_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 093 _


_jl.bmar.093. Kapitel
01] Auf diese Worte gehen nun alle hundert lieblichen Angesichts hinter der Schutzwand hervor und erstaunen über die große Pracht und Räumlichkeit des Saales. In dessen gegen Mittag gewendeten Teile befinden sich die tausend früheren Gäste nebst noch andern mehreren Hunderten, die bei der Gelegenheit der inneren Bearbeitung der Mönche und Nonnen mitgerettet wurden.
02] Als die hundert diese vielen Gäste erschauen, die noch zum größten Teile in der naturmäßigen Kleidung stecken, verwundern sie sich überaus mächtig, auch als sie nun wirklich jene Boten sogleich erkennen, die sie auf der Welt im Christentum haben unterweisen wollen. Als sie aber auch jene Chinesin unter ihnen erblicken, die den Hauptboten und dadurch auch sie alle verraten hatte, machen sie bald finstere Mienen und sagen zu Mir:
03] (Die 100 Chinesen:) »Höre, du liebster Freund, diese Erscheinung berührt uns zwar äußerst unangenehm. Aber da sie euch, wie es scheint, nicht zuwider ist, so soll sie es auch uns allen nicht sein. Der Bote, den sie verriet, scheint nun merkwürdigerweise auf gutem Fuße mit ihr zu stehen, denn er bespricht sich gar freundlichst mit ihr. Sie ist wohl sonst ein schönes und artiges Wesen, darum sie auf der Welt auch ein Liebling dieses Boten war, wie sie auch eine wahre Schönheit in der großen Kaiserstadt Peking genannt wurde und daher ein Liebling der ganzen Stadt war. Aber durch ihren gewinnsüchtigen, schnöden Verrat an uns allen hat sie dann wohl alle Achtung der großen Kaiserstadt verloren und starb, wie wir vernommen hatten, bald darauf aus Gram.
04] Wir wundern uns daher hauptsächlich bloß darum, wie diese doch sichere Dienerin des Ahriman, die den Jesus-Lama an uns verriet, in diese heiligen Hallen hereingekommen ist! Hat etwa der Lama Selbst ein Wohlgefallen an ihrer Schönheit?«
05] Rede Ich: »Liebe Freunde, hattet ihr nicht auch Kinder, darunter einige fromm, einige aber recht schlimm waren? Ihr alle sagt: 'Ja!' Ich aber frage euch weiter: Habt ihr die schlimmen wohl darum den Hyänen und Tigern vorgeworfen, oder habt ihr alle eure Sorge und Liebe nicht diesen schlimmeren Kindern zugewendet und habt die frommen viel weniger beachtet? Ihr sagt: 'Ja, ja, so war es!'
06] Seht, so aber ihr, die ihr euer ganzes Leben hindurch nie gut gewesen seid, euren sogar schlimmsten Kindern nur Gutes tatet - wie könnt ihr da denken, daß der ewig allerbeste Lama Seinen Kindern etwas Böses geben werde, so sie Ihn reuig um etwas Gutes bitten?
07] Diese Jungfrau hat auf der Welt freilich gewisserart übel an euch allen gehandelt. Aber sie bereute später ebenso mächtig ihre vermeintliche böse Tat, wie mächtig sie früher euch alle geliebt hatte, bevor sie den Hauptboten und dadurch auch unwillkürlich euch alle mit verriet.
08] Und so hat der gute Lama ja auch recht, so Er eines Seiner Kinder nicht sogleich auf ewig verwirft, so es auch Böses getan hätte, dann aber zu Ihm kommt und Ihn von ganzem Herzen reuigst um Vergebung bittet.
09] Seht, der gute Lama braucht demnach nicht verliebt zu sein in eine schöne Pekingerin, um sie selig zu machen. Sondern es ist genug, daß Er ein guter Vater aller Menschen ist und daß Er als solcher erkannt wird. Ist besonders letzteres der Fall, dann hat es mit dem Seligwerden einer schwachen Tochter auf der Erde gar keine Schwierigkeit mehr.
10] Was meint ihr lieben Freunde nun - handelt der gute Lama so recht oder unrecht?«
11] Spricht einer aus den hundert: »Ja, also handelt der große, heilige Lama vollkommen gut und recht! Aber da sieh, nun bemerkt uns die schöne Chanchah und geht eilends auf uns zu! Was sie uns etwa doch hinterbringen wird? Nun nur stille, sie ist schon da!«
 


_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 094 _


_jl.bmar.094. Kapitel
01] Chanchah fällt nun vor den hundert auf ihr Angesicht und fleht sie um Vergebung all des Üblen an, das sie - wenn auch unbeabsichtigt an ihnen getan hat.
02] Die hundert aber sagen alle einstimmig: »Holdeste Chanchah, so dir's der große heilige Lama vergeben hat, was wohl sollen dann wir noch wider dich haben! Hat ja doch derselbe Heilige der Ewigkeit auch uns vergeben, die wir dem Ahriman doch auch viele und große Opfer gebracht haben. Daher erhebe dich und kneife uns ins Ohrläppchen zum Zeichen, daß wir nun für ewig einander aus dem tiefsten Lebensgrunde vergeben haben!«
03] Chanchah erhebt sich nun lieblichsten Angesichts und Wesens und tut, was die hundert von ihr verlangen. Nachdem sie alle die hundert sanft ins Ohrläppchen gekneift hat, spricht sie:
03] »Eure Herzen seien mein köstlichster Schmuck, euer Anblick die schönste Weide meiner Augen. Mein Herz aber sei euch ein sanftestes Ruhekissen, auf dem ihr ausruhen wollet, so euch die Liebe müde gemacht hat. Meine Arme seien euch ein sanftes Band für Herz ans Herz, und aus meinem Munde fließe unversiegt der köstlichste Balsam in euer Leben.
05] An meiner Brust sollt ihr euch schwingen bis zu den Sternen und meine Füße sollen euch tragen über harte Wege. Und wenn die Sonne untergeht und kein Mond der Erde leuchtet und der Sterne Schimmer dichte Nebel überdecken, dann soll mein Augenpaar euch erleuchten den Pfad eurer Sehnsucht, und all mein Eingeweide soll euch erwärmen in der frostigen Lebensnacht.
06] Also will ich euch sein eine sanfteste Dienerin in den zartesten wie schwersten Bedürfnissen eures Lebens ewig, darum ihr mir euer Ohr geliehen habt zur Vergebung meiner schweren Sünde an euch.«
07] Nach dieser Rede, die die liebliche Chanchah gesprochen, geht einer aus der Mitte der hundert zu ihr hin, hebt beide Hände über sie und berührt sie am Kopfe mit den Zeigefingerspitzen. Er spricht: »O Chanchah, wie gar so schön bist du nun! Ich sage dir's so laut nun, wie da braust ein mächtiger Sturm. Und ich sage es dir auch so sanft, als wie sanft da fächelt ein duftiger Abendhauch um die zarteste Wolle der Gazelle: du bist schöner nun als die Morgenröte über den blauen Bergen, die da zieren die große Stadt der Mitte der Reiche der Erde, und herrlicher als die Chujulukh (eine der schönsten Blumen, die nur im kaiserlichen Garten gezogen wird)!
08] Dein Haupt ist lieblicher als der Kopf einer Goldtaube und dein Hals runder und weißer als der einer weißen Gazelle. Deine Brust ist sanfter und weicher denn Tutschuran (eine Art weichster Wolle, die an einer Schilfstaude wächst), und deine Füße sind kleiner denn die einer Antilope, die da hüpft und tanzt auf Himalajas höchsten Spitzen. Ja, so lieb uns die Sonne ist, so lieb bist uns auch du. Und wie herrlich der Vollmond den wogenden Spiegel der Seen bescheint, so herrlich bescheint deine Anmut auch unsere Herzen.
09] So sollen von nun an auch deine Wünsche ebenso lieblich in unseren Seelen erschimmern und unsere Herzen also über und über erquicken, als wie da erquicken die Sterne die Herzen zerstobener Schiffer, die auf weitem Ozean ihre Segel hissen unbewußt am Tage, wohin sie den Lauf der Schiffe richten sollen, um zu gelangen in die glückliche Heimat.«
10] Darauf wendet er sich zu Mir und spricht: »O Freund, ist es recht, daß wir diese, die unsere Feindin war, also aufgenommen haben wie ein Herz in hundert Herzen?«
11] Rede Ich: »Ja, so ist es recht nach eurer besten Sitte. Aber da ihr alle nun nicht mehr auf der Welt, sondern im ewigen Reiche der Geister euch befindet, wo andere Sitten und Formen gang und gäbe sind, so werdet ihr euch nach und nach auch darnach richten und in allem so handeln, wie ihr es an uns sehen werdet, wenn ihr hier verbleiben wollt! Wäre euch aber eures Landes Tugend lieber als die dieses Hauses, da freilich müßtet ihr dann zu jenen übergehen, die noch gar lange zu tun haben werden bis sie dies Haus erreichen!«
12] Spricht Chanchah: »O du lieblichster, herrlichster Freund der Armen - siehe, wir wollen hier so sein wie die feinste Porzellanerde, die sich in alle edlen Formen fügen läßt. Dein Wille sei unser Leben und dein Wort ein heiliges Wort Lamas!«
13] Rede Ich: »Komm her, du lieblichste Chanchah, Ich will dir ein neues Kleid geben, welches dich herrlicher zieren soll denn die schönste Morgenröte die weißen Spitzen der blauen Berge!«
14] Chanchah springt nan förmlich zu Mir hin. Und Martin bringt schon aus der goldnen Kiste ein rotes Kleid, das mit vielen Sternen verbrämt und wohl geschmückt ist, und übergibt es Mir mit den Worten:
15] »Das wird dieser wirklich schönsten Chanchah gar überhimmlisch gut stehen; das ist ein wahres Kleid der Liebe! Ich muß offen gestehen, diese Chinesin gefälit mir nun auch ganz überaus gut; nur in ihre echt chinesischen Redensarten kann ich mich noch nicht so recht finden. Da hängt noch viel Irdisches daran, aber sonst echt orientalisch poetisch. Ich hätte wirklich nicht geglaubt, daß in den Chinesen so viel ehrliche Lyrik zu Hause ist. Aber mir gefällt das! Diese lassen wir auf keinen Fall mehr weiterziehen!«
16] Rede Ich: »Hast recht - auch Mir gefallen sie, das Herz dieser Chanchah ganz besonders. Aber sie werden dir noch so manches zu schaffen geben! Doch nun zur Chanchah!
17] Hier, du liebliche Tochter, empfange das Kleid: es ist das der Liebe und der weisen Sanftmut in dir! Wohl warst du eine Verräterin an diesen die das Zeugnis des Jesus-Lama annehmen wollten. Aber du wardst zur Verräterin durch die Tugend deines Reiches und wolltest nur retten des Kaisers Leben, dabei aber nicht opfern das deiner Brüder. Solches hat hernach der Kaiser getan - hätte es aber nicht getan, so er dein Herz in seiner Brust gehabt hätte. Du bist sonach völlig schuldlos und rein wie dieses Kleid, mit dem Ich dich nun bekleide. Nimm es hin, es ist Meine große Liebe zu dir!«
 


_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 095 _


_jl.bmar.095. Kapitel
01] Chanchah nimmt ehrfurchtsvoll das Kleid, das im Augenblicke, als sie es berührt, schon ihr ganzes Wesen überaus herrlich schmückt. Als sie so himmlisch bekleidet dasteht, weint sie vor Freude und spricht: »O Freund, welchen Namen wohl führst du? O sage es mir, daß ich ihn in mein Herz mit der glühendsten Schrift für ewig zeichne!«
02] Rede Ich: »Schönste Chanchah, dafür ist schon gesorgt! Was du tun möchtest, ist schon geschehen. Forsche nur in deinem Herzen und du wirst das finden, was du nun von Mir suchst zu vernehmen! Ich sage dir: Deine Liebe zu Mir wird dir alles verraten!«
03] Chanchah macht über Meine Worte große Augen und stutzt gewaltig. Nach einer Weile spricht sie, ganz in sich vertieft: "Deine Liebe zu mir wird dir alles verraten! Was du tun möchtest, das ist schon geschehen. Forsche nur in deinem Herzen und du wirst es finden, was du von mir suchst zu vernehmen!"
04] Sonderbar, höchst sonderbar! Hm, hm, wie kann der so reden?! Warum brennt denn aber mein Herz gar so mächtig vor Liebe, so er mit mir spricht? In seiner Stimme liegt eine so unbegreifliche Zaubermacht, daß mir vorkommt, dieser müßte durch die Macht seiner Rede Welten erschaffen und wieder zerstören können! Eine Milde, nie gekannt, dabei aber doch voll wahrhaft göttlichen Ernstes! Wahrlich, wahrlich, wahrlich, ich ahne Großes!
05] O du heilig Wort, auf der Erde noch nie vernommen! O heiliger Klang solcher Rede: "Deine Liebe zu mir wird dir alles verraten!" Ich will ja nur eines, seinen Namen nur will ich. Und er spricht: "Alles! Alles!" Wie endlos größer wohl ist das Alles denn das Eine! Ich wollte ja nur eines: und er spricht: alles!
06] O Lama! Lama! Du großer, heiliger Lama, wie soll ich dies fassen?! Ach, ach, wie herrlich doch ist seine Gestalt, welch erhabenste Majestät in seinen Augen! Es sind wohl die andern zwei auch wunder erhabene Gestalten und scheinen auch sehr weise und mächtig zu sein. Aber wenn ich diesen einen ansehe, da erbrennt mein Herz wie die große Kaiserfackel, die, so sie angezündet wird über dem großen Fackelturme der kaiserlichen Burg, die ganze Stadt erleuchtet heller denn der volle mond.
07] (Sich zu Mir wendend:) Ach, du lieber Freund, ja du göttlicher Freund! Was für Worte hast du zu mir geredet! Wer außer dir kann ihren Sinn deuten? Sie haben in mir tiefe Ahnungen erweckt, und ach - ich kann es dir unmöglich mehr verhehlen - eine Liebe, ja eine wunderbar mächtigste Liebe zu dir, du Herrlichster! Ja, du hast recht, du hast wahr gesprochen: "Deine Liebe zu mir!" Ja wohl, Liebe zu dir, du Herrlichster!
08] Siehe, als ich auf der Erde wandelte in den schönen und großen Gärten, an denen meiner Brüder Stadt so reich ist, da horchte ich oft den leisen Tönen nach, mit denen die Schwäne, die gar lieblichen Anblicks über dem Spiegel eines zierlichen Teiches dahinwogten, die sinkende Sonne begrüßten. Es waren herrliche Töne; aber wie gar nichts waren sie im Vergleiche zur sanftesten Milde des Tones deiner Rede!
09] Oft ging am frühen Morgen ich lustwandeln und nahm meine Windzither mit mir. Sie klang herrlich, wenn der heitersanfte Morgenhauch ihre Saite begrüßte, daß darob mein Herz vor Freude erbebte. Ja, damals wohl erbebte mein Herz - denn damals hatte ich ja deine Stimme noch nicht gehört; jetzt würde Chanchahs Herz die Khalank nicht rühren, seit es erbebte beim Himmelsklang deiner Rede!
10] Ach wie süß klangen einst auch die Worte meiner Mutter, so sie mich rief und sprach: "Chanchah, du mein Leben, komme ans Herz deiner Mutter, die dich mehr liebt denn ihr eigenes Leben!" - Ach, du lieber Freund, in diesem Rufe lag mehr Harmonie, als die Welt sie fassen kann. Wie gar so selig war die muntere Chanchah bei diesem Rufe! Die Erde ward schöner, ward wie verklärt, ja sie ward zu einem Himmelsgarten!
11] Aber, o Freund, du Herrlichster, damals habe ich deiner Rede Klan noch nicht gehört! Oh, wie tief in den Staub sinkt das alles nun zurück so ich dich ansehe und deiner himmlischen Rede Ton in meinem bebenden Herzen vernehme, wie ein heiliges Echo, aus den Himmeln wiederklingend! Ach du Herrlichster, was werde ich beginnen, wenn mein Herz stets ungestümer für dich, ganz ewig allein für dich erbrennt?!
12] Lama, Lama, Du bist wohl groß und herrlich, wo Du bist. Dich soll man wohl mehr lieben denn alles. Aber was kann die arme Chanchah dafür, wenn ihr Herz diesen, sicher Deinen Freund auch, gar so innigst ergriff!
13] Aber du, o Herrlichster, wirst mir doch nicht zürnen, darum ich es wage, dich so mächtigst zu lieben? Kann ich ja doch nicht dafür, daß du meinem Herzen so heilig geworden bist!
14] Man lehrte mich auf der Erde wohl, daß es für die Guten einen Himmel gibt, der noch tausendmal schöner sei denn Peking, die große Kaiserstadt, und erhabener als die Majestät der blauen Berge. Ich aber finde diese Himmelspracht nun ganz leer und finde, daß nie der Himmel höchste Pracht, sondern nur ein Herz dem andern ewig ein Himmel der Himmel bleibt!
15] Ich habe in dir meinen Himmel der Himmel gefunden! Ach möchtest du auch in mir wenigstens so ein kleines Lustgärtchen finden!« - Mit diesen Worten sinkt die Holde Mir zu Füßen.
16] Martin sagt: »O Herr - 'Bruder' wollt ich sagen; hätte Dich bald verraten! - etwas Ähnliches von einer jungfräulichen Weichheit ist mir noch nicht vorgekommen. Das will ich doch Liebe nennen! Da ist unsereiner gerade ein räudiger Ochse dagegen! - Bruder Borem, bei der können wir beide noch hübsch lange in die Schule gehen! Was meinst du?«
17] Spricht Borem voll der höchsten Achtung: »Allerdings, lieber Bruder Martin, in der beseligendsten Gesellschaft des Meisters aller Meister werden wir mit dem Lernen wohl ewig nie fertig werden. Übrigens alle Achtung vor dieser holdesten Chinesin; mit der Zartheit ihrer Gefühle und mit der echt orientalischen Glut ihrer Liebe werden wir es freilich noch lange nicht aufnehmen können. Es ist außerordentlich erfreulich, sie reden zu hören und daneben die Steigerung ihrer Liebe zu betrachten. Überaus beseligend für uns aber ist es zu wissen, wohin ihre nun noch blinde Liebe ihren Zug nimmt! »

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 096 _


_jl.bmar.096. Kapitel
01] Rede Ich: »Redet nur nicht zu andeutend! Wir drei hier wissen es, was und wer wir sind. Aber diese alle sind nun noch viel zu schwach, unsere Wirklichkeit zu ertragen. Daher müßt ihr bei euch sehr behutsam sein, so ihr mit Mir redet. Versteht es, liebe Brüder, wir sind gleich! Ich habe euch das nun in der Stille gesagt, daß diese von allem nichts vernommen haben. So aber wir drei vor allen laut reden, sind wir alle gleich und sind eines: Versteht wohl, ihr wisset schon, warum!«
02] Spricht Martin: »O Bruder, Du - Du - Du aller geliebtester Bruder, wir kapieren die Sache schon! Ich werde da so aufpassen wie die Katze auf eine Maus, daß ich mich ja nicht irgendwo verrede. Nur mußt Du schon noch ein bißchen Geduld mit mir haben, so mir manchmal etwas Dummes herausrutscht. Ich komme mir manchmal wohl schon recht weise vor. Aber wenn Du da bist, kommt mir meine Weisheit schon so dumm vor, daß ich mich selbst aus vollem Halse auslachen könnte. Aber mich freut es dennoch, daß ich es - freilich mit Deiner alleinigen Hilfe nur so weit gebracht habe, wenigstens manchmal etwas Weises hervorzubringen.«
03] Rede Ich: »Ganz gut, lieber Bruder Martin, bleibe du nur, wie du bist, denn gerade so bist du Mir am angenehmsten. Denn siehe, ein rechter Humor des Herzens darf auch in allen Himmeln nicht fehlen! Nun aber müssen wir schon unserer Chanchah wieder unsere Aufmerksamkeit widmen. Martin und Borem, hebt sie auf von Meinen Füßen, denn Ich darf sie mit Meinen Händen noch nicht berühren!«
04] Die beiden tun behende, was Ich ihnen geboten. Chanchah steht noch ganz liebetrunken in unserer Mitte und kann sich kaum fassen, um ihre Gefühle in Worte umzugestalten.
05] Martin spricht dabei: »Aber wie sie in dieser wahrsten Liebetrunkenheit schön ist! Wahrlich, sapprament, wenn eine solche auf der Erde zu sehen wäre, ich glaube, die Menschen würden geradeweg rasend ob des Anblicks solcher Fülle der weiblichen Reize!
06] Über mich aber wundere ich mich nun sehr, daß ich eine so außerordentliche Schönheit zwar wohl mit dem größten Wohlgefallen, aber ohne alle sinnliche Begierde ansehen kann, was bei mir - wie Figura der Merkurianerin und der noch früheren Lämmerherde hinreichend bewiesen hat ehedem nicht der Fall war.
07] Es hat zwar die Berührung dieses weichsten und rundesten Armes mir überaus wohlgetan. Nichts aber habe ich dabei von einer sinnlichen Regung verspürt. Dafür kann ich nur, Du weißt es schon wem, über alle Maßen ewig danken und preisen ohne Ende!
08] (Sich zu Chanchah wendend:) Wie ist dir nun, du allerholdeste Einwohnerin meines vom großen, heiligen, liebevollsten Lama für ewig mir gegebenen Hauses? O rede, rede wieder! Siehe, wir haben dich ja alle überaus sehr lieb und deine schönsten Worte erfreuen ungemein unser aller Herz!«
09] Spricht Chanchah: »Ach, mir ist unendlich wohl! O ihr lieben himmlischen Freunde, ihr Diener Lamas, des Heiligen! Wem sollte es in eurer Mitte nicht endlos wohlgehen? Ist ja doch die Liebe des menschlichen Herzens höchstes Gut. So aber ein Herz Liebe gefunden, wie ich sie hier fand, was sollte da wohl noch übrig sein zu wünschen? Welch höhere Seligkeit als die, welche die Liebe gibt? O Freund, mir ist hier endlos wohl!
10] Nicht wahr, ihr liebsten Freunde, ich werde euch doch wohl nimmer verlassen dürfen? Freilich fühle ich wohl, daß ich euer nicht wert bin, da ich noch eine Menge Makel an mir entdecke trotz dieses herrlichsten Kleides. Aber mein Herz liebt euch und - ich gestehe alles gerne - besonders dich, der du mir deinen Namen nicht sagen wolltest. Und ihr werdet ja dies Herz nicht verstoßen, darum es euch, und besonders dich Namenlosen, so unaussprechlich liebt!«
11] Rede Ich: »O ewig nimmer wirst du von uns entfernt werden! Denn siehe, aller Himmel Grund ist die Liebe, und die Liebe ist auch der Himmel aller Himmel selbst. Wer diese, wie du, in solch großem Vollmaße hat, wie sollte der aus dem verbannt werden können, das da ist sein eigen Wesen? Solche Liebe aber, wie die deinige zu uns, tilgt auch alle Makel der Seele augenblicklich, daß sie dann so rein ist, als wäre sie soeben dem Hauche Lamas entsprossen!
12] Daher kümmere dich fürder nimmer, ob du wohl hier wirst verbleiben dürfen. Denke, daß wir dich ewig als ein besonderes Zärtchen unserer Liebe behalten werden, wohin wir auch zeitweilig nach den zahllos verschiedenen Bedürfnissen dieses Reiches zögen. Ob wir gerade schon für ewig hier in diesem Hause verbleiben werden, das freilich wohl mußt du nicht als ausgemachte Sache betrachten. Denn in des großen Lama Reich gibt es wohl noch gar sehr viele Wohnungen! Aber wohin wir auch zögen, wirst du stets so wie jetzt unter uns sein!
13] Denn siehe, wir lieben dich nun ja auch sehr, als wärest du das einzige Wesen in der ganzen Unendlichkeit, das mit allem Rechte auf unsere vollste Liebe den entschiedensten Anspruch machen kann. Da wir - und verstehst du, holdeste Chanchah, ganz besonders Ich! - dich so sehr lieben, wie möglich könnten wir dich dann von uns lassen? Du bist nun Mein Liebchen für ewig; das sei dir sicherer und gewisser denn dein eigen Leben!«
14] Spricht Chanchah: »O Lama, Lama, wie heilig gut mußt Du sein, da Deine Diener schon so unendlich gut und lieb sind! Aber, ach, du lieber Freund, weißt du, wenn ich dich so recht betrachte, so - ach, es will doch nicht heraus! - ja, ach, so kommt es mir vor, als wenn der Lama unmöglich besser sein könnte, als du es bist! Es wird das vielleicht der einzige Fehler sein, den die Liebe hat, daß sie das, was sie einmal über alles liebt, auch für das Beste und Vollkommenste hält. So halte ich auch dich wenigstens für so gut wie den großen Lama Selbst! Lama wird der armen Chanchah wohl vergeben, wenn sie solches denkt und fühlt?! Denn ich kann ja nichts dafür, daß ich dich so unbegrenzt lieben muß!«
15] Rede Ich: »O Chanchah, Lama hat dir schon längst alles vergeben, des sei völlig gewiß. Denn Lama liebt ja auch Seine Diener so unbegrenzt, daß es Ihm wohl Selbst die größte Freude und Seligkeit macht, wenn sich Seine Kinder, die Seine eigentlichen Diener sind, untereinander ganz ohne Maß und Ziel lieben. Daher fürchte dich ja nicht, als könntest du dich mit deiner Liebe zu Mir beim Lama versündigen. Dafür stehe ich dir mit allen Schätzen der Himmel gut!«
 


_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 097 _


_jl.bmar.097. Kapitel
01] Als Chanchah das vernimmt, spricht sie ganz verlegen: »O du herrlichster Freund meines ganzen Wesens! Du mußt den großen, heiligen, ewigen Lama sicher schon oft gesehen haben und vielleicht auch gar gesprochen, weil du mit einer solchen, mir ganz unbegreiflichen Bestimmtheit von Ihm reden kannst, als wärest du zunächst Sein erster Diener? Ja, ja, es wird schon so sein, sonst könntest du ja doch nicht gar so unaussprechlich lieb sein! Deine Worte hätten die Kraft nicht, die sie haben, als wären es Worte Lamas Selbst!
02] Siehe, es haben ehedem auch deine beiden Freunde geredet, aber ich merkte wenig Kraft in ihren Worten. Nur wenn sie mit dir redeten, da freilich hatten auch ihre Worte einige Kraft. Als der eine aber mit mir redete, verspürte ich keine Kraft in seinen Worten. Daraus aber schließt mein Herz, daß du dem Lama näher bist denn diese beiden. Habe ich nicht recht geurteilt?«
03] Rede Ich: »Ich sage dir: frage nur dein Herz, deine Liebe zu Mir; diese wird dir alles verraten! Nun aber gehen wir auch zu den andern Brüdern, auch sie bedürfen unserer Sorge und Liebe. Du gehe Mir zur Seite, Meine liebste Chanchah!«
04] Spricht Chanchah: »Ach ja, das ist wohl sehr recht und gut, daß auch meiner andern Brüder und Schwestern gedacht wird in euren Herzen; denn besser sind immer die Gastgeber als die Gäste daran. Die Gastgeber können geben, wann sie wollen. Die Gäste aber dürfen erst dann etwas nehmen, so ihnen etwas gegeben wird. Und so sie das Gegebene nehmen, müssen sie es fein artig nehmen und dem Gastgeber viel Ehre antun und ihm die Dankbarkeit nie versagen.
05] Der Gastgeber aber braucht zu niemand bitten kommen, so er aus seiner Vorratskammer für sich etwas nehmen will. Er kann sich nehmen, wieviel er will, wann und was er will. Er hat dabei nicht nötig, für sich alle Höflichkeitsregeln zu beachten, noch braucht er jemanden darum zu ehren und auch niemandem zu danken. Daher sind die Herren im Grunde doch allein nur glücklich zu preisen, darum sie geben können, was und wann sie wollen. Die Empfänger aber sind, wenn auch schon gerade nicht unglücklich, doch stets übler daran, darum sie nehmen müssen, was ihnen gegeben wird.
06] Also gedenke ich auch hier dieser vielen Gäste, zu denen auch ich gehöre. Ihr drei freilich wohl über alles lieben und guten Gastgeber und Herren dieses Himmelshauses habt es trotz eurer unbegrenzten Güte aber dennoch um sehr vieles besser denn alle diese von euch noch so gut gehaltenen Gäste. Denn Herren bleibt stets ihr, diese aber nur Gäste, die in allem von euch abhängen. Und so ist es wirklich sehr recht, daß nun auch ihrer sicher überaus gut gedacht wird.
07] Du, liebster Freund, aber wirst es mir doch nicht zu einem Fehler anrechnen, daß ich nun so geredet habe? Ich hätte gewiß nicht so frei heraus geredet, wenn ich dich nicht gar so unermeßlich lieb hätte. Meine große Liebe zu dir, du mein himmlischer Freund, löst mir die Zunge; und wenn sie gelöst ist, ach, dann geht sie schon, wie sie gewachsen ist!«
08] Rede Ich: »O du zartestes Balsamtröpfchen meines Herzens, rede du nur immer zu, wie dir es dein Herzchen gibt. Uns kannst du wohl ewig nimmer beleidigen, besonders wenn du so weise sprichst, wie du jetzt geredet hast. Denn ich sage dir's, du Holdeste, es ist genau so, wie du nun geredet hast. Es ist wirklich viel leichter, zu geben als zu nehmen. Es ist der kümmerliche Geber im Grunde noch immer besser daran als der beste Nehmer!
09] Aber es läßt sich diese Ordnung ewig nimmer ändern, da unmöglich jedermann ein Herr sein kann. Würden vom Lama aus auch alle Menschen zu Herren gemacht sein, so daß da jeglicher hätte sein Haus und sein gutes Auskommen und niemand den andern zu bitten brauchte, was wäre dann mit der Nächsten- und Bruderliebe, und was mit der Liebe zum Lama? Sieh, diese ginge da rein unter, und doch müßte am Ende der Lama Geber und alle Menschen gebundene Empfänger sein, wie sie es nun sind und ewig sein werden!
10] Damit aber die Nehmer so ungeniert als möglich das Gegebene nehmen können, wird von uns Gastgebern hier stets in so überfließend reichlichster Fülle gegeben, daß jeder Empfänger und Nehmer sich so viel von dem endlos viel Gebotenen nehmen kann und darf, wieviel nur immer sein Herz zu begehren vermag.
11] Ja Ich sage dir, Meine allerliebste Chanchah: es wird hier mit dem Geben sogar so weit getrieben, daß es beinahe in der ganzen Unendlichkeit kein Wesen gibt, dem nicht allzeit tausendfach mehr gegeben würde, als was seines Herzens glühendster Wunsch ewig je begehren könnte! Was meinst du nun, du Meine geliebte Chanchah - sind die Nehmer bei solchen Geberverhältnissen wohl noch für bedauerlich anzusehen?«
12] Spricht Chanchah: »Ach ja, dann freilich wohl sind die Nehmer beinahe noch glücklicher als der Geber. Denn der Geber muß - du wirst mir's wohl vergeben, so ich hier vielleicht wieder zu viel und zu ungebührlich rede - ja doch sehr viel Sorgen haben. Denn er muß denken über Hals und Kopf, wie er seine Vorratskammern so fülle, daß sie selbst durch die steten reichsten Weggaben nicht erschöpft werden können!
13] Ich habe wohl auf der Erde öfter gedacht, wie es doch dem Lama möglich sein kann, für so endlos vieles zu sorgen: für all das Gras, das da wächst allenthalben, für die Gesträuche und Bäume und für all die zahllosen Tiere und Menschen. Aber da sagte mir meine Mutter:
14] "Chanchah, wie denkst du so menschlich von Lama?! Weißt du denn nicht, daß der Lama allmächtig ist und allgegenwärtig mit Seiner Macht? Er, der endlos Weise, darf ja nur wollen, und es geschieht dann sogleich alles, so Er es will, und wann und wie Er es will!"
15] Als die Mutter so zu mir redete, gab ich sehr acht und ward auch bald befriedigt. Aber nun möchte ich von dir, der du ein Diener Lamas bist, erfahren, ob es sich wirklich so verhält mit dem Lama, wie mich die Mutter lehrte.
16] Ist es dem Lama ein leichtes, zu sorgen für all das Unendliche, oder ist es auch für Ihn schwer? Ist es Ihm ein leichtes, dann ist Er ebensogut daran als Geber, wie gut all die zahllosen Empfänger daran sind. Macht Ihm aber solch ein Sorgen für unendliche Bedürfnisse der zahllosen Myriaden doch manchmal bedeutende Schwierigkeiten, da wäre Er bei Seiner unbegrenzten Freigebigkeit wirklich sogar zu bedauern! - O sage es mir, du mein geliebtester Freund, so du darin nähere Kenntnisse besitzest!«

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 098 _


_jl.bmar.098. Kapitel
01] Rede Ich: »O du Meine allerliebste Chatchau! Das kann Ich dir in aller Kürze sagen, und so höre! Siehe, da Ich den Lama so gut kenne, wie Er Sich Selbst kennt, so sage Ich dir: Was da das Hervorbringen und Schaffen betrifft, so ist das dem großen Lama wirklich etwas dir kaum begreiflich Leichtes. Denn Er braucht zu einer einmal gefaßten Idee nur aus Seinem Willen zu sagen: 'Es werde' und es ist dann schon alles da, was Er will! Ungefähr also - gib nun recht acht! -, als so Ich nun in Mir denke, daß hier vor uns ein schöner Baum stehe, mit den besten Früchten erfüllt! Oder stelle du dir so einen Baum vor, z. B. einen sehr schönen Feigenbaum. Hast du ihn schon?«
02] Spricht Chanchah: »Ja, ja, ich denke mir nun einen, wie da einer stand in dem Garten meiner Eltern!«
03] Rede Ich: »Nun gut, gib nun acht! Ich denke Mir nun auch denselben Baum und sage gleich dem Lama nun zu diesem gedachten Baume: 'Werde!' Sieh, der Feigenbaum steht nun schon vor uns samt ganz reifer, wohlgenießbarer Frucht!
04] Siehe nun, wie leicht es Mir war, dir hier ein lebendiges Beispiel zu stellen, ebenso leicht ist es dem Lama, Eines wie Unendliche zu erschaffen. Aber nicht so leicht ist es dem Lama, die Menschen so zu gestalten, daß sie ebenso frei und vollkommen würden, wie Er Selbst es ist. Dazu gehört schon etwas mehr als die bloße Allmacht; aber wenn das auch schwerer ist, so ist dennoch dem Lama alles möglich!
05] Nun, Meine allerliebste Chanchah, verstehst du nun Meine Erklärung? Diesen Feigenbaum aber schenke Ich dir für immer; er wird dir ewig nimmer verdorren, sondern wird dir stets die reichsten und besten Früchte tragen!«
06] Chanchah ist ganz verblüfft, kann vor lauter Staunen kein Wort herausbringen und betrachtet bald Mich, bald wieder den Feigenbaum. Dies Wunder aber zieht auch sogleich alle Gäste herzu, so daß wir nicht not haben, uns zu ihnen zu bewegen; alle sind voll Staunens.
07] Auch Bischof Martin betrachtet ganz überrascht den Baum und spricht: »O Bruder, wohl weiß ich, daß es Dir ein leichtes ist, einen solchen Baum hervorzubringen. Aber dennoch hat es mich ganz absonderlich überrascht, als Du ihn gar so plötzlich hier entstehen ließest!
08] Ja, ich muß gestehen, es ist wohl eine sonderbar schöne Sache um so ein bißchen Allmacht. Aber was kann unsereiner dafür, daß er sie nicht hat und auch nicht haben kann, weil er noch viel zu dumm dazu ist! Im Grunde ist es aber auch gut, daß ein dummer Geist - wie z. B. der meinige - keine Allmacht besitzt. Denn besäße ich so etwas, da wäre es aus bei mir! Du, herrlichster Bruder, würdest Dich Selbst verwundern über die selten dümmsten Gebilde, mit denen ich bald einen ungeheuren Weltenraum anfüllen würde! O Herr, da gäbe es Karikaturen, die ihresgleichen suchten!
09] Daher ist es vollkommen recht, daß der weiseste Lama solche Allmachtsfähigkeiten nur jenen erteilt, die der himmlischen Weisheit vollkommen mächtig sind, wie es bei Dir in überaus hohem Grade der Fall ist! Daß bei Dir aber demnach das Geben offenbar leichter sein muß als das Nehmen, wird etwa doch klarer sein als auf der Erde die hellste Mittagssonne? Denn mit dem Nehmen hätte es bei Dir - meinen Begriffen nach - ohnehin einen ganz absonderlichen Anstand, indem (ganz leise) ja ohnehin alles Dein ist!«
10] Rede Ich: »Nicht so laut, Mein liebster Bruder Martin! Du kommst immer tiefer. Bedenke, daß da noch andere zugegen sind, die noch nicht auf deiner Stufe stehen! Anfangs hast du schon recht geredet; aber gegen das Ende wärst du bald zu weit gegangen, und das hätte dieser Gesellschaft auf eine geraume Weile schaden können! Daher nimm dich nur recht zusammen, sei klug wie eine Schlange, dabei aber sanft wie eine Taube! Nimm dir nur immer Borem zum Muster, der ist hier ganz an seinem Platze und beachtet genau die himmlische Klugheit. Tue du auch so, und wir werden mit diesen Gästen leicht vorwärtskommen!«
11] Bischof Martin: »Oh, ich danke Dir für diesen guten Rat, ich werde ihn sicher genau befolgen! Aber da siehe nun die Chanchah an, wie sie Dich nun mit einer Aufmerksamkeit betrachtet, von der mir früher nichts Ähnliches vorgekommen ist!«
12] Rede Ich: »Gut, gut ist das, lassen wir sie nur ihre Beobachtungen machen; sie führen ihren Geist näher zu Mir! Bald wird sie mit allerlei Fragen fertig sein, auf die wir ihr vollauf werden eine geraume Weile zu antworten haben. Sieh, ihr Mund macht schon einige Bewegungen. Daher frage du als Hausherr zuerst, wie sie mit dieser Erklärung zufrieden ist, das andere wird sich dann schon von selbst machen!«
13] Bischof Martin befolgt sogleich Meinen Rat und spricht zur Chanchah, die noch immer vor Verwunderung ihren Mund nicht in die rechte Sprechverfassung bringen kann: »Holdeste Chanchah, sage uns doch einmal, wie du mit dieser Erklärung zufrieden bist, und ob du sie wohl in allen Teilen gut und klar verstanden hast! Du mußt dich ob dieses Wunders hier nicht gar so sehr erstaunen, denn hier sind derlei Erscheinungen eben nichts Seltenes. Mit der Weile wirst du dich daran schon mehr und mehr gewöhnen.
14] Siehe, es ist mir im Anfang auch um kein Haar besser gegangen. Wenn du wüßtest, was erst mir während meines Hierseins alles für Wunderdinge begegnet sind, ich sage dir, du würdest dich gerade umkehren vor lauter Staunen!
15] Weißt du, meine liebste Chanchah, das ist nur so ein kleines Hauswunderchen. Es dient dir bloß nur als eine beispielsweise Belehrung über deine früheren Fragen, die du an meinen Bruder gestellt hast. Habe aber nur Geduld, es wird mit der Weile noch endlos dicker werden!«
16] Spricht Chanchah: »Ach, du lieber Freund, du hast hier leicht reden, so du an derlei Erscheinungen schon gewöhnt bist. Aber unsereins kommt beim ersten Anblick einer solch außerordentlichen Erscheinung außer aller Fassung - und muß es auch. Denn wo in der Welt hat man je so etwas gesehen?!
17] Wenn du zu mir nicht gar so beschwichtigend geredet und mir in gewisser Hinsicht eine andere Uberzeugung beigebracht hättest, so hätte ich deinen Freund und Bruder, der sich nun mit meinen Landesbrüdern bespricht, so wahr ich lebe, für den Lama Selbst gehalten! Aber weil, wie du gesagt hast, derlei Wunder hier gerade nichts Seltenes sind, bin ich nun wieder etwas beruhigter und liebe diesen Bruder noch inniger als zuvor.
18] Denn obschon er sonach nur dein Bruder ist, sieht er dennoch viel göttlicher aus als du und hat solches auch durch diese Kleinschöpfung bewiesen. Ich hatte wohl auch von dir sehr viel, aber ich zweifle sehr, ob du so eine Kleinschöpfung zuwege brächtest? Was meinst du darob?«
19] Spricht Martin: »Ja - du - meine allerliebste Chanchah, weißt du, wenn es gerade sein müßte - wer weiß es, vielleicht doch auch!? Aber so ich mich etwa mit solch einem Wunderwerk gewisserart nur produzieren wollte etwa des Ruhmes wegen - da säße ich unfehlbar zwischen zwei Stühlen auf der Erde und müßte mich dann schämen wie ein erwachsener Bettpisser - vorausgesetzt, daß du weißt, was bei uns ein Bettpisser ist?«
20] Spricht Chanchah: »O rede nur weiter, ich verstehe dich schon! Bei uns heißen derlei Naturschwächlinge 'Lagerfeuchter' (Tschimbunksha). Sie müssen tags darauf das angefeuchtete Lager den ganzen Tag auf einem öffentlichen Platze hüten, wobei sie sich auch gewöhnlich sehr stark schämen müssen. Du siehst nun, daß ich dich verstehe. Rede darum nur ungestört fort und sage mir alles, was du mir zu sagen hast!«
20] Spricht Martin: »Hm, ja, hm, jaaaa! - was wollte ich denn so ganz eigentlich sagen? Ja richtig, ja, so ist es: es war die Rede wegen Wirkung eines Wunders! Richtig, ich habe den Faden schon wieder! Weißt du, allerholdeste Chanchah, so ganz eigentlich kann nur der große Lama Wunder wirken, wann und wie und wo Er will. Wir, Seine Diener, aber nur durch Seine Zulassung, so es nötig ist. So hat auch mein Bruder hier dies Wunderwerkchen gewirkt, weil es zu deiner Belehrung nötig war, ansonsten Er auch keines gewirkt hätte - was aber auch bei Lama Selbst der Fall ist. Auch Er wirkt vor unsern Augen fast nie ein Wunder, weil es da nicht nötig ist, wo wir ohnehin Seine leisesten Winke verstehen! - Verstehst du mich, liebste Chanchah?«

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 099 _


_jl.bmar.099. Kapitel
01] Sricht Chanchah: »O ja, ich verstehe alles, was du sagst! Aber weil du soeben von des großen Lama leisestem Winke geredet hast, den du ohne ein Wunder alsogleich verstehst: sage mir dann, wie der große Lama dir und deinen Brüdern winkt, daß ihr Seinen sogar allerleisesten Wink sogleich wahrnehmt und dann sicher sogleich befolgt! Ihr müßt also den großen Lama ja sehen, sonst könnte Er euch doch unmöglich winken oder doch wenigstens hören und so Seine Winke vernehmen?! Seht oder hört ihr Ihn, da sage mir, wie ihr Ihn seht oder hört, daß ich mir von Ihm doch irgendeine Vorstellung machen kann!«
02] Spricht Martin, etwas verlegen: »O meine allerliebste, holdeste Chanchah, das ist eine sehr kitzlige Frage! Wenn ich sie dir auch beantworte, so wirst du sie doch sicher nicht verstehen. Daher wäre es fast besser, so du mir die Antwort auf diese Frage erlassen möchtest, da sie für diesen Augenblirk weder mir noch dir nützen kann!«
03] Spricht Chanchah: »O Freund, das Handeln um den Preis eines Gutes kann wohl bei euch zu Hause sein; uns Chinesen aber ist so etwas fremd. Jede Ware, die wir feilbieten, hat ihren bestimmten festgesetzten Preis. Wer sie feilbietet, der muß sie auch verkaufen und davon dem Kaiser den Verkaufszins geben. Verkauft der Feilbieter die Ware nicht, ist das ein Beweis, daß er sie zu hoch geschätzt hat und Wucher treiben wollte, wofür er dann auch der bestimmten Züchtigung nicht entgeht.
04] Ebenso muß auch jedermann beim Reden sich sehr zusammennehmen und ja nichts sagen zur Hälfte und die andere Hälfte schuldig bleiben, entweder aus Furcht oder Unkenntnis. Denn für beides wird er gezüchtigt, da es eines Menschen unwürdig ist, entweder sich zu fürchten, wo keine Furcht vonnöten ist, oder gar aus sich mehr machen zu wollen, als man ist.
05] Siehe, ich bin eine strenge Chinesin und erlasse dir nichts, was du mir durch deiner Rede Gang gewisserart verheißen hast! Denn wer bei uns durch seiner Rede Gang jemandem zu einer Frage Anlaß gibt, der muß die Frage auch beantworten. Sonst ist er mit seiner ganzen Rede entweder ein Prahler - soviel wie ein Lügner -, oder er ist ein unfähiger Feigling und kennt das selbst nicht durchaus, von dem er geredet hat. Willst du von mir nicht für eins oder das andere gehalten sein, da gib mir eine volle Antwort auf meine Frage, und das ohne allen Vorenthalt!«
06] Bischof Martin ist nun sehr verlegen und weiß nicht, was er tun soll. Denn gibt er ihr die rechte Antwort, da muß er Mich verraten vor der rechten Weile. Antwortet er aber nicht, erklärt sie ihn vor allen Gästen für einen Lügner oder einen Dummkopf und Feigling, was ihm auch nicht angenehm wäre, da er sich so ganz heimlich als Hausherr etwas zugute dünkt. Er geht daher zu Mir und fragt Mich, was er nun in dieser Lage tun solle.
 


_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 100 _


_jl.bmar.100. Kapitel
01] Rede Ich: »Habe Ich dir nicht Borem zum Muster gestellt? Warum mußt du denn in einem fort plaudern und reden für nichts und wieder nichts! Jetzt, da du dich in eine Klemme hineingeredet hast, möchtest du dich wieder mit Ehren aus derselben ziehen. Aber siehe, es wird sich die Sache nicht so leicht machen als du glaubst!
02] Die Chinesin ist nun durch Mein notwendiges Wunderwerk und durch deine Reden überaus erregt. Ihr Herz wittert Meine Nähe und ihr Geist wird wacher und wacher. Du hast ihr noch dazu durch das Definieren, wie du Lamas Winke selbst von der leisesten Art sogleich verstehst, Kopf wie Herz in einen noch heftigeren Brand versetzt. Was wunder, daß sie dich nun auf Mord und Brand angeht? Aber selbst schaffen, selbst dulden!
03] Ich habe dir schon einmal bemerkt, daß uns diese Chinesen noch manches werden zu schaffen machen, aber da sahst du die Sache nicht ein. Da du nun aber durch deine Wichtigtuerei die kritische Sache vor der Zeit herbeigeführt hast, so fechte nun als ein Mann. Und siehe zu, die Sache mit der Chanchah wieder ins Gleichgewicht zn bringen, während Ich diese übrigen hundert Chinesen bearbeite; sind diese in der Ordnung, dann werde Ich schon auch mit Chanchah wieder rechte Ordnung machen! Gehe nun und tue also!«
04] Martin kratzt sich nun hinter den Ohren und sagt nach einer Weile: »O Du mein H- -, oha, hätte mich bald wieder verschnappt! O Du mein Bruder, wenn es Dir nichts macht und ich tun darf nach meinem Gutdünken - freilich unter Deinem geheimen Einflusse -, da werde ich mit dieser Chinesin wohl bald und leicht fertig werden!«
05] Sage Ich: »Tue, was und wie du willst; aber diese Chinesin mußt du Mir auf jeden Fall wieder in die Ordnung bringen!«
06] Spricht Bischof Martin: »Ja, wenn so, Du mein H- - Bruder, wollt ich sagen -, da werde ich die Sache mit der Chanchah schon ausfechten. Ich bin nur froh, daß ich nun ein bißchen mehr Mut bekommen habe, ohne den es mir wohl recht schlecht hätte ergehen können!«
07] Spricht Borem: »Bruder, sieh nur zu, daß dir am Ende der Mut nicht zu kurz wird! Ich schmecke schon im voraus den Braten und wünsche nur, daß du nicht den kürzeren ziehst! Mit den Chinesen, in denen ein stoischer Geist herrscht, ist der Umgang sehr kitzlig; denn wo du eins sagst, da haben sie hundert dawider! Verstehst du das?
08] Diese Chanchah ist zwar ein selten reines Wesen voll echt morgenländisch feuersprühender, Ambra-Äther duftender Anmut. Aber eine Chinesin ist sie im vollsten Sinne des Wortes dennoch bei alledem. Sei daher außerordentlich vorsichtig mit jedem Worte, sonst wird sie dir zur unerträglichen Laus in deinem Rocke, und du wirst zu tun haben, sie auf eine gute Art loszuwerden!«
09] Spricht Bischof Martin: »Ja, was soll ich aber tun? Etwas muß doch geschehen? Aber was, das ist freilich eine ganz andere Sache! Ich will es doch versuchen und sehen, ob ich sie nicht nach der Anforderung (leise) des Herrn in die Ordnung bringen kann!«
 


_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 101 _


_jl.bmar.101. Kapitel
01] Bei diesen Worten klopft ihn schon Chanchah auf die Achsel und spricht: »Nun, du Diener Lamas? Wie lange läßt du die arme Chanchah harren auf eine rechte und bestimmte Antwort, nach der sich ihr Herz mächtiger sehnt als ihre Seele nach tausend Leben!
02] O Freund, so ich hätte tausend Herzen und wäre das schönste Wesen, das je unter den Strahlen der Sonne wandelte: dein sollen alle Herzen sein, und mein schönstes Augenpaar soll nimmer von dir abgewandt werden, so du mir die Wahrheit sagst auf das, was du mir zur Antwort zu geben schuldest. Ich aber habe nur ein Herz; dies eine Herz aber soll dich lieben wie tausend Herzen, so du mir ein wahrer Freund bist und mir zeigst den großen Lama entweder in Worten oder womöglich in der Tat. Aber wehe dir, so du wagst zu berücken mein Herz, das dich so unermeßlich lieben will!
03] Es ist wahr, ich liebe deinen herrlichsten Bruder mit einer dir unbegreiflichen Glut. Aber alle diese Glut soll dir zugewandt sein, so du mir ein wahrer Freund sein wilist und sein kannst! Auf mein Wort kannst du bauen fester denn auf diamantene Felsen!«
04] Martin ist ob solcher Rede ganz verdutzt. Er sieht die ganz unbegreiflich schöne Chinesin wie versteinert an und denkt und simuliert, was er nun tun oder reden soll. Nach einer ziemlich langen Weile sagt er zu ihr:
05] Bischof Martin »O du holdeste und außerordentlich schöne Chanchah! Wärest du nicht so unbegreiflich schön, ich hätte schon so manches gesagt. Aber wenn ich dich ansehe, da bin ich rein weg vor Verwunderung und Liebe zu dir und kann nicht reden. Ich muß dir daher offen gestehen, daß ich so lange zu dir nicht viel Gescheites werde reden können, bis sich meine Augen an deinen Anblick werden mehr gewöhnt haben.
06] Du hast freilich leicht reden und auch drohen, denn mein Anblick wird dich sicher nicht verwirren. Mir aber geht es absonderlich schlecht mit meiner Zunge, so sie von deiner zu großen Schönheit rein vernichtet wird und dann gänzlich erlahmt, wenn ich mit dir reden soll. Daher mußt du schon ein bißchen Geduld mit mir haben. Nach und nach wird sich schon alles machen, so ich mich an deine Schönheit werde mehr gewöhnt haben.«
07] Spricht die Chanchah: »Wenn das der Grund ist, da sage mir: wie war es dir denn nur möglich, mit mir so gut geordnet zu reden und mir einen rein aus der Luft gegriffenen Grund aufzutischen, aus dem du mit mir über das Gefragte nicht reden kannst?
08] Siehe, dem die Liebe die Zunge bindet, der redet wie ein Betrunkener und stottert und seine Rede hat keinen Sinn. Denn eine verlegene Zunge hat keine Wurzeln, die aus der Quelle der Weisheit ihre Bewegung saugen. Deiner Zunge Wurzeln aber sind voll der regsamsten Feuchte. Daher rechtfertige dich vor meinem Herzen wie ein Mann, aber nicht wie ein losester Schalk! Was ich dir sage, ist so wahr wie mein innerstes Leben. Wie kannst du da nur aus deiner Haut und nimmer aus deinem Herzen zu mir reden?«
09] Bischof Martin wird nun noch verlegener und weiß keine Silbe irgend ausfindig zu machen, um seiner schönen Gegnerin zu begegnen. Er fängt daher wirklich allerlei Wort- und Silbenwerk zu stottern an, dahinter kein Sinn zu entdecken ist. Je länger er so stottert, desto größere Augen macht die Chanchah und schmunzelt mitunter auch ganz mitleidig. Nach einer Weile, als ihr des Martin Stotterei schon zu toll wird, spricht sie:
10] (Chanchah:) »Freund, ich bedauere dich; denn du bist entweder ein schlauer Fuchs oder ein dummer Esel - eines schlechter als das andere! Ich hatte dich aber dennoch mehr fürs letzte denn fürs erste. Und das entschuldigt auch deine frevelhafte Angabe, als seist du auch ein Diener des großen Lama. Wahrlich, so sich Lama solcher Diener bedienen würde, da wäre Er samt solchen Dienern sehr zu bedauern!
11] Siehe, ich habe von dir ehedem wohl so einige ziemlich weise Worte vernommen und dachte wirklich, du wärest im Ernste etwas Höheres. Das zu glauben zwang mich auch deine prahlende Hauptbedeckung, wie auch, daß du jenen wahrhaft Weisen deinen Bruder nanntest. Nun aber bin ich über dich ganz im klaren! Du bist ein sogenannter guter Esel, der hier im Himmelreiche bloß vegetiert, weil er auf der Erde wohl sicher zu dumm war, je eine Sünde zu begehen. Und so bist du wohl so eine gutmütige Eselsseele, die niemandem etwas zuleide tut und als ein Geschöpf Lamas auch alle Achtung verdient. Aber man kann von dir nicht mehr verlangen, als was der große Lama in deine Natur gelegt hat. Du wirst mir aber auch vergeben, daß ich von dir mehr haben wollte, als von dir zu haben ist! Ich erlasse dir sonach jede ehedem von dir verlangte Beantwortung!
12] O du armer Esel du, wie leid tut es mir nun, dich so geängstigt zu haben! Du hast hier freilich wohl die Menschengestalt, die im Geisterreiche etwa alle Tiere bekommen, weil sie nur verwunschene Menschen freilich dümmster Art sind. Aber darum bist du dennoch, was du sicher auf der Erde warst. Sei daher nur wieder gut, mein armer, dummer Esel! Wie leid tut es mir nun, daß ich dir ehedem menschliche und wohl gar himmlische Weisheit zugemutet habe! Gelt ja, du mein lieber Esel, du nimmst es mir nicht für übel?«
13] Bischof Martin sieht nun ganz springgiftig aus und möchte der Chinesin gerne so recht derb ums Maul fahren, wie man zu sagen pflegt. Aber weil er sich dadurch der lästigen Beantwortung enthoben sieht, schluckt er alle diese Komplimente hinab und entfernt sich ganz bescheiden von seiner Chanchah, die ihn aber dennoch nicht aus den Augen läßt.

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 102 _


_jl.bmar.102. Kapitel
01] Borem tritt zu ihm und spricht: »Bruder Martin, wie geht es dir nun mit deinem Mute? Ist er dir schon zu kurz geworden, oder wird er dir erst zu kurz werden?«
02] Spricht Bischof Martin: »Ach, geh, das ist ja rein zum Durchgehen! Bei diesen Chinesen scheint wohl noch so manches der altasiatischen Poesie geblieben zu sein, das ist aber auch alles, was sie von einer geistigen Bildung innehaben. In allem übrigen aber sind sie höchst sicher das dümmste Volk der ganzen Erde. Kaffern, Hottentotten, Madagaskaresen, Australier und Neuseeländer müssen gegen diese Glattköpfe ja wahre Platos und Sokratesse sein!
03] Stelle dir vor - was meinst du, lieber Bruder, wofür mich nun diese Holde Pekings hält? Ach, es ist wirklich lächerlich toll! Höre, für nichts mehr und weniger als platterdings für einen wirklichen Esel! Nicht etwa nur für einen allegorischen, sondern ganz im vollsten Ernste für einen wirklichen Esel! Erlaube mir, Bruder, das ist denn doch etwas zu stark!«
04] Spricht Borem: »Allerdings ist das etwas Starkes, einen Hausherrn - und sogar einen himmlichesn Hausherrn für einen wirklichen Esel zu hatten! Aber da mache du dir nur gar nichts daraus. Denn nur auf diese Art konntest du ihre Anforderung an dich vollends loswerden. Und das hast du nur dem Herrn zu verdanken, der allein diese Sache so gewendet hat zu deinem und der armen Chanchah Bestem. Sei du daher nur ruhig und stecke alles geduldig ein, was dir zuteil ward; nach der rechten Weile wird sich schon alles wieder ausgleichen.
05] Weißt du, liebster Bruder Martin, bilde dir in Zukunft auf deine Hausherrlichkeit nichts ein, so wirst du ums Hundertfache leichter fortkommen und alles leicht ertragen. Auch mit dieser Chanchah wirst du leichter überorts kommen.«
06] Spricht Bischof Martin: »Ja, du hast recht! Ich sehe nun ein, daß ich da nimmer Hausherr sein sollte, wo der Herr eingezogen ist. Aber es kitzelt einen manchmal noch gewaltig danach, so ein bißchen was zu sein! Ich sehe es nun ganz ein, es ist das Allerbeste, gar nichts zu sein!
07] Wegen der dummen Beschimpfung von Seite dieser Chinesin aber bin ich nun schon wieder in vollster Ordnung, d. h. ich habe ihrer Dummheit alles verziehen. Aber daß ich weisermaßen mich mit ihr für die Zukunft eben nicht zu viel abgeben werde, dessen kannst du völlig versichert sein. Denn da ich schon einmal als ein Esel deklariert wurde, werde ich als solcher auch nicht zum zweiten Male aufs Eis gehen!«
08] Spricht Borem: »Bruder, du hast schon recht, aber rede nur nicht zu laut. Denn die Chanchah gibt nun auf jede deiner Bewegungen und Mienen mit den schärfsten Augen acht. Weißt, es ist in ihr durchaus nichts Böses, aber dafür ein desto größerer Drang, über das Heer von Mysterien ihres Landes hier im Geisterreiche ins klare zu kommen. Darum bietet sie denn auch alles auf, um hier wenigstens über den wichtigsten Punkt ihres Glaubens ins klare zu kommen.
09] Wie diese Chinesin, so pflegen sich alle jene Menschen hier zu benehmen, in deren Lande auf der Erde oft die krassesten und zahllosen Geheimnisse bezüglich des Hierseits zu Hause sind. Das ist an und für sich eine sicher sehr löbliche Eigenschaft dieser Menschen. Aber man muß mit ihnen dennoch äußerst behutsam zu Werke gehen. Sie gleichen sehr ausgehungerten Menschen auf der Erde, denen man auch nicht gleich anfangs gestatten darf, sich aus einer Schüssel nach dem großen Appetit vollsatt zu essen, sondern erst nach und nach, weil sie sonst an ihrer Gesundheit großen Schaden erleiden würden.
10] Es ist allerdings wahr und löblich, daß diese auf der Erde in großer Finsternis gehaltenen Menschen einen nun hier unmäßigen Hunger und Durst nach endlicher Enthüllung ihrer zahllosen Geheimnisse haben. Aber alle diese Geheimnisse, durch die eben dieser Menschen Phantasie und Dichtergabe im höchsten Grade genährt ward, sind bei ihnen mit solchen Bildern und Ideen ausgestattet, daß sie zur inneren Schöpfung geworden sind und nahezu völlig ihr gesamtes Wesen ausmachen.
11] Würde man ihnen hier gleich mit dem reinsten Lichte kommen, würde sie dieses völlig vernichten, da es ihr eigenes Wesen so gut wie völlig auflösen möchte. Daher muß man mit ihnen beinahe so verfahren wie mit einem alten, schadhaften Hause, wo man auch nur teilweise mit Ausbesserungen zu Werke gehen muß, will man das Haus nicht mit einem zu allgemein kräftigen Angriffe vollends zerstören. So aber ein Haus zerstört ist, ließe sich freilich ein neues in gleicher Form erbauen mit ganz neuen Bestandteilen. Aber mit einem Menschen geht es nicht: da müssen alle seine Bestandteile verbleiben, ansonsten er vollends aufhört, ein und derselbe Mensch zu sein.
12] Ich hoffe, du hast mich nun verstanden, und so sei nun nur auf deiner Hut. Rede und tue besonders mit diesen Chinesen nichts, als was der Herr mir und dir anzeigen wird, so wird alles in der besten Ordnung gehen. Auch mußt du den Herrn wie auch mich vor diesen Menschen nichts laut fragen, sondern bloß nur im Herzen. Es wird dir dann schon ins Herz die Antwort gelegt werden gleichwie mir. Auch ich frage fortwährend den Herrn, was hier und da zu tun ist. Und der Herr zeigt mir dann auch augenblicklich an, was ich zu tun und nötigenfalls auch laut zu reden habe!
13] Gib nun nur acht, die Chinesin naht sich dir. Denke nicht, was du reden möchtest, sondern frage nur im Herzen sogleich den Herrn, und Er wird es dir sogleich ins Herz legen, was du zu reden hast! Nun weißt du alles; handle darnach, so wird alles gut gehen. Aber beleidigen darf es dich in keinem Falle, so du von der Chanchah noch einige Male als ein wirklicher Esel begrüßt werden wirst!«

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 104 _


_jl.bmar.104. Kapitel
01] Chanchah tritt nun vor Bischof Martin hin, lächelt ihn liebfreundlich an und spricht mit einer gar überaus freundlichen und dabei wahrhaft jungfräulich zart bebenden Stimme: »Liebster Freund, du hast dich ehedem ganz stillschweigend von mir entfernt, als ich dir meine sicher sehr zu entschuldigende Mutmaßung über deine Wesenheit vorhielt, da du mir keine Antwort gabst auf meine Frage. Ich schließe daraus, daß dich meine Mutmaßung sicher mächtig beleidigt hat? Ist das der Fall, so vergib mir, nachdem du mich zuvor nach deinem Wohlgefallen zur Genüge wirst gezüchtigt haben. Sei mir dann nur wieder gut, denn ich gebe dir die heiligste Versicherung, daß ich dich darauf um gar nichts fragen und dich noch weniger je mit einem Blick oder Wort beleidigen werde.
2] Meines Landes Glaube und Sitten, für die ich nicht kann, sind von der Art, daß man die in ihrem Verstande etwas einfachen Menschen für Tiere hält. Ich habe hier eine solche Entdeckung an deinem Verstande zu machen geglaubt und hielt dich demnach auch für ein Tier. Ich aber habe mich nun dagegen überzeugt, daß du das bei weitem nicht bist, für was ich dich törichtermaßen hielt.
03] Ich bereute sogleich meinen Irrtum und wollte dir zu Füßen fallen. Aber da ich sah, wie du mit deinem Bruder sicher etwas Wichtiges zu reden hattest und ich dich nicht stören wollte, so wartete ich, bis du dich selbst von diesem Bruder würdest entfernen. Da nun aber der von mir sehnlichst erwünschte Moment eingetroffen ist, so tue ich nun, was ich lange schon hätte tun sollen: ich falle dir zu deinen himmlischen Füßen und bitte dich um eine gerechte Züchtigung und darauf um Vergebung aller meiner Schuld an dir, du herrlicher Großbürger aller Himmel!« Mit diesen Worten fällt sie dem Martin zu den Füßen.
04] Martin aber, ganz gerührt von der anmutigsten Bittstellerin, spricht: »O du rein himmlische Chanchah, ich bitte dich, stehe nur gleich auf! Was fällt dir denn ein! Ich - dich - du Himmlische - züchtigen? Ich, der ich dich vor lauter Liebe gerade aufessen oder ganz in mein Leben hinein verdrücken möchte! Glaubst denn du, ich sei etwa auch so ein unbarmherziger Chinese? Oh, davor behüte mich ewig der große, heilige, wahrhaftigste Lama! Stehe nur schnell auf, denn so kann ich dich keine Minute lang sehen, du meine himmlische Chanchah!«
05] Chanchah steht nun schnell wieder auf und spricht: »O du lieber Freund, in deinem Lande müssen doch viel bessere Menschen sein als in dem großen Reiche, in dem ich zur Erde geboren ward. Denn siehe, bei uns geht es mit dem Vergeben einer angetanen Beleidigung eben nicht so leicht, wie du es mir so übergut gezeigt hast.
06] So man bei uns jemanden beleidigt hat, heißt es dann, sich vor ihm aufs Angesicht niederwerfen und den Beleidigten dadurch um die Vergebung der Beleidigung anflehen, daß man ihn zuerst um eine gerechte Züchtigung, ja bei schweren Beleidigungen sogar um den Tod bittet und darauf erst um die Nachlassung der Schuld. Denn sie sagen und glauben dort alle: Eine Beleidigung kann man nur durch eine körperliche Gegenbeleidigung vollkommen wieder gutmachen. Ist dadurch die Beleidigung ausgeglichen, dann erst kann der Beleidiger seinen beleidigten Züchtiger bitten, ihm auch im Herzen zu vergeben.
07] Siehe, also sieht es bei uns aus! Daher darf es dir auch nicht zu wunderlich vorkommen, so du an mir vielleicht noch so manches entdecken wirst, was mit deines Landes Sitten nicht im Einklang stehen wird. Denn bei uns sind die Gesetze sehr alt und unendlich streng. Wehe dem, der es da wagen würde, diese uralten Gesetze auch nur im geringsten mildernder auszulegen, indem das noch ganz unverändert dieselben Gesetze wären, die der Lama Selbst dem ersten Menschenpaare aus den Himmeln erteilt habe.
08] Aber weißt du, liebster Freund, bei euch hier sind die Gesetze sanft und liebevoll. Da brauche ich mich, nachdem ich wahrscheinlich ewig nichts mehr werde mit den Gesetzen meines Landes zu tun haben, auch sicher nimmer darnach zu halten haben. Ich werde mich daher nach euren Gesetzen richten und werde da sicher nie fehlen! Was meinst du in dieser Hinsicht?«

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 105 _


_jl.bmar.105. Kapitel
01] Spricht Bischof Martin: »O meine geliebte Chanchah, ich meine, da wirst du ganz recht haben. Nur muß ich dir hier offen bekennen, daß wir Bürger der Himmel eigentlich gar keine Gesetze haben, sondern völlig gesetzlos ein allerfreiestes Leben in Gott, unserm Herrn, dahinleben. In Gott, dem Herrn, dahinleben aber heißt - in aller Liebe leben ewig. Die Liebe macht alles frei und kennt außer sich selbst kein Gesetz. Daher haben wir hier auch kein Gesetz als allein das der Liebe, welches Gesetz aber kein Gesetz ist, sondern nur die ewige vollkommenste Freiheit aller Wesen. Verstehst du das?«
02] Spricht die Chanchah: »Ja, ich verstehe es und bin nun überfroh, daß ich solche gute Lehre verstehe. Wenn die Liebe - auch wo sie ganz geheimgehalten werden muß - ein liebendes Herz schon so über alle Maßen glücklich macht: wie glücklich müssen da erst jene sein, die unter dem alleinigen Szepter der Liebe stehen und kein anderes kennen. Ja, ja, die Liebe, die Liebe - wo die Gesetz ist, da freilich müssen alle Menschen unter solch einem Gesetze in aller Seligkeiten höchster sich befinden!
03] Was nützt einem Menschen aller Glanz der Sonne, so ihm ihre Wärme fehlt? Wozu alles Gold und Edelsteine, wenn in ihren Besitzern kalte steinerne Herzen eisknisternd pulsen? O Freund, du hast mir nun etwas Heiliges gesagt. Ich beginne schon zu merken, was dein mir über alles teurer Freund damit hat andeuten wollen, als er zu mir sagte: "Deine Liebe zu mir wird dir alles verraten!" Ja, ja, diese Liebe hat mir nun schon viel verraten und mein Herz sagt es mir, sie wird mir noch viel mehr verraten!
04] Ich liebe euch aber auch mit aller Glut der Mittagssonne, und ganz besonders jenen, der mir noch seinen Namen schuldig ist. Du mußt mir schon vergeben, daß ich jenen, deinen Freund und Bruder, viel lieber habe als dich. Ich weiß zwar nicht warum, da er im Grunde nicht schöner ist denn du und dein Bruder Borem und hat nicht einmal ein schöneres Kleid. Aber es liegt in seinem großen blauen Auge so etwas unbeschreiblich Anziehendes, und sein Mund hat so einen sonderbar götterartigen Zug und Ausdruck, daß man gerade in die größte Versuchung geführt wird, seine so endlos liebevolle Gestalt für das getreue Ebenbild Lamas zu halten!
05] Ja, ich sage dir, wenn ich so mein Herz frage in aller seiner Liebesglut zu diesem einen, so sagt es mir: "O Chanchah, für mich ist das der große, heilige Lama! Wer sonst wohl könnte so himmlisch reden, wer sonst mit einem Worte einen Feigenbaum samt vollreifen Früchten erschaffen und ihn dann der Ihn über alles, alles, alles liebenden Chanchah zum lebendigsten Zeichen Seiner Liebe schenken? Wer sonst wohl auch könnte gar so liebe, herrliche Augen und einen gar so überhimmlisch schönen Mund haben - als allein mein geliebtester Herzens-Lama!'
06] Weißt du, liebster Freund, so redet freilich nur mein Herz und nicht auch mein Verstand. Obschon mein Verstand wohl auch sehr gerne der schönsten Stimme des Herzens folgen möchte, so er sich nicht fürchten dürfte, eine Sünde zu begehen. Denn der Verstand ist da, wo das Herz den größten Anteil nimmt, eben kein zu strenger Richter und vergöttert gerne dasselbe, was des Herzens ist.
07] Ebenso ist es auch bei mir nun: mein Herz vergöttert jenen Herrlichsten, und der Verstand für sich täte nur zu gerne dasselbe, wenn er der einzige Verstand wäre und nicht noch eine Menge anderer Verstande um sich hätte.
08] Aber ich werde mir bald aus den andern Verstanden nichts mehr machen, sondern allein dem Verstande des Herzens folgen. Vielleicht werde ich da eher zum rechten Ziele gelangen denn so! Wenn es hier ohnehin kein anderes Gesetz als das der Liebe nur gibt, werde ich mit dem trocknen Verstande bald im reinen sein. Was sagst du, liebster Freund, zu dem allem?«
09] Spricht Bischof Martin: »Allerliebste Chanchah, da läßt sich vorderhand sehr wenig darauf sagen. Folge du nur deinem Herzen, da wirst du keinen zu krummen Weg einschlagen. Mit der Weile wird dann schon auch deinem Verstande ein rechtes Licht werden. Mehr kann ich dir nun wahrlich auf all deine schönsten Worte nicht sagen.«

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 106 _


_jl.bmar.106. Kapitel
01] Spricht Chanchah: »O liebster Freund, weißt du, ich habe dich wohl überaus lieb, kann dich aber um nicht viel weiteres fragen, da ich mir vorgenommen habe, dich fürderhin nicht so leicht wieder mit irgendeiner vielleicht zu wenig klug berechneten Frage zu belästigen. Aber dessenungeachtet mußt du mir hier folgende Bemerkung doch einmal wieder zugute halten:
02] Siehe, ich merke aus deiner Rede wie aus deiner Miene nur zu gut, daß du allzeit ganz absonderlich verlegen wirst, so oft ich mit dir in was immer für einer Beziehung von deinem himmlischen Freunde und Bruder mich zu besprechen anfange. Woher wohl mag solche Verlegenheit rühren?
03] Bist du etwa darum eifersüchtig, weil mein Herz jenen weit über dich hinaus bevorzugt? Oder bist du sein wahrer Freund und Bruder nicht so sehr, als du es vorgibst? Ärgert es dich etwa heimlich in deinem Herzen, so jener bis jetzt für mich noch namenlose Herrliche dich in jeglicher Art geistiger Vollendung unberechenbar weit übertrifft? Oder ist dir etwa seine männlich göttliche Schönheit im Wege? Magst du etwa seine Augen und seinen Mund nicht, die freilich den deinigen samt deinen Augen ebenso übertreffen, wie seine ganze erhabenste Wesenheit die deinige, obschon du bei weitem glänzender aussiehst als er?
04] Siehe, lieber Freund, diese Fragen sind für mich von besonders wichtiger Art. Ich sehne mich nach ihrer Beantwortung ebenso mächtig wie ein Wanderer in einer heißen Sandwüste nach einem Labetrunke frischen Wassers, so ihn ein brennender Durst quält. Daher, so du Liebe in deinem Herzen zu mir empfindest, zaudere ja nicht, mir diese wichtigen Fragepunkte treuherzig zu beantworten. Wirst du das nicht tun, so wird sich die Chanchah von dir wenden und dich nimmer nach etwas fragen!«
05] Bischof Martin macht über diese Fragepunkte schon wieder ein verdutztes Gesicht. Äußerlich macht er zwar eine Miene, als ob er nachdächte, wie er der holden Chanchah auf die höflichste Art ihre Fragen beantworten möchte. Innerlich aber wartet er ängstlich, ob Ich ihm nicht bald irgendeine, natürlich über alles vortreffliche Antwort ins Herz legen würde. Ich aber lasse den guten Martin auch diesmal aus wohlweisen Gründen ein wenig zappeln, wie ihr zu sagen pflegt.
06] Da auf diese Art Martin die holde Chanchah schon eine ziemliche Weile mit lauter vielversprechenden Gesichtern auf die erwünschte Beantwortung warten läßt, wird diese schon etwas unwillig. Sie fängt ihn zuerst mit ihren großen Augen vom Kopfe bis zum Fuße bedeutend zu messen an, was den Martin noch mehr geniert und ihn um eine rechte Antwort noch verlegener macht.
07] Die holde Chanchah läßt den guten Martin noch eine kleine Weile nachdenken, weil sie aus seinen weise scheinenden Mienen noch immer irgendeine Antwort erwartet. Aber da von der erwarteten Antwort trotz aller gewisserart vorbereitenden, weise scheinenden Gesichterschneidereien nichts zum Vorscheine kommt, bricht ihr endlich die Geduld. Sie spricht:
08] »Lieber Freund und Bruder, ich sehe, daß du mir entweder keine Antwort geben kannst, geben willst oder höchstwahrscheinlich gar nicht geben darfst! Kannst du mir keine Antwort geben, so bist du zu entschuldigen. Denn es wäre höchst unbillig, von jemandem mehr zu verlangen, als er geben kann. Du wirst mich wohl verstehen, was ich damit sagen will, vorausgesetzt, daß dir so viel Verständnis innewohnt!
09] Darfst du mir keine Antwort geben, bist du auch zu entschuldigen. Denn da ist auch klar, daß sich hier jemand befindet, der dir aus einer ihm innewohnenden Machtvollkommenheit genau vorschreibt, was du reden und nicht reden darfst. In diesem Falle wäre es dann auch von mir eine Tollheit, von dir über das Gesetz etwas zu verlangen; ich als eine Chinesin weiß wie nicht leichtlich jemand anderer, Gesetze zu respektieren.
10] Willst du mir aber keine Antwort geben, obschon du vielleicht solches tun dürftest und könntest, so bist du ein eifersüchtiger und sogar böswilliger Mensch. Und dein glänzend Gewand ist gleich dem Fell einer sanften Gazelle, innerhalb dessen sich aber dennoch eine reißende Hyäne birgt. In diesem Falle bist du durchaus nicht zu entschuldigen und verdienst nichts anderes als die vollste Verachtung meines Herzens.
11] Da du mir auf meine früheren wichtigen Fragen durchaus keine Antwort gegeben hast, beantworte mir doch wenigstens einen oder den andern dieser drei Fragepunkte, damit ich mich als ein Neuling in dieser Welt und zunächst in deinem Hause zu benehmen weiß! Aber ich bitte dich aus dem tiefsten Grunde meines Herzens: rede hier die Wahrheit und bleibe hier in keinem Falle die Antwort schuldig!
12] Martin wird hier noch zehnmal verlegener als bei den früheren Fragen. Denn sagt er: »Ich kann es nicht!« - so lügt er. Sagt er aber: »Ich will es nicht!« - so lügt er auch und zieht sich noch obendarauf die Verachtung seiner vielgeliebten Chanchah zu. Sagt er aber: »Ich darf es nicht!« - so setzt er sich augenscheinlich der weiteren Frage aus, wer ihm solches verboten habe und warum. Beide Fragen muß er dann notwendig beantworten, so er nicht beschämt vor der Chanchah notgedrungen Reißaus nehmen will.
13] Als unser Martin durch diese drei letzten Fragen der Chanchah in größte Verlegenheit gerät, komme Ich soeben von der Gesellschaft zur Chanchah zurück und übernehme Selbst die Beantwortung der obigen drei Fragen, und dadurch die Entschuldigung des über alles verlegen gewordenen treuherzigen Martin.

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 107 _


_jl.bmar.107. Kapitel
01] Als Ich zur Chanchah von ihren Landsleuten zurückkehre, will sie sogleich zu Mir. Sie beklagt sich über das Benehmen des Bischof Martin, und wie sie sich nun nimmer auskenne, wie sie mit ihm daran wäre.
02] Da sage Ich zu Ihr: »Höre, Meine liebe Chanchah, du setzt aber auch Meinem Bruder auf Brand und Leben zu! Bedenkst du nicht, welche geheimen Weisungen ihm sehr leicht zu deinem ewigen Besten die äußere Zunge binden könnten? Daher mußt du in Zukunft mit ihm, einem meiner edelsten Freunde, schon ein wenig schonender umgehen, sonst bringst du ihn ja in die größte Verlegenheit und machst seinem Herzen viel Kummer.
03] Siehe, was deine ersten allfälligen sechs Fragen betrifft, so ist in diesem Freunde und Bruder wirklich nichts von alledem anzutreffen, was du von ihm vermutet hast. Außer daß er aus einem sehr weisen Grunde notwendig ein wenig verlegen wird, sooft du mit ihm dich von Mir besprechen willst. Aber seine Verlegenheit hat einen ganz andern Grund als den, den du je vermuten möchtest. Somit kann er dir auch keine Antwort geben auf deine Fragen, da in ihnen der wahre Grund seiner Verlegenheit durchaus nicht zugrunde liegt.
04] Was aber deine drei letzten Fragen betrifft, so kann er sie dir darum nicht beantworten, weil du den eigentlichen Grund seiner Verlegenheit in deinen ersten Fragen nicht gefordert hast und auch nicht fordern konntest, da du ihn doch selbst nicht kennen konntest. Hätte er dir daher was immer für eine bejahende oder verneinende Antwort gegeben, so hätte er dir eine Unwahrheit sagen müssen. Das aber ist hier im Himmelreiche eine barste Unmöglichkeit, denn hier kann niemand eine Unwahrheit reden, so er sie auch reden wollte. Daher blieb Freund Martin, der dich sehr liebt, denn auch stumm und wollte sich von dir eher alles antun lassen, als dich, seine geliebte Chanchah nur mit einem Wörtchen zu belügen! War das nicht sehr löblich von ihm?«
05] Spricht die Chanchah, auch etwas verlegen: »Ach, du herrlichster Freund, wenn es so mit unserem Hausherrn sich verhält, dann freilich reut es mich unendlich, so ich die Ursache manches sicher nicht unbedeutenden Schmerzes seines Herzens war. Oh, wenn ich das nur wieder gutmachen könnte!
06] Ja, ja, es schmerzt mich ganz außerordentlich! Freilich kann ich wohl auch nicht für all das. Denn du, mein herrlichster, mächtigster Freund, siehst es ja auch, daß ich ein Fremdling bin und nicht weiß, was und wie man hier fragen darf. Da du mir aber nun den Wink gegeben hast, wie man hier fragen soll, werde ich mich in Zukunft schon darnach richten. Aber nur das sage mir, warum man denn hier eigentlich auf eine plump und unklug gestellte Frage, in der kein rechter Antwortgrund liegt, durchaus keine Antwort bekommen kann?«
07] Rede Ich: »Meine liebste Chanchah, siehe, das ist ganz einfach: Du gäbest Mir einen Sack, fest zugebunden, mit der Bitte: "Freund, löse mir den Sack auf, und gib mir daraus tausend der schönsten Edelsteine!" Ich fragte dich aber dann: "Weißt du wohl ganz gewiß, daß sich in diesem Sacke tausend Edelsteine befinden?" Du sprächest dann: "Nein, das weiß ich nicht bestimmt, sondern vermute es nur!"
08] Siehe, so Ich aber daneben ganz bestimmt wüßte, daß in dem Sack nicht nur keine Edelsteine, sondern ein verhärteter Unflut sich befindet, löste aber dennoch nach deinem Willen den Sack und gäbe dir seinen schmählichen Inhalt anstatt der tausend schönsten Edelsteine: was wohl würdest du von Mir halten, so du es dann dennoch erführest, daß Ich - obschon wohlwissend, was der Sack enthalte - dich habe deiner Unwissenheit halber beschämen wollen? Würdest du dann nicht sagen: "Freund, so du wußtest, was der Sack enthielt, warum löstest du ihn denn und sagtest mir nicht zuvor die Wahrheit?"
09] Siehe, der gleiche Fall ist hier mit einer unsicheren Frage. Diese ist auch ein Sack, fest zugebunden, den dir Martin auflösen soll und herausgeben, was du verlangst. So aber das nicht darinnen ist, was du möchtest - sage, was soll er da tun? Soll er den Sack lösen oder nicht? Soll er die beschämen, die er so innigst liebt, die sein ganzes Herz nun in vollste Beschäftigung versetzt? Was meinst du, holdeste Chanchah?«
10] Spricht Chanchah: »Ach ja, ach ja, mein geliebtester Freund, wenn du redest, da freilich kommt mir alles ganz überaus klar vor, und ich sehe die hohe Wahrheit von all dem ein, was du sagst. Aber nicht so ist es, wenn Freund Martin redet! Je länger und je mehr er spricht, desto dunkler und unbegreiflicher wird mir dann alles, wovon immer er spricht. So bin ich dann ja genötigt, stets weiter und tiefer in ihn zu dringen durch allerlei Fragen, von denen er mir aber auch noch nicht eine bestimmt beantwortet hat.
11] Würde er mir eine Frage so ganz bestimmt beantwortet haben, hätte ich ihn dann sicher um nichts Weiteres gefragt. Oder hätte er es mir, wie du nun, wenigstens gezeigt, wie man hier fragen muß, um eine Antwort zu erhalten, ob man hier überhaupt fragen muß, um eine Antwort zu erhalten, oder ob man hier überhaupt fragen darf! Aber siehe, mein herrlichster Freund, von alldem war beim Martin keine Rede. Daher also magst du und Martin mich auch für entschuldigt hatten, so ich mich mit meinen, dem guten Freund Martin sicher lästig gewordenen Fragen zu weit verirrt hatte.
12] Ach Freund, es ist hier aber auch sonderbar zu sein! Wo man das Auge nur immer hinwendet, sieht man nichts als Wunder über Wunder. Ach und Wunder, von denen die Erde keine Ahnung hat! Wer sollte aber bei solchen Erscheinungen, die er nicht versteht, nicht die Eingeweihteren fragen, was das eine oder das andere bedeutet? Wer ist der, der solches tut? So hier der Himmel, wo ist Lama, der ihn gegründet hat? Sage mir, du mein über alles geliebter Freund, sind das nicht ganz natürliche und durch die wunderlichsten Umstände dieses Seins überaus zu entschuldigende Fragen«!

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 108 _


_jl.bmar.108. Kapitel
01] Rede Ich: »Allerdings, Ich sage dir, Meine liebste Chanchah, diese und noch viele tausend andere Fragen sind sehr zu entschuldigen. Aber weißt du, es hat wie auf der Erde so auch hier alles seine Weile.
02] Siehe, auf der Erde sind die Kinder am naschhaftesten und auch am wißbegierigsten. Sie sind fast beständig hungrig, möchten alles bis auf den Grund wissen und fragen darum ihre Vertrauten auch in einem fort um allerlei Dinge. Meinst du wohl, daß es gut wäre, die Mägen dieser Kleinen zu überladen mit allerlei, darnach ihr sehr reizbarer Gaumen ein heftiges Verlangen verspürt? Und ihre Neugierde durch die steten Beantwortungen alles dessen, darnach sie fragen, zu befriedigen?
03] Siehe, weise Eltern legen da ihren Kindern einen rechten Zaum an und lenken sie so natürlich und sittlich auf einer rechten Bahn zum schönen Ziele der männlichen Entwicklung! Dumme Eltern hingegen, die ihren Kindern alles gewähren, was sie ihren Augen nur ansehen, machen aus ihnen Affen statt Menschen. Ihr zu strotzend genährtes Fleisch wird voll Sinnlichkeit und ihr Geist träge und endlich ganz stumpf für alles Hohe, Gute und Wahre, wie es dir auf der Erde besonders in deinem Lande tausendmal tausend Beispiele sicher nur zu klar gezeigt haben.
04] Wie aber auf der Erde, also ist es auch hier der Fall. Es wäre niemandem gut, sogleich alles zu genießen und zu erfahren, sondern erst nach und nach, wie es eines jeden Aufnahmefähigkeit erheischt. So geleitet, werden dann die hier jüngsten Kindlein stärker und stärker und können von Weile zu Weile mehr ertragen, bis sie zum Empfange des Allerhöchsten stark genug und tauglich werden.
05] Und ebenso wirst nun auch du samt allen, die du hier erschaust, erzogen von uns dreien. Daher füge dich nur ganz geduldig in alles, so wirst du leicht und bald alle deine Fragen dir selbst vollkommen beantworten können! Bist du nun zufrieden mit dem?«

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 109 _


_jl.bmar.109. Kapitel
01] Der Martin macht bei dieser Meiner Belehrung an die liebe Chinesin ein überaus fröhliches Gesicht und dankt mir über die Maßen in seinem Herzen.
2] Chanchah aber spricht: »O du herrlichster Freund meines Herzens, meines Lebens! Du hast ja freilich wohl nur zu recht in jeglichem Worte, das deinem Munde entstammt. Dennoch kann auch die Chanchah nichts dafür, daß sie eines so wißbegierigen Geistes Kind ist. Aber ich, deine arme Chanchah, werde von nun an mein Herz bezähmen und werde sein gleich einer Blume des Feldes, die durch Licht und Wärme der Sonne Lamas sich entfaltet und, durch die Tautropfen der Morgenliebe Lamas genährt, endlich auch ihre Fruchtgefäße mit reichen Samen des Lebens füllt.
03] Ach, der große, heilige Lama muß wohl endlos gut, weise und mächtig sein, da alles, was Er gemacht, so übergut und weise eingerichtet ist! Ach ach, wenn ich nur einmal das endloseste Glück genießen dürfte, Ihn nur von fernhin zu erschauen auf wenige Augenblicke nur! O sage mir, du Herrlichster, werde ich dieses größten Glückes wohl je gewürdigt werden? Wenn es nur ein mal geschähe - gleichviel wann -, so will ich mich für alle ewigen Zeitläufe vollkommen zufriedenstellen und will alles willig befolgen und tun, was ihr mir nur immer vorschreiben wollt. Aber nur dazu gebt mir eine gute und gerechte Hoffnung!«
04] Rede Ich: »O du liebes Kindchen du! Ich sehe es schon, daß dir dein Lama am meisten am Herzen liegt. Und das ist überaus löblich von dir. Aber du sagst auch Mir immer - und Ich erkenne es aus deinen Augen und Reden -, daß du Mich auch über die Maßen liebst. Nun möchte Ich denn doch von dir erfahren, ob du Mich oder deinen Lama mehr liebst! Frage darüber dein Herz und sage es Mir dann!«
05] Chanchah wird hier sehr verlegen und schlägt die Augen nieder. Ihr Herz aber entzündet sich stets mehr und mehr in der Liebe zu Mir, was sie nur zu mächtig fühlt. Daher kommt sie, die sonst nur zu Gesprächige, diesmal mit keiner Antwort zum Vorschein. Nach einer Weile frage Ich sie abermals, ob sie Mir solches nicht kundgeben könne. Da spricht sie, wie mit sehr beklommenem Gemüte:
06] (Chanchah:) »O du mein Augapfel, o du Feueraltar meines Herzens! Siehe, als ich auf der Erde noch zu Hause war an der Seite meiner Mutter und war ein Mädchen von etlichen 13 Sonnenjahren, da fragte ich die Mutter, wie man es denn ganz eigentlich anstellen solle, um den heiligen Lama über alles zu lieben.
07] Da sprach die recht weise Mutter: "Höre, du meine geliebte Tochter: Pflanze im Garten zwei gleiche Blumen, eine gegen Morgen - diese weihe dem Lama - und die andere gegen Abend: und diese weihe den Menschen. Pflege beide gleich und sieh, wie sie wachsen und sich entfalten werden. Wird die Abendblume besser gedeihen als die Morgenblume, so wird das ein Zeichen sein, daß du die Welt mehr liebst als den heiligen Lama. Wirst du aber an den beiden Blumen das Gegenteil bemerken, da ist deine Liebe zum Lama stärker als die zu den Menschen."
08] Ich tat sogleich, was mir meine weise Mutter riet. Da ich aber fürchtete, die Blume Lamas möchte etwa vor der der Menschen zurückbleiben, pflegte ich sie heimlich doppelt mehr als die der Menschen. Aber siehe, trotz meines großen Eifers in der Pflege der Blume Lamas blieb sie dennoch zurück in der Entwicklung!
09] Ich sagte das alles der Mutter. Diese beruhigte mich durch ihre weise Lehre, indem sie sagte: "Sieh, du mein liebstes Töchterchen; der Lama hat dir dadurch anzeigen wollen, daß du Ihn, der im ewig unzugänglichen Lichte wohnt, nur dadurch über alles lieben kannst, so du die Menschen wie dich selbst liebst. Denn wer die nicht liebt, die er doch sieht, wie kann er den Lama lieben, den er nicht sieht?"
10] Darauf begoß ich dann die Abendblume öfter denn die Morgenblume, und siehe, da wucherte die Morgenblume gewaltig vor der Abendblume! Und geradeso verfahre ich nun ! Du bist nun meine Abendblume und mein Herz für Lama ist die Morgenblume. Dich begieße ich nach aller Kraft, da ich in dir den vollkommensten Menschengeist entdecke, und mein Herz wuchert ganz gewaltig - aber leider nicht mit Lama, sondern mit dir, mit dir!
11] Du bist ein wahrer Lama meines Herzens geworden! Was aber dazu der große Lama zu Seiner Zeit sagen wird, das wird Er auch am besten wissen! Ich muß dir dazu noch bekennen, daß mir darob sogar mein überaus zartfühlendes Gewissen gar keine Vorwürfe macht! Was sagst du Herrlichster nun aber dazu?«
13] Rede Ich: »Meine geliebte Chanchah, Ich habe eine Weile auf deine Mein Herz überaus erfreuende Antwort harren müssen. So mußt du nun auch ein bißchen warten auf eine recht schöne und gute Antwort. Aber da freue dich, was Ich dir erst für eine schönste Antwort geben werde; sie soll dir bald werden!«

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 110 _


_jl.bmar.110. Kapitel
01] Unterdessen aber wende Ich Mich zu Martin und Borem und sage zu ihnen geheim: »Freunde und Brüder, nun habt ihr Gehilfen und Gehilfinnen in Menge. Geht daher hin, stellt den großen Tisch in des Saales Mitte und besetzt ihn wohl mit Brot und Wein. Nehmt auch vollreife Früchte von diesem Feigenbaume und legt sie zahlreich neben Brot und Wein auf den Tisch! Denn nachdem Ich zuvor mit Meiner allerliebsten Chanchah noch einige Worte wechseln werde, wollen wir nachher allesamt eine gute Labung, Stärkung und Nahrung zu uns nehmen! Geht und erfüllt diesen Meinen Wunsch und Willen!«
02] Die beiden danken Mir in ihrem Herzen für diesen Auftrag und gehen dann, die anbefohlene Sache sogleich in Ordnung zu bringen. Martin beruft sogleich die nun gereinigten Patres aus all den schon kundgegebenen Orden. Ebenso auch die Nonnen, die mit dem Auftragen der Speisen, d. h. des Brotes und Weines, und die Herz-Jesu-Damen, die besonders mit Herbeischaffung der Feigen beauftragt sind, während zuvor die Patres den großen Tisch, der hier auch ohne Schreiner entstand, nach Anordnung der beiden zurechtstellen.
03] Die hundert Chinesen sehen dieser Bewegung mit gespanntester Aufmerksamkeit zu, denn sie wissen noch nicht, was daraus werden soll. Besonders befremdet die plötzliche Herbeischaffung des großen Tisches, von dem früher nirgends eine Spur zu entdecken war. Denn die ebenso plötzliche Entstehung des Feigenbaumes wundert sie nicht mehr gar so mächtig, indem sie sich durch die längere Beschauung schon mehr und mehr daran gewöhnt haben.
04] Ebenso staunen auch die vielen irdischen Eltern, besonders jene der Herz-Jesu-Damen, über die plötzlich entstandene Tätigkeit in diesem Saale. Sie sind etwas ängstlich dabei, weil sie auch nicht fassen können, was da am Ende herauskommen wird. Denn sie können vor Volksmenge, die sich nun um den Tisch sehr geschäftig macht, nicht erschauen, wie dieser reichlichst mit Brot, Wein und Feigen besetzt wird.
05] Als der Tisch bestellt ist, begeben sich alle Diensttuer wieder auf ihre sanften Ruheplätze zurück. Martin und Borem in Begleitung der einen Herz-Jesu-Dame - d. h. derjenigen, die zuerst als Frosch sich ins Meer stürzte in ihrem Innern - kommen aber wieder zu Mir und zeigen Mir an, daß nun alles bereitet ist.
06] Ich aber sage: »Es ist alles gut. Geht aber nun auch hinaus an den Zaun des Gartens und seht, ob niemand da sei, der noch an dieser Mahlzeit teilnehme! Gella (Herz-Jesu-Dame) aber bleibe unterdessen hier bei Mir und höre, was Ich nun Meiner liebsten Chanchah für schöne Dinge sagen werde. Also sei es, Meine Brüder!«
07] Die beiden gehen sogleich hinaus und erstaunen nicht wenig, als sie den Garten in der größten himmlischen Üppigkeit antreffen und dabei von einer so großen Ausdehnung, daß ihnen beinahe Hören und Sehen vergeht und Martin, sich über alles stark verwundernd, spricht:
08] »O Bruder, da werden wir hübsch weit herumzugehen haben, bis wir da alle diesen ungeheuren Garten umgebenden Zäune absteigen werden! Wahrlich, dieser Garten muß ja schon eine größere Ausdehnung haben denn ein größtes Königreich auf der Erde! O Herr, o Herr, das ist unendlich, das ist unbegreiflich; ja, so etwas kann wahrlich nur im Himmel vorkommen!
09] O Gott, o Gott, da sieh gegen Morgen hin, die Allee! Welch herrlichste Baumreihen! Und, Bruder, siehst du irgendein Ende dieser Allee? Ich erschaue keines, und von irgendeiner Einzäunung ist gar keine Spur zu entdecken! No, Bruder Borem, mit unserer gewöhnlichen Fußbewegung werden wir beide zu tun haben, nur einmal irgendwo an einen Zaun zu kommen. Und dann den ganzen Zaun abgehen - o Herr, das wird ein ganz löbliches Stückchen von einer Kommotion non plus ultra sein!
10] Aber das macht nichts; des Herrn Willen vollziehen ist ja allzeit die größte und seligste Lust und Freude, und so freue ich mich auch auf die Bereisung dieses Gartens! Aber Bergsteigen werden wir auch: dort gegen Mittag entdecke ich ja Berge von bedeutender Höhe. Und, o sapprament, da sieh gegen Abend und Mitternacht, das sind ja Gebirge, wie auf der Erde sich wohl noch nie jemand etwas Ähnliches hatte träumen lassen! Ah ah, diese Spitzen, diese ungemein schönen Spitzen! Bruder, ist das alles noch innerhalb des Zaunes unseres Gartens?«
11] Spricht Borem: »Allerdings, denn der Garten erweitert sich ja wie unsere Liebe zum Herrn und zu unsern Brüdern und Schwestern. Aber weißt du, Bruder, im Verhältnis zur himmlischen Ausdehnung dieses unseres Herrn Gartens, den Er für uns so herrlich zubereitet hat, gibt es aber auch eine eigene Art himmlischer Bewegung, die da ist dreifach: erstens eine nnatürliche mit den Füßen so wie auf der Welt. Zweitens eine schwebende, d. i. die seelische, die da hat die Schnelligkeit der Winde und endlich drittens eine plötzliche, d. h. geistige, welche ist gleich einem Blitz und gleich dem Fluge eines Gedankens.
12] Diese dritte Art der Bewegung wird nur im äußersten Notfalle gebraucht. Daher wollen wir hier von dieser auch keinen Gebrauch machen, wohl aber von der Bewegung der zweiten Art, mit der wir hier schon auslangen werden. Das Mittel zu dieser Bewegung aber ist unser fester Wille. Daher dürfen wir bloß nur wollen in des Herrn Namen, und sogleich werden wir in dieser Himmelsluft uns ganz frei schwebend befinden. Wohin wir dann ziehen wollen, dahin auch wird es mit Windesschnelle vorwärtgehen. - Also wolle du nun, und es wird gehen!«
13] Martin will nun, was Borem ihm gezeigt hat, und sogleich schweben beide in der freiesten Himmelsluft und machen eine erste Bewegung gegen Morgen, worüber Martin eine solche Freude hat, daß er sich ordentlich nicht zu helfen weiß.

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 111 _


_jl.bmar.111. Kapitel
01] Ich aber öffne unterdessen Meinen Mund zu Chanchah und auch zu Gella und rede also: »Meine herzlichste, liebste Chanchah, du hast Mir ehedem ein gar herrliches Wort gegeben, das darum um so herrlicher war, weil du es aus der Tiefe deines Herzens genommen hast. Ich versprach, dir ein noch herrlicheres entgegenzubringen, und siehe, nun bin Ich zu diesem Zwecke da und will Mein Versprechen erfüllen. So höre Mich nun ganz geduldig an! Erwarte aber ja nicht irgendeine lange Rede; denn siehe, Ich rede allzeit nur kurz und pflege stets mit wenigen Worten vieles zu sagen.
02] Du gabst Mir ein Bild von der Pflege deiner Morgen- und Abendblume, und das war gar lieblich. Ich aber gebe dir dafür ein anderes Morgen- und Abendbild, und dieses besteht darin:
03] Siehe, gleich wie du deine Blumen, also pflanzte auch der große, gute Lama im endlosen Garten Seiner Liebe zwei Menschen: den einen gen Morgen für Sein Herz - und nachher auch den andern gen Abend für Seine Weisheit! Den ersten nährte Er mit aller Seiner Gottheit, auf daß er würde so herrlich wie Lama Selbst und Lama an ihm ein allerhöchstes Wohlgefallen hätte! Aber siehe, dieser erste wurde dadurch übermütig, wollte nicht gedeihen, sondern fiel vom Lama ab und verachtet Ihn bis jetzt noch über alle Maßen - obschon der Lama ihn noch stets mit offenen Armen und Herzen aufnehmen möchte!
04] Da dieser erste Mensch also nicht geraten wollte, stellte der große Lama bald darauf den zweiten gen Abend, d. h. in die Welt, und pflegte diesen nicht minder. Aber auch dieser verkümmerte eigenwillig. Da reute es den Lama, daß Er den Menschen erschaffen hatte; darum wollte Er auch wieder vernichten solch ein Werk, gleichwie ein Töpfer ein Geschirr, das ihm nicht geraten will.
05] Lama aber fragte da Seine Liebe, und diese stellte sich für die Mißratenen; Er Selbst ward Mensch, um dem Menschen ein rechtes Vorbild zu sein.
06] Die mißratenen Menschen aber ergriffen Ihn und töteten den Gottmenschen, obschon sie den Gott in Ihm nicht töten konnten. Nur wenige erkannten Ihn und nahmen Seine Lehre in ihr Herz. Zahllos viele aber, obschon sie von Ihm hören, glauben doch nicht und nehmen Seine Lehre nicht an, auf daß sie Seine Kinder würden und dann sein möchten wie ihr ewiger Vater!
07] Was meinst du wohl, was soll nun Lama solchen Menschen tun? Soll Er sie wohl noch länger dulden und ertragen?
08] Siehe, so groß ist Seine Liebe zu diesen Menschen, daß Er noch tausend Male stürbe für sie, so es möglich und gedeihlich wäre! Und doch wollen sie Ihn nicht mehr lieben denn die nichtige Welt, sondern vergessen Seiner lieber ganz und gar, um desto gewissenloser der Welt anhängen zu können. -
09] O Chanchah, sage, was wohl verdienen solche Menschen? Soll sich Lama wohl noch länger ihren hartnäckigen Trotz gefallen lassen oder soll Er sie verderben?«
10] Spricht Chanchah: »O Freund, du meine Liebe, das sind wohl recht böse Pflanzen Lamas und verdienten eine übergroße Strafe! Aber wenn Lama so übergut ist, könnte Er da wohl diese Pflanzen abmähen und preisgeben dem Feuer, wie Er es den Urvätern angedroht hatte? Ich meine, die Unendlichkeit, wie ich nun zu erkennen anfange, ist doch groß genug, um solch ein Unkraut in seiner Art aufzubewahren. Aber verderben möchte ich an der Stelle Lamas nichts, was einmal Leben hat! - Meinst du nicht auch so, mein allergeliebtester Freund?
11] Rede Ich: »Ja, ja, du Lieblichste, dieser Meinung bin Ich wohl und tue es auch so! Aber warte nun ein wenig: bald werden die beiden Brüder ganz sonderbare Gäste hereinbringen, und Ich werde sehen, was du zu diesen sagen wirst. Daher fasse dich; denn da wirst du etwas äußerst Seltsames ersehen und vernehmen!«

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 112 _


_jl.bmar.112. Kapitel
01] Nach einer kurzen Weile geht die Tür des Saales auf. Martin wie Borem haben jeglicher eine starke Kette in der Hand und ziehen, an diese zwei Ketten fest angeschlossen, ein über alle Beschreibung gräßlich aussehendes Ungeheuer herein. Ihm folgen noch eine Menge kleinerer Ungeheuer, die an Gräßlichkeit dem Hauptungeheuer nichts nachgeben.
02] Als Chanchah und Gella diese fürchterlichst aussehenden Gäste ersehen, prallen sie von zu großer Angst ergriffen jählings zurück. Chanchah schreit wie aus einer betäubenden Ohnmacht:
03] »O Lama, Lama, um Deines heiligsten Namens willen, was taten denn wir Armen Dir, daß Du uns nun so gräßlich von dem allerbösesten Ahriman und seinem ärgsten Gesindel willst verderben lassen?! O du, mein herrlichster Freund, so es dir irgend möglich ist, rette uns und dich und verderbe es womöglich! O schrecklich, schrecklich, was das doch für zornglühende gräßliche Gestalten sind!«
04] Rede Ich: »O Chanchah, fürchte dich nicht! Die Ungeheuer, die du hier siehst, sind in unserer Macht - und nimmer wir in der ihrigen! Solches ersiehst du ja leicht daraus, weil sie trotz ihrer freilich immensen Gräßlichkeit dennoch von den beiden Brüdern gebändigt werden.
05] Also fürchtet euch nicht, sondern geht mit Mir den beiden entgegen und hört da, wie diese Bestien bei Meiner Annäherung ganz entsetzlich werden zu brüllen anfangen. Seht, wie furchtbar sie sich winden und bäumen werden. Aber das alles erschrecke euch nicht! Denn Ich allein bin mächtig genug, zahllos viele solcher Ungeheuer mit einem Blicke völlig zu vernichten, so wie Ich ehedem diesen Feigenbaum in einem Augenblicke habe hier entstehen lassen. - Daher folgt Mir nur mutigst! An Meiner Seite seid ihr für ewig sicher, denn keine Macht kann Mir Trotz bieten!«
06] Ich gehe nun Martin und Borem entgegen, da sie mit dem Ungeheuer sehr viel zu tun haben, um seiner Meister zu bleiben.
07] Martin spricht: »O Herr, das sind saubere Gäste; an diesen kannst Du eine ganz absonderliche Freude haben! Diese werden sich machen für dies Haus wie eine Faust aufs Auge! Es ist leider nichts anderes anzutreffen gewesen, daher nahmen wir mit, was wir fanden. Ich muß aber offen bekennen: wenn das nicht der leibhaftige Satan samt seinem schönen Anhang ist, so will ich aber schon alles sein und heißen, was Du nur immer willst!«
08] Rede Ich: »Sei nur ruhig, Ich habe das schon vorgesehen! Es muß so sein zu euer aller tiefsten Lehre und Ruhe. Wer das Allerhöchste erkennen will, der muß nicht in Unkenntnis des Alleruntersten verbleiben. Bringt Mir den Drachen näher!«
09] Die beiden ziehen an den beiden Ketten gewaltigst, aber es will nicht weitergehen.
10] Martin spricht daher: »Herr, es ist rein unmöglich, dieses Scheusal auch nur um ein Haar weiter vorwärts zu bringen!«
11] Rede Ich: »Also lasst es stehen; befestigt aber die Ketten an den Säulen dieses Saales, und lassen wir es da eine Zeitlang vergeblich toben! Wir aber gehen unterdessen an das vorbereitete Mahl, uns zu stärken für diesen Kampf.«
12] Spricht Martin: »Ach ja, auf diesen unseren Ausflug wird uns eine von Dir gesegnete Mahlzeit wahrlich nicht unvorteilhaft zustatten kommen! Es ist nur gut, daß diese bestialischen Gäste im Hintergrunde unseres Saales angefestigt sind, ansonsten ihr Anblick unserer Eßlust eben nicht zustatten käme. Auch die sie umgebende Luft duftet nicht wie Rosen des Paradieses, sondern wie Schwefel, Pech und Dreck untereinandergemengt. Gut, daß sie im Hintergrunde sind!«
13] Rede Ich: »Gut, gut, Mein Bruder, gehe nun voran und berufe sie zu diesem Mahle, das Ich für euch alle bereitet habe. Alle sollen daran gestärkt werden zum ewigen Leben ihres Geistes!«
14] Martin geht nun schnell vorwärts und beruft alle zur Tafel, wo Brot, Wein und eine große Menge der herrlichsten Feigen ihrer harren.
15] Alles erhebt sich auf den Ruf des Martin und geht gar bescheiden und gelassen zum großen Tische.
16] Als nun all die vielen Gäste dabei anwesend sind, richten alle ihre Augen auf Mich. Denn sie hatten Mich - bis auf Martin und Borem alle noch für einen Abgesandten Gottes und wissen noch nicht, daß Ich Selbst als der Herr Mich unter ihnen befinde. Daher meinen sie nun auch, Ich als ein Abgesandter des Herrn werde ihnen nun große und wichtige Dinge verkünden.
17] Aber Ich sage sonst nichts als: »Kindlein, esst und trinkt alle, jeder nach seinem Bedürfnisse. Lange schon ist alles wohl gesegnet für alle, die Gott lieben und ihre Brüder und Schwestern gleich wie sich selbst!«
18] Auf diese Worte schreien alle: »Hochgelobt sei unser großer Gott im Vater, Sohne und Geiste; Ihm allein alle Ehre, alles Lob und aller Preis ewig!«
19] Darauf greifen alle nach dem Brot und Weine und die Chinesen nach den Feigen; einige aber versuchen auch das Brot und es schmeckt ihnen besser denn die Feigen.
20] Chanchah und Gella, die bei Mir stehen, aber wissen nicht, ob sie Brot und Wein oder pur Feigen genießen sollen.
21] Da sage Ich ihnen: »Meine Kinder, esst, was euch am besten schmeckt; alles wird euch stärken zum ewigen Leben!« - Die zwei greifen nun auch nach dem Brote und Chanchah findet es unendlich wohlschmeckend. Nicht minder auch Gella, die jedoch die Bemerkung macht:
22] »Ich meinte, daß das Himmelsbrot so wie die Hostien schmecken würde?«
23] Ich aber sage ihr: »Gella, nun bist du im Himmel am Tische des Herrn und nicht auf der Erde am Tische Babels! Daher denke nun auch, was des Himmels, und nicht, was des irdischen Babels ist, dessen Herr sich dort im Hintergrunde befindet.
24] Gella erschrickt über diese Worte und es kommt ihr vor, als ob Ich am Ende etwa Selbst der Herr wäre.
25] Ich aber vertröste und beruhige sie mit den Worten: »Gella, wenn es auch so wäre, was du nun in dir ahnst, so sei aber dennoch der andern willen ruhig und denke dir: Gott, dein wie aller Herr, ist kein unzugänglicher, sondern ein ewig Sich allertiefst herablassender, liebevollster Vater aller Seiner Kinder und ist unter ihnen wie ein am wenigsten glänzen wollender Bruder! - Verstehst du das, liebes Töchterlein?«
26] Sricht die Gella: »O mein, mein, Herr - mein Gott - mein Vater!«
27] Chanchah merkt das und fragt sogleich die Gella: »Ach Schwester, wem wohl galten deine bedeutungsvollsten Worte? Ist etwa gar irgendwo Lama unter uns?! O rede, daß ich hineile zu Ihm und dort vergehe vor Ehrfurcht und Liebe!«
28] Ich aber beruhige Chanchah sogleich damit, daß Ich ihr verheiße, auch sie werde den Lama bald erkennen und erschauen, und damit ist sie auch zufrieden.

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 113 _


_jl.bmar.113. Kapitel
01] Es werden aber auch einige andere stutzig über das Benehmen der Gella, wie zuletzt auch der Chanchah. Und einer fragt den andern, wer Ich etwa doch so ganz eigentlich wäre, da Ich, obschon Ich nicht der vorgebliche Hausherr wäre - was eigentlich doch nur der Martin sei -, dennoch täte, als wäre Ich der eigentliche Hausherr und Martin sowie Borem bloß nur Meine allerergebensten Diener.
02] Als Martin solche Frageregsamkeit unter vielen der anwesenden Gäste bemerkt, geht er sogleich hin und sagt zu ihnen: »Hört mich an, liebe Brüder und Schwestern! Wisst ihr denn nicht, wie das Wort Gottes lautet? Hat nicht der Herr Selbst also geredet und gesagt: 'Wer von euch der Erste sein will, der sei der Geringste unter euch und sei euer aller Knecht!'? Meint ihr denn etwa, hier im Himmel bestehe eine andere Ordnung als die, die der Herr Selbst auf der Erde gezeigt, gelehrt und geoffenbart hat?
03] 0, ich sage es euch, hier ist erst eigentlich derjenige Platz, wo die auf der Welt vom Herrn Selbst gelehrte und geoffenbarte Ordnung von Punkt zu Punkt lebendigst erfüllt wird! Daher fragt euch nicht viel: 'Wer das? Warum so?', sondern esst und trinkt nun nach euerm Bedürfnisse. Und dann danket allein Jesu, dem Herrn, dafür, alles andere werdet ihr schon zur rechten Weile erfahren!«
04] Sagen die Angeredeten: »Freund, was du nun uns gesagt hast, war wohl recht weise. Aber siehe, das wissen wir wohl - Gott sei Dank auch! Daher hast du uns mit deiner Belehrung wahrlich keinen wesentlichen Dienst erwiesen. Auch wissen wir, daß wir hier von diesem gesegneten Mahle so viel verzehren dürfen, als es uns nur immer schmeckt. Daher hättest du, lieber Freund, dir auch die Mühe ersparen können, uns zum Weiteressen aufzufordern! Denn wir sind der Überzeugung, daß auch hier im Gottesreich ein jeder Geistmensch oder Menschengeist seinen eigenen Magen hat. Der weiß es sicher am besten, ob, wo und wie ihn der Schuh drückt, und wieviel er in sich aufnehmen kann. Du ersiehst daraus, daß du dir diese überflüssige Geschäftigkeit leicht hättest ersparen können!
05] Wohl wissen wir nun, daß im Reiche Gottes nur der Diener aller der Größte ist. Unter 'aller Diener und Knecht sein' aber verstehen wir im entgegengesetzten Falle zugleich das Allerhöchste, d. h. in der Liebe, in der Weisheit, wie auch in der Kraft. Denn wo zu wenig Liebe, ist auch zu geringe Tatlust, die doch eine hauptsächliche Eigenschaft des Allerdieners sein wird! Also muß zweitens der Allerdiener von höchster Weisheit erfüllt sein; denn mit so manchen Weisheitslücken wird es ihm mit der Allerdienerschaft auch schier nicht am besten vonstatten gehen. Und drittens sind wir alle der festen Überzeugung, daß der Allerdiener auch allerkräftigst und allmächtigst sein müsse, um ein Allerdiener sein zu können.
06] Freund, hältst du dich etwa im Ernste für solch einen letzten, geringsten Allerknecht, Allerdiener? Wahrlich, so bei dir das der Fall wäre, würden wir dich sehr bedauern. Wir sind darin alle nun eines Sinnes, nämlich: daß eine solche Allerdienerschaftsstelle nur ganz allein der Herr versehen kann! Was meinst du in dieser Hinsicht?«
07] Martin ist über diese Entgegnung wie vom Blitze getroffen. Er weiß nun nicht, was er den weisen Rednern erwidern solle und steht ganz verblüfft vor ihnen. Der eine aber sieht seine Verlegenheit und spricht zu ihm:
08] »Bruder, gehe du ganz ruhig und getrost an deinen früheren, sicher allerbesten Platz! Halte dich nur genau an Jenen, der uns allen nun sehr stark ein wahrster Allerdiener zu sein scheint, so wirst du nie in Verlegenheit kommen! Aber so du manchmal auf eigene Faust Rechnung machst, kann es dir noch oft so geschehen wie jener aberwitzigen Fliege, die auf dem Rücken des starken Pferdes, das einen großen Lastwagen zog, den Schweiß schlürfend - am Ende zu glauben anfing, daß sie den Wagen ziehe. Als aber dann das Pferd eine Rast nahm, mußte die Fliege mit großer Beschämung gewahr werden, wie gar nichts ihre vermeintliche große Kraft gegen die kolossale Kraft eines Pferdes ist. Daher kehre nur zu jenem Kräftigsten zurück: mit Ihm kannst du schon ziehen, aber ohne Ihn, Freundchen, tut's sich auf keinen Fall!«
09] Martin kehrt nun eiligst zu Mir wieder und spricht: »Aber Herr, die haben mich gewaschen, ganz gehorsamer Diener! Nein, so knapp hat mir noch nie jemand meinen Mund gestopft. Aber man kann ihnen nichts einwenden; sie haben leider recht!«
10] Rede Ich: »Da sieh den Borem an! Siehe, er tut nie etwas ohne Meinen Auftrag und rennt daher nirgends an. Du aber möchtest dich manchmal so ein bißchen hervortun, und da rennst du an! Ja, Mein lieber Martin, hier muß man die Gäste ganz anders behandeln als auf der Erde. Sonst stößt man leicht auf einen, den man belehren möchte, an dem man aber am Ende gewahr werden muß, daß man ihm nicht einmal die Schuhriemen lösen kann! Wie oft wirst du wohl noch anrennen müssen, bis du klug wirst?«
11] Spricht Martin: »O Herr, man sagt, ein Esel ginge nur einmal aufs Eis, dann hätte er genug. In mir müssen schon aller Esel Seelen vereinigt sein, von denen jede einmal den schlüpfrigen Versuch machen will sonst müßte ich ja um Deines heiligsten Namens willen doch schon weiser geworden sein!«
12] Rede Ich: »Nun, es ist schon alles wieder gut. Gib nur fein acht, was Ich will, dann wirst du ewig nimmer anrennen! Nun aber labe dich nur wieder mit Brot und Wein, damit du recht stark wirst, jenen Gast mit Borem hierher zu ziehen!«

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 114 _


_jl.bmar.114. Kapitel
01] Nun spricht Chanchah ganz betroffen: »Ach du meine Liebe - werden alle diese Gäste den gar zu gräßlichen Anblick jenes Ungeheuers wohl ertragen? Und wird es uns wohl nichts Arges antun können? O Lama, Lama, das wird ein gräßlichstes Schauspiel werden! Siehe, wie es sich schon entsetzlich zu winden und bäumen beginnt! Ach Lama, welch ein grauenhaftester Anblick! Welche Wut, welch furchtbarer Grimm sprüht aus seinen gräßlichen Feueraugen! O du Freund, wenn dies Ungeheuer erst hier sein wird vor uns, wer wohl wird es wagen, es anzusehen?«
02] Rede Ich: »Sei nur ruhig: dieser Gast kann alle Gestalten annehmen, wie er sie gerade zu seinem vermeintlichen Vorteil zu brauchen wähnt. Aber wir werden ihm hier das Rauhe schon herunterarbeiten, wenigstens auf eine Weile! Daher fürchte dich nicht, es wird schon alles gut gehen.
03] Spricht Chanchah: »O liebster Freund, o du meine Liebe, auf dich habe ich wohl - wie auf den Lama - mein größtes Vertrauen; aber auf Bruder Martin halte ich dennoch keine gar zu großen Stücke! Denn er tut so vorlaut. Wenn es jedoch dann an irgendeinen Ernst kommt, zieht er sich aber bald so zurück, als wäre er dem bei weitem nicht gewachsen, was er ausführen sollte oder wollte. Daher meine ich, er wird beim Hierherführen jenes schaurigsten Ungeheuers leicht wohl mehr Ungünstiges als Günstiges bewirken. Borem wohl, der ist ein Mann voll Weisheit und voll gerechter Kraft, auf den kann man schon bauen! Martin aber ist und bleibt ein Pehux (schußliger Mensch), der sich viel zutraut, aber dann nichts vermag, so es ernstlich darauf ankommt!«
04] Rede Ich: »Mein Liebchen, du hast freilich nicht ganz unrecht, aber er füllt dennoch seinen nunmaligen Platz vollkommen aus. In der großen Ordnung Lamas sind auch solche Wesen nötig, die ohne viel Nachdenken sich gleich über eine Sache hermachen, ob sie derselben gewachsen sind oder nicht. Das bewirkt, daß dann auch andere angeeifert werden, auch etwas zu tun, und oft viel klüger als derjenige, der ohne viel Überlegung den Anfang machte! Die gar zu Weisen sind nicht selten zu mückenfängerisch. Sie getrauen sich oft aus lauter Tiefsinn nicht, eine Sache anzugreifen, solange nicht alle ihre Weisheitsgründe für eine Sache ganz auf ein Haar passen. Und so müssen auch Martins sein, die weniger Weisheit, aber dafür einen großen Tateifer in sich tragen, der oft besser ist als zuviel Weisheit. Daher sei du wegen Martin nur ganz ruhig; er wird seine Sache schon recht machen, so er sie nach Meinem Auftrage angreift und vollzieht.«
05] Spricht Chanchah: »Ach ja, das sicher! Daß du hier der Weiseste bist, ist nur zu einleuchtend meinem Herzen. Aber daß ich noch immer nicht weiß, wer du ganz eigentlich bist, dies einzige ist mir nicht recht an dir! Sieh, du sagtest jüngst zu mir, als ich dich bloß nach dem Namen fragte, daß meine Liebe zu dir mir schon alles verraten werde. Aber wie unbegreiflich mächtig ich dich auch liebe, so kann ich's aber doch von nirgend erfahren und noch weniger aus mir selbst, wie du heißt und wer du eigentlich bist. O du mein über alles geliebter Freund, o sage mir doch deinen Namen!«
06] Rede Ich: »Liebste, holdeste Chanchah! Siehe, an dem alleinigen Namen liegt vorderhand ohnehin nichts, so du noch nicht erkennen kannst, was alles an den Namen gebunden ist. Wenn du aber auf alles, was Ich rede, recht gemerkt hättest, wärst du mit Mir schon so ziemlich im reinen! Gib aber von jetzt an auf alles acht, was und wie Ich reden werde, und wie die andern zu Mir und mit Mir reden werden, und was auf Mein Wort, wenn Ich etwas gebiete, sich alles gestalten wird, dann werden wir beide uns leicht und bald näher erkennen. Aber nun sei standhaft und unerschrocken. Denn Martin und Borem haben von Mir schon den Wink erhalten, das Ungeheuer hierher zu führen. Siehe, sie lösen dem Tobenden bereits die Ketten!«
07] Chanchah wird nun ganz stumm. Gella aber tritt mutig zu ihr und spricht: »Chanchah, wenn dir die endlose Kraft und Macht dieses Freundes wie mir bekannt wäre, würdest du dich an Seiner Seite wohl vor tausend solchen Ungeheuern weniger fürchten denn vor der kleinsten Mücke!«
08] Chanchah erschrickt förmlich und spricht hastig: »Schwester, was sprichst du! Ach, rede fort, rede von ihm, den ich so endlos liebe! Kennst du ihn? Kennst du diesen Herrlichsten - o so rede, rede schnell! Sollte etwa meine geheime Ahnung an ihm sich erwahren?! O Lama, dann ist Chanchah entweder das glücklichste Wesen der Himmel oder aber das unglücklichste der Unendlichkeit!
9] Denn siehe, ich bin eine gar große Sünderin vor Lama, da ich in meinem Lande einmal einen Verrat an seinen vorgeblichen Boten verübt habe, die dann alle übel um ihr Leben gekommen sind. Waren sie wirklich Lamas Boten, dann wehe mir, so meine große Ahnung sich hier erwahrt! Denn von dem auf ewig verstoßen zu sein, den man so unendlich liebt o Schwester, kennst du noch eine größere Qual? Nur dann, so jene von mir Verratenen Frevler, Betrüger und somit keine Boten Lamas waren - was ich jedoch nicht entscheiden kann -, dann freilich würde mir des Allgerechtesten Antlitz sicher erträglicher sein! Daher rede, rede; doch, ach Schwester, rede nicht - denn zu unerträglich könnte mein Herz deine zu frühe Enthüllung durchbohren! Oh, laß mich noch eine Weile in süßer Ungewißheit schwelgen!«
10] Mit diesen Worten sinkt sie wie ohnmächtig zu Meinen Füßen. Ich aber stärke sie und richte sie vollends wieder auf.
 


_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 115 _


_jl.bmar.115. Kapitel
01] Im selben Momente aber kommt eben derjenige Jesuit, den die Chanchah verriet, mit noch einigen seiner Kollegen, fällt vor Mir auf die Knie und spricht:
02] »O Herr, o Vater, nun erst haben unsere Herzen Dich erkannt! O vergib uns unsere so lange Blindheit, die es nicht zuließ, Dich so zu erkennen, wie Du bist - so gut, so sanft, so mild, so endlos herablassend!«
03] Rede Ich: »Steht auf, Kindlein, und macht nun kein Aufsehen; denn es gibt noch welche, die Mich noch nicht vollends erkennen dürfen ihrer Freiheit wegen. Ihr wißt, daß der Töpfer am besten weiß, wann es Zeit ist, den Topf von der Drehscheibe zu heben. Bleibt nun hier und bezeugt, was Übels jener Drache an euch getan hat, den Martin und Borem soeben hierher ziehen. Du, Chorel, aber zeige dich nun auch hier dieser Chanchah, die dich einst in China an den Kaiser verriet, und die nun hier ob ihrer übergroßen Liebe sich Mir zunächst befindet, aus welcher Nähe sie schwerlich die Ewigkeit verdrängen wird!«
04] Chorel befolgt sogleich Meinen Auftrag und stellt sich gar freundlich der Chanchah vor. Diese erkennt ihn sogleich und erschrickt vor ihrem vermeintlichen Ankläger.
05] Chorel aber fragt sie: »Chanchah, warum erschrickst du vor mir? Tatest du nicht, was dein Gewissen dir gebot? Ich selbst habe dich ja gelehrt, daß das nur Sünde sei, was ein Mensch tut wider die Stimme seines Gewissens; denn des Gewissens Stimme ist Gottes oder Lamas Stimme in uns. Du achtetest mich anfangs ja sehr hoch, da du in mir und meinen Gefährten wirkliche Boten Gottes ersahst. Später aber entdecktest du durch deinen weiblichen Scharfsinn an uns einen Hochverrat und brachtest es durch deine List am Ende dahin, daß wir dich in unser Vorhaben einweihten. So war es dann ja sogar deine Pflicht als eine Chinesin, mit allem Eifer unser böses Vorhaben anzuzeigen und dadurch viel Unheil von deinem Vaterlande abzuwenden.
06] Obschon wir dann schrecklich gezüchtigt wurden, bist du dennoch nicht im geringsten schuld daran, sondern allein wir selbst, darum wir den heiligen Zweck unserer Sendung in einen so schmählichen Unfug verkehrt haben! Denn wären wir, und besonders ich, dem Zweck unserer Sendung treu geblieben, würdest du wohl eine der eifrigsten Christinnen geworden sein, samt einer Menge deiner Stammesverwandten. Da wir aber nur zu bald - von den großen Schätzen deines Landes geblendet - unserem heiligen Zweck abhold wurden, verloren wir dann auch alles samt unserem wenig werten Leben.
07] Du ersiehst daraus gar leicht, daß wir alle unmöglich gegen dich eine Anklage haben können, sondern eher das Gegenteil zu befürchten hätten. Somit hast du, holdeste, treuherzigste Chanchah, vor uns wohl ewig nie den leisesten Grund zu erschrecken, da doch wir mit Grund vor dir nicht erschrecken, die du uns wohl anklagen könntest! Vergib uns aber, du Geliebte des Allerhöchsten, damit wir endlich frei von aller Schuld Dem nahen dürfen, dessen Namen unsere Zungen ewig nimmer wert sind auszusprechen!«
8] Chanchah ist über dies Bekenntnis Chorels innigst gerührt und spricht: »O liebe Freunde, hier in diesen Hallen gibt es keine Schuld mehr; und gäbe es eine, so tilgt sie für ewig meine Liebe zu Lama! Denn mein Herz sagt mir: 'Deine Liebe zum Lama - ist Lama Selbst in dir!' Freunde, diese heilige Liebe kennt keine Schuld, sondern überall nur liebe Brüder und Schwestern, und das auch dann, wenn diese noch in ihrem Irrtume wandeln! Meine Anklage gegen euch aber sei, daß ich euch alle liebe und achte wie mein eigenes Leben! Habt ihr dagegen etwas einzuwenden?«
09] Chorel und seine Kollegen weinen freudig über diese herrlichen Worte Chanchahs und Chanchah weint mit.
10] Ich aber wende Mich zur Chanchah und sage: »Du herrlichste Blume Meines Herzens, komm her und lasse dich umarmen! Wahrlich, solch eine Liebe ist überaus selten und kaum eine so rein!
11] O du Lieblichste, du bist nun endlos glücklich, da du Mich so sehr gewonnen hast. Aber auch Ich als dein Geliebter bin überglücklich, da Ich in dir, einer Heidin, eine Liebe gefunden, dergleichen in der Christenheit außer einer Magdalena und der Mutter Meines Fleisches kein drittes Beispiel aufzuweisen ist!
12] O Chanchah, Chanchah, du hast es weit gebracht, noch weißt du nicht, wie weit! Aber die jüngste Weile wird dich in eine Tiefe versetzen, von der du noch keine Ahnung hast! Deine Augen sollen noch eine kurze Weile gehalten sein, damit du dann desto seliger werden sollst. Daher gedulde dich noch eine kurze Weile! - Nun aber fasst euch alle; die beiden ziehen den Drachen hierher schon über die Mitte des Saales und werden sogleich mit ihm hier sein!«

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 120 _


_jl.bmar.120. Kapitel
01] Unterdessen aber erwacht auch Chanchah wie aus einem Schlafe an Meiner Seite und erinnert sich all des vor ihren Augen Geschehenen nur wie eines lebhaften Traumes. Sie fängt sogleich an, von Punkt zu Punkt Mir alles zu erzählen, was ihr nun geträumt hat. Nachdem sie mit ihrer Erzählung fertig ist, fragt sie Mich, ob an solch ihrem Gesichte wohl etwas daran sei.
02] Ich aber sage zu ihr: »Chanchah, sahst du nicht ehedem, wie Borem und Martin den dir so überschauerlichen Drachen an den Ketten hierher schleppen hätten sollen und wie sehr sich dieser ihrer Kraft widersetzte? Und wie Ich dann, als Martin Mich mit rechtem Einverständnisse Borems um Hilfe bat, mit Meiner Willensmacht augenblicklich den Drachen hierher zu unseren Füßen schleuderte? Du hast solches ja doch noch mit ganz offenen Augen gesehen!«
03] Spricht Chanchah: Ja, du Herrlichster, das habe ich wohl noch gesehen. Aber als der Drache zu knapp vor uns lag, da ergriff mich ein zu mächtiges Grauen, daß ich darob in eine Art Angstschlaf verfiel und die darauf folgenden Begebnisse mit diesem Ungeheuer nur wie in einem Traume sah. Ungefähr so, wie ich bald nach der Ankunft in dieser Welt auch in einen ähnlichen Zustand kam, in welchem ich mit Chorel zusammentraf und mit ihm einen fürchterlichen Kampf habe bestehen müssen. Und als ich darauf erwachte, kam mir dann auch alles so wie nun als ein schwerer Traum vor.
04] Was ich bei vollem, wachem Bewußtsein sehe, das kann ich wohl fassen, soweit meine kleine Erkenntniskraft reicht. Was aber diese traumähnlichen Gesichte betrifft, so liegen sie zu weit über dem Erkenntniskreise meiner Seele. Ich kann da nichts tun als allein an dich mich wenden, da ich von dir die lebendigste Überzeugung habe, daß du allein der Allerweiseste und Mächtigste dieses ganzen großen Hauses bist! O erläutere mir daher dieses mein Gesicht!
05] In diesem Gesichte tatest und sprachst du als der ewig heiligste Lama Selbst. Aber da ich nun wieder wache, erschaue ich an dir aber auch nicht die allerleiseste Veränderung deines mir bekannten Aussehens. Du kannst daher ebensogut ein mit aller Macht ausgerüsteter Bote Lamas, wie hinter einer gerechten Maske auch der Lama Selbst sein! So viel und nicht weiter kann ich mein Gesicht beurteilen; das Weitere und Richtigere erwarte ich aber von dir, du meine alleinige Liebe! O zaudere nicht, zu tränken mein Herz mit der Überfülle deiner Weisheit!«
06] Rede Ich: »Chanchah, wo ist der Drache nun und wo sein Anhang? Siehe, du staunst nun plötzlich und sagst in deinem Herzen: "Bei Lama, dem Allerheiligsten! Nirgends mehr ist das Ungeheuer zu ersehen! Und sein Anhang - und Borem, Martin und Chorel - wo sind sie?"
07] Ich aber sage dir: Siehe, Meine Kraft trieb den einen zur Tür hinaus so schnell, als da flieht der schnellste Gedanke. Und sie verwies ihn, in die Schweine der Erde zu fahren, auf daß sie nun wütend werden sollen, in solcher Herrschwut berennen das Vorgebirge der vollsten Selbstsucht und endlich von da sich stürzen in das Meer des finstersten Wahnes und ersaufen im selben!
08] Seinen alten Anhang aber habe Ich ihm genommen durch die Macht des Wortes und beschickte ihn durch die drei Abwesenden in das Bad der Selbsterkenntnis, der Demut und der daraus hervorgehenden möglichen Besserung.
09] Alles, was Ich aber hier wie allenthalben tue, das tue Ich aus ganz eigener Macht. Es gibt keine Macht weder über Mir, noch unter Mir, die Mir gebieten könnte und sagen: 'Nun tue dies und jenes!', sondern was Ich tue, das tue Ich allein - ohne Geheiß jemandes anderen. So Ich aber zu jemandem sage: 'Tue du dies und du jenes', da mag niemand der Kraft Meines Willens Widerstand leisten!
10] O Chanchah, so du das alles leicht aus Meinen Handlungen ersiehst und schon lange hast ersehen können, wie magst du da noch fragen, ob Ich ein Bote Lamas oder wohl am Ende Lama Selbst bin!
11] Das Schlichte Meines äußern Wesens darf dich nicht beirren, denn siehe, Lama braucht nicht wie der Erde Fürsten nach außen zu glänzen, sondern allein durch Seine Vaterliebe, Weisheit und Macht in den Herzen Seiner Kindlein! Ich aber glänzte in deinem Herzen schon lange über die Maßen; wie wohl hast du Mich nicht erkennen mögen?!
12] Siehe, du Meine Chanchah, du Meine Tochter, Ich bin ja dein Vater, dein Lama, und außer Mir gibt es ewig nirgends einen mehr! Aber du mußt dich darob nicht entsetzen; denn siehe, wie Ich bin, so bin Ich ewig unveränderlich gleichfort Derselbe. Und alle Meine Kindlein sollen Mich nicht als ihren Gott, sondern stets nur als ihren liebevollsten Vater erkennen und ersehen, lieben und anbeten!
13] Fürchte dich nicht vor Mir, da du Mich nun erkennst! Denn du wirst an Mir ewig keine Veränderung gewahr werden, außer daß du fürder alle endlosen Schätze Meiner Vaterliebe und Weisheit in ewig steigender Überfülle ohne Maß und Ziel genießen wirst. - Bist du nun zufrieden mit dieser Erläuterung Meines Wesens?«

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 121 _


_jl.bmar.121. Kapitel
01] Chanchah sinkt nun zu Meinen Füßen nieder und weint und schluchzt vor zu großer Freude und Seligkeit. Ich aber stärke sie, und sie richtet sich auf und betrachtet Mich mit großen, seligsten Augen vom Kopfe bis zur Zehenspitze und kann sich nimmer satt sehen an Mir. Nur ihr Herz spricht:
02] »Du, Du, o Du bist es also! Du bist der allmächtige, heilige Lama! Du der Ewige! - Du hast die Erde, den Mond, die Sonne, alle die zahllosen Sterne, das gewaltige Meer, ein unzählbares Heer von allerlei Tieren im Wasser, auf der Erde und in der Luft, Du hast uns Menschen erschaffen?! O Lama, Lama, Du großer, heiliger Lama! Wer kann Dich loben, preisen und anbeten zur Genüge! Welches Herz ist wert, Dich, Du Heiligster, lieben zu dürfen?!
03] Aber, o Lama, wert oder nicht wert, welches Herz kann Dich nicht lieben, wenn sein Auge Dich erschaut und sein Sinn Dich erkennt! Daher vergib mir Nichtswertesten, daß ich es wagte, Dich, o Du zu Heiliger, zu lieben! Aber was kann die arme Chanchah dafür, so ihr Herz mächtiger ist denn ihr Verstand?
04] O Lama, Lama! Siehe, ich erkenne wohl nun meine Nichtigkeit gegen Dein endlos Alles; aber mein Herz liebt Dich nun nur um so mächtiger! Du wirst mir ja nicht zürnen, daß ich Dich nur unbegreiflich mächtiger lieben muß! O Lama, stärke mein Herz, sonst erträgt es die zu mächtige Liebe zu Dir nimmer! O Lama, Lama, ich vergehe vor Liebe!«
05] Mit diesen Worten sinkt die Chanchah wieder vor Mir nieder und weint und schluchzt vor Liebe.
06] Rede Ich: »O Chanchah, deine Liebe ist groß und dein Herz eine überköstliche Perle. Aber siehe, du mußt dich ermannen und nicht über deine Kraft erbrennen zur mächtigsten Glut, sonst könntest du Meine Gegenwart für die Folge nicht ertragen - was deine Seligkeit nicht wenig beirren würde!
07] Siehe hier neben dir die Gella an, und betrachte Martin, Borem und auch den Chorel: Diese kennen Mich schon eine geraume Weile und sind ebenfalls voll Liebe zu Mir. Aber sie ertragen Mich und können daher alles tun und genießen, was Ich ihnen gebiete und gebe. Wären sie aber in deiner Verfassung, da könnten sie ebenfalls nichts tun und genießen, wie du jetzt auch nichts tun und nichts Höheres genießen könntest, weil deine zu mächtige Liebe alle deine Kräfte zu sehr in Anspruch nimmt!
08] Ich aber sage dir, du Meine geliebte Chanchah, das nicht etwa darum, als wäre Mir nicht liebsam deine übergroße Liebe. Denn Ich habe dir ja schon oft gesagt, wie überaus lieb du Mir bist, und sage dir noch hinzu: Mich kann niemand genug lieben! -; aber das ist bei der möglich größten Liebe wohl zu merken, daß die Liebe nicht ohne Weisheit einhergehen darf, so sie die Seligkeit aller Seligkeiten bewirken soll!
09] Denn die pure Liebe ist ein verzehrendes Feuer! Da es ein Grundfeuer ist, kann es von keiner Seite durch nichts gesteuert werden als allein durch einen entsprechenden Grad von Weisheit. Daher mußt auch du deine Liebe zu Mir durch einen rechten Grad von Weisheit mäßigen, so du die rechte Seligkeit der rechten Liebe genießen willst!
10] Betrachte Mich nicht fortwährend als das allerhöchste, allmächtigste Gottwesen, dem sich niemand nahen kann und leben. Sondern betrachte Mich als deinen allerbesten und allein wahrhaftigsten Vater, ja sogar in Meiner Menschlichkeit als deinen Bruder! Dann wirst du Mich wie jeder andere Selige leicht ertragen. Du wirst beständig um Mich sein können und teilen alle Seligkeiten mit den Allerseligsten, die auch stets bei Mir sind wie nun du. Nur daß sie von Mir aus stets alle Hände vollauf zu tun haben in allen zahllosen Räumen Meiner ganzen unendlichen Schöpfung, dabei aber Mir dennoch stets so nahe sind, wie es du nun bist und ewig sein wirst! - Verstehst du, Meine allerliebste Tochter, was Ich nun zu dir geredet habe?«

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 122 _


_jl.bmar.122. Kapitel
01] Spricht Chanchah: »O Lama, o Lama! Wo ist das Herz, das Dich erkennt und kann dann noch Maß nehmen in seiner Liebesglut zu Dir, Du Heiligster von Ewigkeit! Siehe, so ich so viel Herzen hätte, als es da gibt Sterne am Himmel, des Sandes im Meere und des Grases auf dem Erdboden, und wäre jedes Herz eine Sonne voll der höchsten Glut zu Dir, so wäre aller dieser zahllosen Herzen Liebesglut zu Dir, o Du mein heiligster Lama, dennoch nur wie ein kühlster Tautropfen gegen ein siedendes Meer! Denn Du kannst ewig nimmer zuviel geliebt werden, da Du doch die allerhöchste und mächtigste Liebe Selbst bist!
02] Ich weiß es wohl, daß Du, o Lama, ein Vater, ja sogar ein Bruder Deinen Geschöpfen bist, weil Du es sein willst. Aber welches Herz kann Dich nur als Vater und Bruder denken und sich dabei nicht stets erinnern, daß der Vater, der Bruder, auch der - ach, der ewig heiligste, große, allmächtige Lama (Gott) ist?! Daher muß ich Dich ja lieben, weil ich nicht anders kann, als Dich nur ganz allein endlos ewig über alles lieben! Und keine Weisheit kann die Liebe meines Herzens mäßigen!
03] Oh, so ich tausend Leben hätte und es sagte mir die Weisheit: 'Chanchah, alle diese tausend Leben wirst du verlieren, so du deine Liebe zum Lama nicht weise mäßigst!' - da würde mein Herz der Weisheit erwidern: 'Oh, welche Seligkeit kann der gleichen, tausend Leben in der Liebe zu Dir, o Lama, zu verlieren, was aber sicher unmöglich ist. Denn wie sollte je einer das Leben verlieren können, der Dich als das höchste Leben alles Lebens über alles liebt!
04] Daher werde ich Dich nur noch mehr lieben, und keine Weisheit wird mein Herz in der Liebe zu Dir, Du mein Lama, je zu mäßigen imstande sein! Nur so Du, o Heiligster, es verwehren und zunichte machen willst, dann freilich wird die arme Chanchah Dich nicht mehr lieben können. Aber, o Lama, o Vater, das wirst Du der Chanchah ja doch nicht tun!
05] Rede Ich: »Meine allerliebste Tochter! Wahrlich, Ich sage Dir: Wer Mich wie du liebt, der ist eins mit Mir und hat nicht ein Leben, sondern zahllose Leben in sich! Wie sollte der vergehen können? Liebe daher Mich nur aus allen deinen Kräften und fürchte nichts. Deine Liebe zu Mir wird dir auch Weisheit geben, und diese wird auch mehr erweitern dein Herz, daß du Mich stets mächtiger wirst lieben können. Nun aber komme an Meine Brust und mache deiner Liebe Luft!«
06] Bei diesen Worten schreit Chanchah vor Entzücken auf und wirft sich Mir wie nahezu bewußtlos an die Brust.
07] Gella weint mit vor Freude, daß die Chanchah Mich erkannt hat und sagt schluchzend: »O du Glücklichste! Wie selig muß es sein, an dieser Brust die endlosen Ströme der ewigen Gottesliebe einzuatmen! Ach, welch eine Luft muß da wehen - am Urborne, aus dem alle zahllosen Wesen, Engel, Sonnen, Welten, Menschen, Tiere und Pflanzen ihr Dasein, ihr Leben, ihr Alles schöpfen! O allerhöchste Lust, Freude und Seligkeit!
08] O Chanchah, wie groß muß die Wonne sein, in der du im Vollmaße schwelgst! Welcher Engel wohl hat einen Maßstab, sie zu bemessen!
09] Aber was denkst denn du, mein Herz - bist ja auch in der größten sichtbaren Nähe Dessen, der heilig ist, überheilig! Darum sei stille, mein Herz; der Herr gibt ja einem jeden nach dem gerechtesten Maße seiner Liebe und Weisheit! Daher denke nicht an das höchste Seligkeitsmaß, das nun dieser edlen Chinesin zuteil wird, sondern denke, wie endlos glücklich du selbst nun bist!«
 


_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 123 _


_jl.bmar.123. Kapitel
01] Während Gella solch löbliche Betrachtungen bei sich macht, kommen alle die Chinesen hinzu. Einer von ihnen spricht:
02] »Du unleugbarer Gottesbevollmächtigter, sage uns doch aus deiner uns wohlbewußten großen Weisheit, was da wohl der eigentliche Grund ist, daß unsere Chanchah gar so übermächtig an dir hängt? Sie hat ja eine solche Liebe zu dir, daß wohl kein Mensch zum Lama eine größere haben könnte, so dieser - wenn es möglich wäre auch sichtbar vor ihm stünde!«
03] Rede Ich: »Habt nur Geduld, Chanchah wird euch in Kürze alles kundgeben, was euch hier zu wissen nottut! Nun aber forschet nicht weiter, sondern laßt euer Herz vor eurem Verstande einhergehen, so werdet ihr den sichersten und kürzesten Weg zu wandeln haben!«
04] Sagt darauf einer von ihnen wieder: »Das wird wohl sehr gut und ehrlich sein, und wir hoffen das auch von ihr. Aber wird sie uns auch sagen können, was jenes Ungeheuer zu bedeuten hat, das du früher so urplötzlich zur Tür hinausgewiesen hast, nachdem es dem guten Martin zuvor allerlei Spuk vormachte, ja sich sogar in ein reizendstes Weibwesen verwandelte, um den armen Martin zu fangen? Wär das nicht etwa ein ahrimanischer Abgesandter oder gar Ahriman selbst?«
05] Rede Ich: »Auch das wird euch Chanchah nicht vorenthalten. Begebt euch daher nur wieder auf eure Plätze zurück und harrt dort in aller Freude solcher Löse. Es sei!«
06] Auf diese Worte begeben sich alle die Chinesen wieder zurück und tun, was Ich ihnen anbefohlen.
07] Aber auch mehrere der Mönche treten nun vor und fragen Mich um ähnliche Bescheide. Auch ihnen wird bedeutet, nur noch ein wenig zu ruhen, auf daß sie hinreichend gestärkt werden für die folgende Löse. Darauf treten sie zurück und harren in aller Geduld und Freude.
08] Aber einige Nönnchen bilden einen Klub und raunen einander zu: »Wir hatten zufolge einiger Winke unserer Schwester, die nun Gella heißt, schon fast geglaubt, dieser Chinesenfreund, der dem Drachen samt seinem Anhange so kräftigst begegnen konnte, sei entweder der Erzengel Michael oder wohl gar Jesus, der Herr, Selbst. Aber nach dem zu urteilen was er mit der freilich viel schöneren Chinesin, als wir es sind, treibt, wie er sie herzt und kost, daß es schon völlig aus ist, kann das doch unmöglich Michael und noch viel weniger der Herr Jesus sein!
09] Ich möchte es sogar für eine große Sünde halten, von Michael und gar vom Herrn Jesus nur schwach zu denken, als könnte Er - und noch dazu mit einer Heidin! - so ein verliebtes Spiel treiben. Diese dumme Gretel aber geniert sich auch nicht im geringsten vor uns! Nein, wie sie in seiner Brust herumwühlt; muß aber das eine verliebte Katze sein!
10] Wenn er Michael oder der Herr Jesus wäre, wäre er ja auch zu uns Christinnen gekommen, die wir auf Ihn doch ein unbestreitbares Vorrecht vor den Heiden haben. Da er aber nur stets dieser Chinesin huldigt, uns aber beinahe gänzlich außer acht läßt, so wird's bei ihm besonders mit der Jesusschaft wohl einen hübsch starken Haken haben! - Es ist nur dumm von unserer Schwester Gella, wie auch sie dort stehen kann, als wollte auch sie sich an seine Brust stürzen. Mienen macht sie wenigstens schon derartige!«
11] Rede Ich zu Gella: »Mein Töchterchen, siehe, hier neben der Chanchah ist auch für dich ein Plätzchen! Komme auch du her und mache deiner Liebe Luft!«
12] Gella fällt sogleich auch an Meine Brust und ist voll Seligkeit.
13] Aber die Klubistinnen sagen: »Nein - da haben wir's! Wie wir es uns gedacht haben, so ist es auch! Nein, da ist nichts mehr zu reden! Wenn nur der Hausherr Martin bald zurückkäme, auf daß wir uns bei ihm beschweren könnten! Aha, dort kommt er schon mit Borem und Chorel! Gehen wir ihm nur schnell entgegen!«
14] Als Martin sieht, daß ihm der ganze, zahlreiche Troß der Weiber entgegenkommt, ersieht er auch zugleich, wo sie der Schuh drückt. Er geht ihnen freundlich entgegen und spricht:
15] »Weiß schon, weiß schon, wo es euch drückt! Geht nur wieder ganz ruhig an eure Plätze zurück, denn für derlei Beschwerden habe ich keine Ohren! Nur das merkt euch fest und wohl: Wer Liebe will, der muß zuerst lieben; denn Liebe läßt sich durch nichts als nur wieder durch Liebe gewinnen! Daher liebt auch ihr wie jene beiden den Herrn, so werdet auch ihr Seine Brust gewinnen! Versteht ihr das?«
16] Sagen die vielen Klosterweiber: »Ach, lieber Herr dieses Hauses, wie könnten wir solches tun? Siehst du denn nicht ein, daß wir die festesten Christinnen sind? Jene Favoritin aber ist eine Heidin. Gella aber ist ohnehin schon von jeher eine Person von sehr leichter Art gewesen, darum sie auf der Erde auch voll von allerlei Teufelsanfechtungen war. Sie wird es daher auch nicht versäumen, wie und wo es sich nur immer fügt, hier in deinem himmlischen Hause solchen Anfechtungen ein williges Ohr und Herz zu leihen.
17] Jener Mann, den wir alle beinahe schon für den Herrn Jesus oder wenigstens für Michael ansahen, wird wohl auch ein um sehr vieles tiefer unten stehender Geist sein. Sonst würde er sich doch sicher nicht mit den beiden leichten Personen gar so intim abgeben! Daher -
18] Hier unterbricht sie Martin und spricht: »Schon gut, meine Lieben! Ich glaubte, ihr wäret alle schon rein, indem ihr doch schon tüchtig abgesotten und darauf gewaschen worden seid. Jetzt aber kommt aus euch ein ganz verborgener alter Rost und Schmutz zum Vorschein! Daher werdet ihr schon noch einmal in ein ganz scharfes Bad gehen müssen, bevor ihr wert sein werdet, euch jenem Heiligen zu nahen!«
19] Schreien die Mönchinnen: »Was sagst du, wir - baden?! Du bist auch ein Unreiner, darum geht der Teufel bei dir aus und ein! Oder haben wir etwa zu unserem größten Entsetzen nicht gesehen, wie du ehedem der schönen Teufelin einen Kuß hast geben wollen, hätte sie dich nicht zurückgestoßen! Wenn das so fortgeht, wird es bald klar genug sein, in wessen Händen wir uns in diesem Hause befinden!«
20] Spricht Martin ganz gelassen: »Ja, ja - nur ins Bad mit euch! Baden, nur baden! Dort hinter jener weißen Wand schwimmen nun tausend gar rare Fischlein herum und baden sich; dort ist für euch auch noch Platz! Daher begebt euch nur schön gutmütig hin und macht Gemeinschaft mit jenen Badegästen, sonst - -!«
21] Die Mönchinnen schreien vor Zorn und gehen auf ihre alten Plätze zurück.
 


_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 126 _


_jl.bmar.126. Kapitel
01] Während sich Borem, Martin und Chorel mit den vielen Weibern hin zur Sonnentür begeben, werden die tausend Badegäste äußerst unruhig in ihrem bewußten Bade. Sie fangen an, ganz gewaltige Lästerungen auszustoßen, so daß selbe sämtliche gereinigten hier anwesenden Mönche und sogar Chanchah und Gella wohl vernehmen.
02] Die beiden ermannen sich bald aus ihrem seligsten Liebestaumel und horchen nun aufmerksamer. Chanchah will Mich gerade fragen, was dies zu bedeuten habe, als eben hundert der Mönchsbrüder zu Mir eilen und Mich inständig bitten, diesen Gästen im Bade das Maul zu stopfen, da sonst leicht die Schwächeren von ihnen selbst geärgert werden könnten.
03] Als diese Mönche kaum ihre Bitte Mir kundgegeben, kommen auch schon die Chinesen samt ihren vielen Weibern und die Eltern der Mönchinnen herbei und sagen: »Du mächtiger Bote Gottes, hörst du denn nicht, wie jener Anhang des Drachen nun im Bade über Gott, über dich und über uns alle sich hermachen will, um uns alle gar übel zu verderben? Hier wird es für die Folge kaum mehr zu bestehen sein, wenn diesem bösen Höllen-Gesindel in seinem Treiben nicht völliger Einhalt getan wird.
04] Höre, welch gräßliche Lästerungen sie ausstoßen! Diese Bestien sind ja noch viel ärger als der Drache selbst, der doch ehedem ganz vernünftig scheinend gesprochen hatte mit Martin und auch mit dir. Mache daher diesem Treiben ein Ende, oder laß uns alle hinausgehen, damit wir fürder nimmer solche Lästerungen des Allerheiligsten vernehmen!«
05] Rede Ich: »Es ist wohl sehr recht von euch, daß eure Herzen mit Abscheu erfüllt werden gegen solch ein ärgerliches Toben. Aber dabei müßt ihr dennoch nur auf Mich und nicht auf euch selbst schauen, sonst werfet ihr euch selbst zu Richtern auf. Das wäre dann ärger als all dies leere Geläster dieser freilich noch sehr argen Badegäste!
6] Wer da nur lästert, bekennt dadurch nichts als seine Ohnmacht. Hätte er Macht, würde er sogleich handeln und nimmer vergebliche Worte gebrauchen, die nichts als leerer Schall sind. Wer ohnmächtig ist, will aber dennoch tun, als hätte er eine Macht, der wirft sich zu einem falschen Richter auf und greift dadurch mut- und böswillig in die ausschließlichen Rechte Gottes. Er schändet diese durch seine Ohnmacht, während in Gott doch allein nur alle Macht und Kraft und somit das ausschließliche Recht zu richten zu Hause ist und sein muß wegen der ewig notwendigsten Ordnung.
07] Seht, liebe Freunde und Brüder, euch ärgert nun das loseste Schmähen und Lästern dieser Badegäste. Und es ist recht, daß ihr daran in euren Herzen ein großes Mißfallen habt! Ich aber erschaue daneben in euch allen auch eine Glut, die, so sie hinreichend mächtig wäre, diesen Badegästen einen ewigen Garaus machen würde. Seht, diese Glut ist ärger denn jenes sinnlose ohnmächtige Lästern.
8] Diese Gäste beschimpfen uns bloß, da sie wohl wissen, daß sie uns sonst ewig nichts anhaben können. Auch wissen sie, wieviel Geduld und Langmut in Gott zu Hause ist. Wir aber würden sie dafür verderben, weil wir dazu Macht haben, oder sie wenigstens auf ewig verlassen. Wäre das wohl weise? Wäre das in der Ordnung Gottes, die nichts zerstören, sondern ewig nur alles erhalten will, ja sogar erhalten muß, weil selbst die Gottheit litte, so nur das Kleinste, das auch aus Ihr hervorging, zerstört werden könnte!
09] Ermannt euch daher und laßt sie alle schimpfen und lästern. Mit der Weile werden sie ausgelästert haben und in eine starke Reue übergehen. Sie werden uns allen dann noch recht liebe und treue Brüder werden und ganz besonders Schwestern, - denn die größte Mehrzahl ist weiblich!
10] Daß sie aber völlig ohnmächtig sind, könnt ihr ja daraus leicht ersehen, daß sie sich nicht um ein Haarbreit über das Bad heraus bewegen können. Welch ein Ruhm aber wäre es dann für uns, so wir uns nun an ihnen rächen möchten, weil wir mächtig, sie aber völlig ohnmächtig sind? Ich meine, dieser Ruhm gliche dem eines Löwen, so er sich zu einem Mückenfänger herabwürdigen möchte.
11] Ich aber ermahne euch alle, daß ihr allzeit auf Mich schaut und dabei merkt, was Ich tue, so werdet ihr fürder keinen Ärger und keine Richtergier in euren Herzen mehr verspüren! Mich geht dies alles am meisten an, und doch bin Ich ruhig. Seid daher ihr um so mehr ruhig, da euch all diese Lästersachen nicht im geringsten berühren!
12] Sie lästern nur Gottes Gerechtigkeit, die sie hier baden läßt, - welches Baden für sie natürlich nicht ganz schmerzlos sein kann, so ihnen geholfen werden soll. Denn jede Umwandlung ist mit Schmerz verbunden so lange, bis nicht ein ganzes Wesen in eine andere Ordnung übergegangen ist. Der Schmerz selbst aber ist notwendig. Gäbe es keinen Schmerz, so gäbe es auch keine Wonne, da ein Wesen, das für keinen Schmerz empfänglich, auch völlig tot wäre für die Wonne.
13] Diese Badenden aber sind nun alle in einem gewaltigen Übergangsprozeß und haben dabei so manchen Schmerz zu erleiden, der ihre Zungen auch zu solchen Lästerungen treibt. Werden sie mit der Weile einer neuen, festen Ordnung nähergerückt, so werden auch ihre Schmerzen sehr vermindert werden. Ihre Zungen werden sodann vom Lästern ganz abgehen und werden erhebende Worte der Reue zu bilden anfangen, die da sind eine Brücke zur Liebe und zum Leben.
14] Damit ihr euch aber nicht länger ärgert an diesem leeren Geläster, so bewegt euch nun mit Mir hin zu jener Tür, an welcher nun schon Borem, Martin und Chorel mit den vielen Weibern stehen. Diese Tür, die nun noch verschlossen ist vor euren Augen, werde Ich auftun. Ihr werdet da eine große Gelegenheit bekommen, euch in eurem ganzen Wesen so recht bis in die innerste Fiber eures noch ziemlich hoch anschwellenden Herzens zu demütigen, was euch allen vor allem nottut! Daher folgt Mir nun; es sei!«

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 128 _


_jl.bmar.128. Kapitel
01] Martin dankt Mir für diesen Auftrag aus vollstem Herzen, bewegt sich dann zur Tür und öffnet sie mit größter Leichtigkeit, obschon sie in ihrer Erscheinlichkeit eine Höhe von zwölf Manneslängen und eine Breite von sechs solchen Längen hat.
02] Als die Tür nun offen steht, geschieht aus mehreren tausend Kehlen ein Schrei voll entzückten Entsetzens. Alles fährt mit den Händen vor die Augen, da das Licht in äußerst intensiver Fülle all diesen Gästen entgegenkommt. Niemand getraut sich, auch nur einen Schritt weder vorwärts noch rückwärts zu machen. Denn die meisten sind der Meinung, daß in diesem ungeheuer mächtigen Lichte ganz ungezweifelt die eigentliche Gottheit wohne in aller Urfülle ihrer Macht, Kraft und Weisheit.
03] Selbst Martin stutzt diesmal, denn auch ihm kommt dieser Lichtglanz nun bei weitem heftiger vor als die beiden früheren Male. Aber das geniert ihn wenig, daher ergreift er sogleich das Wort und spricht:
04] »Brüder und Schwestern, fürchtet euch nicht vor dem, was uns nur über die Maßen zu beseligen vom Herrn bestimmt ist! Kommt alle heraus zu mir, denn dies Licht ist ein fester Boden und man kann wandeln darauf wie auf Erz!«
05] Borem und Chorel führen nun ihre Weiber hinaus. Diese sind sehr furchtsam, beginnen aber am Ende, durch ihre große Neugierde die Furcht besiegend, dennoch ihre Füße hinaus über die Türschwelle zu setzen. Den Weibern folgen die Mönche und die andern Gäste, als da sind die Eltern der Mönchinnen und auch so mancher Mönche. An diese schließen sich endlich die Chinesen und folgen ihnen überaus sorgfältigen Schrittes.
06] Als nun alle draußen sind, folge auch Ich ihnen mit Chanchah und Gella, die sich vor diesem grellsten Lichte anfänglich auch sehr scheuen. Aber an Meiner Seite gibt sich ihre Furcht, und sie betreten ganz behaglich diese neuen Lichtgefilde.
07] Nun befindet sich alles auf dem leuchtenden Boden der Sonne, nicht etwa bloß geistig, sondern auch körperhaft genommen. Denn alle Geister aus Meinem obersten Himmel sehen auch jeden naturmäßigen Körper aus- und inwendig, wie er beschaffen ist. Da sie bei Mir sind, so sehen sie durch Mich alles, was da ist in der Geisterwelt und in der Körperwelt genau so, wie Ich es sehe.
08] Im Anfang sehen sie wohl eben nicht am besten, weil ihre Augen von einem zu grellen Lichte zu sehr geblendet werden. Aber nach und nach wird es sich schon geben, wie es sich nun zu zeigen beginnt. Denn einige der Gäste fangen schon an, am Boden verschiedene Gegenstände und auch verschiedene Farben zu unterscheiden.
09] Die Weiber entdecken sogar einige wunderherrliche Blumen und möchten sich sogar einige pflücken. Aber Borem und Chorel widerraten ihnen, weil das in der Sonne als ein schlimmes Vorzeichen angesehen werde, so zu einer unrechten Zeit an einem Gewächse etwas beschädigt würde; denn da müsse alles in der strengsten Ordnung geschehen.
10] Nachdem diese große Gesellschaft unter der Anführung Martins sich schon eine geraume Strecke auf dem Sonnenboden fortbewegt hat und es nun selbst Martin schon ein wenig zu bangen anfängt, macht er eine kleine Rast, begibt sich zu Mir und spricht:
11] »O Herr, o Vater, nach meinem Gefühle haben wir uns von meinem Hause nach irdischem Maße nun wohl schon über 1000 Meilen Weges entfernt und haben außer einigen Blumenstauden noch nichts zu Gesicht bekommen. Wie weit und wie lange werden wir wohl noch zu wandeln haben, bis wir irgendein bestimmtes Ziel werden erreicht haben?
12] Ich muß es offen gestehen: auf dieser gar zu lichten Welt möchte ich eben nicht gerne zu lange zubringen, so man auf ihr nichts als Licht und einige Blumenstauden zu Gesicht bekommt! Es ist nur gut, daß diese Lichtglut nicht brennt und unsere geistigen Augen nicht mehr gleich den fleischlichen entzündbar sind, sonst wäre es geschehen um sie! Ich gehe wohl voran; aber was nützt mein Vorangehen, so ich nicht weiß, wohin? Daher gehe, o Herr, lieber Du voran, da werden wir alle am ehesten zum rechten Ziel gelangen!«
13] Rede Ich: »Mein Sohn Martin, gehe du nur vorwärts auf dem Boden des Lichtes, geduldig und unverdrossen; es wird das Ziel unserer Wallfahrt schon kommen! Weißt du denn nicht, daß die Sonne millionenmal größer ist denn die Erde? So aber schon große Geduld und viel Selbstverleugnung dazu gehört, auf der Erde große Reisen zu machen, so gehört hier auf der Sonne, deren Boden ein gar weitgedehnter ist, doch sicher noch bei weitem mehr Geduld dazu, solch weite Gefilde zu bereisen. Daher gehe du nur wieder als Führer voran; wir alle werden dir schon gleichen Schrittes folgen!
14] Ich kann hier aber aus dem Grunde nicht vorangehen, um fürs erste niemanden von euch allen in seiner Freiheit zu beirren. Und fürs zweite, so Ich voranginge und es kämen uns die Bewohner dieser Lichtwelt entgegen, da würden sie Mein Wesen mit ihrem sehr hellen Geiste nur zu bald erkennen, dabei aber zugleich verschmachten vor zu großer Hochachtung vor Mir! Gehe Ich aber ganz zuletzt hinter euch her, so macht das nichts. Denn bei diesen Sonnenbewohnern ist das Erste allzeit das Vorzüglichste. Was aber zuhinterst sich befindet, das beachten sie wenig oder gar nicht! Und siehe, so bin Ich zuhinterst am besten plaziert!
15] Wir befinden uns noch auf einem überaus hohen Gebirge. Werden wir nun aber bald hinab in ein Tal kommen, dann wird das Licht schon milder werden. Dort wirst du Massen von Menschen erschauen und vollauf zu tun bekommen, sowie alle die hier mit uns wandeln. Daraus wirst du dann erst den wahren Zweck unserer Reise erschauen. Nun aber gehe nur wieder auf deinen Posten und verrichte deinen Führerdienst!«
16] Martin dankt Mir für diesen Auftrag, geht sogleich wieder vor die Gesellschaft und gibt ihr ein Zeichen, ihm zu folgen. Alles erhebt sich und folgt ihm.

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 144 _


_jl.bmar.144. Kapitel
01] Als die drei mit ihren Führern bei Mir anlangen und Chanchah und Gella dieser drei außerordentlichen Schönheiten ansichtig werden, fahren sie förmlich zusammen, und Chanchah spricht:
02] »O Du mein allmächtigster Vater, was sind denn das für Wesen? Von solch einer unbegreiflichen Schönheit hat wohl noch nie selbst der glühendsten Menschenbrust etwas geträumt! O Vater, sind das auch geschaffene Wesen oder Urgeister, deren Sinn von Ewigkeit her makelloser war als das Licht des reinsten Sternes?
03] Ach, wie entsetzlich häßlich muß ich mich im Vergleiche mit diesen ausnehmen! Ja, wenn ich diese beschaue, kommt es mir - o vergib mir solch einen Gedanken! - gerade vor, als sollte es Dir, o Vater, nahezu unmöglich sein, die weibliche Menschengestalt gar so unendlich schön zu gestalten. Freilich ist solch ein Gedanke ebenso dumm und blöde wie ich selbst nun! - Oh, - wahrlich, ihre endloseste Schönheit ist für mich beinahe völlig unerträglich!«
04] Nach diesen Worten verstummt Chanchah; die Gella aber ist schon gleich von Anfang stumm und weiß sich nicht zu raten und zu helfen, sondern seufzt bloß heimlich im Gefühle ihrer vermeintlichen größten Häßlichkeit.
05] Ich aber belasse die beiden aus bestem Grunde eine Weile in solcher Zerknirschung und sage darauf zum Martin: »Nun, Mein geliebter Bruder Martin, das Fischen geht bei dir ja recht gut vonstatten. Da hast du Mir ja drei recht artige Fischlein sogar aus den tiefen Gewässern der Sonne gefangen, was Mir eine sehr große Freude macht! Ich sehe schon, daß dir das Fischen hier besser gelingt als auf der Erde. Daher werde Ich dich schon müssen zu einem wirklichen Fischer in den Gewässern der Sonne machen. Du wirst nun ganz besonders fest und taugst wirklich zu Meinem Bruder Petrus und Johannes, die stets Meine Hauptfischer in der ganzen Unendlichkeit sind.
06] Wahrlich, diesmal hast du dich selbst übertreffend ausgezeichnet! Sieh, das ist die erste rechte Freude, die du Mir gemacht hast! Denn bis jetzt ist es beinahe noch keinem ausgesandten Fischer in dieser Lichtwelt gelungen, Menschen dieser Welt in das Netz der Liebe zu fangen. Ihre Weisheit ist groß und ihre Schönheit hat viele Fischer schon ganz ohnmächtig gemacht. Aber du hast dich da wirklich wie ein Meister ausgezeichnet. Ich werde dich daher schon über Größeres setzen müssen, weil du im Kleinen so gut gewirtschaftet hast!«
07] Spricht Martin: »O Herr, o Vater, zu viel, zu viel Gnade! Du weißt ja, daß man von einem Ochsen nichts als ein Stückchen Rindfleisch haben kann. Und was bin ich sonst wohl vor Dir anderes als ein Ochse und mitunter manchmal auch noch ein anderes Vieh? Du weißt schon, was für ein Vieh ich meine!
08] Ohne Deine besondere Gnade wäre es mir in Gesellschaft dieser drei allerliebsten Töchter sicher absonderlich schwach und schlecht ergangen. Hätten sie mir mit ihrer Weisheit auch schon keinen gar zu mächtigen Rippenstoß versetzt, so doch einen desto mächtigeren mit ihrer allerreizendsten Schönheit.
09] Oh, und was für einer Schönheit vom Kopfe bis zur letzten Zehe! Aber da griffst Du mir durch die zwei kräftigsten Brüder unter die Arme und siehe, da ging es freilich! Hättest Du mich aber nur ein wenig frei gelassen, da wäre ich ja auf der Stelle fertig geworden mit meiner Stärke. Wie es mir aber dann weiter ergangen wäre, wirst Du, o Herr, sicher am besten wissen!«
10] Rede Ich: »Mein lieber Bruder, da hast du freilich wohl recht geantwortet, denn ohne Mich kann niemand etwas tun. Aber siehe, die Sache ist so:
11] Das Zukommenlassen Meiner Gnade ist freilich Mein Werk, das da niemandem vorenthalten wird. Aber das Ergreifen dieser Gnade und das Handeln darnach ist das eigene Werk eines jeden freien Geistes und sonach auch das deinige. Und darum lobe Ich dich, daß du eben Meine Gnade so vortrefflich ergriffen und darnach gehandelt hast!
12] Ich lasse Meine Gnade gar vielen zukommen, und sie erkennen sie auch und loben Mich darob. Aber so sie darnach handeln sollen, achten sie der Gnade nicht und bleiben stets gleich in ihrer irdischen schlechten Gewohnheit. Solange sie im Leibe sind, tun sie, was ihrem Fleische wohl tut und bleiben sinnlich bis auf den letzten Augenblick. Kommen sie dann in das Geisterreich, so sind sie dann noch zehnfach ärger als auf der Welt, indem sie hier alles haben können, was sie wollen. Sie haben dennoch stets gleich mächtig Meine Gnade; aber sie achten ihrer nicht, und das ist schlimm für sie.
13] Du aber hast nun Meine Gnade geachtet in der Tat und bist darum Meines Lobes wert. Besonders hier, wo es um tausend Male schwerer ist als auf der Erde, Meine Gnade ins Werk zu setzen. Fahre nur so fort, so wird sich dein Geist bald einer Freiheitsstärke erfreuen, die ihresgleichen sucht!«
14] Petrus und Johannes geben selbst Zeugnis und sagen: »Wahrlich, wir beide hätten den Mut nicht gehabt, den Sonnenweibern mit der Liebe zu kommen, weil wir sie kennen, was sie können, so sie bei einem Geiste nur die leiseste Schwäche entdecken! Aber dem Martin ist es gelungen. Dir, o Herr, allen Preis darum und dem Martin eine herrlichste Heldenkrone!«
15] Sage Ich: »Ja, also sei es! Nun aber stelle Mir du, Mein lieber Bruder Martin, deine drei Fischlein vor, daß Ich von ihnen erfahre, wie du sie für Mich zubereitet hast!þ

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 153 _


_jl.bmar.153. Kapitel
01] Die Sonnentöchter aber merkten gar wohl, in welche Verlegenheit die vielen Weiber versetzt wurden ob ihrer Enthüllung. Daher nähern auch diese sich den Weibern und sagen: »Geachtete, unserm Geschlechte verwandte Schwestern, legt ab und werft von euch, was eurer nicht wert ist, dann wird unsere Gestalt euch nimmer beirren!
02] Wir können nicht dafür, daß es dem Allmächtigen wohlgefallen hat, uns nach eurer Meinung gar so unendlich schön zu gestalten. Wir sind darob auch nicht im geringsten eitel oder gar nach eurer irdisch schlechten Art stolz darauf, da wir ja doch nur zu klar einsehen, daß das nicht unser, sondern ganz allein Gottes Werk ist. Es wäre überaus töricht und schlecht von uns, so wir euch darum verächtlich ansehen möchten, weil ihr gestaltlich nicht so schön seid wie wir!
03] Haben ja doch nicht wir, sondern die Kraft des allerhöchsten Geistes euch wie uns also gestaltet, wie es Seiner unendlichen Weisheit gut und rätlich war! So wir aber Werke eines- und desselben ewigen Meisters sind, wie wohl könnten wir uns gegenseitig verächtlich anblicken und uns wegen gewisser Eigenschaften bevorzugen wollen, die nicht wir, sondern allein Gott uns verliehen hat?
04] Seid daher fröhlich, liebe Geschlechtsschwestern! Seht uns nimmer mit scheelen Blicken an, so werdet ihr unsere Gestalt so leicht wie eure eigene ertragen. Seht, es ertragen uns ja sogar eure Männer, für die wir gewiß noch um vieles anziehender sind. So meinen wir, daß ihr uns als Geschlechtsverwandte ja noch um vieles leichter ertragen sollet?
05] Spricht Martin bei sich: »Aber wohl mit der genauesten Not! Denn jetzt seid ihr entsetzlich reizend! Die leiseste Berührung eines Armes könnte unsereinen ja doch augenblicklich in solch höchste Ekstase versetzen, in der man vor brennendster Wollust gleich einem aufgeblähten Frosch gerade zerplatzen müßte!
06] O sapprament, diese Brust, diese Arme und die Füße von A bis Z! Nein, das ist auf keinen Fall auszuhalten! - Wenn sie jetzt so an meine Brust fielen, sapprament, da wäre es aus; ja rein aus wäre es mit mir! Sie werden sich denn doch wieder mehr bekleiden müssen, denn so sind sie zu unerträglich schön und sicher sogar für Steine zu reizend!«
07] Sprechen die Weiber: »O ihr herrlichsten Töchter dieser bessern großen Erde! Es ist einesteils wohl wahr, daß wir anfangs ein wenig eitel waren und beneideten euch gar sehr um eure Schönheit. Nun aber müssen wir gestehen, daß doch eure für uns unbegreifliche Schönheit es eigentlich ist, die uns schlägt! Denn unsere Augen sind zu ungeübt, um solch einen Anblick zu ertragen. Daher bitten wir euch, ihr Engelstöchter, daß ihr doch wieder ein Kleid nehmen möchtet, sonst müßten wir ob eures Anblickes gänzlich verschmachten, trotzdem wir schon gewisserart selige Geister sind und ihr noch diesirdische Wesen, mit Fleisch und Blut umhüllt!«
08] Sagen die Sonnentöchter: »Die Gewährung eures Wunsches, so bereitwilligst wir euch zu Diensten stehen wollen, hängt nicht von uns, sondern von euren Herren ab. Was diese wollen, das werden wir tun! Wendet euch daher an diese!«
09] Rede Ich: »Bleibt; so müßt ihr Mir dienen! Ich weiß warum! Denn seht, Meine drei lieblichsten Töchter, obschon auf dieser Erde geboren: niemand kennt besser, was den Kindern nottut als allein der Vater. Ich aber bin ein wahrster und rechter Vater dieser und noch zahllos anderer Kinder. Daher weiß Ich auch am besten, was ihnen frommen kann und will darum, daß ihr euch nicht anders bekleidet, als ihr euch in eurer Ordnung kleidet auf dieser Erde!«
10] Sprechen die drei: »Herr, Meister und Vater deiner Kinder, dein Wille sei uns ein heiliges Gebot! Aber nun kommt doch endlich in unsere Wohnung! Laßt euch dort ehren und - so ihr wollt - auch lieben mit aller Glut unserer Herzen!«
11] Rede Ich: »Ja, Meine neuen Töchter, jetzt wollen wir eure Wohnungen betreten und sehen, wie sie beschaffen sind. Martin, ziehe voran mit Petrus und Johannes! Du, Borem, und du, Chorel, folgt den dreien mit den Weibern und den übrigen Brüdern; hinter Mir aber ziehen die Chinesen mit ihren Weibern! Ihr drei Töchter der Sonne und nun Meine Töchter zieht hier an der Seite Meiner beiden Schwestern, die da heißen Chanchah und Gella. So wohl geordnet wollen wir sämtliche in eure Wohnung einziehen!«
12] Sagen die drei: »Herr und Meister, werden aber die drei Vorgeher auch wissen, wohin sie diese ganze große Gesellschaft zu führen haben?«
13] Rede Ich: »Kümmert euch dessen nicht! Die zwei, in deren Mitte Martin geht, kennen eure Wohnungen überaus genau; denn Meinen Kindern ist nichts fremd und unbekannt. Was Ich als ihr Vater habe, das haben auch sie in aller Fülle; darum also keine Sorge!«

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 155 _


_jl.bmar.155. Kapitel
01] Diese Meine Worte machen die Sonnentöchter sehr stutzen. Chanchah aber öffnen sie den schönen Mund, und sie fängt mit sanften Worten zu reden an:
02] »O ihr schönsten Töchter dieser herrlichen Erde, die keine Nacht je gesehen und nie empfunden den herben Wechsel der Jahreszeiten! O ihr Glücklichsten dem Leibe nach, die ihr keine Krankheit kennt und habt nie jemanden sterben sehen! Eure Gesetze aber, schlechter denn unsere größten Laster, erhalten euch dennoch frei und bisher unsterblich! So seid ihr zwar frei, daß ihr nach euren Gesetzen gar nie sündigen könnt, so ihr es auch wolltet. Eure Gesetze machen euch einen Fehltritt rein unmöglich; wie aber kommt das? Wie müssen Gesetze beschaffen sein, daß sie nie jemand übertreten kann?
03] Seht, ich will es euch durch die Gnade und Liebe meines heiligen Vaters zeigen: Der böse Ahriman (Satan) hat euren Weisen als ein gestaltlicher Lichtgeist alle möglichen Eigenschaften und Bedürfnisse eurer Natur treu gezeigt und kennen gelehrt. Und er hat dazu die Anweisung gegeben, alles, wonach sich irgendeine Fiber eures Wesens begehrend äußert, zum Gesetze zu machen, aber mit dem Beisatze: 'So es jemandem genehm ist, da tue er, was er will. Ist es ihm aber nicht genehm, fehlt er auch nicht, so er es unterläßt!'
04] Denkt nun selbst nach, ihr Weisen, was solche Gesetze wert sind und was sie euch nützen können! Oder habt ihr je von einer Strafe auf die Ubertretung eines Gesetzes etwas gehört?
05] Seht, wahre Gesetze müssen so beschaffen sein, daß sie den Menschen eine große Selbstverleugnung kosten, bis er sie, gerade seinen heftigsten Naturreizungen entgegengesetzt, an sich erfüllen kann. Erfüllt er sie freiwillig mit Hintansetzung aller naturmäßigen Vorteile, so erst erhebt er sich als freier Geist über seine dem Tode und der Vergänglichkeit unterworfene Materie. Er steht dann da als ein Sieger über seinen eigenen, seiner Natur innewohnenden Tod. Und er kann als solcher dann in die höhere Ordnung des ewigen Geistlebens eingehen und der Kindschaft des allerhöchsten Geistes teilhaftig werden durch dessen Gnade!
06] Welcher Sieg aber läßt sich durch die nichtssagenden Gesetze eurer höchsten Weisheit erreichen? Ich sage euch, gar keiner! Denn wo kein Kampf, da gibt es keinen Sieg. Und wo kein Sieg, da gibt es auch keinen Preis! Was aber ist ein Mensch, der sich keinen Preis errungen hat? Seht, er ist wertloser als die gemeinste Pflanze, die er mit seinen Füßen zertritt; denn diese hat auf der großen Stufenleiter der aufsteigenden Wesen ihren Zweck erreicht. Aber der preislose Mensch lebte ohne Zweck. Er lebte nur, weil er lebte; aber sein Leben war zwecklos und kann daher auch nie zu irgendeiner Bestimmung gelangen - was eben mit euch der Fall ist.
07] Ihr lebt nach der Ablegung eurer Außenhülle wohl als eine Art Lichtwolkengeister fort. Aber ebenso ohne Zweck wie hier noch in euren Leibern, deren Außenseite in der gestaltlichen Entsprechung eurer Erde steht. Deren äußerste Sphäre ist wohl auch pur Licht von großer Kraft und Herrlichkeit, aber deren Inneres ist in sich finsterer als das Innere eines jeden andern Planeten. Ich sage euch, eure Weisheit ist nichts als ein Trug - und eure Schönheit ein leerer Schein!
08] Darum aber kommt nun der Herr Selbst, um euch Kindern der Lichtspenderin (Sonne) ein wahres Licht zu geben und euch einen neuen Weg zu zeigen, auf dem ihr auch zu uns in aller Wahrheit gelangen könnt. Seht, so lautet unsere wahre Weisheit! Wollt ihr aber vollkommen werden, so muß sie auch bei euch tatkräftig sein, sonst seid ihr bei all eurer Schönheit die elendsten Wesen im ganzen Schöpfungsraume Gottes, Meines Vaters!«
09] Die drei beben nun förmlich vor der Weisheit Chanchahs und sagen nach einer Weile: »O du Herrlichste, wenn es, wie du uns die Sache erläutertest, ganz bestimmt so sein wird, da unsere Gesetze wirklich von der Art sind, wie du sie uns beschrieben hast, - warum ließ denn euer Herr und Meister als größter Bote des Allerhöchsten uns so lange in solcher Wirre und kam nicht eher, um uns zu helfen?«
10] Spricht die Chanchah: »Liebste Schwestern, der Herr weiß es am besten, wann die Frucht vollends reif ist! Denn Er hat den Samen gemacht und hat in selben gelegt den lebendigen Keim und in den Keim gegeben die Frucht, ihre Zeit und ihre Reife! Also ist es auch bei euch nun der Fall. Ihr seid reif geworden, aber nicht im Wahren, sondern im Falschen. Damit ihr aber aus dem Falschen nicht in Böses übergeht, kommt Er Selbst, um euch zu erretten!«

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 156 _


_jl.bmar.156. Kapitel
01] Sprechen die drei, nicht mehr ferne von der Wohnung: »O du lieblichste Schwester unseres Geschlechtes, du redest von deinem Herrn, Meister und Vater geradeso, als wäre er keineswegs ein Bote des Allerhöchsten, sondern gerade der Allerhöchste Selbst! Oh, wir bitten dich, so du schon eine so große Weisheit besitzest, erläutere uns diese Sache genauer!«
02] Spricht Chanchah: »Liebe Schwestern, über das zu reden steht mir nicht zu, sondern allein diesem meinem Herrn und Vater! Wir aber sind ohnehin nicht mehr ferne von eurer Wohnung; dort werdet ihr alles vernehmen, darnach es euch verlangt! Daher geduldet euch bis dahin!«
03] Mit diesem Bescheid sind die drei zufrieden und treten mit uns weiter den Weg zur nahen Wohnung an. Wir gelangen nun an die Umfassung des ersten Vorhofs, von welcher aus der erste Garten seinen Anfang nimmt, nach welchem terrassenartig der zweite oder mittlere und nach diesem endlich ein dritter und oberster, prachtvollster Garten kommen.
04] Als Chanchah und Gella dieser großen Pracht und am Ende gar des sehr großen, tempelartigen Wohngebäudes ansichtig werden, erschrecken sie über die Maßen und sagen nach einem langen Atemholen zu den dreien:
05] (Chanchah und Gella:) »Aber, um des Herrn willen! Solche Häuser bewohnt ihr? Da sehen wir außer Gold und den größten, alleredelsten Steinen ja sonst nichts! Und welch ein kühnster Bau, welch eine kunstvolle Architektur! Ja, in solchen Wohnungen mit vollstem Bewußtsein wohnen, daß man nicht sterben braucht, solange einen dieses Leben freut, muß freilich etwas überaus Beseligendes sein!
06] Aber wir sehen auch, daß es sehr schwer sein muß, darin ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen. Denn wo so mächtig für den Außenreiz gesorgt wird, denkt sicher kein Mensch an Entbehrung, noch viel weniger an eine Selbstverleugnung, durch die allein der unsterbliche Geist geweckt und mit seinem Schöpfer wieder vereint werden kann.
07] O Herr, liebevollster Vater, hast Du an dieser äußeren Pracht wohl irgendeine Freude? Siehe, Martins himmlisches Wohnhaus ist doch sicher überaus herrlich; aber im Vergleich mit diesem Hause ist es eine wahre Armesünderstube! Und diese Gärten, diese weitgedehnten und prachtvollsten Gärten! Welch eine Fülle der unglaublichsten Kunstwerke! Nein das kann keine Welt, das muß ja ein Himmel sein!«

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 157 _


_jl.bmar.157. Kapitel
01] Reden die drei: »O liebe Schwestern, wenn euch schon diese äußere Einfachheit so sehr entzückt, was werdet ihr denn dann sagen, so ihr das Innere unserer Wohnung betreten und besehen werdet? Denn wir verwenden nur auf das Innere unserer Wohnhäuser alle unsere Sorge und Aufmerksamkeit. Wir glauben dem großen Urgeiste eben dadurch die größte Ehre zu erweisen, daß wir die uns verliehenen Talente tatsächlich in allem verwenden, was uns für unseren Geist würdig erscheint.
02] Wir meinen, daß da jede große Pracht, wenn sie zur Ehre des höchsten Geistes von uns verständigen Wesen zustande gebracht wird, eben darin ihre volle Rechtfertigung findet. Denn hat uns der große Geist einen solchen Sinn eingehaucht, der unserem Geiste als Gesetz gilt, wie sollen wir dann Niedriges schaffen anstatt des Erhabenen? Hieße das nicht unseren Geist anders gestalten wollen, als ihn der Schöpfer eingerichtet hat! Daher stoßt euch nicht an der Pracht unserer Häuser, denn wir errichten sie nicht aus Eitelkeit, sondern rein nur nach dem weisen Bedürfnisse unseres Geistes!
03] Spricht die Chanchah: »Also auch hier wie auf der Erde bei den sogenannten Jesuiten, von denen ich einst eine Schülerin war, das 'Omnia ad majorem dei gloriam'?! Sollen denn diese argen Mönche auch hierher den Weg gefunden haben?
04] So ein Haus wäre freilich noch um vieles besser denn ein Kaiserreich meines Vaterlandes auf der Erde. O ihr prachtvollsten Armen, da beseht den Herrn: Sein Gewand wird es euch sagen, welche Pracht Ihm zunächst am Herzen liegt! Daraus werdet ihr leicht entnehmen, ob und wie Ihm solch eine Außenpracht genehm ist. Ja, die liebeflammende Pracht des Herzens, die wohl ist Ihm über alles angenehm, alles andere aber ist vor Ihm ein Greuel!
05] Wäre es nicht also, da wäre Er schon oft bei euch gewesen, so wie Er auf meinem Planeten gar oft eben zu den Ärmsten und Unansehnlichsten kommt, sie als liebevollster Vater Selbst zieht zu Seinen Kindern und ihnen alle Fülle Seiner Gnade schenkt! Aber zu den Großen und Ansehnlichen, die auch in prachtvollen Palästen wohnen, kommt Er wohl nie und lehrt sie nicht und erzieht sie auch nicht zu Seinen Kindern!«
06] Sagen die drei: »Du, liebe Schwester, wirst wohl recht haben. Aber wie bist denn du dem Herrn - falls Er wirklich den Geist des Allerhöchsten in Sich birgt - so angenehm geworden, während du doch, wie wir es durch unsere innerste Weisheit erschauen, auch von keinem gar zu ärmlichen Hause deines Planeten abstammst?«
07] Spricht die Chanchah: »Darum aber ward mir auf meinem Planeten solche Gnade auch nie zuteil! Daß ich aber nun Ihm so nahe bin, daran ist meine Liebe zu Ihm schuld. Denn ich liebte Ihn mit aller Glut meines Lebens, schon ehe ich Ihn kannte und wußte, daß auch Geschöpfe den heiligsten Schöpfer lieben dürfen! Und seht, diese Liebe und nicht die Pracht meines irdischen Wohnhauses hat mich zu Ihm gebracht!«
08] Sprechen die drei: »Aber wir sind nun doch auch bei Ihm, obschon unser Haus überaus prachtvoll ist. Wie kommt denn hernach das, falls Er wirklich das ist, als was du Ihn durch deine Reden darstellst?«
09] Spricht Chanchah: »Liebe Schwestern, äußerlich scheinbar wohl freilich! Aber diese Nähe ist keine wahre und wirkliche Nähe, was ihr bald nur zu klar einsehen werdet, so Er Seinen Mund vor euren Weisen auftun wird! - Nun aber sind wir bereits auch schon vor der Flur eures Hauses. Martin macht schon Halt und kehrt zu uns zurück, um sich Rat zu holen. Stellen wir nun unsere Reden ein und geben auf alles acht, was da vor sich gehen wird!«

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 158 _


_jl.bmar.158. Kapitel
01] Als Chanchah diese Worte gesprochen, ist auch Martin schon vor Mir und spricht: »O Herr, o Vater, da könnte einem ja doch das Gesicht aus den Fugen kommen! Das ist ja eine Pracht, von der sicher keinem Geiste einer andern Welt je etwas geträumt hat! Sogar Deine hehrsten Brüder reiben sich die Augen und scheinen den zu großen Glanz kaum ertragen zu können! Aber merkwürdig, daß uns auch nicht eine Fliege, geschweige irgendetwas Menschliches entgegenkommt?
02] Petrus meint freilich, wir müßten so lange vor der Flur verharren, bis die Ersten des Hauses mit all ihren Zeremonien uns entgegenkämen nach ihrer diesweltlichen Sitte. Ich aber, der ich auf der Welt einen derben Ekel vor aller Zeremonie bekommen habe, da ich in selber völlig begraben ward, meine, wir sollten diese glänzenden Dummheiten nicht abwarten, sondern ohne viel Anklopfen ins Haus dringen. Du wirst wohl sicher dazu die hinreichende Macht haben!«
03] Rede Ich: »Oho, Mein lieber Martin! Wir kommen ja nicht als Feinde hierher, sondern als wahre Freunde. Wir wollen helfen und aufbauen - und nicht schlagen und zerstören!
04] Was Ruhmes hätten wir wohl, so wir nun im Augenblicke diese ganze Gegend zerstörten? Oder ist es ehrsam für einen kräftigen Arm, einer Mücke den Kopf vom Leibe zu reißen? Siehe, es ist besser, einer Mücke den Kopf aufzusetzen als ihn zu zerstören. Daher wollen wir hier auch nicht von unserer Kraft, sondern von unserer Geduld und Liebe den rechten Gebrauch machen!
05] Oder wäre es dir recht gewesen, so Ich - statt dir alle Meine Geduld und Liebe angedeihen zu lassen, die du wohl nie verdient hast - dich sogleich mit Meiner Allmacht ergriffen hätte und geworfen in die Hölle? Womit wohl hättest du Mir das vorenthalten können? Aber siehe, Ich habe dir das nicht getan, weil Ich keine Ehre darin fand, als Allmächtiger dich Ohnmächtigsten zu verderben, - wohl aber, dich zu erhalten und aufzurichten! Wäre es nun klug von uns, hier feindlich zu verfahren?«
06] Martin schlägt sich an die Brust und spricht: »O mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!« O Herr, vergib mir, Du weißt ja, daß ich ein Vieh bin!«
07] Rede Ich: »Ja, ja, es ist dir schon lange alles vergeben. Aber habe in Zukunft stets den rechten Grund unausgesetzt vor Augen, aus dem allein wir tätig sind und ewig sein werden, so wirst du nicht leicht wieder in solche Dummheit verfallen! Siehe, wir wollen alles ewig erhalten und nichts auch nur auf eine Sekunde lang zerstören; nach Zerstörung dürstet allein die Hölle! Solches fasse und begib dich wieder auf deinen Platz!«
08] Martin küßt Mir die Füße und begibt sich schnell wieder zu den zwei Brüdern.
09] Diese (Petrus und Johannes) fragen ihn: »Nun, was sollen wir also tun? Sollen wir warten oder eindringen?«
10] Spricht Martin: »Wißt, die Narren sind noch allzeit am ungeduldigsten gewesen, weil sie keinen Verstand haben. Aber so sie zu dumm werden, ist ein tüchtiger Rippler ihnen sehr heilsam! Und das ist denn auch bei mir der Fall. Der Herr hat mich ein wenig geputzt, und nun bin ich wieder ganz in Ordnung! Aus einem Vieh hat Er wieder einen Menschen gemacht, und nun ist alles wieder in der schönsten Ordnung!
11] Spricht Petrus: »Ja, ja, da hast du wohl recht gesprochen. - Auch ich habe auf der Welt einige gar gewaltige Rippenstöße vom Herrn bekommen, und es war auch gut. Sogar Bruder Paulus hat einmal seine geistige Faust an meinen Rücken geworfen, und siehe, auch das war gut! Nun aber wissen wir beide immer noch nicht, ob wir da warten und uns etwas langweilen oder sogleich in dieses Prachthaus dringen sollten. Nur das sage uns, lieber Bruder Martin!«
12] Spricht Martin: »Wie mir vorkommt, wollt ihr mich auch noch ein wenig zu kneipen anfangen! Es versteht sich ja von selbst, daß wir nach dem Willen des Herrn warten müssen, bis alle ihre Zeremonien werden gemacht haben, die uns da entgegenkommen wollen! Ihr werdet sicher wohl wissen, welche?«
13] Spricht Petrus: »Nun, lieber Bruder, du mußt nicht gleich auffahren in deiner Leber! Siehe, ich weiß am besten, daß ein Rüttler vom Herrn nicht so wohl tut wie eine Liebkosung; aber er ist doch ebensogut Liebe wie die Liebkosung selbst! Weißt du, als ich den Herrn, da Er mir und meinen Brüdern von Seinem bevorstehenden Leiden vorhersagte, warnte vor Jerusalem und in meiner größten Liebe zu Ihm sprach: 'Herr, das geschehe nur Dir nicht!' - Was sprach da der Herr zu mir?«
14] Spricht Martin: »O Bruder, wiederhole mir diese schreckliche Sentenz nicht! Denn wahrhaftig, mir ist allzeit unbegreiflich gewesen, wie der Herr, der dich kurz vorher zum Pfeiler Seiner Kirche stellte, die keine Macht der Hölle ewig je überwältigen soll, dich gleich darauf einen Satan, der Hölle Obersten, benennen konnte! Wahrlich, das ist mir bis jetzt noch ein tiefstes Rätsel! Wie wohl verstehst du das?«
15] Spricht Petrus: »Siehe, als mich der Herr zu einem Pfeiler Seiner Kirche stellte, da redete Er zu mir aus Seiner Weisheit. Als Er mich aber einen Satan nannte, redete Er aus Seiner unermeßlichen Liebe zu mir, weil Er da mein Welttümliches mit aller Gewalt wie mit einem Hiebe aus mir wies, welches Welttümliche in mir der eigentliche Satan selbst war! Verstehst du nun diese Sentenz und diesen allergewaltigsten Rüttler?«
16] Spricht Martin: »Zwar noch nicht ganz in der Fülle, aber ich spüre wohl, wo hinaus diese Sache geht! Ja, ja, der Herr ist schon durchaus Liebe!
 


_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 168 _


_jl.bmar.168. Kapitel
01] Petrus, Johannes und Martin heben den Weisen vom Boden und tragen ihn in das herrliche Haus. Darob aber entsetzen sich die anderen Sonnenbewohner, und zwar zunächst die eigentlichen Bewohner dieses Hauses und sagen unter sich:
02] »Was ist das?! Der unsterbliche höchste Weise fiel vor diesem Menschengeiste wie tot auf den Boden, und nun tragen ihn die drei fremden Geister in unser Haus! Was wird daraus werden? Wer ist denn dieser Geist, daß er eine solche Macht hat, wie wir sie noch nie bei einem Engel entdeckt haben?«
03] Sagen darauf einige, die den Trägern auf dem Fuße nachfolgen: Habt ihr's denn nicht ehedem vernommen, daß dieser Geist der allerhöchste Geist Gottes sein soll? Wir unsererseits sind dessen nun beinahe gewiß; wie so etwas aber euren Blicken entgangen ist, das ist uns ein Rätsel!
04] Habt ihr denn nicht vernommen, wie unser höchster Weiser mit Ihm geredet hat und hat Ihn anerkannt als den alleinigen Hausvater und somit Allerältesten dieses wie auch jedes andern Hauses?
05] Geht daher in euch und bedenkt, welche Gnade nun diesem Hause, ja dieser ganzen Welt widerfährt, so ihr Schöpfer sie betritt mit Seinen allerheiligsten Füßen zum ersten Male sichtlich unseren Sinnen! Eilt voraus und reinigt den reichen Sitz des Ältesten dieses Hauses, auf daß der rechte Eigentümer zum ersten Male Seinen altgerechten Platz einnehmen möge!«
06] Auf diese Worte rennen sie alle ins Haus und tun sehr emsig, wie ihnen die Weiseren aus ihrer Mitte geraten haben. Ich aber folge ihnen auf dem Fuße nach, und zwar in der Mitte der Chanchah und Gella und der drei Töchter eben dieses Hauses. Mir folgen Borem und Chorel nun als Führer der gesamten Gesellschaft, die hier die Augen nicht genug aufreißen kann, um all die zahllosen Herrlichkeiten gebührend zu würdigen, die sich ihnen hier zur Beschauung darbieten.
07] Alle frohlocken über die Maßen und loben Mich. Denn nun wissen es schon alle in der Fülle, daß Ich allein der Herr bin. Sie sind ebendarum um so glücklicher, weil sie sich in der Gesellschaft Dessen befinden, der da der ewige Meister aller dieser Herrlichkeiten ist. In dieser Ordnung also gehen wir in das erste Haus der Sonnenbewohner.

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 183 _


_jl.bmar.183. Kapitel
01] Nun komme Ich hervor, noch immer umgeben von Chanchah, Gella und den drei Sonnentöchtern, die sich unterdessen recht viel über diese Erde mit den zwei Erstgenannten besprochen haben. Und als Ich hervortrete, fällt der Weise und all sein Volk innen und außerhalb dieses Wohnhauses aufs Angesicht und alle preisen Mich laut:
02] (Die Sonnengemeinde:) »Heil und Ehre Dir, Du Unerforschlicher, Du Ewiger, Du Unendlicher! Nimm hiermit unsern allertiefsten Dank für diese unbegreiflich höchste Gnade, daß Du auch uns Würmchen dieses Staubes Sonne einmal Deiner sichtbaren Gegenwart gewürdigt hast!
03] Es ist wohl höchst ungebührlich, so sich in unseren Herzen ein Deiner unwürdiger Wunsch regt: daß es unsere unaussprechlich höchste Seligkeit wäre, wenn Du von nun an uns nimmer verlassen, sondern ewig verbleiben möchtest bei uns! Was aber können wir tun, als diesem sehnenden Begehren unseres Herzens vor Dir, Du Heiligster, Luft zu machen?
04] O Du, dessen Füße zu heilig sind, als daß dieser Boden würdig wäre, von ihnen betreten zu werden, wirst uns ja ein solch unsinniges Verlangen gnädigst vergeben! Wenn Du, o Heiligster, uns noch für wert achtest, einige Worte des Lebens an uns zu richten, so bitten wir Dich alle aus tiefstem Herzen, Du möchtest uns diese Gnade erweisen! Aber über alles hochgepriesen sei Dein allein heiligster Wille!«
05] Nach dieser sehr demütigen Anrede sage Ich: »Steht auf, Meine lieben Kinder! Vernehmt Mich, den ewigen Vater der Unendlichkeit, euren Vater und den Vater der Myriaden eurer Brüder und Schwestern, die aus Mir hervorgingen, zu bewohnen die Unendlichkeit und überall zu zeugen, daß Ich ihr Vater bin von Ewigkeit!«
06] Spricht der Weise: »O Herr, Herr, Herr, - zu unwürdig sind unsere Augen, um die endlose Heiligkeit Deines Angesichtes zu schauen! Daher laß uns in dieser Stellung, die ich für die geziemendste halte, in der sich Würmer wie wir vor dem ewigen, allmächtigsten Schöpfer zu verhalten haben!«
07] Rede Ich: »Liebe Kindlein, Demut ist wohl die erste und größte Tugend eines jeden menschlichen Herzens, aber sie darf ebensowenig übertrieben werden wie eine andere Regel des Lebens.
08] Daß Ich der Schöpfer und ihr die Geschöpfe seid, ist eine Sache, die auf beiden Seiten eine Notwendigkeit ist und sich selbst für Mich unmöglich anders darstellen läßt. Denn will Ich Geschöpfe haben, so muß Ich sie so erschaffen, wie Ich sie haben will. Und es wird unmöglich ein Geschöpf eher gefragt werden können, ob und unter welchen Bedingungen es erschaffen sein möchte, sondern es hängt da ganz allein von Mir ab, wie Ich das Geschöpf haben will!
09] Da sonach das Geschöpf eine Notwendigkeit Meines Willens ist, Mein Wille aber - als der Grund des Werdens und Bestehens des Geschöpfes dem Geschöpfe gegenüber ebenfalls eine Notwendigkeit ist, so haben sich auf diesem Standpunkte Schöpfer und Geschöpf gegenseitig nicht viel zugute zu halten. Denn wie Ich als Schöpfer dem Geschöpf eine Notwendigkeit bin, ebenso ist auch das Geschöpf als Stützpunkt Meines Willens diesem eine Notwendigkeit.
10] Ganz anders aber ist es, wenn der Schöpfer aus Seinen Geschöpfen freie, Ihm ähnliche, selbständig mächtige Wesen hervorbringen will. Da freilich tritt das Geschöpf in eine ganz andere Lebenssphäre! Der Schöpfer gibt da dem Geschöpf durch das freie, lebendige, vollkräftige Wort eine eigene Kraft, die das Geschöpf dann durch fleißige tatsächliche Pflege in sich zur Vollreife zu bringen hat, um dadurch ein freies, ganz aus sich mächtiges Wesen zu werden.
11] In diesem Falle tritt erst die wahre Demut ein, weil sie das alleinige Mittel ist, durch welches das Geschöpf sich der schöpferischen Nötigung vollends entwindet. Es vermag sodann als ein aus sich selbst lebendiges und mächtiges Wesen Mir, dem Schöpfer, gegenüber sich also aufzustellen, als so Ich Selbst Mir gegenüber als ein zweites Ich auftreten könnte. Aber diese notwendige Demut darf dennoch keine übertriebene sein, sondern gerade nur so, wie Ich als Meister alles Lebens sie anordne; sonst kann sie das nicht bezwecken, wozu sie gegeben ist.
12] Steht daher nun alle auf und wendet eure Augen auf Mich! Ich werde euch erst so und alsdann die rechten Worte des Lebens können zukommen lassen! Und so erhebt euch denn!«
13] Nach diesen Worten aus Meinem Munde erheben sich alle hier Anwesenden zugleich mit dem Weisen, der bei dieser Gelegenheit folgende Worte spricht:
14] »Brüder und Schwestern, wir haben uns erhoben vor dem Herrn, und vor Seinem allerheiligsten Antlitz standen wir auf. Bedenkt wohl, wer Der ist, vor dem wir nun stehen! Bedenkt und fasst es tiefst in euren Herzen!
15] Er ist der Herr, der allerheiligste, urewige Gottgeist, der allmächtige Schöpfer aller unendlichen Himmel, aller Engel, aller Welten, aller Menschen und aller anderen Wesen! Er, der Heiligste, der Erhabenste hat zu uns geredet, daß wir uns vor Ihm erheben sollen, und wir taten in höchster Ehrfurcht, was Er von uns verlangte.
16] Er verhieß uns aber noch weitere Worte des Lebens. Wir haben die gerechteste Ursache, uns darüber im höchsten Grade im voraus zu freuen! Denn wir wissen ja, daß von Dem, der das ewige Urleben Selbst ist, unmöglich andere Worte als nur die des Lebens zu uns gelangen können.
17] So freut euch endlos mit mir; denn der Herr - Er, das Leben Selbst - wird Worte des Lebens, Worte der Freiheit, ja allmächtige Worte zur völligen Umgestaltung unseres geschöpflich gerichteten Wesens an uns alle richten! Daher öffnet weit eure Ohren und Herzen, auf daß solche hier nie gehörten heiligsten Worte nicht an irgendeinem Ohre ungehört und unbeachtet vorübergleiten möchten!
18] O Herr, Du Heiligster, unsere Herzen sind bereitet! So es Dein heiligster Wille wäre, laß uns bitten um die verheißenen Worte voll Lebens und göttlicher Macht und Kraft! Dein heiligster Wille werde allein ewig gepriesen!«
19] Rede Ich: »Mein geliebter Uhron - wahrlich, wahrlich, dein Herz machte Meinem Herzen eine große Freude! Erwarte daher auch samt deinen Völkern, daß auch Ich nicht verabsäumen werde, euren Herzen eine große Freude zu machen. Diese wird euch verbleiben auf ewig, und niemand wird sie euch nehmen können!
20] Dessen seid gewiß, so ihr Meiner Lehre und der Lehre dieser Meiner Kinder und Boten nachkommen werdet. Das wird euch aber um so leichter ankommen, da ihr in der Weisheit Meiner Gerechtigkeit schon ohnehin allen andern Völkern um sehr vieles voran seid!
21] Meine Lehre aber ist ohnehin überaus leicht zu beachten. Denn Ich als Schöpfer weiß es wohl am besten, was euch allen nottut, und was ihr für eure Freiwerdung auch eurer natürlichen Beschaffenheit nach am leichtesten beachten könnt. Daher fürchtet euch nicht vor der neuen Bürde, die Ich nun auf eure Schultern legen werde! Ich sage euch, sie wird sehr leicht mild und sanft ausfallen!
22] So aber lautet kurz das Lehrwort, das Ich nun an euch richte: Liebt Mich, euren Herrn, Gott und Vater, aus allen Kräften eures Lebens, und liebt desgleichen auch euch untereinander!
23] Ein jeder von euch suche in Meinem Namen dem andern Dienste zu erweisen. Keiner dünke sich mehr zu sein, als da ist sein Bruder und seine Schwester! So werdet ihr gar leicht Meine geliebten Kinder werden und verbleiben auf ewig.
24] Bewahrt dabei aber auch eure alte Sittenreinheit! Ferne sei von euch des Fleisches wollüstige Unzucht, in die ihr seit einer kurzen Zeit durch Berückung eines bösen Geistes gekommen seid! Zeugt euch nach der alten, ordentlichen, geistigen Art, die euch gegeben ist in euren Willen und nicht in euer Fleisch!
25] Wohl könntet ihr euch auch fleischlich zeugen durch den natürlichen Beischlaf und könntet dadurch Kinder des Fleisches und Kinder der Welt ins Leben rufen. Aber was würde euch solches nützen? Ihr würdet euch dadurch nur Diebe, Räuber und Mörder züchten, die in kurzer Zeit mächtiger würden denn ihr und würden euch dann machen zu Sklaven ihrer bösen Begierden. Daher meidet sorgfältig euer Fleisch vor solchem Übel und berührt vorzugsweise eure Töchter nicht, durch die ihr Teufel in eure reine Welt zeugen würdet, so wird euch allen die Erreichung Meiner Kindschaft gar leicht werden!
26] Möchtet ihr aber fortfahren, wie bis jetzt zu geilen in eurem und eurer Töchter Fleische, würde euch die geistige Zeugungskraft bald genommen werden. Statt diesem eurem leichten, ätherischen Leibe würdet ihr einen plumpen, schweren, häßlichen und mit allerlei Krankheiten behafteten Leib überkommen, in dem sich der unsterbliche Geist nur sehr schwer und mühsam bewegen würde. Dazu käme dann noch der Tod über euch, den ihr bisher noch nie gefühlt und geschmeckt habet.
27] Also bleibt in eurer alten Sittenreinheit und zeugt euch fortan geistige! Denn was der allein lebendige Geist zeugt, das bleibt dann auch fortan Leben, das keinen Tod kennt. Was aber das tote Fleisch zeugt, das bleibt tot und kann nur schwer ins Leben übergehen, da des Fleisches Wurzel der Tod ist.
28] Wie aber auf einen dürren Stock schwerlich ein lebendiger Zweig eingepfropft werden kann zum Leben, so auch ein lebendiger Geist ins tote Fleisch zur Gewinnung des Lebens!
30] Ebenso würde auch euer Wille geschwächt werden, daß ihr nimmer könntet mit desselben alleiniger Kraft eure Gärten und Äcker bestellen. Ihr müßtet euch dann nur mit jenen Pflanzen begnügen, die Samen haben und sich durch denselben fortpflanzen. Da könntet ihr dann nicht wie jetzt fortwährend reife Eßwaren dem Boden eurer Erde entlocken, sondern müßtet ängstlich und oft sehr ungeduldig die Zeit abwarten, in der die eine oder andere Frucht zur Reife kommen möchte.
30] Ebenso ginge es euch mit der Erbauung eurer Wohnhäuser! Das Material dazu würde dann sehr hartnäckig, schwer und gebrechlich sein. Ihr könntet es dann nimmer durch die Kraft eures Willens geschmeidig, leicht und für alle Zeiten dauerhaft machen.
31] So habt ihr auch eine große Freude daran, daß ihr mit den Geistern eurer abgeschiedenen Brüder sichtlich in Verbindungen treten könnt und könnt sie sehen, sprechen und sogar liebkosen. All dieses würde euch alsbald zur Unmöglichkeit werden, so ihr in eurer Berückung fortleben würdet.
32] Wenn ihr aber nun so fortlebt, wie Ich euch nun kurz belehrt habe, werdet ihr nicht nur eure Vollkommenheiten behalten, sondern werdet noch neue hinzubekommen, deren Vorteile so groß sein werden, daß ihr sie jetzt gar nicht zu fassen imstande wäret.
33] Ich habe euch nun alles gesagt, was ihr zu tun habt für die Zukunft. Nun aber liegt es an euch, ob ihr das alles wohl annehmen und darnach handeln wollt.
34] Fragt alle euer Herz und sagt es Mir dann frei heraus! Denn Ich lasse euch die vollste Freiheit und will nicht einmal in eure Gedanken schauen, auf daß ihr völlig frei selbst bestimmen könnt, was und wie ihr es wollt!

_J. Lorber: 'Bischof Martin' Kap. 202 _


_jl.bmar.202. Kapitel
01] (Der Herr:) »Nun, Meine Kindlein, aber noch etwas anderes! Martin, Borem und Chorel, tretet näher zu Mir! Ihr habt euch nun durch alle schweren Prüfungen durchgewunden und seid siegreich aus so manchen starken und sehr hitzigen Kämpfen hervorgegangen. Dadurch habt ihr euch völlig tauglich gemacht für Mein Reich aller Himmel!
02] Ihr seid nun zu tüchtigen Arbeitern in Meinem Weinberg geworden, und so seid ihr auch eines gerechten Lohnes wert, der euch nun zuteil werden soll. Ich weiß es und lese klar in euren Herzen, daß Ich euer allergrößter Lohn bin und ihr für ewig nach keinem anderen Verlangen tragt. Aber eben diese Gestaltung eurer Herzen macht euch auch für den Empfang jedes anderen Lohnes wert und fähig.
03] Meine Ordnung zu eurer höchsten Vollendung aber will es, daß ihr in der Folge nicht außer, sondern in der Ehe der Himmel leben und wirken sollt. Daher muß auch ein jeder von euch, um vollkommen zu sein in allem, ein Weib haben, auf daß da erfeste für ewig seine Weisheit und aufnehme das Licht, das der Flamme der Liebe im eigenen Herzen entströmt!
04] Denn ein Weib ist wie ein Gefäß, aber ein geistiges Gefäß zur Aufnahme und Aufbewahrung des Lichtes aus euren Herzen. Zugleich aber ist das Weib eine Magd in der Lebensküche des Herzens und unterhält das heilige Lebensfeuer auf dem Herde, den Ich in euren Herzen erbaut habe. Und so müßt ihr euch nun auch jeder ein Weib nehmen und mit ihm völlig eins sein für ewig! Martin, Ich meine, das wird dir nicht unangenehm sein?«
05] Spricht Martin: vor Seligkeit ganz zerknirscht: »O Herr, Du kennst meine Natur am besten! Was Du mir geben wirst, wird mich endlos selig machen! Chanchah oder Gella, das ist mir gleich; oder wenn's tunlich wäre - so ein Sonnentöchterchen! Oh, das wäre schon über alles!«
06] Rede Ich: »Das steht nun bei dir; du bist frei und darfst sonach auch frei wählen!«
07] Spricht Martin: »O Herr, ganz allein D ein Wille geschehe!«
08] Rede Ich: »Nun, so nimm dir die nächste bei dir!«
09] Martin, voll Seligkeit sogleich sich umsehend, erschaut schon die Marelisael, die erste und schönste der drei Sonnentöchter, an seiner Seite. Er führt sie vor Mich hin und fragt: »Herr, ist das die Rechte?«
10] Ich sage: »Ja!« und segne ihn für ewig, womit Martin vollendet ist.
11] Voll höchster Seligkeit küßt er sein Himmelsweib und erkennt nun, daß dadurch seine Liebe sich mit der Weisheit für ewig vermählt hat. Beide loben und preisen Mich nun aus einem Herzen und einem Munde. Denn so wird aus dem getrennten Adam erst im Himmel wieder ein vollkommener Mensch, aber in gesonderter, persönlich seligster Wesenheit.
12] Nach Martin bekommt Borem die Surahil, die zweite der drei Sonnentöchter, und Chorel die Hanial, die dritte der drei, - und beide sind glücklich und selig über die Maßen!
13] Martin, sich vor Seligkeit und süßestem Wonnegefühl kaum fassend, spricht: »O Herr, Du bester, heiligster Vater! Hier möchte ich nun wohl auch, wie einst Petrus auf dem Tabor ausrufen: 'Hier ist gut sein!' Aber nur allein Dein Wille geschehe!«
14] Sage Ich: »Mein lieber, nun vollendeter Martin! Hast du auf der Erde das alte Sprichwort nie gehört: 'Wer die Liebe hat, der führt die Braut heim!' Siehe, das wird nun auch bei dir der Fall sein. Daher, da wir nun hier in diesem großen Hause alles geordnet haben, werden wir wieder heimziehen!
15] Der Weg aber, den wir gehen werden, soll diesen Meinen neuen Kindern auf dieser großen Lichterde fortan offen bleiben bis in dein und Mein Haus! Alle aber, die du aufgenommen hast in dein Haus, bleiben dein und Mein für ewig. Denn was Mein ist, das ist nun auch dein, und was dein ist, das ist auch Mein für ewig.
16] Also wirst du auch für ewig der Schutzengel dieses Hauses und seiner Gemeinde verbleiben in Mir, wie Ich in dir. Aber nicht nur die Gemeinde dieser Erde, sondern auch alle zwölf Tore deines Hauses werden dich in zahllose andere Erdengemeinden führen, wo du erst der Seligkeiten ohne Maß und Zahl finden wirst!
17] Nun noch ein Wort an die neuen Kinder dieser Erde! Das aber gehe aus deinem Munde!«
 

Das ganze Buch: "Bischof Martin":

BISCHOF MARTIN