Raphael

Es gehört wirklich nur ein Ton dazu, unser Herz erzittern zu machen - in der Wonne der Liebe zum Vater - und damit in der Neuwerdung unseres Wesens! Dieser Ton, der verborgen in allen Werken Gottes ruht, wurde an einer Stelle des Lorberwerkes (19Großes Evangelium Johannes, Band 4, Kapitel 22,5)   nur ein wenig angerissen. Es ist die Stelle, an der Jarah, des Wirtes Ebahls Töchterchen ihren Lehrer Raphael, der in der Urzeit Henoch, Verkünder des göttlichen Wortes war, um einen himmlischen Gesang bittet. Raphael, der zur Zeit Jesu kein irdischer Mensch war, sondern ein Engel des Herrn in leichter materieller Umhüllung, läßt nur einen Ton zu, weil ein Mehr das Leben der Zuhörer kosten würde.

"Als Ebahl dieses ausgesprochen, sagte Raphael: "Nun horchet und passet wohl auf! "

Daraufhin vernahmen alle wie aus weiter Ferne einen zwar sehr schwachen, aber so unbeschreibbar reinsten Ton, daß sie alle in eine Entzückung gerieten und Zinka in einem großen Enthusiasmus ausrief "Nein, so singt kein irdischer Sänger! So  kann nur ein Gott singen oder mindestens ein Engel Gottes!"

Der Ton aber ward nach und nach stärker; lebensvoller und mächtiger: In der größten Kraft wie von tausend Posaunen ausgehend, klang er wie ein Quartsextakkord in Des-Moll, von der kleinen in die eingestrichene Oktave mit der Wiederholung der Oktave reichend, nahm darauf wieder ab und verlor sich am Ende wieder in ein schwächstes As (eingestrichen) von nie vernommener Reinheit.

Alle waren von diesem einen Tone so entzückt, daß sie in eine Art Betäubung ihres Sinnenlebens übergingen und sich in einer gewissen Ohnmacht befanden. Der Engel mußte sie erst alle wieder auf Meinen Wink beleben. Alle erwachten darauf wie aus einem seligsten Traume, und Zinka, voll Enthusiasmus, stürzte auf den Raphael zu, umarmte ihn mit aller Gewalt und sagte: "Junge! Du bist kein Sterblicher! Du bist entweder ein Gott oder ein Engel! Ja, mit dieser Stimme mußt du ja auch die Toten erwecken und alle Steine beleben können! Nein, nein, nein! So einen überhimmlischen Klang hat wohl noch niemals irgendein Sterblicher auf der ganzen Erde vernommen! 0 du überhimmlischer Junge du! Wer lehrte dich denn solche Töne aus deiner Kehle erklingen machen?!

Oh, ich bin ganz weg! Noch zittern alle meine Lebensfibern von der unbeschreiblichen Schönheit und Reinheit dieses Eintons! Mir kam es nicht einmal vor; als hättest du den unerhört reinsten Ton aus deiner Kehle entwickelt, sondern so kam es mir vor; als hätten sich alle Himmel aufgetan und eine Harmonie aus dem Munde Gottes wäre über die tote Erde ausgegossen worden!

0 Gott, 0 Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, - Du bist kein leerer artikulierter Mundlaut! Du bist allein die Wahrheit und die reinste, ewige Harmonie! Ach, dieser Ton, dieser Ton! Ja, dieser Ton gab mir alles Verlorene, er gab mir meinen Gott, meinen heiligen Schöpfer und Vater wieder; er war für mein Gemüt ein reinstes Evangelium aus den Himmeln! Was vielleicht tausend und abermals tausend Worte nicht vermocht hätten, das bewirkte dieser eine Ton aus den Himmeln; er hat an mir einen Menschen vollendet! Mein ehedem steinernes Herz ist wie Wachs an der Sonne und so zartfühlend wie ein hängender Tautropfen!

0 Johannes, dessen Todesverkünder ich mit dem gebrochensten Herzen sein mußte! Hättest du solch einen Ton im letzten Augenblick deines irdischen Seins vernommen, wahrlich, dir müßte des Leibes Tod zur lichtumstrahlten Pforte in die Himmel Gottes geworden sein! Aber in dem dunklen Kerker; der dich Geheiligten Gottes barg, hörte man nur Töne des Jammers, der Not und der Trauer!

0 Menschen, Menschen, Menschen! Wie arg muß es in euren Herzen und wie finster in euren armen Seelen aussehen, die ihr das nicht vernommen habt, was ich nun vernommen habe, und das auch nicht fühlen könnet, was ich nun fühle und zeit meines Lebens fühlen werde! 0 du großer, heiliger Vater im Himmel, der Du ein vollebenswarmes Flehen auch eines Sünders niemals unerhört gelassen hast, - wenn ich dereinst von dieser Kummer- und Totenwelt scheide, dann lasse mich ein paar Augenblicke zuvor noch einmal einen solchen Ton vernehmen, und ich werde allerseligst diese Erde verlassen, und meine Seele soll darauf ewig loben Deinen allerheiligsten Namen!

Nach diesen schönen und aller Anwesenden Gemüter tief erbauenden Exklamationen des Zinka sagte die Jarah: '0 Raphael, Raphael! Welch ein ganz anderes Wesen bist du nun, als du vormals warst! Du hast mir ja ganz mein Herz zerbrochen! Ach, hättest du den Ton doch lieber gar nicht gesungen!'

Sagt Raphael: 'Warum hast du mich dazu genötigt?! Ich wollte es ja eigentlich ohnehin nicht; aber da ich den Ton nicht mehr zurücknehmen kann, so macht das gerade auch nichts! Denke dabei, daß in den Himmeln Gottes alles diesem Tone gleichen muß, so wirst du dich für die Folge desto ernster bestreben, dein Leben so einzurichten, daß es in allen seinen Erscheinungen, Wirkungen und Einrichtungen diesem einen Tone gleicht; wessen Leben aber nicht diesem Tone gleichen wird, der wird in das Reich der ewigen und reinsten Liebe nicht eingehen '.

Weitere Hinweise zu Musik finden sich u. a. in der "Natürlichen Sonne" im Kapitel über den "Miron"  ( ), sowie gegen Ende des "Bischof Martin" über die Wirkungen des Sonnenkonzertes auf die Anwesenden.