Krischna - Ardjuna

 

Aus K.O. Schmidt: "Das Hohe Lied der Tat"

Im Mittelpunkt der Bhagavad Gita stehen Krischna, der Wagenlenker und Gott, und Ardjuna, der Kämpfer und Mensch: Ardjuna, der Tapferste der Pandus, ein kraftvoller, wagemütiger und sieghafter Krieger und Held, und Krischna, gleichfalls ein Kriegsheld und zugleich ein göttlicher Weiser.

Ardjuna steht, zu Beginn der Gita, im Begriff, sich in den Kampf zu stürzen. Da, beim Anblick der Nahverwandten auf beiden Seiten, ergreift ihn Entsetzen vor dem Bruderkrieg, der hier anhebt. Der Kampf erscheint ihm als Mord. Aus diesem Zwiespalt erlöst ihn Krischna, indem er ihm zeigt, daß seine Bedenken unmännlich und unweise sind, daß er als Kämpfer seine Pflicht erfüllen muß, bis der Sieg errungen ist, der nur dem Unerschrockenen zufällt.

Ein Einwand, der hier gern erhoben wird, geht dahin, dass Krischna doch unmöglich im Augenblick des Ausbruchs der Schlacht dem Ardjuna die umfassende Weisheitslehre der Gita und des Yoga vorgetragen haben könne. Dieser Einwand verkennt das Wesen dieser Offenbarung:

Was Ardjuna, bis in die Tiefen der Seele aufgewühlt, im Moment des Kampfbeginns erlebt, ist jene plötzliche Erleuchtung, wie sie von alIen zum inneren Licht, zum göttlichen Bewußtsein (K.O. Schmidt spricht vom kosmischen Bewusstsein, der Kosmos ist für Irdische die sichtbare Schöpfung. Bezieht man „kosmisch“ nur hierauf, ist das Wort „kosmisch“ nicht umfassend genug. Der geistige Kosmos umfaßt den sichtbaren [endlichen] Kosmos. Ich habe deswegen kosmisch durch göttlich ersetzt); Erwachten in ähnlicher Weise erfahren wurde und wird. Eines der wesentlichen Merkmale dieser Erleuchtung ist, daß sie sich zeitlos vollzieht, gewissermaßen zwischen zwei Augenblicken statthat, während für den erlebenden Geist diese winzige Zeitspanne zwischen zwei Augenblicken sich ins Unvorstellbare ausdehnt - etwa so, wie in einem Traum von Sekundenlänge ein ganzes Lebensschicksal mit tausend Einzelheiten durchlitten werden kann.

Solche Zeitdehnung als Begleiterscheinung des Durchbruchs zu kosmischer (göttlicher) Bewußtheit läßt erkennen, daß dieses Erleben einer höheren Bewußtseinsdimension angehört, in der der uns geläufige Raum- und Zeitbegriff aufgehoben erscheint.

Für die Kampfgefährten Ardjunas hat sich während der ausgedehnten Spanne der »inneren Zeit", in der Ardjuna Stufe um Stufe zur Wirklichkeitserkenntnis geführt wird, nichts geändert; für sie ist keine Zeit verflossen, während sich für Ardjuna in dem gleichen Augenblick das Gesicht der Welt verwandelt hat.

Wenn Ardjuna während des Zwiegesprächs mit Krischa, seinem göttlichen Selbst , von der inneren Welt her auf die äußere geblickt hätte, dann würde er wahrgenommen haben, daß das wilde Kampfgetümmel der beiden aufeinander zustürmenden und schießenden Heere während der ganzen Dauer des inneren Gesprächs und der stufenweisen Erleuchtung in völliger Bewegungslosigkeit erstarrt blieb - etwa wie die raschen Bewegungen der Menschen auf einem stillstehenden Filmbild wie plötzlich erstarrt scheinen, oder wie ein Schneegestöber auf einer Momentaufnahme als unbewegtes Heer von Schneeflocken erscheint, während es unserem zeitraffenden Bewußtsein in seinem Bewegungsablauf sichtbar ist.

Im Großen erleben wir ähnliches beim Blick auf die für unser kurzlebiges Bewußtsein scheinbar stillstehenden Sternenströme des Universums, die ihre Stellung selbst in Jahrtausenden kaum verändern, während diese Milliardenscharen der Sonnen unserer heimatlichen Milchstraße und der anderen Galaxien das zeitraffende Bewußtsein eines kosmischen Wesens durch ihre kreisend-wogende, eilig dahinströmende, harmonische Bewegtheit entzücken mögen.

Dies zur Verständlichmachung des Umstandes, daß Ardjuna gerade zu Beginn der Schlacht zur Erleuchtung gelangte. Diese religiöse Urerfahrung der Lichthaftigkeit und Unvergänglichkeit des innersten Wesenskerns tritt erfahrungsgemäß*) dort am

ehesten und häufigsten auf, wo ein Mensch bis in den tiefsten Grund seines Wesens erschüttert und aufgewühlt wird, wo er sich vor einer unausweichbaren Entscheidung oder sonstwie, dem Schicksal, dem Tode oder dem Göttlichen ausgeliefert, gänzlich auf sich selbst gestellt sieht . . . In einem solchen Augenblick kann es geschehen, daß sein innerstes Selbst, der göttliche Kern seines Wesens, die Führung ergreift und seiner erwämenden Seele ihre wirkliche Stellung, ihre Allgeborgenheit und All-Überlegenheit bewußt macht.

*) Siehe hierzu „In Dir ist das Licht!" von K. O. Sdlmidt, in dem am Beispiel Krischna's und fünfzig anderen Mystikern, Heiligen und Erleuchteten, insbesondere an ihrer Erfahrung des  `inneren Lichts', der Weg vom Ich-Bewußsein zum kosmischen Bewußsein sichtbar gemacht wird. (Drei-Eichen- Verlag, München)

 

Nun wird begreifbar, was Ardjuna widerfuhr:

Mitten im Lärm der Schlachtmusik, im Geschwirr der hin- und herschießenden Pfeile, entwickelt sich das zeitlose Zwiegespräch Krismna's mit Ardjuna über das Verhältnis des kämpfenden Menschen zum Leben, zur Pflicht, zur Tat, zum Ewigen, zur Gottheit. Krischna macht dem Prinzen bewußt, daß der Tod ein Menschenwahn ist und daß Wandel und Vergehen das göttliche Selbst im Menschen, als das Krischna sich dem Ardjuna offenbart, nicht berühren.

Soviel über die historische Stellung der beiden Haupthelden der Bhagavad Gita.

 

Anzufügen ist hier, daß uns Krischna in der Geschichte Alt-Indiens noch in einer weiteren Gestalt begegnet, und zwar als Religionsstifter, der Jahrhunderte vor Buddha lebte und lehrte. Wie Christus für den Mystiker der Innengott, der Sohn der Weltengottheit ist (K.O. Schmidt hat in Jesus nicht Gott Selbst erkannt ), durch den der Mensch, erlöst (niemand kommt zum Vater denn durch Mich, spricht Jesus), zum Ewigen heimkehrt, gleichzeitig aber, als geschichtliche Gestalt, das Urchristentum begründete, so ist auch Krischna für den zur Wahrheit erwachten Ardjuna der Innengott, dem es sich liebend hinzugeben gilt, andererseits aber eine historische Gestalt: der Name eines wirklichen Menschen, der, ursprünglich dem Stande der Krieger angehörend, Jahrhunderte vor Buddha die erste monotheistische Religion Indiens gründete - die Religion der Bhagavatas, die Religion der Bhakti, der liebenden, opferwilligen Hingabe, die im zwölften Jahrhundert nach Chr. dann durch Ramanuja, den Luther des Krischna-Glaubens, reformiert und zu neuer Blüte gebracht wurde. Der Krischna-Kult ist die Urreligion der altindischen Krieger, in der die Tat als Mittel zur Selbst-Befreiung und Selbst- Verwirklichung obenanstand. Zunächst nur unter den Stammesgenossen des Religionsstifters, den Javadas, verbreitet, stand die Krischna-Religion schon sechshundert Jahre vor Chr. in Indien in hoher Blüte.

 

Auf diese lnkarnation als Weltenlehrer spielt Krischna in der Bhagavad Gita an, wenn er Ardjuna belehrt, daß von Zeit zu Zeit Weltenlehrer, Avataras, Künder des Göttlichen, auf Erden auftreten, um den in Nicht-Erkenntnis verstrickten Menschen das, was zur Selbst-Befreiung und Gott- Vereinung nottut, ins Bewußtsein zu rufen. Es sind Menschen, die, zum Ewigen in ihnen erwacht, mit dem Göttlichen eins und damit fähig geworden sind, den Menschen ihrer Zeit aus der Fülle der Gottesweisheit zu schenken. Solch ein zur Gott-Einheit Erwachter war Krischna, war Buddha, war Christus. (Ja, Jesus wird nur als Meister unter anderen Meistern eingestuft!)

Wie Christus, so wurde auch Krischna nach seinem Tode selbst zum Gottessohn erhoben. Wie Christus, gaIt er als von einer Jungfrau, Devaki, der Himmlischen, geboren und vom Geist der Gottheit, Vasudeva, dem Herrn des Lichts, gezeugt.

Vom Augenblick seiner Erleuchtung an ist Krischna weniger der Name des historischen Menschen, dem diese Erleuchtung zuteil ward, als vielmehr der des in ihm lebendig gewordenen Gottes, gleichwie man zwischen dem historischen Jesus, dem Menschen, und dem zeitlosen oder ewigen Christus, dem göttlichen Selbst, dem unvergänglichen Gottheitsfunken im Menschen, unterscheidet.

Wir kommen damit zu der Stellung, die Krischna und Ardjuna nach der Bhagavad Gita in Wirklichkeit zueinander einnehmen, die uns im Anschluß an den Text der Gita, bei Betrachtung ihrer Tat-Lehre, eingehender beschäftigen wird:

Ardjuna ist der Erdenmensch, der auf dem Kampffeld des Lebens zwischen den feindlichen Heeren der höheren und niederen Strebungen und Kräfte steht und sich zur erlösenden Tat entschließen muß.

Krischna ist der "Wagenlenker", der innere Führer, der im Menschen wohnende "Gott-Freund". Als solchen erlebt Ardjuna ihn unmittelbar vor der entscheidenden Schlacht: als seinen inneren Berater und Helfer, der ihn zu wagewilligem Vorwärtsstürmen anspornt und ihm die Gewißheit des Sieges verleiht. Krischna ist die Gottkraft, die jedem Wesen innewohnt, das innere Licht, und zugleich der unendliche Geist des Lebens, der in und über alIen Welten thront.

Nach dem bereits Gesagten braucht kaum mehr betont zu werden, daß das Zwiegespräch, das sich durch die achtzehn Gesänge der Gita hindurchzieht, nicht mit dem Munde, sondern in der zwiespaltigen SeeIe des kämpfenden Ardjuna zeitlos geführt wird. Es ist die Geschichte der Erleuchtung des HeIden im Augenblick des Beginns der Schlacht. Der gleichen Erleuchtung kann jeder teilhaftig werden. Für manchen schon bedeutete das Bekanntwerden mit der Bhagavad Gita und das Berührtwerden von ihrer Weisheitsfülle den Beginn dieser Erleuchtung.

Der Bericht der Gita ist also keine bloße Schilderung historischen Geschehens. Das äußere Geschehen wird vielmehr zum Gleichnis für den inneren Kampf, den jeder Mensch in der Schule des Lebens ausfechten muß: den Kampf des lichtwärts strebenden Menschen gegen das Niedere, die Mächte der Finsternis in ihm und außer ihm, der solange andauert, bis das Göttliche über das Irdische im Menschen endgültig gesiegt hat. Das Kuru-Feld ist, in übertragenem Sinne, der Lebensbereich des ringenden Menschen.

In dieses Gleichnis fügen sich die einzelnen HeIden der Gita als Verkörperungen der kämpfenden Lebensmächte mühelos ein:

Dhritarasmtra wird zum Sinnbild des äußeren, leiblichen Menschen, der, seiner selbst und seiner Macht unbewußt, blind seinen Weg geht und sich von den Sinnen über den um ihn herum sich abspielenden Lebenskampf berichten läßt. Die Pandus erkennen wir als Verkörperungen der lichtwärts strebenden Seelen- und Lebenskräfte, die Kurus als die der niederwärts ziehenden Kräfte und Strebungen. Doch genug hiervon. Wichtiger als diese Vergleiche sind die unvergänglichen Lebenslehren der Gita selbst.

Die Gliederung der Gita ist eine dreifache, und zwar umfasst  der erste Teil - Die Lehre - den ersten bis sechsten Gesang der Gita und zeigt dem Suchenden den Weg der Selbst-Befreiung durch rechtes Tun. Der zweite Teil - Die Praxis – umfasst den siebenten his zwölften Gesang und zeigt den Weg der Gott-Vereinung durch rechte Hingabe. Der dritte Teil - Die Vollendung - umfaßt den dreizehnten bis achtzehnten Gesang und zeigt den Weg der All-Erkenntnis durch rechte Schau.

Die Sprache der Bhagavad Gita ist das Sanskrit, die heilige Sprache Altindiens, deren Klang die Tiefen des Unbewußten seltsam erregt, als kehre der Weltenwanderer Seele in eine seit langem verlorene und vergessene Heimat zurück. Ein Gott-Erwachter spendet hier in einzigartigen Versen aus der Überfülle seiner Gott- und Lebens-Schau.

Diesen Charakter des Hohenliedes und die knappe, von jeder Schwärmerei freie Form gaIt es bei der vorliegenden Bearbeitung in ihrer ursprünglichen Reinheit zu erhalten. Eine solche Übertragung ist dem reinen Hirndenker kaum, wohl aber dem Herzdenker möglich - zumal dann, wenn dieser das seelische Erberinnern weckt und längst Gewußtes in neu Bewußtes wandelt. Damit soll die Arbeit des ersteren, des Fachgelehrten, als Fundament der schöpferischen Nachdichtung in keiner Weise verkleinert werden.

Auf die zahlreichen deutschen und englischen Übersetzungen der Gita ist hier nicht einzugehen. Bei der Mehrzahl von ihnen handelt es sich, wie bei der von Radhakrishnan gegebenen, um mehr philologisch-philosophische, in einigen Fällen um ziemlich freie dichterische Wiedergaben. Uns ging es hier um Wesentlicheres: um eine deutsche Übertragung, die den zeitlosen religiösen Kern und den praktisch-mystischen Gehalt dieses Hohenliedes originalgetreu und dabei zugleich in seiner ursprünglichen Tiefe und Erlebnisfülle wiedergibt, der sich nur dem Herzdenker erschießt.

Dieser Versuch wird gerechtfertigt durch das Bestreben, die tiefste Weisheit der Gita und die höchste Verheißung Krischnas für jeden Wahrheitssucher unmittelbar erfahrbar zu machen, nämlich die, daß das göttliche Licht im innersten Selbst jedes Wesens wohnt und vom nach innen blickenden und zu sich selbst erwachenden Geiste geschaut werden kann.

Während im Original das Metrum an einigen Stellen wechselt und vorübergehend aus dem durchgängig achtsilbigen Versmaß in das elfsilbige übergeht, ist in der vorliegenden Bearbeitung das normale Metrum beibehalten, um den harmonischen Lauf der Lesung nicht zu stören.

Alle Sanskritausdrücke mit Ausnahme der allgemein bekannten, die die Lektüre mancher Ausgaben der Gita so schwierig gestalteten, sind verdeutscht, so daß nun jeder die Bhagavad Gita lesen, verstehen und sich ihr lebendiges Weistum ganz zu eigen machen kann. Diese Maßnahme machte störende Fußnoten und ablenkende Erklärungen zum Text der Gita unnötig. Die einzelnen Verse sind so originalgetreu und einprägsam, daß die Gita in der vorliegenden Fassung vielleicht das religiöse Volksbuch zu werden vermag, das sie zu sein berufen ist.

Die Bhagavad Gita hat Millionen Menschen als oberste Richtschnur ihres täglichen Lebens und Handelns gedient und ihnen Trost, Glück und die Gewißheit der hilfreichen Gegenwart des Ewigen gegeben. Möge sie abermals Unzähligen das Herz öffnen für die Wirklichkeit und ihnen zur Freiwerdung von innen her und zur Harmonie mit dem Unendlichen verhelfen! Mit der Gita bekannt zu werden, ist Schicksal. Wer einmal innerlich von ihr berührt ward, der ist auf dem Wege zur Selbst- Verwirklichung und Gott-Vereinung.

Möge in dem erhabenen Zwiegespräch Krischna's mit Ardjuna nun die Gottheit selbst uns ihre Größe künden! Möge die Gita uns alIen helfen, des in uns wohnenden göttlichen Geistes bewusst zu werden, uns ihm liebend hinzugeben und zu wahrhafter Leid-Erlöstheit und Lebens-Überlegenheit zu gelangen! Möge sie den ewigen Gottheits-Funken in uns zu heller, weithin leuchtender Flamme entfachen und uns die stete innere Gegenwart des Ewigen zu untrübbarer Gewißheit machen!