Jakobus erzählt eine Begebenheit im Hause Josefs

„Liebe Freunde;“ erwiderte Jakobus, „gern komme ich dieser Bitte nach und so will ich euch eine Begebenheit schildern, die nicht weiter bekannt ist, weil darüber zu schweigen geboten wurde, bis alles erfüllt ist.

Vater Josef war tot und rechte Trauer bewegte unsere Herzen, denn wer den Vater Josef gekannt hatte, wusste, was wir verloren hatten. Zu unserem Leidwesen trauerte Jesu aber nicht und wir waren enttäuscht über ihn. Wir konnten einfach nicht verstehen, wie es möglich war, da ein so geliebter Mensch von uns gegangen ist, man es noch als Freude hinnimmt. Es kamen später die Verwandten in unser Haus. Bei uns fanden oft Trauerkundgebungen über Heimgegangene statt und Jesus ging jedes Mal fort. Maria, die um Jesus viel leiden und dulden musste, fand nicht immer die rechten Worte, um die Besucher und Verwandten zu beruhigen und so wurde mancher Unfriede um Jesus willen in unser Haus getragen.

An einem Vorsabbat kamen auch wieder Bekannte und ein neuer Priester der wohl Josef kannte, aber um Jesus sich noch nie gekümmert hatte. Jesus war in der Werkstatt und machte eine Arbeit fertig, die längst fertig sein sollte. Wir Brüder hatten schon mit der Arbeit Schluss gemacht und Joel, der ältere Bruder, war außer dem Hause.

Unsere Stube war voll und Maria war benommen von den vielen Reden und konnte in ihrer Bedrängnis auch nicht die rechten Worte finden. Der Priester hatte sich aber Maria zum Ziel genommen und verlangte, Jesus solle aus der Werkstatt kommen, da ja Vorsabbat sei und dann sei Josef es wert, um ihn recht zu trauern. Es wäre endlich an der Zeit, diesen Störenfried im Hause Josefs und in Nazareth in die rechte Ordnung zu bringen.

Maria verteidigte ihren Sohn nach der Art, wie Mütter ihre Kinder verteidigen, aber da kam sie schlecht an bei dem Priester, und ein Wort ergab das andere; da erschien Jesus in der Stube. Mit großen Augen übersieht Er die Anwesenden und dies muss den Priester geärgert haben, denn er sagte: `O du Giftpflanze im Hause Josefs, da bist du ja, du Schänder des Gesetzes aus Moses! Was muss man wohl tun, um Dich endlich in die rechte Ordnung zu bringen? Du wärest wert, man brächte Dich zu den wilden Tieren!`

`Das ist ja gar nicht nötig,` erwiderte Jesus - `denn unter wilden Tieren befinde ich mich schon!`

Der Priester ist außer sich vor Wut und schreit: `Ist das die Achtung, die Du dem Gesalbten Jehovas entgegenbringst? Dich werde ich Achtung lehren`, und schon wollte er einen Fluch aussprechen.

Da sagte Jesus mit ruhiger Stimme: `Halt ein, Unseliger und entweihe das Haus Josefs nicht, das Josef zu einem Tempel machte. Damit du aber, bis du anderen Sinnes geworden bist, kein Unheil mehr anrichten kannst, sollst du taub und stumm sein – und nun gehe und verlasse dieses Haus und komm erst wieder, wenn du ernstlich bereut hast!`

Der Priester wollte Worte aussprechen, aber nur unverständliche Laute entquollen seinem Munde und wie von Furien eilte er aus dem Hause.

Maria ist ganz verzweifelt, sie spricht: `Jesus, was tatest du, ein jedes Wort ist Himmel oder Hölle, es ist so schrecklich, dich nicht ganz verstehen zu können!`

Jesus spricht: `Wenn dir alles so schrecklich ist, so du Mich nicht ganz verstehen kannst, warum ist es dir nicht schrecklich, wenn man aus deinem Haus eine Hölle macht? An Mir hat es noch nie gefehlt, der Hölle einen Damm zu setzen, denn soviel habe Ich aus Gott bekommen, das, was Mir ein Heiligtum  geworden ist, zu schützen. Da ihr aber alle von einem ganz falschen Wahn erfasst seid, soll euch ein anderer die Binde von euren Augen nehmen.` Er verneigte sich vor den Anwesenden und ging still hinaus.

Schon wollte sich ein Unwetter über Maria erstrecken, auf einmal sehen wir alle Josef mitten in der Stube stehen, angetan mit einem weißen Mantel, der von einem goldenen Gürtel zusammengehalten wurde. Er hebt die Hände und segnet uns und wir alle hören seine uns wohl bekannte Stimme, die da spricht: `Segen über euch alle, die ihr gekommen seid, um mich zu betrauern. Es ist dieses nicht mehr nötig, denn zu trauern habe ich, weil ihr alle weit, weit noch vom Leben entfernt seid, um aber auch dieses Leben zu künden, hatts dem ewigen Gott gefallen, mich euch schauen und hören zu lassen sind um mir das Harte und Schwere noch mehr verständlich zu machen, in welchem Kampf das ringende Leben steht. Mein Geliebter, Schmerz über Schmerz durchzieht mich, so ich an das vergangene Erdenleben denke . Schmerz - weil ich auch nicht verstehen wollte die Führungen Gottes, der um uns und bei uns die größten Anstrengungen macht, allen, allen zu bringen das Leben in der Fülle und die Wege zum Leben aus Gott zu ebnen.

Was ich jetzt erlebe, geht über alles Verstehen. Was ich jetzt an Offenbarungen durchlebe, ist mehr denn Moses und die Propheten. Nur eines ist an meiner Seligkeit nicht zu erreichen, dass der Herr, unser Ewiger Gott bei uns ist, denn Er ist unter euch. Unter euch, im Fleische verhüllt! Was mir im Erdenleben Schmerz und Kummer machte, suche ich jetzt als das Beseligendste und was ich als Mensch als Prüfung betrachtete, sehe ich jetzt als die allergrößte Gnade. Maria, mache dich frei von den Schatten, die die Welt noch um dich wirft, sehe mich in dieser Stunde nicht als einen, der dich belehren möchte, sondern als den Gnadenakt herrlichster Gottesliebe.

Und nun will ich, dass ihr alle um mich dies sehet, die das Leben erfasst haben in aller Fülle. Erschauert nickt, sondern freut euch! Ob es noch einmal möglich sein wird, die Liebe in dieser Offenbarung zu erleben, hängt nur von euch und eurer Liebe ab, da noch nicht in und um euch alles sich dem Leben aus Gott zuneigt. Vergebet einander jede Unliebe und hütet euch vor trüben Gedanken, denn sie setzen dem ringenden Leben einen Damm und sperren die Wege zum Leben. Höret auf mit Trauern. Trauert um die, die das Leben nicht erfassen wollen und ergreifet mit dem Herzen Den, Der euch so liebt, damit ihr später nicht zu betrauern habt, wenn das Leben wieder in das Urleben zurückkehrt. So scheide ich nicht von euch, nur eure Augen werden sich wieder schließen, eurer Entwicklung wegen. Mein Segen und die Kraft meiner Liebe mache euch frei! Amen.`

Vor unseren Augen verschwand das Bild, das wir mit Entzücken schauten und als Letztes verschwand auch der Vater Josef. Ein tiefes Schweigen entstand, bis endlich Maria sagte: `Nun habt ihr selbst die übergroße Gnade erlebt und so bitte ich, lasset uns mit unserer Freude und unserem Schmerz allein. Wie muss es den greisen Josef schmerzen, wenn er sich diese Gnade erbittet, um uns zu sagen, er trauert über uns!`

Wir Brüder aber schwiegen und als Joel nach Hause kam und alles erfuhr, sagte er: `Auf dem Wege nach hier habe ich alles miterlebt, ihr sagt mir nichts Neues, aber wo ist Jesus?`

Wir alle hatten in dieser Aufregung Freude und Schmerz für Jesus keine Zeit gehabt und an diesem Tage ließ er sich nicht mehr sehen. Der Sabbat wurde wie immer gefeiert, aber Jesus war, wie immer, nicht da. Als die Sonne untergegangen war und Maria das Abendmahl bereitete, kam Er und sagte: `Mutter, warum bist du immer noch traurig? Tut nicht die Liebe alles, was sie vermag? Heute bin Ich ein großes Teil dem Leben näher gekommen, wüsstet ihr aber wie, ihr würdet doch wieder etwas finden, was ihr nicht vertragen könnt.`

Beim Abendmahl fragte Maria: `Was hast Du denn heute und gestern eigentlich getan, was wir nicht in Ordnung fänden. Wir haben gestern auch Großes erlebt, was uns vielleicht gegen Dich milder stimmt.`

`Ich weiß es, sagte Jesus, denn auch Ich erlebte Meinen Teil, genau wie du, Joel, nur erlebte Ich es anders als ihr!` `Wieso, fragte Joel, Mein Erleben war derart, dass ich über Vater Josef erfreut bin und die anderen ebenso. Wie war denn dein Erlebnis?` Jesus: `Darüber muss Ich schweigen, aber Ich bitte euch schweigt auch über euer Erlebnis, denn der Tempel hat neue Teufeleien gegen Mich und euch im Sinne. Um aber Mich nicht zu vorzeitigem Eingreifen zu zwingen, werde ich einige Wochen mit dir, Jakobus, über Land gehen und dringende Arbeiten machen.`

`Das geht nicht, Jesus, spricht Joel, ich habe eine Arbeit zu tun beschlossen, die unbedingt fertig werden muss.` Jesus: `Sie wird fertig werden, aber ohne uns beide. Joel, glaube diesen Meinen Worten! Ich kann nicht anders, ich muss um euretwillen hart sein, denn es geht jetzt nicht um Mein, sondern um euer und aller Leben! Warum wollt ihr Mich nicht verstehen, warum seid ihr nicht ganz Eins mit Mir? Haben die Worte des Vaters Josef nicht das Innerste in euch berührt? Heute steht ihr in einem Gnadensein, wie es Millionen von Menschen noch nicht erlebten. Wie wollt ihr aber wachsen, so ihr irre "An Mir" werdet? Seht, in Mir ballen sich die Kräfte und Ich muss Mich zurückhalten, weil es nicht an der Zeit ist, ihr aber möchtet Mich zwingen, herauszutreten aus Meinem Ringen nur. um euch zu gefallen. Und wenn um Mich sich alles auflehnt, Ich gehe Meinen Weg und muss ihn gehen, leider immer allein.

Heute habe ich einen Aussätzigen vor einem großen Unglück bewahrt. Man hatte vergessen, ihm die nötige Nahrung zu bringen und um nun nicht die Schranken der Ordnung und der Gesetze zu durchbrechen, setzte ich Mich zu ihm und habe ihn gesättigt mit gutem Brot und glaubet Mir, heute habe Ich dabei einen Hunger ausgestanden wie noch nie. Ich wusste, dass dieser Hunger Prüfung war. Vor Mir liegt das Brot, welches Ich Mir von dem Vater erbeten hatte für den Hungernden und in dem Überwinden des Hungerns wuchsen Kräfte und die Liebe und auch der Wunsch, diesen Aussätzigen zu heilen, gelang.`

Joel spricht entsetzt: `Jesus, das hast Du heute getan, an einem Sabbat. Wenn das die Templer erfahren, dann wehe über uns!` `Nein,` spricht Jesus, `wehe über sie, denn ich lasse Mich nicht mehr hindern, dem Leben in Mir Schranken aufzubürden und morgen wirst du, Joel, diesen Geheilten aufnehmen und bei dir arbeiten lassen.` Joel: `Aufnehmen werden wir ihn, aber wird er Dich nicht verraten?` Jesus: `Sei ohne Sorge, gerade dieser soll zum Stein des Anstoßes werden, um für alle Zeiten das Haus Josefs von dieser Pest zu befreien. Der stumme und taube Priester wird noch unser Freund und Helfer werden. Bis dahin aber muss alles in Liebe und Geduld getragen werden. Nun will Ich jedoch wieder schweigen, der Feind alles Lebens hat lange Ohren.`

So endete dieser merkwürdige Sabbat. Nach Wochen erst kam dieser Priester wieder in unser Haus. Er hatte sich vom Tempel gelöst, weil er glaubte, nie mehr hören und sprechen zu können und Maria hatte die Gnade, ihn wieder sprechen zu hören. Er wurde ein Freund des Hauses Josefs, aber Jesus mied er aus Angst und um Ihn nicht zu betrüben.“

Da sagte Jenna: „Aber lieber Jakobus, wart ihr wirklich so schlimm, dass ihr den Heiland nicht verstehen konntet?“ Jakobus: „Wir waren es, liebe Jenna! Du musst aber bedenken, wie wir in Furcht und Zittern erzogen wurden. Lieber ließen wir ein Tier an einem Sabbat zugrunde gehen, ehe wir dem Tier geholfen hätten und Jesus half am Sabbat dort, wo es dringend nötig war!“

Amatus: „Jakobus, mit deiner Schilderung hast du mir einen großen Dienst erwiesen, denn nun kann ich Jesus eher verstehen, wie euch Juden. War Jesus der Sohn Josefs?“ Jakobus: „Nach außen ja, lieber Amatus, aber Maria empfing ohne eines Mannes Zutun und hat nur eine Verheißung eines Engels erhalten. Eben darum, weil es die größte Schande war, so eine Jungfrau ein Kind unter ihrem Herzen trug, wurde Josef gezwungen, Maria als sein Weib anzuerkennen, da der Giftbecher, den sie auf Geheiß des Hohepriesters trinken musste, ohne Wirkung blieb. Wir haben alles dieses miterlebt, haben manche Stunde der Angst und des Schreckens durchleben müssen und wurden doch in allem wunderbar bewahrt. Als das Kind geboren war, ging der Segen nie von unserem Haus. Vertrieben, durch die Macht der Feinde, lebten wir in Ägypten und erst nach dem Tode der Feinde zogen wir nach Nazareth, wo wir bis zum Tode des Herrn blieben. Mein Bruder und Maria leben jetzt in Jerusalem, wohin ich jetzt gehe und warte da der Dinge, die mir der Herr offenbart.“ Amatus: „Da freue ich mich auf die Tage mit dir, Jakobus und hoffe, gut mit dir auszukommen.“

Noch lange blieben alle in dem großen Zimmer und noch Vieles wurde besprochen, dann aber sagte Jakobus: „Wir wollen uns nun zur Ruhe begeben und in der Frühe werden wir weiterziehen. Baltasar, bleibe du noch einen Tag, ein dir guter Bekannter ist auf dem Wege und du bekommst Arbeit für den Herrn und Meister! Denke nicht `O könnten wir noch länger zusammenbleiben`, denn, wenn du wieder zurückkommst, wartet viel Arbeit deiner! Nimm alles wie vom Herrn kommend auf und suche auch den Bösen und Falschen noch Segen zu spenden, dann wird deine Arbeit keine Last, sondern Lust und deine Entwicklung eine herrliche sein. denn der Herr und Meister braucht auch dich dringend!

Du Eligius, hast an Jenna eine Priesterin der Liebe, an ihrem Eifer lerne, an ihrer Liebe werden sich noch viele sonnen. Du aber, Jenna, strahle weiter in deiner bräutlichen Liebe, die im Dienst an deinen Mitmenschen sich immer mehr und mehr zu einem Heilandsleben auslebt und fürchte nichts, denn Jesus ist dein Teil und deines Lebens Inhalt! Dein ferneres Leben verwachse mit dem Leben deines geliebten Jesus, und wenn die Zeit kommen sollte, dass du einem Manne angehören willst, dann wisse, dein und unser aller Jesus wird dann diesen deinen Bund segnen mit der Liebe, die du Ihm in deinem Herzen einräumst So empfangt alle den Segen Des Herrn und Seine Liebe sei euer Leben, Sein Friede eure Kraft! Amen.“

 Inhaltsverzeichnis Band III