Bei Petro

 

 

Nach einigen Stunden Schlaf zog er von dannen, begleitet von Vielen, die ihn am liebsten ganz behalten hätten. Der Tag wurde sehr heiß. Da kam er in ein Dorf, welches in der Mitte eine große Herberge hatte. Hier wurde ihm der Zuruf, einzukehren. Wie in jeder Herberge, war es auch hier. An der Straße und im Hofe viele Wagen und Menschen, die noch tätig waren.

 

In der großen Gaststube saßen nur Einzelne, die noch verhandelten. Einer schaut auf und spricht: „Was hat denn der zu verkaufen, das ist doch ein Jude“. Spricht ein anderer: „Wahrscheinlich einer der Nazarener, der sein Leben in Sicherheit bringen will“. – „Wieso – fragt der andere – die Römer tun ja keinem etwas“ „Die Römer nicht, aber die Tempelpriester, welche die neue Lehre des Nazareners ausrotten wollen. Ich rufe ihn an unseren Tisch“.

 

Er winkte Jakobus und sagte: „Bist du allein, weil du zu Fuß kommst? Welches ist dein Woher und Wohin? Wenn du nach Edessa willst, kannst du mit uns gehen“. Jakobus: „Von Jerusalem komme ich und will nach Edessa, auf Umwegen gelangte ich hierher. Ein Begehren habe ich nicht, im Gegenteil: Ich bringe die Kunde vom wahren und ewigen Gott, dessen Jünger ich bin“. „Da wirst du wenig Freude erleben, denn an Göttern fehlt es hier nicht, aber an Ware, die schlecht abzusetzen ist, weil die Leute arm sind“, erwiderte der Händler. Jakobus: „Mitnichten, mit Freuden nimmt man die Lehre des Heilandes Jesus an, weil sie das Leben der armen, geknechteten Menschen froh und friedvoll macht. Außerdem wurden auch alle ihre Kranken gesund“.

 

Antwortet Achmet, der Händler: „Da bin ich begierig, denn der Wirt hat eine Tochter, die schon seit Jahren krankt“. Jakobus: „Es ist noch nicht erwiesen, ob das Mädchen gesund wird, da ohne den Glauben an Jesus, den Heiland, eine Heilung unmöglich ist“. Achmet: „Das ist sehr gut gesagt. Wenn kein Erfolg zu sehen ist, dann wird es auf mangelnden Glauben geschoben. Mir musst du schon mit anderen Argumenten kommen, wenn ich an deinen Gott glauben soll“. Jakobus: „Ich bin nicht gedungen, um Glauben zu erwecken, sondern um Kunde zu bringen vom wahren und ewigen Gott, der die Menschen erlöste vom Fluch, vom Tode, vom Gericht. Gerade du, Achmet, brauchst am nötigsten einen Erlöser, denn dich hat der Weltgeist ganz eingenommen! Keiner ist so gefangen, wie du. Alle Götter sind für dich gute Einrichtungen, da sie ja zur Versklavung und Verdummung des an sich schon geknechteten Volkes beitragen. Aber an einen wahren und ewigen Gott magst du nicht denken, obwohl du das Dasein eines wahren Gottes nicht leugnen kannst“.

 

Spricht Amino: „Achmet, jetzt bist du an den Rechten gekommen. Dieser kennt nicht nur deinen Namen, sondern er scheint dich auch zu durchschauen. Ich rate dir, sei vorsichtig, mit Göttern ist nicht zu spaßen“.

 

Jakobus: „Ich lese nicht nur bei dir, Achmet, sondern auch bei dir, Amino, in deiner Seele, als wenn alles offen vor mir liegt. Auch du bist dem Weltgeist verfallen. Es bedarf ganzer Kraft von deiner Seite, willst du dereinst ewig leben. Euer Leben ist kein Leben, ihr gleichet einem Schlinggewächs, das alles in seine Umarmung zieht, wenn aber der Tod kommt, muß alles sterben. Das Gute in euch habt ihr selbst getötet, ihr tragt nur noch einen Schein nach außen“.

 

Achmet: „Du, ich verbitte mir deine Vorwürfe. Ich brauche deinen Erlöser nicht. Ihr Juden habt der ganzen Menschheit bewiesen, dass sie ohne Erlöser leben wollen, da sie ja den seinwollenden Erlöser an das Kreuz brachten. Mit deinem Gott aber konntest du hübsch zu Hause bleiben, denn mit einem Gott, der seinen Sohn schutzlos seinen Feinden überlässt, kannst du nicht viel von Kraft und Herrlichkeit anpreisen“.

 

Jakobus: „O, du armer verblendeter Mensch, dein Wissen ist die größte Unwissenheit. Einen Narren wirst du dich selber schelten, wenn du hineinschauen lernst in die Größe und Erhabenheit Gottes. Was wirst du mir aber antworten, wenn ich dir sage: Eben dieser Gottessohn war Gott Selbst, dieses gebrachte Opfer aber ist ja die Rettung und der Weg zur Erlösung aller“. Achmet: „Was soll ich antworten? Ich habe kein Verlangen nach einem Gott, ich bin mir selbst genug“.

 

Jetzt kommt der Wirt, der schon länger zuhörte, und sagte: „Achmet, würdest du auch so reden, wenn du, wie Sabine, jahrelang auf dem Krankenbette lägest? Gewiss, du brauchst keinen Erlöser, da du keine Gebrechen an dir findest. Aber wie viele wird es wohl geben, die einen Erlöser ersehnen?“  Achmet: „Petro, dich lässt das Leid so sprechen. Denke an den König in Edessa, wie hatte er auf den Heiland und Erlöser gehofft, und sein Sohn ist doch gestorben. Wer zum Leiden geboren ist, das ist eben Schicksal, gegen das Schicksal kannst du nicht anrennen“.

 

Jakobus: „Achmet, deine Anschauung in Ehren, aber sie weicht ab von der Ordnung. Alles, auch das Geringste, ist den ewigen Urgesetzen untergeordnet, die geringste Abweichung vom Urgesetz trägt Folgen. Der Mensch ist längst nicht mehr, was er sein soll und wie er war von Anbeginn seiner Erschaffung an. Nur der kann vom Schicksal reden, der Gott und seine Gesetze kennt. Ist aber der Zustand eingetreten, wo wirklich Schicksal das Vorbestimmende war, dann, sei versichert, ist auch Gott mit Seinen Kräften da, der tragen und ausharren hilft.

 

Du, Petro, bist Beweis genug, hast du doch oft gesagt: Ich wundere mich, wo ich die Kräfte hernehme. Dein Weib krank, Sabine noch elender dran, trotzdem warst du immer voll Hoffnung. Als aber dein Weib starb, warst du am Ende deiner Kraft, und bist doch noch! Siehe, dies war Schicksal, welches nicht Gott, sondern du dir selber aufgebürdet hast. Du wolltest einmal die wahre Herrlichkeit Gottes offenbaren, und heute ist die Stunde da, wo du den Lohn für deine Treue erhältst. Noch kannst du mich nicht verstehen, aber so du wahrhaft Gott erkennst, wird dir alles offenbar werden!“

 

Petro: „Fremdling, so sprach noch kein Mensch, kein Priester. Du gibst mir eine Verheißung, die vom Gotterkennen abhängt. Sag, wie kann man Gott wahrhaft erkennen?“ Jakobus: „Du musst dich erst erkennen, musst in dir eine Grenze ziehen, wie weit du Mensch und wie weit du Tier bist. Wenn du all dein Tierisches vermenschlichen kannst, dann sei als Mensch edel, hilfreich und gut zu allen, allen Menschen und Tieren, und du bist auf der Ebene, wo du Gott erkennen kannst.

 

Du denkst, Gott erkennen, ja, wo ist eigentlich Gott? Ja, sage ich dir, Gott ist überall dort, wo du Ihn sehen willst. Und ist nirgends, wo du Ihn nicht sehen willst. Es gibt ja nichts in der ganzen Unendlichkeit, was nicht Zeugnis von Ihm ablegt, da alles aus Ihm und durch Ihn geworden ist.

 

Der Mensch aber, als Produkt Seiner Vollkommenheit, wurde freigestellt und sollte das Bindeglied sein zwischen allem Geschaffenen und Ihm Selbst! Er sollte allem den Stempel der Göttlichkeit aufdrücken, damit sich alles entwickele zum Vollkommenen. Der Mensch versagte, zerschlug alle die Hoffnungen, die Gott auf ihn setzte und verlor sich in seiner Ichsucht, Habsucht und seinem Hochmut. Um den Menschen nicht ganz verloren gehen zu lassen, wurde Gott Mensch, nahm alles an, was den Menschen hoch und nieder ziehen kann, und heiligte alles, was unheilig war. Er offenbarte das Reich des ewigen Lebens, welches im Menschenherzen seinen Anfang nimmt und zeigte die Wege, die in das Reich des Lebens und der Wahrheit führen.

 

Als Jesus, als Menschensohn lebte Er unter uns, tat Zeichen und Wunder, wie ihr oft genug gehört habt, aber noch Größeres gab Er uns! Es war Sein Wort, so einfach, so schlicht und lebenswahr, dass in diesem Seinem Wort uns Sein vergöttlichtes Leben entgegenkam. Wer an dieses Wort glaubt und es sich zu eigen macht, macht sich Gottesleben zu eigen. Es offenbart sich als Kraft, Weisheit und Frieden! Es kann sich aber nur offenbaren, wenn die Bedingungen erfüllt sind. Sie lauten: Liebe Gott und deinen Nächsten mehr, als dich!“

 

Petro: „Es könnte nicht schwer sein, Gott zu lieben, wenn Er nicht mehr verlangt, als Liebe zum Nächsten! Ich glaube dir, Fremdling, und so sei nicht mehr mein Gast, sondern mein Allernächster. Betrachte dieses mein Haus als das deine und lehre mich, wie ich recht lieben kann. Ich bin müde von den vielen Sorgen und vom Ringen. Mein Leben war ein restloser Kampf, da verlernt man die Liebe“.

 

Jakobus legt seine Hände auf Petros Haupt und spricht: „Petro, mein Bruder, die Liebe Jesu sei mit dir. Sein Geist erleuchte dich und lasse dich vergessen alles Vergangene. Von nun an schaue das Leben als Liebe, Licht und Sonne, und bald wird dir Freude über Freude werden“.

 

Achmet: „Na Petro, jetzt hast du dir aber einen richtigen Schwärmer ins Haus gesetzt. Ich gönne dir die Freude, du wirst froh sein, wenn er wieder fort ist, der arme Faun“. Jakobus: „Achmet, schweige, ich tat dir nur Gutes, du aber bist beleidigt, weil ich dir zeigte, wie du bist. Sei aber in Zukunft klüger und versperre dir nicht den Weg, den ich dir zeige. Nun komm, Petro, zu Sabine, damit dein Herz frei und froh werde“.