Bei Arius im Tempel

 

 

An diesem Tage war das Haus der Amalie der Mittelpunkt von Rakka, Jakobus spürte das Wehen der heiligen Liebe. Sein Herz war übervoll, er musste zurückhalten, denn die Menschen hatten noch große Furcht vor den toten Göttern.

 

Abend war es, viele, viele waren gekommen und trugen eingewickelt ihre toten Götter. Wer sie noch nicht hatte, holte sie schnell, denn Arius sagte: „Unseren toten Göttern opfern, ist kein Opfer, sondern ein Eintauschen von Gaben, die der lebendige und ewige Gott allen denen gibt, die sich frei gemacht haben vom Götzentum“.         Es war unmöglich, die vielen, vielen im Hause unterzubringen. Da sagte Arius: „Gehen wir in unseren Tempel, und du, Jakobus, weihe ihn für unseren Gott, der uns heute so viel schenkte. Die beiden anderen Priester sind auch auf dem Wege zu Ihm, der zum wahren Leben führt“.

 

Da es schnell Nacht wurde, brachten auch Einige Fackeln mit. So bewegte sich ein Zug in Rakka zu den Tempeln vor der Stadt, wie noch keiner gesehen wurde. Die treibende Kraft war Wurka mit den Gereinigten, von denen die Hälfte Fackeln hatten und den Platz vor dem Haupttempel beleuchteten, der eine Halle mit einem Altar mit einer Götzenfigur darstellte. Auf diesen Altar legten auf Geheiß der Wurka alle ihren Götzen. Auch Amalie hatte ihren Götzen mitgebracht und geopfert.

 

Arius tritt vor den Altar und spricht: „In einem anderen Geiste stehe ich vor euch. Noch nie waren wir bei Nachtzeit hier versammelt, aber die Dinge, die geschehen sind, erfordern große Entschlüsse. Da uns Rakkaer ein großes Gnadengeschenk geworden ist, indem der wahre Gott sich offenbarte, möchten wir auch diesem wahren Gott unseren Dank darbringen. Ich, als euer Priester, lege meine Würde nieder, da ihr euch frei gemacht habt von dem, was ein Irrtum war. Aber zu meiner letzten Handlung erbitte ich eure Liebe. Sehet, die toten Götter will ich vergraben, nicht nur in eurem Beisein, sondern im Angesichte des lebendigen Gottes, der uns in Jakobus entgegen gekommen ist. So will ich zu dem Werke schreiten. Ihr aber, ihr Gereinigten, bringet alles, was auf dem Altar liegt, damit es begraben sei für unsere Augen und auch für unsere Herzen“.

 

Wenige Schritte vor der Halle war ein Grab ausgeschaufelt, dahinein wanderten diese Figuren. Arius selbst schaufelte es im Licht der Fackeln zu. Dann trat er vor seine Gemeinde und sagte: „Jakobus, das Haus ist gereinigt, der Weg zu Gott ist geebnet. Offenbare du uns alles, was wir brauchen, um den wahren Gott als unseren Gott anzunehmen“.

 

Jakobus, voll der seligsten Wonne, spricht: „Liebe Männer, Frauen und auch Kinder, ich grüße euch alle im Namen der ewigen Liebe, die unser aller Gott und Vater ist! Ich will euch hineinführen in Sein Reich, welches ein ewiges und bleibendes ist.

 

Im Anfang war das Wort, Gott war das Wort und alles, was geschaffen wurde, geschah durch dasselbe. So gingen große Welten, Sonnen, Sterne und Erden, welche alle belebt wurden, in ein Dasein, wovon wir Menschen noch keine Kenntnis hatten. Diese Schöpfungen waren der Anfang zu dem größten Werke, welches noch hervor gehen musste, es war der Mensch. Gott schuf den Menschen nach Seinem Bilde, angefüllt mit allem, was in Gott lag.

 

Gott brauchte einen Vermittler zwischen Sich und Seinen Schöpfungen. So waren die Schöpfungen wegen des Menschen, und der Mensch wegen der Schöpfung da. Der Mensch verlor sich aber in all dem Geschaffenen, und verlor dabei den Schöpfer und die in Ihm ruhenden Kräfte. Für die Gottheit, die den Menschen so herrlich, in der größten Freiheit bleibend, schuf, war das Irren des Menschen ein Durchkreuzen Ihrer Pläne, und der Mensch hörte auf, ein Vermittler zu sein. Wohl blieben Einzelne im Besitz der Weisheit Gottes und Seiner Offenbarungen, aber der Lebensfeind, der ja die Trennung des Menschen von Gott verstand, brachte noch mehr fertig, denn er setzte sich an Gottes Stelle und wurde zum Fürsten dieser Welt! Mit all den Dingen, die der Mensch als Geschenk Gottes ursprünglich in sich trug, verlor er sich mehr und mehr und stand am Untergang.

 

Da erbarmte sich Gott Seiner irregeleiteten Menschenkinder, und wurde Selbst Mensch. Mensch wie wir, nicht besser und auch nicht schlechter wie wir, erfüllte alle Bedingungen, die nötig waren und erreichte die Vollkommenheit, die der erste geschaffene Mensch besaß, und wurde zum Vermittler zwischen Gott und Mensch. Es war Jesus von Nazareth.

 

Liebe Männer und Frauen, ich, Jakobus, war Zeuge der Geburt, lebte in dem Hause, wo Er lebte, habe alle Entwicklungen erlebt, die Jesus durchmachte. Ich sage euch, dass es noch keinem Menschen gelang, in den tausend mal tausend Kämpfen mit sich und seiner eigenen Seele so viel zu erringen, dass der Lebensfeind keine Macht, keinen Einfluss mehr auf ihn hatte, und er als Vermittler oder als Gottessohn in die Öffentlichkeit treten konnte.

 

Um nun einige Beispiele Seines Ringens zu geben, will ich euch einige Episoden schildern: Im Hause Josefs, meines Vaters, lebte Jesus mit seiner Mutter. Josefs Glaube und Ehrfurcht vor Gott war beispiellos, und Marias Hingebung ist einmalig.

 

Da kommen Freunde meines Vaters, es waren Templer und mein Vater war ein Ältester. Sie machten ihm Vorwurf, dass Jesus keine bessere Erziehung im Tempel erhalte. Jesus, der dabei war, fragte, was Er noch im Tempel erlernen solle. Da sagte der eine Priester: `Mein Junge, du musst noch viel lernen, vor allem Lesen und Schreiben, und dann sollst du für den Tempel geweiht sein, wie deine Mutter geweiht war`. Spricht Jesus: `Alles dieses habe ich gelernt ohne den Tempel. Und dann will ich nicht für den Tempel, sondern für die Menschen da sein, die einen Wegweiser brauchen zu dem wahren Gott, der auch dem Tempel verloren gegangen ist`.

 

Darüber war großes Entsetzen bei den Priestern, wie auch bei meinem Vater Josef und bei Maria. Aber Jesus sagte: `Warum entsetzt ihr euch über Mich? Ist der Geist, um den Ich ringe, der Feind der Menschen? Mit euren Gesetzen zerbrecht ihr den Menschen und liefert ihn den Zweifeln und der Unkenntnis aus. Denket nicht, dass Ich von dem Mir gestellten Zeile abweiche. Lieber von den Menschen verkannt und verachtet sein, als Gott und Seiner Mission untreu werden`. Spricht der Priester: `Jesus, mein Wohlwollen hast du, aber weißt du nicht, dass Kinder den Eltern gehorsam sein sollen?` Erwidert Jesus: `Gehorsam sein ja, aber nicht in Dingen, die das Unglück vergrößern. Um Gott und den Menschen zu dienen, muss Ich Mich trennen von dem Weltgeist, der alle Herzen belebt`. Was nun folgte, könnt ihr euch vorstellen, denn von dieser Zeit an war der Friede des Hauses stets in Gefahr.

 

Noch ein anderes möchte ich darstellen. Im Hause Josefs war das Beten ein heiliges Gesetz. Wehe, wer sich dem entzog, der ganze Zorn des Vaters entlud sich. Was folgte, könnt ihr euch vorstellen. Jesus aber ging aus dem Hause, für Ihn war das Beten vor dem Altar ein Zwang und unsympathisch.

 

Einmal entlud sich der Unwillen des alten Vaters Josef auf Jesus. Da demütigte sich Jesus und sagte: `Josef, wenn Ich nun in dem Geiste, wie du in Mir etwas zerstören willst, deinen Altar, deinen Herzensfrieden zerstören würde, wie könnte Ich da noch mit euch beten? Zu wem betest du, zu wem soll Ich beten? Siehe, dein Glaube ist groß, aber Gott ist dir unbekannt. Du kennst Sein Wort, Seine Offenbarungen, Seine Gesetze, aber Ihn zu erfassen, ist dir unmöglich, weil du mit keinem Zoll vom Gesetzesweg abirren möchtest. Siehe, Ich will dir ein wahres Gebet vorbeten, wenn in einer Stunde die Römer einen Verbrecher bringen`.

 

Richtig, eine Stunde später kommt ein Trupp Soldaten geritten, an einem Pferde ist ein Mensch angebunden und muss in der selben Gangart gehen, wie die Reiter gehen, wenn er nicht geschleift werden will. Um den Nazarenern ein abschreckendes Beispiel zu geben, jagen sie in einer Gangart, die es dem Gefangenen unmöglich macht, zu folgen.

 

Was tut Jesus? Zum Entsetzen aller stellt Er sich mitten auf den Weg und unwillkürlich muss der Trupp halten, wollen sie Ihn nicht über den Haufen reiten. Der Truppführer flucht, aber Jesus greift nach dem Zügel und spricht: `Danken sollst du Mir, weil du nicht zum Mörder deines Bruders werden sollst. Dein Gefangener ist kein Verbrecher aus Mutwillen, sondern aus  den Verhältnissen heraus geworden und verdient Gnade und Erbarmung, damit er sich bessern und gut machen kann`.

 

Da springt der Führer ab und brüllt: `Was erlaubst du dir, du Missgeburt eines Menschen?` Jesus aber spricht: `Nur das, was ein Mensch dem anderen tun soll. Um dir aber zu beweisen, dass Ich keine solche Missgeburt bin, wie du mich nanntest, sollst du drei Tage lang keinen Bissen und keinen Tropfen über deine Lippen bringen, und die Zunge soll dir in dieser Zeit den Dienst versagen`.

 

Es war tatsächlich so geworden, keinen Ton konnte der Truppführer hervor bringen. Die anderen Soldaten bekamen Furcht, dass es ihnen auch so erginge. Nach drei Tagen kam der Truppführer und wollte Jesus sprechen, aber Jesus war aus dem Hause gegangen. Was sich aber noch alles abspielte, wird einst die Nachwelt erfahren. Es gelang Jesus, sich ganz mit Gott zu einen.

 

Als Er Sein Lehramt antrat, ahnte noch kein Mensch, was in Jesus lebte. Aber als die Kranken gesund, Blinde sehend und Taube hörend, ja, sogar Tote lebendig wurden, erkannten unsere Stammesgenossen die Heimsuchung Gottes, nur der Tempel nicht, sie wurden Feinde Jesu. So geschah, was geschrieben und offenbart war: Jesus endete am Kreuz! Alle Feinde jubelten, aber zum Entsetzen aller stand Er nach drei Tagen wieder unter uns und brachte die Botschaft vom Siege des Lebens über den Tod.

 

Meine lieben Freunde, uns wurde froh und leicht! Vorbei alles Leid und Kummer. Wir erlebten den größten Sieg aller Zeiten, denn Sein Geist des Lebens wurde uns zu eigen gegeben. In diesem Seinem Geiste stehe ich vor euch, in diesem Seinem Geiste bin ich nur Vermittler und Diener Seiner Liebe. Er ist das A und O, der Ausführende und der Vollender. In diesem Geiste segne ich euch! Und eure Liebe weihe dieses Fleckchen Erde  für Ihn und für euch, auf dass sich erfülle euer Sehnen und Wollen.

Du, Arius, bleibe Priester. Nimm auch du hin den Segen unseres Herrn und Meisters Jesu und Gott, auf dass Sein Geist in dir Zeugnis gebe deinem Geist, in dem du dienen kannst allen nach der Liebe, die du in dir trägst.

 

Ihr Gereinigten, freut euch der Gnade, die durch euch verherrlicht werden konnte! Der herrliche und heilige Gott, der da Leben, ewiges Leben ist, will durch Seine Gnade allen Leben geben, die eines guten Willens sind.

 

Noch ist es Nacht in euch, entzündet eure Liebe an dem heiligen Liebesfeuer, welches ich euch offenbare. Und bauet ein Kreuz, welches euren Altar schmücken soll. Denn von nun an soll kein anderes Opfer mehr brennen, als das Opfer in euren Herzen. Opfert eure Eigenliebe, opfert, was sich dem Geist der Liebe hemmend in euch entgegenstellt, dann wird das Licht Seines Geistes euch erhellen und ihr werdet Kinder Gottes, ihr aber untereinander Brüder und Schwestern werden.

 

So eine euch die Liebe, die reine und herrliche. Niemand sei größer oder kleiner unter euch, nur lieben und dienen sei die herrliche Aufgabe, und dann ist Gott, der Ewige und Heilige, euer Vater für Zeit und Ewigkeit geworden. Sein Friede erfülle euch mit Ruhe, Seine Liebe werde euer Leben und Sein Segen der Segen für eure Brüder. Amen, Amen, Amen“.