Durchgerungen zum Licht

 

 

Jakobus lud Zeno zum König Abgarus ein. Dieser erwartete ihn schon mit großer Freude, er hatte schon von den Wundern am Tempelhain alles erfahren.

 

„Bruder, sei gegrüßt in der Liebe, die uns zu frohen und zu neuen Menschen macht. Unsere Zunge kann nicht genug rühmen die Gnade und die Erbarmung des Herrn, die allen, allen gereicht wird“. – „Ja, Bruder Abgarus, wer das Leben erfasst hat, sieht, hört, fühlt und erlebt die Gnade des Herrn und ewigen Gottes, aber mit sehen, hören, fühlen und erleben bin ich noch nicht Träger Seines Geistes und Vollstrecker Seines Willens. Es bedarf noch viel Eifer und noch mehr Hingabe, um ganz für Ihn zu leben und für ein Werk zu arbeiten“.

 

Diener luden zum Mittagsmahl. Ohne langes Zaudern wurde es eingenommen, die Unterhaltung drehte sich um Jesus, den Heiland. Man betrachtete das Bild, welches Abgarus im Besitz hatte, denn die Sehnsucht war groß, um Ihn zu schauen.

 

Jakobus fragte Abgarus, ob er getauft sein möchte, als äußeres Zeichen, dass er sich dem Lebensmeister ganz zu eigen gebe. Da antwortete Abgarus: „Nicht nur ich, sondern mein ganzes Haus“. – „Auf dieses dein Versprechen hin“, erwiderte Jakobus, „will der Herr, dass ihr Einblicke erhaltet in die ewige und wahre Welt, die in euch ihren Anfang, aber kein Ende hat. Schließt eure Augen, es geschehe des Herrn heiliger Wille“.

 

Eine ganze Stunde erlebten sie die lebendige Gnade und Liebe. Dann sagte Jakobus: „Erwachet wieder in euren natürlichen Zustand, denn länger zu verweilen, trägt euer eigener Geist noch nicht“. Alle sahen sich erstaunt an, dann sagte Abgarus: „Bruder, war dies ein Traum, oder ein Gang in die Ewigkeit?“ Jakobus: „Keines von beiden, sondern ein Umsehen, ein Verweilen in eurer eigenen inneren Welt. Es liegt ja in einem Jeden das ewige und vollkommene Leben, wie in einem jeden Saatkorn das Leben unsichtbar liegt, lege es in ein Erdreich, und bald wirst du das keimende Leben erschauen. Übergib dich ganz der ewigen Gottesordnung und nicht nur du, sondern alle Menschen werden an dir das neue Leben aus dem lebendigen Gott erschauen, welches in dir seinen Anfang und für ewig kein Ende haben wird“.

 

Abgarus: „Ja, Bruder, jetzt verstehe ich dich aber nicht. Als ich mein Auge schloss, wurde es finster. Dann erschien ein Licht, es wurde immer größer, dann kam das Licht auf mich zu und hüllte mich ganz ein. Ich denke, was ist das für ein Vorgang, da gewahre ich, wie sich eine wunderschöne Gegend auftut. In den Fernen waren Gebirge, dessen Spitzen weit in den Himmel ragten, der ganz blau und hell sich abzeichnete. Ich sehe mich um, da kommen zwei Männer auf mich zu, begrüßen mich auf das freundlichste, da erkenne ich in dem einen meinen verstorbenen Sohn. Ich sage: `Omar, bist du es wirklich?` Da erwiderte er: `Ja Vater, dieses ist mein Führer Zuriel. Durch die Gnade des Herrn und ewigen Gottes dürfen wir dich führen in unsere Welt, die auch die deine ist`. Ich wollte ihn umarmen, da sagte Zuriel: `Komm Bruder, es ist am Erkennen genug, wir wollen diese Gnadenstunde recht nützen zum Heil aller`.

 

Da gingen, nein wir flogen, nach dem Abend zu. Dort war es weniger hell, die Gegend scheint recht unfruchtbar zu sein, denn überall sehe ich große Steine. Beim Durchgehen sehen wir auch einige Männer, die an den Steinen hauen und meißeln. Die Männer waren fast nackt und bemerkten uns nicht. Ich fragte: `was tun diese Menschen hier an den Steinen?` Antwortet Zuriel: `Bruder, diese versuchen, diesen Steinen Form und Leben zu geben, denn ihre Liebe galt ja auf Erden den toten Steinen und Götzen. Solange sie noch an ihren Steinen arbeiten, wäre unsere Hilfe zwecklos. Erst wenn sie anfangen, ihre Steine, die gleich ihrer Liebe sind, zu zerschlagen, können wir ihnen die erste Hilfe geben`. Ich fragte: `darf man diese Menschen ansprechen?` Da sagte Zuriel: `Lieber nicht, denn sie sehen uns nicht. Diese sind keine verlorenen Brüder. Bald wird ihnen die Kunde von der Auferstehung des Herrn gebracht werden, wenn sie an ihren Steinen irre geworden sind. Wenden wir uns nach dem Abend hin, dort wirst du manches schauen`.

 

Bald waren wir in einer Gegend, die fast dunkel war, aber unsere Augen konnten noch alles gut erkennen. Wir kommen an eine alte Burg, deren Tore eingefallen waren. Wir gehen hinein, sehen einen Schwarm Männer und Frauen, fast nackend und ganz elend aussehend. Sie sind erbittert und trostlos, ihre schöne Burg ist kein sicheres Asyl mehr, alle Speisevorräte sind aufgegessen. Der eine sagte mit grollender Stimme: `Nun sitzen wir in der Falle und haben gar nichts mehr. Wir hätten die anderen halten sollen, als sie mit den seinwollenden Gottesboten abgewandert sind`. Ein anderer spricht: `Du Großmaul du, wie die Boten da waren, da hattest du Angst, als sie nur unsere Burg berührten, weil sie einzustürzen drohte. Ich wollte, ich wäre mit den anderen gegangen, ihr Los wird ein bestimmt besseres sein, als das unsere. Was soll nun eigentlich werden? Hierher findet sich kein Wesen mehr, seit jener Stunde, wo der Gekreuzigte die Botschaft des Lebens brachte`. `Fange nicht schon wieder an, sonst fühlst du meine Fäuste. Jedenfalls brauchen wir keinen, der am Kreuz endete und allerhand verspricht, was nie werden kann. Hier sind wir die Herren und wir bleiben sie auch`. Da lacht einer hell auf und schreit: `Ja, die Herren ohne Knechte, ein schönes Leben zum Verhungern und Erfrieren. Nur zu, mich freut, wenn ihr genau so hungert und friert, wie ich`. `Ruhe`, brüllt ein anderer, `sehet zu, wo wir etwas zu essen bekommen`.

 

`Kommt weiter`, spricht Zuriel, `die  Zeit drängt. Hier schlagen sie sich noch fast tot und wissen nicht, welche Toren es sind. An 100 Brüder wurden gerettet, als der Herr Selbst ihnen ihre Blindheit und Torheit schilderte und ihnen den Weg zur Erlösung zeigte. Diese werden noch lange, lange warten müssen, denn sie waren harte Herren, ihre Sklaven waren wie Lasttiere`.

 

Wir eilten weiter, kamen an einen breiten Strom. Ein kleines Schiff war am Ufer, wir stiegen ein. Schnell ging es stromabwärts nach dem Süden zu, wo es schön hell und sonnig war. In der Nähe einer großen Stadt stiegen wir aus und gingen landeinwärts. Da reiße ich meine Augen auf, solch eine Pracht habe ich noch nie gesehen. Es kamen auch sehr schöne Menschen beiderlei Geschlechts, die da an schönen Anlagen und Blumenbeeten lustwandelten.

 

Wir gingen nach einem Tempel. Dort schien eine Versammlung zu sein, denn viel, viel Volk war da. Leider konnten wir nicht noch näher heran, da zu viele da waren. Zuriel sagte: `Ein Priester hält einen Vortrag über das Licht, der euch weniger interessieren wird, denn diese Menschen sind sehr weise und lieben das Leben nach ihrer Art. Hier gibt es viele Künstler, das seht ihr an den Bauwerken und an den Tempeln. Sie kennen Gott als den Weisesten, reden tagelang um eine Sache, bis alles auf das gründlichste klar ist. Hier gibt es nie Not, nie ein Klagen, aber auch kein Freuen, es hält schwer, einen zum Liebesbegriff zu bringen. Schaut euch recht um, denn diese Leute zeugen auch von Willenskraft und Ausdauer, auf der Erde wird so etwas fast unmöglich sein. Diese schnurgeraden Straßen, die Genauigkeit in den Maßen, alles, alles entspricht ihrer Weisheit. Nun wollen wir noch nach Omars Heimat gehen und darum wird uns Omar führen`.

 

Wir fuhren wieder mit dem Kahn nach Süden, bis an ein Gebirge. Wir steigen aus, gehen über einen Berg, schauen kleine Dörflein, kleine Hütten, und Omar spricht: `O, meine Geliebten, hier bin ich daheim. Wie armselig war mein Erdenleben gegen dieses Leben hier. Wohin das Auge schaut, nur Schönheiten, die aber Wirklichkeiten sind. Kommet, kommet und schauet selbst, wie gut der ewige Gott und heilige Vater ist. Hier gibt es nur einen Glauben, und zwar den an die Liebe, und nur ein Leben, das für den Anderen da ist. Schauet diese kleinen Häuschen, sind sie nicht allerliebst? Wohl haben sie kleine Türen, man muss sich beugen, so man eintritt, und innen. Kommt nur und schauet, schon wird es lebendig. Meine Schwestern und Brüder kommen, sie haben eure Absicht erkannt und werden euch begrüßen kommen. Da sehet, sie sind schon hier, da dürft ihr aber Wunder der Liebe schauen. Erkennst du, lieber Vater, das erste Paar, die mit leuchtenden Augen dir entgegen kommen?`

 

Ich staune, ich denke, mein Herz zerspringt vor Freude. Es war mein Vater und meine Mutter. Sie begrüßen mich mit den Worten: `Vielgeliebter Abgarus, und auch du, Bruder im Herrn, seid herzlich willkommen daheim. Unsere Sehnsucht galt euch allen. Nur ein einziges Mal solltet ihr erschauen, wie der Herr und ewige Gott die Treue und den Glauben lohnt. Was ihr hier seht, ist Eigentum unserer Liebe, auch ihr gehört dazu. Und soweit unsere Gedanken reichen, so weit gehen die Gefilde dieser Welt. So groß aber unsere Liebe ist, so groß ist auch die Kraft, zu wirken im Geiste alles Lebens aus Gott, dem lebendigen und heiligen Vater. Siehe, hier gibt es keinen mehr, der mir Vater und Sohn war, nur Brüder. Einer ist unser aller Vater, Jesus, der Lebendige und Ewige, dessen Leben und Liebe du nur ganz wenig erkannt hast. Wirst du sie erkennen im Vollmaße, dann ist deine Seele zu schwach, den Geist in dir zu tragen, der mit aller Kraft verwirklichen will, was nicht nur dir, sondern allen Erfüllung bringt. Da schau, dieses Türlein ist geöffnet, aber erschrecke nicht beim Eintreten, denn es ist das Reich des wahren Lebens, welches sich deinen Blicken zeigt. Auch möchte ich dich nur hineinschauen lassen, da deine Zeit erst kommen muss, um alles zu ertragen`.

 

Was ich nun erschaute, war zu viel. Ich sagte: `Lasset mich umkehren und wieder zur Erde gehen. Was ich hier erlebe, ist für mich Erdenbürger noch nicht zu ertragen. Da sagte mein Vater: `Abgarus, in dir liegt alles noch viel herrlicher, denn alles ist Geschenk der ewigen Liebe an alle, die wir hier verweilen dürfen aus der Gnade Gottes. In dir aber kristallisiert sich noch viel Herrlicheres, da deine Liebe dein eigener Schöpfer ist. Was wir hier unsere Welt nennen, ist uns durch die Gnade Gottes geworden. Was aber in dir lebt, ist durch deine kindliche Liebe zum Herrn, Gott und Vater, schon jetzt dein Eigentum. Nach deiner Liebe, nach deinem Willen wird sich alles gestalten. Hier, schaue Omar an. Noch ist alles im Werden, wenn aber seine Liebe ganz sein Leben geworden ist, dann ist alles Erdenleid nicht umsonst gewesen.

 

Begnüge dich mit dem Geschauten, wenn es nach uns ginge, würdest du mit uns an einem Mahle teilnehmen, aber deine Stunde ist noch nicht gekommen. Ziehet hin in Frieden. Euer Leben sei das Leben der Liebe, eure Liebe aber sei das Leben des Herrn. Ziehet im Namen dessen, der als Erster und Letzter in euch leben will zum Heile aller für ewig`.

 

Vorbei ist das Erleben, und dieses soll ein Vorgang in mir gewesen sein? Ganz deutlich war ich mit Omar, mit meinen Eltern zusammen. Dieses bedarf noch einer Erklärung, Bruder Jakobus“. Jakobus: „Richtig, Bruder Abgarus, nur Zeno mag noch kurz berichten, was er schaute, denn ihm erging es schlimmer, als dir“.

 

Zeno: „Ich weiß nicht, wo ich anfangen und aufhören soll. Ich bin auf einmal in der Welt der toten Steine. Die Menschen erkenne ich alle, es waren Glieder meiner Gemeinde. Ich wundere mich über alle Maßen, dass man so ein Narr sein kann und mit den toten Steinen sich solche Mühe gibt.

 

Auf einmal bemerken mich die Menschen. Einer gibt mir einen Hammer und ein Eisen in die Hand, ich solle den Stein lebendig und gefügig machen, ich sei ja ihr Lehrer und ihr Priester gewesen. Ich sagte: `Liebe Leute, dieses sind doch tote Steine und bleiben auch für ewig welche, lasst doch ab von der unnützen Arbeit`. Da kam ich schön an, sie seien froh, mich endlich hier zu haben, ich solle sie lehren, wie man die Steine lebendig mache. Das ganze Leben hätte ich doch von den Göttern, die auch nur Steine waren, das Wunderbarste gerühmt. Ich saß fest, drohend schwangen sie den Hammer. Gerne wäre ich geflohen, aber der Boden hielt mich fest.

 

Da kam ein lichter Mann mit einem breiten Hut auf dem Kopfe und sagte: `Halt, keine weiteren Torheiten. Wenn ihr schon euren Unmut mit dem Hammer ableiten wollt, so tut es an den Steinen, euer Priester aber steht unter dem Schutz des lebendigen Gottes, dessen Diener ich bin. Verlangt nach dem lebendigen Gott, und eure Steine werden verschwinden. Bauet euch Tempel in den Herzen eurer Brüder, dann wird ein Leben in euch erwachen, was euch alle Torheiten eures Lebens vergessen macht. Suchet Gott, den ewigen Schöpfer und Erhalter, aber nicht mit Eisen und Hammer, sondern mit demütigem Herzen, Er wird sich finden lassen. Eure Götter ließen euch allein nach eurem Leibestode, Gott, der Ewige, aber möchte euch allen das Leben geben, welches froh und glücklich macht.

Du, Zeno, hast jetzt erlebt, was es bedeutet, an falschen und toten Göttern zu hängen. Erfasse die Gnade, die dir der Herr und Gott bietet, und nütze deine Erdentage, denn hier bei den Gliedern deiner Gemeinde wird dein Erdenleben seine Fortsetzung finden. Ziehe hin in Frieden, Christus aber werde dein Führer und Lebensweg. Diese aber werden das Leben bald erfassen durch die erlösende Liebe und Gnade des Herrn, der uns allen Leben gab, Leben ist und bleibt für ewig`. Dies ist mein Erleben. Was ich damit anfangen soll, musst du, Bote des Herrn, mir erklären“.

 

Jakobus: „Gern tue ich dieses, denn ihr habt nun Kenntnis von einer Welt in euch, die nach außen hin euch noch unsichtbar und unbekannt ist. Eure Liebe und euer Lebensstandpunkt sind die Grundlagen eurer Innenwelt. Ist eure Liebe so, dass sie im Geiste der Liebe und des Lebens schöpferisch sein kann, dann vollziehen sich Dinge, die für euch wohl Wunder, in Wirklichkeit die Auswirkung eurer eigenen Liebe sind. Durch den Herrn Selbst wurde alles offenbar, was nur ganz einzelnen Menschen eigen war. Nun aber, da der Herr allen Menschen zum ewigen Heile Weg und Ziel geworden ist, soll auch keiner mehr im Unklaren sein, denn Sein Geist, den sich jeder aneignen kann, wird alle Wahrheit offenbar machen und in die Tiefen alles Gotteslebens führen, die auch in Menschen tief verborgen sind.

 

Was ihr schautet, war ein Blick in eure Welt, ein Blick in die Heimat eurer Liebe und Lebens. Wie unendlich schwer es ist, sich von etwas zu lösen, was im Menschen Eigentum geworden ist. In der ewigen Welt, die in euch ihren Ausgangspunkt hat, ist das Bestimmende der Geist. Ist er göttlicher Art, wird er sich zum `Göttlichen` halten, ist er menschlich oder gar tierisch oder teuflisch, wird er sich nach dem halten, was seine Liebe ist“.

 

Spricht Zeno: „Du Bote Gottes, deine Worte sind wie feurige Pfeile, wo sie treffen, entzünden sie ein Licht. Wohl war ich mir bewusst, dass unsere Religion nicht die richtige sein kann, weil das Herz von allem dem unberührt blieb. Dass es aber ein Fortleben gibt, in dem man alle Torheiten abbüßen muss, war mir nicht bewusst. Wohl diente ich den Menschen zum Nutzen und Frommen, aber nie kam mir ein Gedanke, dass dieses verkehrt sei, bis endlich die Kunde des Wundermannes und Seiner Lehre mich erreichte. Wie kann ich nun aber die Lage derer erleichtern, die durch mich in den Irrtum geraten sind?“

 

Jakobus: „Indem du Jesus Christus anerkennst, Seine Lehre zu der deinigen machst und nur noch deinen Brüdern in Seinem Geiste dienst. Was dir schrecklich erscheint, ist in Wirklichkeit nicht so schrecklich, so nicht Wut und Hass die Triebkraft ist. Dort, im jenseitigen Leben, sind immer Engel und Boten des Herrn tätig, um aufzuklären. Keinem wird verwehrt, das Alte aufzugeben und das Neue anzunehmen. Seit Gott Mensch wurde und allen den rechten Erlösergeist offenbarte, ist auch jedem die Möglichkeit gegeben, diesen Erlösergeist anzunehmen. Dies hast du heute an deinem Tempel erlebt. Die Liebe zum Herrn ist tätige Liebe an den Menschen. Je nach der Liebe und dem Glauben an Den, der alles Leben ist, wird deine Kraft zum Erlösen sein. Wir, als Zeugen Seiner Liebe und Kraft, sind nicht die Täter, sondern Vollbringer, es ist der Herr, dessen Geist in uns lebt und wirkt“.

 

Abgarus: „Bruder Jakobus, deine Worte sind Licht und Leben. Nun ist mir klar, dass es nur des Herrn Geist ist, der in dir lebt und spricht. Offenbare mir nur das eine, werde ich jederzeit in die Welt schauen können, in der ich heute weilte? Es wäre mir ein unendlicher Trost, dürfte ich es öfter erleben“. Jakobus: „Bruder Abgarus, du kannst es, so es der Herr für richtig findet, da ja dieses alles in dir sich befindet. Im Geiste Jesu aber, der dich belebt, hast du an dem Herrn volles Genüge, denn Er ist der Anfänger und Vollender deines Lebens, Gestalter aber bist du durch deine Liebe. Ist der Herr deine ganze Liebe, dann, Bruder, wirst du keinen Trost, kein Verlangen haben, etwas zu schauen, was in dir sich herrlich gestaltete, sondern du wirst das Verlangen haben, zu geben aus dem schöpferischen Leben und Geist des Herrn, der ganz deine Liebe ist. Deine Freude wird es sein, so an anderen sich die Frucht als Liebe offenbart“.

 

Abgarus: „Nun bin ich befriedigt. Deine Worte sind Lichtstrahlen, die in das Dunkel meines Ichs drangen und mir so Schönes und Großes zeigten, dass es weiterer Hinweise nicht mehr bedarf. O, Du mein Jesus, Du Sonne der Sonnen, Du Licht alles Lichtes, wie reich und wie groß macht uns Deine Liebe. Jetzt verstehe ich Dein Zögern, nach Edessa zu kommen, wir sollten alles ohne Deine persönliche Gegenwart von selbst in uns finden, damit unsere Freude eine noch viel größere sei, und in dieser Freude einem Geist Raum gegeben wird, der nur der Deine ist. O, jetzt schaue ich das Wunder Deiner Liebe und bin erfüllt von seliger Wonne. Du aber, Zeno, mache keinen Hehl von dem Erlebten, es gilt für alle. Diese Lebenswahrheiten, diese Strahlen von Liebe halten jeden Ansturm aus, den ein Gegner unternehmen würde. Nun ist der Geist Jesu, des Lebendigen und Ewigwahren, keine Legende mehr, sondern eine Kraft, die da Erfüllung bringt allen, die da wahrhaft glauben“. Jakobus: „Abgarus, verbleibe in diesem Leben, dann offenbart dir dein Geist in dir noch viel Größeres, was du heute noch nicht fassen könntest. Bedenke aber immer: Alles kommt vom Herrn, alles ist Seine Liebe, damit alles in dir zur Liebe werde“.

 

Hethmann, der immer nur beobachtete und ein jedes gesprochene Wort mit Heißhunger aufnahm, sprach: „Nehmet mir ja nicht übel, so ich eine Erwiderung und einige Fragen diesem Gottesboten unterbreite. Es ist alles so geheimnisvoll und doch natürlich, es grenzt alles an Phantasie, und doch muss ich an Wirklichkeit glauben. Auch ich hatte ein Erlebnis, möchte es aber lieber Traum nennen, da mir alles so geheimnisvoll erscheint. Vor allem möchte ich betonen, ich bin von der Göttlichkeit überzeugt, schon deswegen, weil dieser Gottesbote keinerlei Opfer verlangt und nur aus einem inneren Drang heraus beglücken, gesunde und wahrhaftig zufriedene Menschen machen will.

 

Aber nun kommt meine Kernfrage: Wie kann ich in Wirklichkeit feststellen, dass der Drang, zu helfen, wahrhaft der Geist Jesu ist, denn zu allen Zeiten gab es auch Menschen, die von dem Zug und Drang durchdrungen waren, anderen zu helfen. Auch unsere Priester wollten das Gute. Es gab deren nicht wenige, die die Liebe und die Wahrheit selbst waren, ich denke dabei an unseren Zeno“. Zeno wollte abwinken, aber Jakobus sagte: „Bruder, es ist gut, dass du dein Herz befreit hast. Um dir aber die Göttlichkeit des Geistes in mir zu beweisen, will ich dir dein Erleben, was du dir als Traum einbildest, schildern:

 

Du schlossest die Augen, um dich war es finster. Da wurde ein Licht in der Nähe immer größer. Du wolltest auf das Licht zugehen, aber es entfernte sich so weit, als du auf dasselbe zugingst. Komisch, dachtest du, ich sehe niemand, der das Licht trägt, und doch ist das Licht da, wo mag es nur hergekommen sein? Wie du so dachtest, ging ein Wind. Du warst bange, dass dir dieses Licht ausgelöscht werden könnte. Da hörtest du eine Stimme sagen: `Willst du im Lichte wandeln, so erhalte dir dies Licht, noch niemand konnte dieses Ziel erreichen ohne Licht`. Da schautest du um dich, du wolltest den Sprecher sehen, da kam ein Windstoß und verlöschte das Licht.

 

Finster war es wieder um dich. Da dachtest du an deine Götter, aber alles blieb stumm, du suchtest nach Worten in dir und fandest keine. Da kam dir der getreue Zeno entgegen und sagte: `Mensch, Hethmann, was suchst du im Finstern, komm doch ans Licht, so wirst du das Fehlende finden. Da sagtest du: `Zeno, wenn ich nur wüsste, was mir fehlte, die schreckliche Finsternis hat mich ganz dumm gemacht. Bringe wenigstens ein Licht, damit ich dich anscheuen kann. Ich weiß nicht einmal, wo ich bin`. Antwortet Zeno: `Öffne dein Herz dem Judengott, dann wird dir Sein Sohn entgegen kommen und alle Finsternis hat ein Ende`. Endlich, nach langem Zögern sprichst du: `O Gott, lass mich an Dich glauben. Meine Götter haben mich verlassen oder waren überhaupt nicht da. Gib mir Gelegenheit, Dir zu opfern, damit Dein Sohn den Weg zu mir finde`. Da fing es an zu donnern und zu blitzen. Da wurde dir wohl, Freude zog in dich ein. Da sagtest du: `Sei willkommen, wenn auch unter Donner und Blitzen, Du rechter Gottessohn, Dein Gott soll mein Gott und Dein Vater soll mein Vater sein`. Da zerriss ein Blitz alle Finsternis. Du befandest dich auf einer schönen Wiese, schöne Menschen gingen vorüber, sie sangen Hosianna dem Sohne, der das Licht und Leben aller wurde. Dann erwachtest du und glaubtest, es sei ein Traum“.

 

Hethmann: „Du hast recht erzählt, genau so war es. Das ist aber wieder ein neues Wunder. Weißt du noch mehr solche verborgenen Dinge?“  Jakobus: „Bruder Hethmann, ich weiß nicht mehr, denn du. Aber der Geist Gottes offenbart diese Dinge, diesem Geist ist alles offenbar. Der Geist kann nur göttlich sein, der Göttliches herausheben will in dir, in deiner eigenen Welt, an die kein Weltmensch glaubt.

 

 Siehe, das Licht, welches dir leuchtete und welches du dir nicht aneignen konntest, war die Kunde des fleischgewordenen Gotteswortes. Dein fleischlicher Sinn verlöschte es wieder. Dein eigener Geist musste weiter in seinem Gefängnis bleiben und wurde dir offenbar als Finsternis. Da kam Gott als Zeno zu dir und rüttelte dich auf. Gott konnte nicht als Gott zu dir kommen, da du ja keinen kennst. Aber Zeno, der deine Liebe und dein Vertrauen besitzt und dem du blind glaubst, ist das Symbol, hinter dem sich Gott verbergen konnte. Siehe Bruder, die ewige Gottesliebe wählte diesen Weg, denn sonst hättest du nie den Weg zu Jesus, dem Gottessohn, gefunden.

 

Du hast nun die Verbindung hergestellt zwischen dem ewigen und lebendigen Gott in dir. Erfasse ganz Seine Liebe und Sein Leben, dann wird dir alles gegeben werden, was du brauchst, um andere glücklich, froh und sehend zu machen. So, wie der Herr in Seiner unendlichen Liebe allen Licht und Leuchte wurde, wird Er dir Licht und eben werden zu deinem ewigen Heile“.