Bei Joram

 

 

Schon von weitem sehen sie die Herberge mit vielen Menschen und Tieren. Eine richtige Wagenburg hat man errichtet. Nun sie dort sind sehen sie, dass dieselbe bewacht sind, Netze sind über die Wagen gezogen. Als die Beiden in einen solchen Wagen schauen wollten, hindert sie der Wächter daran. Jakobus wusste sofort, hier sind Menschen gefangen.

 

Jakobus spricht: „ Komm ins Haus, Andree, ich muss klar sehen, alles andere wollen wir dem Herrn anheim stellen, denn umsonst lässt Er uns dieses nicht erleben.

 

In der großen Wirtsstube geht es toll zu. Fast alle Tische sind besetzt von laut sprechenden Menschen in fast allen Zungen. Sie suchen sich einen etwas ruhigen Tisch, da kommt auch schon der Wirt auf Jakobus zu und sagt: „Ist dein Wagen schon versorgt und deine Tiere? Ich habe dein Kommen überhört“. – „Wir sind zu Fuß gekommen und begehren für die Nacht ein Lager, wir müssen nach Rakka weiter“. – „Zu Fuß, das wird kaum möglich sein, denn es sind viele Wegstunden dahin und du bist nicht in Israel“.

 

Jakobus spricht: „Joram, lass das deine Sorge nicht sein, denn der Herr, der mich bis hierher führte, wird mich auch bis dahin bringen. Lasse uns etwas Brot, Salz und frisches Wasser bringen, denn dieses wirst du uns doch nicht versagen?“

 

„Nein, eine Wegzehrung ist frei, aber für morgen habt ihr dann selbst zu sorgen. Übrigens, ich habe dich noch nie gesehen, woher kennst du meinen früheren Namen?“  Spricht Jakobus: „Ich kenne dich auch nicht, habe dich auch noch nie gesehen. Aber ich weiß doch, dass du der frühere Priester Joram bist, dem der Zwang im Tempel zu Jerusalem nicht gefiel“. Spricht der Wirt: „Dann schweige, dafür kannst du so lange mein Gast bleiben mit deinem Begleiter“. Spricht Jakobus: „Nein Joram, auf dieses Geschäft gehe ich nicht ein. Sei aber versichert, dass ich in keinerlei Weise dir schaden werde, denn auch du bist, gleich mir, aus dem Stamme Davids“. Kopfschüttelnd schaute er Jakobus an, dann eilte er in die Küche, um selbst Brot und Wein zu holen.

 

In dem Tumult merkten die Gäste nicht, dass der Wirt die Beiden selbst bediente, wo dagegen die anderen von den beiden Töchtern bedient wurden.

 

Der Wirt hatte keine Zeit mehr, mit Jakobus zu sprechen, der Betrieb war zu groß. Auch weil es auf den Abend zu ging, wollten alle essen. Aber Jakobus störte es nicht, ihn beschäftigten die vielen Menschen. Er hatte sich mit dem Brot und dem Wein gestärkt, dann fragte er Andree, ob er die Sprachen verstehe, die da durcheinander gesprochen wurden. Andree verstand sie nur halb, aber dieses fand er heraus, römische Kaufleute waren es nicht, sondern Persianer und Juden. Hier wurde von den Persern Ware übernommen von den Juden, und umgekehrt.

 

Jakobus fühlte sich eingeengt unter den vielen Menschen. Ihm war so traurig zumute, am liebsten wäre er weiter gewandert, wenn es morgens gewesen wäre. Er verließ die Gaststube mit Andree, um sich in dem kleinen Ort etwas umzusehen, er musste eine andere Luft atmen. Es waren arme Hüttenbewohner mit einigen Ziegen, Schafen und Hühnern. Am Brunnen wurde das Wasser mit Eimern herausgezogen, und diese einfache Vorrichtung interessierte Andree. Die schweren Eimer wurden mit Leichtigkeit empor gezogen. So kamen auch zwei betagte Frauen Wasser holen. Andree zog ihnen das Wasser herauf und erbot sich, dasselbe ihnen in ihre Behausung zu tragen, und löste große Freude aus.

Er blieb lange, dann kommt er und bittet Jakobus, ihm doch zu folgen, da im Hause ein junger Mann liege, der dem Tode nahe sei. Als sie eintraten, waren die Bewohner vollzählig beisammen. Für sie war es ein Wunder, dass sich Fremde für einen Kranken interessierten, der auch ein Fremder war. Eine Karawane setzte ihn ab. Da der Wirt keine Zeit hatte, erboten sich die alten Leute, den Mann so lange zu pflegen, bis sie wieder nach hier kämen, was ungefähr einen Monat dauern könnte. Nun sei die Zeit längst vorüber, und alle Liebe und Arbeit sei doch umsonst gewesen, er müsse doch sterben.

 

Jakobus fühlte, hier ist menschliche Hilfe vergebens, wenn der Herr nicht hilft. So sagte er zu Andree: „Was fühlst du in dir, mein Bruder?“ – „Ach Jakobus, wenn ich doch dem armen Menschen helfen könnte, seine Augen blicken so bittend und treu“. Spricht Jakobus: „Ja, mein Bruder, warum zögerst du noch, wo du doch in dir den Zug des Heilandes fühlst. Der glaubst du, dass der Zug in dir, dem Armen zu helfen, aus deiner Seele ist? Verbinde dich doch ganz lebendig mit Dem, der immer bei dir sein will, und du wirst das Wunder Seiner Liebe erschauen!“

 

Da geht Andree hin zum Kranken, schaut ihn lange an. Mächtig arbeitet es in ihm, da geht er auf die Knie und betet: „Du Jesus, Du herrlicher Vater und Heiland, ich komme, Dich zu bitten um Deine Hilfe für diesen armen Bruder. Du hast mich Dich drei Tage erleben lassen, ich habe keine Zeit gefunden, Dir zu danken für das Große, was ich von Dir erlebte. Lasse mich Dich herzlich bitten, schenke mir Deine Kraft, dass ich Dich ganz verherrlichen kann, wie Du Deinen Vater verherrlichst hast! Durchdringe mich mit Deiner Kraft und gib diesem armen Bruder die Gesundheit wieder! – Ich fühle Deinen Strom, ich fühle Deine Kraft, ich sehe Dich, o mein Jesus. Du winkst mir zu, habe herzlichen Dank! Und du, mein armer Bruder, mein und dein Heiland will, dass du lebest!“

 

Da legte Andree beide Hände auf das Haupt des Kranken. Das Todesfieber wich und Andree sagte: „Im Namen Jesu sei gesund und Sein Leben werde das deinige. Stehe auf, dir ist geholfen!“

 

Der Kranke schaute ganz anders aus. Er erhob sich und sagte: „Wo ist der Schmerz und die Qual nur hin, ich bin ganz frei und wohlauf, wem verdanke ich diese Wohltat?“ Jakobus: „Nimm erst einige Bissen Brot und etwas Milch zu dir, dann sollst du alles erfahren“.

 

Die Bewohner staunten über diese Begebenheiten, sie konnten nicht die rechten Worte finden für dieses Wunder. Die alte Mutter brachte Brot und Milch, welches der Genesende auch sogleich verzehrte. Da sagte die alte Mutter zu Jakobus: „Dein Kleid sagt mir, du bist ein Jude. Diese sind verhasst bei uns, weil sie nur Bitternis brachten“.

 

Jakobus: „Nicht nur den Glauben an Menschen, sondern an Gott, den Wahren und Lebendigen, den ihr heute das erstemal richtig erlebt habt und Ihn nun auch kennen  lernen sollt“. Sagt die alte Mutter: „Wir haben genug von den Göttern, an die wir glauben und ihnen opfern sollen. Wir sind arm, wünschen auch nicht, dass wir mit Glücksgütern gesegnet sein wollen, wenn wir nur so viel haben, was wir zum Leben brauchen. Bei dem Herbergswirt freilich, da häuft sich der Reichtum, dafür werden sie aber auch immer geiziger. Nicht ein einziges Brot haben sie uns gebracht, aber Geld hat er viel bekommen“.

 

Jakobus: „Liebe Mutter, ist dir dein Herzensfrieden nicht mehr wert, als das Hasten und Jagen nach Gewinn? Auch meine Eltern waren arm, kam aber Geld ins Haus, dann war der Friede hin. Bist du nicht reicher, als der Wirt? Bedenke nun noch, dass ich dir die Bekanntschaft mit dem ewigen Gott vermittele, der diesem armen Bruder aufs Neue das Leben schenkte. Du bist an Alter dreimal so alt, wie ich, aber Erfahrungen über den wahren Gott habe ich tausend male mehr, wie du. Hast du, und ihr alle, noch nichts von dem Wunderheiland Jesus gehört, der in ganz Judäa die Kranken gesund machte, sogar Tote erweckte?“

 

„Gehört schon“, erwiderte die Mutter, „aber drüben der Wirt sprach nicht gut von ihm, da verlor ich jedes Interesse. Aber Ilonka kann erzählen, da sie oft zum Arbeiten geholt wurde in die Herberge“. Jakobus: „Also ist euch der Heiland doch nicht so ganz fremd!“ Ilonka: „Er wird uns fremd bleiben, weil er zu den Toten zählt. Gekreuzigt soll man ihn haben. Wenn du, als Jude, etwas von dem Gott der Juden bringen willst, da musst du weit ausholen, denn an den Juden haben wir noch nichts göttliches, sondern nur verwerfliches erfahren. Darum bin ich sprachlos, dass dieser dein Begleiter zu Jesus betete und im Namen Jesus unseren Kranken gesund machte“.

 

Jakobus: „Du freust dich doch am meisten, dass Veit nun wieder gesund ist, obwohl gerade du es an Liebe und Ausdauer nie hast fehlen lassen. Aber da du es als einzige bemerkt hast, dass Veit im Namen Jesus geheilt wurde, sollst du auch diejenige sein, die die Wahrheit am besten aufnehmen wird“. Ilonka: „Ich habe keine Lust, über Tote mich zu unterhalten, denn grausam ist der Tod und machtlos die Menschen“.

 

Jakobus: „Nicht so, Ilonka, der Tod ist nichts Schreckliches mehr, sondern nur ein Übergang in ein ewiges unvergängliches Sein! Unser aller Erdenleben, von der Geburt bis zur Sterbestunde, ist wohl ein Kampf, aber eben durch Jesus erhält alles eine andere Bedeutung. Jawohl, Jesus ist den Kreuzestod gestorben, aber am dritten Tage wieder auferstanden! Die dortigen Priester verbreiteten Gerüchte, die Auferstehung sei Lüge. Aber ich bin einer Seiner Zeugen und Seiner Jünger , die in Seinem Auftrag von Ort zu Ort ziehen, um die Botschaft zu verkünden: - der Tod ist überwunden und alles Leben wäret ewig durch den Heiligen Jesus! Wer an Ihn glaubet und sich an Seine Lehre hält, wird leben, aber ein Leben nach dem Tode, für das die Welt keine Worte hat, es zu beschreiben!“

 

            Ilonka: „Welches ist nun Seine Lehre, um an Ihn zu glauben, muss man Seine Lehre kennen“. Jakobus: „Nur Liebe soll alle Menschen beleben, und in dieser Liebe soll einer dem anderen dienen. Dies ist Seine ganze Lehre! Ehe ich an mich denke, soll ich erst an die anderen denken und mich bemühen, der Kleinste zu sein!“ Ilonka: „O weh, da hapert`s aber gleich, denn der Kampf um das bisschen Leben hat uns hart und für die Nächsten misstrauisch

Gemacht, du wirst wenig Freude bei uns finden“.

 

Jakobus: „Ich bin vom Gegenteil überzeugt, wenn ich euren Irrtum beleuchte. Bis jetzt lebtet ihr eure eigene Welt und hattet gar kein Verlangen nach euren Mitmenschen. Die Fremden brachten euch viel Verdruss und dieses macht euch noch verbitterter. Habt ihr euch jemals Mühe gegeben, die Fremden zu verstehen? Nein, kamen Kamelreiter und holten Wasser für ihre Tiere, da ärgertet ihr euch, weil es manchmal einen gab, der ein Flegel war. Aber daran habt ihr nicht gedacht, dass 99 Anständige  auf ihren freundlichen Gruß auch das Anrecht auf einen freundlichen Dank hatten.

 

Alle diese Menschen, die hier vorüberziehen, haben dasselbe Anrecht auf das ewige Leben, weil Jesus, der übergute Heiland, für alle, alle Menschen Sein Leben auf das Spiel setzte und Seiner Liebe die Krone aufsetzte, indem Er sich opferte für alle ihre Sünden!  Es geschah, wie ihr richtig vernommen habt. Was ihr aber nicht wusstet war dieses, dass Er lebt! Aber ein Leben, was unzerstörbar ist! Wir sahen Ihn, wir sprachen mit Ihm und sind auch jetzt mit Ihm verbunden. Ja, Bruder Andree sah Ihn, wie Er winkte, um dem Veit das Leben wieder zu geben!“

Spricht Ilonka: „Du Mutter, könnten die Beiden nicht bei uns bleiben, wir haben Platz genug? Jesus fängt an, mich zu interessieren und es wird Zeit zum Nachtmahl“. Die Mutter nickt und spricht: „Bleibet in dieser Nacht bei uns, dort drüben vermisst euch niemand. Wir sind auch euch zu Dank verpflichtet, weil alle Sorge um Veit in Freude verwandelt wurde“.

 

Spricht Jakobus: „Wir bleiben gerne, aber der Wirt hat uns als Gast aufgenommen und dort ist meine Anwesenheit wichtiger, als hier bei euch. Bruder Andree mag bei euch bleiben. Wenn ich weiter gezogen bin, wird er euch weiter unterrichten, denn ich gehöre nicht mir, sondern dem lebendigen Gott und Herrn, der uns durch Jesus offenbart wurde.

 

Um euch allen aber die Herrlichkeit Gottes zu beweisen, so stellt einen Krug frischen

Wassers aus dem Brunnen auf den Tisch. Der Herr wird ihn segnen und euch einen Wein geben, der euch überfröhlich machen wird. Alles weitere folgt, denn es drängt mich hin zu unserem Wirt. Komm, Andree, des Herrn Ruf ist geschehen, so geschehe auch Sein Wille, ihr aber seid gesegnet in Seiner Liebe!“

 

Eilig verlassen beide die armselige Hütte. Als sie aber in die Herberge kommen, hatte nicht einmal der Wirt das Fehlen gemerkt, denn es war wieder eine Karawane angekommen, mit vollgeladenen Wagen. Der Wirt hatte alle Hände nötig, um mit seinen Knechten und Töchtern die Menschen und Tiere zu versorgen. Ohne zu bestellen, wurde auch ihnen das Mahl, bestehend aus Fleisch, Gemüse und Brot, gereicht.

 

Da sagte Andree: „Bruder, ich glaube, dass wir hier völlig überflüssig sind, wir hätten doch bei den anderen bleiben sollen“. Spricht Jakobus: „Nein Andree, des Herrn Ruf ist erfolgt. Warten wir ab, es wird bestimmt etwas eintreten“.