Der echte Stern der Weisen, oder das Kind des Gehorsams und der Liebe.

Eröffnung vom 17. März 1830 (S. 176 ff)

 

Der heilige Wille Gottes ist ein Ausfluss seiner Liebe. Diese Liebe ist die Urquelle des heiligen Urlichts, die aus dem Herzen Gottes, oder dem Urgrund des unerschaffenen Wesens aller Wesen, entspringt. Aus dieser heiligen Quelle ist einst alles geschaffen worden; darum war auch alles gut und heilig.

Einschub:

(Im menschlichen Herz befindet sich ein Funke dieser Quelle im Sinusknoten, im AV-Knoten befindet sich unser Weisheitsgeist)

Alle reinen Geister des Himmels fühlten sich selig, solange sie sich in diesem heiligen Urwillen Gottes bewegten, bis der Fall Luzifers erfolgte, der ein Lichtengel und  ein Fürst aller Fürsten einer großen himmlischen Hierarchie war. Dieser hat sich von dem Willen Gottes abgerissen, und ist in eine eigene Annehmlichkeit und in ein Selbstgefallen eingegangen. Mit ihm fielen auch viele Tausend seiner Engel, die wie er einen eigenen Willen in der Feuersmacht aufnahmen.

Dieses unreine Feuer des eigenen Willens suchte der Feind, als Gott nach dem Fall Luzifers eine neue Schöpfung hervorgebracht hatte, auch in Adam und Eva einzuführen, was ihm auch zum Teil gelungen ist.

Aus diesem allem können wir einsehen, dass die Seligkeit des Menschen einzig und allein darin besteht, dass er im Willen Gottes lebe, und sich von ihm, als seines Lebens Ursprung, bewegen lasse.

Jesus, der Mund der ewigen Wahrheit, hat gesprochen: "Das ist meine Speise, dass ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat" (Joh.4,34). Will der Mensch nun wieder zur wahren und vollkommenen Liebe Gottes gelangen und in den Ursprung zurückkehren, aus dem er hervorgegangen ist, so muss er sich Tag und Nacht im Gesetz des Herrn üben. Darum spricht auch der Heilige Geist durch den königlichen Propheten David: "Herr, lass mich schauen die Wunder in deinem Gesetz" (Ps.119,18). Er muss seinen ganzen Willen in das Heiligtum hineinrichten, aus welchem das Gesetz des Lebens ausgegangen ist, ehe ihm aus seinem verdorbenen Zustand herausgeholfen werden kann, in dem er sich infolge seines eigenen, kreatürlichen Willens befindet.

Indessen ist das noch nicht der rechte, gute, aus Gott geborene Wille, der nur wünscht selig zu werden und Gottes Gnade und Gabe zu erlangen sucht; denn obgleich auch dieser Wille schon ein göttliches Gnadengeschenk ist, so sucht er doch nur sich selbst und ist kreatürlich; - sondern das ist der gute Wille, von dem hier allein die Rede ist, der auf alle Gaben und Gnadengeschenke, ja sogar gewissermassen auf sein Seligwerden verzichtet, und nur den göttlichen Liebeswillen für seine höchste Seligkeit achtet.

Dieser heilige Gotteswille ist der reine Himmel, aus dem nichts Böses, sondern nur Gutes kommen kann. In diesen Himmel kann auch nichts Unreines, noch etwas Gemeines eingehen. Er ist unser Ursprung, aus dem wir nach dem ersten Adam ausgeflossen waren, in den wir auch wieder einzugehen trachten sollen. Er ist eine unvergängliche, unauflösliche Substanz, aus welcher alles sein Dasein erhalten hat.

Der heilige Urwille Gottes ist die alles erschaffende und alles erhaltende Liebe. In ihr bewegen sich alle stillen Geister der Ewigkeit, die zuerst aus dem schaffenden Willen Gottes ausgeflossen waren, und die keine andere Bewegung kennen, als wozu dieser göttliche Liebeswille sie antreibt. Durch diesen heiligen Urwillen ist die erste Himmelswelt geschaffen worden, in welcher der Lichtsengel Luzifer vor seinem Fall so selig war. Auch Adam war ursprünglich aus diesem göttlichen Urwillen ausgeflossen, und in der Wiedervereinigung mit demselben besteht des Menschen höchste Bestimmung. Der heilige Urwille Jehovas ist die alles berührende Lebenskraft und die einzige probehaltige Arznei. Er ist der geheimnisvolle Stein, der noch von keinem Chemiker oder Alchimisten erfunden worden ist. Aus diesem Stein fließt die echte Weisheit. Dieser Stein heißt Gehorsam und Liebe, und strömt als ein köstlicher Ausfluss aus dem Herzen Gottes hervor. Wenn nun in eine gottergebene Seele dieser Stein sich einversenken, und seine Wirkung ohne Hinderung des kreatürlichen Willens in ihr fortsetzen kann, so wird dieselbe zu einem Gefäß himmlischer Gaben und einer echten Arznei werden. Ja, wohl mehr: Gott selbst wird nach seinem Geist und Wesen in einer solchen Seele wohnen. Und wenn auch ihr Leib noch krank bliebe (was Gott aus weisen Ursachen zulassen kann, damit die Seele, die diesen köstlichen Schatz besitzt, nicht darin als in einer Gabe ruhe und sich darin verbilde, sondern sich allein in Gott, als im Sein Gottes, vergnüge), so wird dieser köstliche Stein doch eine himmlische Arznei für einen solchen Menschen sein, welche bewirkt, dass derselbe (ungeachtet seines fortdauernden kränklichen Zustands) nicht eine Stunde früher aus dieser Welt scheidet, bis sich diese Tinktur wieder in ihren Äther, oder in ihr Lichtprinzip, zurückzieht. Da kann dann diese Seele bei ihrem Abschied mit jenem Simeon sprechen: "Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben dein Heil gesehen!" - Hat nun auch ein solcher Mensch das gelobte Land nicht in der Naturerde seines Leibes erlangt, die ja doch einmal sterben muss, so erfreut sich doch sein Geist, dass er (gleich Moses) dieses vom Berge herab gesehen, so wie er auch durch die wundervolle Barmherzigkeit Gottes die heilige Stadt Gottes mit allen ihren Kräften und Herrlichkeiten der zukünftigen Welt in seinem Herzen geschmeckt und erblickt hat.

Es zieht nun eine solche von der Welt scheidende Seele, als der neue Mensch, wieder in ihren Ursprung ein, aus dem sie geflossen ist. Ja, sie hat diesen Ursprung schon in sich erlangt durch die neue Geburt aus Gott, von welcher Jakobus sagt: "Aus freiem Willen hat Er uns gezeugt durch das Wort der Wahrheit, auf dass wir wären Erstlinge seiner Kreaturen" (1 ak.l, 18). Dieses Erstlingsrecht schliesst auch die erste Auferstehung in sich; denn über diese Erstlinge hat der andere Tod keine Macht. Wie könnte auch der Tod an solchen Lichtleibern noch eine Macht haben, die aus der höchsten Tinktur, welche aus dem Urwillen Gottes geflossen, gebildet worden sind? Diese Tinktur ist das echte Urim und Thummim (Licht und Recht); sie ist das Bild Gottes, in welchem der Name Jesus nach der Geistleiblichkeit seiner gottmenschlichen Natur verklärt ist. In dieser Geistleiblichkeit des Namens Jesu liegt auch die zweite Tinktur, als die wahre Arznei zur Wiederherstellung des menschlichen Leibes und aller durch Adam gefallenen Kreaturen, enthalten.

Es sind aber nur wenige Menschen fähig, dieses grosse Geheimnis wesentlich in sich aufzunehmen, und das gelobte Land, oder die heilige Erde, an ihrem Leib zu erblicken, so wie auch von jenen sechsmal hunderttausend Israeliten nur zwei in das gelobte Land gekommen sind. Jesus Christus, der zweite Adam und wahre Priester nach der Weise Melchisedeks, war es, der diese heilige, reine Erde mit all ihrer Kraft und Herrlichkeit an sich trug; Er, der nach seiner Menschheit durch den Heiligen Geist und durch das Blut und Wasser, als das grosse Geheimnis und lebendige Zeugnis Gottes, in dem jungfräulichen Leib der Maria gebildet wurde, und der (wie es Adam verheissen worden war) der Schlange den Kopf zertreten sollte. Von der Kraft dieses Geheimnisses der Gottseligkeit, nämlich Gott geoffenbart im Fleisch (I.Tim.3,16), waren auch die heiligen Apostel und ihre Nachfolger in der ersten Kirche erfüllt, welche durch die Eigenschaften des Namens Jesu Wunder verrichteten.

Wir dürfen mit Zuversicht hoffen, dass Gott nach seiner Verheissung dieses grosse Geheimnis der Liebe in diesen letzten, versuchungsvollen Tagen an vielen Auserwählten wesentlich offenbaren, besonders an seinen letzten geheiligten Zeugen der Wahrheit verklären, und sie dadurch als seine Gesandten legitimieren werde, deren Er sich bedienen wird, um sein Erlösungswerk an seiner heiligen Gemeinde auszuführen, aber auch um seine Gerichte an den Verstockten und seinem Geist Widerstrebenden auszuüben.

Dieses hohe und heilige Geheimnis besteht in der innigsten Verbindung mit der Gottheit und der Menschheit Jesu Christi. Alle Kräfte zur Wiederherstellung des Menschengeschlechts liegen als eine Tinktur in diesem Geheimnis verborgen (Kol.2,3 und 9). Es gibt teure Seelen, welche behaupten, die Wunder seien in unsern Tagen nicht mehr nötig; nur in den ersten Zeiten des Christentums seien dieselben zur Gründung der Kirche erforderlich gewesen; da wir nun das geschriebene Wort von Christus und seinen Aposteln in der Bibel besitzen, so seien die Wunder entbehrlich. Diese Behauptung ist zwar nicht ganz ohne einige Wahrheit; ich meine aber, wenn wir nach diesem geschriebenen Worte leben und handeln würden, so würde auch seine unbeschränkte Geisteskraft in unseren Tagen nicht unwirksam sein. Zwar habe ich keine Freiheit, nach Wundergaben zu trachten; ich bin mir selbst das grösste Wunder, indem ich erstaune, wie Gott nach seiner Barmherzigkeit mich elenden Menschen noch auf Erden trägt. Allein die Meinung jener Seelen, die wahrlich einen Eigennutzen zum Grunde hat, kann doch nicht mit der Heiligen Schrift bewiesen werden, und stimmt auch nicht überein mit dem grossen, allumfassenden Liebesplan Gottes, der alles wiederherstellen will und wird, zu dessen Ausführung aber auch ausserordentliche Mittel und Wirkungen erfordert werden.

Ach, wir arme Menschen, wie wollen wir doch Gott unterweisen, und wer ist jemals sein Ratgeber gewesen? (J es. 4O, 13). Das Wort, nämlich das lebendige Wort, wird sich nicht in Meinungen einschränken lassen, und dieser Dagon des Eigennutzes wird vor der Bundeslade der göttlichen Geheimnisse zur Erde stürzen, wenn sie in ihrer Kraft in gottgeweihten Seelen erscheinen wird. Vor dieser Bundeslade werden auch die falschen Wunderkräfte zuschanden werden, vor denen jede redliche, gottsuchende Seele sich wohl zu fürchten und in acht zu nehmen hat. Doch vermag die Furcht allein uns nicht zu schützen vor dem feinen Betrug der falschen Wunder, die sich unter einem gleissenden Schein offenbaren werden; denn dazu ist vor allem der Geist der Salbung erforderlich, damit wir nicht die Werke des göttlichen Geistes dem Satan, und umgekehrt die Wirkungen Satans und des Weltgeistes dem göttlichen Geist zuschreiben. Zweitens ist es nötig, dass wir von unserem eigenen Ich, von aller groben und feinen Selbstsucht erlöst werden, sonst können wir (ungeachtet all unserer Furcht vor den falschen Wunderkräften) dennoch in die Schlinge des Feindes gezogen werden, sobald sich nur irgendein Gewinn für unsern eigennützigen Geist dabei zeigt. Denn dieser gleicht einem Wucherer, der mit allem Handel treibt, wo er nur einigermassen etwas für sich gewinnen kann, ja sogar die Furcht Gottes um des kleinsten Vorteils willen auf die Seite setzt.

Zu jener hohen Bestimmung lichtfähiger Seelen und wahrhafter Zeugen Gottes (von der wir oben gesprochen haben) kann kein Gläubiger gelangen, der nicht in die tiefste Willensverleugnung eingeht, nicht aufs innigste mit dem allerheiligsten Willen Gottes vereinigt und auf diesen Stein der Weisheit erbaut ist (Gffb. 2, 17). Ein solcher begnadigter Zeuge Jesu muss entblößt und entledigt sein von aller eigenen Selbstanmassung in der Kreatur, damit er nicht verleitet werde, von diesem grossen Geheimnis einen Missbrauch zu machen. Auch steht eine solche Würde nicht in eines Menschen Macht. Daher sei jede gläubige Seele davor gewarnt, in dieses Geheimnis sich einzubilden, oder danach zu trachten, oder sonst die Wunder Gottes mit einem kreatürlichen Willen an sich zu ziehen. Viele haben sich schon an diesem Stein gestoßen und dadurch ihre Seelen verletzt, welche dem Fall Luzifers sehr nahe stehen.

Der Mensch kann aber in einen solchen Fall Luzifers hineingeraten, ohne dass er gerade verlangt, einer von den großen Zeugen zu sein. Er kann auch auf andere Weise verleitet werden, die Kräfte Gottes durch seinen kreatürlichen Willen an sich zu ziehen, wenn er z.B. in hohen Wissenschaften und Gaben zu wirken, zu glänzen und sich dadurch hervorzudrängen sucht, oder wenn er in unsern Tagen, wo man allgemein grosse Dinge erwartet, über dieser Erwartung sich selbst und die Gegenwart vergisst, die schon an sich wichtig genug erscheint, wenn man sich vom Herrn Augensalbe schenken lässt, sie zu erkennen (Matth.16,3; Offb. 3,18).

Eine andere Versuchung solcher Art ist das Trachten nach dem sogenannten Stein der Weisen. Viele tiefdenkende Seelen seit mehreren Jahrhunderten haben sich an die Erfindung dieses Geheimnisses gemacht, und dabei ihr zeitliches Vermögen, ja ihre Leibes- und Seelenkräfte aufgeopfert. Aber unter tausend Forschern dieser Art sind kaum zwei gewesen, die ihren Zweck erreicht, ihre Gesundheit durch diese Tinktur gestärkt und ihre Lebenstage dadurch auf ein höheres Ziel gebracht haben. So ist auch das Goldmachen eine starke Versuchung. Es streitet wider den Geist des Evangeliums, denn das Gold des Glaubens, weIches im Tiegel der Leiden und in der Armut des Geistes gewonnen wird, geht dadurch in der Seele verloren.

Der wahre Stein der Weisen, von dem allein in dieser Schrift die Rede ist, besteht (wie bereits oben erwähnt worden) in einer gänzlichen Einergebung in den allerheiligsten Willen Gottes, und in der innigsten Verbindung und Vereinigung mit demselben. Zu diesem hohen Ziel kann aber jener durch Kunst der Alchimie bereitete Stein, oder eine auf solche Weise bereitete Tinktur nicht führen, schon darum nicht, weil diese Arbeit gewöhnlich ohne Zustimmung des höchsten Willens Jehovas betrieben wird. Obgleich viele Forscher jenen Stein und jene Tinktur unter Gebet und Tränen suchen, so suchen sie doch nur sich selbst darin, und wenn sie auch zum Teil ihren Zweck erreichen, so finden sie doch nur eine solarische Tinktur, nach dem Geist der göttlichen Wunder in der Natur, worin aber auch der Baum der Versuchung, der Erkenntnis des Guten und des Bösen, verborgen ist. Weiter können diese Forscher nicht dringen.

Die echte Tinktur fließt aus dem heiligen Urwillen Gottes und aus dem Namen Jesus, durch dessen Eigenschaften das reinste Wesen im Himmel gemacht und gebildet worden ist. Dieses große und tiefe Geheimnis ersenkt sich lieber in den leidenden Willen einer gottergebenen Seele, auf dass sie eine Hütte Gottes werde, als dass es sich durch Gewalt eines kreatürlichen Willens in ein Gläslein einsperren ließe. Diese Tinktur, die aus dem reinen göttlichen Willen gezeugt wird, ist dem lauteren gläsernen Meer gleich, das der reine und heilige Seher Johannes sah (Offb.15, 2). Aus dieser reinen und heiligen Substanz flossen nach und nach durch das mächtige Werde und Sprechen Jehova Jesus bei jener ersten Schöpfung der Himmelswelt die verschiedenen Kreaturen und himmlischen Wesen, die dann durch die schöpferischen Kräfte und Eigenschaften des Namens Jesu beleibt oder bekleidet wurden. Denn, wie Johannes in seinem Evangelium (Kap. 1) sagt, so ist ja durch das ewige Wort Jesus Christus, als das Werde, alles geschaffen worden, was gemacht worden ist, sowohl das Sichtbare als das Unsichtbare, weil in Jesus die Geistleiblichkeit alles Geschaffenen ist. Ja, es ist uns kein anderer Name gegeben worden, durch den wir selig werden könnten, als allein der Name Jesus (Apg.4, 12). Und durch die Eigenschaften dieses heiligen Namens allein ist es uns möglich gemacht worden, die wahre Tinktur, als eine neue Geburt, die aus dem göttlichen Willen gezeugt wird, wieder zu erlangen, und in diesem wesentlichen Kleid der Gerechtigkeit Jesu Christi vor dem reinen und heiligen Wesen Gottes zu bestehen.

Es erfordert eine ernste Umkehr zu Gott, um die Wiedergeburt zu erlangen und des Ebenbildes Gottes wieder teilhaftig zu werden. Ja, es ist schon ein grosses Gnadenwerk in uns nötig, bis wir nur etwas weniges von dem grossen und tiefen Fall einsehen, in den wir nach Leib und Seele versunken sind. Unsere erste Aufweckung ist noch lange nicht die neue Geburt, wie das viele Erweckte zu ihrem Schaden glauben; sondern da fängt die Gnade erst an, uns von Zeit zu Zeit unser grosses Sündenelend vor Augen zu stellen, damit wir erkennen, wie unser eigener Wille dem göttlichen Willen in allen Dingen zuwider ist. Ja, wir müssen alsdann einsehen, dass ein neuer Wille in uns geboren werden muss, der nur durch Christus, unsern Wiedergebärer, erzeugt werden kann.

Im Wachstum der Gnade und während des Prozesses der Wiedergeburt, die bei den meisten Menschen, in welchen sie begonnen hat, nur sehr langsam sich entwickelt, die aber bis an unser Ende zum Ziel fortschreiten muss, lernen wir erst recht erkennen, dass unser eigener Wille der rote, feurige Drache ist, der sein Haupt wider Gott emporhebt, und die neue Geburt, als das Knäblein, zu verschlingen trachtet (Offb.12,4). Dieses verursacht oft einen sehr harten Kampf, in welchem die angefochtete Seele ihren lmmanuel und Schlangentreter ernstlich anruft, der durch unser heisses Flehen und Seufzen in dem innersten Grund unserer Seele gleichsam aufgeweckt wird, wo Er als die köstliche Perle (und als das vom Vater eingesprochene, lebendige, selbständige Wort) verborgen liegt. Dieser Immanuel geht alsdann aus seinem Himmel hervor und erscheint auf der Erde unserer Natur und in den Eigenschaften unserer Seele als der Mittler und Hohepriester, und vertritt uns vor dem Vater gegen den Verkläger durch seine alles durchdringenden, ja Himmel und Erde bewegenden Gebete, die Er in den Tagen seines Fleisches mit Tränen für uns geopfert hat (Hebr.5,7), durch die Er auch am Ölberg überwunden hat, als Ihm unser Drachenwille den Blutschweiss aus den Adern presste. Dieser Blutschweiss Jesu am Oelberg und sein vom Kreuz herabrinnendes Blut, das die Erde zu ihrer Erlösung vom Fluch eingesogen hat, wird durch die Magie des lebendigen Kraftglaubens auch unsre vom Fluch gedrückte Leibeserde, wieder mit der Gerechtigkeit Gottes versöhnen, die stürmische Aufwallung unseres Blutes besänftigen, die in uns getrennten Eigenschaften nach und nach wieder vereinigen, und dadurch in uns den Frieden stiften. Denn dazu ist Er gekommen, Frieden zu stiften durch das Blut seines Kreuzes, damit auch in uns alles versöhnt würde, was in dem Himmel unseres Gemüts und auf der Erde unseres Leibes ist (Kol.I,20). Dieses wird Gott nach seiner Verheissung gewiss ausführen, so wir nicht unseren eigenen Willen ansehen, der Christus gerne trennen, und durch sein Blut und seinen Versöhnungstod in einer von aussen zugerechneten Gnade selig werden möchte, aber die wesentliche Reinigung von Sünden und die Heiligung auf die Ewigkeit hinausschiebt, und nicht mit Christo leiden und sterben will. Diese Reinigung und Heiligung ist keine selbsterwählte Werkheiligkeit, sondern sie ist in der unveränderlichen Gnadenordnung gegründet, die Gott durch Christum gestiftet hat, und die sich weder umgehen noch trennen lässt.

Ist Christus als der Schlangentreter wesentlich in uns, dann haben wir Ihn auch mit seinen heiligen Verdiensten als Versöhner für uns. Wir müssen aber unsern alten Menschen, der ein böser Schalk  ist, nicht hinter den Verdiensten Christi verbergen, und ihn damit wie mit einem Überrock bedecken wollen; denn es steht geschrieben: "Ziehet den alten Menschen mit seinen Werken aus, und ziehet den neuen an" (Kol.3,9-10). Es heisst nicht: Ziehet dem alten bösen Menschen ein neues Kleid an und verberget ihn darunter. Nein, sterben musst du, alter, grundböser Mensch, auf dass der neue Mensch durch das Verdienst Christi leben und zunehmen möge. Denn höre, du alter, böser Schalk: Christus ist gekommen, die Werke des Teufels zu zerstören (1.Joh.3,8), und du gehörst auch unter die Werke des Teufels.

Lasset uns also mit allen unseren Begierden in den Tod Christi uns einversenken, und in allen Versuchungen, die uns nach unserer Umkehr zu Gott zu unserer Prüfung widerfahren, in Geduld ausharren, und nur den göttlichen Liebeswillen im Auge behalten, so wird auch das Blut Christi, das einst rauchend vom Kreuze floss, uns versöhnen.

Durch solche Kämpfe wird der gute Wille, der sich bei jedem Leiden zu Gott erhebt, von Tag zu Tag stärker, bis er endlich durch die Kraft des Bluts Jesu alles überwinden kann. Dieses heilige Blut liegt als eine Lebenstinktur in dem guten, aus Gott geborenen Willen als ein grosses Geheimnis verborgen, durch dessen Kraft nach jedem Kampf ein Vorhang in uns zerrissen, und ein neuer Zugang zum Vaterherzen Gottes, in das Allerheiligste, uns gebahnt und eröffnet wird. Das muss aber in allen sieben Gestalten der Natur oftmals geschehen, ehe wir nur ein wenig durchgebrochen sind, die adamische Natur nur in etwas erstorben und ein fester Grund in uns ausgeboren ist. Ja, es wäre wegen unserer grossen Verdorbenheit unmöglich, auf einmal zu einem völligen Durchbruch zu gelangen. Wir sind durch unseren tiefen Fall zu weit von Gott abgekommen, und darum muss unsre Willensersterbung fortgesetzt werden, solange unser Wille sich noch gegen das Gesetz Gottes erhebt. Durch das tägliche Sterben werden unsere widerstrebenden Eigenschaften, welche in unserem Blut ihren Sitz haben, nach und nach geschwächt, und durch den neuen, aus Gott geborenen Willen wird ein neues Blut in uns bereitet, woraus ein neuer Mensch aufersteht in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit. Darum müssen alle Leiden, welche dem Menschen nur immer begegnen können, ihm jederzeit zum Besten dienen, wenn er sie in Geduld zu seiner Besserung annimmt. Denn die Leiden sind stets dazu geeignet, den Willen der gottsuchenden Seele auf Gott zu richten und in Gott zu erheben. So wird durch jeden Kampf ein neuer Sieg errungen, und mit jedem Sieg kommt eine neue Vereinigung mit Gott zustande. Durch solche Kämpfe wird unsre Seelentinktur geläutert, und unser Wille dem göttlichen Willen näher gebracht. Dadurch erstarkt der neue Mensch in Gott, dass ihn alsdann keine Leiden und keine Kreaturen mehr von Gott zu scheiden vermögen.

Wenn nun also die Braut (die gottergebene Menschenseele) in diesen Proben bestanden hat, und Jesus, ihr Bräutigam, sich auf ihre Treue verlassen kann, so nimmt Er sie in sein geheimes Brautgemach und offenbart ihr da die Geheimnisse der göttlichen Liebe (Hohel.2 u. 5). Dieser fühlbaren und wesentlichen Liebesvereinigung konnte die Seele während der Feuerprobe, die sie zu ihrer Läuterung durchgehen musste, nicht teilhaftig werden. Denn wenn ihr gleich, solange sie in dieser Läuterung steht, von Zeit zu Zeit ein holder Blick vom Bräutigam zu ihrer Stärkung zugeworfen wird, so hat dieser Gnadenblick doch keinen Bestand, und die Seele wird von neuem in die Feuerprobe geführt, um darin geläutert zu werden, bis sie das Scheideziel erreicht hat, und durch das Feuerschwert hindurchgedrungen ist, in welchem Feuer Moses ihr das Gesetz, und Satan, als der Ankläger, das Sündenregister vorliest. Nach diesem Gericht wird die Seele in das Licht geführt.

Dieser Durchbruch kostet einen harten Kampf, in welchem die Seele (wie einst Jakob) mit Gott ringen muss, ehe die helle Morgenröte in ihr anbricht, die einen lichten Tag verkündet. Allein ungeachtet aller dieser wichtigen Erfahrungen und Liebesbeweise des Herrn muss die Seele noch oftmals in die Wüste geführt werden, wo ihr aller sinnliche Trost und die süßen Gnadenempfindungen entzogen werden, damit sie nicht an den Gnadengaben hängen bleibe, sondern zu einem übersinnlichen Glauben gelange, der über alle Begriffe der Vernunft und über alle Eindrücke der Natur weit erhaben ist.

Durch diese Läuterungen wird nun der Glaube, der so sehr auf die seelischen Empfindungen baute (in welchen noch manches Sinnliche und Materielle von unseren Natureigenschaften sich findet, und worin auch der schlaue Feind noch sein Spiel treiben kann), so fein und lauter wie ein bloßer Geist. Dadurch wird die Seele fähig gemacht, sich mit dem höchsten Wesen zu vereinigen, welches Geist und Wahrheit ist. So muss aus jedem Tod ein neues Leben auferstehen, das unvergänglich ist. Doch muss dieses Sterben (wie schon oben bemerkt) in allen Eigenschaften der Natur vorgegangen sein, ehe der Mensch auf den tiefen Grund der Seele gekommen ist, wo die Feuerwurzel der Eigenheit steckt. Es kostet viel, bis der König der Vernunft, der gleich dem König Herodes jederzeit gegen den Geist streitet, und ihn zu töten sucht, von seinem Throne heruntersteigt, und wie Simeon ein kleines Kind auf seine Armen nehmen und es herzen kann.

Eine solche Herablassung und Demut ist heutzutage zu einem Geheimnis geworden, weil nur gar wenig Menschen durch die enge Pforte des armen Stalles der Niedrigkeit hindurch dringen. Der erweckte Mensch möchte zwar gern nach dem Trieb seiner alten Natur den keuschen Bräutigam der Seele nötigen, bei ihm zu wohnen; aber die göttliche Weisheit kennt einen solchen Buhler, dass er nicht aus dem Stall der Armut Jesu gekommen ist. Auch ist es ihm wohl anzusehen, besonders da manche Seelen dieser Klasse noch ein grosses Gepäck von selbsterwählter Heiligkeit und von allerlei äusseren Uebungen, und einen vollen Schrank von geistlichen Wissenschaften und Kenntnissen mitbringen, die sie aber nicht durch Verleugnen und Sterben erlangt, sondern aus Büchern erlernt haben. Auch sind sie nicht darauf bedacht, ihr eigenes Leben zu lassen und ihre Eigenheit zu hassen, welche die göttliche Weisheit hindert, sich mit ihnen zu vermählen. Aber es kostet einen gar schweren Tod, seinem eigenen Naturleben abzusterben, und durch das Gestirn der Vernunft und der Einbildungskraft hindurchzudringen, worin unser natürliches Geburtsrad besteht, das gleich dem Lauf der Sterne sich in uns herumdreht, bald diese, bald jene Wirkung in uns hervorbringt, und einen fortwährenden Wechsel unserer Gesinnungen verursacht. Bei jeder Umdrehung unseres Natur-Rades findet dann das Ende den Anfang wieder, und so wird der Wagen unseres natürlichen Willens fortgetrieben, bis das irdische Geburtsrad zerbrochen ist. So muss dann der Mensch am Ende seines Lebens (oder gar erst nach dem Tode) einsehen, dass sein Rad nur auf der Erde (und auf dem was zu ihr gehört) gelaufen ist, und ihn weder in den Himmel geführt, noch zur Vermählung mit dem keuschen, himmlischen Bräutigam gebracht hat.

Der heilige Wille Gottes ist der rechte Brautwagen, der die Seele, die sich täglich in den Tod gibt, zur Vereinigung mit Gott führen kann. In dieser Vereinigung finden wir die köstliche Perle und die heilige Urne, in welcher Vater, Sohn und Heiliger Geist wohnen, nämlich die heilige Tinktur, die als das lebendige Wort und Gesetz Gottes gleich einem sanften Lebensbalsam vom Berge Zion herabfließt und die kranke Seele gesund macht.

Diese heilige Tinktur ist zugleich das dreifache Zeugnis in Geist, Wasser und Blut (1.1 oh.5, 7-8). Sie ist es, die in Verbindung mit dem Oel der Barmherzigkeit Gottes ein neues Leben in die Adern des Menschen ergiesst, sobald der kreatürliche, eigene Wille, welcher die Grundursache aller Krankheiten, ja der Tod selbst ist, zu den Füssen des reinen, göttlichen Willens sich niedergelegt hat. Dann steht in uns das Feuer wieder in Einheit mit dem Licht, wie es im ersten Menschen vor dem Fall war. Da ist dann weder Mann noch Weib mehr, und doch beide in Einem. Dann erzeugt der Vater durch den Heiligen Geist in unserm Nichts den echten Sohn der Weisheit, das Ebenbild Gottes, und es entsteht in uns eine neue Himmelswelt, die Gott preist in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Das ist der neue, heilige Bund, den Gott mit dem Menschen, welchen Er zu seinem Bild geschaffen hat, errichtet. Er soll wieder eine lebendige Hütte Gottes und Christi werden (Offb.21,3). Dahin zielt die Gnadenordnung, die der himmlische Vater eingeführt hat durch Jesus Christus, der das heilige Lamm Gottes und der ewige Hohepriester ist nach der Weise Melchisedeks und des unvergänglichen Priestertums. Dieses Priestertum ist von keiner Zeit beschränkt und in keinen Raum eingeschlossen. Es dauert fort in wahrhaft gottergebenen Seelen, in welche dieser ewige Geist, der ohne Anfang und Ende ist, einwirken kann (Hebr. 7,3).

Dieser melchisedekische Geist gebiert die echten Priester der wahren Kirche Gottes, welche Gott als einen lebendigen Samen durch alle Jahrhunderte bis auf den heutigen Tag mitten in der Nacht und Finsternis erhalten hat, und auch ferner erhalten wird. Sie glänzen als helle Sterne, obgleich sie noch mit Wolken bedeckt sind, die ihnen einigermassen zum Schutz dienen, bis der helle Tag anbricht, an welchem diese Wolken, mit denen diese Lichtskinder und das Heiligtum selbst noch bedeckt sind, verschwinden werden. Amen!