Krischna erscheint Ardjuna wie der Fremdling Asmahael den Adam- und Eva´s Kindern. Gott war Seinen Kindern der noch unsichtbare Gott. Erst in Jesus wurde Er Seinen Kindern sichtbar.

Der Fremdling Asmahael

58. Kapitel

[HGt.01_058,01] Und siehe, nach allem dem aber beugte sich Enos nach dem Begehren Adams zur Erde und richtete den Schwarzhaarigen auf und bat darauf Adam und Seth um die Erlaubnis, vor der Abreise von diesem Punkte ein paar Worte aus seinem Anliegen aussprechen zu dürfen.

[HGt.01_058,02] Und es wurde ihm von allen Seiten gewillfahrt, daß er nur reden möchte, wonach ihn verlange.

[HGt.01_058,03] Und siehe, da verneigte sich Enos, dankte für die Erlaubnis und begann dann folgende denkwürdige Rede an alle zu richten, welche also lautete:

[HGt.01_058,04] ,Väter und Kinder! Mir kam soeben ein großer Gedanke in meinen Sinn und haftet nun, ein bleibender Strahl eines heftigen Blitzes, in meiner stark erregten Seele: Ich habe einst geträumt - es war damals, als ich einmal überschlief den Aufgang, daß mir darüber ein kleiner Vorwurf zuteil wurde -, daß wir uns, eben wie jetzt, dahier befanden und betrachteten diese wunderbare Gegend und hatten recht viele Freude über unsere vielen Kinder, die wir eben auch zu einem bevorstehenden Sabbatsopfer einluden. Und siehe da, als wir uns eben so freuten, da kam eine stark leuchtende Gestalt in unsere Mitte, so daß wir uns alle entsetzten ob ihrem starken Lichte! Allein die Gestalt ließ uns nicht zu lange in unserer entsetzten Lage, sondern enthüllte sich bald vor unseren lichtgeblendeten Augen.

[HGt.01_058,05] O Väter und Kinder, diese enthüllte Gestalt war Ahbel und führte einen ähnlichen Menschen vor das Angesicht des Erzvaters und sprach mit gar sanfter Rede:

[HGt.01_058,06] ,Höre Vater! Außer mir ist vom Cahin niemand irgend etwas Arges begegnet, außer daß mein Leib für dich verlorenging. Siehe, ich habe dem Cahin von Herzen alles verziehen und habe das um so leichter tun können, da ich nie einen Groll auf ihn hatte! Und als er sich flüchtete in späterer Zeit vor seinem Sohne Hanoch und gegen Mittag an das Gestade eines allergrößten Gewässers der Erde kam und da verschmachtete vor Hitze, Hunger, Durst und Furcht mit den sehr wenigen geretteten Seinigen, siehe, da kam ich mit der Zulassung des ewigen, heiligen Vaters eigenwillig hinzu, offenbarte mich ihm, fand ihn in Tränen großer Reue, daß er mich bis ins Innerste dauerte, und lehrte ihn dann einen wasserdichten Korb flechten und führte dann ihn und die Seinen über die Wogen in ein fernes, fruchtbares und sicheres Land.

[HGt.01_058,07] Und ich tat desgleichen noch mit mehreren seiner Nachkommen aus Hanoch, die eines besseren Sinnes waren.

[HGt.01_058,08] Doch nie getraute ich mich, auch nur einen aus Hanoch, der großen Stadt Cahins, zu dir, o Vater, zu führen; denn ich kannte wohl deinen gerechten Zorn über das Haupt Cahins. Doch aber wußte ich auch, was der Herr zum Cahin geredet hatte, da dieser über die weite Erde floh voll bitterer Reue, da Er ihn sicherte, sagend: Wer da Cahin totschlägt, soll siebenmal gerochen werden!

[HGt.01_058,09] Nun aber bringe ich dir auch nach dem Willen Jehovas einen Gott suchenden Flüchtling aus der Tiefe; daher gib ihm, was er sucht, und nimm ihn in aller väterlichen Liebe auf; denn auch in seinen Adern kreist dein Blut!

[HGt.01_058,10] Erwecke ihn mit deinem Segen, und der Herr wird deine Kinder erwecken, auf daß sie dann predigen möchten Seinen Namen gar wunderbar den Kindern in der Tiefe zur möglichen Rettung der Erde!`

[HGt.01_058,11] O Väter und Kinder! Und so sehe ich nun denselben Menschen unter uns, wie ich ihn damals sah, und sah auch soeben den leuchtenden Ahbel verlassen diese Stätte, und der Henoch sah es wahrlich auch, darum er schweigsam war. Und so ist mein Anliegen zu Ende; - denket und tut, was euch wohlgefällt! Amen."

[HGt.01_058,12] Und Henoch beteuerte alsogleich die Aussage des Enos mit einem: ,Ja, es war und ist also!"

[HGt.01_058,13] Und siehe, als aber der Adam solches vernommen hatte, da ward er ganz erstaunt und fragte begierig: ,Wo ist Ahbel gestanden?"

[HGt.01_058,14] Enos und Henoch aber zeigten gleichzeitig ein und dieselbe Stelle an, und so glaubte ihnen Adam fest, da sie sich nicht geirrt hatten in der gleichzeitigen Bezeichnung der Stelle, wo Ahbel gestanden hatte seine Treue und Liebe vor Adam.

[HGt.01_058,15] Nach dem aber ließ er sich noch von jedem insgeheim bezeichnen die Gestalt Ahbels; und da die Bezeichnungen auch in diesem Punkte übereinstimmten und gar wohl beschrieben seine Gestalt, da blieb dem Adam kein Zweifel übrig, die volle Echtheit dieses Gesichtes alsogleich anzunehmen.

[HGt.01_058,16] Und auf diese Art überzeugt, rief nun Adam freudig aus: ,O Ahbel, was du mir bringst, nehme ich auf, und wäre es Cahin selbst!

[HGt.01_058,17] Daher bringet ihn her zu mir, den schwachen Schützling Ahbels, auf daß ich ihn segne und ihn aufnehme in unsere Mitte und ihm zeige in mir der Erde ersten nicht geborenen, sondern unmittelbar aus der allmächtigen Hand der ewigen Liebe hervorgegangenen Menschen und die Mutter aller Menschen, die aus mir hervorging, und endlich Den, von dessen Größe, Macht, Heiligkeit und Liebe alle Ewigkeiten und wesenvolle Unendlichkeiten treulich zeugen wie wir alle, da uns gegeben ward ein ewiger Geist aus und von Gott Selbst!"

[HGt.01_058,18] Nach dem brachten sie ihm den Schwarzhaarigen hin, und Adam rührte ihn an und segnete ihn dreimal und fragte ihn um seinen Namen. Dieser aber sprach: ,O großer, erhabener Erstling Gottes, des großen Königs der Erde, du weiser Vater aller Väter der Erde, verzeihe mir armem Flüchtling aus der Tiefe, der ich an der Hand einer lichten Gestalt, den tötenden Händen Lamechs entrissen, hierher geführt wurde! Siehe, ich habe keinen Namen; denn ich war nur ein arbeitender Sklave, und diese haben in der Tiefe keinen Namen, sondern werden allda gerufen gleich den Tieren durch leeres, unartikuliertes Geschrei. Sie dürfen die Sprache nur verstehen, aber nicht reden; wer da je möchte einen verständigen Laut über seine Zunge bringen, der würde darum alsogleich seine Redelust mit dem grausamsten Tode bezahlen müssen!

[HGt.01_058,19] Daher zürne nicht, daß ich armer Sklave dir nicht geben kann, was du von mir verlangst; denn siehe, in der Tiefe geht es gar grausam zu, und es gibt wohl keinen mehr, der da seines Lebens sicher wäre. Denn wohin sich jemand nun fliehend wenden möchte, so wird er alsobald eingeholt von Lamechs Häschern und Kriegsknechten; und da, wo er gefangen wird, wird er auch ohne alle Gnade und Erbarmen auf das grausamste getötet!

[HGt.01_058,20] O du großer Vater der Väter der Erde! Da unten geht es also zu, daß die daselbst verübten Greuel keine menschliche Zunge zu erzählen vermöchte. Die grausame Tötung der arbeitenden stummen Sklaven ist wohl das allergeringste noch; denn es kann doch noch mit einem Namen bezeichnet werden. Aber es werden da auch namenlose Greuel verübt, - doch solche dir zu erzählen, werde ich wohl niemals wagen, damit dadurch die Höhen nicht entheiligt werden möchten! Amen."

[HGt.01_058,21] Als aber Adam mit seinen Kindern solche Erzählung von dem Namenlosen vernommen hatte, da entsetzte er sich gewaltig und wollte schon einen Fluch über die Tiefe aussprechen, allein der Namenlose fiel ihm ins schwere Grimmwort, sagend:

[HGt.01_058,22] ,O halte zurück dieses unheilschwere Wort, du guter Vater der Väter der Erde; denn höre! Die da unten stehen nicht an auf deinen Fluch; denn die haben des Fluches in großer Überfülle. Lamech genügt der ganzen Erde; denn so der große König über den Sternen Seinen bittersten Fluch über die Erde donnern möchte, da brauchte Er der Erde nur noch einen Lamech zu senden, und du, o Vater der Erde, kannst versichert sein, daß, ehe die Sonne hundertmal auf- und niedersteigen möchte, die Erde außer dem Lamech kein lebendes Wesen belästigen würde!

[HGt.01_058,23] Daher, o Vater der Väter der Erde, darüber du fluchen wohl möchtest, o höre, da segne die fluchschwer belasteten Tiefen der Greuel du lieber; denn so du noch mehren da möchtest mit Fluche den finsteren Boden der Greuel, dann wehe, dann wehe den armen und stummen Arbeitern der Tiefe!

[HGt.01_058,24] Ihr reichlich vergossenes Blut schreit schon ohnehin gleich den brausenden Stürmen hinauf zu den Sternen um Rache; und wenn du dazu auch der Tiefe wohl fluchen noch möchtest, dann möchten bald blutige Wogen die heiligen Spitzen der Berge umspülen!

[HGt.01_058,25] O Vater der Väter der Erde, da segne, o segne, wo rechtlich verfluchen du möchtest! Amen."

[HGt.01_058,26] Und siehe, als der Adam solche Bitte vernommen hatte, ward er gerührt und lobte den namenlosen Jüngling und fragte ihn: ,Höre, du armer Sohn aus dem Blute Cahins! Da du in der Tiefe nicht reden durftest, woher hat deine Zunge beinahe Kenans Beugsamkeit erlangt?

[HGt.01_058,27] Denn du sprichst, als wenn du schon von jeher ein geweihter Sänger Gottes unter uns gewesen wärest; und so sind deine Worte wohl gemessen und fassen allzeit den rechten Sinn. Sage mir getreu, woher dir solches geworden ist!"

[HGt.01_058,28] Und siehe, alsbald ermahnte sich der Namenlose und antwortete: ,O Vater der Väter der Erde! Danach du fragest, dich staunend ob meiner gelösten Zunge, des freut sich mein jugendlich Herz, sich zu rühmen vor dir als dem Vater des weisesten Lehrers!

[HGt.01_058,29] O siehe und höre: Der Lehrer, der solches gar weise zu reden mich lehrte, war jener, der treu mich hierher vor dich, Vater der Väter, geleitet! Du kennst ihn und hast ihn schon eher denn die, so dich treulich hier horchend und wartend umgeben, gekannt: es war Ahbel, dein leuchtender Sohn, der, von höherer Liebe durchlebet, mir löste die stockende Zunge, damit ich zu reden vermöchte der Wahrheit gar seltene Formen vor dir wohlgefällig, wie auch vor all deinen von Gnade und Segen erfüllten Nachkommen.

[HGt.01_058,30] O Vater der Väter der Erde, nun weißt du wohl alles, das ehedem fremd dir mocht' klingen; o lasse daher mich, den armen und fremden Entflohnen der Tiefe, allhier auf den heiligen Höhen, zu suchen in euerer Mitte denjenigen mächtigen Herrscher voll Recht und voll Güte, von dem all die Sterne, der Mond und die Sonne so wunderbar zeugen!

[HGt.01_058,31] O Vater der Väter der Erde, sprich liebevoll Amen!"

[HGt.01_058,32] Als aber der Adam solche Rede vernommen hatte, ward er dermaßen gerührt, daß er kein Wort zu reden vermochte, und seine Augen schwammen in freudig mitleidigen Tränen.

[HGt.01_058,33] Endlich aber überwand sich Adam und sprach voll Rührung zum Namenlosen: ,Höre, du lieber Fremdling aus der Tiefe der Greuel, wenn es also mit dir steht, wie du mir durch deine Zunge bestätigend kundgegeben hast, so daß ich nimmer zu bezweifeln vermag, daß es nicht also wäre, wie du es aussagtest, und dir dadurch schon Gott wunderbar eine gar große Gnade erzeigt hat, so ist es ja wohl füglich, daß wir, Seine Kinder, nicht anders handeln werden an dir, wie unser aller großer, heiliger Vater an dir in Seiner unendlichen Erbarmung gehandelt hat; und so geschehe dir, wonach dein Herz dürstet.

[HGt.01_058,34] Und sieh hier an meiner rechten Seite den ebenfalls sehr jungen Henoch! Siehe, der ist nun ein gesegneter Redner Gottes; der soll nun dein fernerer Lehrer in Gott, unserem liebevollsten Vater und Herrn der Unendlichkeit, werden!

[HGt.01_058,35] Und da du ferner keinen Namen hast, so will ich dir einen Namen geben, danach du ,Asmahael` heißen sollst, das ist ,ein getreuer Fremdling, suchend Gott`! Denn hier muß jedes Ding seinen Namen haben und jede Handlung ein Wort und wohl bezeichnet sein jede Beschaffenheit und innehaftende Eigenschaft, und wie, wann, wo, warum, wodurch etwas ist und geschieht, muß da bezeichnet sein genau; daher kann ein Mensch um so weniger ohne Namen umhergehen.

[HGt.01_058,36] Es muß aber jeder Name genau entsprechen dem, der ihn empfing; wer aber einen Namen empfangen hat, der soll treu demselben leben, sonst ist er ein Lügner, da er nicht handelt, danach sein Name lautet. Und so du nun einen Namen hast, so erkenne zuerst denselben, und dann handle getreu danach, sonst wirst du ein Lügner im Angesichte Gottes und aller Seiner Kinder werden und wirst zuschanden werden vor jeglichem Stäubchen, das da allzeit entspricht seinem Namen.

[HGt.01_058,37] Und so segne ich dich noch einmal und sage dir: Asmahael! Ich, Adam, der erste Mensch, der auf dieser Erde hervorging aus der Hand Gottes, des ewigen, heiligen, liebevollsten Vaters, segne dich gleich meinen Kindern, darum du ein treuer Träger sein sollst deines Namens!

[HGt.01_058,38] Und so reiche ich dir meine Hand und erhebe dich herauf zu meinen Kindern.

[HGt.01_058,39] Und nun, meine Kinder, folget meinem Beispiele, und werdet seine Väter, und du, lieber Henoch, werde sein Bruder und Lehrer!

[HGt.01_058,40] Du, Jared, aber sollst ihn beherrschen für immer anstatt des Henoch, der da ein Einwohner meiner Hütte geworden ist!

[HGt.01_058,41] Der Herr eröffne dir dein Herz und alle Sinne deiner Seele zum ewigen Leben deines Geistes in Gott! Amen."

[HGt.01_058,42] Darauf fiel Asmahael alsogleich zu den Füßen Adams nieder, küßte dieselben und dankte überlaut für die so große Gnade, die ihm da zuteil geworden war in der Höhe Meiner Kinder; denn er fing auch alsobald in sich die Wirkung des Segens zu gewahren an, - darum er denn auch also zu jubeln anfing, sprechend:

[HGt.01_058,43] ,Asmahael, gar ein herrlicher Name, den ich wohl unwürdig zu tragen noch bin; doch der Meinung bin ich, daß ein Name, im Anfang gegeben, dem treuen Empfänger gesetzlich die Pflicht, diesen heiligen Richter (ein großes, lebendig Gebot) auferleget, demselben zu folgen, soweit die Erkenntnis nur immer den Pfad mag eröffnen. Und müßte da jemand der Sonne und Sterne gar ferne gelegene Bahnen verfolgen als Träger des bindenden Namens, so müßte er's freulich und treulich erfüllen, darum ihm die Gnade so groß ist geschehen, - und wäre selbst höher gestellet die gnädige Ford'rung des heiligen Namens! O Vater und Väter der Väter der Erde, für den, der gar oft mit dem Tode zu ringen genötiget wurde, o höret, für den ist dem Wege des ewigen Lebens zu folgen fürwahr nicht beschwerlich; und so man im finstersten Schlamme der Greuel der Sünde stets kämpfend sich elend den Weg mußte bahnen zum sparsamsten Lichte und einem noch kargeren Leben, das öfter im zartesten Keime erdrücket vom finstersten Zweifel schon wurde, - o höret, wie leicht ist dagegen zu folgen dem leuchtenden Wege lebendig zum Leben!

[HGt.01_058,44] O herrlicher Name ,Asmahael`, schönster, mich leitender Stern da hinauf zu den ewigen, heiligen Höhen des Lichts und des Lebens; o höret, umsonst wird der Fremdling nicht tragen nun ein solcher Gnade so heilig's Geschenk, amen, amen, da sage ich amen!"

 

59. Kapitel

[HGt.01_059,01] Und als der Asmahael ausgeredet hatte, da erhob sich abermals Adam ganz gerührt und sprach: ,Henoch, siehe, nun kommt die Reihe wieder an dich! Nach allem dem ist es füglich, Worte aus der Höhe zu vernehmen, um danach alles Fernere vollkommen dem Willen des Herrn gemäß handeln zu können. Denn siehe, ich habe das meinige bereits getan nach meinem Liebedünken; allein unsere Liebe ist nicht allzeit rein und daher auch nicht allzeit sicher und daher der Erfolg ihrer Handlung nicht heilig. Daher ist es jetzt ganz besonders an der Zeit, daß du, lieber Henoch, die lebendige Stimme aus dir uns alle wohl vernehmen läßt.

[HGt.01_059,02] Also rede, und zeige uns die gerechten Wege deines Schützlings! Amen."

[HGt.01_059,03] Als aber Adam solches geredet hatte, siehe, da erhoben sich alle und verneigten sich gen Adam und dankten ihm, daß er solches anbefohlen hatte. Besonders aber hüpfte Seth beinahe vor Freuden; denn er war Henochs größter Anhänger und Verehrer seines Wortes, und so konnte er nicht umhin, bevor noch Henoch zu reden anfing, selbem ein paar ermunternde Worte zuzurufen, sagend:

[HGt.01_059,04] ,O lieber Henoch, siehe, wonach mein Herz lange schon sich gewaltig sehnte, das hat die gute und gerechte Ordnung durch meinen Vater und durch euren Vater nun bewerkstelligt! Oh, ich freue mich über die Maßen, in dieser Sache den heiligen Willen zu vernehmen! Denn es ist wahr, wir mögen oft etwas tun, das uns gut dünkt; allein, ob es darum auch schon gut und recht ist, weil es uns also vorkommt, das ist eine ganz andere Frage!

[HGt.01_059,05] Und das ist es eben auch, was du uns zeigen solltest! Und so fange du an, zu reden aus deinem Leben aus Gott in dir! Amen."

[HGt.01_059,06] Und sonach erhob sich Henoch und begann folgende Rede an alle zu richten, nachdem er sich zuvor im Herzen an Mich gewandt hatte, sagend nämlich zuvor in sich:

[HGt.01_059,07] ,O Du überheiliger, liebevollster, großer Vater, Herr und Gott, gib mir Allerschwächstem Deine Gnade, auf daß ich in aller Liebe und Demut vermöchte, getreu zu offenbaren Deinen Willen den Vätern und ihnen aus Dir zu geben in der Fülle, wonach ihr Herz dürstet.

[HGt.01_059,08] O überheiliger Vater, doch nur Dein heiligster Wille geschehe auf ewig! Amen."

[HGt.01_059,09] Und siehe, darauf erweckte Ich den Henoch völlig, und er begann zu reden, wie da folgt, sagend: ,O liebe Väter, daß ihr solches wünschet, ist ja recht und vollkommen billig - denn Gottes Liebe geht über alles, und Seinem Willen sind alle Dinge untertan -; allein, daß ihr mich zu dem berufet, euch zu offenbaren in meiner Schwäche das, was alle Ewigkeiten ewig nicht umfassen und begreifen werden, sehet, liebe Väter, das ist für eure Vaterwürde nicht gerecht und billig!

[HGt.01_059,10] Glaubet ihr denn, daß der Herr ein Zimpferling sei, daß Er einen Menschen minder achte als den andern, so einer wie der andere tun möchte nach Seinem Willen?! O Väter, da irret ihr euch gewaltig, und es ist nicht also!

[HGt.01_059,11] Blicket auf zu den lichten Räumen der Unendlichkeit! Wer unter uns kann sagen, daß er nicht vermöchte, zu erschauen die weiten Ströme des Lichtes und all die Dinge, die vom selben umflossen sind?! Wessen Ohr vernimmt nicht selbst ein leises Lüftchen wehen über ein dürres Laub?! Oder ist wohl einer unter uns, dem da nicht gegeben wären alle Sinne im brauchbarsten Zustande und ein lebendig fühlendes Herz?!

[HGt.01_059,12] So uns aber das alles ohne Unterschied eigen ist, was alles vom Herrn ist, wie sollte denn jemand mehr oder weniger des Herrn sein, so er von Ihm ausgegangen ist und wieder eingehen möchte zu Ihm?! O Väter, sehet, welches Kind möchte da wohl zu euch kommen, sich heiligen Rates zu erholen, daß ihr es nicht anhören möchtet, um ihm zu geben, was ihm frommt?

[HGt.01_059,13] Da ihr aber als gefallene Menschen schon barmherzig seid sogar gegen Fremde, um wieviel mehr wird der allerbeste, heiligste Vater euch tun, was euch frommt, und gerne geben, wofür Er jeden wohl befähigt hat!

[HGt.01_059,14] Daher glaubet nicht, daß ich ein auserwähltes Organ der lebendigen Stimme Gottes bin; o nein, das bin ich nicht, sondern ihr seid es vielmehr! Wendet euch nur zu Ihm, und es wird euch sicher werden, was des Herrn Wille ist! Amen."

[HGt.01_059,15] Nach dem aber schwieg Henoch, in sich und dadurch auch zu Mir gekehrt. Und von Adam bis Jared und Asmahael wußte niemand, was er aus dieser kurzen Rede Henochs machen sollte; und so fragte einer den andern:

[HGt.01_059,16] ,Was soll das heißen? Was wollte Henoch damit sagen: wir vermöchten, gleich ihm, zu sprechen ein Wort des Lebens aus der Höhe Gottes?! Nein, das verstehe, wer es mag; wir verstehen es einmal nicht!"

[HGt.01_059,17] Und also auf diese Art ging das von Mund zu Munde, und es ergriff sie alle hohen Wunders über Henochs für diesmal trockene, gebundene Kürze; sogar dem Seth fiel es gewaltig auf, daß diesmal Henoch sie samt und sämtlich so kurz abgefertigt hatte.

[HGt.01_059,18] ,Denn", sagte der Seth, ,was nützt es uns, so wir auf uns selbst angewiesen sind, indem wir ja ohne Henoch es wissen, was wir vermögen, und wissen es auch, inwieweit uns allen der Herr in Seiner Liebe zugänglich ist, und wieviel wir von jeher von Seiner Stimme vernommen haben! Denn diese ist ein Angehör der Liebe, wie die Weisheit ein Angehör der Gnade ist.

[HGt.01_059,19] Wie kann aber jemand den Herrn zuvor lieben und reden aus Ihm, ehe er notwendig erst die Liebe und das Wort vom Herrn empfangen hat?! Welcher von uns aber kann sich damit rühmen außer Henoch?! Daß ich nicht wüßte, was mir eigen ist!

[HGt.01_059,20] Die Gnade haben wir alle zwar, Gottes Kinder zu sein, wie unleugbar auch unter allen Geschöpfen die ausgezeichnetste Fähigkeit, als Menschen Menschen zu sein, und haben als solche alle dieselben Sinne und gebrauchen dieselben auf ein und dieselbe Weise; aber es frage sich nur ein jeder selbst, ob bei aller dieser Sinnen- und Gnadengemeinschaft wohl auch einen jeden ein und dasselbe gleich auf dieselbe Art vergnügt!

[HGt.01_059,21] Daraus aber wird es ja klar, daß nicht einmal einem jeden gleichviel Gnade, geschweige erst gleichviel Liebe zuteil wird; und das wird noch um so ersichtlicher, so man aus so langer Erfahrung weiß, wie unbeständig die Liebe mit jedem Gegenstande, den sie ergreift, zu Werke geht, und was dazu für Abgezogenheit und große Aufopferung erfordert wird, in was immer für einer Hinsicht liebefest zu werden,

[HGt.01_059,22] obschon ich dadurch nicht sagen will und kann, daß wir darob in der Liebe zum Herrn durchaus nicht fester und fester zu werden vermöchten, - aber das ist einmal gewiß, daß uns nur die Gnade gegeben wird, statt der Liebe aber durch die Gnade allein die Fähigkeit nur, die Liebe uns zu erwerben und sie dann erst in uns aufzunehmen; aber auf ein bloßes Verlangen wird sie uns nimmer zuteil, und möchte dieses Verlangen noch so sehnsüchtig sein. Kurz und gut, so es dem Herrn gefällt, jemandem die Liebe zu geben in der Fülle wie dem Henoch, so ist das eine Barmsache des Herrn, und Er wird niemanden um Rat fragen, wenn Er jemanden damit erfüllen will. Aber höret alle: Regel ist es durchaus keine, und wir können mögen, was wir nur immer wollen, der Herr ist aber dabei doch nur der alleinige Herr und tut und handelt nach Seiner unerforschlichen Weisheit, wie's Ihm wohlgefällt, - wir aber sind nur Zeugen dessen, was Er macht vor uns und für uns.

[HGt.01_059,23] Und du, mein lieber Henoch, fasse wohl diese meine Worte, und danach rede! Denn deine große Bescheidenheit ist mir wohl bekannt, und deine Demut hat dich mir so teuer gemacht; daher brauchst du künftig nicht mehr allzu bescheiden zu werden und uns stets zu zeigen deine große Demut, wenn es sich um einen Dienst handelt, den du Gott und uns, deinen Vätern, schuldig bist. Denn daß du solches alles bist, siehe, das wissen wir schon lange alle, der Herr aber noch unendlichmal besser denn wir, darum Er dir auch die Liebe dauerhaft verlieh; und du brauchst uns darob keine neuen Beweise mehr zu liefern, sondern daß wir dich zu einem Lehrer und Sprecher Gottes beriefen, ist ja nur geschehen zufolge solcher deiner Tugenden. Und so kannst du vor uns reden ohne alle Furcht, wie du schon gar oft in unser aller Angesichte getan hast, -

[HGt.01_059,24] außer, so solches, was du früher redetest, dir vom Herrn zu reden geboten war, so konntest du wohl nicht anders reden und tatest wohl, daß du also geredet hast!

[HGt.01_059,25] Aber wenn ich bedenke, daß du gesprochen hast, uns ermahnend zur Eigenwende nach der Stimme des Lebens aus Gott, siehe, vermöchte da Gott nicht soviel denn du und könnte unsere Herzen gar wohl auf das hinweisen, was du getan hast?!

[HGt.01_059,26] Allein, da du auf diese Art schon zu reden angefangen hast aus Gott, siehe, so genügt es nicht, uns bloß nur trocken hinzuweisen an Den, von dem einem jeden von uns wohlwissend alle Dinge sind, - sondern, da einer zugunsten aller vom Herrn ganz besonders beteiligt wurde, so sollte er in diesem Überflusse auch nach Recht und Billigkeit den in dieser oder jener Hinsicht weniger Beteiligten beispringen; dadurch erst werden wir wahrhaft vor dem Herrn an den Tag legen, daß wir wahrhaft Seine Kinder sind!

[HGt.01_059,27] Siehe, daher haben und müssen auch die Bescheidenheit und die Demut ihre wohlweisen und nützlichen Grenzen haben!

[HGt.01_059,28] Nimm es nur einmal so recht natürlich: Siehe, wenn wir, als uns der Vater kundgab die Schwäche seines Leibes, aus lauter übertriebener Demut uns gescheut hätten, ihm zu gewähren, wonach ihn verlangte in seiner Natur, oh, was würde ihm da wohl unsere übertriebene Demut genützt haben, so sich keiner gewagt hätte, ihm Speise und Trank zu reichen?!

[HGt.01_059,29] O siehe, die wahre Demut muß daher nie aus dem Bereiche der Liebetätigkeit treten, wenn sie dem Herrn wahrhaft wohlgefällig sein soll, und wir sind verpflichtet, darum einander so lange behilflich beizuspringen, solange wir einander nur immer kundgeben, daß wir in diesem oder jenem einander benötigen; was aber die Anweisung an den Herrn betrifft, so ist es ja recht und billig, daß der Stärkere den Schwächeren ermahnt, aber ihn so lange nicht ausläßt, bis der andere spricht: ,Siehe, nun hat der Herr auch mich geweckt!`

[HGt.01_059,30] Henoch, siehe, noch kann dir das keiner von uns sagen, denn wir alle sind nichts vor Gott; daher verbanne dein Unnötiges, und denke an das in der Fülle deiner Liebe, was uns allen vorderhand not tut in dieser Lage, damit wir vollends vermöchten, liebegerecht zu erscheinen vor Gott!

[HGt.01_059,31] O zaudre nicht, und tue Genüge unserer Liebe in Gott! Amen."

 

60. Kapitel

[HGt.01_060,01] Und siehe, nachdem Seth solches geredet hatte, erhob sich Adam und sprach: ,Das Wort des Henoch war ein hartes Wort, und das Wort Seths aber war ein weiches Wort!

[HGt.01_060,02] Ist es aber, daß ihr beide gerecht gesprochen habt, nur der eine hoch, hart und unverständlich, der andere aber sanft und wohlverständlich, so ist von mir aus keiner beschuldigt; aber das ist es: Man gebe den Kindern keine Kost, wofür ihnen die Zähne noch nicht gewachsen sind! Und so ist, Henoch, für diesmal deine Kost zu hart; daher wird es wohl an dir sein, die gereichte Kost so zu erweichen, daß wir sie mit Nutzen werden verzehren können! Amen."

[HGt.01_060,03] Nach dem aber erhob sich abermals der Henoch und fing an, folgende sehr denkwürdige Rede an alle zu richten, sagend nämlich:

[HGt.01_060,04] ,O liebe, wohlachtbare Väter! Was der Vater Seth so wohlmeinend unter mein Angesicht sittlich und voll Würde gesprochen hat, ist ja wahr, gerecht und billig und zeigt klar und deutlich, das des Menschen ist wieder zum Menschen; denn es ist also auch der Wille von oben, und es hat demnach jeder das Recht der Liebe, dem andern in menschlichen Dingen beizuspringen, und das um so mehr zur Zeit der Not und des Verlangens, und da wäre der kaum wert, ein Mensch zu sein, den nur irgendein eitler Grund davon abhielte, zu tun und zu reden, was der Pflicht und Liebe Rechtens ist.

[HGt.01_060,05] Jedoch, o liebe und wohlachtbare Väter, saget oder fraget euch selbst, was in dem Falle zu tun sein dürfte, so mir der Erzvater Adam gegen irgendeine Anfrage der Kinder, um nicht selbst reden zu müssen, eine kurze, harte und tiefbestimmte Antwort an selbe gegeben hätte, die Kinder aber hätten die Antwort nicht verstanden und ich als der Überbringer auch nicht von mir aus bis auf den Grund, sondern nur so viel, als es der Erzvater mir erläutert hätte, unter der Bedingung des Verbotes zwar, einstweilen von der Erläuterung nichts zu melden, damit die Herzen der Kinder in der Sphäre ihres Denkens nicht allzu träge, sondern geweckter und geweckter werden möchten. So dann aber die Kinder ob der etwas dunklen Antwort über mich herfielen und mich nötigten, verständlicher und klarer zu reden, - o Väter, urteilet selbst: Wessen Verlangen steht hier höher, das des Erzvaters - oder das der unzeitig wißbegierigen Kinder?

[HGt.01_060,06] O Väter, ihr könnet nicht umhin, mir hierin vollends beizustimmen, so ich durch meine gerechte Verschwiegenheit das Gebot des Erzvaters wohl verwahren würde bis zur Zeit seines Wohlgefallens, desgleichen ich heute vor dem Aufgange meinem Leibesvater Jared getan habe, da das Wort des Erzvaters höher steht denn all das lüsternste Verlangen aller seiner Kinder! Und so ich verschwiegen war, tat ich nicht der hohen Pflicht, was ihres Rechtes war?!

[HGt.01_060,07] Wie ist's denn aber, da ihr wohl wisset, daß, so ich rede, ich nicht aus mir, sondern aus dem Herrn rede, daß ihr mir dann Vorwürfe machet, als hätte ich geredet aus mir, da ihr doch noch von gestern her den sprechendsten Beweis haben möchtet, wie sichtbar nahe der Herr meine schwache Zunge begleitet hat?!

[HGt.01_060,08] Da ihr aber nun nicht mich, sondern den Herrn durch mich gefragt habt und euch somit nicht an meiner, sondern an des Herrn Stimme gelegen war, so fraget euch selbst, wem der Vorwurf zukommt!

[HGt.01_060,09] Kann ich denn mehr tun, als es des Herrn Wille ist, oder kann ich mehr geben denn so viel nur, als ich selbst empfangen habe?!

[HGt.01_060,10] Und hätte ich es auch empfangen in der Fülle, des Herrn Wille aber hätte mir bestimmte Grenzen angewiesen, euch vorderhand nur so viel zu sagen, als ich eben auch pünktlich getan habe, da eben der Herr solches weise absichtlich von mir verlangt hatte, - und so ich dem Herrn gehorche in aller Furcht und Liebe, o liebe Väter, saget und urteilet selbst, ob ich nicht recht handle, so ich den Willen des Herrn höher halte denn alles nutzlose Verlangen der Menschen, die zusammen gegen Ihn nichts sind und ohne Ihn auch gar nichts vermögen, mit Ihm aber alles!

[HGt.01_060,11] O Väter, sehet, für mich ist der Vorwurf überflüssig wie gegen einen Baum, der keine anderen Früchte bringen kann als die, welche der Herr in ihn gelegt hat - mögen sie nun süß oder bitter schmecken -; was aber den Herrn betrifft, saget, wo ist das Wesen, das da nicht ewig gutheißen möchte jegliches Seiner Worte, an deren Verständnisse wohl Ewigkeiten werden vollauf zu nagen haben!

[HGt.01_060,12] So ihr mich aber aus dem Herrn fraget, da glaubet es auch, daß ich aus dem Herrn rede; zweifelt aber jemand in seinem Herzen, da ist ja ohnehin Frage und Antwort unnütz, da er keinen Glauben hat und seinem eigenen Herzen mißtraut.

[HGt.01_060,13] Wie kann aber jemand liebefest werden durch seinen Bruder, wenn sein Herz in dem Herrn wankt?! Daher vertrauet dem Worte des Herrn, auf daß ihr liebefest werden möget!

[HGt.01_060,14] Es ist zwar der Sohn nicht über den Vater; wenn aber der Herr mit dem Sohne redet, dann ist der Sohn des Herrn, und es sollte der Vater sich nicht grämen der Stimme des Herrn im Sohne.

[HGt.01_060,15] Ich, Asmahael und Ahbel haben euch ja ohnehin kundgetan des Herrn Willen, was da ist ein Wunder für uns alle; wozu da noch eine Frage?! Sondern zu handeln in der Liebe und im Glauben an den Herrn ist hier des Rechtens; und was darüber, sei ewig des Herrn! Amen."

 

61. Kapitel

[HGt.01_061,01] Und als der Henoch solche Rede vollendet hatte, siehe, da erhob sich alsbald Seth wieder und sprach: ,Oh, was sind wir, und was vermögen wir? Nichts!

[HGt.01_061,02] So wir zwar reden menschlicherweise unteinander, so dünkt es uns weise; aber nun ist es mir klar geworden, daß alle unsere Weisheit vor Gott eine bare Torheit ist, woran Er sicher kein Wohlgefallen haben kann.

[HGt.01_061,03] Höret, war meine frühere Rede nicht eine, die nur dem edelsten Menschenherzen zu entstammen vermag?! Was ist sie jetzt? Nichts als eine eitle Torheit; und ich gleiche dadurch einem Verblüfften, der, mit seinen Gedanken in die ganze Welt zerstreut, in seiner Wohnung fragt nach seiner Hütte!

[HGt.01_061,04] Aber warum, warum konnten denn wir unsere eitle Torheit nicht eher begreiflich einsehen und gaben uns gar so entsetzlich bloß vor dem Herrn? Es ist, daß wir allesamt blind seien, sonst wäre es ja unmöglich, daß wir den lieben Henoch darüber noch haben mit einer ganz unnötigen Frage zwecklos beunruhigen können, worüber wir ja wahrlich doch schon ohnehin die wunderbarste Bestimmung von oben her durch Ahbel, Henoch, Enos, Kenan und endlich wunderbar durch Asmahael selbst bestätigt erhalten haben - und wollten eher den Worten Henochs mißtrauen als blicken in unsere eigene Blindheit! O der absurden Torheit! Wäre sie doch von uns nie begangen worden; denn wie unschicksam ist es jetzt, sich zu schämen als Vater vor den Kindern!

[HGt.01_061,05] Aber es ist nun einmal durchgehends nicht anders, und so sei es dem Herrn geopfert!

[HGt.01_061,06] Ich aber denke in meinem Herzen: Der liebevollste, heiligste Vater wird in Seiner großen Milde mir und uns allen unsere zu sorgliche Ängstlichkeit zuliebe halten und uns beraten in Seiner Liebe und nicht in Seiner Weisheit, gegen die wir gar zu außerordentlich nichts sind, und wird uns ansehen als schlafende Kinder, die da träumen, als wären sie wach, oder wenigstens mit geschlossenen Augen dafürhalten, daß, so sie nichts sehen, auch die Wachen nichts sehen müssen oder können!

[HGt.01_061,07] O du Henoch du, wecke du uns nur zu; es wird doch einst die Zeit kommen, daß wir auch sehen werden, was du siehst, und wir alle durch dich nun und einst!

[HGt.01_061,08] So wird es aber sein in der Zukunft, daß der Herr die Kinder zu Lehrern ihrer Eltern erwecken wird und wird geben den Eltern ein kindliches Herz. Und es werden dereinst noch Kinder kommen hinter uns, die in ihrer Ohnmacht Größeres tun werden denn wir in aller unserer Kraft. Und so wird allezeit des Herrn Wille geschehen!

[HGt.01_061,09] Und du, lieber Henoch, stehe auf und sage mir, ob ich also recht geredet habe, und erquicke dadurch unser aller Herzen! Amen."

[HGt.01_061,10] Nach dem aber lächelte der Henoch all die Väter gar liebefreundlich an und sagte: ,O liebe Väter, vergebet mir meine manchmalige scheinbare Härte; denn nicht ich, euer Sohn Henoch, wende da meine Zunge, Worte zeugend zu eurem Verständnisse, sondern der Herr wendet sie nach Seinem Wohlgefallen. Dafür kann aber ja das Werkzeug nicht, so es der Herr gebraucht nach Seinem Wohlgefallen! Und so ich da rede Dinge, deren Sinn verborgen liegt gleich dem Keime im Samenkorne, so lehrt das Benehmen und hier ja schon die wohlgeordnete Natur, daß auch der Keim aus dem Samenkorn nicht alsobald in vollreifer Frucht hervorbricht, so er erst kaum in die Erde gelegt wurde, - sondern da muß das Korn erst zunichte werden und verfaulen um den Keim; da wird erst das Leben frei und wächst nach und nach unter manchen Stürmen, unter Sonnenschein und Regen zur segensreichen, tausendfachen Frucht empor.

[HGt.01_061,11] Sehet, geradeso ist es auch mit jeglichem Worte des Herrn! Nicht also, wie es gegeben wurde, wird es fruchtbringend sein, - sondern so es gelegt wurde in das Erdreich unserer Herzen, so wird es gelegt in seiner wohlverwahrenden, harten Schale; wenn aber dann durch unsere Liebe diese harte Schale aufgelöst und verzehrt wird im Herzen, sehet, da wird dann der lebendige Keim oder das lebendige, werktätige Verständnis ans Licht der Sonne des Geistes hervorbrechen und unter manchen stürmenden Prüfungen, Lieberegen von oben und Gnadenlichte vom heiligsten, liebevollsten Vater wohlgedeihend reifen zur unschätzbaren Frucht alles Lebens und aller Liebe in der Weisheit Gottes, unseres Vaters!

[HGt.01_061,12] O Väter, sehet, so ist es der Wille des Herrn; und also sollen wir auch jegliches Seiner Worte ergreifen! Und so erst werden wir an den Tag legen vor dem Herrn, daß wir wahrhaft Seine Kinder sind, die das Wort des Vaters verstehen und wohl erkennen Seine Stimme allzeit. Amen."

 

62. Kapitel

[HGt.01_062,01] Siehe, das war eine rechte Rede, und doch war sie den Vätern noch nicht ganz klar, und so fragte Adam all die umstehenden Kinder, sagend:

[HGt.01_062,02] ,Kinder, habt ihr nun alle wohl verstanden die Rede Henochs?"

[HGt.01_062,03] Seth aber antwortete: ,O Vater, so nun der Same erst gelegt wurde, wie könnte es wohl sein, daß wir es völlig verstünden?! Wir haben zwar die Schale mit dem Keime und den Stein mit dem Leben empfangen; aber die Verwesung der Materie ist noch nicht erfolgt, auf daß das Leben geworden wäre. Aber ich vertraue fest, es wird die Zeit des Herrn das ihrige sicher tun und wird unsere Herzen umgestalten zu einem neuen Paradiese! Amen."

[HGt.01_062,04] Und es fragte Adam also den Enos weiter um das Verständnis. Dieser aber entgegnete: ,O Vater, ich sah einst einen Haufen unförmlicher, plumper Steine liegen; da war ihre Farbe ein und dieselbe. Es fiel aber bald darauf ein fruchtbarer Regen vom Himmel, und dieser Regen fiel auch über diesen Haufen Steine; diese Steine aber, da sie zuvor die Sonne gewaltig durchwärmt hatte, sogen begierig jeden Tropfen in sich und dampften, wonniglich scheinend ob solcher Erquickung, so zwar, daß ich sie nimmer zu sehen vermochte ob des gewaltigen Dampfens. Nun fing aber auch unter dem Regen ein kleiner Sturm an zu wehen; dieser trieb alsbald die Dämpfe von den Steinen, und ich konnte dieselben wieder schauen. Aber wie sah ich sie verändert!

[HGt.01_062,05] Die Einfarbe war zur Tausendfarbe geworden, und das eingedrungene Wasser hatte sie völlig durchsichtig gemacht, und einige davon zerfielen in einen weißen Brei; und ich vermochte dadurch, nur zu deutlich beinahe, zu erschauen ihren mannigfaltigsten Gehalt.

[HGt.01_062,06] So glaube ich auch jetzt einen solchen Haufen Steine vor mir und in mir zu erblicken, die durch die Gnadenstrahlen von oben gar gewaltig durchwärmt zu sein scheinen, und es ist noch gar wenig Unterschiedes zwischen ihnen; aber nun glaube auch ich fest, so der Regen, von Stürmen begleitet, kommen wird, da wird es mit meinen Steinen wohl werden wie mit den gesehenen, allwo die durchleuchteten gleichen werden den vollen Verständnissen und die zerfallenen der Verwesung, aus der ein neues Leben aus der Erde meines Herzens keimen wird, gleich wie dort aus dem weißen Brei sich alsbald ein üppiges, junges Gras erhob. Amen."

[HGt.01_062,07] Und sobald wurde desgleichen auch Kenan gefragt; da war seine Antwort folgende: ,O Vater, ich sah jüngst an einem schwülen, heißen Tage, daß sich ferne Gegenden mehr und mehr zu verlieren anfingen, und es half da kein Anstrengen der Sehe; kurz, sie verschwanden endlich ganz und gar, und das Licht der Sonne vermochte nicht zu hindern solches Verderben, stets näher und näher zu rücken. Und so wurden von solchem dunstigen Unding auch nach und nach unsere nächsten steilen, hohen Nachbarn verschlungen; mich bangte der Erde, und so floh ich in meine Hütte.

[HGt.01_062,08] Es kam in der Nacht ein Ungewitter. Blitze und Donner wetteiferten in ihren Mächten. Ein Sturm drängte den andern. Windsbräute tobten an meiner Hütte vorüber, und dem Himmel entstürzte ein Stromregen, dessen glühende Fluten an den Spitzen der Berge zerbarsten und dann donnernd und schaumbrausend in die tiefen Gräben und Täler dem Meere zu stürzten.

[HGt.01_062,09] O Väter, da schmachtete mein ganzes Haus in einer großen, betäubenden Angst und fürchtete sich vor Gott!

[HGt.01_062,10] Ich betete. Das Ungewitter verzog. Ruhig wurde es gegen den Morgen; da verließ ich eine Zeit vor dem Aufgange meine Hütte und blickte erstaunt und dankbar in die Ferne. Oh, es war der heiterste Morgen, und mein Auge entdeckte da in früher ungeahnten Fernen Dinge und sah sie in ein freundliches Dasein treten!

[HGt.01_062,11] Und so glaube ich nun auch fest, daß nach dieser meines Herzens Sturmesnacht ein gleich ruhiger und überaus heiter reiner Morgen in und durch die Liebe zu Gott, unser aller liebevollstem, heiligstem Vater, erstehen werde. Amen."

[HGt.01_062,12] Und es galt die Frage nun dem Mahalaleel, ob und wie er die Rede Henochs wohl verstanden haben mochte.

[HGt.01_062,13] Und er antwortete in seiner Wortkargheit: ,O Väter, unlängst an einem Morgen nahm ich mir vor, solange es ginge, die Sonne anzugaffen, um vielleicht in derselben gleichwie im Vollmonde etwas zu entdecken. Allein ich empfand bald die Strafe für meine Tollheit; denn als bald mein Auge nicht mehr vermochte, ferner zu ertragen die große, brennende Heftigkeit des Lichtes, sehet, da wandte ich meine Augen ab von der Sonne und bemerkte mit großer Angst, daß meine Augen nichts mehr zu erschauen vermochten; ja sogar ich selbst bin mir verlorengegangen, so daß ich die Erde und mich nur zu fühlen, aber nicht mehr zu sehen vermochte.

[HGt.01_062,14] Und so blieb ich den ganzen Tag über und merkte am Abende kaum, wie die Nacht sich allmählich über die Erde zu lagern begann.

[HGt.01_062,15] Meine Kinder geleiteten mich in meine Hütte; daselbst betete ich zum guten, heiligen Vater, daß Er mir das Licht meiner Augen gnädigst wiedergeben möge, das ich durch meine große Torheit eingebüßt hatte. Darauf schlief ich ein, und die Nacht spendete reichlichen Tau über meine Augenlider, und kühlende Lüfte wehten über die erhitzten Augen und fühlten den Sonnenbrand in meiner Sehe. Die Nacht verstrich, und - dem guten, heiligen Vater sei Dank und Ehre! - für mich erstand wieder ein ruhiger, heiterer, reiner und frischer Morgen. Meine Sehe ward gestärkt, aber nicht mehr zu einer neuen Torheit, sondern zu schauen die blumenreichen Fluren der Erde und zu achten darob, wie sich in zahllosen Formen und heitersten Gestalten das Leben aus den Verwesungen frei entwindet.

[HGt.01_062,16] Und so glaube auch ich fest: Ist nun auch mein geistiges Auge ob des zu großen Gnadenlichtes von der heiligen Höhe Gottes geblendet, so wird aber eine stille nächtliche Herzensruhe und der Liebe kühlender Tau, unterstützt durch ein stärkendes Liebeswehen von der Höhe des guten, heiligen Vaters, auch bald am großen Morgen des Geistes über den Gefilden meines Herzens ein wunderbares Leben aus den Verwesungen meiner harten Gedanken und Gefühle erstehen lassen. Amen."

[HGt.01_062,17] Und so kam nun auch die Reihe an den Jared, und dieser gab folgendes zur Antwort, sagend: ,O Väter! Was soll ich da für eine Antwort geben? Henoch ist zwar aus mir zunächst hervorgegangen, wie die Sonne aus der Erde hinter den Bergen hervorzugehen scheint; aber gar bald entsteigt sie überhoch den Tiefen der Erde und überstrahlt dann mächtig den endlosen Raum, und die ganze Erde badet sich dann geblendet in den übermächtigen Strahlen ihres Lichtes; und alles Leben weckt sie zur heiteren Regsamkeit und zahllosen, wunderbaren Entfaltung aus den Verwesungen der Nacht!

[HGt.01_062,18] So glaube ich denn auch fest und beharrlich: Henoch wurde erhoben gleich einer Sonne zur unermeßlichen Höhe über mir, und es wird nun mein ganzes Wesen von seinem großen Lichte geblendet. Aber es soll das heilige Licht nur wirken gleich dem Lichte der Sonne, und es soll meine Nacht mir zum Segen werden; denn so das Licht Leben wirkt und zieht den lebendigen Keim aus den Verwesungen hervor und formt und lenkt ihn dann wunderbar, da werde ich sicher, einer Pflanze nicht minder, in der stillen Ruhe meiner Demut vom Herrn bedacht werden. O Väter, dessen bin ich gewiß! Der Herr gebe jedem, was Ihm wohlgefällt! Amen."

 

63. Kapitel

[HGt.01_063,01] ,Und nun", sagte der Adam weiter, ,da mir bis auf Henoch alle geantwortet haben, Henoch aber ganz natürlich lange schon die lebendige Antwort selbst ist, so lasset uns am Ende noch sehen, wie alles dieses Asmahael aufgenommen hat; und es soll seine Antwort der letzte, sichere Beweis sein, daß er nach dem Willen Jehovas würdigst möchte aufgenommen werden in unsere väterliche Mitte.

[HGt.01_063,02] Und so gib nun auch du, Asmahael, dein möglichstes Verständnis von dir und zeige uns, wie du deinen dir bestimmten Lehrer erfaßt und begriffen hast; und so rede, was du vermagst! Amen."

[HGt.01_063,03] Und siehe, alsbald begann Asmahael folgende, sehr denkwürdige Antwort von sich zu geben, und zwar so getreu, als sie ihm von Mir eingehaucht wurde, sagend nämlich:

[HGt.01_063,04] ,Geliebteste Väter der Väter der Erde, zu schwer für euch Kinder des höchsten, des heiligsten Vaters war Henochs gar wunderbar Wort zu verstehen und voll zu erfassen dasselbe aus innerster Tiefe der Wurzel des Lebens! O Väter der Väter der Erde, das sollte ich nichtiger Wurm des Staubes euch deutend gar zeigen, - ja zeigen, wie weit das Unendliche sich mit dem Endlichen möglich möcht' einen, der Tod mit dem Leben, die Nacht mit dem Lichte, die Erd' mit der Sonne, wie zeitlich mit ewig, und wie die Geschöpfe mit Gott!

[HGt.01_063,05] O ihr Väter der Väter der Erde, wenn solches ich könnte, o wahrlich, dann würde die Erde nicht sparsam von einer alleinigen Sonne am Tage erleuchtet nur werden; o höret, aus jeglichem Worte, aus jeglichem Laute der Zunge entstünden dann Heere der Sonnen, die alle die Erde gar munter umkreisten!

[HGt.01_063,06] O Väter der Väter der Erde, ich meine, die Macht solcher Worte und so auch ihr endlich's Verständnis steht höher, unendlichmal höher, als daß ich, ein kaum noch dem Tod und der Nacht erst entrissener Sklave, schon möchte enthüllen das größte der Wunder, ein Wunder der Wunder im Worte!

[HGt.01_063,07] Ich habe gar oft schon gesehen gar weisliche Taten von Tieren verüben; es waren die Dinge fürwahr sehr erstaunlich, daß Menschen mit fleißiger Mühe desgleichen nicht möchten erzeugen; doch Worte, um das zu benennen, was da sie erzeugte, o höret, - die Worte, dies Wunder der Wunder, konnt' nimmer mein lauschendes Ohr von den Zungen der weisesten Tiere vernehmen!

[HGt.01_063,08] Da dacht' ich: Zu künden das Leben dem Leben vom Leben kann nimmer die weiseste Tat! Denn ich sahe oft Spinnen inmitten des kühnsten Gewebes ersterben, - ja selbst in den größten Palästen der mächtigen Städte der Tiefe hielt oft schon der Tod ein gar schauerlich Erntefest!

[HGt.01_063,09] Ja selbst Menschen gen Menschen, sie zeigten ohn' Worte vom Leben wohl schwerlich sich mehr, als ein Stein es vermag zu dem Steine!

[HGt.01_063,10] Doch Worte, o höret, die Worte, entstammend dem Leben, die zeigen uns wieder das Leben! Und konnte das Leben ursprünglich sich anders als einzig allein nur im Worte sich finden?!

[HGt.01_063,11] Im Worte ist Leben; das Wort ist das Leben, und Gott ist das Wort und das Leben. Es findet das Leben im Worte sich nur, und das Wort muß ja ewig in Gott sich selbst zeugend und findend als Leben vom Leben gar mächtig geredet und alles aus sich so gestaltet unendlich geschaffen auch haben!

[HGt.01_063,12] O Väter der Väter der Erde, wenn ich nun erfahre von Henoch des Wortes gar mächtiges Walten und all's durch dasselbe umstalten in mir, oh, da frage ich nicht mehr nach Leben! Fürwahr, solches habe ich treu ja im Wort schon gefunden; und wem nicht genüget dies Zeugnis vom Leben, o Väter, der dürfte ein andres wohl schwerlich je finden! Amen."

 

64. Kapitel

[HGt.01_064,01] Als aber der Adam und die übrigen Väter solches aus dem Munde Asmahaels vernommen hatten, siehe, da ergriff sie alle, mit der Ausnahme Henochs, hohen Wunders, und sie wußten nicht, was sie daraus machen sollten.

[HGt.01_064,02] Da sah alsbald der Henoch solche Verlegenheit der Väter, daß sie ihn dauerten, und er fing unaufgefordert an, folgende lichtvolle Rede an sie zu richten, daß sich alle überaus erfreuten, sagend nämlich:

[HGt.01_064,03] ,Vergebet mir, liebe Väter, daß ich nun frei, unaufgefordert zu reden anfange, - aber nun muß ich's tun; denn jetzt tut euch allen ein helleres Licht von oben not, und so vernehmet: Was euch meine Zunge nun künden wird, wird sein ein Wort des Lebens, ein Wort aus der Höhe und ein Wort aus der Tiefe, - aus der Höhe voll Licht und aus der Tiefe voll Leben; denn in der Höhe ist Gott das Licht alles Lichtes und in Seiner Tiefe das Leben alles Lebens.

[HGt.01_064,04] Sehet, so aber ist dieser Grund zu verstehen: Wenn wir da einen Blick werfen in die Höhe und wieder einen hinab zur Erde, und das zwar ganz natürlich, so werden wir in der Höhe alles voll Lichtes und in der Erde und auf der Erde alles voll von allerartiger Regsamkeit erschauen. Da liegen zahllose Leben in sich bergende Samenkörner in den Furchen der Erde begraben, ebenso zahllose Samen der Tierwelt in ihren erwärmten Nestern, wie auch in den Eingeweiden der Tiere, und harren darin der Wärme und der Erstehung zum Lichte.

[HGt.01_064,05] Aber wahrlich, ehe nicht all die Furchen der Erde, all die Nester und all die Eingeweide der Tiere vollends durchwärmt werden, wird kein Leben erstehen in seinem Keime aus all diesen Kerkern und sich dann frei erheben hinauf zu den freien Räumen, die da sind voll Lichtes!

[HGt.01_064,06] Sehen wir aber nicht sommers und winters dasselbe Licht die Erde erleuchten - und doch nicht dieselbe Wärme die Furchen der Erde durchwärmen?! So aber das Licht die Wärme brächte, sehet, da müßte es ja allzeit warm sein unter denselben Strahlen der Sonne; daß es aber nicht also ist, lehrt uns der frostige, oft ganz starrkalte Winter.

[HGt.01_064,07] Nun fragt es sich dann freilich: Was und wo ist denn sodann die Wärme, da sie nicht am Lichte hängt und das Licht somit kein Träger der Wärme ist?

[HGt.01_064,08] Sehet, es ist aber die Wärme das verborgene, schlafende Leben selbst in der Tiefe und kann sich selbst nicht frei machen; wenn aber das Licht lange genug geleuchtet hat über den Tiefen der Erde, sehet, da erweckt es die Wärme aus dem Schlafe. Diese zerreißt dann ihre frostigen Behälter und tritt dann frei tätig heraus, verbindet sich dann mit dem Lichte und bildet dann ein Wesen, das seine Wurzeln noch im Urschoße des Lebens ausbreitet und darin seine Nahrung sucht, aber den lichtverwandten Teil über die Erde frei erhebt, um sein einmal gewecktes Leben fortwährend wach zu erhalten; und was bei den Pflanzen das Erweckende ist, das ist auch bei den Tieren einer wie der anderen Gattung der Fall, und es wird alles vom Lichte gezogen und von der Wärme getrieben.

[HGt.01_064,09] Aber alles dieses ist nur eine natürliche Erscheinung, und es gilt die verschieden geformte Regsamkeit als lebend nur für das Wesen, das ein Träger eines höheren Lebens ist.

[HGt.01_064,10] Wenn wir aber sehen, daß sich gleichartige Wesen anziehen und sich finden, ungleichartige aber sich abstoßen und sich fliehen, da lernen wir, daß in ihnen nicht einerlei Wärme und einerlei Licht ist, das sie treibt und zieht, - sondern da gibt es ein geraubtes Licht und eine gestohlene Wärme, wodurch alles Unkraut und Ungeziefer getrieben und gezogen wird; jedoch vermag alles dieses ein höheres, freies Leben zu gewahren!

[HGt.01_064,11] Nun fragt es sich: Wie aber vermag ein höheres, freies Leben dieses und warum? O Väter, da liegt der Hauptknoten, der da zu entwirren ist!

[HGt.01_064,12] So höret denn: Wie aber die Form aller Dinge in ihrer größten Verschiedenheit ist ein Ausdruck der natürlichen Wärme in der Verbindung des Lichtes und sich nur nach der Fähigkeit der Aufnahme von mehr oder weniger Licht oder mehr oder weniger Wärme unterscheidet, so ist auch die Sprache des Menschen eine gebildete Form der geistigen Wärme, welche die göttliche Liebe im Herzen ist, und des geistigen Lichtes, welches die göttliche Gnade im Menschen ist.

[HGt.01_064,13] Wie möchten wir verständige Worte sprechen, wenn sie nicht als ewige Formen des Geistes uns gegeben wären?! Da wir aber alle Dinge benennen können, sagt, wer lehrte uns das?

[HGt.01_064,14] Gott allein konnte das, da Er allein nur der ewige Inbegriff aller Formen ist, weil Er das Leben und Licht oder die Liebe und Weisheit Selbst und als die ewige, unzertrennliche Verbindung der beiden die Urform aller Formen oder das Urwesen aller Wesen oder demnach das ewige Wort Selbst ist!

[HGt.01_064,15] Wenn demnach jemand das Wort gefunden hat äußerlich und hat es verstanden und angenommen, so hat er ja kein Ding, sondern ein geistiges Leben im Vollbestande gefunden, da jegliches Wort eine Form ist, entstehend aus geistiger Wärme und geistigem Lichte. Was wundert uns dann die Rede unseres Asmahael?!

[HGt.01_064,16] Oder gleichen wir in solchen Fragen nicht den Fischen, die mitten im Wasser dasselbe nicht sehen, und wir, von der Luft umgeben, die Luft nicht, so wir in der Fülle des Lebens aus Gott uns erstaunen ganz betroffen über die wahre Empfindung Asmahaels?!

[HGt.01_064,17] O Väter, es hat aber alles seinen Grund! Sehet, das Leben haben wir zwar unzerstörbar im eigenen Worte selbst; aber es gleicht dieses Leben noch dem im Samenkorne verschlossenen! Wenden wir unser Herz der Welt zu, dann ist es bei uns Winter, und das zu kurz dauernde Gnadenlicht vermag da die Geisteswärme in uns nicht zu lösen; so wir aber unsere Herzen beständig nach oben zum Herrn kehren, da wird das lange, ja fortwährende Gnadenlicht die geistige Lebenswärme in uns bald entbinden, und wir selbst werden dann als lebendige Form oder lebendiges Wort uns erheben zum ewigen Wachsein im Lichte des Herrn.

[HGt.01_064,18] Wer aber desgleichen nicht tut, der ist ein Räuber und Dieb und wird sich gestalten zum Unkraute, Ungeziefer und zur greulichen Unform des Lebens gleich denen in der Tiefe.

[HGt.01_064,19] Wer also das Wort hat, der hat auch das Leben ewig; aber je nachdem das Wort ist, also wird auch das Leben sein!

[HGt.01_064,20] Das ist das Verständnis Asmahaels. Amen."

 

65. Kapitel

[HGt.01_065,01] Nach dieser großen Lichtspende Henochs aber erhoben sich alle und dankten stille im Herzen Mir für diese Gabe durch Henoch. Und Adam verlangte nach einer kleinen Leibesstärkung, welche ihm auch alsbald gereicht wurde; und da er sich gestärkt hatte mit etwas Honig, Milch und Brot, so dankte er für diese Gabe Mir und sprach dann zu seinen Kindern:

[HGt.01_065,02] ,Kinder! Dahier verlor ich einst alles durch mich selbst, - und wahrlich, tausendmal mehr, als ich damals verlor, hat mich der Herr, unser liebevollster, gnadenreichster, heiligster Vater, wieder nun dahier finden lassen!

[HGt.01_065,03] O Paradies, du schöner Garten, du lichter Ort, da ich noch in der Hand Gottes prangte gleich einer aufgehenden Sonne und in aller Fülle des Lebens mächtiger war denn der Zug aller Welten, da ich war dein übermütiger Einwohner und du mein schwacher Träger!

[HGt.01_065,04] Ich fiel einst, und du, schönes Augenblendwerk, vermochtest mir nicht aufzuhelfen! Des Mächtigen Fall hat dich gedrückt, und dein Flaumenboden wurde zusammengepreßt gleich einer frischen Wolle, die ein Wind dem Baume entreißt und dann fallen läßt zur Erde, auf daß sie zertreten werde von unseren Füßen.

[HGt.01_065,05] Durch meine genötigte Flucht bist ohne Last du zwar aufgeschossen zur eitlen Höhe deiner Schwachheit, es drückt dich zwar keines Mächtigen Fuß mehr; aber es ist auch nicht viel zu Rühmendes an dir außer der eitlen Erinnerung, daß du einst mein schwacher Träger warst.

[HGt.01_065,06] Allein der Herr sah in Seiner Erbarmung, daß für den fallsüchtigen Schweren dein Grund zu locker war; daher setzte Er Steine unter meine Füße, daß ihre Festigkeit mich bewahren sollte vor einem künftigen Falle.

[HGt.01_065,07] O des guten Bodens, auf dem jetzt meine Füße ruhen, der mich nun schon nahezu neunhundert Jahre vor einem neuen Falle gesichert hat, was zu tun du nicht einmal dreißig Jahre vermochtest! Dieser gute Boden machte nun auch oder war die demütigende Ursache, daß ich nun dein festerer Träger geworden bin, denn du einst als der meinige warst. Denn nun habe ich dich unendlichmal herrlicher in mir selbst aufgerichtet durch die große Gnade von oben und bin versichert, daß du in mir ewig zu keinem Falle gelangen wirst; und sollte es auch möglich sein, daß du fielest in mir, so wirst du mich nicht beugen und niederdrücken, sondern ich werde dich mit der Gnade von oben wohl aufzurichten vermögen, auf daß du ein beständiger Einwohner bleiben mögest dessen, an dessen Haare dem Herrn mehr gelegen ist als an der ganzen Erde, die ehedem deine wankende Trägerin war!

[HGt.01_065,08] O Kinder, traurig kam ich hier an, denn ich mußte meinen Verlust beweinen, wie ich ihn schon früher tausendmal beweint habe; aber es war diesmal der letzte Seufzer und die letzte Träne, die da deine kahle Wand befeuchtet hat. Von nun an werde ich dich nimmer betreten, du alte, hohle Nußschale eines ausgebrannten Lebens, sondern mein Fuß wird nun frohlockend wandeln auf eigenem Grunde, da die Frucht des ewigen Lebens auf selbem zur Reife gediehen ist!

[HGt.01_065,09] O Kinder, mir ist überaus wohl zumute, und dir, mein Henoch, sei mein ewiger Segen dafür!

[HGt.01_065,10] Kinder, hat jemand noch einen Zweifel, so behalte er ihn für meine Hütte auf den Nachmittag; und so lasset nun die Kinder zusammentreten, auf daß ich sie segne und ihnen sage, daß sie sich morgen wie allzeit vor dem Aufgange einfinden möchten am geheiligten Orte des Opferbrandes! Amen."

[HGt.01_065,11] Und siehe, als nun der Adam diese seine Lob-, Schmäh-, Dank-, Preis-, Abschieds- und Anordnungsrede vollendet hatte, da vollzogen seine Kinder alsobald seinen Willen. Da eilten alle Kinder jubelnd herbei, wurden dann gesegnet von Adam und sonach feierlichst geladen, zu kommen am Sabbat zur rechten Zeit. Nach dem wurden die Kinder im Frieden und unter Meinem Lobe wieder entlassen.

[HGt.01_065,12] Danach aber sagte Adam: ,Nun denn, meine Kinder, lasset uns gen Mittag ziehen und tun alldort dasselbe, was wir hier taten!

[HGt.01_065,13] Der Herr sei mit dir, Henoch, und mit uns allen und Asmahael und mit allen unsern hier und überall wohnenden Kindern!

[HGt.01_065,14] Der Herr führe uns und bereite aller Kinder Herzen auf unsere segnende Ankunft und Seine große Erbarmung und Gnade, daß sie morgen mit wohlbereitetem und verständigem Herzen erscheinen mögen zur Verherrlichung Seines Namens und zur Belebung ihrer Seele und Erweckung ihres noch schlafenden Geistes!

[HGt.01_065,15] Und nun lasset uns wandeln frohen Mutes gen Mittag! Henoch und Asmahael seien meine Führer, und die übrigen folgen mir nach der vorigen Ordnung. Doch, da die Sonne ihre Strahlen schon stark angespannt hat, so lasset uns einen schattigen Waldweg ziehen, auf daß unsere Glieder nicht ermatten vor der Zeit der bestimmten Ruhe nach der treu getanen Pflicht; auf dem Wege aber soll jeder schweigsam wandeln und wohl achten, wohin er seine Füße setzt, auf daß er nicht Schaden leiden möchte in seiner Geradheit.

[HGt.01_065,16] O Herr, Du bester, heiligster Vater, ziehe Dein mildes Auge nicht weg von uns allen! Amen."

 

66. Kapitel

[HGt.01_066,01] Und nun gingen die Väter ruhig einen schattigen Weg unter Zedern und Palmen hin gen Mittag und waren auf dieser Reise, die bei einer Stunde Weges dauerte, voll guter Dinge und lobten und priesen Mich in ihren Herzen; denn sie hatten nun vollauf zu schauen, da die Natur völlig durchsichtig für ihre durch Mein Wort gestärkten Augen geworden war.

[HGt.01_066,02] (NB. Auf die euch im Bereiche der Naturzeugnisse schon ein wenig versinnlichte Art!)

[HGt.01_066,03] Und als sie den halben Weg gegangen waren, siehe, da stutzte auf einmal Asmahael und getraute sich nicht, einen Schritt mehr weiter zu machen, und zitterte am ganzen Leibe.

[HGt.01_066,04] Henoch aber fragte ihn alsogleich: ,Asmahael, was ist dir, daß dir deine jungen Glieder den Dienst versagen? Zeige uns getrost an, ob eine Gefahr du siehst, oder ob ein anderes Übel dich befallen hat; denn siehe, wir wandeln auf dem Wege des Herrn, und der Herr ist mit uns, wie wir mit Ihm! Daher teile uns getreu mit, was dich ganz hemmend kümmert! Amen."

[HGt.01_066,05] Da erholte sich Asmahael und sprach, sehr beklommen noch: ,O Väter der Väter der Erde und du auch, mein liebweiser Henoch! Da sehet ein wenig nur fürbaß und schauet den mächtigen, grimmigen Tiger! Schon bleckt er gar lüstern die Zähne und spannet die tödlichen Krallen zum kräftigen Sprunge, um mich zu erfassen, zerreißen, zu trinken mein Blut und zu essen mein Fleisch! Denn der Wächter der heiligen Höhen ist nimmer zu sänften in seiner erschrecklichen Wut; ja des wachende, grausame Treue des Grimmes ist eine, dergleichen der Erde kein Ähnlich's gegeben mocht' werden!

[HGt.01_066,06] O Väter der Väter der Erde, damit ihr mit mir nicht zugrunde auch gehet, so weichet zurück und laßt mich denn als rettendes Opfer von diesem gar mächtigen Tiger ergreifen, damit euer heiliges Leben in Gott so verschonet möcht' werden! O rettet, o rettet euch, würdigste, mächtige Väter!"

[HGt.01_066,07] Und siehe, da blickten die Väter ein wenig fürbaß und sahen, was den Asmahael gar ängstlich machte.

[HGt.01_066,08] Adam aber sagte zum Henoch: ,Höre, lieber Henoch! Gehe hin und bringe den grimmen Wächter hierher, auf daß sich der furchtsame Asmahael befreunde mit der Kraft Gottes im Menschen, darob er zum Herrn der Natur gesetzt wurde und ihm gehorche alle Kreatur! Amen."

[HGt.01_066,09] Und alsogleich ging Henoch hin zum Tiger; der aber warf sich augenblicklich vor dem Henoch zur Erde und bebte in allen seinen Muskeln und Fibern.

[HGt.01_066,10] Henoch aber sprach mit starker Stimme zum Tiger: ,Stehe auf, du grimm- und muskelstarkes Tier! Gehe hin zu Asmahael und beuge deinen kräftigen Nacken vor deinem Herrn, auf daß er behutsam getragen werde von dir an meiner und Adams Seite, und zwar gen Mittag, dann Ruhe, - dann gen Abend, dann Ruhe, - dann gen Mitternacht, dann Ruhe, - und dann endlich zur Wohnung Adams, und dann gänzliche Ruhe, dein Lohn und deine endliche Bestimmung! Amen."

[HGt.01_066,11] Und siehe, alsobald erhob sich der mächtige Tiger in aller seiner kolossalen Größe, ging an der Seite Henochs gar demütig hin zu Asmahael und tat, wie ihm geboten war.

[HGt.01_066,12] (NB. Diese Riesengattung der Tiger findet sich jetzt nur noch in einigen Urwäldern, in des inneren Afrikas Hochgebirgen, wie auch äußerst selten in denen Asiens.)

[HGt.01_066,13] Da aber Asmahael solches sah, ward er völlig stumm vor Verwunderung und konnte nicht sprechen wie auch fast nicht stehen; denn nun ward es vor seinen Augen enthüllt, was ihm einst seine Mutter erzählte, was sie in einem Traume gesehen hatte. Denn seine Mutter war fromm in ihrer Art und mußte ihre Frömmigkeit samt ihrem Gatten gar schmählich mit dem Tode bezahlen, da sie sich geweigert hatte, den Lamech als den allerhöchsten Gott anzubeten, nachdem ihr zuvor die hohe Gnade widerfahren war, von dem geringsten Waffenknechte Lamechs gewaltig eine ganze Nacht hindurch auf die geilste und unnatürlichste Art beschlafen zu werden.

[HGt.01_066,14] Und da sich auch ihr Gatte solcher Danksagung ärgerlich weigerte, so wurden auch ihm bei lebendigem Leibe die Gedärme mit ehernen Haken aus dem Bauche gerissen.

[HGt.01_066,15] Woher aber Lamech solche Werkzeuge so bald erhielt, wird zur Zeit schon kundgegeben werden.

[HGt.01_066,16] Und siehe, da sich Asmahael nun ermannte, so sprach er voll Wärme: ,O mächtige Väter der Väter der Erde, nicht eure leibliche Größe und Stärke vermöchte zu bändigen solch ein gar riesiges, reißendes Tier; wahrlich nein, nur ein Gott, ja ein mächtiger Gott ist's, der solches durch eure geheiligten Herzen vermag! Dem sei Dank, Dem sei Lob, Dem sei Preis und die Ehre, ja heilige Ehre dem mächtigsten, heiligsten Vater so großer, erhabener, mächtiger Kinder! Amen."

[HGt.01_066,17] Adam aber lobte ihn ob seiner rechten Erkenntnis der Liebe zu Gott, und daß er Mir allein die Ehre gab.

[HGt.01_066,18] Henoch aber hob ihn auf den Nacken des Tieres, und dieses trug sorglich und behutsam seinen Herrn an der Seite Henochs.

[HGt.01_066,19] Und so ging der Zug weiter den duftenden, schattigen Weg entlang, und kein Hindernis stellte sich hemmend dem Zug mehr entgegen. Da sangen gar munter die Vöglein, auf Ästen sich wiegend, und sangen wohltönend prophetisch dem Menschen ein Liedchen, - ein Liedchen vom Menschen der Menschen, das sangen die munteren Vögelein Ihm.

 

67. Kapitel

[HGt.01_067,01] Und so kamen sie nun wohlbehalten bei den Kindern des Mittags an, welche, als sie solcher Ankunft ansichtig wurden, alsobald alles verließen und hinzueilten zum Empfange der Erzväter, um dieselben würdigst zu begrüßen.

[HGt.01_067,02] Jedoch als die zahlreichen Kinder des tragenden Tigers ansichtig wurden, ergriff sie eine große Furcht; denn sie kannten die grausame Beharrlichkeit dieses Tieres und hatten solche erfahren bei einer Gelegenheit, allwann sich einige Jünglinge zusammenmachten, um eine Reise nach Hanoch, von dem sie reden gehört hatten, zu unternehmen.

[HGt.01_067,03] Das Tier durfte ihnen zwar nichts zuleide tun, sondern sie nur durch seine grimmsprühende Gestalt und wutentbrannte Bewegung zurückschrecken und also abhalten von ihrer Torheit; aber es gab ihnen seine Muskelkraft doch dadurch zu erkennen, daß es einen Ochsen, das heißt einen aus dem Dickicht herbeigeeilten Riesenauerstier, vor ihren Augen mächtig anfiel und selben alsogleich auch verzehrte samt Haut und Haaren.

[HGt.01_067,04] Diese Szene brachte die wenigen Reiselustigen auch alsobald zum Umkehren und benahm ihnen auch die fernere Reiselust gänzlich, und das um so mehr, als der Anführer der kleinen Schar sogar mit einem tüchtigen Schwanzhiebe von seiten des Tigers gar kräftig bedient wurde.

[HGt.01_067,05] Daher hatten vermöge solcher Lektion diese Kinder auch einen ganz besonderen Respekt vor diesem Tiere und wunderten sich nicht wenig darüber, daß sie den Asmahael sahen auf dem Nacken dieses Tieres furchtlos sitzen und sich gar bequem tragen lassen.

[HGt.01_067,06] Da aber Adam alsobald merkte ihre Furcht, so sprach er zum Henoch: ,Siehe, die Kinder scheuen sich vor dem gewaltigen Träger Asmahaels; gehe hin und stärke sie im Namen des Herrn, auf daß ihnen benommen werde die Furcht und sie sich uns nahen mögen zum Empfange meines Segens! Amen."

[HGt.01_067,07] Und alsobald trat Henoch hin zu den scheuen Kindern und redete sie mit folgenden Worten an, sagend: ,Höret alle, ihr Kinder Adams, ihr Kinder voll Weisheit! Was ist's, das euch zurückschauern macht beim Anblicke eines mächtigen, aber doch wohlgehorchenden Tieres?

[HGt.01_067,08] Wozu habt ihr Seths Weisheit überkommen - und habet Furcht vor dem, was euch gehorchen soll?!

[HGt.01_067,09] Es ist aber, daß ihr irgendwann selbst aus dem Gebiete des Gehorsams, welcher die Grundfeste aller Weisheit ist, getreten seid und sodann zurückgewiesen wurdet durch die Macht des starren Gehorsams solches Tieres, sonst ließe es sich kaum denken, woher eure Furcht stammen sollte!"

[HGt.01_067,10] Die Kinder aber antworteten: ,Höre, Henoch, Großsohn Jareds, es ist so, wie du sagtest: Es versuchten sich fünf Junge im Ungehorsame gegen unsern Willen insgeheim, - denn ihr Auge hatte einen lüsternen Blick gen Hanoch gemacht; aber ihre Füße wurden alsobald von einem solchen Tiere in das Gebiet der Grundfeste der Weisheit zurückgewiesen.

[HGt.01_067,11] Da sie uns hernach aber kundgaben, welche große Stärke und Grausamkeit sie an solchem Tiere erfahren, so scheuen wir uns davor!"

[HGt.01_067,12] Henoch aber erwiderte ihnen: ,Oh, daß ich nicht wüßte, was eure Herzen lange schon bedrängt hat! Wohl euch von oben, daß nur eure Kinder es waren, in denen ein arger Same, von euch gelegt, Wurzeln fassen wollte, sonst wäre dieser Tiger ein übler Verräter an euch geworden, und der, den das Tier auf seinem Nacken trägt, hätte eure Weisheit zur großen Torheit gemacht!

[HGt.01_067,13] Nun aber gehet unerschrocken hin zum Erzvater Adam, auf daß er euch gebe, woran euch nun vor allem not tut; und so fasset im Namen des Herrn Mut, und folget mir ohne Furcht! Amen."

[HGt.01_067,14] Und sogleich folgte eine Schar der andern, sich hin zum Adam begebend, allwo sie niederfielen auf ihre Angesichter und Adam sie segnete.

[HGt.01_067,15] Da aber alle den Segen empfangen hatten, wurde Enos beauftragt, ihnen anzuzeigen, daß sie sich erheben sollten.

[HGt.01_067,16] Als solches nach alter Sitte geschehen war, da brachten sie dann alsogleich Früchte, Brot, Milch und Honig und reichten es dem Adam und seinen Großsöhnen. Und sie rührten alles an und lobten Mich für solche Gaben an die Kinder, hießen dann dieselben bei dreißig Schritte zurücktreten, damit nun wieder Henoch über diese Mittagsgegend einige Worte aus der Tiefe des Lebens in Gott reden solle.

[HGt.01_067,17] Allein als diese Kinder des Mittags eben zurücktreten wollten, fing der Tiger so gewaltig zu brüllen an, daß die Erde unter ihren Füßen bebte und all die Mittagskinder vor Furcht zur Erde sanken und gar ängstlich um Hilfe zu rufen anfingen.

[HGt.01_067,18] Adam selbst wandte sich zum Henoch und fragte ihn, was das bedeuten solle.

[HGt.01_067,19] Auch Seth und die übrigen taten desgleichen, da außer dem Henoch und Asmahael niemand solches Benehmen des Tigers verstand; denn Henoch verstand es aus Mir, und sein Jünger aber aus Henoch, darum er auch ohne alle Furcht auf dem Nacken des gewaltig brüllenden Tigers ruhig saß.

[HGt.01_067,20] Henoch aber wandte sich ehrfurchtsvoll zum Adam und sprach: ,O Vater, so du willst, so rühre an die Zunge des Tieres, und das Tier wird dir kundgeben, warum es also gewaltig brüllt!"

[HGt.01_067,21] Adam aber sagte: ,Henoch, ist mein Finger denn mächtiger denn der deine?"

[HGt.01_067,22] Henoch aber erwiderte: ,Vater, dein Finger ist aus Gott, meiner nur aus dir; darin liegt die Macht deines Fingers zur Verherrlichung des Namens Jehova!"

[HGt.01_067,23] Adam aber rührte die Zunge des Tieres an, und sogleich ließ das Tier folgende verständliche Worte gewaltig erschallen, welche also lauteten: ,Adam, du großer Schluß und Anfang aller Schöpfung aus der Hand Gottes! Siehe, die du zurücktreten ließest, haben einen blinden Gehorsam; aber ihr Wille frevelt in dieser Blindheit! Daher erwecke zuvor ihre Treue im Herzen, und mache bescheiden ihren Willen; dann erst sieh, welche Früchte dir der Mittag bringen wird. So du aber Mahlzeit halten willst im Geiste, da bescheide deine Kinder nicht zurück; denn so ich ein Mahl halte, da treibe ich meine Kinder nicht hintan - und bin doch nur ein Tiger! Amen; höre: Amen."

 

68. Kapitel

[HGt.01_068,01] Als aber der Adam solches vernommen hatte, ward er über die Maßen froh und sprach: ,O Kinder! Freuet euch alle mit mir; denn ich habe wahrlich das Wahrhafte des Paradieses gefunden! Neunhundert Jahre sind bereits verflossen in meiner Stummheit, in der ich nicht mehr verstanden habe das Geschlecht der Tiere; allein jetzt habe ich wohltuend wieder verstanden den scharfen Sinn des Tieres, und des freue ich mich über die Maßen!

[HGt.01_068,02] O Henoch, du Glücklicher, du Unsterblicher! Groß ist dein Licht und groß die Liebe in dir! Dem Herrn sei ewig Lob, Dank, Preis und Ruhm dafür, daß Er uns durch dich eine so große Barmherzigkeit erwiesen hat!

[HGt.01_068,03] Was wären wir alle ohne sie? Nichts als halbverständig bewegliche Maschinen, die am Ende ihr eigener Wahn verzehrt hätte, und der Herr der Natur wäre ein armseliger Mückensklave geworden, der beim Anblicke eines Laubfrosches, von großer Furcht getrieben, geflohen wäre wie ein Lamm beim Anblick eines reißenden Wolfes, da er nicht wüßte, was diesem oder jenem innewohnt, und am allerwenigsten, daß seine eigene Seele eine letzte und voll gebildete, unsterbliche Seele ist, ja eine Seele, in der alle Seelen der Kreaturen vereinigt sind! Und da er das unmöglich erfahren könnte als Dreivierteltoter aus sich, wie hätte er dann erst begriffen sein inneres Leben, seine Liebe, seinen Geist und die rein göttliche Abkunft desselben?!

[HGt.01_068,04] O Henoch, o Kinder! Des Tigers wundersam vernehmlich starkes Wort wird euch voll erschüttert haben und noch mehr die beschuldeten Kinder dieser Mittagsgegend; allein mich hat es erfreut. Denn einst stand ich nicht nur diesem Geschlechte vor, sondern aller Kreatur vom Größten bis zum Kleinsten wie vom Stärksten bis zum Schwächsten; ja, es standen alle Elemente unter meinem Worte, und Sonne, Mond und Sterne waren nicht stumm für mein Wort und Begehren!

[HGt.01_068,05] Doch es liegt wenig daran, daß ich solches nicht mehr vermag, und ich möchte auch nie mehr darüber trauern oder den Herrn bitten darum, daß Er mir solches alles wieder geben möchte; aber es liegt alles daran, daß wir recht verstehen möchten, den Herrn über alles zu lieben. Denn darinnen ist alles Leben verborgen, - wie in der früheren Macht und Wunderfähigkeit alle Versuchung und mit ihr der Fall.

[HGt.01_068,06] Ein Herr sein, heißt groß, weise und mächtig sein; wenn es aber dem demütig sein sollenden Menschen zuteil wird, ein Herr zu sein, wahrlich, dem wird die Demut sauer zu stehen kommen! Hat aber der Mensch seine Herrschaft vor dem Herrn niedergelegt und hat dafür die Liebe erwählt und sich dadurch kleinst gemacht vor dem Herrn, höret, da wird dem Kleinen die Demut leicht werden!

[HGt.01_068,07] Oder was soll der noch geben dem Herrn, der durch seine Demut und Liebe sich zum Eigentume des Herrn gemacht hat?! Sind wir aber nur einmal dem Herrn in der Liebe zu eigen geworden, was bedarf es da noch mehr einer Herrschaft?!

[HGt.01_068,08] Gehet denn nicht ohnehin die Stärke des Herrn über alles?! Sind wir aber der Liebe des Herrn, so werden wir wohl auch der Macht und Stärke des Herrn sein! Und so wird der Schwächste im Herrn stärker sein in allem denn der Stärkste aus sich, und würden ihm auch alle Elemente untertan sein!

[HGt.01_068,09] Was half mir solche Macht von Gott dereinst? Ahbels Schwäche im Herrn hat alle meine Macht aufgewogen! O Herr! Siehe, nun bitte ich Dich nicht mehr um Macht und Stärke, sondern um Schwäche bitte ich Dich, auf daß ich Dich in der demütigsten Vernichtung meines Selbstes über alles zu lieben vermöchte; denn habe ich nur Dich erfaßt im Herzen, o Herr, dann ist mir die ganze Welt und alle ihre Macht und Stärke gleich einem verdunsteten Tautropfen, der war und nun nicht mehr ist.

[HGt.01_068,10] O Kinder! Sehet, das ist es, darum mich heiter gemacht hat das Wort des Tieres; nicht darum, als daß ich dächte, der Herr hätte mir meine frühere Macht und Weltherrlichkeit wieder verliehen, o nein, sondern, daß ich in meiner demütigen Schwäche ein neues Eigentum der Liebe des Herrn geworden bin! Denn meine Schwäche zagte, zu berühren die Zunge des Tieres; aber das mächtige Wort des Herrn stärkte meines Fingers Spitze, und dieser löste dem Tiere die Zunge, zu sprechen Worte der Weisheit. O Kinder, das ist unendlichmal mehr, als zu verstehen die Natur aller Schöpfung; menschlich nur ist das erste, aber rein göttlich das zweite, und es ist nichts damit zu vergleichen!

[HGt.01_068,11] Und nun höret, Kinder! Zum Schlusse sei noch ein Wort an euch gerichtet. Damit der weisen Mahnung des Tieres Genüge werde, so lasset all die Kinder uns nähertreten und zuerst vernehmen ein Wort von mir, dann eines von Seth und endlich eines von Henoch; dann aber sollen Enos und Kenan ihnen den morgigen Tag verkünden, und sobald heute die Sonne sich gen Abend neigen wird, sollen sie von aller Arbeit ruhen.

[HGt.01_068,12] Bevor wir aber diese Gegend verlassen werden, soll auch Asmahael über diese Gegend von seinem Träger herab einiges sagen im Vergleiche zur Tiefe, damit den Kindern ein lebendiges Zeugnis ihrer Torheit gegeben wird; dann eine kleine Stärkung, darauf Segen und Abgang! Amen."

[HGt.01_068,13] Und alsobald nahte sich Henoch der Schar, ermutigte sie, und sie, die Kinder des Mittags, traten hinzu und erwarteten unter großer Furcht und großem Zittern, was da über sie kommen möchte.

[HGt.01_068,14] Als nun allesamt eine ordentliche, altersrangmäßige Stellung eingenommen hatten, da erhob sich Adam vor ihrem Angesichte und begann folgende denkwürdige Rede an sie zu richten, sagend nämlich:

[HGt.01_068,15] ,Kinder, die ihr bewohnet die Gegend, darüber, von meiner Wohnung besehen, die Sonne über die Mitte des Tages steht, saget oder bezeuget es mir, dem Stammvater der Stammväter, ob ihr wohl verstanden habt das Wort, das da war ein ungeheucheltes Wort aus dem Munde der unverdorbenen Natur der sonst sprachlosen Tiere!"

[HGt.01_068,16] Und die Kinder bejahten es und bekannten ihre Schuld unter gewaltigen Tränen der Reue. Und Adam fuhr fort zu reden, sagend:

[HGt.01_068,17] ,Wohl euch, daß ihr bereuet euren Frevel; denn der Herr nimmt es ernst mit Seinem Volke! Und ihr möchtet füglich gerichtet worden sein, und eure Schultern wären mit Unheil belastet worden, so euch das nicht gereut hätte, wovon euch eben dieses Tier abgehalten hat.

[HGt.01_068,18] Meinet ihr, euer Ungehorsam hat darob aufgehört, ein Ungehorsam zu sein und eure Sünde eine Sünde, dieweil ihr zurückgekehrt seid? Mitnichten, sage ich; denn nicht Furcht vor dem Herrn, noch weniger die Liebe zu Ihm hielt euch ab, zu vollziehen euer frevelhaftes Vorhaben, - nein, sondern die Furcht vor der Stärke dieses wider euch zeugenden Tieres!

[HGt.01_068,19] Und so wurdet ihr gerichtet vom Herrn durch dieses Tier zu eurer großen Schande; denn der Herr hat euch eure Herrlichkeit genommen und erfüllte dafür euer Herz mit großer Angst und Furcht vor dem, das euch fliehen sollte, des Herren ihr sein solltet!

[HGt.01_068,20] O sehet, zu welchen Sklaven euch euer Ungehorsam gemacht hat!

[HGt.01_068,21] Wahrlich, hättet ihr eure Freveltat nicht wohl bereut, dieses Tier wäre euch ein grausamer Richter geworden!

[HGt.01_068,22] Aber es ist nicht hinreichend, daß ihr eure Tat bereuet ob der großen Schande, mit welcher euch der Herr geschlagen hat, oder daß ihr eure Tat bereuet, weil euch der Herr entzogen hat einen großen Teil Seiner Gnade und euch gestellt hat an die Grenzmark Seiner Erbarmung, oder weil der Herr dieses Tier, euren Richter, euch gestellt hat zu einem Zeugen und es nun vollends wunderbar erweckt hat zu einem Redner wider euch, sondern: So ihr eure Tat oder euer Vorhaben wahrhaft bereuen wollet, so danket mit freudigem Herzen dem Herrn, daß Er euch noch behalten hat im Gerichte, und weinet darüber, daß ihr nur einen Augenblick Seiner so unendlichen, überheiligen Vaterliebe habt vergessen können, da euch doch täglich die Sonne vom hohen Himmel laut zuruft: ,Kinder, euer guter, heiliger Vater hat mich für euch geschaffen; erkennet Seine große Liebe!` - und der Mond euch zuruft: ,Kinder, höret, euretwegen schuf mich euer liebevollster, guter, heiliger Vater zum treuen Wächter und steten Begleiter der Erde, auf daß ich beständig euch ein Zeuge sei Seiner unendlichen Liebe!` Und all die Sterne rufen euch zu: ,O Kinder, unsere Zahl ist groß und hat kein Ende; wir sind zumeist Sonnen ferner Welten, die da alle entsprechen eurem Wesen teilweise, für jedes Atom einzeln, wie in der Vervielfältigung derselben bis ins Unendliche! Sehet, für euch sind wir gemacht, für euch die ganze Unendlichkeit! O sehet und erkennet, wie mächtig, groß, liebevoll, gut und heilig euer Vater ist!`

[HGt.01_068,23] Und die ganze Erde ruft euch zu: ,O Kinder, höret, ich und alles, was ich trage, ist für euch! Wie eine zärtliche Mutter muß ich euch tragen durch endlose Räume, euch täglich an meinen stets offenen Brüsten saugen lassen, muß mich wenden und drehen, auf daß euch Tag und Nacht werde, damit ihr, wie Kinder spielend, nach eurer Beschäftigung eine Ruhe habt! O Kinder, wer vermöchte sie zu zählen, die zahllosen Arbeiten, die ich in und außer mir euretwegen verrichten muß! Sehet, alles dieses hat euer guter, heiliger Vater aus übergroßer Liebe zu euch also angeordnet!`

[HGt.01_068,24] O Kinder, fraget das Wasser, - es wird euch dasselbe sagen; fraget die Täler, die Berge, - sie werden euch dasselbe sagen; fraget all das Gras, die Pflanzen, die Gesträuche, die Bäume, fraget die Tiere alle, - ihr werdet von überall ein und dieselbe Rede vernehmen; ja, jeder Tautropfen wird es euch laut verkünden und jedes Sonnenstäubchen zulispeln, daß Gott Jehova und Herr unser aller guter, liebevollster, heiliger Vater ist und uns gesetzt hat zur völligen Ausbildung unter lauter liebevolle, wohltuende Wunder Seines Vaterherzens, damit wir uns in der Liebe zu Ihm so befähigen sollen, stets größere und größere Wohltaten und Seligkeiten zu empfangen und endlich die unaussprechlichste selbst: das ewige Leben in Seinem Schoße!

[HGt.01_068,25] O Kinder, sehet, sehet, wie gut unser heiliger Vater ist; und wie konntet ihr auch nur einen Augenblick Seiner vergessen, und das noch dazu einer so nichtigen Sache halber!

[HGt.01_068,26] Und nun, so ihr euern Ungehorsam wahrhaft bereuen wollet, da ist es, darin suchet und erkennet den wahren Grund eurer Reue; denn alles andere ist eitel und unnütz!

[HGt.01_068,27] Wir alle sind der ewigen Liebe entsprossen und sind darob Kinder ein und desselben heiligen Vaters, der da wohnt in Seiner ewigen Glorie und Heiligkeit unendlich und in Seiner Liebe bei uns und wir bei ihm. Daher muß uns auch alles an Seiner Liebe gelegen sein. Denn nur in und durch die Liebe sind wir Seine Kinder; nur durch die Liebe können wir Ihn als Gott und Herrn würdig preisen; durch die Liebe können wir Ihn erkennen; in der Liebe können wir uns Ihm nähern und so nur, durch und in der Liebe, leben und das ewige Leben finden und erhalten.

[HGt.01_068,28] Gott in Seiner Heiligkeit ist unzugänglich, in Seiner Weisheit unerforschlich, in Seiner Gnade unermeßlich, in Seiner Macht über alles fürchterlich, in Seiner Stärke ewig unüberwindlich. Sein Licht ist ein Licht alles Lichtes und Sein Feuer ein Feuer alles Feuers. Und so ist Er in allem diesem ein unantastbarer, uns auch ganz fremder Gott, der uns nicht will und uns ewigdar von Sich stößt; aber eben dieser Gott ist auch die allerhöchste Liebe Selbst. Diese Liebe sänftet Sein Göttliches so sehr, daß Er uns will; und so wir Ihn lieben, so ergießt Er Sich dann aus allem Seinem Göttlichen durch die Liebe zu uns, macht uns zu Kindern und gibt Sich uns dann als der beste, allerliebevollste, heilige Vater in allem, was wir nur ansehen mögen, zu erkennen, mehr und mehr zu lieben, zu genießen und endlich im freien, ewigen Leben selbst als solcher vollends zu erschauen.

[HGt.01_068,29] Daher bedenket wohl, Kinder, wer und was Gott ist, - und wer und was unser heiligster Vater ist, und handelt danach getreu! Amen."

 

69. Kapitel

[HGt.01_069,01] Und siehe, als die Kinder solche Rede aus dem Munde Adams vernommen hatten, da schlugen sie sich auf die Brust und weinten ernste Tränen der Reue, daß sie kaum besänftigt zu werden vermochten. Denn sie sahen nun wohl ein, was sie verloren hatten; aber das Verlorene wiederzuerhalten, sahen sie keinen Weg und glaubten sich als schon vollends gerichtet.

[HGt.01_069,02] Als aber Adam sah ihre ernste Reue, sprach er zum Seth: ,Höre, mein geliebter Sohn, erhebe dich, öffne deinen Mund, und richte ihre Herzen auf voll Frieden und Liebe zu Jehova! Amen."

[HGt.01_069,03] Und alsobald erhob sich Seth und fing an, folgende sehr denkwürdige Rede an sie zu halten, sagend nämlich: ,Höret, Kinder, die ihr da vor unseren Augen und Ohren weinet gerechter Reue Tränen! Unser Gott und heiliger Vater ist zwar ein allergerechtester Herr, aber auch ein aller Liebe vollster Vater voll Erbarmung. Denket, daß wir keine Handlung begehen können, die Gott als Gott kümmern und zuwider sein könnte; denn welcher Unterschied wäre im Grunde, ein Sonnenstäubchen oder eine Welt zu zerstören?!

[HGt.01_069,04] In Beziehung auf Gott ist sowohl eines wie das andere ein pures Nichts, - wie auch wir alle zusammen nichts sind gegen Ihn. Wie aber könnte oder möchte das Nichts etwas begehen an dem Nichts, das da etwas wäre im Anbetrachte gegen Gott,

[HGt.01_069,05] ingleichen es auch uns nicht kümmert, was die fast gänzlich unsichtbaren Tierchen unter einem modernden kleinsten Blättchen, das ein leiser Hauch dem Moose entführte und mit einem daranhängenden Tautröpfchen ins Meer fallen ließ, machen! Jedoch ist dieser Vergleich fast eben gar kein Vergleich gegenüber dem, wie unendlichmal viel weniger eine ganze Welt samt uns gegen Gott ist. Und so sind wir und all unser Tun und Lassen soviel wie gar nichts gegen Gott.

[HGt.01_069,06] Aber höret! Eben dieser Gott hat denn eines, das Ihn gar sehr kümmert, und dieses eine ist eben Seine eigene, ewige Liebe selbst, durch welche wir - und alle Dinge unsertwegen - entstanden sind. Durch und in dieser Liebe ist Gott unser Vater und wir Seine Kinder. In dieser Seiner Liebe kümmert Ihn das Unbedeutendste wie das Allergrößte in gleicher Sorgfalt; und so gibt sich auch mit dieser Liebsorge in allen Dingen Seine unverkennbare Göttlichkeit und väterliche Liebe kund.

[HGt.01_069,07] Der Liebe Gottes ist es demnach auch nicht einerlei, wie wir handeln, ob so oder so. Wenn wir die Liebe zwar für selbständig betrachten, so ist auch diese so beschaffen, daß sie blind ist gegen alle Handlungen ihrer Kinder gleich einer zärtlichsten Mutter gegen ihren Säugling; allein, es wäre aber Gott ohne Liebe kein Gott, und die Liebe ohne Gott wäre keine Liebe. Und so sind Gott und Seine Liebe ein Wesen und ist Gott mächtig in Seiner Liebe und die Liebe heilig durch Gott. Und dieser also einige Gott ist samt und sämtlich unser liebevollster, heiligster Vater, wie wir nach Seinem Ebenbilde vollkommen Seine Kinder sind, da auch wir ein Herz und in ihm einen Geist der Liebe haben, wie in unserm ganzen Wesen eine lebendige Seele voll Verstand, daß auch da der Verstand ist gleich dem Wesen Gottes für sich und die Liebe des Geistes im Herzen mit ihrem freien Wollen gleich der Liebe in Gott. Und wenn aus der Seele und aus dem Geiste ein Wesen wird durch das freie Wollen, so sind dann auch wir vollkommen Gott in allem ähnlich und somit erst Seine Kinder.

[HGt.01_069,08] Wie aber Gott für uns in der Liebe nur Gott ist und unser aller liebevollster, heiliger Vater, so können auch wir nur in der Liebe Seine Kinder werden. Die Vereinigung Gottes mit Seiner Liebe ist aber gleich dem Gehorsame. Wenn wir nun in unserm fürwitzigen Verstande gehorchen den empfundenen Anforderungen des Geistes und vereinen somit das Licht mit der Liebe, so werden wir dadurch Kinder der Liebe voll Weisheit, voll Wohlgefallen Gottes und Kinder voll des ewigen Lebens.

[HGt.01_069,09] Nun sehet also, liebe Kinder: Da ihr im Fürwitze des Verstandes ungetreu geworden seid eurer innersten Liebe aus Gott in euch, so wurdet ihr ungehorsam in eurer Seele wie eurem Heiligtume, so auch der Liebe in Gott. Eure Liebe hat sich dann zurückgezogen; ihr lebtet nur in eurer Seele, nach äußerer Ausdehnung (wenn's möglich wäre ins Unendliche) strebend. Nun urteilet selbst und saget, was da fester sei: ein sich nach allen Seiten ausdehnender Nebel, wenn auch seine flüchtige Größe ganze Weltgegenden umhüllt, oder ein kleines, rundes, gleich einem Tautropfen durchsichtiges Steinchen! Sehet, darin auch liegt der Grund eurer Furcht und der Grund eurer Blindheit!

[HGt.01_069,10] Ist das Steinchen nicht also fest, daß es niemand zu zermalmen vermag und widersteht jedem Sturme, jedem Drucke, jedem Schlage?! Ja, ihr sahet zwar den Tiger einen mächtigen Stier plötzlich zerreißen in kleine Stücke; aber wahrlich, hätte dieser Tiger in ein solches kaum eigroßes Steinchen gebissen, um seine ärgste Waffe wäre es geschehen gewesen! Und hätte er es als Ganzes verschlungen, so würde er seinen Tod verschlungen haben, und in seiner Verwesung wäre das Steinchen unversehrt geblieben!

[HGt.01_069,11] Sehet Kinder, diesem Steinchen gleicht der Mensch in seinem Gehorsame, - dem Nebel aber als purer, äußerer Verstandesmensch! Geschieht es aber nicht, daß, wenn Winde Nebel an Nebel drängen, daraus Wassertropfen werden und, wenn mehrere und viele solcher Tropfen zusammenfließen, am Ende einen See ausmachen?! So aber die große Schwere der Wassermasse in der Tiefe sich sehr drückt, so ergreifen sich unter solchem Drucke endlich seine Teilchen und bilden einen durchsichtigen Stein, der dann ist ein fester Strahlenstein, einerlei mit Thummim, der da ein Sinnbild ist und ein großes Wahrzeichen des wiederkehrenden Gehorsams durch die wahre Reue.

[HGt.01_069,12] Sehet, ihr seid durch euren Ungehorsam zum Nebel geworden! Es kamen aber nun allerlei Winde und drängten und ängsteten euch von allen Seiten. Ihr empfandet den Druck und weintet Tränen des Schmerzes. Sehet, da ist der Regen! Aber es ist nicht genug, daß ihr zu Wasser wurdet gleich den einzelnen Tropfen, sondern ihr mußtet zu einem See werden in eurer Reue. Ihr seid es nun geworden. Es drückt euch zwar jetzt mehr denn früher in der Tiefe eures Lebens; aber höret und sehet und begreifet wohl: Durch eben diesen jetzigen letzten Druck hat sich euer zweifaches Leben gleich den Wasserteilchen wieder ergriffen, und ein neuer Stein des Lebens und der wahren Weisheit hat sich in euch gestaltet. Darum seid froh und voll heiteren Mutes; denn nicht, um euch zu verderben, sind wir gekommen, sondern daß euch ein neues Leben werde in der wahren Liebe zu Gott, unser aller heiligstem Vater. Amen."

[HGt.01_069,13] (NB. Höret, das ist der sogenannte Stein der Weisen, den die Welt nimmer zu finden vermag, noch je mehr finden wird!)

 

70. Kapitel

[HGt.01_070,01] Als nun die Kinder solche liebweise Rede aus dem Munde Seths vernommen hatten, da hoben sie ihre Häupter empor, blickten gen Himmel und dankten Mir und priesen Mich aus vollem Halse darob, daß Ich den Seth erweckte und durch seinen Mund ihnen solchen wunderbar heilsamen Trost verkünden ließ.

[HGt.01_070,02] Adam aber, mit gerührt, sagte: ,Da ihr nun empfangen habt von mir ein Wort der Weisung und von Seth ein rechtes Wort des Trostes, so bereitet euch denn vor und öffnet weit eure Herzen, zu empfangen auch ein Wort des Lebens aus dem Munde Henochs! Ihr seid durch mich ein gedüngter Acker geworden, welchen Seth aufgelockert hat mit seiner Zunge; aber es liegt der lebendige Same noch nicht in der Furche eures aufgelockerten Herzens. Henoch ist von oben zum Sämann bestellt; daher empfanget von ihm den Samen des Lebens! Amen."

[HGt.01_070,03] Und alsobald richtete sich Henoch auf, richtete sein Herz zu Mir und flehte Mich in seiner Liebe, die unbeschreiblich groß war, um die Erbarmung und Gnade an, auf daß Ich ihn erfüllen möchte mit Worten des Lebens, damit durch sie belebt werden möchten, die da getrauert und geweint haben in Meinem Namen, dem sie durch ihr eitles Unternehmen ungetreu geworden sind.

[HGt.01_070,04] Und alsbald erweckte Ich vollends Henochs Herz; er aber erkannte alsobald ein helles Licht in seinem Herzen lodern und sah zum ersten Male eine helle Feuerschrift in seiner Seele und erkannte wohl aus selber, daß es war ein lebendiges Wort aus Mir. Er dankte Mir inniglich, öffnete endlich seinen Mund und begann folgende, äußerst denkwürdige Rede an alle zu richten, sagend:

[HGt.01_070,05] ,O Väter und ihr Kinder im Mittage! Höret alle, was der Herr, unser Gott und heiligster Vater, spricht!"

[HGt.01_070,06] Und siehe, als aber die Väter solchen doppelten Aufruf vernommen hatten, nahm es sie ein wenig wunder, wie denn auch sie nun zu diesen Mittagskindern sollten hinzugezogen werden.

[HGt.01_070,07] Henoch aber sprach: ,O Väter, solltet ihr denn vom Leben ausgeschlossen werden, wenn diese Mittagskinder das Leben empfangen?! Denn nun rede durchaus nicht ich, sondern Der, der Leben hat und Leben gibt aus jeglichem Worte, das Seiner unendlichen Liebe entstammt, redet aus meinem Munde!"

[HGt.01_070,08] Seth aber richtete sich alsobald auf und sagte eilends: ,O Henoch, das sei ferne von uns allen! Höre, wir wissen es gar wohl, woran es uns gar gewaltig gebricht; daher rede du nur zu und gib uns, auf daß auch wir zum Leben gelangen möchten! Amen."

[HGt.01_070,09] Und so fing Henoch nun an, die eigentliche Rede von sich zu geben, sagend: ,Wahr ist es, gedüngt ist der Acker und gefurcht sein Grund; aber der Same mangelt noch in den Furchen. Woher aber sollen wir den Samen nehmen, um ihn zu leblegen in die Furchen, auf daß er in selben zur lebendigen Frucht gedeihe?

[HGt.01_070,10] O Väter und Kinder des Mittags! Der Same ist die Liebe; die Liebe ist das Leben, und das Leben ist das Wort. Das Wort aber hat von Ewigkeit in Gott gewohnt. Gott Selbst war im Worte, wie das Wort in Ihm. Alle Dinge und wir selbst sind entstanden aus diesem Worte, und dieses Wort vermag niemand auszusprechen denn allein Gott. Es ist aber dieses Wort der eigentliche Name Gottes, und niemand vermag diesen Namen auszusprechen, und es ist dieser Name die unendliche Liebe des heiligsten Vaters, und wir sollen diese Liebe erkennen in uns und mit dieser Liebe dann lieben aus allen Kräften und Mächten Den, dessen Liebe wir und alles das überfröhliche Dasein verdanken.

[HGt.01_070,11] Das aber ist das ewige Leben, daß wir es als solches erkennen in der Liebe zu Gott, das heißt: daß wir die Liebe mit unserer Liebe in Gott, unserm heiligsten Vater, erkennen und das ewige Leben in ihr.

[HGt.01_070,12] Wenn wir aber betrachten unser leiblich Auge und gewahren, welche großen Fernen wir mit ihm erreichen können, so ist es ja klar und wahr, daß uns solches Licht nicht zum Stehen, sondern zum Gehen und Tätigsein verliehen wurde. Wer aber vermöchte wohl zu zweifeln, daß jemand nicht möchte ein erschautes Ziel erreichen, da er dazu noch versehen ist mit zwei Füßen, die ihn ans erschaute Ziel zu bringen vermögen?!

[HGt.01_070,13] Wenn uns aber die innere Gefühlssehe ebensogut wie die Augen und Füße verliehen ist und wir erschauen mittels dieser Sehe die Liebe in uns, so haben wir dann ja auch gleich den Füßen des Leibes den freien Willen, vermöge welchem wir dieses Ziel alles Lebens kräftig verfolgen und sogestaltet unser ganzes Wesen zur Liebe hinbringen können, um es dann von ihr ganz ergreifen zu lassen, auf daß dasselbe lebend werde durch und durch.

[HGt.01_070,14] Und haben wir solches vollführt, wie sollte da das ewige Leben nicht unser sein, wie es das Licht der Augen des Leibes ist?! Oder meinet ihr, es sei dieses Leben ein Blendwerk? Da frage ich: Sind wir und all die Dinge, die wir schauen, uns denn gegenseitig ein solches?!

[HGt.01_070,15] So wir aber die Rinde schon für kein Blendwerk halten mögen, wem könnte es hernach noch beifallen, das Holz und das innerste Mark des Lebens für ein Blendwerk zu halten?!

[HGt.01_070,16] Oder meinet ihr, der Herr habe bloß nur lebende Maschinen zum Gras- und Fleischfressen erschaffen, um Sich etwa daran zu ergötzen?! O wahrlich, Seine allerhöchste Weisheit möchte wohl eines höheren Vergnügens fähig sein, als daß sie genötigt wäre, sich grasfressende Maschinen zu erschaffen, um dann vergnügt beobachten zu können, wie diese das Gras und noch anderes in den stinkenden Unrat verkehren! O der Schande des Unglaubens!

[HGt.01_070,17] Oder meinet ihr in der großen Beschränktheit eurer Ideen, so ihr etwas machet und hervorbringet ein beschränktes Werk - so in der Zeit wie im Raume -, auch Gott, der Unendliche, sei gleich euch beschränkter Ideen fähig?! Oh, welch eine Unart gegen die Heiligkeit Gottes!

[HGt.01_070,18] O zeiget mir an das Geschöpf, das ihr gänzlich zu vernichten vermöchtet! Zeiget mir etwas, das da nicht in sich enthielte Unendliches! Teilet im Geiste das kleinste Stäubchen, und zeiget mir dann die letzten Teile, an denen keine weitere Teilung mehr möglich sein sollte, - oder zeiget mir ein Samenkorn, das da nicht einer unendlichen Vermehrung fähig wäre!

[HGt.01_070,19] Da uns aber schon diese nichtigen Dinge die Unendlichkeit der göttlichen Ideen zeigen, wie töricht und überaus blind wäre es, nur zu denken, daß Gott mit jenen Wesen, die Er mit dem lebendigen Gefühle des ewigen Lebens in der Liebe zu Sich gar wohl versehen hat, eine zeitlich beschränkte Idee sollte verbunden haben, - Er, der Unendliche, der über alles Erhabene, der Heilige, Ewige voll Liebe und alles Lebens!

[HGt.01_070,20] O Väter und ihr Kinder des Mittages, höret diese Worte; sie kommen aus der heiligen Höhe des liebevollsten Vaters!

[HGt.01_070,21] Wir haben kein Gebot außer das des ewigen Lebens, welches ist die Liebe und lautet: ,Du sollst Mich, deinen Gott und heiligen Vater, lieben aus und mit aller der Liebe, die Ich dir gab von Ewigkeit her zum ewigen Leben und als ewiges Leben! So du Mich liebst, so verbindest du dich wieder Mir, und deines Lebens wird nimmer ein Ende sein; unterlässest du aber solches, so trennst du dich vom Leben. Dein Leben wird zwar darob nicht aufhören; auch werde Ich darum ewig nicht aufhören, dein richtender Gott zu sein; und wirst du auch, von Meinem Leben getrennt, fallen den ewigen Räumen Meiner Zorntiefen entlang, wahrlich, nicht außer Mir wird dein ewiger Fall sein! Mich, deinen Gott, wirst du nie verlieren; aber deinen liebevollsten, besten, heiligen Vater und mit Ihm ein ewiges, freies, wonnevollstes Leben, siehe, das wirst du verlieren!`

[HGt.01_070,22] O Väter und ihr Kinder des Mittages! Dies einzige Gebot haben wir; dieses ist jedem Kinde schon tief ins Herz geschrieben. Dieses Gebot ist der lebendige Same, den ihr alle in eure Herzen säen müßt, wollt ihr leben als Kinder eines heiligen Vaters, der da Gott ist heilig, heilig, heilig von Ewigkeit zu Ewigkeit.

[HGt.01_070,23] Ihr Väter habt zwar viel gesprochen vom Gehorsam und habt dadurch die Herzen dieser Kinder gar wohl aufgelockert; ich sage aber, wer da liebt, kann den Gehorsam wohl zu Rate halten. Ist denn der Gehorsam nicht der geistige Weg zur Liebe, welche das Ziel alles Lebens ist?! Hat aber jemand auf diesem Wege das Ziel erreicht, saget, wohin sollte er hernach auf diesem Wege noch wandeln?!

[HGt.01_070,24] Daher, so jemand dem Ziele noch ferne ist, der tut wohl, daß er so lange geht, bis er es erreicht hat; hat er es aber erreicht, da ergreife er es mit allen seinen Kräften und halte es fest, das heißt: er liebe Gott über alles, so hat er alles empfangen. Er hat den Vater des Lebens für ewig gefunden, und seiner Freiheit wird fürder kein Ende sein.

[HGt.01_070,25] Und so nehmet denn hin diesen teuren Samen des Lebens, ihr Väter und ihr Kinder! Gott Selbst hat ihn mir für euch gegeben. O Liebe! Du bist dieser lebendige Same; so belebe denn die Herzen der Schwachen und Toten! Amen, amen, amen."

 

71. Kapitel

[HGt.01_071,01] Und höre, es hatte aber diese Rede beinahe alle stumm gemacht; denn sie verstanden nun gar wohl die Rede Henochs und dachten nur bei sich über all die Irrtümer nach, von denen sie bis jetzt sämtlich so hart befangen waren. Und auch ihren Kindern gingen die Augen weit auf; sie erkannten sich wieder und Mich mehr und mehr durch ihre aufwachende Liebe in sich. Und es begriffen nun erst auch vollends von Adam bis Jared die Hauptstammkinder die Grottenrede Henochs und verstanden vollends den Sinn der Grotte. Und Adam dachte viel über den Aufgang der Sonne nach und verstand selben. Seth aber richtete sich auf, blickte gen Himmel und dankte Mir für dieses große Geschenk; und seinem Beispiele folgten alle, die zugegen waren, und lobten und priesen Mich über die Maßen in ihren Herzen.

[HGt.01_071,02] Es trat aber eines der Mittagskinder, die da waren aus der Linie Seths und Enos', hin zum Henoch, verneigte sich tief vor ihm und sagte: ,Henoch, sieh, hier vor dir stehe ich im Namen aller; mein Name ist Sethlahem (das heißt: ,Ein mit Weisheit hochbegabter Sohn Seths`).

[HGt.01_071,03] Mein erstes ist, durch dich abzustatten den allergebührendsten Dank an den heiligen Geber solcher hohen Gnade. Denn da du dem Herrn am nächsten bist und hast Sein lebendiges Wort, so ist es auch wohl am füglichsten, daß du das Mangelhafte unseres schwachen Dankes gegen den Herrn für eine so große Wohltat ergänzest. Denn da ich die Weisheit erhielt vom Herrn, so tat ich, was mich diese lehrte, und konnte auch nicht mehr tun, da meine Weisheit hinreichend fand, was ich tat. Allein was du hier lehrtest in deiner Lebenssprache, ist mehr denn alle Weisheit aller Menschen; es ist die Wurzel alles Lebens und der ewige Grund aller Weisheit, - ja, es ist Gott, den du hier verkündest! Und siehe, da reicht meine Weisheit nicht aus, um Diesem den gerechten Dank abzustatten; daher tue du an meiner Stelle, was Rechtens ist! Das andere aber, deswegen mich nach dir verlangte, ist, daß du mir gestatten möchtest, zu dir in die Schule zu kommen, damit du mich lehren möchtest den Weg, den du gegangen bist, daß dir geworden ist in einer solchen Tiefe das Leben aus Gott.

[HGt.01_071,04] O Henoch, verarge mir nicht diese Doppelbitte; denn meine Weisheit sagt es mir, daß du ein rechter Seher Gottes bist. Denn des Allerhöchsten Liebe hat voll gemacht dein Herz, und angerührt ward deine Zunge durch das Feuer, das da übermächtig dem Finger Gottes entströmt. Oh, so zeige dem Sethlahem, wie und wann dir solches geworden! Amen."

[HGt.01_071,05] Henoch aber erhob sich alsobald und sagte: ,Höre, Sethlahem, wozu des Rühmens?! Hast du denn die Weisheit darum erhalten, daß du mit ihr ausgingest zu rühmen, was des Rühmens nicht wert ist, und weißt nicht zu rühmen Den, dem doch nur allein aller Ruhm gebührt?! Oder meinst du, das Leben lasse sich auch erlernen wie solche Weisheit, die du erlernt hast mit kaltem Herzen, auf daß du ein Meister in der Weisheit würdest?!

[HGt.01_071,06] O Sethlahem, Sethlahem, siehe zu, daß du nicht erstickst in deiner eitlen Wißbegierde!

[HGt.01_071,07] Siehe hier einen Feigenbaum und da einen Baum voll schon halbreifer Pflaumen! Was meinst du, so der Pflaumenbaum in die Schule ginge zum Feigenbaume, um von ihm die Kunst zu erlernen, statt der Pflaumen auch Feigen zu tragen auf seinen Ästen gleich dem Feigenbaume, - wird solches wohl füglich je geschehen?

[HGt.01_071,08] Gewiß, so deine Weisheit zu irgend etwas nütze ist, muß sie dich augenblicklich überzeugend gemahnen, daß solches in alle Ewigkeit nicht angehen wird!

[HGt.01_071,09] Aber so jemand nimmt Reiser mit Samen vom Feigenbaume, beschneidet dann allseits den Pflaumenbaum, spaltet die Zweigrümpflein und steckt dann die Samenreiser hinein und verbindet sie sorgfältig mit Erde und Harz, so wird alsobald der Saft des Pflaumenbaumes in den Feigenreisern umgestaltet werden zum Leben des Feigenbaumes; und so werden dann nach nicht gar langer Zeit auf dem so umgewandelten Pflaumenbaume edle Feigen zum Vorscheine kommen.

[HGt.01_071,10] Solches zu tun lehrte dich schon lange deine Weisheit; wie ist's denn aber, daß sie dich nicht auch gelehrt hat, den Herrn aus allen Kräften zu lieben, auf daß du statt Pflaumen auch Feigen des Lebens zur Frucht gebracht hättest?!

[HGt.01_071,11] Ich sage dir aber, Sethlahem, siehe, Adam hat dich beschnitten wie alle deine Kinder und Brüder, Seth hat euch gespalten, und der Herr hat durch mich nun die Reiser des ewigen Lebens in euch gesteckt; nun suchet durch eure gegenseitige Liebtätigkeit frische Erde und Harz, und verbindet das Leben wohl in euch durch den Glauben, so werdet ihr auch alsobald finden, was du nun fruchtlos bei mir zu erlernen suchtest!

[HGt.01_071,12] Und nun gehe und handle, so wirst du leben! Amen."

[HGt.01_071,13] Als aber der Sethlahem solche Rede vernommen hatte, da schlug er sich auf die Brust und sagte: ,O Henoch, ich erkenne die hohe Wahrheit deiner Rede, allein es ist dir leicht, solche zu reden, da du sie schon hast; denn der Herr hat sie dir gegeben frei aus Sich heraus, ohne daß du darob desgleichen tun mochtest, was zu tun du mich angewiesen hast! O siehe, im Trockenen läßt sich gut ruhen und ohne Pfand leicht nehmen; allein also ist es nicht bei mir! Gar lange schon arbeite ich und ringe unaufhörlich nach dem, was dir ohne Mühe geworden ist; allein es ist umsonst! Für mich ist der Himmel mit Steinen verlegt, und es wäre leichter, in die Erde ein Loch zu graben, das da reichen möchte bis dahin, wo sie nicht mehr ist, als zu erlangen einfließend nur einen einzigen Tautropfen des Lebens der Liebe von oben.

[HGt.01_071,14] Daß es aber also ist, - so sieh nur hin auf die hohen Väter, auf daß sie dir zeugen für mich! Sind sie vermöge ihres Standes nicht alle höher denn du und somit dem Herrn auch natürlich näher denn du? Warum aber bleibt ihnen der Herr ferne und wandelt mit dir, Hand in Hand verschlungen?

[HGt.01_071,15] O Henoch, wäre all dieses in dir nicht als eine freie, keineswegs verdiente Sache von oben, vom heiligen Vater gegeben, wahrlich, du würdest bis auf diesen Augenblick reden gleich mir, klagend über den gewaltigen Seelendurst und -hunger!

[HGt.01_071,16] Oder meinst du, daß ich nicht wüßte, es vermöchte kein Baum von dem andern etwas zu erlernen? Siehe, dafür könnte ich deiner Rede Rat halten; so wir aber Kinder lehren müssen, was ihnen not tut - als: Gehen, Sprechen, Arbeiten -, um ihnen dadurch die Spur des allerhöchsten Gottes begreiflich zeigen zu können, - sage mir, sind wir denn mehr gegen Gott, als da sind unsere Kinder gegen uns?! Ich glaube, wir sind unendlichmal weniger gegen Ihn! Wie sollte und könnte uns denn der Weg anders als auf dem Wege des Unterrichts, wie es bei allen Kindern der Fall ist, gezeigt werden?!

[HGt.01_071,17] O Henoch, du glaubtest, mit mir leicht fertig zu werden, indem du mich zur Bruder- und Gottesliebe verwiesen hast; allein, es soll dir nicht so leicht werden, wie du meintest, meiner los zu werden! Zuvor will ich alles dieses erst an dir wohl gewahren, bis ich es annehme!

[HGt.01_071,18] Aber in deiner kurzen Abspeisung scheint eben nicht der höchste Grad der Nächstenliebe vergraben zu sein; wenn aber die Nächstenliebe ein Seitenstrahl der Liebe zu Gott ist, wahrlich, da weiß ich nicht, was ich von deiner Gottesliebe halten soll!

[HGt.01_071,19] Siehe zu, daß du dir nicht etwa bald selbst allein der Allernächste wirst!

[HGt.01_071,20] Ist es recht, daß durch jemands Rede ein anderer geärgert werde?! Siehe, wie sehr mich auch deine erste Rede erbaute, so sehr aber hat mich auch dein jetziges Wort geärgert! Denn ich weiß wohl, daß du ein Seher Gottes bist und das lebendige Wort hast - wüßte ich es nicht, nie käme ich zu dir und möchte lobpreisen ein solches Heiligtum in dir! -; daß du mich aber darob tadeltest, da frage ich: Wer hieß dich denn, solches auf deinen Kopf zu nehmen und mich darob zu tadeln?

[HGt.01_071,21] O siehe, es ist nicht fein, den hungrigen, durstigen und weinenden Bruder in Gott so kurz von sich zu weisen!

[HGt.01_071,22] Geduld ist das erste, und die Demut ist die Seele der Liebe! Henoch, ich weiß, daß du beider Meister bist; warum aber zeigst du mir die Stirne und scheinst das Herz vor mir verschlossen zu haben? Habe ich dir doch nie etwas zuleide getan! Kehre dich daher um, und sei mir ein Bruder in Gott statt ein kalter, trockener Wegweiser! Amen."

[HGt.01_071,23] Nachdem aber der Henoch solches von Sethlahem mit der größten, lächelnden Gelassenheit vernommen hatte, richtete er sich wieder auf und begegnete ihm mit folgenden Worten, sagend:

[HGt.01_071,24] ,Sethlahem, siehe, wenn es also wäre, wie du laut deiner Rede des Dafürhaltens bist, wahrlich, du hättest mich lange schon zu deinen Füßen weinend erblickt; allein, dem ist es nicht also!

[HGt.01_071,25] Damit du aber meiner nicht verstandenen Rede wegen nicht ungerecht dich ärgernd deine Hütte betreten möchtest, so besänftige dein Herz, und höre, was ich dir sagen werde: Sethlahem, sieh hin in die blaue Ferne, und sage mir an das Gras, die Pflanzen, Bäume und Gesträuche, welcher Art und Gattung sie sind, ob also wie hier, oder ob anders, -

[HGt.01_071,26] was für Gestein, was für Erde, und was für Quellen, ob also wie hier, oder ob anders! Von welchen lebenden Wesen ist es bewohnt? Gibt es vielleicht auch Menschen dort? Und was ist es, das sie jetzt verrichten?

[HGt.01_071,27] Höre, Sethlahem, dein Schweigen sagt es dir, daß du solches nicht weißt! Nun frage ich dich aber: Auf welchem Wege könntest du dir solche Kenntnis wohl am füglichsten verschaffen?

[HGt.01_071,28] Ich setze den Fall, ich selbst wäre schon dort gewesen und hätte daselbst alles beobachtet. Es möchte sich aber fügen, daß mich die Väter in deiner Gegenwart darüber fragten und ich ihnen enthüllte die blaue Ferne. So du aber solches vernähmst und nicht wüßtest, wie, woher und wodurch, sprächst du dann zu mir: ,Höre, was du nun geredet hast, gefällt mir ganz besonders! Auch ich möchte also sprechen über die Ferne wie du; siehe, ich will darob zu dir in die Lehre gehen, auf daß ich es von dir erlerne, solches zu reden!` So ich dir dann erwidern würde: ,Höre, solches läßt sich mit innerer Überzeugung nicht erlernen für den, der nach innerer Überzeugung trachtet, - und welch ein mühsamer Weg zur reinsten Erkenntnis wäre dieses und wie unfruchtbar!

[HGt.01_071,29] Aber siehe, da über diese Berge geht der nächste Weg dahin! Bemühe dich dahin, und sei versichert, in drei Tagen bist du wieder hier und wirst gleich mir darüber Reden voll Wahrheit führen können, wie solche zu führen mit innerer Lebenskraft du sonst in Jahren nicht erlernen möchtest!`

[HGt.01_071,30] Nun kämest du aber wieder zu mir und möchtest mich ob solches kurzen, aber wahrheitsvollen Rates des Mangels der Liebe beschuldigen! Sage dir selbst, wie verhält sich eine solche Beschuldigung als lieblos zu einem Rate, nach welchem du sicher in drei Tagen das erreichen kannst, was dir sonst wohl kaum Tausende von Jahren geben möchten?!

[HGt.01_071,31] Siehe, da hast du mit deiner Weisheit einen scharfen Hieb in den Wind gemacht!

[HGt.01_071,32] Der Weg ist dir gezeigt. Hast du den Mut nicht, ihn allein zu wandeln, so komme und prüfe mich, ob als Bruder ich dich mit aller Liebe geleiten werde oder nicht; ich glaube aber, darin möchtest du schwerlich je einen Klagegrund finden!

[HGt.01_071,33] Aber so ich dir tun möchte nach deinem törichten Verlangen, siehe, da müßte ich dir wohl eher Feind werden, auf daß ich vermöchte, in meiner Verworfenheit dich, meinen lieben, armen Bruder in Gott und Adam, zu betrügen!

[HGt.01_071,34] Siehe, das Wissen wird dir ewig nichts nützen zum Leben; aber so du handeln wirst nach der Wahrheit, so wirst du das Zeugnis der Wahrheit finden, und es wird sein das Zeugnis der Liebe - und die Liebe das ewige Leben in Gott! Amen, amen, amen."

 

72. Kapitel

[HGt.01_072,01] Und als der Sethlahem solche Rede vernommen hatte, fiel er vor dem Henoch nieder und sprach: ,O Henoch, deine große Weisheit hat mich zunichte gemacht, daß es mir nun vorkommt, als wäre ich nimmer vorhanden; aber ich merke, daß ich dich in meiner Vernichtung nun mehr verstehe als zuvor in meiner Weisheit! Und so nimm hin meinen Dank für solche deine große Geduld, die du mit mir hattest und wurdest nicht ärgerlich über meine große Torheit, die mich frech genug werden ließ, daß ich mich darob unterfing, dir unter dein liebeerhelltes Antlitz zu treten und mit dir zu rechten, der du ein lebendiges Werkzeug in der Hand des allmächtigen, heiligen Vaters bist!

[HGt.01_072,02] Siehe, meine Augen hast du zwar blind gemacht, und ich sehe noch nicht, was des Rechtens ist; aber ich nehme nun ein anderes Licht in mir wahr, das mir zeigt eine neue Bahn, zwar matt erleuchtet noch, aber eine Bahn, die mich in einem Augenblicke weiterbringen wird, als mich das fruchtlose Licht meiner Augen in vielen, ja schon in sehr vielen Jahren gebracht hat.

[HGt.01_072,03] O Henoch, sollte auf dieser neuen Bahn mein Fuß auf irgendeine sehr lockere Stelle treffen, dann lasse mich zu dir kommen, auf daß du mir zeigen möchtest, ob ich rechten Weges wandle.

[HGt.01_072,04] O Henoch, rufe mir zu, wenn du mich in meiner Blindheit wirst einen Irrtritt machen sehen! Amen."

[HGt.01_072,05] Und Henoch erwiderte ihm, sagend: ,O Sethlahem! Siehe, du hast einen redlichen Willen und bist voll guten Eifers, daß dir darob ein Lob gebührt; aber eines noch ist zu tadeln an dir, und das ist, daß du das, was nur allein Gott, unser aller heiligster Vater, Seinen Kindern geben kann, bei mir, einem ebenfalls nur schwachen Menschen, suchst und so auch das Werkzeug statt des Meisters lobst!

[HGt.01_072,06] Meinst du denn, ich sei erbittlicher denn die unendliche Liebe und Erbarmung des ewigen, heiligen Vaters?! O Sethlahem, lasse dich nimmer betören von der geheimen Torheit deines Herzens, und wende dich nie eher zu den Menschen, als bevor du dich im innersten Grunde gewendet hast voll Liebe und Reue zu Gott! Und solltest du unerhört bleiben längere Zeit, sodann denke erst, daß alle allerbesten Menschen gegen Gott eitel böse und lieblos sind, und daß Gott dir doch lange eher alles geben wird, bevor dich das mitleidigste Menschenauge auch nur eines Blickes würdigen wird.

[HGt.01_072,07] Was aber uns betrifft, so sind wir ja ohnehin auf Geheiß Gottes, unseres allerheiligsten, besten Vaters zu euch gekommen und werden zufolge Seiner Liebe in uns unsere Augen nimmer von euch wenden. Daher erhebe dein Herz nach oben und liebe den heiligen Vater aus allen deinen Kräften, so wirst du leben; denn solche Liebe wird dich in einem Augenblicke mehr lehren als alle besten und weisesten Menschen in vielen hundert Jahren. Siehe, nun hast du alles, was dir vorderhand not tut; handle und wandle in der Liebe zu Gott! Amen."

[HGt.01_072,08] Nach solcher Rede aber verneigte sich Sethlahem vor den Vätern und trat dankbar zurück und fing an, viel Freude in sich zu empfinden, und pries Mich darob im Herzen.

[HGt.01_072,09] Nach dem aber wendete sich Henoch zum Adam, sagend: ,Lieber Vater, sei nicht ungehalten, daß ich dich länger hier aufhielt, als du für mich vorgesehen hast; allein, siehe, der Herr richtet Seine Liebesgaben nicht nach unserm Zeitmaße, sondern, wann Er's geben will, gibt Er es, und allzeit sei Ihm, dem großen, heiligsten Geber, unser vollster Dank, Preis, Lob und Ehre! Amen."

[HGt.01_072,10] Adam aber erwiderte: ,O lieber Henoch, des sei ohne Kummer; wir wissen ja alle, daß das, was der Herr tut, allzeit wohlgetan ist! Amen."

[HGt.01_072,11] Und der Seth stimmte gleich laut ein und setzte endlich noch hinzu: ,Und allzeit zu der allerrechtesten Zeit! Amen."

[HGt.01_072,12] Adam aber erhob sich abermals und sagte, sich zum Henoch wendend: ,Henoch, nun lassen wir alsbald den Asmahael beginnen, auf daß auch er fürs erste seine Zahl erfülle und fürs zweite uns daraus kundgebe seine Ansicht über dieser Gegend schöne Form und endlich, wie er alles dieses aufgefaßt hat. Nach dem aber wollen wir uns alsbald zur Weiterreise anschicken und noch eine kurze Einladung an die Kinder des Abends und die der Mitternacht ergehen lassen und uns endlich nach Hause verfügen. Amen."

[HGt.01_072,13] Und Henoch hieß den Asmahael, zu beginnen seine Sache.

[HGt.01_072,14] Und siehe, alsobald trat das Tier mit seinem Reiter vor. Es sprachen aber die Kinder des Mittags verschiedenes etwas laut untereinander; das Tier aber brüllte sogleich dreimal so heftig hintereinander, daß darob alle ein gewaltiges Bangen ergriff und ihre Stimmen in das tiefste Schweigen versanken.

[HGt.01_072,15] Nachdem aber solche Ordnung hergestellt war, verstummte alsbald das Tier, und Asmahael begann, folgende überaus merkwürdige Rede gar fein klingend von sich zu geben, sagend nämlich:

[HGt.01_072,16] ,O würdigste Väter der Väter der Erde! Was soll und was könnt' ich, der finsteren Tiefe des Todes vor kürzlicher Frist kaum entronnen, nun reden auf diesen so heiligen Höhen, da alles - voll Wunder, voll Gnade, voll Lebens - das kräftigste Wort auf der bebenden Zunge erstarren mir machet?!

[HGt.01_072,17] Die herrliche Form dieser Gegend, o wahrlich, wer heilige Worte des Lebens aus sich nicht zu reden vermag, o wie sollte der Formen wie diese so wunderbar herrlich und schön, mit der stotternden Zunge zerlegend, darstellen?!

[HGt.01_072,18] O Väter der Väter der Erde, ich habe noch kaum mich getrauet, mein Auge erst vollends zu öffnen, daß mir zu schauen die Fähigkeit würde zuteile die Wunder der heiligen Höhen; nun sollte dieselben darstellen ich Armer, ich Blinder, ich Toter vor euch, die voll Gnade, voll Lebens, voll Macht und voll Stärke die Dinge von seltsamsten Formen schon lange durchschauet vom innersten Grunde wohl haben?!

[HGt.01_072,19] Was sind diese grasreichen Flächen, umrungen von himmelanragenden felsigen Wänden und Spitzen, wenn ihre gar große Bedeutung verborgen dem Scheine von Leben muß bleiben?! Stünd' nicht ein verwerfliches Steinchen unendlichmal höher im heiligen Range für mich und für jeden, der solches vom Grunde verstünde, denn alle Gebirge und Höhen der Erde und diese mit ihnen?!

[HGt.01_072,20] Wie leicht ist zu sagen: ,Man darf's ja nur sehen, daß dorten im Morgen ein dampfender, himmelanragender König der Berge, als müßt' er die Erde beherrschen, gar kühn sich erhebet!` O wahrlich, das Auge der Tiere mag solches auch sehen! Doch wenn ich mich frage: ,Verstehst du, Asmahael, solches gar mächtig Gebilde?`, da spricht's in der Nacht meines Herzens: ,Wie sollte der Tote den Toten begreifen?! Dein Leben ist Schein nur und Trug deiner Sinne! Die beugsame Zunge ist alles, daß du unterscheiden dich magst von den Tieren!`

[HGt.01_072,21] O Väter, wenn solches ich habe empfunden, da denket, wie gar unerforschlich d. Formen der heiligen Höhen mir sind!

[HGt.01_072,22] Seh' ich dort zwischen Morgen und Mittnacht auch einen noch herrlicher strahlenden Berg denn die Sonne am Himmel gar selbsten, da sie uns einfarbig die Strahlen nur spendet und dieser das Licht aller Sterne und Blumen in mächtigen Strömen, die Sonne beschämend, ausbeutet, - doch wenn ich mich frage: ,Wie das und woher und warum?`, o dann ruft mir das Gras wie auch alle die Steine mit wohl zu verstehenden Zeichen ins Ohr: ,O du Tor, warum sinnest du mühsam den Wundern des Lichtes wohl nach?! Ist das Licht denn zu schauen, geflossen aus Gott?!

[HGt.01_072,23] O du Tor, siehe, zum Leuchten nur schuf einst die Allmacht des Schöpfers die Sonne und nimmer, zu schauen dieselbe; und hast du empfangen die Fähigkeit, reiflich zu denken, so denke nicht über das Denken, was gleichet der Torheit, die Sonne zu schauen.

[HGt.01_072,24] Gedanken sind Lichter der Seele, erleuchtend das lose Gewirre des leiblichen Lebens, doch nimmer, als daß du sie einzig allein dazu nehmen und nützen nur sollest! Wie möcht'st du die außen erstehenden Wunder begreifen, solang' du dich selbst als das nächste der Wunder mußt fliehen?!`

[HGt.01_072,25] O sehet, ihr würdigsten Väter der Väter der Erde, o wenn man denn solches notwendig erfährt von der stummen Natur, o dann ruhet sich hart auf den Höhen des Lichtes!

[HGt.01_072,26] Ich ward nicht beschieden hierher, um zu leuchten, nein, nur um erleuchtet zu werden ward ich von dem glänzenden Ahbel zu euch hergeführet! Darum laßt nur hören mich euere Reden voll Licht und voll Leben; zu reden ist lang noch die Zeit nicht für mich! O wer könnte auch Worte noch finden, die heiliger klängen als jene voll Kraft und voll Leben von oben, der Zunge des Henoch enttriefend, da eines gewichtiger ist als der Erde schwer lastendes Wesen von Grunde zu Grunde! Denn wo das gesprochene Wort nicht nur einzig allein als wohltönender Schall zu vernehmen sich bietet gar üppiglich, sondern reichlich das Leben den tödlich verborgenen Tiefen im Menschen erfolglich und segnend entwindet, - o höret mich Armen: solch Wort ist wohl schwerer und größer denn alles, was möglich das Auge zu schauen vermag und zu wägen der leibliche Sinn!

[HGt.01_072,27] Und so lasset, ihr würdigsten Väter der Väter der Erde, mich Armen, mich Toten nun schweigen; denn es ist nicht füglich, als Toter zu reden zu denen, der'n Brüste ein Leben aus Gott in dem hellesten Licht in sich bergen, von da jedes Wort mit gesegneter Zunge das Leben ausstreuet also wie die Sonne ihr zitterndes Licht.

[HGt.01_072,28] Sonach lasset, o Väter der Väter der Erde, mich enden mein nichtig nur schallendes Wort; denn die Zeit ist für Bess'res gemacht denn für leeres Geplapper!

[HGt.01_072,29] Ist schön auch die Gegend als Rückstrahl des Lebens, - doch schöner ist, selbst nach dem Leben zu trachten! O wahrlich, wie ich es empfinde, ist schöner ein Tropfen des Lebens, im engesten Raume verschlossen, für den, der es treu hat gefunden, als wenn er mit schärfesten Blicken hinaus in die endlosen Räume voll Sonnen und Todes möcht' starren!

[HGt.01_072,30] O Henoch, mein weisester Lehrer durch Gnade und Liebe von oben, entschuld'ge mein leeres Geplauder und halte dem Toten die Blindheit zugute! Der Tote und Blinde bin ich, höre! Amen."

 

73. Kapitel

[HGt.01_073,01] Und als nun der Asmahael sein Wort vollendet hatte, siehe, da erhob sich Adam und belobte sehr den Asmahael, daß er so viel Demut an den Tag gelegt hatte, welcher mehr Weisheit zugrunde liegt als im Sethlahem und allen seinen Kindern; darauf aber wandte er sich wieder zu Enos und Kenan und bedeutete ihnen, die Kinder des Mittags für den bevorstehenden Sabbat zu laden, ,auf daß sie erscheinen mögen noch vor dem Aufgange der Sonne zum Morgenbrande des Opfers, das wir Jehova darbringen müssen, wollen und werden!"

[HGt.01_073,02] Und alsobald taten die zwei ihre Geschäfte. Nach dem aber brachten die Kinder Erfrischung und Stärkung den Hauptstammvätern; und diese nahmen, aßen und tranken und gaben auch dem Asmahael zu essen und zu trinken.

[HGt.01_073,03] Als aber das Tier die Hauptstammväter essen und trinken sah, ward es unruhig und fing an, mächtig den Rachen zu öffnen und mit dem Schweife um sich zu schlagen.

[HGt.01_073,04] Adam aber sagte zum Henoch: ,Lieber Henoch, sieh an das Tier; was soll das zu bedeuten haben? Beruhige es, sonst wird es nicht gut sein, mit ihm weiter zu reisen! Amen!"

[HGt.01_073,05] Henoch aber erhob sich alsogleich und sprach: ,Meinet ihr denn, daß solche Tiere von der Luft leben oder Gras fressen?! O nein, das alles ist ihrer Ordnung zuwider! Es will aber eine Nahrung; daher bringet drei unreine Tiere lebendig, auf daß es sich sättige!"

[HGt.01_073,06] Es wurden aber alsobald drei Böcke herbeigeschafft. Henoch aber sagte zum Asmahael: ,Siehe, ein Futter für dein Lasttier! Steige herab, und bringe es demselben zur Nahrung und zum Zeichen, daß du dem Wächter zum Verschlingen darbringest deine Unlauterkeit aus der Tiefe!"

[HGt.01_073,07] Und der Asmahael tat alsobald, wie ihm der Henoch geraten hatte im Angesichte der Väter.

[HGt.01_073,08] Als aber der Asmahael die drei Böcke dem Tiere vorführte, rührte dieses keinen derselben an, sondern schlug sie mit dem Schweife von sich und fing an, gewaltig zu brüllen.

[HGt.01_073,09] Es wurde aber allen bis auf Henoch bange, welcher noch nichts genossen hatte von d. dargereichten Erfrischungen, sondern sich dafür im Herzen mit Meiner Liebe labte und gar wohl stärkte.

[HGt.01_073,10] Adam aber redete noch einmal den Henoch an und sagte: ,O Henoch, sieh, daß du uns nicht täuschest; denn das Tier schlägt die von dir bedungene Nahrung von sich! Rate, wenn du magst, was da zu tun; denn mir wird's bange um den Asmahael! Wie schauerlich bäumt es sich, und wie donnernd brüllt es und stellt sich also grimmig an, als wollte es uns alle verschlingen! Daher schaffe Rat und Hilfe, so du magst und kannst!"

[HGt.01_073,11] Henoch aber trat alsbald hin zum Tiere und redete es folgendermaßen an, sagend: ,Beruhige dich, denn ich verstehe gar wohl deine Gebärde; doch damit es auch die verstehen mögen, so sei deine breite und lange Zunge gelöst! Und so gib denn kund dein Anliegen, und was dich zu solchen abschreckenden Gebärden nötigt!"

[HGt.01_073,12] Und alsbald trat das Tier dreist in die Mitte der Väter und ließ aus seinem weitgeöffneten Rachen folgende Worte deutlich vernehmen, welche also lauteten:

[HGt.01_073,13] ,Höret, ihr stumpfhörigen und blindsichtigen Menschen! Wahr ist, es hungert mich in jedem Haare schon, da ich mir drei Tage lang keine Nahrung habe erjagen können, und so werde ich auch das mir gebrachte unsaubere Futter in meiner Not wohl verzehren; aber es war mir solches bevor nicht möglich, bis es mir möglich gemacht wurde, euch allen, bis auf einen, anzuzeigen, wie es für euch im höchsten Grade unbillig und ungerecht ist, Gottes Gaben eher in den Mund zu stecken, als bis ihr dafür den heiligen Geber gebeten habt um den Segen und Ihm hernach gedankt habt in aller Demut und Liebe für solches große Doppelgeschenk.

[HGt.01_073,14] Wisset ihr Toren voll Blindheit denn nicht, daß auf der Erde kein reines Gras mehr wächst, das da tauge zur Nahrung der Unsterblichen, damit sie nicht verderben möchten?!

[HGt.01_073,15] Sollte es daher nicht euer sehnlichster Wunsch sein, daß der große, heilige Geber es allzeit reinige für euch und segne jegliche Kost zu eurer Lebenswohlfahrt?!

[HGt.01_073,16] O schämet euch, ihr nahen Zeugen der Allgegenwart des Allerhöchsten! Ihr seid berufen, von Ihm zu zeugen, und könnet Seiner vergessen, wo ihr euch Seiner am allermeisten erinnern solltet!

[HGt.01_073,17] O wie undankbar ist eure Freiheit voll Leben und wie bloß in Worten eure Liebe zu Ihm, daß sogar ich als eine reißende Bestie mit dem gerechtesten Unwillen erfüllt werde, so ich ansehen muß solchen Frevel bei den Kindern Gottes! Ihr möchtet fluchen der Tiefe; aber es steckt in eurer eigenen Tiefe so viel Undank, daß sogar ihr das größte Unheil in die Tiefe bringen werdet körperlich, so ihr euch des Dankes und der wahren Liebe in euren Herzen nicht mehr kümmern werdet!

[HGt.01_073,18] Die Unlauterkeit Asmahaels sollte ich verschlingen; ich aber sage und rate euch: Leget vielmehr die eures undankbaren Herzens auf die Böcke, damit ich nicht nur ein Träger Asmahaels, sondern viel mehr eures großen Undankes werde!

[HGt.01_073,19] Nun, Asmahael, bringe mir die Böcke, und tue, wie dir geraten die Väter, und belaste sie mit dem Fluche, damit die reuigen Väter gereinigt die Stelle verlassen mögen und du und ich mit ihnen; es sei!"

 

74. Kapitel

[HGt.01_074,01] Als aber die Väter solches Wortwunder aus dem Rachen des Tieres vernommen hatten, siehe, da entsetzten sie sich gewaltig und schlugen sich auf die Brust, bereuten ihren Fehler und gelobten Mir im Herzen, den ganzen Tag über nichts zu sich zu nehmen, weder Speise noch Trank. Bei einer halben Stunde baten sie Mich im Herzen um Vergebung, und außer dem Henoch getraute sich keiner, die Augen von der Erde zu erheben.

[HGt.01_074,02] Und eben diese Zeit benützte das Tier etwas seitwärts zu seiner Mahlzeit. Als das Tier nun fertig war mit den drei Böcken, kam es alsbald zurück, sprang zu einer nahen, frischen Quelle und kühlte sich alldort die Zähne und die Zunge, damit seine Wut gekühlt wurde und gemildert seine Blutgierde.

[HGt.01_074,03] Nach dem aber begab es sich wieder zum Asmahael hin und bot demselben gleichsam fürs fernere seine Dienste an.

[HGt.01_074,04] Henoch aber, die Väter anblickend, fragte leise den Adam, ob er noch etwas begehre, oder ob man sich zur Abreise anschicken solle.

[HGt.01_074,05] Adam aber entgegnete mit noch zitternder Greisenstimme: ,O Henoch, siehe, die Angst hat mir die Glieder gelähmt, daß ich mich nicht zu erheben vermag, und, wie du siehst, auch der Mutter Eva, - und wir müssen und sollen fort gen Abend! Wie aber werden wir es denn anstellen, daß wir weitergelangen mögen?

[HGt.01_074,06] Und siehe, lieber Henoch, auch den übrigen geht es nicht viel besser denn mir! Daher schaffe uns Rat aus deiner Liebe zu Gott, was da zu tun sein wird; denn wahrlich, ich empfinde tief den Frevel unserer Lauheit, aber auch ebenso tief die Schwäche meiner Glieder!

[HGt.01_074,07] O Wahrheit, o Wahrheit, wie furchtbar mächtig bist du! Dieses Tier ist ein treues Bild deiner Schonungslosigkeit. Du schonst keines Menschen, und mag er der erste oder der letzte Bewohner der Erde sein! Dir ist jedes Alter gleich. Du schlägst die Väter samt ihren Kindern und schonst ihrer schwachen Mütter nicht. Unsere Häupter drückst du zur Erde nieder, und die Gliedmaßen lähmst du zur Untätigkeit. Wo ist außer Gott noch ein Wesen, das da ertragen könnte die ganze Bürde deiner Schwere?!

[HGt.01_074,08] O sanfte, zarte, heilige Liebe! Wenn du mit der Wahrheit nicht Arm in Arm wandelst als heiligster Lebenssegen Jehovas, o dann ist die Erkenntnis der für sich allein stehenden Wahrheit wahrlich ein Tod den Menschen!

[HGt.01_074,09] O Kinder, suchet fürder ja keine Wahrheit für sich mehr, sondern einzig und allein nur die Liebe! Und soviel Wahrheit diese mit sich führen wird, soviel wird auch gerecht sein dem Menschen und frommend zum Leben.

[HGt.01_074,10] Wem aber der Herr mehr geben wird der Wahrheit denn der Liebe, den wird sie am Ende erdrücken, oder der Herr Selbst wird müssen sein Lastträger in der großen Wahrschwere werden.

[HGt.01_074,11] Daher lehret auch ihr alle eure Kinder in Zukunft in der Liebe die Wahrheit, und die Brüder aber in der Wahrheit die Liebe!

[HGt.01_074,12] Und nun, Henoch, tue, was du vermagst, und denke, höre und sieh, was die Wahrheit für sich allein getan hat an uns allen! O Henoch, vereine deine Bitte mit der meinen, damit uns der Abend nicht hier antreffe! Amen."

[HGt.01_074,13] Henoch aber kehrte sich in seinem Herzen zu Mir und ließ folgende stille Seufzer in seiner Brust auftauchen, welche also lauteten: ,O Du großer, heiliger, liebevollster Vater aller Menschen und über alles mächtigster Schöpfer, Gott der Unendliche und Ewige und Allerheiligste! Sieh gnädig auf uns arme, schwache Würmer im Staube von Deiner unermeßlichen Gnadenhöhe herab, und schaue aus der unendlichen Fülle Deiner Liebe auf unsere grenzenlose Schwäche, die wir, geschlagen von der großen Macht Deiner Wahrheit, hier im Angesichte Deiner Vatermilde schmachten!

[HGt.01_074,14] O lasse uns erheben von dem harten Boden der Erde mit neugestärkten Gliedern und voll fröhlichen Mutes, und führe uns nach Deinem heiligen Willen, wohin es Deine Gnade und Dein Wohlgefallen gut Rat hält, und lasse nicht zu, daß den Vätern irgendein Wehe begegne, sondern gib, daß wir alle beständig in Deiner Liebe und Gnade wandeln mögen!

[HGt.01_074,15] O heiligster Vater, erhöre mein stilles Flehen und Seufzen! Amen."

[HGt.01_074,16] Nachdem er aber solches gesprochen hatte im Herzen voll Liebe und lebendigen Vertrauens, siehe, da vernahm er alsbald in sich ein mächtig süßes, heiliges Wort, welches zu ihm sagte:

[HGt.01_074,17] ,Höre, Henoch! Ich habe dein Seufzen wohl vernommen und habe erhört deine Bitte! Tritt hin zu deinen Vätern, tröste sie voll Segens aus Meiner großen Erbarmung und versichere sie Meiner Verheißung, greife ihnen dann unter die Arme, und sie werden alle, von einer großen Kraft gestärkt, sich Jünglingen gleich erheben und werden voll Munterkeit vollenden die noch bevorstehende Bahn nach Meinem Willen!

[HGt.01_074,18] Das Tier aber lasse nicht betreten die Wohnung Adams, noch den Grund und den Boden, sondern nach vollbrachter Reise lasse es wieder in Frieden ziehen an den Ort seiner Bestimmung.

[HGt.01_074,19] Und nun gehe und übe, was dir geboten wurde, und erziehe den Fremdling Asmahael zu Meiner Ehre, amen; höre in aller Liebe, amen."

 

75. Kapitel

[HGt.01_075,01] Und alsbald dankte Mir Henoch im Herzen für ein so großes Stück Brotes aus dem wahren väterlichen Hause, begab sich dann in die Mitte der schwachen Väter und fing an, folgende Trostworte aus Mir an sie zu richten, sagend nämlich:

[HGt.01_075,02] ,O liebe Väter, ein kleines, etwas außergewöhnliches Wunder hat der heilige Vater und Herr aller Macht, um uns aus dem Schlafe angewohnter Lauheit zu erwecken, gnädigst zugelassen: Einem Tiere löste Er die sonst ewig stumme Zunge und ließ ein geringes Fünkchen der ewigen Wahrheit über die sprachungewohnte Schnauze nur gleiten. Wir vernahmen das gehaltschwere Fünkchen und entsetzten uns sehr darob, als wenn wir der ewigen, qualvollen Vernichtung im unerbittlichsten Angesichte gestanden wären!

[HGt.01_075,03] O der eitlen Furcht und halben Verzweiflung! Saget mir, liebe Väter, was darf der wahrhaft Liebende denn wohl fürchten?!

[HGt.01_075,04] Ist denn nicht die wahre, uneigennützige Liebe zu Gott die schützende Hand des heiligen Vaters, an unsere Brust gelegt, vor deren Macht alle Unendlichkeit in ihren tiefsten Fundamenten ehrfurchtsvoll gehorchend erbebt?!

[HGt.01_075,05] Trägt nicht derselbe Finger Gottes, dessen ganze Hand uns wohlschirmend erhält, das ganze unermeßliche Gewölbe der Unendlichkeit mit all den zahllosen Sternen, der Sonne und dem Monde, - und wir werden beinahe regungslos schwach über eine ungewohnte Kleinigkeit, während wir ein bei weitem größeres Recht hätten, schwach und gänzlich mutlos zu werden, so wir ein wenig über uns selbst nachdächten, wie dieses unerhörte Wunder der Sprachfähigkeit uns ununterbrochen also eigen ist, daß wir also reden können, daß es da beinahe kein sichtbares Ding mehr gibt, welchem wir nicht vermöchten mehr denn tausend Namen zu geben?!

[HGt.01_075,06] O sehet, das wundert uns nicht, und wir werden auch gar nicht schwach, so wir miteinander Worte wechseln!

[HGt.01_075,07] Wenn uns aber die unendlich größeren Wunder in Anbetracht unserer Fassungsfähigkeit nicht schwach machen, o wie töricht ist es hernach, vor dem Gezirpe einer Erdgrille ohnmächtig zu werden! Höret, da sieht noch viel mehr knechtische Furcht denn die eigentliche lebendige Liebe heraus!

[HGt.01_075,08] Kann aber wohl der durch und durch Lebendige selbst vor dem Tode erschauern oder, schwach werdend, zurückbeben vor ihm?!

[HGt.01_075,09] Wahrlich, wenn der Lebendige vor dem Tode bebt, trägt er selbst noch gewaltige Spuren des Todes in sich!

[HGt.01_075,10] Wurde der Mensch denn nicht gesetzt zu einem Herrn aller Geschöpfe im großen Weltenraume?! Wie ist es mit ihm denn geworden, daß er vor dem Gesumse einer rauhen Fliege zurückbebt, als hätte Gott schon ein halbes Gericht über ihn gehalten?

[HGt.01_075,11] O liebe Väter! Ich weiß, was daran schuldet; nicht etwa, wie ihr meinet, des Vaters und der Mutter erster Grundfall - denn dieser war selbst nur eine Folge davon -, sondern das ist es, daß der Mensch in seiner Freiheit sich groß und mächtig zu dünken anfängt und sich dann in diesem törichten Eigengroßdünkel so weit verliert, daß er meint, an jedem Haare hingen Sonnen und Welten. Wenn aber dann der liebevollste, heilige Vater das töricht schlafende und träumende Kind durch irgendeinen kühlenden Tropfen voll Liebe, Erbarmung und Gnade erweckt, dann schlägt es plötzlich seine Augen auf, erkennt seine Schwäche und Nichtigkeit und weint, da es nur ein schwaches Kind ist.

[HGt.01_075,12] Wenn es aber dann den starken Vater erblickt, da freut es sich, läuft in aller Liebe zu ihm hin, liebkost den starken Vater und bittet ihn um Brot; und wo ist der Vater und die Mutter, die da von sich stoßen möchten ihren Liebling?!

[HGt.01_075,13] Wenn aber das Kind trotzig ist, so weiß es der Vater zu strafen, auf daß es sanft werde; wenn sich aber das Kind nimmer möchte völlig erwecken lassen, wird da der Vater wohl auch nur ein Mittel unversucht lassen, um es wieder zu erwecken zum Leben?!

[HGt.01_075,14] Und hat das Kind wieder seine Augen aufgemacht und den bekümmerten Vater angelächelt, wird sich der Vater darüber nicht mehr freuen als über hundert Wache?!

[HGt.01_075,15] O liebe Väter! O sehet, wie eitel eure Furcht und Schwäche ist! Wachet auf in der Liebe, und sehet, wie der große, liebe, heilige Vater euch sehnsuchtsvoll und liebbekümmert zur Seite steht und harrt, wann ihr eure Augen der Liebe zu Ihm emporschlagen möchtet!

[HGt.01_075,16] O wachet auf! Er ist uns kein ferner Vater, sondern ein naher Vater ist Er uns und voll Liebe, Sanftmut und Geduld!

[HGt.01_075,17] Seid ihr jetzt auch noch schlafmatt und traumerschöpft, - wachet vollends auf, und ihr werdet gestärkt werden, daß ihr wie junge Hirsche vor Freuden springen werdet! Oh, so erwachet in der Liebe zum Vater! Amen!"

 

76. Kapitel

[HGt.01_076,01] Nach der Vollendung solcher Rede dankte Mir Henoch wieder im Herzen und streckte dann seine Hände aus, griff den Vätern unter die Arme, und zwar nach der Stammordnung. Und siehe, alsbald erhoben sich die Väter fröhlich und munter und durch und durch neugekräftet von der Erde und dankten Mir über die Maßen für solche Gnade und priesen laut Meinen Namen. Ja, es nahm die große Freude sogar ihre Füße in Anspruch, daß sie samt dem Adam und der Eva zu hüpfen anfingen; und der Seth aber war ob der zu großen Freude beinahe ausgelassen und hüpfte so hoch, als er es nur immer zuwege bringen konnte.

[HGt.01_076,02] Es begab sich aber, daß er in seiner Hüpferei fiel und sich ein wenig wehe tat am rechten Knie und sofort nicht mehr hüpfen konnte. Und sogleich ward er betrübt; denn er sah solches für eine Strafe an und wendete sich alsbald zu Mir und sagte in seinem Herzen:

[HGt.01_076,03] ,O Herr und unser aller bester, heiligster Vater! Sieh gnädigst herab auf mich Armen und gebrechlich Schwachen; siehe, ich war überfröhlich in Deinem Namen und bin gefallen in dem Unmaße meiner Freude!

[HGt.01_076,04] O heiliger, allerliebevollster, bester Vater! Hilf mir auf, - denn fürder will ich mich nimmer mit den Füßen, sondern desto mehr in dem Herzen mich freuen und Dich auch lieber desto mehr loben und preisen mit meiner Zunge und will die Füße gebrauchen nach Deinem Willen und die Hände nach Deinem Wohlgefallen; aber nur für diesmal, o heiliger, bester, liebevollster Vater, nimm den Schmerz von meinem Knie! Oh, erhöre meine Bitte! Amen."

[HGt.01_076,05] Und sofort vernahm er eine große Stimme, die da sprach in seinem Herzen: ,Höre Seth! Freue dich allzeit Meines Namens; freue dich deines Vaters, und freue dich über alles, was dich wie immer zu Mir erhebt! Aber laß dabei leibliche Anstrengung, die zu nichts nütze ist, sondern freue dich in der Stille des Herzens! Freue dich im Leben über das gefundene Leben, und ziehe nicht, was dem Tode eigen ist, mit in die Freuden des Lebens, so wirst du nimmer einen Schaden leiden, weder am Leibe und noch viel weniger am Leben des Geistes aus deiner und Meiner Liebe zugleich!

[HGt.01_076,06] Merke dir das wohl, und fasse es so tief wie nur immer möglich ins Leben, so wird deiner Freude nimmer ein Ende werden; und nun stehe auf, und wandle froh in Meinem Namen! Amen."

[HGt.01_076,07] Als aber der Seth solches in sich klar und deutlich vernommen hatte, da fing er an, vor Freude zu weinen, und dankte Mir laut für solche unerwartete Gnade.

[HGt.01_076,08] Es merkten aber nun die übrigen, daß mit dem Seth etwas Besonderes vorgegangen war, und sie wunderten sich bis auf den Henoch alle ob der augenblicklichen Ruhe Seths und seiner überfröhlichen Stimmung.

[HGt.01_076,09] Seth aber merkte solches und erbat sich, daß sie nun mit Fragen ihn in seiner Freude über das gefundene Leben aus Gott nicht stören möchten; am Abende würden sie es ohnehin erfahren in sich von oben.

[HGt.01_076,10] Nun wendete sich Adam zu den Kindern, dankte Mir, segnete sie alle, segnete die Kinder des Mittags und segnete die Gegenden und sagte dann:

[HGt.01_076,11] ,Und nun, Kinder, danket dem Herrn, und machet euch zur Reise gen Abend fertig, und zwar in der bekannten Ordnung: Asmahael in meiner und Henochs Mitte auf dem Tiere der Wahrheit! Amen."

 

77. Kapitel

[HGt.01_077,01] Und alsbald ordneten sie sich nach dem Willen Adams und machten sich auf die Reise zu den Kindern, die da im Abende wohnten.

[HGt.01_077,02] Es opferte Mir jeder sein Herz und lobte Mich in der Stille, so die Fortreisenden und so auch die noch dableibenden Kinder des Mittags.

[HGt.01_077,03] Und die dableibenden Kinder des Mittags verneigten sich vor den Hauptstammeltern und dankten ihnen für solche frohe Botschaft und priesen Meinen Namen und lobten Meine Liebe über die Maßen und wurden voll Freuden über Meine große Erbarmung.

[HGt.01_077,04] Und siehe, unter solchen guten Verhältnissen schieden hier die ersten Menschen der Erde von ihren Kindern.

[HGt.01_077,05] Der Weg war hier von Mittag an bis gen Abend ein sehr großartiger - es versteht sich, nur von menschlichen Augen betrachtet! -; er war das im höchsten Grade, was ihr unter dem Ausdrucke ,romantisch` verstehet.

[HGt.01_077,06] Der großen, jetzt nirgends mehr anzutreffenden Seltenheit wegen will Ich ihn euch ein wenig näher vor die Augen rücken; und so merket und malet es euch im Herzen aus!

[HGt.01_077,07] So aber hat die Gegend ausgesehen, durch welche der Weg gen Abend führte: Stellet euch vor sieben in einer Linie aufgestellte Kegel von graulichblauer Farbe, einen jeden siebentausend Fuß hoch, zuunterst ein siebentel Meile im Durchmesser! Denket, daß ein Kegel sich an den andern schloß, wie wenn jemand solche Kegel so aneinanderstellen möchte, daß sich dieselben an den Füßen berühren möchten!

[HGt.01_077,08] Wie aber die sieben Kegel in einer Front nebeneinander stehen, so - bildet es euch ein! - stehen hinter einem jeden Kegel noch zehn in stets abnehmenden Dimensionen und in den verschiedensten Färbungen. Aus der Spitze eines jeden Kegels springt eine reine Wasserquelle hervor. Vor der Hauptfront, ungefähr in einer Entfernung von hundert Klaftern, ist ein gerader Weg, der sich um tausend Fuß höher denn die Füße der Kegel über einen schnurgeraden Gebirgsrücken hinzieht, dessen nördliche Seite mit den schönsten Zedern und Palmen, Pappeln und Platanen bewachsen ist; aber auf der südlichen Seite ist außer den erwähnten Steinkegelgruppen mit ihren großen Winden gleich rauschenden Wasserfällen nichts zu sehen denn kahler, nur hie und da mit kleinem Grase und Moose überwachsener Steinboden.

[HGt.01_077,09] Nun, da ist eine kurze Beschreibung des Weges von Mittag gen Abend! Denket euch noch die unbeschreibliche Wirkung, welche durch die Strahlen der Sonne hervorgebracht wird, so sich diese in den zahllosen Wasserbogen brechen und obendrauf noch durch die Kegelspalten die allerbunteste Farbenpracht der hinteren, kleineren Kegelreihen schimmert, so habt ihr in aller Kürze alles, woraus ihr euch ein ziemlich deutliches Bild dieser Wegpartie gen Abend machen könnet.

[HGt.01_077,10] Auch dieser Weg war ein Lieblingsweg des Adam. Er wandelte allhier besonders an sehr warmen Tagen gern, weil da stets kühle Lüfte wehten, und überdies dienten ihm dieser Anblick auch stets zu großen Begeisterungen in den früheren Zeiten. Wenn er von da zurückkam, sprach er mit seinen Kindern in sehr erhabenen Worten über Meine Liebe, Gnade, Weisheit, Erbarmung, Heiligkeit, Größe und Macht; er nannte daher auch diesen Weg: ,Die Beschauung der sieben Mächte aus der Ewigkeit des großen Gottes Jehova`.

[HGt.01_077,11] Als nun die Väter zu diesem Wege gelangten und nach und nach bis zum mittleren Kegel vor gelangt waren, ließ der Adam den Marsch ein wenig innehalten, um sich ein wenig an der großartigen Naturszene weiden zu können.

[HGt.01_077,12] Und alsbald ließen sich alle Kinder nieder und ergötzten sich an dem stummen, mächtigen Walten der laut tobenden toten Natur.

[HGt.01_077,13] Nach einer kurzen Pause aber, in welcher Meiner wohl gedacht wurde, wandte sich Adam zum Asmahael und fragte ihn: ,Asmahael, sage uns, was du an dieser Szene findest, und wie sie dir gefällt!"

[HGt.01_077,14] Asmahael aber wandte sich ehrfurchtsvoll zu Adam und sprach: ,O Vater der Väter der Erde! Du fragst hier den Schwachen, allwo für den Stärksten zu groß und zu viel wird geboten; doch, wenn ich betrachte die hohen und steilen, bewässerten, spitzigen Säulen aus bläulichtem Steine, gestaltet vom mächtigen Finger des ewigen Gottes, da denk' ich im Herzen: Für Große ist Großes nicht groß, und für Kleine ist Großes unnütze! Was soll denn die Mücke aus Bergen wohl machen?! Was nützen der Fliege die Finger von unseren Händen?!

[HGt.01_077,15] Und so ich betrachte allhier diese mächtige Szene, o Vater der Väter der Erde, gewahr' ich gar klärlich, daß Großen nur Großes mag frommen; der Fliege jedoch soll zufrieden genügen ein sumsendes Paar leichter Flügel!

[HGt.01_077,16] Ihr Väter, ihr großen und mächtigen Kinder des Höchsten! Für euch sind so große, so herrliche Dinge vom mächtigen Finger der Gottheit gestaltet, - ihr könnet sie nützen, begreifen und loben; für mich sind die Berge am Rücken der Fliege gelagert.

[HGt.01_077,17] O Väter der Väter der Erde, was nun ich gesaget, ist alles, was ich euch zu sagen vermochte; o lehret mich anders, wo möglich, solch' Größe der Dinge im Geiste begreifen! Amen."

[HGt.01_077,18] Als aber der Adam solche demütige Bescheidenheit vernommen hatte, freute er sich überaus und sagte, zu den übrigen sich wendend:

[HGt.01_077,19] ,O liebe Kinder, höret! Der Asmahael kommt mir vor wie ein längere Zeit hindurch brachgelegenes Feld, welches zwar während der Brachzeit keine Früchte getragen hat - denn es war nur ein brachliegendes Feld -, wenn aber ein guter Same auf seine Erde gesät wird und dann eingefurcht in die Tiefe, so wird aus einem solchen Acker in kurzer Zeit hundertfältige Frucht zum erfreulichen Vorscheine kommen.

[HGt.01_077,20] So auch kommt es mir mit Asmahael vor; denn er ist noch nicht zwei volle Schattenwenden in unserer Mitte, aber wahrlich, mit unserer alleinigen Ausnahme möchte er wohl alle anderen Kinder auf den Höhen beschämen!

[HGt.01_077,21] Höret, liebe Kinder! Wenn die Armen der Tiefe allesamt nur dem Asmahael irgend nahekommen in seiner Fruchtbarkeit, wahrlich, es wäre ewig jammer und schade, daß wir ihnen nicht zu Hilfe kämen!

[HGt.01_077,22] Daher wollen wir uns heute in meiner Hütte beraten unter dem mächtigen Beistande Gottes, was in dieser Hinsicht zu tun sein soll.

[HGt.01_077,23] Der Herr aber möge uns bewahren vor jeglicher Eigenmächtigkeit! Amen."

 

78. Kapitel

[HGt.01_078,01] Als aber der Asmahael solches aus dem Munde Adams vernommen hatte, ward er zu Tränen gerührt und sprach mit zum Himmel erhobenen Augen:

[HGt.01_078,02] ,Oh, wenn es möglich doch wäre, zu retten die armen, die armen getöteten Brüder, o wahrlich, dann möcht' ich als nichtige Fliege zum mächtigsten Geier wohl werden und schießen im schnellesten Fluge hinab in die Tiefen, um alle die Brüder, die armen, die toten für Licht und für Leben daselbst zu erfassen und tragen so schnell nur und schneller, als jeder Gedanke zu eilen vermag, all' daher, daß sie sehend mit mir staunen sollen, wie bald und wie hehr auf den heiligen Höhen die mächtigen Kinder des Herrn all die wundererfülltesten Dinge den Schwachen und Toten gar weise belehrend enthüllen und zeigen in mächtigen Formen, aus heiligen Worten erbauet, die Wohnung des Lebens im Menschen - und, mächtiger noch als das alles, den mächtigsten, heiligsten Schöpfer der Welten und Sonnen als Vater der Menschen!

[HGt.01_078,03] Oh, wenn es doch möglich wohl wäre!

[HGt.01_078,04] O Väter der Väter der Erde, erschaut oft das Auge im staunenden Schauen hinaus in die endlosen Räume der glänzenden Schöpfung das nichtige Stäubchen auch nimmer, - doch wenn aber dieses so nichtige Stäubchen ins Auge des Sehers, vom Winde getragen, gefallen ist einmal, dann fängt sich der Große das schmerzliche Auge zu reiben und sucht zu entledigen sich, was da hemmend und brennend die Sehe ihm schloß! Und so ruft dann nicht selten der Bruder zum Bruder:

[HGt.01_078,05] ,O komme und such' mir das nichtige, lästige Ding aus dem Auge!` Und hat es der Bruder ersehen, begraben im tränenden Auge des Bruders, dann ruft er: ,O Bruder! Der nichtige Feind deiner Sehe ist schadlos geworden; er liegt nun in siegender Flut deiner Tränen begraben! Mitleidige Tränen dich werden zur heiteren Freude gar bäldlich von deinem gefürchteten, nichtigen Feinde befreien; denn ist erst das Stäubchen zur Träne gar selbsten geworden, wird's nimmer dir drücken die Sehe und hemmen dieselbe, zu schauen die leuchtenden Fernen der ewigen Schöpfung!`

[HGt.01_078,06] O Väter der Väter der Erde, ihr schauet mit heiligen Augen hinaus in die endlosen Triften der ewigen Lichter; doch unten, dort unten in finsterer Tiefe des menschlichen Elends, da wirbelt ein tobender Orkan den feindlichen Staub, eurer Sehe zur Hemme, nicht selten zur heiligen Höhe herauf!

[HGt.01_078,07] Wenn er Schmerzen euch machet, o laßt dann denselben von einer bekümmerten Träne ergreifen, und duldet, bis selber zur dankbaren Träne selbst wird!

[HGt.01_078,08] O vergebet mir Armem und Schwachem! Und kann auch die Fliege nicht brüllen gleich Tigern und Löwen, doch zeigt auch ihr leises Gesumse und saget: ,O Väter der Väter der Erde, auch ich bin der mächtigen Hand eures heiligen Vaters entronnen; darum gönnt ihr Großen mir Schwachem auch einen mitleidigen Blick!` Höret! Amen, o amen."

[HGt.01_078,09] Adam aber sagte, hocherfreut über die schönen Worte Asmahaels: ,Ich habe dein gerechtes Seufzen wohl vernommen und kenne gar wohl den argen Staub der Tiefe, diesen großen Feind alles inneren Schauens; jedoch bevor wir zu irgendeinem Wohlwerke schreiten werden, muß erst der Wille des großen Herrn genau erforscht werden. Denn von uns soll nie etwas unternommen werden ohne den wohlerkannten Willen von oben; daher nur noch eine kurze Zeit, und es soll heute noch entschieden werden, was da der große Herr über allen Sternen beschlossen hat, zu tun in den Tiefen der Greuel, und solches wird wohl das beste sein. Und möge es ausfallen für oder gegen, so geschehe allzeit auf das allerpünktlichste Sein allerheiligster Wille! Amen."

[HGt.01_078,10] Es stand aber alsbald Seth auf und sagte zum Adam: ,Lieber Vater! Sollte uns allhier nicht der Henoch eben auch wie in deiner Grotte eine kurze Deutung dieser Prachtgegend geben?! Siehe, mich dürstet gar sehr danach! Wie oft schon habe ich darüber nachgedacht, konnte aber doch ein für allemal nichts anderes herausbringen, als was die Augen sahen und meine Ohren vernahmen, nämlich diese himmelanragenden, gleichförmigen Steinspitzen mit ihren merkwürdigen Wasserstrahlen, welche in zahllosen Wasserperlen rauschend über die steilen Wände herab zur Erde stürzen und durch dieses harmonische Rauschen das Ohr auf eine wunderbare Art entzücken.

[HGt.01_078,11] Daher möchtest du wohl gestatten, daß darüber der Henoch uns allen kundgeben möchte eine wahre Deutung. Amen."

[HGt.01_078,12] Adam aber sagte, hoch- und wohlbilligend das Verlangen Seths: ,O Seth, du bist mir zuvorgekommen! Denn solches war lange schon mein eigener Wunsch; daher geschehe, wie du es gewünscht hast! Und du, lieber Henoch, tue und reiche deinen dürstenden Vätern einen kühlen, stärkenden Trunk aus deiner Liebe nach meinem und Seths Verlangen! Amen."

[HGt.01_078,13] Und siehe, alsbald erhob sich der Henoch und fing an, folgende sehr denkwürdige Worte an die Väter zu richten, sagend nämlich:

[HGt.01_078,14] ,O Väter! Im Schoße der weiten Unendlichkeit Gottes werden wohl noch größere und wunderbarere Naturszenen sich vorfinden und unaussprechlichmal erhabener sein denn diese siebenmal zehn wasserspritzenden Steinspitzen, da alle kaum einige tausend Mannshöhen vom Grunde aus betragen, was doch bei weitem nicht so viel ist wie das Verhältnis einer Blattklebmilbe zu uns; und doch ist es also, daß ein solches Tierchen in seiner Art größer ist denn diese ganze wasserspritzende Steingruppe!

[HGt.01_078,15] Es ist denn aber, daß eine solche großartig scheinende Szene ein stummes Wort aus der Weisheit des allerliebevollsten, heiligsten Vaters predigt, so ist dann nur der Sinn erhaben, aber nicht das stumme, leblose Werkzeug, - gleichwie auch kein Mund darum erhabener ist denn ein anderer, wenn er Worte auch von größter Erhabenheit gesprochen hat; denn das Erhabene liegt nicht am Munde, sondern am Worte.

[HGt.01_078,16] Also ist es auch bei dieser Szene. Nicht weil sie solches darstellt, daß wir daran erkennen in der inneren Entsprechung des Geistes die sieben Geister oder die sieben Mächte Gottes, und daß jede davon voll ist des lebendigen Wassers der Gnade, welche beständig über unser mageres Erdreich unserer Seele herabregnet und dennoch nicht viel mehr Früchte zeugt denn das stets bewässerte Erdreich um die Füße dieser Steinkegel, - noch weil die dahinterstehenden zehn Kegel darstellen die heiligen Pflichten der Liebe, die stets dieselben sind, weil die sieben Geister eigentlich auch nur ein Geist sind, was da bezeugt dieselbe Höhe, dieselbe Farbe, dieselbe Gestalt, dieselbe Masse, dieselbe Richtung, dasselbe Wasser und dasselbe harmonische Rauschen, - sondern die alleinige Erkenntnis daraus in uns selbst ist erhaben und würdig! An der Szene selbst ist wenig gelegen!

[HGt.01_078,17] ,Löset die Wunder vorerst im Herzen; wahrlich, dann erst werdet ihr mit Mir stimmen`, spricht der Herr, ,und sagen: ,O Herr, wer nur einen Tropfen Deiner Liebe verkostet hat, dem wird die Erde zum Ekel im lautesten Jubel über Gott des eigenen Herzens!` Amen."

 

79. Kapitel

[HGt.01_079,01] Nachdem Henoch diese Rede beendet hatte, verneigte er sich ehrerbietigst gegen alle Väter und dankte Mir dann im Herzen für die hohe Gnade, durch die er nun wieder vermocht hatte, soviel rein Gutes und Wahres aus Mir den Vätern zu verkünden.

[HGt.01_079,02] Adam aber erhob sich und sagte ,Amen!" und fuhr dann zu reden fort, indem er sagte: ,Mein vielgeliebter Henoch, diesmal sehe ich nun ganz klar, daß die Worte, die du nun gesprochen hast, nicht in deinem Leibe entstanden sind, sondern der Herr und unser aller allmächtiger Schöpfer und allerheiligster Vater hat sie dir zuvor getreu ins Herz gelegt!

[HGt.01_079,03] Denn wahrlich, liebe Kinder, welcher Mensch könnte das wohl aus sich schöpfen und diese Steingruppe in aller ihrer Wunderbarkeit also einleuchtend begreiflich enthüllen wie du durch die Macht und Allerbarmung des allerhöchsten Gottes?!

[HGt.01_079,04] Es ist wohl das allererste Mal, daß ich dich so völlig erfaßt habe, und das noch sozusagen vom Grunde der tiefsten Wurzel!

[HGt.01_079,05] Aber nur eines ist mir noch nicht erschaulich gewiß und einleuchtend, und dieses eine ist: daß ich es mir noch immer nicht recht vorstellen kann, auf welche Art du das heilige Wort, das du dann aussprichst, in dir empfängst und es hörst und dann alsogleich aussprichst, daß es dann klingt, als wäre es von dir, wo doch der endlos hohe Sinn erschaulich gerade das blankste Gegenteil bietet, ja ein so blankes Gegenteil wie eine ganz ruhige Wasserfläche, auf der da nicht die allergeringste Unebenheit zu entdecken ist.

[HGt.01_079,06] O lieber Henoch, nicht jetzt, sondern zu einer andern, gelegeneren Stunde, wenn es dem Herrn wohlgefällig ist, zeige und enthülle das uns allen, damit wir dadurch einen inneren Maßstab bekommen und danach zu beurteilen imstande sind, wie und wann jeder von uns in sich das heilige Wort vernehmen möchte, entweder für sich oder für alle.

[HGt.01_079,07] Ich sage dir aber noch einmal: nicht jetzt, sondern zu einer gelegeneren Stunde! Für jetzt aber danken wir alle dem Herrn, daß Er uns einer so hohen Lehre gewürdigt hat, und wollen uns danach zur Weiterreise anschicken, und zwar nach der schon bekannten Ordnung in dem Namen Jehova! Amen."

[HGt.01_079,08] Und alle taten in der innersten Tiefe ihres Herzens, wie es Adam geboten hatte.

[HGt.01_079,09] Als sie Mir nun völlig ihren Dank dargebracht hatten, da erhoben sie sich und machten sich zur Reise fertig.

[HGt.01_079,10] Bevor sie aber noch ihre Beine in Bewegung setzten, sagte Adam zu Seth: ,Höre, mein geliebter Ahbel-Seth, es hungert mich - meine matt werden wollenden Glieder sagen es mir -; doch du weißt das Gelübde des heutigen Tages, das ich mit euch allen dem Herrn gemacht habe, als der Rachen des Tieres uns fast samt und sämtlich erschauern machte.

[HGt.01_079,11] Was wird nun zu tun sein? Ich möchte den Henoch fragen; allein wahrlich, es ist das erstemal im Leben auf dieser Stelle, daß mich der Mut verläßt, ein Kind zu fragen - das noch dazu ist ein Kind der Kinder! -, womit ich meiner Mattigkeit, ohne das Gelübde zu brechen, begegnen soll!

[HGt.01_079,12] Gehe hin zu ihm, und frage ihn leise um seinen Rat! Amen."

[HGt.01_079,13] Sogleich machte sich Seth hin zum Henoch und sprach: ,Höre, lieber Henoch, unsern Vater Adam hat eine starke Mattigkeit befallen in allen seinen Gliedern! Es verlangt ihn gar gewaltig nach Speise, - allein das Gelübde gebietet ihm, nichts zu essen den ganzen Tag hindurch. Sage, wenn es dir möglich ist: Auf welche andere Art wird der Erzvater seine Mattigkeit loswerden können?

[HGt.01_079,14] O lieber Henoch, tue, was du vermagst! Denn obschon auch ich zum Leben gekommen bin, so fühle ich aber doch erst ein Leben der Schwäche in mir und nicht eines der Kraft; darum möchte ich dem Erzvater eine sehr schwache Stütze werden!

[HGt.01_079,15] Du aber hast es in der großen Fülle; so rate oder hilf! Amen."

[HGt.01_079,16] Henoch aber begab sich alsobald zu Adam und sagte: ,O Vater, so lasse dich nicht von der Versuchung übermannen! Der Herr Selbst ist es, der dir solches zukommen läßt, um zu prüfen die Stärke deines Bundes in dir.

[HGt.01_079,17] Da du noch nicht warst, vermochte dich der Herr wohl ins Dasein zu rufen, daß du wurdest ein freier Mensch und Geist, vollkommen nach Seinem Ebenmaße.

[HGt.01_079,18] Nun bist du lange schon ein freier Beobachter und Empfänger von unnennbaren Ausflüssen Seiner unendlichen Liebe, Erbarmung und Gnade; wie magst du dich denn von einem Kleinmut fangen lassen und beben vor dem hinfälligen Staube des Fleisches, wenn dessen gegliederter Tod dich mahnt, daß nicht das Fleisch, diese stets mehr und mehr alternde Hülle des inneren Lebens, sondern der Geist der Liebe, welche das eigentlichste, innerste Leben ist, zum Leben bestimmt ist in Gott?!

[HGt.01_079,19] Laß immerhin ermatten das Fleisch; und wenn es schwach werden wird bis hinein zur Wohnstätte des Lebens, so wird dasselbe um so leichter und eher sich in aller Fülle ergießen in alle Seele und wird durch diese auch bestens nähren jede Faser des Fleisches zum einstigen ewigen Leben.

[HGt.01_079,20] Denn der Geist wird dann das Leben des Fleisches in sich aufnehmen, und so wird dann der Tod nichts haben, das er erwürge, denn sich selbst, was da ist das leere Fleisch selbst.

[HGt.01_079,21] O Vater, in deiner Schwäche baue auf die Kraft Jehovas, so wirst du in deiner wiedererlangten Kraft in der Macht des Lebens frohlocken und sagen:

[HGt.01_079,22] ,O Herr, du bester, heiligster Vater! Ich war nicht, und Du hast mich ins Dasein gerufen; und ich war da in aller mutigen Kraftfülle des frohen, heiteren Lebens aus Dir. Es gefiel Dir, mich mit mancher Schwachheit zu prüfen; ich erkannte mit Deiner Gnade die neue Prüfung und brachte Dir in meiner Ermattung ein Opfer der kindlichen Liebe. Du hast nun wieder meine Müdigkeit angesehen, und ich lebe nun hoch frohlockend ein neues, erstaunlich wonnevolles Leben in Dir, o Jehova! Dir sei ewig aller Ruhm, Preis, Lob und Dank!`

[HGt.01_079,23] O lieber, aller Achtung würdigster Vater Adam! Glaube es mir, dem schwachen Henoch: Es wird keine Stunde der Schattenwende vorüber sein, so werden deine Glieder kräftiger sein denn die des starken Tigers; aber nur festhalten mußt du den Bund! Denn der Herr verachtet allzeit den treulosen Wankelmut des Herzens.

[HGt.01_079,24] Vorderhand aber laß dich bis gen Abend von mir geleiten und dir unter die Arme greifen, und du wirst des Herrn gar wunderbare Leitung bald vollends erkennen! Amen."

 

80. Kapitel

[HGt.01_080,01] Und als der Adam diese Trostrede des Henoch vernommen hatte, da ward er alsobald fröhlichen Herzens und ertrug seine zunehmende Mattigkeit mit großer Ergebung und ließ sich vom Henoch weitergeleiten.

[HGt.01_080,02] Und so ging der Zug, obschon etwas mühsam, dessenungeachtet mit noch ziemlicher Raschheit vor sich. Auf dem ganzen, beinahe halbstündigen Wege wurde keine Silbe gewechselt; aber ein jeder für sich bat Mich im Herzen inbrünstigst um die Stärkung und Erhaltung Adams. Vorzugsweise aber war Henoch voll unerschütterten Vertrauens und berechnete genau in seiner Liebe zu Mir, daß Ich sein unbeugsames Vertrauen auf Meine Erbarmung und Gnade gewiß und überaus sicher nicht werde zuschanden werden lassen.

[HGt.01_080,03] Denn sahen die übrigen auch ein, daß Mir kein Ding unmöglich ist, so zweifelten sie aber doch an Meinem Willen, da sie noch nicht die große Freikunst erlernt hatten im Herzen, auf dem unerschütterlichen Wege der reinen Liebe zu rechnen und wohl zu berechnen Meine ewige, über alles unaussprechliche Treue, - welche Kunst aber Meinem lieben Henoch schon zur größten Fertigkeit geworden war, so daß er darob auch allzeit höchst sicher war des unausbleiblichen Erfolges dessen, was er in seiner gerechten Liebe von Mir erwartete.

[HGt.01_080,04] Er war daher auch nie traurig und bedauerte niemanden, so ihm etwas Unangenehmes begegnet war. Denn sein Auge ruhte beständig auf Meinem Herzen, und so gewahrte er gar wohl die geheime Leitung Meiner Liebe, wie sie durch jedes noch so sonderbar scheinende Mittel allzeit am allerbesten versteht, die Kinder also zu führen, wie es für die Gewinnung des ewigen Lebens auch am allerbesten taugt. Ja, er ging in der Rechnung seiner Liebe zu Mir so weit, daß er sogar mit der größten Sicherheit bestimmte, wie, wann, wo und warum etwas zum Vorscheine kommen würde, und zu welchem Ende. Und so war er gewisserart auch der erste Prophet der Erde und Urgründer der bis zu Meiner menschlichen Darniederkunft sich erhaltenden sogenannten Prophetenschulen, welche einzig und allein darin bestanden, daß ihre Schüler beinahe von der Geburt an schon in Meiner Liebe erzogen wurden. Die Welt ward ihnen dargestellt als eine gefestete Unterlage Meiner Liebe, als ein großes Schulhaus, in welchem alle Menschen durch eine kurze Abgeschiedenheit von Mir durch den eigenen Antrieb ihres inneren Lebens eine große Sehnsucht nach Mir bekommen sollen. Ihre äußeren Reize sind nur der Versuchung wegen da, damit sich die Menschen selbst richten sollen nach Meiner Liebe. Und sobald jemand dadurch an der Welt kein Wohlgefallen mehr finden wird, sondern nur an der stets wachsenden Sehnsucht nach Mir, dem wird dann alsobald das innere Auge und Ohr erschlossen werden, und er wird, wenn auch noch im sterblichen, ebenso verführerischen Leibe, alsbald wieder den heiligen Vater hören und dann und wann zu sehen bekommen.

[HGt.01_080,05] Der Geist der ewigen Liebe wird ihn dann erfüllen; er wird schauen die Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit allörtlich, und des Leibes herbeigekommener Tod wird jeden mit einer unaussprechlichen Wonne erfüllen, da er da erst überklar zu schauen wird anfangen, daß der Tod des Leibes kein Tod, sondern nur ein gänzlich vollendetes Wachwerden zum ewigen Leben ist.

[HGt.01_080,06] Das und noch manches mit Meiner Liebe im engsten Bunde Stehende war das eigentliche Wesen der Prophetenschule, von welcher, wie schon bemerkt, Henoch nach Meinem Willen der Urgründer war.

[HGt.01_080,07] Die goldene Regel von ihm durch Mich war stets noch der Grund und das innere Fundament aller Prophetenschulen und lautete also:

[HGt.01_080,08] Du vermagst nicht zu glauben, daß es einen Gott gibt, wenn du Denselben nicht schon vorher geliebt hast aus allen Kräften eines kindlichen Herzens. Wer da sagt: ,Ich glaube an einen Gott!`, kann aber Denselben nicht lieben, der ist ein toter Lügner und hat kein Leben; denn Gott ist das ewige Leben Selbst, - Seine Liebe ist dieses Leben. Wie kann aber jemand das Leben anders begreifen denn durch das Leben?! Da aber die Liebe nur das Leben ist, wie in Gott ewig aus Sich, so im Menschen durch die Erbarmung aus Gott, wie kann da der Mensch sagen, daß er glaube an einen Gott, da er doch Denselben verleugnet tausendfach in seinem liebelosen Zustande, welcher kein Leben, sondern nur eine gewisse Regsamkeit der von Gott erschaffenen Natur ist, tauglich zur Aufnahme des Lebens der Liebe aus Gott.

[HGt.01_080,09] Der regsame Leib ist noch nicht ein Mensch, sondern ist nur gemacht, daß er ein Träger sei eines Menschen vermöge der ihm eingehauchten lebendigen Seele; nimmt aber diese beleibte Seele das Leben der Liebe aus Gott nicht in sich auf, so ist sie trotz aller Regsamkeit und Brauchbarkeit ihrer Sinne tot. -

[HGt.01_080,10] Das war also die goldene Regel. Daß mit ihr und aus ihr mit der Zeit noch andere entstanden sind, ist wohl so natürlich, wie natürlich aus der ersten Liebe, welche sich bei den Völkern nach und nach mehr und mehr allein in den Glauben verlor, die zehn Gebote und alle Propheten entstanden und aus diesen endlich wieder die reine Liebe durch Mich zu Mir und daraus zum Nächsten.

[HGt.01_080,11] So war auch die streng weltentsagende Lebensweise bis zur Zeit des empfangenen Lebensgeistes der Liebe eine aus dieser Regel hervorgegangene, von welcher Zeit an sich dann freilich das fernere irdische Leben nach der inneren Freiheit modifizierte, demzufolge dann auch jeder Prophet lebte, wandelte und handelte.

[HGt.01_080,12] Also war es somit mit den Prophetenschulen, welche, wie schon bemerkt, im Henoch ihren Gründer hatten, welcher jetzt auch schon mit dem Vater Adam glücklich bei den Kindern des Abends angelangt war.

[HGt.01_080,13] Aber wie erstaunt waren nun alle, als der früher so matt gewordene Adam an der Seite Henochs auf einmal wieder zu vollster Kraft gekommen war!

[HGt.01_080,14] Adam selbst aber war außer sich vor Freude und dankte Mir unter vielen Freudentränen für solche plötzliche Stärkung und sagte endlich zum Henoch, wie auch zu all den übrigen:

[HGt.01_080,15] ,O Henoch! O Kinder! Wie ein gar so überaus herrlicher Gott ist unser Gott! Wie gut, wie liebevoll und wie voll Erbarmung! Er, der kein Leiden kennt wie keine Unvollkommenheit, Er, der heilige, unendliche, ewige, über alles mächtige Gott kann aus Seiner endlosen Vollkommenheit dennoch unvollkommene Wesen erschaffen, nicht etwa, als vermöchte Er nicht, sie vollkommen zu erschaffen - das sei ferne von uns je zu denken -, sondern um den vermöge Seiner endlosen Weisheit unvollkommen Erschaffenen so recht aus aller Seiner innersten Gnaden- und Liebestiefe Seine väterliche Liebe von Ewigkeit zu Ewigkeit stets mehr und mehr angedeihen zu lassen, und um ihnen dadurch zu zeigen, daß Er nur der alleinige, allerwahrhafteste Vater aller Menschen und Geister ist.

[HGt.01_080,16] O Henoch, o Kinder, dieses sehe ich jetzt erst so ganz vollkommen ein! Wäre ich nicht matt geworden, wie hätte ich die unaussprechliche Wohltat der Stärkung je wahrzunehmen vermocht?!

[HGt.01_080,17] Der heilige Vater aber ließ mich recht schwach und matt werden, um mich dadurch desto empfänglicher für Seine unaussprechliche Liebe zu machen! Oh, der übergute Vater, wie gut erst muß Er sein gegen jene, die sich gegen Ihn nie versündigt haben, wenn Er schon gegen mich, der ich doch der größte Sünder bin, da ich in Seinem Angesichte gesündigt habe, so überaus gut, gnädig und barmherzig ist!

[HGt.01_080,18] O frohlocket, ihr Armen; denn ihr seid arm, um desto mehr zu empfangen! Frohlocket, ihr Schwachen; denn ihr seid schwach, um desto mehr Kraft zu erlangen! Frohlocket, ihr Traurigen; ihr seid traurig, um desto mehr Freuden zu empfangen! Frohlocket, ihr Hungrigen und Durstigen; ihr seid hungrig und durstig, um desto mehr gesättigt zu werden! Frohlocket, selbst ihr blinden Geister; sehet, der Herr hat die Nacht gemacht, daß sie empfinde das Bedürfnis des Tages! Wer hätte je am Tage das Bedürfnis des Tages empfunden, wenn der Herr nicht vor dem Tage hätte die Nacht gesetzt?! O Tod, wärst du nicht der Tod, so müßtest auch du frohlocken; denn deiner selbst wegen bist du nicht aus der ewigen Ordnung hervorgegangen! Wer weiß es, ob dich der Herr nicht darum entstehen ließ, damit aus dir dereinst vielleicht das allerhöchste Leben erstehen wird!

[HGt.01_080,19] Wahrlich, wahrlich, wo der Herr gibt, da gibt Er als Vater Seiner unendlichen Liebe gemäß; aber überglücklich sei der, dem der Herr etwas nehmen wird, denn der wird's unendlichmal wieder empfangen aus der Hand des ewigen Vaters!

[HGt.01_080,20] O Henoch, o Kinder! Ich, euer Vater Adam, bin überselig, da mich der Herr nun eine so große Gnade hat erfahren lassen, die größer ist denn mein ganzes Leben!

[HGt.01_080,21] Du, lieber Henoch, aber sei hochgesegnet; dein Same soll nicht aussterben bis ans Ende aller Zeiten, und dein Name soll am Ende aller Zeiten den Völkern so nahekommen, als wärest du mitten unter ihnen! Späte Sprecher des Herrn werden ihren Kindern deine Liebe zum Vater rühmen und sich selbst nach dir richten.

[HGt.01_080,22] So wie jetzt hast du noch nie gezeigt, wie sehr du an dem heiligen Vater hängst; denn dadurch bin ich gestärkt worden, daß du so überaus mächtig fest am Vater hängst!

[HGt.01_080,23] Dir aber, mein großer Gott, Herr und Vater, sei aller Preis, aller Ruhm, alle Ehre, aller Dank und alles Lob; denn Du allein bist würdig, solches von uns zu empfangen!

[HGt.01_080,24] Kinder, lobet alle den Herrn; denn Er ist gütig, liebevoll und überaus gnädig und barmherzig!

[HGt.01_080,25] Henoch, siehe, das unaussprechliche Dankgefühl in mir gegen Gott lähmt mir beinahe die Zunge, daß ich kaum mehr zu reden vermag! Daher, da wir schon zu den Kindern des Abends gelangt sind, so mache du mit dem Asmahael Anstalt, daß sie erfahren, daß wir hier ihrer harren, und daß sie sich darob hierher begeben sollen, um zu empfangen den Segen und die heilige Kunde des morgigen Sabbats; alles andere sollen sie hier erst erfahren und sehen! Amen."

 

81. Kapitel

[HGt.01_081,01] Als die Rede beendet und der letzte Wunsch vom Adam ausgesprochen, vom Adam gesegnet und von Mir dem Henoch nebenbei noch angezeigt war, da verneigte sich alsbald der Henoch vor den Vätern, desgleichen, dem Henoch nachfolgend, auch der Asmahael von seinem Träger aus.

[HGt.01_081,02] Alsdann eilten die beiden zu den Kindern des Abends und verkündigten dort mit lauter Stimme die Anwesenheit des ihrer harrenden Erzvaters Adam an der Grenze des abendlichen Gebietes. Als die Kinder solches vernommen hatten, da rafften sie sich alsbald zusammen, nahmen allerlei Früchte und andere Eßwaren mit sich und eilten dann ehrfurchtsvoll mit Henoch und Asmahael hin zum Erzvater Adam. Als sie in starker Anzahl in die Nähe des Adam gelangten, fielen sie auf ihre Angesichter und getrauten sich nicht eher aufzustehen, als bis ihnen vom Adam durch Kenan zum wiederholten Male angedeutet wurde, daß sie sich endlich aus ihrer übertriebenen Ehrfurcht vor den Vätern erheben sollten und empfangen den Segen vom Adam zur Rechtfertigung ihrer Gegenwart, um dann mit den geöffnetsten Ohren das heilige Wort der Einladung zum Opfer- und Brandfeste am morgigen heiligen Sabbate zu vernehmen.

[HGt.01_081,03] Nun erst erhoben sie sich voll Furcht und Angst und gebärdeten sich, als wenn ihr Gewissen so manches Nagewürmchen in sich verschlösse, welches unter der Sonne freiem Lichte nicht gar wohl fortzukommen vermöchte.

[HGt.01_081,04] Adam nahm solche Erscheinung etwas wunder; auch Seth und die übrigen Kinder bis auf Henoch und Asmahael konnten sich diese rätselhafte Erscheinung nicht gar wohl auseinandersetzen und verstummten endlich selbst in ihren Mutmaßungen.

[HGt.01_081,05] Adam aber erhob sich alsbald und beschied den Henoch und Asmahael zu sich und fragte natürlich vorzugsweise den Henoch - aber auch der Asmahael hatte hier die gegebene Freiheit zu antworten -: ,Henoch, was soll denn das mit diesen Kindern? Sie kommen mir vor, als wären ihre Herzen mitnichten frei, sondern gedrückt und gebunden mit allerlei Unding!

[HGt.01_081,06] O lieber Henoch, auch du, treufester Asmahael, saget oder erforschet zum wenigsten in euch, was es mit dieser Erscheinung für eine Bewandtnis haben mag!

[HGt.01_081,07] Ich meines Teiles behaupte, daß hier ein arger Same unter dem Weizen ist; und wenn es also ist, so dürfen wir nicht eher von der Stelle, als bis das reine Korn wieder aus der Spreu und dem Unkraute gefunden und dann in unserer väterlichen Liebesstrenge wohl verwahrt wird.

[HGt.01_081,08] Mir kommt es auch gar so sonderbar vor, daß das Tier diesen Kindern beständig den Steiß zuwendet und sie auch nicht einmal eines Blickes würdigt, während es doch die Kinder des Mittags mit weitest geöffneten Augen fürchterlich lebhaft anglotzte!

[HGt.01_081,09] O lieber Henoch! Mache, daß wir sobald als möglich ins klare und dadurch auch wieder in die erwünschte Ordnung kommen! Amen."

[HGt.01_081,10] Henoch aber erhob sich und sprach: ,Höre, Adam, und höret alle, ihr Väter, diese Kinder sind durch eine zu große Demütigung von unserer Seite gänzlich mutlos geworden; diese Demütigung hat ihnen die Liebe zu uns geraubt und erfüllte dafür ihre Herzen mit knechtischer Furcht.

[HGt.01_081,11] Wir sind ihnen nun kein Gegenstand der Liebe und kindlichen Hochachtung, sondern ein Gegenstand des Schreckens und heimlicher Verachtung sind wir ihnen geworden. Wenn die große Furcht vor unserer inneren Geisteskraft und -macht aus der Liebe des Herrn sie nicht abhielte, wahrlich, sie vermöchten mit uns allen dasselbe zu tun, was Cahins Eigenliebe mit Ahbel tat!

[HGt.01_081,12] O Vater Adam, siehe, darin liegt sie begraben und wohl geborgen, diese so sonderbare Erscheinung, an welcher niemand denn wir selbst die allermeiste Schuld vor ihnen und vor dem Herrn tragen; daher ist es nun freilich an uns, diesen Fehler wieder gutzumachen!

[HGt.01_081,13] Das Tier aber nahm deswegen eine solche Stellung ein, um uns dadurch anzudeuten, daß die Schuld in unserer Mitte wohnt, darum es auch uns ansieht und den Steiß gegen die Kinder hält; und es zeigt uns dadurch an, daß sie von uns verunreinigt worden sind.

[HGt.01_081,14] Ihr fraget mich im Herzen: ,Wann und wie verunreinigten wir denn diese Kinder? Und sollte es geschehen sein ohne unser eigentliches Wollen, wie wird dieser Fehler wohl wieder gutzumachen sein?`

[HGt.01_081,15] O Väter, die erste Fragehälfte, wie und wann sie verunreinigt worden sind, ist überleicht zu beantworten; aber desto schwerer die zweite!

[HGt.01_081,16] O Vater Adam! Siehe, darin liegt es, daß du durch deine frühere zu ängstlich strenge Gerechtigkeit aus viel mehr Furcht denn Liebe vor und zum Herrn solche Unterschiede zwischen den Kindern gemacht hast und hast die einen verurteilt gen Morgen, die da überglücklich sind, und hast die andern verurteilt gen Mittag, auf daß sie sich stets minder denken sollen denn die Lieblinge des Morgens, und hast diese verurteilt gen Abend, weil sie dir trägen Geistes vorgekommen sind, da sie sich öfter am Morgen vom Schlafe übermannen ließen, und hast endlich gar hart die letzten verurteilt gen Mitternacht darum, daß sie in manchen äußeren Gebräuchen nicht wollten deiner Meinung sein.

[HGt.01_081,17] O siehe, lieber Vater Adam, wärest du damals schon von der Liebe des ewigen, heiligen Vaters also wie jetzt belebt gewesen, sicher wären deine Urteile ganz anders ausgefallen! Allein die nackte Gerechtigkeit, wenn auch von allen Strahlen der Weisheit umflossen, ist drückend und hart, wenn aus ihrem Hintergrunde - sollte er auch etwas verborgen sein - nicht ein leiser Liebesstrahl wohltuend durchweht all die siebenmal zehn aus der Höhe wasserspritzenden Steinspitzen der fruchtlosen Weisheit.

[HGt.01_081,18] Siehe, gleichwie das aus der Höhe schwer fallende Wasser das Gras nicht belebt, sondern nur zerstört und tötet und unter seiner harten Traufe nichts denn harte, ausgewaschene Steine finden läßt, ebenalso ist auch die nackte Gerechtigkeit, fallend aus der unermeßlichen Höhe der Weisheit. Sie tötet und vernichtet das innere Leben. Und ist das Leben einmal ähnlich geworden einem toten, ausgewaschenen Steine unter der harten Wassertraufe, so wird es sehr schwer werden, aus einem solchen Steine irgendein lebendiges Pflänzchen zu ziehen!

[HGt.01_081,19] Denn der schwere, anhaltende Druck des Gerechtigkeits- und Weisheitswassers hat das früher sanfte und lockere Erdreich zum harten Steine gemacht und dann den totgemachten Stein hohlgewaschen. Was soll nun aus dem Steine werden?

[HGt.01_081,20] Wahrlich, bevor er nicht durch ein übermäßiges Liebesfeuer wieder zur lockeren Erde umgewandelt wird, wird auf ihm jeder gesäte Same verdorren und endlich gänzlich ersterben!

[HGt.01_081,21] Es ist aber über Steine nicht gut wandeln und über Steine springen gefährlich. Wer auf einen Stein fällt, der fällt hart und zerschellt sich; auf wen aber ein Stein fällt, den zermalmt er. Daher auch ist die zweite Hälfte der Frage schwer zu beantworten.

[HGt.01_081,22] Ich für mich bin der Meinung: Wenn diese Steinkinder und -brüder und -schwestern auf dem Wege der alles mächtigen Liebe nicht zu sänften und zu lockern sind, so wird eine noch größere Wassermenge selbst der weisesten Gerechtigkeit gar wenig mehr vermögen.

[HGt.01_081,23] Lernen wir aber von unserem ewig heiligen, liebevollsten Vater Selbst, wie Er alle Seine lebenden Wesen lenkt: Die Vögel des Himmels, groß und klein, sind nicht gebannt weder an den Morgen noch den Abend, noch Mittag und Mitternacht; die Tiere der Wälder durchstreifen dieselben nach allen Richtungen; selbst die Fische im Wasser und all das Gewürm haben keine Wände gezogen zur Hemmung ihrer Bewegung und Wohnung.

[HGt.01_081,24] Der Herr hat uns sogar kein Gebot gegeben, den Kindern Cahins zu fluchen; warum tun wir denn solches an unseren Kindern, Brüdern und Schwestern und bannen sie in Gegenden, auf daß sie unfrei sind und zu Steinen werden?!

[HGt.01_081,25] O Vater, löse die nutzlosen Bande der Gerechtigkeit und Strenge und verbinde sie mit dem allmächtigen Bande der heiligen Liebe, so wird dann die Weisheit aus der Liebe ihnen zu einem freien Wegweiser werden; und sie alle werden sich dann gar bald, von diesen neuen Strahlen erleuchtet, als Kinder ein und desselben heiligen Vaters erkennen und werden frohlockend sich selbst an dein Vaterherz schmiegen und dich mit von aller Liebe erglühten Armen umfassen und dich einen lieben Vater nennen!

[HGt.01_081,26] O Väter! In einem Tautropfen Liebe liegt mehr Kraft und heilige Macht denn in einer Welt voll weisester Gerechtigkeit, wenn diese nicht die Liebe zum Grunde hat! Daher lasset nun mächtige Winde der Liebe wehen, auf daß diese starren Eisklumpen auftauen mögen, um wieder zu befruchteten Tautröpfchen zu werden, und lasset die Steine selbst vom mächtigen Feuer der Liebe zerlockern, damit unser Same nicht vergebens in ihre Furchen gelegt werden möge! Amen."

 

82. Kapitel

[HGt.01_082,01] Als aber Adam solches vernommen hatte aus dem Munde Henochs, da erschauerte er im Herzen; denn die Anspielung auf Cahins aus schwarzer Eigenliebe verübten Brudermord riß ihm die alte Wunde auf, daß er darob fast kein Wort leichtlich über seine fiebernden Lippen zu bringen vermochte und somit schwieg und bebte.

[HGt.01_082,02] Es trat aber alsbald Seth zum Henoch und sagte: ,Lieber Henoch, das hättest du nicht tun sollen, daß du dem alten Vater Adam nun eine so gefährliche Angst und Trauer bereitet hast durch die etwas unbesonnene Anspielung auf Cahins Untat; gewiß hättest du ihm dieses alles auf eine ganz andere, unmerklichere Art beibringen können! Siehe, es ist das erste Mal, daß ich mich genötigt fühle, dir etwas zu verweisen; für ein künftiges Mal aber lege bei solchen Gelegenheiten deine Worte auf die Waage der Billigkeit, damit sie den Vater trösten, aber nicht betrüben mögen! Du selbst bist es, der uns allzeit Liebe und Sanftmut lehrt; aber befolge erst selbst recht genau, was du uns lehrst, - dann erst wird deine Lehre voll Segen, Kraft und Macht über unsere Herzen gewinnen! Amen."

[HGt.01_082,03] Henoch aber, der Mir still im Herzen dankte für das Wort, das er zu Adam geredet hatte, war hoch erstaunt über diese Zurechtweisung, - sagte kein Wort dagegen, sondern wandte sich alsogleich wieder zu Mir und bat Mich, daß Ich ihm anzeigen möchte, was da aus der kurzen Rede Seths werde zu machen sein.

[HGt.01_082,04] ,O heiliger, liebevollster Vater, der Du schaust im hellsten Lichte alle Finsternisse der Welt", fing Henoch an, im Herzen zu Mir zu beten und zu bitten, ,Du weißt es, daß ich Dein heiliges Wort ohne Zusatz und ohne Wegnahme getreu dem Adam verkündigte! Wie ist es, daß es der so würdige Vater Seth so uneben aufgefaßt hat?

[HGt.01_082,05] Konnte ich doch unmöglich anders sprechen, als Deine unendliche Liebe es mir gegeben hat!

[HGt.01_082,06] Auch war Seth eben erst Zeuge, wie Du, o Jehova, den Adam von seiner Mattigkeit befreit hast und hast ihn gestärkt in jeder Fiber seines Lebens!

[HGt.01_082,07] O heiliger Vater, der Du voll Liebe und Erbarmung bist, zeige meinem unbedingtesten Gehorsame gegen Deinen heiligsten Willen an, woher das rührt, und wie die Sache beim Seth wieder völlig gutgemacht werden möchte! Ich, Dein armer, schwacher Henoch, gelobe Dir in meinem Dich über alles hochliebenden Herzen, daß auch nicht ein Haar meines Hauptes sich rühren soll ohne Deinen heiligsten Willen! Amen."

[HGt.01_082,08] Alsbald aber erblickte Henoch eine Flammenschrift im Herzen, und da stand es geschrieben: ,O Henoch, warum sorgst du dich darum?! Das Herz ist noch nicht verständig in allem, wenn nicht das ganze Herz voll erfüllt ist von der ewigen Liebe; wenn aber diese kommen wird, dann wird auch der Seth die Steine und alles Gras, Pflanzen, Sträucher und Bäume wohlvernehmliche Worte miteinander wechseln hören.

[HGt.01_082,09] Du aber schweige vorderhand, und laß deinen Schüler für dich das Wort führen! Amen."

[HGt.01_082,10] Seth aber, da er auf diese seine Mahnrede den Henoch keine Miene zum Reden machen sah, fing sich selbst über Hals und Kopf im Herzen zu befragen an, was das doch sein möchte, daß nun alles wie verstummt geworden ist; aber auch sein eigenes Herz blieb stumm. Und so war der Seth genötigt, sich wieder an den Henoch zu wenden und ihn zu fragen, warum er ihm auf die frühere Einrede nichts erwidert hätte.

[HGt.01_082,11] Henoch aber sagte voll Hochachtung und Liebe: ,O würdiger Vater Seth! Hat wohl das Kind ein Recht, sich gegen die Ermahnung eines Vaters aufzulehnen?! Du hast mir das Wort Gottes zwar verwiesen, das ich habe aussprechen müssen; allein, wenn du mit mir redest im Namen des Herrn, kann und darf ich dir Frage, Antwort und freie Rede bieten! So du aber als Vater im Tone eines Lehrers mit mir redest, siehe, dann ist es meine kindliche Pflicht, dir unbedingt zu gehorchen, zu schweigen und im eigenen Herzen mich aber alsbald mit der Liebe Jehovas zu vereinen. Siehe ahnungsvoll, aber furchtlos hin auf den Redner, den das Tier trägt; denn so will es nun der Herr, daß dieser euch vorderhand meine Stelle vertreten soll! Frage ihn, und er wird euch die geziemendste Antwort geben im Namen Dessen, der ihn dazu berufen hat! Amen."

[HGt.01_082,12] Diese sehr bescheidene Äußerung Henochs machte den biederen Seth ganz verstummen. Aber dafür löste sie dem Adam wieder die Zunge, und dieser sprach zu Seth: ,Aber geliebter Sohn! Du, den mir Jehova an Ahbels Stelle gegeben zum Troste, sage mir, was mochte denn doch dein Herz also geblendet haben?

[HGt.01_082,13] Des Herrn heiliges Wort vermochtest du dem Sprecher Gottes zu verweisen - und hast dich doch erst kaum zehn Augenblicke vorher überzeugt, wie wunderbar es mich gestärkt hat!

[HGt.01_082,14] Das Wort aus dem Munde Henochs, ausgehend vom Herrn bezüglich der Kinder, hat bei mir ein neues Wunder gewirkt, welches höher steht denn Cahin und Ahbel!

[HGt.01_082,15] Wahr ist es, die Eigenliebe Cahins und die gleiche Versteinung dieser Kinder durch meine Schuld hat in der Rede Henochs mich stark verletzt; allein es war aber ja auch ebenso notwendig, daß es mich also verletzt hat, denn sonst wäre ich ja unmöglich je zur vollen Heilung der alten, stets brennenden Wunde gekommen wie eben jetzt! Denn wo der Herr verwundet, da heilt Er wunderbar; wo aber Menschen sich gegenseitig einen Schaden zufügen, - wahrlich, wenn der Herr Sich ihrer, wie jetzt meiner, nicht erbarmt, in Ewigkeit würden sie gegenseitig den Schaden nicht wieder gutmachen!

[HGt.01_082,16] Ich habe gesündigt an meinem treuen Weibe im Paradiese, und der Erstgeborene ward mir zur großen Wunde, - und bis jetzt vermochte ich die Wunde nicht zu heilen! Vor dreihundert Jahren schon hatte ich die Kinder hart gesondert und sehe erst jetzt ein, daß ich dadurch Gift in meine alte Wunde gestreut habe.

[HGt.01_082,17] Der Herr nahm mir jetzt das Gift und heilte mir die alte Wunde durch Henochs Wunderworte. Warum hast du dich denn eher an der Liebe vergriffen, bevor du ihren Wundersinn in deinem Herzen erkannt und erschaut hast?

[HGt.01_082,18] O Seth, o Seth, sieh zu, daß dir der Herr nicht wieder nimmt aus dem Herzen, was Er dir schon so herrlich gegeben hat! Für ein nächstes Mal aber höre zuvor jeder auf meine Stimme, und wen ich da zu meiner Unterstützung bescheiden werde, der komme und helfe mir! Allein bei Gelegenheiten, wie diese ist, wo der Herr doch so augenscheinlich mit uns zieht, ist es wohl durchaus nicht nötig, daß wir uns unaufgefordert helfen wollen, da doch die allerbeste Menschenhilfe soviel wie nichts ist gegen die wahre, unaussprechliche Hilfe des Herrn durch Sein allmächtiges Wort, welches nicht ist wie ein menschliches Wort, sondern welches da allzeit ist eine vollbrachte Tat für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten.

[HGt.01_082,19] Und somit, lieber Seth, erkenne deinen Irrtum vor dem Herrn; falle hin zur Erde und bitte den Herrn um die Gnade und Erbarmung, auf daß Er dich wieder ansehen möchte! Amen."

 

83. Kapitel

[HGt.01_083,01] Seth aber verstand nun gar wohl die Rede Henochs über die Stummheit der Kinder des Abends und die entschuldigende Rede Adams und sagte endlich:

[HGt.01_083,02] ,O Vater, o Henoch, nun ist mir alles klar; ihr beide, du, geliebter Vater, und du, geliebter Sohn, werdet mir wohl vergeben meinen ängstlichen Irrtum; aber wird mir solches wohl auch der Herr tun, gegen dessen allerheiligstes Wort ich im eigentlichen Sinne des Wortes geeifert habe? Wie werde ich da Vergebung erlangen?

[HGt.01_083,03] Es war schon licht geworden in meiner Seele, und ich gewahrte schon gar deutlich ein neues, wahres Leben erstehen in meinem Herzen; allein nun gewahre ich nur zu gewiß wieder Nacht und Tod in meinen Eingeweiden!

[HGt.01_083,04] Wahrlich, es werden die Kinder des Abends und der Mitternacht zu reden anfangen, als wären sie aus der Sonnenmitte hervorgegangen; ich aber werde stummer sein denn ein Stein in der Meerestiefe, da ich meine Zunge verwendete zum Widerspruche, wo ich sie hätte zum ewigen Danke verwenden sollen! Nicht einmal der liebe Henoch sollte an mich Worte des Lebens aus der Höhe richten, sondern alles nur der Asmahael! O großer Gott, wie ungeheuer groß muß meine Sünde vor Dir sein, da Du sogar um meiner Hartnäckigkeit willen als der Herr alles Lebens dem Henoch vor mir nichts zu reden gebotest, sondern allein dem Asmahael, daß dieser mich belehre über alle meine Irrtümer!

[HGt.01_083,05] O wehe mir, so mich der Herr nicht mehr ansehen möchte in Seiner Erbarmung! Wer wird mich dann erretten aus der Nacht des Todes?

[HGt.01_083,06] O Herr, laß immerhin Deinen Asmahael Worte voll jugendlicher Kraft in aller Fülle des Lebens an uns, die wir voll Stumpfheit und toten Sinnes sind, richten, und das vorzugsweise an mich; aber nur laß darob die so hoch gesegnete Zunge Henochs nicht verstummen vor uns, und ganz besonders vor mir, damit niemand meinetwegen etwas verlieren möge.

[HGt.01_083,07] O Herr, Gott und Vater, sei mir armem Toren voll Blindheit barmherzig und gnädig! Amen."

[HGt.01_083,08] Nach dem aber erhob sich auf Mein Geheiß alsobald der Henoch und fing an, aus Mir folgende Kraftworte an den Seth und auch an alle anderen zu richten, sagend:

[HGt.01_083,09] ,O lieber Vater Seth, siehe, wo ist der Mensch, so ihn ein Irrtum gefangen hat, daß er sich möchte helfen in der Mitte des Irrtums?! Da er spricht, spricht er wie im Traume; da er handelt, handelt er wie ein Blinder; da er geht, geht er, als hätte er keine Knochen in den Füßen; da er stehen möchte, da fällt er wie einer im Wirbelschwindel; will er wieder erstehen, da vermag er seine Füße nicht zurechtzubringen; und will er sehen und hören, da sieht und hört er den Schatten statt der Sache und den leeren Schall statt des lebendigen Wortes.

[HGt.01_083,10] Siehe, also war und ist es noch bei dir! Du hast des Lebens und der wahren Liebe Schatten nur in dir im Mittage wahrgenommen; damit zufrieden, mochtest du wohl entgegentreten der ewigen Liebe, da du in dir heimlich dachtest, nun müsse schon jedes deiner Worte aus der Höhe kommen. Allein darum aber ließ es der Herr zu, daß du fielst, auf daß du nun wohl begreifen sollst, daß es ein Schwereres ist, sich des allerhöchsten Gutes der ewigen Liebe Jehovas zu bemächtigen, als in dreimal sieben Tagen all die Erdfrüchte ins Trockene zu bringen!

[HGt.01_083,11] Siehe, du irrtest dich, als du mir das Wort des Herrn verwiesen hattest! Warum irrtest du aber? Darum, weil du meintest, auch die Anforderung deines Herzens sei schon ganz rein von oben und gebe dir unbestreitbar das Recht, dich zurechtweisend über die Weisheit Gottes Selbst herzumachen, weil sie deinem lebenbeschatteten Herzen nicht einleuchten wollte und daher unrechtlich und tötend vorkam.

[HGt.01_083,12] Nun fehltest du aber wieder, da du fürs erste dem Adam und mir mehr Versöhnlichkeit zutrautest denn der ewigen Liebe Jehovas Selbst, dessen allereigentlichste Kinder wir doch alle ohne Ausnahme sind, ob gut oder voll Ungehorsams, und fürs zweite scheint dir nur an meinem Worte hauptsächlich zu liegen, ohne zu bedenken, daß das Wort des Herrn, auch aus einem Steine gesprochen, dasselbe heilige, lebendige Wort ist.

[HGt.01_083,13] Daher bitte nicht um meine Zunge, sondern um das lebendige Wort; achte nicht des Werkzeuges, sondern der Gnade, die da kommt durch was immer für ein Werkzeug vom Herrn, ob durch Henoch oder Asmahael; dann wirst du wandeln vollkommen gerechtfertigt vor der ewigen Liebe Jehovas, der allzeit am allerbesten weiß und sieht, welches Werkzeug für diesen oder jenen am allertauglichsten ist. So es aber dem Herrn wohlgefällig ist, auch durch Asmahael zu reden, saget, werden darum die Worte des Herrn weniger Worte des Herrn sein?!

[HGt.01_083,14] O Vater Seth, siehe, das aber ist des Herrn Wille, daß jeder unablässig trachten soll nach dem ewigen Leben der Seele und des Geistes im eigenen Herzen; aber dabei soll sich ja niemand verleiten lassen und der Meinung sein, daß man von einer Schattenwende zur andern auch schon alles erreicht habe!

[HGt.01_083,15] Hat aber jemand schon etwas erreicht vom Herrn, der tue damit den Kindern gleich, so sie einen verborgenen Schatz finden und denselben dann verbergen vor den Augen ihrer Alten sogar in der Furcht, er möchte ihnen wieder abgenommen werden!

[HGt.01_083,16] Es habe niemand eine zu große begierliche Freude daran, ein Werkzeug des Herrn zu werden, sondern jeder verharre in aller heiligen Stille und großen Demut und heimlichen Liebe! Denn es liegt keine Dankbarkeit und durchaus kein Verdienst darin, so jemand berufen wird vom Herrn, als ein Werkzeug zu dienen - denn der Herr vermag auch ohne Werkzeuge Seine großen Werke zu verrichten-; aber es liegt alles darin, daß wir nicht einen Herrn suchen, um ihm unsere eitlen Dinge aufzudrängen, um dadurch zu zeigen, als wenn wir auch etwas wären und vermöchten, sondern daß wir alle ein und denselben heiligen Vater suchen, auf daß Er uns gnädigst zu Kindern des ewigen Lebens aufnehmen möge durch die gnädigste und liebevollste Erweckung unseres schlafenden Geistes und durch die Erleuchtung unserer weltfinsteren Seele.

[HGt.01_083,17] Wen der Herr aber berufen hat, vor den Brüdern von Seiner unendlichen Liebe zu zeugen, der zeuge immerhin, aber stets in der allerhöchsten Demut seines eigenen Herzens, stets eingedenk, daß man nur ein allernutzlosester Diener ist, den der Herr nur gar zu leicht rathalten kann!

[HGt.01_083,18] Wehe aber dem, der darob glauben würde, er sei mehr denn seine Brüder, oder der Herr habe seiner nötig; wahrlich, ein solcher Frevler wird seinem eigenen Gerichte nicht entrinnen!

[HGt.01_083,19] Wenn wir aber dienen, so dienen wir in aller Liebe uns gegenseitig als Brüder und Kinder ein und desselben Vaters, und unsere allerhöchste Weisheit sei, den heiligen Vater über alles zu lieben. Keiner dränge dem andern eine Lehre auf, als wäre er dazu berufen wie ein Hund zum Bellen und ein Hahn zum Krähen! Wenn aber jemanden der Vater berufen hat, der tue es, - aber in der allergrößten Liebe und Demut; denn erst dadurch wird er zeugen, daß seine Lehre wahrhaft aus Gott als dem ewigen Urborne aller Liebe und alles Lebens ist.

[HGt.01_083,20] Wer da predigt, der sei geringer denn alle seine Brüder, so wird er zeugen, daß er wahrhaft ein Diener der Liebe ist!

[HGt.01_083,21] Wer das Wort des Herrn aus dem Munde eines Bruders vernimmt, der danke dem Herrn für die unaussprechliche Gnade; der Prediger aber bedenke bei sich, daß er der Allerunwürdigste ist, und halte jeden seiner Brüder für besser denn sich, so wird er sein Herz bewahren vor dem Hochmute, welcher ist des Todes Vater, und wird sein dem Herrn ein stilles Haus, das Ihm allein nur wohlgefällt!

[HGt.01_083,22] O Vater Seth, siehe, das ist es, was der Vater von uns will und verlangt! Daher trachten wir in aller Liebe und Demut, Ihm wohlzugefallen, so werden wir leben und uns nimmer von dem Schatten des Lebens trügen lassen! Amen."

 

84. Kapitel

[HGt.01_084,01] Als nun der Seth und all die andern diese Rede Henochs vernommen hatten, richtete sich eben Seth wieder auf und begann folgende Rede von sich zu geben, sagend:

[HGt.01_084,02] ,O wahr, ja nur zu wahr ist es, was der Herr durch dich, lieber Henoch, hat verkünden lassen vorzugsweise mir, der ich einen solchen Verweis am allernötigsten habe!

[HGt.01_084,03] O Vater Adam, o Kinder alle, danket an meiner Statt dem Herrn; denn ich bin nicht wert und bin zu schlecht, als daß ich es mir zu wagen getrauen könnte, mit der Zunge, die des Herrn heiliges Wort vor kurzem erst verunglimpfte, dem Herrn alles Lebens und aller Liebe ein unlauteres Lob darzubringen!

[HGt.01_084,04] Nun lasset den Asmahael mir predigen; denn nicht mehr wert bin ich, Henochs Wort zu vernehmen!

[HGt.01_084,05] Ja selbst Asmahaels Wort ist zu heilig für einen Toten! Laßt das Tier mir predigen, damit ich durch seine Schauderstimme möchte erweckt werden vom Tode zum Leben!

[HGt.01_084,06] O Vater Adam, heiße mich nimmer deinen Sohn; denn du bist aus Gott, ich aber aus der Fülle aller Widerspenstigkeit! Sieh, ich will nur dein Knecht sein, ja euer aller Knecht will ich sein, euch dienen wie ein Sklave der Tiefe und stumm sein wie ein Stein, um dadurch dem Herrn genugzutun dafür, daß ich mich in die Finsternis gestürzt habe, während der Herr so viel Licht in Wort und Tat um mich her ausgegossen hat!

[HGt.01_084,07] Danket, ihr Würdigen, dem Herrn für mich, den armen, schwachen und toten Seth! Amen."

[HGt.01_084,08] Adam aber erhob sich und sagte ein kurzes, weises Wort zum Seth, und dieses Wort heilte den Kranken, daß er dann wieder ward voll Liebe und Vertrauen gegen Mich und pries über und über Meinen Namen.

[HGt.01_084,09] Die Worte Adams aber lauteten also: ,Seth, Seth, du nimmst dir zuviel vor, was der Herr dir nicht gebeut! Siehe zu, wenn der Herr dich versucht und du dann noch schwächer wirst denn jetzt und fällst dann in deiner Schwäche, - sage, wer wird dir dann aufhelfen?

[HGt.01_084,10] Etwa Gott, dem du törichterweise genugtun wolltest, da Er doch unendlich und überheilig ist und du nur ein endlicher Staub der Erde vor Ihm?!

[HGt.01_084,11] Wer mag Gott genugtun?! Wer will rein und ohne Fehl zu Ihm beten und Ihm danken, Ihn loben und preisen ohne Sünde und zu Ihm ohne Makel der Seele als Kind den Vaterruf erheben?!

[HGt.01_084,12] Was haben wir denn, das wir zuvor von Ihm nicht empfangen hätten?! Was können wir Ihm geben, das Er nicht zuvor uns gegeben hätte, und was tun, das er uns nicht schon lange früher getan hätte?!

[HGt.01_084,13] Darum mache dir kein unnötiges Gebot, sondern beachte das eine nur, daß du Ihn mehr und mehr liebst in aller Demut deines Geistes und alle Brüder und mich zehnmal mehr denn dich! Alles andere überlasse nur dem Herrn; Er weiß es am allerbesten, welche Last du zu ertragen vermagst!

[HGt.01_084,14] Wenn es dir aber schon schwer wird, in der Tat das eine Gebot zu erfüllen, wie möchtest du dann wohl mit so vielen zurechtkommen?!

[HGt.01_084,15] Weißt du denn nicht, daß an jedem Gesetze der Fluch, die Sünde, das Gericht und der Tod hängen?!

[HGt.01_084,16] Fürchte dich daher vor jeglichem Gebote, - willst du leben! Leichter ist es, Gesetze zu geben, als denselben zu gehorchen.

[HGt.01_084,17] Was aber ist wohl mehr: Frei sein in der Liebe durch die Liebe, oder schmachten unter des Gehorsams hartem Joche nach der Freiheit der Liebe, welche da hart zu erringen ist und ewig sein wird, wo das vergeblich sich sehnende Herz unter den harten Schlägen der Versuchung lange wird bluten müssen?

[HGt.01_084,18] Siehe, die Kinder des Abends, wie sind sie zugrunde gerichtet auch nur durch ein leichtes Gebot; wie schwer wird ihnen zu helfen sein, so etwa ihr Herz durch den zu langen Druck verhärtet ist!

[HGt.01_084,19] Wir aber wollen dem Herrn allzeit danken und Seinen Namen lobpreisen, dieweil Er uns ein freies Herz für freie Liebe gab, und wollen Ihn auch allzeit bitten, daß Er uns vor jeglichem Gebote bewahren möge, auf daß wir allein Seiner ewigen Liebe leben möchten als freie Kinder.

[HGt.01_084,20] O Seth, es werden einst Zeiten kommen, da unsere späteren Kinder unter Bergen von Gesetzen leben werden und werden vergeblich schmachten nach der Freiheit gleich einem erhitzten Steine in der Tiefe der Erde! Und ihre Brüder werden die schwer Gehorchenden in steinerne Löcher stecken und sie aller Freiheit berauben. Da wird der Sünden sein wie des Sandes im Meere und des Grases auf der Erde!

[HGt.01_084,21] Daher stehe du ab von deiner Torheit und tue, was du kannst, und was dem Herrn wohlgefällig ist; alles andere überlasse dem Herrn, so wirst du leben! Amen.

[HGt.01_084,22] Nimm meinen Segen, und wandle wieder frei und gerecht vor Gott, vor mir und allen unseren Kindern! Amen."

 

85. Kapitel

[HGt.01_085,01] Als der Seth solche Rede vernommen hatte, sah er alsbald die kleine Torheit seiner Vornahme vollends ein, ward wieder ein freier Mensch und lobte und pries Mich über die Maßen in seinem nun neu belebten Herzen und freute sich sehr auf Asmahaels Rede, welcher nun nach dem Geheiße Henochs auch alsobald zu reden begann, und zwar über die Stummheit der Kinder des Abends. Was er aber sprach, sprach er aus Mir durch den Geist Ahbels in einer bündigen und gleich einem Bächlein fließenden Rede, welches also ruhig forträuschelt und -sprudelt über kleine Kiesel und Sandbänkchen und sich dann lächelnd ergießt in einen Strom, der mit offenen Armen den Liebling aufnimmt und ihn dann auf seinen breiten Schultern trägt in das Meer der Ruhe.

[HGt.01_085,02] Das aber war die so sehr berühmt gewordene Rede Asmahaels und lautete also:

[HGt.01_085,03] ,O Väter der Väter der Erde! Mein Auge schaut weinend die schmachtende Menge der herrlichen Kinder der Väter der Erde; sie liegen so stumm und so tot wie die Steine im Grunde der Meere und anderer großer Gewässer.

[HGt.01_085,04] Gebote, - o harte und schwere Gebote! O Menschen, ihr harten und lieblosen Menschen, wohin werd't die Brüder ihr bringen und machen zu was die unschuldigen Kinder durch all die nutzlosen Gebote,

[HGt.01_085,05] von denen ein jedes ein endloses Heer von ganz neuen Geboten notwendig nach sich ziehen muß!

[HGt.01_085,06] O fragt euch, ihr Väter der Väter der Erde, wie viele Gebote der ewige Herr allerbarmend euch allen zu halten hat weise beschieden!

[HGt.01_085,07] Ich weiß es und muß es euch sagen: Gar keines - als nur zu erkennen die ewige Freiheit in aller der endlosen Liebe des ewigen, heiligen Vaters!

[HGt.01_085,08] Sind wir denn erschaffen, um weltschwere Lasten von all den Geboten zu tragen?! Ist Gott denn ein schwächlicher Gott, daß darob Er den Menschen Gebote muß geben, um sie in der Ordnung gehärtetem Zaume zu halten?!

[HGt.01_085,09] O Väter, wie töricht wär' solches zu denken von einem allmächtigen, ewigen, endlosen, heiligen Gott, dessen leisester Hauch all die zahllosen Welten und endlose Heere von mächtigsten Geistern zunichte möcht' machen!

[HGt.01_085,10] Ein so übermächtiger Gott sollte drücken die Menschen durch nicht zu ertragende Lasten von toten Geboten, von steinfesten Sätzen, die Er Selbst am Ende zu lindern durch all' Seine Kräfte nicht möchte, wie auch nimmer dürfte; denn löst Er ein'n dieser geistigen Zwinger des Lebens, müßt' da Er nicht fürchten, am Ende von Seinen Geschöpfen gefangen zu werden und dann an Sich Selbst zu erfahren, ein Sklave zu sein den Geschöpfen, die all' doch gen Ihn nicht ein Stäubchen der Sonne ausmachen!

[HGt.01_085,11] O Väter der Väter der Erde, ihr könnt euch nichts Tolleres denken! Der Vater, der ewige, heilige Vater voll Liebe, der mächtige, freie, unendliche Gott sollte Wesen erschaffen, um sie dann zu töten gar grausam im härtesten Drucke der überweltschweren Gebote?!

[HGt.01_085,12] O wahrlich, mir wär' es viel leichter zu fassen, daß ich und mein grausamer Träger ein einziges Wesen voll Nacht und voll Lichtes inmitten der Erde ausmachten, als daß unser Gott, unser mächtiger, ewiger, freier und heiliger Gott nur ein Wesen entstehen könnt' lassen, um es durch Gebote zu drücken und zwingen, sich frei zu bewegen, was rein doch unmöglicher wäre, als wenn Sich der freieste heilige Vater und Schöpfer durch eherne Ketten gar Selbsten zum Sklaven der Sklaven der Lamechschen Tiefe möcht' machen!

[HGt.01_085,13] O Väter der Väter der Erde, wie ist's denn, daß ihr als die einzigsten Kinder des ewigen, heiligen Vaters voll Liebe von Seiner allweisesten, herrlichsten, freiesten Ordnung nichts wisset? Ihr predigt von Liebe zum Vater euch untereinander - und kennet dies ewige, heilige Grundelement, wie ich deutlich nun sehe, nicht weiter, nicht mehr, als daß selbes ihr mögt mit leer schallenden Worten zu nennen!

[HGt.01_085,14] O höret, die Liebe, die mächtige, heilige Liebe des ewigen Vaters ist ja nur die ewige, freieste Ordnung in Gott! Dieser ewigen, heiligen Ordnung gemäß und vollkommen gemäß sind ja alle die endlosen Heere der Geister, der Welten und ihr, Seine einzigsten Kinder, so frei wie Er Selbst von Ihm hervorgegangen.

[HGt.01_085,15] Doch um euch zu lehren, daß ihr so wie Er völlig frei euch sollt fühlen, gab Er aus der innersten Tiefe der Liebe als Vater euch Kindern - ich mag es Gebot nimmer nennen - nur einen höchst weisen, wohlwollenden Rat, euch an nichts anzulehnen und nichts zu berühren, das euerer Freiheit könnt' hinderlich werden; ihr aber, im vollsten Bewußtsein der göttlichen Freiheit und Fülle der Kraft, wollt't nicht achten des Rates des liebenden Vaters und griffet nach allem, was eurer noch ganz ungefesteten Freiheit und Leben mußt' hinderlich werden. Die Tat war der ewigen Ordnung der Liebe zuwider; nun mußte der heilige Vater die endlose Schöpfung umstalten, um euch in die Freiheit des Lebens von neuem zu setzen.

[HGt.01_085,16] Nun seid ihr in dieser so liebvollsten Stellung als Kinder des heiligen Vaters, seid frei und voll Leben und Gnade von oben; wie könnt ihr so blind doch die Kinder desselbigen heiligen Vaters zu nichts und für nichts in verschiedene Gegenden bannen durch Zwang eines finstern Gebotes, das sie nicht belebt noch erfreut, sondern tötet am Leibe und Geiste?!

[HGt.01_085,17] Daher löset die lange verrosteten Bande des toten Gesetzes von ihren gemarterten Füßen, und lasset sie bauen die Erde nach ihrem Gefallen - nur daß sie die finsteren Tiefen vermeiden -, so werden sie leben, Gott loben und preisen und lieben und euch anerkennen als redliche Väter und mächtige Kinder des Herrn, hört amen, hört amen, hört amen!"

 

86. Kapitel

[HGt.01_086,01] Nach der Vollendung der Rede Asmahaels trat eine ziemlich lange stillschweigende Pause unter die Väter; selbst Henoch hatte sich in eine lange Rechnung der Liebe verloren und dachte bei sich nach, ob es denn noch irgend möglich sein könnte, sich in der Liebe zu irren.

[HGt.01_086,02] ,Denn", sagte er bei sich selbst, ,Asmahael hat nur zu sehr recht in allem, was er ausgesprochen! Doch die ergreifende Liebe, die mächtige Liebe, die das Herz mit süßer, unüberwindbarer Gewalt nach aufwärts zum ewigen, heiligen Vater zieht, so daß da kein Vollergriffener mehr umhin kann und mag, von ihr los zu werden, - sollte - nein, nein, mir ist's nicht möglich, es zu fühlen und zu denken! -, sollte diese allmächtige Liebe nicht etwa ein ewiges Gesetz im Herrn Selbst sein, aus welchem, nach welchem und durch welches Er alles erschafft, ordnet und fortwährend erhält?!

[HGt.01_086,03] Und doch sagte gar so einleuchtend Asmahael, daß eben die Liebe die höchste Freiheit ist, wie in Gott, also auch in allen Seinen Kindern!

[HGt.01_086,04] Wahr und gewiß ist es übrigens auf jeden Fall, daß jedes Leben durch einen entsprechenden Grad der Freiheit bedingt ist, und daß diese Freiheit mit der Liebe stets gleichen Schritt hält; wo also die höchste Liebe waltet, ist auch das höchste Leben und somit auch die höchste Freiheit!

[HGt.01_086,05] Aber wie ist es hernach mit der Festsetzung der Ordnung, vermöge welcher jedes Wesen seine ihm gegebene Form beibehalten muß und sie nicht ändern kann nach freier Willkür? Der Schöpfer, unser heiliger Gott und Vater, hat es also eingerichtet - das ist und wird sein ewig wahr! -; aber sollte das, was bei den Wesen und Kindern die unabänderliche Form bedingt, bei dem Herrn nicht ein aus Sich Selbst gestelltes Gesetz sein, welches Er so lange bis auf den unendlich kleinsten Punkt beachten muß, als Seiner unendlichen Liebe die Wesen das bleiben sollen, als was Er sie aus Seiner ewigen Ordnung gestellt hat?

[HGt.01_086,06] Hier ist Gesetz! Wer kann es nun wieder leugnen und dagegen behaupten, als wäre es kein Gesetz, sondern die entbundenste, loseste Freiheit?!

[HGt.01_086,07] O Asmahael, Asmahael! Wer kann deine Rede fassen und leben?!

[HGt.01_086,08] O Väter, arme Väter, ihr habt mich zum Lehrer erwählt! Solange ich lieben konnte, konnte ich reden durch die unbegreifliche Gnade des Herrn; allein die Rede Asmahaels zeigte mir nun nur zu deutlich, daß ich meine Worte, die mir die ewige Liebe für mich und für die Väter einhauchte, noch nie auch nur im geringsten verstanden habe. Die freie, süße Liebe ist nun ein Doppelding geworden; sie ist die höchste Freiheit und zugleich aber auch das unabänderlichste, festeste Gesetz aller Gesetze, durch welches allem das Leben bedingt ist. In der Freiheit kann ich lieben und leben, - im Gesetz muß ich lieben oder sterben des ewigen Todes! Wie aber ist Freiheit, die vollste, loseste Freiheit, und anderseits das unabänderlichste Gesetz unter ein Dach zu bringen?!

[HGt.01_086,09] Wer kann mir nun überzeugend sagen, ob meine Liebe Freiheit oder Gesetz ist? Da ich liebe und lebe, ist sie Freiheit; da mich aber die Liebe zieht und mir unaussprechlich behagt, ist sie ein ewig richtendes Gesetz, durch welches ich, der lieben muß durch den unwiderstehlichen Reiz im Herzen zu Gott, tot, ja ewig tot bin und notwendig sein muß!

[HGt.01_086,10] O heiliger Vater, siehe, ich liege zugrunde gerichtet durch die Rede Asmahaels und kann mir nimmer helfen; so Du mir und den Vätern nicht hilfst und uns wieder aufrichtest, sind wir alle für ewig verloren!

[HGt.01_086,11] Nun sehe ich es erst ein, wie gar nichts der Mensch aus sich vermag; so Du, o heiliger Vater, ihn nicht beständig leitest, da hört er auf zu sein und ist, als wenn er nie gewesen wäre, voll ewiger Vernichtung! O Vater, lieber, heiliger Vater, errette uns von diesem Verderben, in welches uns alle die unmöglich zu fassende Rede Asmahaels gestürzt hat! Amen."

[HGt.01_086,12] Seth aber, als sich sein größtes Erstaunen gelegt hatte über die Rede Asmahaels, erhob sich und fragte den Vater Adam, sagend: ,Höre, geliebter Vater, Henochs Vorrede hat mir helle geleuchtet auf dem Wege so manchen Irrtums! Auf dem Wege schlief ich ein im Geiste. Du wecktest mich aus einem unnatürlichen Traume, und gar wohl bekam es mir, da du mich segnetest; aber was kann, was soll aus uns werden?

[HGt.01_086,13] Asmahael hat Worte ausgesprochen, deren Sinn ein natürlicher Mensch unmöglich je erfassen wird! Hat er ihn aber nicht völlig erfaßt, so ist er gleich einem Steine, der in sich voll Tod und Finsternis ist.

[HGt.01_086,14] Henoch getraue ich mich kaum zu fragen! Wenn es dir nicht geht wie mir und du Licht hast in dieser Rede, so teile es mir treulich mit, auf daß nicht Himmel und Erde ob meines großen Unverstandes zugrunde gehen, ehe wir noch unsere Heimat werden betreten haben! Amen."

[HGt.01_086,15] Adam aber blickte den Seth ganz verdutzt an und wußte nicht, was er als Vater, seine Ehre rettend, dem Sohne hätte darüber sagen sollen. Nach einigem Sinnen erst brachte er es dahin, daß er ihm bedeutete, zu harren bis zu einer schicklicheren Zeit; denn für jetzt hätte er an anderes zu denken.

[HGt.01_086,16] Enos aber zupfte den Jared und sagte ihm ins Ohr, ohne daß sich darob beide erhoben hätten: ,Höre, Jared, du bist ein weiser Lehrer deines Sohnes und hast ihm wohl gezeigt, Gott zu lieben im Herzen, daß die Liebe zu Gott gleichkommt der Liebe eines Menschen zu einem Menschen und heftiger sei denn des Mannes Liebe zu seinem Weibe und zu seinen Kindern. Siehe, er sieht nun unser aller große Verlegenheit; warum läßt er uns denn nun stecken?

[HGt.01_086,17] Mir kommt es geradeso vor, als wenn ihm der Asmahael vollends den Mut benommen hätte! Gehe hin zu ihm, und sage ihm, daß er uns jetzt nicht möge stecken lassen; denn nun ist es ja hauptsächlich nötig, uns, seine Väter, aus der größten aller Verlegenheiten zu heben durch seinen gesegneten Mund. Gehe, und bedeute ihm das, so du willst! Amen."

[HGt.01_086,18] Jared aber kratzte sich hinter dem Ohre und bemerkte endlich: ,Siehe, Vater Enos, wenn mich ein Strahl der Sonne sticht, da verlasse ich die Stelle und fliehe unter einen kühlenden Schatten! Mag nun der heftige Strahl ein Loch in die Erde brennen, wahrlich, es kümmert mich wenig; denn ich habe ja einen guten Schatten gefunden! Ich müßte aber von allen Sinnen sein, so ich meinen Schatten eher verlassen sollte, bevor die Sonne untergegangen ist!

[HGt.01_086,19] Daher lassen wir auch das die ausmachen und lassen sie über das ganze Firmament ein Zelt spannen, wenn sie die Sonne zu heiß dünkt; wird doch der Lehrer mit seinem Schüler zurechtkommen, so er ein rechter Lehrer ist! Und wird der Lehrling sein über seinen Meister?

[HGt.01_086,20] Wenn aber der Schüler Dinge spricht, welche das Herz des Lehrers nicht faßt, so ist es ja ungeschickt, daß man den zum Schüler macht, der den Meister und alle Väter an der inneren Weisheit so sehr übertrifft, daß diese darauf nicht einmal ein Wörtchen zu entgegnen wissen! Daher bleibe ich getrost unter meinem Schatten und begnüge mich mit den Lichtspritzern, welche durch die raschelnden Blätter blitzen, und lasse den der Sonne ins Angesicht starren, der eine ganz besondere Lust hat, vollends blind zu werden!

[HGt.01_086,21] Siehe, Vater Enos, daher will ich nicht, was du willst; denn meine Augen sind mir lieber als alles Verständnis in Dingen, die man eigentlich doch nie ganz verstehen kann, und ich sage daher unverrichteterdinge in aller Namen Amen."

[HGt.01_086,22] Auch zwischen Kenan und Mahalaleel entspann sich ein leises Gespräch folgenden Inhalts:

[HGt.01_086,23] Mahalaleel: ,Was meinst du, Kenan, werden wir heute wohl noch nach Hause kommen? Die Kinder des Abends liegen alle stumm wie die Steine auf der lieben Erde, und uns geht es nach der wirklich außerordentlichen Rede Asmahaels um kein Haar besser; selbst der liebe, gute Henoch kommt wenigstens mir vor, als wenn er sich in einer eben nicht gar zu geringen Verlegenheit befinden möchte!"

[HGt.01_086,24] Kenan: ,Weißt du etwas, so rede; und weißt du nichts, so tue wie ich, der ich auch nichts weiß! So viel ist gewiß, daß der Asmahael mehr weiß als ich und du! Was nützt es aber auch, den Tauben zu predigen und den Blinden zu zeigen?! Du kennst ja meinen Traum; der war gewiß wie nicht leichtlich einer! Ich habe ihn erzählt so gewissenhaft getreu, wie ich ihn geträumt habe. Seth und alle andern wußten mir am Ende geradesoviel zu sagen wie ich mir selbst, nämlich nichts! Da dachte ich dann: Vorher wußte ich nichts, jetzt weiß ich auch nichts und werde auch fortan nichts wissen. Und siehe, ich bin damit zufrieden!"

[HGt.01_086,25] Mahalaleel: ,Wenn du als feiner Redner das von dir sagst, da doch deine Sprache ganz der des Asmahael gleicht, was soll hernach erst ich sagen, der ich, wie du es am besten weißt, eine harte Zunge habe?! Aber meine Gleichgültigkeit fängt mich nun bei dieser allgemeinen Stummheit ein wenig zu verlassen an; denn wenn da nicht bald eine Lösung von oben kommt, Vater, ich sage dir, so werden wir hier im Abende sicher den Abend erleben und wahrscheinlich auch die Mitternacht, welche uns wenigstens geistig nicht gar zu ferne zu sein scheint!"

[HGt.01_086,26] Kenan: ,Lassen wir die Sache gut sein! Sollte es hier wirklich zum Übernachten kommen, so wird deswegen die Erde nicht wurmstichig werden und der feste Boden nicht zu Wasser. Der Herr weiß es am besten, warum Er unseren geschäftigen Zungen einen kleinen Rasttag bereitet hat! Ich sage aber allzeit: Es ist besser handeln, als immer reden und lehren. Ich höre zwar sehr gerne schöne Reden und Lehren, - aber wahrhaftig wahr: auf dieser Reise geschieht des Guten zuviel; man kann's nicht mehr verdauen, und die Rede Asmahaels ist gar ein Stein, höre, der möchte noch einige Ruhe nötig haben bis zur Verdauung! Daher lassen wir es nur gut sein und schweigen! Amen."

 

87. Kapitel

[HGt.01_087,01] Der Seth bemerkte aber, daß die Kinder heimlich miteinander Worte wechselten und dachte bei sich nach: ,Wahrlich, es hat sie alle ein Zweifel ergriffen, und sie können sich nicht raten und nicht helfen! O wie gern möchte ich euch helfen, wenn es mir gegeben wäre! Daß aber der Henoch über diese Sache so lange stumm ist!

[HGt.01_087,02] Die arme Mutter Eva leidet im stillen gewiß wieder gewaltig mit und muß vielleicht heimlich im Herzen unsere sämtliche Torheit beweinen!

[HGt.01_087,03] Wie wär's denn, wenn auch ich mich ganz heimlich mit einer Frage um ihr Befinden an sie wendete?!

[HGt.01_087,04] Wer weiß es, ob die stille Dulderin etwa nicht ein helles Fünkchen im Herzen birgt, welches, wenn es in unsere Finsternis käme, einen entschieden herrlichen Dienst leisten möchte?!

[HGt.01_087,05] Daher nur frisch gewagt; denn gefehlter kann es gewiß nicht sein denn jetzt, wo wir meines Dafürhaltens alle in der Finsternis sitzen und schwitzen und auch nicht ein kühlendes Tautröpfchen weder aus der Erde noch vom glühenden Himmel auf unsere schmachtende Seele fällt!

[HGt.01_087,06] Und siehe, der Seth redete die Mutter Eva also an, sagend: ,Geliebte Mutter, du scheinst traurig zu sein! O sage mir, ob nicht heimlicher Kummer nagt an deiner Seele!

[HGt.01_087,07] Siehe, Asmahaels Mund hat uns alle geschlagen mit dreifacher Finsternis, und wir können uns nicht helfen, wie du siehst! Allein was der Herr krumm macht, das wird Er wohl wieder ausgleichen zur Ihm wohlgefälligen Zeit! Daher, sollte dich ein Kummer drücken, so beruhige in der Liebe des Herrn dein Herz! Hast du aber irgendein Lichtchen in der Sache, die uns alle drückt, so verschließe es nicht zu tief in deinem Herzen; denn in einer wolkendurchwirkten, schwarzfinsteren Nacht erquickt auch ein winzigstes Fünkchen das lichtdurstige Auge des irrenden Wanderers!

[HGt.01_087,08] O Mutter, ich, dein geliebter Sohn Seth, bin es, der mit dir spricht; öffne dein Auge und Herz, und laß ihn in Kürze vernehmen den Kummer und, wo möglich es wäre, vielleicht auch ein leuchtendes Fünkchen von oben! Amen."

[HGt.01_087,09] Die Eva aber entgegnete etwas ernst alsogleich dem Seth: ,Lieber Sohn, von Gott mir gegeben an der Stelle Ahbels, siehe, an der Stille meines Wesens magst du wohl immer merken, daß die in sich gekehrte Mutter aller lebenden Menschen der Erde eben nicht die meiste Ursache haben möchte, ihr Herz vor Freude hüpfen zu lassen, besonders wenn sie merken muß, daß selbst ihr Liebling sich mehr schlauen als aufrichtigen Herzens ihr naht!

[HGt.01_087,10] Seth, mein geliebter Sohn, warum fragtest du mich um mein Befinden, da dir doch nur das Fünkchen am Herzen lag?

[HGt.01_087,11] Meinst du denn, eine gutmütige Schlauheit ist eine Tugend der Weisheit?

[HGt.01_087,12] O Seth, da irrst du dich stark! Siehe, gerade Offenheit - das Herz im Munde, und die Zunge im Herzen -, das ist aller Weisheit Grund! Was du möchtest, das verlange, was dir zuwider ist, das fliehe, auf daß du aufrichtigen Herzens Gott lieben kannst heimlich wie vor aller Welt, so wird nie Abend und Mitternacht in deinem Herzen werden!

[HGt.01_087,13] Siehe, dir ist Weisheit gegeben worden; warum gingst du nicht stets geraden Weges?

[HGt.01_087,14] Künstliche Wendungen, hochklingende Worte sind allzeit starke Verkünder der eigenen Schwäche, wodurch man gerne dem andern zeigen möchte, daß man noch außerordentlich stark ist, während es der Gerade schon von weitem sieht, daß der Starkseinwollende Krümmungen macht; daher, lieber Seth, weiche von deinen Krümmungen ab und wandle geraden Weges vor Gott und den Kindern, so wird dich nie ein Lichtmangel drücken!

[HGt.01_087,15] Denke, wenn du einen Kreis machst, daß der entfernteste Punkt der Kreislinie auch derjenige ist, der dem Ausgange und Anfange am allernächsten kommt; höre, aber ja keine Schnecke mußt du dir zur Lehrerin des Kreises machen, - da würdest du nimmer dahin gelangen, von wo du ausgegangen bist!

[HGt.01_087,16] Verstehe deine alte Mutter wohl, und sei ruhig im Herzen und in Gott! Amen."

[HGt.01_087,17] Als aber der Seth solches von der Eva vernommen hatte, ward es ihm angst und bange, da er dann bei sich dachte: ,Wie sonderbar hier im Abende! Jedes Wort ist ein Irrtum, jedes Mitleid unzeitig und am uneigentlichsten Platze; jeder besser scheinende Gedanke, der sich im Herzen noch deutlich ausspricht, ist nichts als der ordnungslose Flug eines Nachtfalters, der so lange um die Flamme kreist, bis endlich die lichtvolle Flamme ihn seiner leichten Schwingen beraubt hat!

[HGt.01_087,18] Mein Wille ist ein totes Wollen und gleicht vollkommen dem im Traume, durch den auch gerade das nur bewirkt wird, daß man das unbedingt wollen muß, was einem eine fremde, unerforschliche Macht heimlich zu wollen und zu handeln zwingt. Meine Liebe zu Gott kommt mir vor, als liebte ich die Luft und das Wasser. Ich vernehme das Rauschen des Windes; aber es fächelt kein auch noch so leiser Hauch um meine Locken. Ich habe Hunger und Durst, mag aber weder essen noch trinken. Ich bin schläfrig - und kann nicht einschlafen. Ich bin müde, und meine Glieder scheuen jegliche Ruhe. Ich bete zu Gott; aber mein Herz liegt gleich einem Steine unbeweglich auf der Erde. Ich blicke auf zu den lichterfüllten Höhen, - sie sind überdeckt mit schwersten Wolkenmassen. Ja, es kommt mir nun in mir und außer mir alles so ganz sonderbar vor! Ich bin, als wäre ich nicht; und alles, was ich ansehe, scheint nur ein halbes Dasein zu haben, oder es ist, als wenn es nicht wäre, oder als wenn es alsbald vergehen wollte.

[HGt.01_087,19] O Herr und Vater, laß uns nicht aus Deinen Händen, und erwecke uns wieder, und laß nicht zu, daß wir einschlafen möchten auf dem Wege des Lebens unter der lichten Zeit des Tages! Treibe uns hinweg, aus dieser Gegend treibe uns, und hebe auf die törichten von uns gemachten Unterschiede der Gegenden! Wahr ist es, daß im natürlichen Abende ebensogut wie im Morgen die besten Menschen wohnen können und auch sollen!

[HGt.01_087,20] Wir selbst haben mit Schmutz besudelt diese Gegend - und mehr noch die der Mitternacht. Nun haben wir selbst diese Gegend betreten, und der Schmutz fällt nun auf unsere eigene Brust und erstickt uns beinahe ganz und gar. O Gott, Herr und Vater, wir vermögen nun nichts mehr; hilf uns allen aus dieser großen Not, und laß uns nicht zugrunde gehen ob unserer großen Torheit! Amen."

 

88. Kapitel

[HGt.01_088,01] Bald darauf aber wurde wieder Henoch erweckt und begann folgende Wunderrede aus Mir an all die Väter zu richten, sagend nämlich:

[HGt.01_088,02] ,Höret, liebe Väter! Der Herr, Gott Jehova, unser aller liebevollster, heiligster Vater hat in Seiner großen Erbarmung die Trübsal unserer gedemütigten Herzen angesehen und ist gnädig geworden unserer Torheit, in welcher wir schon bei dreihundert Jahre hartnäckig verharrten, und will uns wieder erheben aus dem Schlamme unserer Not; aber es ist zuvor nötig, daß ein jeder aus seinem Herzen den törichten Unterschied der Gegenden verbannt, hernach aber werktätig!

[HGt.01_088,03] Höret, dem Herrn, Gott Jehova, unserm allerliebevollsten, heiligsten Vater hat es gefallen, den Asmahael zu erwecken, auf daß er uns allen zeige die Torheit des Gesetzes, wenn dasselbe nicht mit der göttlichen Ordnung im engsten Zusammenhange steht! Wir waren sämtlich außer der Ordnung und konnten daher auch nichts von allem dem erfassen; denn auf der einen Seite haben wir uns umstrickt mit des Gesetzes eherner Notwendigkeit und waren tot in jeglichem Worte, Gedanken, Willen und somit auch in jeglicher Verrichtung, - auf der andern Seite aber hatten wir das größte Bedürfnis stark fühlbar in unserm Herzen nach der wahren Freiheit des Lebens, ohne welche das Leben kein Leben wäre und auch ewig nie werden könnte.

[HGt.01_088,04] Wir waren ein Doppelding; wir waren tot und lebendig. Wir waren der Wahrheit auf der einen Seite unbegreiflich nahe, auf der andern Seite wieder unbegreiflich ferne; denn das Gesetz und die Freiheit haben für das Verständnis unseres Herzens eine unübersteigliche Kluft gebildet, über welche wir weder vom Gesetze zur Freiheit noch umgekehrt springen konnten und waren daher durch die eigene Not genötigt, Gott Selbst entweder von eigenem Gesetze gebunden oder in eine zunichte machende, absoluteste Freiheit zerfließen zu sehen, und waren daher tot links und rechts!

[HGt.01_088,05] Ich selbst habe es in mir empfunden und konnte trotz aller meiner stillen Herzensmühe Wasser und Feuer unmöglich in ein Gefäß bringen und vereinen! ,Denn`, dachte ich mir, ,das Gesetz der Ordnung ist doch ein Gesetz, welches Gott so lange beachten muß, solange Er beständige Wesen um und in Sich erschauen und haben will; wer aber Gesetze beachten muß, wie ist der denn frei?`

[HGt.01_088,06] Wieder dachte ich mir: ,Wer aber vermag Gott zu etwas zu nötigen? Tut Er es, so tut Er es ja nach Seinem höchst freien, heiligsten Willen und kann es alsogleich wieder zerstören und jegliches Werk vollkommen zunichte machen!`

[HGt.01_088,07] Wieder dachte ich mir: ,Woher rührt denn hernach die beständige Erhaltung?`

[HGt.01_088,08] Da meldete sich die Liebe und sagte: ,Ich bin der Grund aller Erhaltung!`, und weiter sagte sie nichts!

[HGt.01_088,09] Da dachte ich wieder: ,Wenn Du der Grund aller Erhaltung bist, für hochwahr, da bist Du Dir ja Selbst ein ewiges Gesetz, - wie hernach frei?`

[HGt.01_088,10] Und wie ich dachte, so auch dachte der Vater Adam. Und der Vater Seth dachte also zwar nicht, aber er empfand die unübersteigliche leere Kluft tief in seiner Brust und suchte und fand; aber in Ermanglung der tauglichen Werkzeuge konnte er mit dem Gefundenen keine Brücke bauen über die große Kluft. Und es dachten auch die anderen Väter in mehr oder weniger großer Lauheit darüber nach unter sich und brachten nichts denn eine geduldige Abwartung der Dinge unter sich hervor und mochten leise die Schuld hin und her schieben; allein es wollte darob doch nicht lichter und wärmer werden in der verirrten Brust.

[HGt.01_088,11] Die Mutter Eva zeigte dem Vater Seth wohl ein großes Licht, - allein der starke Schein in der Nacht erblindet das schwache Auge noch mehr denn vorher die Nacht selbst; und so ward eines jeden Unternehmung gerügt durch die darauffolgende dreifache Finsternis.

[HGt.01_088,12] Es ist aber kein weiserer Lehrer denn die Not selbst. In der Not wandten wir uns alle an den heiligen, liebevollsten Vater, und Er hat die Not der Kinder angesehen und kam zu ihnen herab mit Seiner Gnade. Wir sind die Kinder; Er aber ist unter uns und lehrt uns Selbst!

[HGt.01_088,13] Und Seine Worte sind ein lauter Ruf voll Liebe und Weisheit; denn also spricht der heilige, liebevollste Vater:

[HGt.01_088,14] ,Höret, Kinder Meiner Liebe, und begreifet es wohl in euren Herzen: Ich bin ein einiger, ewiger Gott, Schöpfer aller Dinge aus Mir und Vater Meiner Liebe und aller derer, die aus ihr sind.

[HGt.01_088,15] Ich bin ewig frei und ungebunden, und Meine Liebe ist die Seligkeit Meiner ewigen Freiheit selbst.

[HGt.01_088,16] Alle Geschöpfe sind keine Notwendigkeit, sondern nur den Geschöpfen sichtbare Zeichen Meiner allerhöchsten, vollkommen freien Macht und der daraus hervorgehenden Seligkeit aller Seligkeiten. Was sollte oder könnte Mich nötigen, also oder anders zu handeln?!

[HGt.01_088,17] Was ihr ,Gesetz` nennet, ist bei Mir die höchste Freiheit in aller Seligkeit Meiner Liebe; was ihr aber ,Freiheit` nennet, ist nur Meine freie Macht. Daher lebet der Liebe, lebet der ewigen Liebe in Mir, so lebet ihr wahrhaft frei! Und die Freiheit des Lebens wird euch erst vollständig belehren, daß das Gesetz der Liebe die allereigentlichste und allerhöchste Freiheit ist, und daß das Gesetz und die Freiheit gleich sind einem Kreise, der überall sich selbst begegnet und sich frei macht durch die Ordnung, in welcher er sich ewig baut in der unendlichen Vollkommenheit!

[HGt.01_088,18] Daher liebet, so ist das Gesetz euch untertan und ihr seid vollkommen frei wie Ich, euer Vater! Amen.`"

 

89. Kapitel

[HGt.01_089,01] Und der Adam erhob sich, faltete die Hände, hob die Augen gen Himmel, das Herz zu Mir und sagte in hoher Rührung und vollster Erhebung des Herzens zu Mir: ,O Vater, großer, heiliger Vater, o Du ewige Liebe! Wie kann, wie soll ich Dir denn danken?!

[HGt.01_089,02] Wir waren nicht, - Du ließest uns werden, auf daß wir uns hoch erfreuen über unser so überseliges Dasein in Deiner unendlichen Liebe, Erbarmung und Gnade! Du hast uns also erschaffen, daß wir gleich Dir schon leiblich fast jedes erdenklichen Genusses fähig sind, da wir hören, sehen, riechen, schmecken, empfinden, wahrnehmen und fühlen, ja sogar mit großer Kraft lieben können - Dich über alles und unsere Kinder wie unser eigenes Leben.

[HGt.01_089,03] Wir können gehen, stehen, liegen, sitzen und können uns wenden nach Belieben und beugen alle unsere Glieder tausendfach und drehen nach allen Seiten den Kopf und die Augen; und unsere Zunge hast Du gesegnet, auf daß sie führe eine lebendige Sprache der Liebe aus Dir zum gegenseitigen Verständnisse! Oh, wer könnte Dir danken nach Würde und Billigkeit; denn unermeßlich sind die großen Liebestaten an uns unendlich kleinen Empfängern!

[HGt.01_089,04] Oh, wie gar nichts wären wir aus uns; daß wir aber etwas sind, sind wir ja nur aus Deinen Liebestaten, und unser Leben ist Deine Liebe und all unser Wissen Deine Gnade!

[HGt.01_089,05] O Vater, überguter, großer, heiliger Vater! Unser gedemütigtes Herz, nun voll kindlicher Liebe zu Dir, sieh gnädigst an und nimm es an als den besten Dank, den wir Dir darzubringen vermögen; denn unsere Zunge hängt zu sehr ab von Deinem Segen, wenn sie etwas vollkommen Deiner Würdiges hervorbringen soll. Und bringt sie dann etwas zum Vorscheine, dann ist es nicht mehr unser, sondern allzeit nur Dein Werk; Dein Wort und Werk aber ist Dir ja ohnehin ewig das allergrößte Lob, ob an sich selbst, oder ob an unserer Zunge!

[HGt.01_089,06] Daher haben wir nichts, das du uns vollkommen zu eigen ließest, als die Liebe und die Sünde.

[HGt.01_089,07] O Vater! Hätte ich die Liebe nicht, was hätte ich dann denn die Sünde und den Tod? Könnte ich Dich auch in der Sünde loben und im Tode preisen?!

[HGt.01_089,08] Darum gabst Du mir die Liebe, daß nicht die Sünde und der Tod mein Werk seien allein, sondern auch die Liebe und ihre lebendigen Werke, damit sie seien aus der Liebe pur mein und aus Deiner Gnade und Erbarmung aber ganz allein nur Dein!

[HGt.01_089,09] O heiliger Vater, da ich allein die Weisheit hatte, konnte ich kein Werk verrichten denn das der Sünde und war genötigt, Dich zu loben und zu preisen mit meinen Sünden! Du nahmst damals das unreine Lob auf, als wäre es ein reines aus Deiner und dadurch auch meiner Liebe, während es doch nur ein unreines Werk der Sünde war!

[HGt.01_089,10] Ich schied die Kinder durch das gerecht scheinende Urteil meiner von Dir mir eingehauchten Weisheit. Und da ich des Glaubens war, als wäre die Weisheit mir zu eigen, so war mein Werk eine Sünde; und so lobte ich Dich in meiner Sünde und wäre daran zugrunde gegangen. Nun aber gabst Du mir die Liebe und nicht mehr Weisheit, denn soviel derselben die Liebe fassen kann, auf daß ich nicht mehr zerstreuen, sondern sammeln soll. Da in der Zerstreuung der Tod, in der Sammlung aber nur das Leben wohnt, so laß mich nun wieder sammeln in und durch die Liebe alle, die ich zerstreut habe durch die übel angewandte Weisheit.

[HGt.01_089,11] Ich danke Dir, lobe und preise Dich, heiliger Vater, daß Du den Henoch und den Fremdling uns gegeben hast, auf daß sie uns zuvor blind machten in der Weisheit, damit wir dann erst in der versammelnden Finsternis fähig wurden, das Feuer der Liebe aus Dir, worin allein das Leben waltet in aller Sammlung - wie in der Weisheit der Tod der Sünde durch die Zerstreuung -, aufzunehmen! O laß aber nun dieses Feuer zu einem gewaltigen Brande in uns werden, auf daß es verzehren möge alle unsere Torheit und verschlingen alle unsere argen Werke!

[HGt.01_089,12] Laß uns alle in Deiner Liebe und Erbarmung uns wiederfinden und versammeln in Deiner Erbarmung und Gnade, und laß uns morgen an Deinem heiligen Sabbate eine neue Feier der Liebe begehen, in welcher wir Dir, o heiliger Vater, einen wohlgefälligeren Dank-, Lob- und Preisdienst darzubringen glauben und in aller Liebe hoffen - denn früher in aller unserer vermeintlichen Weisheit und ungerechten Gerechtigkeit.

[HGt.01_089,13] O überguter, heiliger Vater, laß unsere Einladung den ersten Schritt sein, der uns alle wieder zu Dir führen soll jetzt und ewig! Amen.

[HGt.01_089,14] Und ihr, Henoch, Asmahael, Seth und Kenan, gehet hin zu den Kindern und erwecket sie in der wahren Liebe und wahren Freiung und ladet sie zur Sammlung des Lebens für morgen und tut mit ihnen, was euch die Liebe gebeut; was ihr aber tut, das tut im Namen Jehovas jetzt und allzeit ewig! Amen."

 

90. Kapitel

[HGt.01_090,01] Und alsbald erhoben sich die Benannten und verfügten sich zu den noch immer auf den Angesichtern ruhenden Kindern und richteten an dieselben das liebreiche Gebot Adams aus, das da war ein Gebot der Freiheit oder eines, das das Gefangene wieder frei macht, weil es ein Gebot der Liebe ist.

[HGt.01_090,02] Nachdem sie ihren Auftrag beendet hatten, erhoben sich alsbald die Kinder und lobten und priesen Mich, da Ich Adams Herz erweicht hätte, ohne welche Erweichung sie Adam nicht mehr angesehen haben würde und sie offenbar hätten verschmachten müssen, wenn sie noch länger wären vom Abende gedrückt worden.

[HGt.01_090,03] Als aber Henoch wahrgenommen hatte ihre im Ernste und in aller Wahrheit frommen Herzens dankbare Stimmung gegen Mich wie auch gegen die Erzväter, sammelte er sich alsbald im Geiste Meiner getreuesten Liebe und richtete folgende Worte aus Mir an die nun erwachten Kinder des Abends, sagend nämlich:

[HGt.01_090,04] ,Höret, liebe Brüder und Schwestern in Gott, unserm Gott, der da ist ein mächtiger Herr über alle Dinge und unser aller liebevollster, heiliger Vater, wie auch in Adam, der da ist ein geschaffener Erstling aus der allmächtigen, ewigen Liebe Gottes und ist unser aller Leibesvater:

[HGt.01_090,05] Das Gebot, das euch mit ehernen Banden hart geschieden hielt im lichtschwachen und liebekalten Abende, ist nun, als wäre es nie ein Gebot gewesen. Die große Wärme der ewigen Liebe Gottes hat die ehernen Bande zerfließen gemacht, wie der hohe Sommer das starre Eis auf den hohen Bergen, und gab euch nun ein anderes Gebot, ein Gesetz, daß ihr frei sein sollet, vollkommen frei, also wie ich und all die Väter vollkommen frei sind in der lebendigen Liebe zu Gott, der da Selbst die allerhöchste und allerreinste Liebe ist ewig, durchaus in und für Sich das Leben alles Lebens Selbst.

[HGt.01_090,06] So ihr Ihn mehr lieben werdet denn euch selbst, eure Alten und eure Kinder und alles, was die Erde trägt und gibt, da erst werdet ihr in euch erkennen, was das heißt: Frei sein in der Liebe zu Gott!

[HGt.01_090,07] Dann wird euch Gott erwecken. Und wie ihr bis jetzt waret voll Angst und Kummer unter des Gebotes der Weisheit hartschwerem Drucke und seid nun geworden voll Freude ob der Freiheit, da wir euch erweckten aus der blinden Ehrfurcht langem Schlafe auf das Geheiß Adams, - also, und zwar in einem unaussprechlich höheren Verhältnisse erst, werdet ihr jubeln, wenn Gott zufolge eurer großen Liebe zu Ihm euch selbst im Geiste und aller Anschauung der höchsten Wahrheit aus Sich zum ewigen Leben der Seele wie des Geistes vereint erwecken wird!

[HGt.01_090,08] Wahrlich, wer von euch heute beginnen wird, der soll morgen schon sich eines hochgesegneten Herzens erfreuen! Wer aber zögern wird in der Liebe und wird vielmehr beschäftigen seinen Verstand, bei dem wird auch Gott zögern und wird statt des Segens geben dem Verstande harte Steine zu kauen, die bei weitem eher Meister der schwachen Zähne werden als diese Meister der unzerkaulichen, überharten Weisheitssteine!

[HGt.01_090,09] Frage sich aber ein jeder selbst, was da leichter sei: Gott zu lieben, wie Er ist unser aller liebevollster, heiliger Vater, oder Gott zu erkennen, wie Er ist Gott von Ewigkeit in Seines unendlichen Geistes ewiger Macht, Kraft, Herrlichkeit, Weisheit, Heiligkeit, Ordnung und Liebe!

[HGt.01_090,10] So du aber deinen Bruder zwingst, auf daß er dir enthülle seines Herzens Geheimnisse, siehe, da verbirgt dein Bruder vor dir Forschendem sein Herz, und du erfährst nichts von ihm denn eine Rüge, die dich zurechtweisend ermahnt, deine törichte Begierde im Zaume zu halten und dich nicht zu kümmern um die Geheimnisse des Herzens deines Bruders, sondern um seine Liebe nur, ob es dich liebt, wie du es liebst; wenn du dich aber nicht kümmerst um das, was allein deines Bruders ist, sondern liebst ihn dafür zehnfach mehr denn dich selbst, - siehe, wenn dein Bruder solches merken wird aus deinem Herzen, da wird er auftun seines Herzens Türe vor dir und wird dich über alles belehren, was dir entweder nützen und dich höchst erfreuen oder dich doch zuallermindest voll Vertrauen zu deinem Bruder machen kann!

[HGt.01_090,11] Sehet, liebe Brüder, eben also ist es auch bei Gott! Wer vermöchte je Gott zu zwingen, daß Er Sich einem zeigen und enthüllen solle?! Und täte Er's, wer möchte es fassen und bleiben am Leben?! So ihr aber Gott liebet über alles, da wird Er euch führen und leiten in alle Weisheit und allerhöchste Erkenntnis von Ewigkeit zu Ewigkeit mehr und mehr - je nach der Fähigkeit und Größe der Liebe, die ihr zu Ihm in eurem Herzen heget!

[HGt.01_090,12] O liebe Brüder, daher forschet nicht und sorget nicht für den Verstand, sondern liebet Gott, unsern aller liebevollsten, heiligen Vater aus allen euren Kräften über alles, so werdet ihr in einem Augenblicke mehr empfangen, als euer Verstand in seiner größten Schärfe höchst unvollkommen in Jahrtausenden enträtseln möchte!

[HGt.01_090,13] Liebe ist die Wurzel aller Weisheit; daher liebet, wollt ihr wahrhaft weise werden! So ihr aber liebet, da liebet der Liebe und nie der Weisheit wegen, so werdet ihr wahrhaft weise sein!

[HGt.01_090,14] Ihr seid nun frei im Abende; aber die Liebe wird euch erst vollkommen frei machen im Herzen. Kommet morgen, kommet alle in der Liebe zur neuen Feier des Sabbats in der wahren, freien Liebe zu Gott! Amen!"