Benediktus

 

 

Benediktus drängte sich heran und sagte: „Lieber Freund, deine Schilderungen und die Erzählung dieser holden Blume haben mich verlangend gemacht nach Erlösung von dem Druck, der mich fast zur Verzweiflung treibt.

 

Jakobus: „Du tust recht, so du dich verlangend fühlst nach der rechten Erlösung. Diese aber kann nur Jesus, der Gekreuzigte und Auferstandene geben, von dem du ja nichts wissen willst. Siehe, lieber Freund, du richtest dich selbst. Gewiss war deine Handlungsweise eines weisen und guten Menschen unwürdig, aber schuldig warst du nicht. Hat dein Freund nicht auch einen freien Willen und einen rechten Verstand? Bei einer rechten Überlegung musste dein Freund sich sagen: Benediktus kann als Priester nicht anders handeln. Er aber konnte anders handeln, indem er sich zum rechten und wahren Lebenswillen aus sich heraus durchrang und dir, und allen Göttern zum Trotz, sein Mädchen ehelichen. Als du von seinem Tod erfuhrst, war es zu spät für dich, ausgleichend zu wirken.

 

Du beschuldigst deine Götter, die dich im Stich ließen, in Wirklichkeit aber warst du verlassen von der Kraft deines Glaubens und dem Weg zu dir selbst. Du suchtest Trost im Wein und wirst immer elender, und der letzte Trost, den du in deinem Tode, gleich deinem Freunde suchst, wird dir erst recht keine Erlösung bringen“.

 

Benediktus: „Jakobus, du bist unheimlich, meine geheimsten Gedanken scheinst du zu kennen. Aber rate mir, was soll ich tun? Wie ich das bisschen Leben satt habe, ich kann schauen, wie ich will, überall das gleiche Aussichtslose, ich habe alles Vertrauen verloren“.

 

Jakobus: „Benediktus, wenn du dieses glaubst, kann es auch nicht anders sein. Warum schaust du das Leben nicht einmal von der anderen Seite? Du hast von dem Wunderheiland gehört. Gegen Seine Taten hattest du nichts, aber Seine Liebelehre war dir Ausdruck von Schwäche. Darum konntest du dich nie zur rechten Liebe aufschwingen und alles Leben in dir war und blieb tot. Aus Trotz und aus Angst vor dir selbst wurdest du Soldat und flohest vor dir selbst. Aber die erbarmende Jesusliebe gab dich noch nie auf und führte es so, dass du heute in das Haus des Petro kamst und Dinge erlebst, die dem Leben angehören.

 

Du schaust Sabine in ihrer Frische und hörtest Worte aus dem Leben der Liebe aus ihrem Munde, der vor Stunden noch Seufzen nach Erlösung hatte. Was Jesus Sabine tat, kann Er auch dir tun, aber dazu gehört ein Sichfinden und ein Sichbekennen zu Ihm, da Er nur da wirken kann, wo Ihm lebendiger Glaube entgegen gebracht wird. Siehe, dein Freund war klüger, als du. Dort, in seinem Elendsjammer nahm er die Botschaft von der erlösenden Heilandsliebe an und änderte sich in seiner Gesinnung. Heute ist er ein Geretteter und seine Dankbarkeit kennt keine Grenzen. Frage Sabine nach ihm, sie wird dir Auskunft geben“. Benediktus: „Wirklich, dann wäre ja auch der Tod keine Erlösung“.

 

Da sagte Sabine: „O du armer Freund, wie freudlos war und ist dein Leben. Ich in meinen Schmerzen hatte Sehnsucht nach Erlösung, da ich körperlich litt. Meine Seele aber sehnte sich nach Ihm, den ich so oft schaute. Du aber lebtest in Nacht und Grauen und flohst vor dir selber. Glaubst du, der wahre Gott kann helfen, ohne dass du Ihn erkennen willst? Nun ist aber Gott, der Wahre und Lebendige, offenbar geworden. Warum glaubst du Seinem Boten nicht und forderst Beweise . Siehe, der, den du tot glaubst, ist lebendig, aber du bist tot. Immer denkst du an dich und deinen Herzensfrieden. Darum lässt dir dein Freund sagen: Weiche ab von der Straße, auf der du gehst, denn nie wirst du dein Ziel erreichen. Ein hundertfaches Wehe musst du durchleben, wenn du die Hilfe des Erlösers und ewigen Herrn nicht annimmst, die ich dir als Freund und Bruder anrate. Als ich von deiner Lieblosigkeit und deinem harten Herzen bis zur äußersten Verzweiflung getrieben war, fluchte ich dir. Vera, die Gläubige, aber ging den Weg der Entsagung, da ein Leben, ohne den wahren Gott, doch kein rechtes Leben sei.

 

Noch einmal versuchte ich, dass du mich überzeugen solltest von der Wahrhaftigkeit der Götter, aber du ließest mich in meiner Not. Das Schlimmst aber war, dass du für Veras Hochherzigkeit harte und verdammende Worte hattest. Da wurde ich irre an dir, an den Göttern und an mir und ich forderte das Schicksal heraus. Das Andere weißt du.

 

Was du aber nicht weißt, ist das harte, übergroße, übertraurige Leben nach dem Leibestode. Alle Reue, alle, alle Tränen, alles Fluchen und Toben ist umsonst. Nicht einmal ein Lichtstrahl erhellt dein Dasein in finsterer Nacht und macht die Minuten zu Ewigkeiten. Nach endlosen Qualen und unsagbaren Leiden wurde Hilfe durch den Gekreuzigten, der da mir und vielen, vielen Rettung brachte und nichts anderes verlangte, als Hingabe und Glauben. Da endlich, vor solch großer Liebe, die meine ganze große Schuld auf sich nahm, erkannte ich meinen großen Irrtum. Noch einmal erlebte ich die ganze große Schwere meines Vergehens gegen das Leben, bis endlich des Gekreuzigten Liebe wie Balsam auf mein ganzes Ich überströmte. Da wurde ich klein und kleiner. Ihm zu Füssen liegend, vernahm ich Seine Worte: `Noch ist es nicht zu spät, was die Welt an dir sündigte, habe Ich gesühnt, du aber werde lebendig im Glauben an Meine Liebe und Mein Erbarmen. Von nun an höre die, die von Meinem Geist getragen werden`.

 

Ich glaubte. Licht ist um mich und auch in mir! Wunder der großen Gotteslebensliebe machten mich wieder zu einem Wesen voller Hoffnung und Sehnsucht! Darum sei endlich klug und wirf alles Dunkle und Trübe in dir weit hinter dich. Lebe von nun an ein Leben der Gegenwart und Zukunft. Kurz ist das Leben welches wir gelebt haben, aber in der Ewigkeit scheint überhaupt keine Zeit zu vergehen`.

 

Benediktus: „Sabine, ist denn dieses wirklich Wahrheit, was du mir gesagt hast, warum sehe ich Kaminski nicht? Deine Worte klingen wie ein Strafgericht, und doch liegt ein Bitten um Verstehen darin. Kannst du mich aus dem Zweifel erlösen?“ Sabine: „Armer Freund, wie tot musst du sein, wenn das Werben der Liebe dich noch kalt lässt! Würdest du deinen Freund Kaminski sehen, stände die Ewigkeit als unumstößlicher Beweis vor dir, dann gäbe es nur noch ein Entweder – Oder. So aber lässt dich der Herr in deiner Freiheit und überlässt dir selbst die Entscheidung“.

 

Da wendet Armino ein: „Bruder Benediktus, was überlegst du dir noch, liegt nicht alles offen vor dir? Nicht das ist das Gewaltige, dass du nun im Bilde bist über Kaminski, sondern das Übergroße ist, dass du weißt, Kaminski trägt dir nichts nach. Im Gegenteil, er bittet dich, Freund zu bleiben und an deine Rettung zu denken. Ich danke dir mein Leben, dass du mich von meinen Gegnern befreitest, ich weiß deine Liebe und Mut zu schätzen. Warum willst du die Liebe und Freundschaft deines Bruders Kaminski verlieren? Dass dieser in der Ewigkeit ist, kann doch das Hindernde nicht sein, im Gegenteil, es wird dir nur förderlich, da dir die Liebe deines Bruders nie mehr verloren gehen kann“.

 

Benediktus seiht alle mit flackernden Augen an, steht auf und stürmt hinaus. Da sagt Jakobus: „Lasst euch nicht stören, jetzt hat er den letzten Sturm in sich zu ertragen! Wollen wir ihm unsere Liebe nicht versagen, er wird ein herrlicher Bruder werden!“ – „Soll ich ihm nachgehen?“ fragt Sabine. Jakobus: „Nein, Sabine, der Herr Selbst geht ihm nach. Vertrauen wir ganz der ewigen Liebe und Erbarmung, es wird alles gut werden“.

 

Laurentius, der der ganzen Szene aufmerksam gefolgt war, sagte: „Du, Jakobus, und du, Sabine, ihr brachtet Dinge zum Vorschein, die beim richtigen Nachdenken Unfassbares offenbaren. Was diesen Kaminski betrifft, das ist erschütternd. Nach seinen Worten muss ich annehmen, er ging freiwillig in den Tod, er muss Entsetzliches ausgehalten haben. Der Erlöser kam auch zu den Unglücklichen! Jakobus, dieses kann ich noch nicht recht fassen. Kasimir, ein Betrüger, meine Mutter die Betrogene. Sag mir nur das Eine, warum verhindert der ewige Gott den Betrug nicht? Jetzt, nach vielen, vielen Jahren kommt die Wahrheit an den Tag. Für mich könnte es von Nutzen sein, aber wie steht es mit meiner Mutter?“

 

Sabine antwortet: „O, du treuer Freund, sorge dich um das nicht mehr! Lichtwesen, mit strahlenden Augen, betreuen sie. Mir ist, als wenn der Herr das Maß Seiner Liebe voll ausschüttet über die Vielen. Sie alle haben die Botschaft von dem Heiland angenommen und schicken sich an, ihren traurigen Ort zu verlassen. O, du treuer, guter Heiland Du, endlich ist diese trübe Gegend verschwunden“.

 

Laurentius: „Sabine, ich glaube dir und deinen Gesichten. Ich werde mich nie mehr hindernd zwischen Gott und den Menschen stellen! Habt alle herzlichen Dank. Du, Jakobus, sollst von mir aus Vollmachten erhalten, die dir dein Reisen erleichtern“. Jakobus: „Lieber Bruder, es bedarf alles dessen nicht. Der Herr ist mein Auftraggeber, in Seiner Mission reise ich von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt. Er, der mir in allem getreulich hilft, ist mein Schutz und Schirm, und all mein Tun und Schaffen erfolgt nur nach Seiner Anweisung. Es ist eben der Beweis, mit Gott, dem Ewigen und lebendigen, verbunden zu sein, da ich ja ohne Ihn nichts vermag.

 

Siehe, wie gerne hätte ich noch mehr meine brüderliche Liebe dem Benediktus angedeihen lassen, aber der Herr will, dass er sich selber findet. Ja, er findet sich und wird uns allen noch große Freude machen. Du wunderst dich, Laurentius, auch du musst ganz allein das Hemmende in dir beseitigen, dann erst entsteht in dir das wahre Gottesleben. Wo noch eine Nötigung erforderlich ist, hat der Feind noch großen Anteil, es gilt die Freiwerdung aller, auch die des Lebensfeindes“.

 

Petro, der allen Reden und Gegenreden aufmerksam folgte, sagte: „Meine lieben, lieben Freunde, lasst doch einmal das viele Fragen und Reden. Sind es nicht schon Beweise genug? Wie muss der Herr, der das Maß Seiner Liebe so reichlich bemessen hat, traurig sein, wenn immer noch gefragt wird. Ist das auch Liebe? Ich muss gestehen, wir würden noch ein Vieles mehr erleben, wenn wir uns alle recht dankbar freuen würden, wenn aus uns die wahre dankbare Freude strahlen würde! Könnte es dann geschehen, dass ein ringender Bruder das Alleinsein sucht? O nein, alle Herzen wären weit offen, wie das Herz des wahren Gottes und Heilandes offen ist! Nur Er allein hat uns frei und glücklich gemacht, bemühen wir uns, ebenso zu tun! Ich glaube, wir erreichen dadurch mehr, als durch stundenlanges Fragen und Forschen“.

 

Ein bedrückendes Schweigen erfolgte, dann sagte Jakobus: „Petro, deine Worte kommen aus befreitem Herzen, das in sich Sehnsucht fühlt, alle frei zu sehen. Aber denke daran, dass auch du lange, lange dulden und leiden musstest, um die Liebe und Gnade des Herrn ganz zu erkennen. Zu allem aber gehört die rechte Reife!

 

Schon des Herrn Wege waren unverständlich, so dass wir manchmal fragten, warum tut der Herr Dieses oder Jenes. War aber das Werk gelungen, dann kam die Erleuchtung, dass der Herr alles so wunderbar geführt hatte, nur müssen wir es von selbst erkennen. Die Reife aber besteht ja darin, dass wir die übergroße Liebe und Gnade des Herrn nicht, wie erst gegeben, sondern wie längst da seiend von allein finden, und in diesem Finden verwachsen wir dann mit dem Gottesleben aus Seiner Liebe und Gnade. Nur eines ist beim Herrn maßgebend, wie ein Jeder den Herrn findet. Es ist allergrößte Freiheit, die einem jeden Menschen oder Geist zu eigen gegeben ist.

 

Finden wir den Herrn und Gott als Schöpfer oder als Richter, so wird alles in diesem Sinne von Ihm zeugen. Darum ist auch bei so vielen alles so begrenzt, während bei denen, die Ihn als den ewigen Vater mit Seiner unendlichen Liebe und Erbarmung finden, alles so frei und ungebunden ist und sie kennen nur den Wunsch, sich ganz der ewigen Vaterliebe würdig zu erzeigen. Dieses geschieht aber nur durch die Bruder- und Nächstenliebe“.

 

Sabine, die jedes Wort von des Jüngers Mund wegnahm, ging unbemerkt hinaus. Ihr Inneres drängte sie, Benediktus zu suchen und ihm zu helfen. Hell schien der Mond. Als sie nach dem Brunnen schaute, gewahrte sie, wie ein Mann auf und ab ging. Sie ging langsamen Schrittes hin, erkennt den Gesuchten und spricht: „Aber, lieber Freund, warum fliehst du uns, die wir alle so froh und glücklich sind? Schmerzt dich unsere Freude oder dein eigenes Leid?“

 

Benediktus: „Du bist es, Sabine? Warum du und nicht der Gottesbote? In meinem Zustand kann ich nicht zu euch kommen, in mir ist alles zerbrochen“. Sabine: „Aber Benediktus, will der Heiland nicht alle heilen, die zerbrochenen Herzens sind? Ist es denn gar so schwer, die helfende und erlösende Liebe des Heilandes und Gottes anzunehmen? Sieh mich an, heute Morgen ersehnte ich den Tod als Erlösung und in dieser Stunde ersehne ich, dass alle, alle das Leben ergreifen möchten, wie ich es ergriffen habe!“

 

„Sabine, du bist jung, vor dir liegt noch ein langes Leben, hinter dir wenig, was du zu bereuen hast. Ich bin ein verbrauchter Mensch mit einem verpfuschten Leben, wie kann ich das Verkehrte wieder gut machen?“ – „Gar nicht, lieber Freund, das wird schon der übergute Heiland Jesus tun, wenn Er dich annimmt. Und dafür setze ich mein mir neu geschenktes Leben ein. Und Er nimmt dich, wie du bist, und macht dich brauchbar für Seine Dienste. Darum bitte ich dich, komme zu den anderen und öffne dein Herz für den Strom von Liebe, der ausgeht von Ihm, dem Heiligen und lebendigen Heiland“. Benediktus: „Mädchen, du meinst es gut. Ich will dir vertrauen, denn in dem alten Elend vermag ich nicht mehr länger zu leben“. – „Dann komme und vertraue! Ein neues Leben wird dich wieder zu einem frohen Menschen machen, wie auch ich ein neuer und froher Mensch durch Seine unsagbare Liebe wurde“.

 

Alle erstaunten, als Sabine mit dem Benediktus in die große Stube trat. Da sagte Petro: „Sabine, du hast nach dem Zug der Liebe gehandelt, während wir nur von der Liebe sprachen. Aber nun Kinder, freuet euch, erfreuet euch, solange wir noch beisammen sind, damit sich auch der Herr erfreuen kann. Heute schlafen wir nicht. Jakobus, erzähle du noch etwas aus deinem Leben mit dem Herrn“.