Abreise von Edessa mit der Karawane des Iwano nach Patmur zur Herberge des Nikolaus

Es war der Wunsch des Jakobus, dass sich niemand einfinden sollte beim Scheiden von Edessa. Die dankbaren Edessaer aber ließen es sich nicht nehmen, die Karawane eine Stunde noch zu begleiten, die den Jünger Jesu nach Patmur zu bringen hatte. Der Karawanenführer Iwano, welcher dem Christentum sehr geneigt war, konnte es kaum fassen, den scheidenden Menschen noch solch ein Opfer zu bringen. Er nahm sich vor, mit den seltenen Menschen sich mehr wie gewöhnlich zu beschäftigen. Die Karawane war stark, 20 Wagen, beladen mit persischen Teppichen und Stoffen, dazu eine Begleitung, weil es unruhige Zeiten waren, die Treiberdienste verrichteten.

Jakobus war dem Karawanenleben nicht fremd, die Art aber, wie Iwano seine Leute behandelte, zwang ihm größte Achtung ab.

Jakobus der am ersten Tage noch einmal Rückschau hielt, war innerlich befriedigt, ganz wunschlos gab er sich hin, weil es ihn immer lebendiger machte.

Iwano bemerkte dieses, fragt aber trotzdem Jakobus, was ihn so beglückte. „Ja, lieber Iwano, es ist schwer zu sagen, dieses oder jenes beglückt mich, da ich ja aus dem Glück gar nicht herauskomme. Mein Leben ist eine Kette von Freude und Glück, die für dich unvorstellbar ist.“

Iwano: „Aber Freund, bleibe nur bescheiden, wer weiß, wann du wieder so einen Abschied erlebst wie in Edessa. Hetmann erzählte mir schon von den Ereignissen im Königshause und bei der Witwe Helena, aber glaube mir, das Volk vergisst auch so leicht.“

Jakobus: „Nach deiner Meinung ja, aber was ich bringe, vergisst man nicht mehr, sondern es wird tagtäglich wieder neu! Siehe in Edessa findest du keinen Götzen mehr, sondern alle sind gewonnen für den Liebemeister Jesus, auch die Priester und diese besorgen mit Freuden, die Gnade des Herrn allen zu offenbaren.“

Iwano: „Mir ist alles ein Rätsel, wie du dieses alles fertig bringst. Ich bin auch ein Anhänger dieses deines Jesu, aber deswegen vergesse ich auch meine Pflichten nicht und bleibe doch der alte Iwano.“

Jakobus: „Höre lieber Iwano, ich möchte dir auch keinerlei Vorschriften machen, da ja ein jeder Mensch Schöpfer seines Glückes und Gestalter seiner Innenwelt ist. Ich bin nicht gedungen, eine neue Lehre zu verbreiten die Jesu von Nazareth uns Wort für Wort ans Herz legte, sondern um zu zeugen von dem Leben, welches sich in mir offenbart, da ja Jesu Geist ganz mein Eigentum geworden ist. Auch mein Handeln geschieht in diesem Geist, darum bin ich wohl ein Diener der Liebe. Der Ausführende ist der Herr selbst, kannst du mich verstehen?“

Iwano: „Ich kann dich verstehen, aber es sind noch Dinge, die mir unbegreiflich erscheinen. Z.B. Zeno, der Oberpriester, dessen Amt es war, die Seelen im heidnischen Irrtum zu festigen, jetzt ist er Priester der von dir gegründeten Gemeinde. Wäre es nicht richtiger gewesen, einen anderen Priester zu wählen? Ebenso ist Hetmann und Hermes geblieben, versprichst du dir davon Gutes? Warum nahmst du keinen Geheilten?“

Jakobus: „Mein Freund, nach menschlichen Begriffen hast du recht, aber der Herr ist der Anordnende und der Ausführende. Ein Geheilter würde der Gemeinde dienen aus Dankbarkeit für den Herrn, die Gewonnenen aber dienen aus Liebe zum Herrn, weil sie ihr Herz ganz geöffnet haben der Gnade aus Jesus dem Herrn.“

Iwano: „Aber Freund, du bringst schon wieder ein Rätsel, indem du sagst, der Herr sei der Anordnende und Ausführende. Was mein Herr anordnet führe ich aus, denn wozu ein Anordnen, wenn ich selbst der Ausführende bin?“

Jakobus: „Iwano, hier ist ein großes Geheimnis, offenbar wird es aber nur denen, die sich die Lehre des Herrn Jesu aneignen und in seinem Geiste bleiben. Der Mensch ist das Bindeglied zwischen Gott und Mensch, der Schöpfer und den Geschaffenen. In seiner Mission ist Er als Geschöpf die Krone aller Schöpfungen, da Er ja die ganze Schöpfung, ja das ganze all nach den geistig göttlichen Gesetzen in sich trägt.

Freilich, der natürliche Mensch ahnt ja dieses nicht, da der Mensch nach den Göttlichen Gesetzen sein Leben einrichtete. In diesem Zustand war der Mensch noch Herr über das Geschaffene. nach innen aber war er Diener des großen Geistes, der seinen eigenen Geist in aller Klarheit und in die Wesenheit Gottes führte. Mit der Zeit aber verlor sich der Mensch nach außen, die Folge war, er hörte auf, ein Herr des Geschöpflichen zu sein und wurde dafür dessen Sklave. Die Offenbarungen des großen Geistes hörten auf nach dem Grade des Verlierens und das Innere des Menschen erstarb.

Gott aber, der sein Werk nicht untergehen lassen will, wurde darum Mensch und brachte damit nicht nur den Menschen, sondern allen Geschaffenen die willkommene Erlösung. Der Mensch aber, der mit allen Fasern und Wurzeln seines Seins mit dem geschöpflichen oder dem vergänglichen verwachsen ist, wehrt sich gegen diese Lösung, da dieselbe nur zu erreichen ist, wenn er sich dem Geiste Gottes zuwendet, der die Erlösung brachte.

In dem Augenblick, wo du, Iwano, dich dem Ewigen zuwendest. wirst du lebendig, du suchst und forschest, immer tiefer dringst du in das Wesen des Gottesgeistes ein und lernst dich dabei erkennen, wie auch alle die in dir ruhenden Dinge, die dich abhalten, in Verbindung zu bleiben mit dem Gottesgeiste. In diesem Erkennen deiner selbst kommt dir Gott näher und näher und die Sehnsucht, immer klarer zu schauen, weckt auch die Liebe zu dem Göttlichen bis endlich alles offenbar geworden ist. Kannst du mich richtig verstehen?“

Iwano: „O, sehr gut, lieber Freund, aber dieses ist mir nicht klar, dass Gott gerade den Menschen dazu braucht, um Seine Schöpfung zu vollenden.

Gut, in dem Heiland Jesu wurde Gott Mensch, dies ist mir faßbar. Warum aber macht Gott die Umwege und braucht nicht Gewalt? Warum eine Entwicklung, die Jahrhunderte, ja Jahrtausende dauern könnte, wenn es in wenigen Monaten zu erreichen wäre, dies ist mir unklar.“

Jakobus: „Iwano, wenn du den Herrn als ewige Liebe erlebst, wird dir alles licht und klar sein; wenn Gott nur aus Seiner Allmacht geschaffen hätte, dann freilich wäre auch die Menschwerdung Gottes überflüssig gewesen. Der Mensch ging aber aus der großen Gottesliebe und Weisheit hervor und wurde berufen zu einem freien göttlichen Leben.

Du kennst doch so vieles in der Welt. Am vertrautesten sind dir deine Tiere, du kennst ihren Charakter, ihre Eigenarten, ihre Gesetze, die zur Fortpflanzung und Erhaltung nötig sind, aber nie wirst du oder ein anderer zu einer anderen Wesensart sie erziehen können, da das ewige Gesetz ihnen auf- und eingedrückt ist.

- Anders die Menschen - da ist alles frei und alles muss gezogen und erzogen werden. Nach dem Maße der Erziehung wird sich der Mensch bilden. Er kann auf eine hohe, aber auch auf eine niedere Stufe gezogen werden, was bei einem Tier nie der Fall sein kann. Warum wohl dieses? Weil in der großen Freiheit des Menschen das Gesetz der herrlichen Liebe verankert ist und der Teil aus Gott zu einem Bestand des Menschen wird, ja noch mehr, dieser Teil aus Gott macht den Menschen erst zum Menschen.“

Iwano: „Mit wenigen Worten hast du mir viel gesagt. Nun verstehe ich den Heiland Jesus, Der da sagte: `Kommet her zu mir, Ich will euch Helfer und Heiland sein, da Ich gesandt bin vom Vater im Himmel!` - Aber noch ist mir nicht klar, Gott wurde Mensch, lebte wie ein Mensch und musste gleich einem Menschen ringen und schaffen, wo doch die göttlichen Kräfte sich von allem Göttlichen nicht trennten und trennen können.

Wie kann dann die Erlösungstat des Gottmenschen etwas Großes sein, da ihn ja alle Mittel zur Verfügung standen? Ich weiß, der Tod am Kreuz ist hart, überhaupt für einen Gerechten. Was bedeutet es aber für einen mit göttlichen Kräften erfüllten Menschen, auf diese Art zu sterben? Hier steigen mir immer und immer wieder Fragen auf, die noch unbeantwortet sind.“

Jakobus: „Iwano, es ist gut, dass du dich dieser Fragen entäußerst. Es ist nicht gut, des Herrn Leben, Geist und Wesensheit nach menschlichem Ermessen zu beurteilen. Gott wurde Mensch, dieses glaubst du, gut. Nun musst du in dir klar werden, warum wurde Gott Mensch - warum wohl diese Umwege, wie du dies ausgedrückt hast.

Nun höre: Da die Freiheit vieler geschaffener Großgeister, vor allem des größten Lichtgeistes, missbraucht wurde, trennte sich im Herzen Gottes die Liebe von Seiner Allmacht und wuchs zu einer Wesenheit, die alles Trennende und Verlorengehende mit starker Kraft umfasste und nach einem Mittel suchte, das Erhaltung und Vollendung bringt. So wurde diese Liebe zum Sohn zum Menschen. Um aber eine vollkommene Erlösung zu bringen, musste sich ja der Sohn umkleiden mit dieser Materie, die Erlösung brauchte.

Es ist eine falsche Vorstellung, so du glaubst, dem Menschensohn Jesus sei alle göttliche Kraft und Macht gleich einem Geschenk beigegeben worden. Da bist du in einem großen Irrtum. Ich weiß aus Erfahrung, wie es um das Kind, dem Jüngling und dem werdenden Mann Jesu stand. Alles musste Er sich erringen und aneignen, nicht einen Grad erging es ihm besser als uns, obwohl in Ihm eine starke Seele war. Diese aber war bedingt, da sie ja der Träger des Gottesgeistes in aller Fülle war. Dieser Gottesgeist wurde der Führer in der Seele Jesu! Er war sich Seiner Sendung bewusst darum gab es für ihn kein Ausweichen oder Zweifeln. Das Ziel, welches unablässig vor Seinen Augen und Seiner klar erkannten Mission stand, belebte Seine Liebe zum Erlösungswerke und weckte alle Kräfte, die gleich Samenkörnern in Ihm lagen.

Hättest du Seinen Kampf in Gethsemane gesehen, wie wir Jünger es erlebten, nie würdest du denken, Jesus war mit göttlichen Kräften erfüllt. Im Gegenteil, dort war Er innerlich leer. Er wusste um Seinen Kampf, Sein Leiden und Sterben. Er musste, wie noch kein Mensch, ringen um Beistand und Kraft! Was aber das Schlimmste war, wir verstanden in dieser entscheidenden Stunde den Herrn und Meister nicht.

Kannst du dir nun vorstellen, wie es in dieser Stunde um Jesus stand, ob der großen unendlichen Liebe, die da im Herzen Jesu ausreifte? Es gelang Ihm, das Allerschwerste und Bitterste zu ertragen und Er starb für uns alle, damit wir leben!“

Iwano: „Du, Jakobus; so hat noch keiner mir das Leben vorgestellt, obwohl ich an Ihn glaube. Jetzt aber fühle ich in mir, ich habe Ihm großes Unrecht zugefügt. Wie kann ich dieses wieder gut machen?

Jakobus: „Iwano, der Mensch Jesus, der aus Liebe zu den Menschen sterben konnte, hat auch deine Schuld gesühnt und dich obendrein mit Seinem Liebegeist beschenkt! Ist dein Glaube ernst, dann bleibe nicht beim Glauben stehen, sondern ergreife dieses Jesusleben, mache glücklich wo du es vermagst, hilf allen Bedrängten und Bedrückten, dann ruht nicht nur Sein Auge, sondern Seine ganze Liebe und Gnade auf dir und du wirst den Segen gewahr, der von Seiner Liebe und Gnade ausgeht!

Wieviel Großes schuf Seine Liebe in Edessa! Es ist erst der Anfang; denn in den Herzen derer, die in Liebe zum Herrn stehen, ersteht eine Saat, die herrliche Frucht hervorbringt!“

Iwano: „Jakobus, wie machst du es bloß, dass du mit Ihm, dem Heiligen, verbunden bist. Der Tod hat ja nicht die geringste Lücke in dir gerissen, oder siehst du Ihn immer noch wie Er euch erschienen ist?“

Jakobus: „Iwano, liebe Ihn und aus dieser Liebe alle Menschen, dann ist alles in dir lebendig. Gerade dieses Leben ist ja der Beweis, dass Jesus lebt. Nicht im Geringsten fehlt mir der Meister. Sein Tod war ja für mich das Sprungbrett in dieses Leben und Sein. Ohne Seinen Tod wären wir die Alten geblieben und das Gesetz lastete noch wie ehedem auf uns, aber Dank Seiner großen Opferliebe fließt uns Stunde um Stunde Leben und Kraft zu, nach dem Maße unserer Liebe zu den Menschen in Seinem Liebegeiste!“

Iwano: „Ich danke dir Jakobus, deine Worte zeigen mir klar meinen Weg; denn nun kenne ich einen besseren Weg -Jesus-.“

Es wurde heiß; an einem bewaldeten Hügel ließ Iwano seine Karawane halten, denn Menschen und Tiere brauchten Ruhe und Stärkung. Wie gewohnt fuhren die Wagen zusammen, die Tiere wurden freigelassen, sie suchten ihr Futter, nur an Wasser mangelte es. Als erfahrener Karawanenführer fand er feuchte Stellen, wo er nach Wasser graben ließ, aber heute versagte sein Wissen.

Jakobus aber, der ihn begleitete, sagte: „Iwano, Jesus in dir weiß auch um Wasser. Warum versuchst du nicht, mit Ihm welches zu suchen? Er ist doch ein Helfer und Beistand in äußeren Dingen.“ Iwano: „Daran habe ich noch nie gedacht, Jakobus, deine Rede aber sagt mir, dass du um eine Quelle weißt. Ich bitte dich, zeige mir den Ort.“

Jakobus: „Dort bei den großen Steinen findest du in Überfülle Wasser. Du mußt aber 10 Fuß tief graben lassen.“ Iwano: „Jakobus, wenn ein anderer mir das sagen würde, würde ich ihn auslachen, dir aber glaube ich!“

Es war auch so, gutes reines Wasser füllte sich in dem Loch, welches Iwano graben ließ. Von den Treibern wurde deshalb Jakobus göttlich verehrt. Iwano erlebte an dem Jakobus immer Neues, nur einmal wurde er irre, als ihm ein Tier verloren ging, indem es sich ein Bein brach. „Warum - warum offenbarte es der Heiland nicht“, klagte er, „wir hätten mehr Vorsicht walten lassen müssen durch diese steinigen Gegenden.“

Jakobus aber blieb ganz ruhig und sagte: „Iwano suche auch hier noch etwas zu finden, was sich als Gnade und Führung offenbart! Nie wird sich in deiner Welt etwas ereignen, was dir nicht von dauerndem Nutzen sein könnte. Gewiss, es ist schade um das Tier, aber größer ist der Gewinn des Gottesanteils in dir,- so du dich ergeben auf die Führungen Gottes einstellst! Mit Klagen erschwerst du dir und den deinen den Dienst, während in Geduld und Hingabe sich Ruhe in dir und um dich ausbreitet!“

Endlich kommen sie in belebtere Gegenden, wo Iwano wieder in einer Herberge einkehren kann und die Treiber, vor allem den Tieren, die rechte Ruhe und Pflege angedeihen lassen konnten.

 Inhaltsverzeichnis Band III