Licht in Nacht und Not

 

Es gibt nur einen Schutz, und das ist der göttliche Schutz; und {es gibt nur eine Hilfe, und das ist die Hilfe von oben. Habt ihr die, dann seid ihr geborgen. Wehrlos ausgeliefert den Niedrigkeiten der Erde, den Widerständen, den Haß- und Neidwellen, die jene über die Erde gießen, die arme, verirrte Kinder sind, wäre jeder, wenn nicht der schützende Mantel der göttlichen Hilfe ihn umhüllen würde. Und nur, wenn zur Lehre und zum Reifen einem Gotteskind Leides getan werden soll, wird der hüllende Mantel entfernt. Aber ein anderer, ein Krönungsniantel wird ihm umgelegt, daß er ertragen kann, was ihm widerfahrt, daß er lernen kann die Lehre des Leides, daß er als Sieger hervorgehen kann.

 

Wißt ihr dies, dann könnt ihr ruhig sein, wo immer ihr steht. Wenn ihr das Rechte wollt und das Rechte tut, wird euch die rechte Hilfe zu jeder Zeit werden.

 

Auf steinigem Boden stehen die Pflänzlein, deren Blühen und Früchtetragen dem Himmel geweiht ist. Was für die Erde blüht und der Erde Früchte erntet, hat den Lohn der Erde und die Freude der Erde und bebt vor der unbekannten Nacht zurück, die das ewige Schweigen zu sein scheint.

 

Wen aber der karge Boden am Blühen hindert und um die Früchte bringt, dem wird aufgetan das lichte Land, und die schweigende Nacht ist die klingende Harmonie für ihn. Sein Sehnen wird ins Licht gehoben, und sein Blüten- und Früchtesegen ist der Segen des Himmels. Alles findet er vor, was er wollte und suchte, und was unerfüllt und ungestillt blieb. Für jeden Stein auf seinem Lebensweg blüht ihm ein Blümlein auf im lichten Land. Wollt ihr der Erde oder dem Himmel blühen, wollt ihr der Erde oder des Himmels Segen ?

 

Aus Tagen ohne Glück und tränenreichen Nächten

„könnt ihr der Überwindung Dornenkrone flechten

und als Erlöste mit dem Heiland auferstehn.

Doch müßt ihr's nicht. Wollt ihr durch Licht und

Schatten gehen

 

als Unbeschwerte, Unbelehrte,

seid ihr so lang Zurückgekehrte

zu dieser Erde Lust und Not,

im Kreise laufend durch Geburt und Tod,

bis, seines Wanderns müde, euer Geist

euch selbst die Wege zur Erlösung weist

und sich bereitet, jubelnd anzutreten

den Höhenflug. O seht, so wird erbeten

der Überwindung schmerzensreiche Krone.

Nehmt sie als Sühne nicht - nehmt sie zum Lohne!

 

Nur die Tränen, die nach innen fließen,

die die Seele, nicht das Auge weint,

können sich als Gnadenquell ergießen

in den See, den eure Seele meint.

Klagen nur, die ungesprochen blieben,

leuchten weiß wie Schnee am Silbersee.

Lotosgleich entblüht dem Leiden Lieben.

So schenkt Gott zurück gestilltes Weh.

 

Zaghaft und verzagend,

meine Bürde tragend,

wende ich die Schritte

zu der Welten Mitte,

Herr, mein Gott, zu Dir!

 

Durch des Kummers Wände

fühlt' ich Deine Hände,

sah in meinem Hoffen

Deine Türe offen,

kam Dein Ruf zu mir!

 

Wolle meinem Denken

Deine Wahrheit schenken!

Wolle meinem Leben

Deine Klarheit geben!

Führ mich dort und hier!

 

 

Deine Hände will Ich füllen, weil sie leer sind

Sieh, Ich hab hinweggenommen deine Last -

jene auch, die du für Glück gehalten hast,

die du zögernd nur und stückweis gabst dahin.

Denn du wußtest nicht, daß Ich es selber bin,

der dir naht im Kleid des Leids, im Kleid der Not -

der, indem er alles nahm, dir alles bot.

Deine Hände will Ich füllen, weil sie leer sind ...

 

Du letztes Leid, ich reife dir entgegen,

' so wie das Korn entgegenreift dem Schnitt.

Ich trage schwer des langen Sommers Segen,

Goldkörnerfrucht der Leiden, die ich litt.

 

Das eigne Leid, es gleicht dem zarten Keime,

der sich in dunkler Erde müht und müht

und sie durchbricht und so das erst Geheime

nun lichtwärts trägt und lichtgesegnet blüht.

 

Er blüht gleich ändern, Halm zu Halm gesellt,

und ist wie sie dem Sturme preisgegeben,

ein hilflos Halm im weiten Ährenfeld,

und Mitleid reift als Frucht im Miterleben.

 

Und dennoch, Brüder, ruf ich nach dem Schnitt

für mich und euch, daß wir erfulPn die Sendung.

Die Leidbejahung ist der letzte Schritt

im Leid, der erste aber zur Vollendung.

 

Es gibt kein Geben, das nicht Nehmen ist.

Es gibt kein Opfer, das nicht Segen wird.

Verwandlung heißt das himmlische Gesetz!

Ein flutend Licht, ein Regenbogenglanz,

das allen angehört und allen dient -

und ewig neu durch neue Formen fließt.

Es gibt kein Leid, das ohne Tröstung bleibt,

und keinen Tod, der nicht ins Leben führt.

Als Atem Gottes gehn wir aus und ein.

 

Es ist ein Engel, der heißt Trost

d steht am Tor der Welt.

Und wartet, wen die Welt verstoßt,

und wen das Schicksal fallt,

und nimmt ihn an und hebt ihn auf...

 

Ich suchte lange, lange nach dem Tor

und ging zu Menschen, die vom Engel sagen.

Und kam zurück mit immer neuen Fragen

und einem Herzen, das noch immer fror.

 

Und nun? Ist denn dein Flügelschlag

mein Atem? Und das Tor

das Tor der Welt, mein Herz, o sag?

Du trittst aus ihm hervor

und nimmst mich an und hebst mich auf...

Niemals darf dein Herz verzagen,

niemals bist du ganz allein!

Dieses muß zu allen Tagen

deines Kampfes Rüstzeug sein.

 

Auch in deinen trübsten Stunden

lenkt der Herrgott dein Geschick.

Wenn du nur mit Ihm verbunden,

kehrst du stets zu Ihm zurück.

 

Du, dem seit je alle Loblieder galten,

Du, vor dem Engel die Lichtflügel falten,

Du löst die Wolken, die drohend sich ballten,

und auch die Sorgen, die mich schon umkrallten!

Dein sind die Sonnen, die Leben entfalten,

Dein auch die Blitze, die Berge zerspalten!

Du bist der Eine in vielen Gestalten,

immer derselbe in allen Gewalten!

Nie kann Dein Leben in meinem erkalten -

wo ich auch bin: Du mußt mich erhalten!

 

 

Viele Steine gibt die Erde,

viele Häuser kann man haben,

viele Mauern kann man ziehen,

hohe Türme kann man bauen.

 

Wollt ihr Stein sein unter Steinen?

Wenig ist der Schutz des Hauses,

alle Mauern müssen fallen,

auch die höchsten Türme stürzen.

 

Seht, die Regenbogenbrücke

breitet ihre hohen Bogen

zwischen Sternen, zwischen Menschen.

Schwebend nur seid ihr geborgen!

 

 

Oft stehen wir in Gottes großem Schweigen,

verlassen, wie es Waisenkinder sind,

und sehn die Sonne steigen und sich neigen

und warten, daß sich uns die Sterne zeigen,

und lauschen auf den Regen und den Wind

und meinen, einer muß uns Antwort geben.

Doch fremd an uns vorüber rauscht das Leben.

 

Und dennoch: Das ist eure heil'ge Stunde,

wenn ihr euch ganz dem Gottesschweigen gebt

und niedertaucht zu eurem Wesensgrunde,

aus dem der Weisheit wonnevolle Kunde,

der weißen Lotosblüte gleich, sich hebt

zum klaren Spiegel eines neuen Lebens.

Dem Schweigen nur entblüht die Kraft des Gebens.

 

Wer reinen Herzens sucht, sucht nicht vergebens.

Er sucht und findet Quellen reinen Lebens,

die in der Brust des reinen Menschen springen.

Wenn er versteht zu ihnen vorzudringen,

ist er im Land, das seine Seele liebt,

im Land, das seiner Sehnsucht Frieden gibt. -

Such nach den Quellen, tief in dir vergraben,

und schöpf aus ihnen ihre heil'gen Gaben!

O such, du findest sie, und schöpf aus ihnen

die Kraft, als Fels zu stehn und anderen zu dienen.

 

 

Warum erst dann und einst - warum nicht jetzt?

Das Jenseits ist nur jenseits deiner Sinne.

Du selbst hast deine Grenzen dir gesetzt,

und wirst du heute deiner Freiheit inne,

verwandelt heute sich für dich die Welt.

Es kann ein Dornenstrauch dir Rosen tragen,

und jedes Antlitz siehst du aufgehellt;

durch jeden Mund kann Gott dir Antwort sagen.

Du gehst in aller Wesen Herzen ein,

ein Kind des Himmels und ein Gast der Erde,

und kannst ein Bürger beider Welten sein.

Es braucht nur eins: das Schöpfungswort „Es werde!"

 

 

Ein Aspekt der Gottheit ist die Freude,

die da leuchtet hinter allen Qualen

wie die Sonne. Kannst du miterstrahlen,

teilen sich vor dir die Wolkenwände,

kannst du füllen viele leere Hände,

bist du Künder gottgewollter Freude!

 

 Wo die reinen Quellen rinnen,

ist das ew'ge Neubeginnen.

 

Unsre Tage sind verloren,

wenn wir nicht wie neugeboren

alte Vorurteile lassen,

höhere Entschlüsse fassen,

neuen Weg zu Menschen finden,

enger uns mit Gott verbinden,

andre zu der Quelle führen,

bis auch sie den Aufschwung spüren

und das Wasser weiterreichen ...

Solches Glück ist ohnegleichen,

eint den Himmel mit der Erde,

mit dem Schöpferwort „Es werde!"

 

Wo die reinen Quellen rinnen,

ist das ew'ge Neubeginnen!

 

 

Trinke Frieden, liebe Seele,

daß dein Leid dich nicht mehr quäle

keiner lebt hier ohne Leid ...

 

Schenke Frieden auch den andern,

die gleich dir ihr Ziel erwandern,

und du bist gebenedeit.

 

Geben wollen heißt bekommen ...

Nichts ist unser, nur entnommen

Gottes großem Gnadenquell.

 

Wollen wir den Engeln gleichen,

ändern unsern Heiltrank reichen,

wird es in und um uns hell!

 

 

Strahlende Zuversicht,

du bist wie Morgenlicht

Sieg und Gewinn!

 

Türme nicht Wolken auf,

stör nicht der Sonne Lauf,

trüb nicht den Sinn!

 

Christus, du Himmelsheld,

ich zieh mit dir ins Feld,

dein, dein ich bin!