Jakobus zeigt dem Baltasar seine Innenwelt

Es wurde um und in den beiden ruhig. Baltasar schloss die Augen, aber immer und immer wollte sich nichts an und bei ihm bemerkbar machen. Schon wollte er sich an Jakobus wenden, da zerriss ein Blitz die Finsternis, die durch die geschlossenen Augen entstanden war und in dieser Helle sieht er ein altes Gemäuer mit einer offenen Tür aus der Licht herausfällt. Nun blieb es bei ihm hell und es war ihm, als wenn er durch die geöffnete Tür ging. Zuerst sieht er nichts als nur eine Straße mit einigen alten Häusern, die unbewohnt zu sein schienen. Langsam geht er die Straße entlang, schaut nach rechts und links und nun auf einmal ist es gar nicht so einsam, denn die Häuser sind bewohnt, nur die Bewohner hielten sich verborgen.

Langsam geht er weiter, er hat eine kleine Freude, weil sich die Bewohner so verbergen und am Ende der Straße ist ein kleiner Tempel. Dorthin zieht es ihn mit Macht. Wie er näher kommt, erschrickt er über die Verwahrlosung die dort herrscht. Schon will er weitergehen, da kommt ein ihm bekannter Priester und überschüttet ihn mit Vorwürfen.

Baltasar, der diesen Priester, der schon längere Zeit verstorben war, immer liebte, will sich zurückziehen, da er sich keiner Schuld bewusst war, aber da kommt auf einmal eine ganze Schar Bekannter und umzingelt ihn. Abwehrend hält er beide Hände vor sich, da spricht der Priester: `Baltasar, was hast du getan, unsere Heimat hast du uns genommen, unseren Frieden hast du gestört. Wir finden nichts, gar nichts mehr, was uns je erfreuen könnte.`

Baltasar spricht: „Aber Freund, ihr seid in einem großen Irrtum, noch nie habe ich irgend etwas getan was euch schädigen könnte.” Da erwidert der Priester: `Unsere Wasserquelle hast du verstopft, wir haben kein Wasser mehr und das Brot geht auf die Neige, komm, sieh selbst.” Mit diesen Worten nimmt er ihn bei der Hand und zieht ihn in das Tempelinnere. Die anderen folgen.

Dort angekommen spricht der Priester: `Hier, sieh, unser Schrank ist leer, in der Zisterne ist kein Tropfen, sag, was soll da werden. Warum hast du uns des Nazareners wegen verlassen und bringst denen Wasser und Brot die Fülle? Warum?`

Baltasar: „Du irrst - nie brachte ich euch Brot und Wasser, nie dachte ich daran, anderen Brot und Wasser zu bringen, ihr seid längst Verstorbene.”

`Was –Verstorbene?` schreien die anderen, dann bist du wohl auch gestorben. Nein, nein, das gibt es nicht, du willst uns nur los sein, weil du uns kein Wasser und Brot geben willst!”

Ganz bekümmert ist der alte Priester und spricht: „Baltasar, glaube uns, es ist wirklich so, um deinetwillen haben wir unser Heim an unserem Tempel aufgeschlagen, weil du uns so gutes Wasser und Brot gabst und seit du deine Götter verliessest, hungern wir geradezu. Dich werden wir aber verlassen und so magst du zusehen wie du verkommst.”

Da gingen die anderen. Baltasar blieb allein und nun hatte er Muße, sich umzusehen. Er war in einem ihm so gut bekannten Hause. Auch Menschen sah er, doch waren dieselben ihm unbekannt. Man übertrug ihm die Aufsicht über alles, ja man wollte, dass er ihnen auch Essen geben sollte Willig sagte er zu und nun fand er Brot und Früchte in Menge, es schmeckte ihm sehr gut und dann sah er sich um. Da befanden sich Ställe mit Vieh. Er beteiligte sich an deren Pflege und Fütterung, besah die dazu gehörigen Weiden und war befriedigt- Als er nach einer Wanderung durch das Anwesen zurück in das Haus kam, war schon der Tisch zum Essen gedeckt und die anderen waren schon beim Essen. Da griff er nach dem Brot, welches ihm gereicht wurde und fand es herrlich schmeckend. Wie sie alle miteinander beim Essen sind, kommt der Priester mit den anderen. Überaus freundlich dankten sie ihm und brachten ihm ein Geschenk - eine Mannesbüste. Er nahm sie, besah dieselbe und legte sie beiseite. Um niemanden zu verletzen, sagte er kein Wort und wies auf das gute Brot, welches er gegessen hatte. Sie aber wollten wissen, was er hier getan habe, weil alles so schön und hell sei und wo er überall gewesen sei.

Baltasar: „Ich fühlte mich hier wie ein Gast und sah nach dem Rechten. Nur keine Bekannten fand ich, aber viele kannten mich und riefen mich bei meinem Namen. Ich sah auch Menschen, was mich nicht so recht freute, aber über dieses werde ich schweigen, um euch nicht zu betrüben. Da setzten sie sich zu ihm und kleine Hunde kamen und bekundeten eine Freude. Die Tiere hatten Menschenstimmen und sagten: `Heimat - Heimat, hier bleiben.`”

Der Priester nahm des Baltasars Hände, drückte sie an seine Brust und sagte: `Was wir in unserer Weisheit nicht fanden, wird uns durch deine Treue. Diese Diener waren immer stumm und jetzt können sie ihre Zunge gebrauchen und in ihrer grenzenlosen Freude bekunden sie ihren Wunsch, hier zu bleiben. Wie gut, dass du uns die Heimat zur Heimat machtest! Wie gut, dass du bei uns bleiben willst, wie einst!`

Da ging eine Veränderung vor sich. Das Zimmer, in dem sie alle waren, wurde zu einer großen fruchtbaren Weide und mitten hindurch ging eine Straße. Rechts und links waren Frucht- und Brottbäume in herrlichster Blüte und vor und hinter ihnen waren viele, viele Menschen. Sie waren in einer frohen Stimmung. denn schöner Gesang erklang und laute Rufe. Die Hauptsache aber waren die Weiden und Getreidefelder rechts und links der Straße. Freilich, manche sahen noch recht kümmerlich aus und Baltasar zeigte auf die mageren Felder.

Der Priester beugte sein Haupt und sagte: `Es wird besser werden, du bist nun unser Herr und hast nur zu gebieten. Dein Wort soll sein wie ein Gotteswort und deine Freude soll uns Dank sein, weil du uns eine Heimat brachtest.`

Ein Mann kam auf der Straße uns allen entgegen, aus seinen Augen leuchtete eine Freude. Er hob die Hand zum Gruß und sagte: `Der Anfang wäre gemacht, die Saaten stehen gut, aber hütet die Äcker, damit der Feind kein Unheil anrichten kann. Was ihr hier vollbringt, wird vielen noch zum Segen, und was ihr vollendet, bereichert euch das Leben, aber ein Leben zum Leben aus der Fülle des ewigen Gotteslebens.`

Da sieht Baltasar, dass es der Herr ist. Er möchte vor dem Herrn niederknieen, da kommt Er auf ihn zu und spricht: `Nicht du, nein ICH möchte dir danken, denn alles was du hier siehst, ist ja dein und weil du in deiner Liebe dich an Meine Liebe anlehntest, hast du Mich zum Mitbewohner deiner Welt gemacht und Ich bin in allem mit dir eins und werde mit dir immer eins bleiben, solange du Mein Leben zu dem deinen und Meine Liebe zu der deinen machst!

Und nun möchte Ich dir den Wegweiser machen und weise alle in die Tätigkeit, damit wir beide ohne jede Hemmung sind.`

Baltasar tat nach dem Willen des Herrn, und nun eilten sie schnell auf der Straße dahin. Kein Wort wurde gesprochen, es gab soviel zu sehen, was Baltasar noch nie sah, es gab Schönheiten über Schönheiten, aber keine Menschen.

Da sagte Baltasar: „Herr, es ist alles schön und gut, aber wozu soll dies Nütze sein, es ist doch niemand da, der sich daran erfreuen und ergötzen kann. Auf der Welt möchte man vor Leid vergehen, weil man die Erde belassen muss wie sie ist und die armen Menschen sind ohne Freude. Hier aber tun die Schönheiten weh und warum? Weil die Menschen fehlen, um sie genießen zu können.”

Der Herr: `Du bist noch in einer großen Ungewissheit , mein Bruder. Siehe, was du noch nicht ganz dein eigen in deiner Welt nennen kannst, ist dir noch unsichtbar. Ich will, dass du einen Augenblick Blick nach Morgen tun kannst - und was hast du gesehen?`

Baltasar: „Herr, nenne mich nicht mehr Bruder, denn es ist ja unmöglich, Besitzer einer Welt zu sein, die solche Heerscharen reinster Wesen beherbergt. O Herr, was soll ich tun, um alles dieses zu verstehen!”

Der Herr: ´Nichts anderes, mein Bruder, als Liebe, Liebe und wieder Liebe walten lassen. Jene herrlichen Wesen sind zu einerUntätigkeit verurteilt, wenn du in deinem Wesen nicht zur Liebe wirst. Das Gegenteil aber geschieht, wenn sie aus deiner Liebe Leben empfangen und in deiner Liebe dir Diener, Helfer und Bruder sind.

Merke dir, mein Bruder, nicht die Schönheiten deiner Welt machen dich und Mich selig, sondern die Freude und das Glück deiner in dir wohnenden Bewohner.`

Baltasar war erwacht. Die Nacht war hereingebrochen, Sterne leuchteten am Himmelszelt und Jakobus schlief.

Von Baltasar war aller Schlag gewichen. Er überlegte: „Habe ich geschlafen und geträumt oder habe ich Vorgänge geschaut in meiner Welt? Ich muss bis zum Morgen warten, denn Jakobus ist müde.”

Leise erhob er sich, dann ging er hin zu seinen Tieren, die sich auch gelegt hatten. Langsam streichelte er sie und empfand eine Wohltat, die von den Tieren ausging. „O Seligkeit,” dachte er, „was für Gefühle entstehen schon, wenn man gegen ein Tier gut ist, wie muss es aber erst werden, wenn man gegen Menschen gut ist.” Da kniete er nieder und betete: “Herr und Meister Du guter Heiland und Erlöser! Viel habe ich von Dir empfangen, aber diese Erlebnisse formen ein ganz anderes Bild von Dir in mir. O lasse mich ganz Liebe werden, damit Du an mir Freude erlebst, denn bis jetzt war ich blind und taub.”

 Inhaltsverzeichnis Band III