Ein geistiges Schauen

 

 

Laurentius: „Also, Sabine, du hast jedes Wort gehört, das Jakobus mit einer Sicherheit aussprach. Ich bin nicht gegen ihn, sondern ich möchte Klarheit um jeden Preis. Was kannst du mir sagen?“ Sabine: „Aber, lieber Freund, werde ich dich auch nicht enttäuschen, denn ich bin ja Jesus zu 1000 Dank verpflichtet. Du weißt und kennst mich, dass ich nur Erlösung ersehnte und bin nun eine Erlöste, aber anders, als ich wollte.

 

Jakobus hat recht, dass ich schaue, denn um mich sind jubelnde Wesen inmitten des Herrn, der mir freundlich zunickt. Freilich, ich kann es dir nicht beweisen, du musst es nur glauben. Doch halt, lieber Freund, der Herr hebt die Hand und vor mir ist eine felsige Gegend, die ganz finster ist. Aus der Hand des Herrn leuchtet ein Lichtschein, der mich nur so viel erkennen lässt, dass ich sehe, was vom Licht beleuchtet ist. Jetzt sehe ich auch Menschen, ach, sind die aber elend, nur Haut und Knochen. Sie sind vom Lichtschein erschrocken und auf den Boden gefallen. Einer spricht: `Was war denn das, sollten sich endlich die Götter erbarmen und uns aus dieser Wirrnis und Not erretten?` Sagt der andere: `Ich würde es dankbar hinnehmen, aber ich glaube nicht mehr daran, denn seit die Lichtgestalt uns zurief, wir sollten uns von den toten Göttern abwenden, ist es uns nur schlechter gegangen. Seit wann haben wir nur einen Brosamen gefunden, geschweige einen Bissen gegessen? Ich fürchte, wir haben den größten Fehler unseres Lebens begangen, weil wir die Lichtgestalt abwiesen`. Ein Dritter: `Was hättest du davon, es sind doch alles Truggestalten!` `Rede nicht mehr davon Kasimir`, erwiderte der andere, `ich glaube dir nicht mehr. Sobald wieder ein solcher Lichtträger erscheint, gehe ich ihm nach, denn elender kann ich nicht mehr werden, als ich schon bin`. `Das wirst du nicht tun, Oron, was soll aus unserer Gemeinde werden. Bis jetzt konnten wir sie hinhalten, wenn du dagegen bist, kommt das Ende`.

`Ich werde es tun, Kasimir, oder soll ich die selbe Schuld aufladen, wie du? Zum Dieb und Lügner bist du, um der Götter willen, geworden, und,  hast du dabei etwas gewonnen? O wir Toren, wie dumm sind wir doch gewesen`.

 

Jetzt blitzt es auf, aber noch heller, eine Lichtgestalt tritt an die beiden Priester und spricht: `Oron, wenn du Mut hast, dich von deinen toten Göttern abzuwenden, bin ich bereit, dir den Weg zu ebnen, der zum Leben führt, aber unter einer Bedingung, sie lautet: Glaube an den Gekreuzigten und Auferstandenen, von dem du so viel gehört hast, und beginne ein neues Leben nach Seiner Lehre`. Spricht Oron: `Wie kann ich an den glauben, den ich verworfen habe, wie kann ich ein neues Leben beginnen, da ich mir nie Mühe gab, Seine Lehre kennen zu lernen?` `Du kannst es noch, Oron, denn in mir reicht nicht nur dir, sondern euch allen Jesus, der Gekreuzigte und Auferstandene die Hand zur Hilfe. Seine Lehre kennst du, sie lautet: Liebe Gott über alles und alle Menschen wie deine Schwestern und Brüder`.

 

Kasimir: `Oron, lass dich nicht blenden von der Truggestalt und ihren trügerischen Reden`. Die Lichtgestalt: `Kasimir schweige, das Maß deiner Sünden ist längst voll. Der Herr in Seiner Liebe und Geduld hoffte, du würdest dich in deinem und der anderen Elend wiederfinden, aber vergebens. Ich aber werde nicht dulden, dass du länger den anderen hinderlich bist. Hier bist du nicht mehr Priester und Mensch, sondern ein ganz armer und Verlorener, der am Abgrund steht, um ganz verloren zu gehen`. Kasimir lacht auf und sagt: `Du Narr, ich möchte sehen, wie du mir hinderlich sein kannst, denn Hunderte lauern auf einen Wink von mir, und du wanderst ins Feuer`.

 

Da hebt die Lichtgestalt die Hand, ganz hell wird es, als sie spricht: `Alle, die ihr hier seid, höret. Dieses ist die letzte Gelegenheit, wo ihr euch entscheiden könnt, um frei zu werden von eurer Not. Wer mit mir geht, wird in das Leben eingehen können durch den Glauben an Jesus, den Auferstandenen. Eure Götter sind nichts denn Truggestalten, eure Priester nichts als Diener verkehrter Lebensanschauungen.

 

Du aber, Kasimir, seiest von nun an allein, kein Diener, kein Wesen soll in deine Nähe kommen, bis du bereust deine Schuld, denn du bist ein Dieb, ein Lügner und ein Meineidiger. Und du Kamilla, höre: Längst könntest du wandeln auf den Pfaden des Lichtes und des Lebens, denn Jehova war dir näher, als deine Götzen. Aber Kasimir wurde an dir zum Dieb und Lügner und verstand es, dich im betrügerischen Geiste an die toten Götter zu binden. Willst du dies leugnen, Kasimir? `Kasimir, zornglühend: `Wer bist du, der meine Handlungen als Betrug hinstellt? Um der Götter willen war mir jede Handlung richtig. Verflucht seiest du, so du es wagst, mich länger zu brandmarken`. Ganz ernst spricht die Lichtgestalt: `Kasimir, du hast dir dein Urteil selbst gesprochen: Öffne dich, du Abgrund, und halte fest, bis Reuetränen die Zornesglut kühlen!. Euch aber steht es frei, den Weg zu gehen, der euch jetzt sichtbar wird`. O, o jetzt hat wirklich die Erde den Priester verschlungen. Entsetzt sahen die anderen den Vorgang, da spricht Oron: `Lasst und eilen auf dem schmalen sichtbaren Weg, damit uns nicht das Unglück erreicht wie Kasimir`.

 

Die Lichtgestalt ist noch hier und nähert sich dem Herrn, der still und ernst der Szene zuschaute!

 

So, lieber Freund Laurentius, habe ich getreu geschildert, was ich durch die Gnade des Herrn schaute“.

 

Schon ist Laurentius bei Jakobus und sagt: „Jakobus, hast du Sabine beeinflusst durch die dir innewohnenden Kräfte? Kamilla war meine Mutter und Kasimir unser Priester“. Jakobus: „Nein, Bruder Laurentius, die Gnade des Herrn ließ es zu, dass Sabine mit ihrem Gesicht die Not und die Zustände derer schildern konnte, die in Not, in Nacht und in Finsternis stehen und der Herr um des ewigen Heiles willen einen Engel sandte, der die Rettung der Verirrten versuchte, die aber nur zum Teil gelang“. Laurentius: „Es ist gut, Jakobus, mir genügt es vollauf. Aber nun muss ich allein sein, damit ich mit mir fertig werde“. Sabine: „Nein, lieber Freund, bleibe ruhig bei uns, denn noch ist der Herr unter uns, und wo Er ist, ist Ruhe und Frieden!“

 

Laurentius: „Sabine, wie sah meine Mutter aus?“ Sabine: „O frage nicht, bester Freund. Sei mit dieser Antwort zufrieden: sie gehen den Weg, der zur Erlösung führt“. Laurentius: „So muss ich mich begnügen, doch in mir ist es wie ausgebrannt. Was ist nun das Schicksal meiner Mutter? Kannst du mir einen Hinweis geben, Jakobus?“ Jakobus: „Ich könnte es, Laurentius, aber Sabine wird auch hier dir Dienerin sein. Lasse noch einige Stunden vergehen, da sich die Irregeführten erst ganz entscheiden müssen. Eines aber ist sicher, sie sind in der Hut und Fürsorge des Herrn!. Trage auch du dazu bei, dass es ihnen recht rasch gelingen möge, sich von den alten toten Göttern zu lösen“.

 

Alle Gäste waren recht aufmerksam geworden. Sabine in ihrer Lieblichkeit strahlte vor Freude. Nun sagte sie: „O ihr lieben Freunde, die ihr das Glück habt, diese seligen Stunden zu verleben. Wenn ich euch nur alle recht überzeugen könnte von der Wahrheit und Lieblichkeit des Herrn, der immer noch unter uns ist und viele, viele Selige mit Ihm! Nun frage ich euch, was soll ich denn noch tun, um euch alle zu überzeugen von der Wahrheit meiner Worte, es ist noch nicht die rechte Überzeugung in euch. Eure Freude ist die, dass ich ganz gesund bin. Lieber wäre mir, ihr würdet euch freuen, dass der Herr unter uns ist“.

 

Spricht Achmet: „O Tochter Petros, du bist selig, weil du gesund bist. Gerne glauben wir dir, denn deine Augen leuchten wie die Sonne und deine Rede ist wie ein Quell, der den müden Wanderer labt und neues Leben verheißt! Aber in uns ist noch Schatten, weil wir nicht sehen, was du siehst, und wir nicht fühlen, was du fühlst. Ich leugne die Tatsache nicht, aber mir wäre lieber, ich würde ganz klar sehen“. Sabine: „Dies wirst du, liebster Freund. Wer wie du in seinem Herzen vor dem Leid anderer hilfreich und teilnehmend war, hat ja schon den Anfang gemacht, in sich den Weg anzunehmen, der das Leben ist! Nun ist das Leben selbst unter uns und durch Seinen Boten wird es offenbar. Habe diesmal doch das rechte Vertrauen“.

 

Achmet: „Jakobus, du Bote des Herrn, Sabine macht mir Mut, von dir noch mehr zu erfahren von Dem, Der das Leben ist, und jetzt unsichtbar für uns unter uns weilt. Ich habe sehr viel von Ihm gehört, es geht bis an die Grenzen des Unmöglichen. Aber warum versagte dieser Heiland bei dem König in Edessa? Es wäre für alle hinreichend Beweis gewesen, an Ihn zu glauben. Aber das Gegenteil geschah, der Thronerbe starb und viele, viele mussten später schweres Leid tragen durch die Seuche, die Edessa heimsuchte. Kannst du mir rechtes Licht geben?“

 

Jakobus: „Ich kann es durch die Gnade des Herrn, aber warum willst du nicht frei aus dir heraus dich zu dem Glauben an den wahren Gott aufschwingen, der dir keinerlei Schwere, keine Lasten auferlegt,  nur eine Bitte hat: deinen Nächsten zu lieben, wie dich selbst. Achmet, wenn du dich an allem stößt, dich aus deinem Gerechtigkeitsgefühl von so manchem abwenden musst, hast du es noch nicht einmal versucht, der Größere und Erhabenere  zu sein? Vor dem Leid anderer warst du stumm, weil du nicht helfen konntest. Glaubst du, wenn Gott so gehandelt hätte, dass da eine Erlösung möglich gewesen wäre? Eben, was du nicht tatest, bewog ja den Herrn, Mensch zu werden, damit offenbar werde der Weg, die Wahrheit und das Leben.

Du bist ein Mann großer Erfahrungen, aber in dir bist du unerfahren. Denn so sich Gott als das Leben offenbaren soll, kann Er es doch nur dort, wo die Bedingungen erfüllt sind, oder glaubst du, weil Gott Gott ist, liegt alles nur an Seinem Willen? O nein, Gott offenbarte sich zu allen, allen Zeiten durch Vermittler, und diese mussten dafür zubereitet sein. Den besten Beweis brachte uns ja Jesus Selbst!“

 

„Wieso“, fragte Achmet, „war Er nicht der Gesalbte Gottes?“ Jakobus: „Wohl, mein lieber Achmet, aber wie verstehst du die Salbung Gottes? Lass dir gesagt sein, dass Jesus einen Lebenskampf in und mit Sich führte, für den wir alle kein Verständnis hatten, bis endlich am Jordan bei der Taufe aus den Wolken allen hörbar wurde eine Salbung: Dies ist Mein lieber Sohn, an dem Ich Wohlgefallen habe“.

 

Sabine: „O du treue Seele von einem Diener Gottes, würdest du uns nicht die Art Seines Kampfes schildern, die Art Seines Ringens und vor allem, wie offenbarten sich Ihm die Kräfte, die mir die Gesundheit und das Leben gaben! Wohl sehe ich Ihn in Reinheit und in Klarheit. Aber so, wie Er jetzt ist, wird Er wohl als Kind, als Mensch nicht gewesen sein“.