Das Heilige

 

 

Denn es gibt Zeiten,

da hören wir der Unsichtbaren Füße schreiten

und fühlen ihre Hände, die uns liebend leiten,

und sind geborgen und voll Zuversicht.

 

Die Sorgen mögen gehen oder kommen,

ob uns geschenkt wird oder nur genommen,

an unsre letzten Tiefen rührt es nicht.

Die stehen nur im ewig jungen Hoffen

den Stimmen jener Unsichtbaren offen,

durch die der Herr uns Seinen Segen spricht.

 

Das sind die Zeiten,

da wir dem Zwange dieser Erde sacht entgleiten

und eingehn in die Freiheit ungemessner Weiten

und aufgehn in dem schattenlosen Licht!

 

 

Nicht Gott verhüllt geheimnisvoll Sein Walten,

den hüllend Schleier trägst, o Mensch, nur du.

Die Stimmen schwiegen nie, die allen galten,

von deren Klang die Himmel widerhallten;

vor dir nur tat des Paradieses Tor sich 201.

 

Du gehst im Licht und siehst nur, daß die Strahlen

der Dinge Schatten auf den Boden malen,

der Dinge Wesen siehst und suchst du nicht.

Es predigt dir das schattenlose Licht,

und Erd und Himmel wolln dir Antwort geben.

Dein friedlos Fragen nur und friedlos Leben

ist schuld, daß du die Antwort nicht verstehst

und unerlöst durch ungelöste Rätsel gehst.

 

Erlöser sollst du sein in Gottes Garten

und hörst die Stimmen nicht, die hilflos zarten,

und weißt es nicht, wie alle Wesen warten. -

Doch eine Stimme ist, die überhörst du nicht:

Weh - wenn des Sturmes starke Stimme spricht!

 

 

Ich schrie den Ruf nach Gott in alle Fernen ...

Als Flamme stieg er auf zu allen Sternen ...

Doch nirgends kam ein Echo mir zurück.

Die Fernen blauten, und die Sterne schwiegen,

und meiner Sehnsuchtsträume leere Wiegen

zerschlug die Axt des Alltags Stück um Stück.

 

Da kehrte meine Sehnsucht sich nach innen ...

Und siehe: Strömend Licht fiel in mein Sinnen .

Ich wurde Gottes Gegenwart gewahr!

Er sprach zu mir: „Ich war es, Der dich lenkte,

durch jeden Menschen, der dir Liebe schenkte,

es bot dir jeder Meine Gaben dar.

 

Der war Mein Gruß - und jener Meine Rüge,

den sandt' Ich, daß im Spiegel fremder Züge

du deines Wesens Widerschein erkennst.

Ich bin im Sturm, Ich walte in der Stille,

das Stäubchen wie den Stern erhält Mein Wille.

Mich rufst du an, wie immer du Mich nennst."

 

 

Des Gottes Bilderbuch ist aufgeblättert,

es schlägt die Zeit für uns die Seiten um.

Wer sagt, Gott bleibt auf unser Fragen stumm?

Wer, der sein volles Lebensglas zerschmettert,

eh er zu Ende trank, gibt Gott die Schuld?

Wir strafen uns mit eigner Ungeduld.

Wir lernen nichts als zählen und benennen,

wir wollen wissen, aber nicht erkennen.

Die Kraft der Deutung fehlt uns, weil wir blind

und lieblos gegen uns und andre sind.

Und Gottes Bilderbuch liegt aufgeschlagen

vor aller Augen! Doch wir fragen - fragen!

 

 

Die ihr aus Gott den strengen Richter macht,

den Rächer und den Strafer, schweigt und schaut:

Beschämt euch nicht der Sonne helle Pracht,

der weite Himmel, der für alle blaut,

und einer Mutter Liebe, lind und weich,

die jeglichen von euch ins Leben trug?

Ist sie nicht Widerschein von Gottes Reich?

Doch statt der Sehnsucht königlichem Flug

habt ihr die Fesseln feiger Furcht erwählt,

und nach des eignen, engen Herzens Maß

malt ihr euch einen Gott, der straft und quält.

Entartete! Und euer Geist vergaß,

daß Gott ihn einstens schuf nach Seinem Bild!

Straft euch nicht länger selbst, kehrt um, kehrt ein!

Dann wird das Racheschwert ein schützend Schild,

der strenge Richter aber - Vater sein.

 

 

All-Einer, in Deiner erhobenen Rechten

„vollzieht sich Entwirren, vollzieht sich Verflechten

der Menschengeschicke vielfarbiger Fäden.

Wir sind die Geführten, solange wir träumen,

und werden zu Freien, entwachsen den Räumen,

entgleiten den Zeiten und nehmen die Fäden

in eigene Hände ... doch sieh, es sind Deine!

Denn immer und alles bist Du, der All-Eine.

 

 

Es sei des Menschen Herz der Kelch des Herrn,

darin die heil'ge Wandlung sich vollzieht.

Dem roten Lebenstrank entsteigt der Stern

von Bethlehem, vor dessen Strahlglanz flieht,

was nächtig ist und mächtig war im Blut

und sich verklärt zur Morgensonnenglut.

 

 

Gott hat viele Namen,

nenn Ihn, wie du magst

wenn du nur mit Inbrunst

aussprichst, was du sagst.

 

Hört nicht auch die Mutter

ihres Kindes Ruf,

ehe noch sein Seelchen

sich ein Wortbild schuf?

 

Gott spricht alle Sprachen. -

Doch wer schweigen kann,

steigt als goldne Flamme

selber himmelan...

 

 

Jedes Versenken

sei ein Verschenken,

nicht ein Verschließen,

sondern ein Fließen.

 

Welle auf Welle

heilender Quelle,

aus dem Verhüllten

zu dem Erfüllten.