dem Wahn, auf diese Weise seinen Gott zu zerstören und seine Herrschaft auf ewig zu errichten. Er sieht in der Schwäche Jesu seinen Triumpf, ohne in seiner Verblendung zu erkennen, daß sich die Liebesstärke seines Gottes gerade darin zeigt, daß Er Seine ganze Macht dem Geschöpfe Satan gegenüber zurückzieht und Er gleichzeitig in der Zulassung seines Hasses gegenüber der scheinbaren Ohnmacht der Liebe eine Brücke baut für Satan selbst und seinen Anhang, damit sie auf den Flügeln der Liebe wieder heimkehren können in den göttlichen Ausgangspunkt, wann immer sie wollen.

Die gänzliche Zurückziehung des Gottesgeistes in Jesus wird deutlich in Seinem Wort am Kreuz: "Mein Gott, Mein Gott, warum hast Du Mich verlassen?" In dieser Klage des Gottessohnes verkostet Gott selbst in Jesus Christus den millionenfachen Schmerz der gefallenen Geister, die in der Gottesferne schmachten und keine Möglichkeit der Heimkehr haben. In Seinem letzten Wort: "Es ist vollbracht!" hat die Liebe Gottes in Jesus Christus in der völligen Selbstaufgabe, im Gehorsam dem Gottesgeiste gegenüber das scheinbar auf Ewigkeiten hin Getrennte in Seiner Aufopferung und Liebe wieder vereint. Das höchste Lichtreich, vertreten in Jesus Christus, beugt sich unter den tiefsten Punkt der gefallenen Schöpfung und verbindet so die beiden extremsten Punkte in der Gottheit, eint somit zwei auseinanderdriftende Pole in der Kreisform und schafft so den Weg, auf dem einerseits der Vater in Jesus Christus sich seinen verlorenen Kindern immer wieder annähern kann und sich andererseits diese verlorenen Kinder auf dem Weg der Umkehr und der Liebe zu Gott wieder heimbewegen können. So wurde Satan besiegt, ohne daß Seine Freiheit im geringsten angetastet wurde.

Jedes menschliche Geschöpf konnte von dem Zeitpunkt dieser Erlösertat Christi ab den Rückweg in die Vaterarme antreten. Hier sei Dismas ein Beispiel, der noch am Kreuze Jesus bittet: "Herr, gedenke meiner, wenn Du in Dein Reich kommst." Und Jesus antwortet ihm: "Heute noch wirst du bei Mir im Paradiese sein."
Worin liegt nun der Triumpf der Auferstehung?

Der Mensch Jesus hat in Seinem Leiden und Sterben am Kreuz die totale Gottverlassenheit der gefallenen Welt in ihrer Fülle durchwebt. Er hat Seine gefallene Leiblichkeit - in der eigenen Vernichtung im Tode und in Seiner Klage über den Verlust der Gottesnähe - im unaussprechlichen Schmerz der Verlassenheit, dem Willen Gottes mit Seinem letzten Atemzug unterworfen.

Damit wird dem höchsten Hochmut Satans die höchstmögliche Demütigung der Liebe unter den Willen des Gottgeistes im Gehorsam entgegengesetzt. Hierin liegt die Sühne des Falles der Schöpfung und die Wiederherstellung der Harmonie in der Heiligkeit Gottes.

Warum ist das so?

Wie wir oben gehört haben, waren die Menschen durch den letzten Fall Adam und Evas in den geistigen Tod gestürzt, d.h. sie konnten aus eigener Kraft den Verlust der Gottverbundenheit nicht mehr rückgängig machen. Nur Gott selbst konnte dies tun. In der Selbstaufgabe Jesu im Gehorsam im Tode am Kreuz beugte Sich die Demut unter den tiefsten Punkt des Falles, umfing die gefallene Schöpfung mit Ihrer Liebe, einte Sich mit ihr und verband sie im Augenblick der eigenen Vernichtung wieder mit der Gottheit. Die materielle Welt, das dritte Prinzip, stand nun nicht mehr im unüberbrückbaren Gegensatz zu Gott, sondern wurde bei der Rückkehr Jesu in die Gottheit im Augenblick Seines Todes mit heimgebracht.

Dies zeigt sich auch im Vorgang der Auferstehung. In den drei Tagen der Grabesruhe wird das Fleisch des Menschensohnes umgewandelt in den verklärten Leib des Auferstandenen. Leib, Seele und Geist sind im Auferstandenen geeint, wodurch Gott nun in Jesus für Seine Kinder zum sichtbaren Gott geworden ist.

Daher verfinsterte sich die Sonne, erbebte die Erde, öffneten sich die Gräber, denn das Alte war zerbrochen und ein neuer Himmel geschaffen.

Deshalb nennt Jesus Sich selbst "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, Ich bin die Tür, die Brücke, niemand kommt zum Vater außer durch Mich." Weil Er uns den Weg gebahnt hat, gibt es nur eine
Rückkehr über Ihn.

In der scheinbar tiefsten Schwäche des sterbenden Jesus am Kreuz erstrahlt im Augenblick des Todes eine neue Welt. Im mystischen Tod, d.h. in der Unterwerfung unter den Willen Gottes und damit in der Vernichtung des Eigenen, vollzieht sich das Durchschreiten in die Auferstehung in ein neues, göttliches Leben. Der mystische Tod ist die Einung mit Gott. Er ist die Pforte zur Vergottung des Menschen. Gott schafft sich auf diesem Wege ebenbürtige Söhne und Töchter. Dieser Vorgang wird auch die "geistige Wiedergeburt" genannt.

Die Wege sind gebahnt. Das menschliche Geschöpf steht wieder auf einem Ausgangspunkt in vollkommener Freiheit. Es kann sich nun entscheiden, auf dem hochmütigen Weg des Falles zu bleiben oder die Hand Christi zu ergreifen und mit Ihm den direkten Liebesweg zurück in die Heimat anzutreten. Es kann aber auch den Weg der Verhärtung in der Lieblosigkeit weitergehen, um dann vielleicht irgendwann zur Reue und Buße zu finden und dann über den gebahnten Christusweg heimzukehren.

Es ist vollbracht!

Gott, in der Gestalt Jesu Christi, hat für den Menschen alles Gottesmögliche getan. Der Liebegeist Christi durchdrang im Tode das Reich des Todes, der Materie oder wie oben dargelegt des dritten Prinzipiums. Diesen Liebegeist legte Jesus als Gottesfunken in jedes Menschenherz ein, als Gegengewicht zum Hochmutspol Satans. Der erlöste Mensch steht wieder zwischen den beiden Polen von Gut und Böse. Der Weg ist gebahnt! Jeder, der tiefstgefallenste Mensch und der vollendetste Mensch, kann die Heimkehr antreten. Der Weg ist offen. Es bedarf dazu aber der Nachfolge Christi. So spricht Jesus:

"Wer zu Mir kommen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge Mir nach."

Die Entscheidung des Menschen, den Weg der vorgelebten Liebe Jesu anzutreten, ist der erste Schritt der Umkehr. Jesus wird ihn an Seine Hand nehmen und ihm ein treuer Begleiter sein, d.h. niemand muß den Weg so alleine gehen, wie ihn Jesus gegangen ist. Die Prüfungen auf die Ernsthaftigkeit der Umkehr bleiben niemandem erspart. Glücklich der, der wie Dismas die Paradiesesschwelle überschreiten darf. Im Reiche Gottes aber gibt es eine Entwicklung hin zu ungeahnten Stufungen der Glückseligkeit, wie bei Lorber oder Swedenborg zu lesen ist.

Da sind zunächst die Knechte und die Mägde Gottes zu nennen, das sind die Menschen, die die Gesetze Gottes treu befolgen und ein Gott wohlgefälliges Leben führen. Sie übernehmen nach ihrem irdischen Ableben in jenseitigen Sphären dienende Funktionen. So erhielt auch Dismas nur die Zusicherung von Jesus, das Paradies zu erreichen. Für den innersten Gotteshimmel hatte er sich aber noch nicht genügend vorbereitet. Für den innersten Gotteshimmel muß die Seele sich so sehr läutern, daß sie die Reinheit Gottes ertragen kann. Die Seelen, die auf dem Weg der Gotteskindschaft sind, sind diejenigen, die auf ihrem Aufwärtsweg in die Reinheit Gottes ertragen kann. Die Seelen, die auf dem Weg der Gotteskindschaft sind, sind diejenigen, die auf ihrem Aufwärtsweg in Liebe zu Jesus entbrannt sind und die einen innigen Herzenskontakt zu ihrem geliebten Vater Jesus unterhalten. Sie sind auf Erden oder im Jenseits schon Jünger Jesu, denen der Herr schon wichtige Aufgaben in tätiger Nächstenliebe während ihres Lebens übertragen kann. Die Bräute Jesu aber sind die Seelen, die sich den Führungen Jesu an Seiner Hand gänzlich und willenlos überlassen, die ihrem eigenen Leben absterben, die absolute Gottesverlassenheit, die ihnen nicht erspart bleiben kann, durchleiden und dennoch nicht von der Liebe zu Gott lassen. Sie kehren durch die enge Pforte im mystischen Tod in den Ungrund zurück von dem sie ursprünglich ausgingen.

Diesen Brautseelen aber hat Jesus versprochen, daß sie gleich Ihm und mit Ihm im Gottesreich die Liebe zur Herrschaft bringen. So geht dann das Wort des Herrn in Erfiillung:


" Kein Aug hat es geschaut,
kein Ohr hat es gehört,
keines Menschen Herz jemals empfunden,
was Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben."

 

Literaturverzeichnis
Die Zitate im Vortrag sind entnommen:
Hans Tesch: "Vom dreifachen Leben", Remagen 1971
Jakob Böhme: Sämtliche Schriften, Stuttgart 1960
Jakob Lorber: "Das große Evangelium Johannis", Bietigheim 1959
Emanuel Swedenborg; "Die erklärte Offenbarung des Johannes", Zürich 1991