Auszug aus dem Nachwort der Original-Ephides-Ausgabe des Anthos-Verlags:

 

 

Die Ephides-Gedichte nahmen ihren Anfang vor rund 70 Jahren. Wir verdanken sie der Pianistin Hella Zahrada, die sie von 1933 bis 1966 niederschrieb, ohne sich als deren Verfasserin zu fühlen - hatte sie doch weder das Verlangen gehabt, in Versen zu sprechen, noch die Vollmacht beansprucht, gewissermaßen von höherer Warte den Menschen belehrend, mahnend und tröstend auf das Transzendente zu verweisen, wie dies hier geschehen ist.

 

Hella Zahrada, geb. Hegedusic, wurde am 26. März 1896 in Prag in eine österreichisch-ungarische Offiziersfamilie hineingeboren. Sie verlobte sich im Jahre 1919 mit dem österreichischen Offizier Viktor Zahrada, um nach Beendigung ihres Musikstudiums 1922 in Marburg an der Dräu zu heiraten.

 

Am 25. Mai 1933 erhält sie - die zwar musikalisch als sehr begabt, aber dichterisch nicht einmal als ambitioniert galt - ihr erstes Gedicht. Im Jahre 1936 sind es schon über 120 Gedichte. Und sie wachsen in den folgenden 33 Lebensjahren schließlich auf eine Gesamtzahl von etwa 530 (ungerechnet die Prosatexte). Hella betrachtete sich nie als Schöpferin dieser Dichtung, sie fühlte sich vielmehr als eine Empfangende, als ein Werkzeug der Inspiration. Nach ihrem Selbstverständnis mußte es sich um eine fortgeschrittene geistige Instanz handeln, die ihr solches schenkte. Diese fügte einmal auf eine früh drängende, innere Frage Hellas „Wer bist du?..." als Antwort ein „Gott grüße dich! - EPHIDES" an das Ende eines Gedichtes, dessen erste Zeilen so lauten:

 

Ich bin dir längst bekannt!

Ich bin dir jetzt gesandt

und werde dich im lichten Land erwarten ...

 

Fortan sprachen Hella und Viktor Zahrada von Ephides-Gedichten, so schon in dem Ende 1933 im Selbstverlag erschienenen ersten Auswahlband.

 

Anfang 1937 verstarb Viktor überraschend im Alter von nur 46 Jahren an einem Herzversagen, nachdem er wenige Wochen zuvor beruflich nach Berlin versetzt worden war.

 

Ungeachtet dieses Schicksalsschlages blieb Hella in Berlin. Nach dem Krieg fand sie als Klavierlehrerin ein ihren bescheidenen Ansprüchen genügendes Auskommen bis zu ihrem Heimgang am 25. Januar 1966 - dem gleichen Tag, an dem ihr Gatte neunundzwanzig Jahre zuvor diese Welt verlassen hatte.

 

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Wollte man die weltanschauliche Sicht von Ephides, von jener „Stimme der Sterne", mit einem Etikett versehen - und manche Leser wünschen sich das -, so müßte man sagen, daß sie im christlichen Bereich dem am nächsten kommt, was seit dem Urchristentum als Gnosis in der jungen Kirche zunächst integriert und spätestens ab dem Konzil von Konstantinopel (553 n.Chr.) dann bekämpft wurde. Damals wurde die Lehre von der Präexistenz, d.h. des vorgeburtlichen Daseins der Menschenseele, die u.a. so berühmte Kirchenlehrer wie Origines und Clemens von Alexandrien vertraten, verworfen, um freilich immer wieder aufzutauchen und heute in vielerlei Form und Gruppierung wiederum an Boden zu gewinnen, nachdem manche ihrer Elemente schon bei christlichen Mystikern wie Jakob Böhme, später Jakob Lorber, bei deutschen Dichtern wie Lessing, Goethe, Novalis und bei Philosophen wie z.B. Schopenhauer, Schelling und Fichte angeklungen waren.

 

Soviel nur zur Lehre, die teilweise neben und über der kirchlichen Orthodoxie liegen mag, nicht aber außerhalb des Kreises christlicher Überlieferung und Offenbarung. Der Leser mag manche ihm neue Vorstellungen aus dem eigenen Herzen gesprochen freudig annehmen, manches vielleicht als fremd auf die Seite legen.

 

Ephides ruft, aber er läßt uns frei in dem Wissen, daß wir den „eigenen zarten Glaubenskeim" (vgl. S. 33) wahrnehmen müssen. Er sagte dazu einmal:

 

„Nicht Bücher können euch Wissen geben; sie sind der Anstoß dazu, daß die eigenen Seelenteile zu arbeiten beginnen, aber nicht mehr. Auch die tiefste Weisheit, in Worte gefaßt, wird nur dem zuteil, der durch die Worte des Aufschließens seines Innern mächtig ist. Worte sind immer nur der Schlüssel zum Gewölbe der eigenen Schatzkammer."

 

Kunst kommt von Können und Künden. Der vielerorts eingetretene und auch beklagte Verfall der heutigen Kunst mag gerade darin liegen, daß jene Kette der Inspiration bis hinauf in die Höhen des „Weinbergs unseres Vaters" unterbrochen ist, daß viele den Zugang zu der „reinen Quelle" verloren haben. Aber den Mystikern aller Zeiten war bewußt, daß die „Innere Stimme", wie überhaupt die Innenschau - daß die „Geister", die man anzog, von der geistigen und ethischen Verfassung des Empfängers abhängen. Sicher ist, daß die Erkenntnisse, die uns geschenkt wurden, weit über unsere eigene Denkfähigkeit hinausgingen und -gehen. Sicher ist auch, daß viele der hier enthaltenen Gedichte zu den Perlen der abendländischen Lyrik gerechnet werden müssen, daß sie in Gehalt und Gestaltung, die Lautmalerei, Reim und Alliteration gleicherweise souverän verwendet, an eine fortentwickelte, ins Unverhoffte, ins Beglückende gesteigerte im besten Sinne klassische Kunst und Kunde erinnern.

 

Hartmut Normann