Jeremias und ein weiterer Priester treten ein

Die Stube war sehr voll. Ein Gemisch von Stimmen war zu hören und im Vordergrund war wieder ein Gespräch von den Nazarenern. Der Wirt hatte für die Leute des Amatus einen Tisch gedeckt, alle hatten sich gesättigt und taten sich an einem Wein gütlich.

Da kamen zwei Priester in die überfüllte Stube und besahen sich die Leute. Sie erblickten Jakobus und fragten: „Wie kommst du denn hier herein in die Herberge eines Heiden? Eine kleine Stunde von hier wärst du doch bei denen Stammesbrüdern!“

Amatus steht auf und spricht: „Mit welchem Recht fragst du einen, der an meinem Tische sitzt? Doch nicht mit dem Rechte, welches euch Jehova gab; denn dann hättest du in einem anderen Ton gesprochen.“ Der Priester: „Mit dir habe ich nicht zu rechten, sondern mit dem da! Und dass du es weißt, als ein Heide hast du dich nicht in unsere Angelegenheiten zu mischen“ erwiderte der Priester. Amatus: „Ich frage dich nochmals, wer gibt dir das Recht, in einer griechischen Herberge mit einer Frechheit und in einem Ton aufzutreten, die aller gesetzlichen Ordnung Hohn spricht? Wenn ich nicht sofort Antwort bekomme, lasse ich dich von meinen Leuten hinauswerfen, da der Wirt Arnulf mir volle Freiheit gibt.“

Der Priester sieht den Ernst der Lage und spricht: „Der Tempel hat uns verpflichtet, mit aller Schärfe nach Nazarenern zu fahnden, denn wir werden der Pest nicht mehr Herr.“ Amatus: „So - der Tempel! Also muss ich da wohl mir erst Erlaubnis vom Tempel holen, wenn ich einen seiner Söldlinge, denn nichts anderes seid ihr ja, in die Schranken der Ordnung verweise. Wisse, ich bin auch Nazarener, aber nicht einer, der sich von euch ohne weiteres fortschaffen lässt. Ich lasse es auf einen Kampf ankommen und ich möchte euch raten, lasst euch nicht mehr in dieser Herberge sehen, außer, ihr kommt mit friedlichen Absichten. Gut, sind wir im Irrtum, ist es eure Pflicht, uns aus dem Irrtum herauszuführen, seid aber ihr im Irrtum befangen, müsst ihr die Folgen tragen.“

Der Priester: „Du bist deiner Art nach ein Römer, wir aber haben es nur mit den verirrten Schafen von Israel zu tun, du kannst hundertmal ein Nazarener sein, das kümmert uns nicht und glaube ja nicht, dass wir so machtlos sind, ein Pfiff und zwanzig Helfer sind zur Stelle. Und so fordere ich dich auf, der du ein Jude bist, zu antworten -wie kommst du hierher?“

Jakobus ist wie beengt alles dreht sich bei ihm wie in einem Kreise, endlich kommt das Befreiende in ihm, er steht auf, sieht die beiden Priester scharf an und spricht: „Wäret ihr zurückgekommen, die verirrten Schafe von Israel zu suchen, würde ich euch in demselben Geiste antworten. Da ihr aber keinen Funken von Liebe für die Verirrten in eurer Brust tragt, sage ich euch, ziehet von hinnen, denn gerade Jesus von Nazareth, den ihr verfolgt, wird euch noch schwer zu schaffen machen!“ „Ach sieh mal einer an“ spricht der Priester, „hier ist auch wieder ein verirrtes Schäflein, warte, bald wirst du recht versorgt sein. Heute gehe ich, aber in kurzer Zeit sehen wir uns wieder!“

Ehe Amatus oder Jakobus etwas sagen konnten, war der Priester mit den anderen aus der Stube. Nun hatte sich aber der Priester nicht so recht in Acht genommen, denn er fiel hin und brach sich beide Hände. Der andere Priester kam bettelnd zu Arnulf und bat um Herberge, denn er könne mit dem Verunglückten nicht noch nach der eine Stunde entfernten Herberge gehen.

Niemand hatte etwas davon bemerkt, nur Jakobus sagte zu Amatus: „Ihn hat schon das Geschick ereilt, als Bettelnde sind sie jetzt gekommen und beide Hände sind nicht mehr zu gebrauchen, wenn nicht Hilfe kommt.“ Lass uns sehen“, spricht Amatus, „das habe ich aber nicht gewollt, dass der Priester eine solche Lektion bekommt.“

Arnulf hat die beiden Priester in eine kleine Stube geführt, da kommen auch Jakobus und Amatus und schauen auf den Priester, der ganz kleinlaut ist. Da spricht Amatus: „Nun mag dir der Tempel helfen, denn in seinem Sold hast du dir dieses zugefügt, von einem Nazarener wirst du dir doch nicht helfen lassen wollen. Eines sei dir gesagt, wenn nicht sofort Hilfe kommt, wirst du nie mehr deine Hände gebrauchen können. Da du uns Nazarenern nicht mehr gefährlich werden kannst, werden wir uns recht vergnügen an unserem Tisch und so wünsche ich euch ein rechtes Vergnügen.“

Amatus nimmt Jakobus bei der Hand und zieht ihn aus der Stube hinaus. Draußen sagt er: „Jakobus, lass ihn nur recht bitten, denn sein grenzenloser Hass soll sich erst richtig abkühlen. Arnulf war in angst, dass es gerade bei mir geschehen musste, sagte er, es wäre mir schon lieber gewesen, es wäre draußen geschehen, was sagst du dazu, lieber Gottesbote?“ Jakobus: „Was soll ich sagen? Das Maß ist voll und der Herr und Meister weiß es am Besten, was Not tut, es ist schade um diesen Menschen und dass beide im Hass so verharren: aber lassen wir sie. Wenn sie unsere Hilfe erbitten, sind wir zum Helfen bereit!“

Arnulf: „Was helfen willst du denen? Du willst wohl deine Henker im Voraus mit Guttaten belohnen. Nein, das tue ja nicht, denn ihr Maß der Sünde ist voll.“

Jakobus: „So nicht, lieber Freund, entweder wir sind Jünger und Nachfolger des Herrn, oder wir sind es nicht. Bedenke, keiner unter uns ist ohne Fehl und doch hat die ewige Liebe uns ergriffen und wir sind glücklich geworden und glaube, alle die, die sich im tiefsten Schlamm befinden, sind doch noch die Besten geworden.“

Der andere Priester kam und bat Amatus, er solle doch einmal zu seinem Kollegen kommen und versuchen im Guten miteinander zu verhandeln. Amatus  spricht zu Jakobus: „Komm mit, wir wollen ihn erst tüchtig einheizen und versuchen, ihn klein zu kriegen.“

Wie ein Häuflein Unglück kauerte der Priester in der Ecke. Der Verletzte spricht: „Ich habe Unglück gehabt, könnt ihr mir Hilfe angedeihen lassen? Ich will gern meine Worte zurücknehmen und diese Gegend verlassen.“

Amatus: „Hilfe zu bringen wäre schon möglich, aber dazu wirst du nicht zu bewegen sein, denn der Helfer ist Jesus und Dieser verlangt rechten Glauben und dass alles Unheil, das angerichtet wurde, wieder gutgemacht wird. Du hast doch den Tempel. Wenn er euch die Macht gegeben hat, andere Menschen, die an ihm nicht voll Genüge haben, ins Unglück und Leiden zu stürzen, so muss ich mich wundern, dass er dann seinen Vasallen keine Macht verleiht, um zu helfen. Ich habe so Vieles erlebt bei euch Templern, dass ich gern euch mied und nie hätte ich es für möglich gehalten, an euren Gott zu glauben; aber die Art eines Jüngers Jesu, seine Liebe zu den Menschen und sein Helfersinn haben mich eines anderen belehrt. Ich muss dir sagen, wie klein seid ihr gegen den Gekreuzigten und Auferstandenen!“

Da spricht der Priester: „Siehst du nicht, dass ich leide. Verlange was du willst, wenn es möglich ist, mir zu helfen aber lass mich mit dem Nazarener in Ruhe!“ Amatus: „Hast du je einmal daran gedacht, dass andere unsagbar leiden durch deine Maßnahmen. Solche Schandtaten führt nicht einmal der Teufel aus, wie ihr es tut und da hast du noch die Verwegenheit, Hilfe von uns zu verlangen. Was hast du zu Jakobus gesagt, du wirst bald versorgt sein, du verirrtes Schäflein! Nein, nein, Schmerzen sollst du empfinden, nicht nur in den Händen, die da groß waren, Kerkertüren zu öffnen, sondern auch in dir soll ein Feuer brennen, dass du eine Ahnung bekommst, wie es denen erging, die du zum Leiden verurteiltest. Merke dir, Jesus ist bereit, zu helfen, aber nur unter einer Bedingung, dass du gutmachst und deine Fehler bereust und ein anderer Mensch werden willst. Wenn du das nicht willst, dann gehe zum Tempel, er wird dir nicht helfen, weil er es nicht kann!“

Der Priester: „Du bist Jakobus, Josefs Sohn?“ „Ja, ich bin es“, spricht Jakobus, „und du bist Jeremias, der in Feindschaft zu meinem Vater stand, weil er meinen Bruder Jesus nicht strafen wollte, weil er nicht in der gewünschten Art zu dir war. Lange Zeit hast du Jesus mit zornigen Augen angeschaut und wäre Jesus nicht schon damals von der heiligen Liebe durchdrungen gewesen, hättest du schon damals eine Rüge bekommen. Du kanntest Jesus, du kanntest Josef und noch besser Maria und du warst doch einer der Eifrigsten, die Ihn an das Kreuz lieferten und so sage ich dir aus Seiner Macht und Herrlichkeit, wahrlich du wirst, nicht von dannen kommen bis der letzte Stater bezahlt ist. Amatus hat recht, Jesus ist bereit, zu helfen, aber nur, wenn du all das Unrecht wieder gutmachst. An Ihn zu glauben verlange ich nicht, denn das ist nicht mein Dienst, das hast du mit dir selbst abzumachen. Nun verlassen wir dich und wünschen dir, dass du dich zu dem Besseren entschließt!“

Jeremias wollte etwas sagen, aber schon hatten sie ihn alleingelassen. Jakobus aber sagte: „Es kam mich hart an, aber nun liegt es an ihm und so wollen wir uns mit den anderen unterhalten, denn morgen möchte ich weiterziehen.“ Amatus: „Das gibt es nicht, Jakobus, zu meinem Herrn bringe ich dich noch. Ich könnte es mir nicht vergeben, so ich dich ihm nicht zuführen würde, du wirst rechte Freude haben!“

Der Abend wurde noch recht schön und als Jakobus in seiner Kammer lag, kam ihm noch der leidende Priester in den Sinn und er bat den Herrn um rechte Weisheit. Da wurde es in ihm wohl und nun wusste er, es wird ein gutes Ende nehmen.

Zeitig, wie immer, war Jakobus in der Stube, wo viel Verkehr war, denn die Karawanen rüsteten sich zur Abreise. Auch Amatus trieb seine Leute an. Er wollte ganz in der Frühe bei seinem Herrn sein und so wartete Jakobus mit der Morgensuppe.

Da kam der Priester, der mit Jeremias zusammen war und sagte: „Guter Freund, ich habe auf dich gewartet und ich bitte dich, komme zu Jeremias. Die ganze Nacht habe ich mit ihm meine Mühe gehabt. Wie gern hätte ich ihn überzeugt, seinen Hass gegen Jesus doch zu begraben, aber es ist zwecklos. Ich kann ihn aber nicht in Stich lassen, obwohl ich längst des Treibens satt bin.“ Jakobus: „Das ist löblich von dir, aber sag mir, wie stehst du zu Jesus, dem Herrn und Meister?“

Da sah sich der Priester erst um und sagte: „Ich wollte, ich könnte mit dir statt mit Jeremias gehen, ich kann aber nicht loskommen, weil ich ganz arm bin.“

Jakobus: „Deinen Willen sieht der Herr wie die Tat an und so sage ich dir aus dem Geiste des Herrn, versuche mit aller dir zu Gebote stehenden Liebe und Weisheit Jeremias von seinem Treiben in seiner Art abzubringen und dann lege du im Namen des Herrn Jesu ihm die Hände auf und es wird besser mit ihm werden, aber erst muss er bereuen und gutzumachen versuchen.“

Der Priester: „Ich soll das tun, ein Feind Jesu?“ Jakobus: „Du bist kein Feind Jesu, sondern dein eigener Feind. Deine Willensschwachheit und dein sorgenvoller Sinn lassen dich nicht frei werden von der Geißel, die der Tempel schwingt. Mache dich frei und komme nach Bethanien zu Lazarus und bekenne dich als Freund. Bitte ihn um Hilfe, dann wirst du ein freier und froher Mensch und ein natürliches Glied in der Gemeinschaft der Menschen werden. Zu Jeremias werde ich nicht kommen, denn das ist deine Arbeit, die der Herr und Meister von dir fordert. Tue wie ich dir sage, die Liebe wird dir Kraft, der Herr aber das Gelingen geben!“

Darin liegt ja die Größe des Gotteskindes dass es nicht aus sich, sondern aus des Herrn Liebe Schöpfer und Träger sein will zu aller Heil! So will ich auch aus dem Geiste der Liebe des Herrn in mir, dass der Wein in den Krügen ein wahrer Himmelswein werde und ihr erfahret, was der Mensch, erfüllt von Seinem Geiste vollbringen kann.“

Jakobus nahm den Becher und sagte: „Um der herrlichen Liebe willen sei in diesem Wein Seine Liebe verherrlicht, damit ihr belebet werdet von diesem Geist und er möchte bleiben jetzt und immerdar!“

Sie alle tranken – „Das ist ein Wein“, sagte Monica! „Jakobus, wenn das alle Menschen fertig brächten, sie würden im Weine ertrinken!“

Jakobus: „Liebe Monica, du erlebst das täglich an den Weltkindern, in dem Wein, den ihre Liebe schuf, ertrinken alle. Es wird schwer werden, sie wieder zu erretten. Darum schaffet und wirket - solange ihr könnt, wenn auch der Feind seine Krallen nach euch ausstreckt - denket an die Mahnung des Herrn. Leider stehen noch zu viele unserer Brüder auf dem Boden alter Gesetze und werden oft ein Opfer!“

 Inhaltsverzeichnis Band III