Geeint im Glauben

 

 

Es war die ersehnte Ruhe eingetreten, da legte Jakobus dem Rudomin die Hände auf. Rudomin kam in Verzückung und fing an zu sprechen: „O Gott, musst Du gut sein! Dieser herrliche Garten, diese schönen Blumen und Sträucher, o diese Bäume, es ist, als wenn sie sprechen und miteinander reden, nur verstehen kann ich sie nicht. Es ist eine Sprache, gleich gedämpfter Musik, aber wer versteht wohl diese? O, in der Ferne dieses herrliche Haus, die Fenster glitzern wie die herrlichste Morgenröte. Ich komme dem Haus näher oder das Haus kommt zu mir. Jetzt bin ich da, aber die Tür ist verschlossen, ich kann sie nicht öffnen“. Nach einigen Minuten spricht er weiter: „Ich kann suchen wie ich will, ich finde keinen Menschen. Das Haus und der Garten muss ja jemand gehören. Es muss ja jemand sein, der die Arbeit macht, oder sollte Gott es tun, den ich nicht sehe? Da hinten ist noch ein kleines Haus, ich gehe dort hin, vielleicht treffe ich jemanden. Es ist sehr schön hier, aber allein ist es unangenehm.

 

Gott sei Lob und Dank, aus dem Häuschen kommt ein Mann auf mich zu. Er spricht: `Sei willkommen. Wenn du auch noch ein irrender Bruder bist, und deine Heimat dich noch nicht aufnehmen kann, sollst du doch schauen, wie noch alles in der alten Ordnung ist. Bis jetzt war dein Erdenleben noch verfehlt, trotz der ernsten Prüfungen. Aber nun die Gnade Gottes übermächtig geworden ist und dich zu einem Diener Seiner Erbarmung berufen will, sollst du hier die herrlichen Gnadenführungen schauen, die nur Auserwählte verstehen.

 

Komm, tritt ein in mein mir von der ewigen Vaterliebe geschenktes Heim, aber wundere dich nicht, denn jetzt bewegst du dich im Heim der Liebe`. - `Ach, du meine Seele, das soll ein Haus sein? Das ist ja eine Stadt. Leben da auch Menschen, oder bist du allein?` - `Komm und siehe, die Liebe vollbringt Dinge, die keine andere Macht vermag. Ich werde dich aber nur in dieses große Haus führen, dann hast du übergenug gesehen`.

 

Ein großes weißes Haus, große offene Fenster, eine große breite Tür, schon bin ich mit dem Manne in einer großen Halle. Da kommen viele, viele Männer in weißen Gewändern und heißen uns willkommen, begrüßen mich als ihren Bruder. Ihre Worte sind so freundlich, aber sie halten sich zurück. Da schaue ich das erste Mal den Mann richtig an. Ich wollte fragen, da kommt ein Erinnern, mit dem habe ich doch irgendwo gelebt.

 

`Quäle dich doch nicht mit Vergangenem, mein Bruder, diese können dir nicht mit der Liebe entgegenkommen, die ihnen eigen ist, da du ja wieder zur Erde zurück musst. Dein Besuch soll ja nur ein Schauen sein, ich will dir alles erklären. Diese Brüder sind alle Diener der Liebe. Ihr Erdenleben war ein Leben der Prüfung und ein Kampf, doch war es ihr eigener Wunsch, um zur Zeit der Zeiten würdig befunden zu werden zum Dienst der Liebe. Da die Erde sich im größten Aufruhr befindet, ihre Bewohner gefangen sind vom Fürsten der Welt, reicht doch die Liebe und Erbarmung bis in die tiefste Hölle, die du ja auch durchwandern musstest.

 

Nun kommen wir schon weiter. Dort schau, da sind junge Mädchen, die im Elend umgekommen sind und hier ihrer Vollendung entgegengehen sollen. Sie waren schuldlos und sind Opfer des Feindes geworden, aber die Liebe und Erbarmung hat Mittel und Wege zur Genüge. Dort,  rechts siehst du junge Buben, die ebenfalls, wie die Mädchen, eine hohe und herrliche Schule durchleben. Gehen wir eine Treppe höher. Da, hier wohnen alle die, die da ausruhen und ihre Innenwelt bereichern von dem Geist der Gnade. Ich wollte, dass gerade niemand hier anwesend ist, um deinetwillen, sonst würdest du alle Lebensfreude in deinem Erdenleben verlieren, die man dir bis zu deiner Rettung zunichte machte. Präge dir alle diese Worte ein in deinem Herzensschrein. Was du aber hier siehst, soll dir nach dem Willen der ewigen Liebe verbleiben. Nun aber komm, die Zeit ist um, ich will dich aus meinem Haus führen`.

 

O Gott, welche Süßigkeiten erlebe ich hier auf dem Wege. Jetzt sehe ich Menschen. O tausend und noch mehr sind es. Wie sind sie schön, ihre Gesichter strahlen vor Freude. Sie winken, ihre Sprache ist Musik, wie von Hunderten von Harfen. Schade, dass dieser Traum ein Ende hat. Ich sehe alles noch so, als wenn es natürlich wäre“.

 

Jakobus: „Rudomin, vergiss dieses Erleben nicht. Für dich sei es ein Traum, für euch aber soll es Erleben sein. Was euch Rudomin schilderte, ist nur für euch bestimmt, nicht für die anderen, da ihr ja gleich mir ein Träger des Gottesgeistes und ein Diener der Liebe werden wollt. Da Rudomin durch die Qualen in seinem Leben viel geläuterter ist denn ihr, konnte die Führung durch die Gnade geschehen. Rudomin, höre, nur diesen deinen Schwestern und Brüdern darfst du dein Schauen erzählen, keinem anderen, da sie nicht verstehen und das Werk der Liebe herabsetzen würden.

 

Was Rudomin erlebte, war ein Blick in seine Welt. Alles ist unverständlich, sogar die Sprache, und warum? Weil seine Welt verschlossen ist, wie in einem Weizenkorn die neue Pflanze, die hundert Körner bringt, verschlossen ist.

 

Du, Hermes, wolltest erfahren, wie und wer Gott ist. Rudomins Erlebnis ist die Antwort, denn Gott ist nicht allen ein und derselbe, sondern wie dein Geist, deine Liebe, deine Hingabe Ihn in dir gestalten. Deine bisherigen Götter stellten Entsprechungen dar, unverrückbar sind ihre Formen und eure Begriffe. Der ewige Gott aber, als Schöpfer und Erhalter alles Geschaffenen, ist Gott denen, die Ihn als Gott anerkennen, ist Richter denen, die Ihn zum Richter machen. Ich könnte dir noch so manches Bild geben. Mir ist Er die höchste Liebe und Erbarmung, und ich bin auch von Seiner Liebe und Erbarmung durchdrungen, die mir auch bleiben wird, so ich auf dem Boden der Demut und Hingabe verbleibe.

 

Ich glaube, dass dieses Erleben, diese meine Erklärung, den Weg in euch ebnen wird, um Den zu erkennen, der da wahrhaftig und ewig ist. Suchet aber nicht mit Gewalt, dieses Gotterkennen bei anderen zu erreichen. Denn wie Gott die ewige Liebe und Erbarmung ist, sollen auch Seine Jünger liebend und erbarmend sein. Wo keine Gewalt und kein eisernes `Muss` etwas vermag, kann diese erbarmende Liebe doch noch Großes vollbringen“.

 

Hermes: „Wie Wetterleuchten ist es in mir, es ist, als ob von gestern an ich ein ganz neues Leben lebe. Wie trostlos sah es um uns aus, und heute? Ich vermag es kaum in Worte zu fassen. Mir winkt nicht nur ein neues Herrliches, o nein, es ist schon da, hüllt uns ein wie die Strahlen der aufgehenden Sonne. Wenn du uns aber noch etwas erzählen willst, du lieber treuer Liebesbote, so schildere noch etwas von dem Heiland, der ein Freund und Diener aller Menschen war“.

 

Jakobus: „Gerne, mein Hermes, so höre. In meinem Vaterhaus wuchs dieser Heiland als Kind auf. Ich war der jüngste meiner Brüder und hatte die Aufgabe, Ihn zu beaufsichtigen. Es war ein schwer zu behandelndes Kind, einen Eigenwillen hatte Er, der unbeugsam war. In allen Dingen war Er gehorsam, nur beten wollte Er nicht. Keine Strafe brachte es fertig, dass Er nur einmal betete. Gab es eine gute Speise oder eine schöne Frucht, da hielten die kleinen Hände eine Weile still, ungesegnet nahm Er nie etwas zu sich.

 

Da fragte ich Ihn: `Mein Jesus, Du machst mir schon frühzeitig rechten Kummer. Du weißt doch, dass der alte Vater Joseph nie von seinem Gebet Abstand nehmen wird, Du aber weigerst Dich hartnäckig. Beten dürfen alle die anderen, auch ich, nur Du willst nicht. Sage mir, mein Jesus, warum?` Da lächelte dieser zweijährige Knabe und spricht: `Jakob, du weißt doch, wer Ich bin. Genügen denn dir die Herrlichkeiten nicht, die du schon erlebtest? Ich habe es schon schwer genug, so Ich euer Lippengeplärr ertragen muss`. Ich sagte: `Jesus, was sagst Du, Du hättest es schwer, wo wir Dich mit der größten Liebe umgeben, und nennst unser Beten Lippengeplärr? Heute bist Du fast nicht zu ertragen`. Da spricht Jesus: `Jakob, Ich weiß, ihr liebt Mich, aber ihr liebt noch nicht den rechten Geist in Mir. Wenn aber einmal die Zeit kommen wird, wo Ich ganz mit dem ewigen Urgeist eins sein werde, dann werdet ihr Mich mit ganz anderer Liebe umgeben. Eure Augen werden die Dinge ganz anders sehen und euer Herz wird lebendig werden für diesen Geist, um den Ich schon frühzeitig ringe`.

 

Es vergingen die Jahre, aber Jesus verstanden wir nicht. In Ihm hatte sich alles Göttliche durchgerungen. Seine Augen hatten einen stillen, aber ernsten Glanz. Und höret und staunet, Jesus ging beten, aber ein anderes Beten, nicht mit den Lippen, sondern mit ganzem heißem Herzen.

 

Als ich Ihn darum fragte, ob Er sich noch an die Worte erinnerte, wo Er als Kind unser Beten als Lippengeplärr hinstellte und es Ihm schwer war, es zu ertragen, da sagte Er: `Mein Jakob, euer Beten ist auch heute noch dasselbe, aber Mein Beten ist ein Vereinigen mit dem ewigen Vater in Mir. Wie soll Ich denn Meinen Vater hören in Mir, wenn das Maß der weltlichen Pflichten immer größer wird? Um mit dem Vater eins zu werden, bedarf es der größten Harmonie, diese erringe Ich Mir in der Stille. Glaubst du, mein Jakob, diese Harmonie mit dem Gottesgeiste aufrecht zu erhalten, wenn du deinem eigenen Geist in dir keine Gelegenheit gibst, sich an den Gottesgeist anzulehnen? Noch stehe Ich im Kampfe mit Mir Selbst, ist aber die Einung erreicht, werde Ich den Kampf mit der Außenwelt aufnehmen können. Einen Kampf, der zum Sieg führen wird. Ich wollte auch, es wäre schon vollbracht`.

 

Als Er Sein Lehramt antrat, wo nur Liebe und wieder Liebe die größten Dinge vollbrachte, da wurde mir erst alles klar, wer Jesus war, der rechte Sohn vom ewigen Vater, Der in Sich die ewige Gottheit verkörperte und uns einen Geist schenkte, der alles und alle zur herrlichen Vollendung führt. Es wäre noch Vieles zu schildern, aber da in Seinem Geiste, den ihr euch durch die Liebe zum Nächsten aneignen sollt, euch derselbe noch alles offenbaren wird, mag es für heute genug sein“.

 

Spricht Ilona: „O, ihr überglücklichen Menschen, welche Seligkeiten müsst ihr schon erlebt haben. Die Erde muss euch zum Himmel und euer Leben eine Seligkeit gewesen sein, für die ich keinen Begriff habe, es darzustellen. Nur einen einzigen Tag hätte ich bei euch leben mögen, während wir in Sorge, Qual und Schmerzen dahinsiechten“.

 

Jakobus: „Schwester Ilona, jawohl, wir haben Seligkeiten erlebt. Aber denke keiner, dass uns der Erbfeind in Ruhe ließ, schwere Kämpfe und manche Niederlage mussten uns ausreifen, um eben die Seligkeiten ertragen zu können. Wir waren ja auch nur Menschen und verwachsen mit dem Gesetz und den Propheten, nur Jesus war frei. Ich weiß, wie ein Trupp Gefangener durch Nazareth marschierte. Es durfte unter keinen Umständen den Gefangenen etwas gereicht werden. Vor dem Brunnen tränkten die Soldaten ihre Pferde und taten sich an dem frischen Wasser gütlich, während die Gefangenen fast vor Durst verschmachteten. Da ging Jesus, zum Schrecken aller, hin, hob einen Eimer Wasser aus dem Brunnen und ließ die Gefangenen aus einem Becher trinken. Der Führer des Transportes wollte Jesus anfahren, aber mit großen Augen sah Jesus ihn an und sagte: `Seit wann stellt denn ihr Römer die Menschen unter das Vieh? Muss dich ihre Not nicht erbarmen, wo du besorgt bist um deine Pferde? Es stehet geschrieben, der Gerechte erbarmet sich des Viehes, wie viel mehr muss der Mensch aber gerechter sein, wenn die Not der Mitmenschen ihn zu Handlungen treibt, die nur das Herz gut heißt`.

 

`Du musst ein gutes Herz haben`, erwiderte der Römer, `darum will ich dich nicht tadeln. Ich wollte, alle Menschen wären wie du, dich könnte man lieb haben`. - `Tue es immerhin, und eingedenk sei dir Mein Name, Ich bin Jesus`. Da ließ der Römer rasten und den Gefangenen wurden Erleichterungen gegeben. Lange noch unterhielt sich der Römer mit meinem Vater Joseph und mit Maria, Jesus Leibesmutter. Jesus aber war gegangen, Ihn störte es, so man Ihn lobte“.

 

Helena: „Ach, ihr Lieben, beschäftigt euch doch nicht so sehr mit dem, was war. Liegt die Gegenwart und Zukunft nicht viel herrlicher vor uns? Ist nicht Not über Not unser ständiger Begleiter gewesen, und jetzt ist alles nur Wonne. Es ist ein Glück, dass dieser Jesus, dieser übergute Heiland und Menschenfreund, nicht als Mensch hier ist, ich würde meinem Herzen und Gefühlen vollständigen freien Lauf lassen und an Seiner Brust mich entschädigen für das vergangene Leid. So ist es aber gut, ich kann mich vorbereiten zum schönsten Dienst für Ihn. Meine Augen werden in jedem Menschen Seine Liebe suchen, meine Ohren werden lauschen auf jedes Wort, welches das Leben kündet. Aber mein Herz soll offen sein für jedes Weh und alles Leid, denn ich fühle es lebendig, nur dort finde ich Seine Liebe, Seine Gegenwart, wo ich dem Weh und dem Leid den Stachel nehme und Freude hintrage“.

 

Jakobus: „Helena, du hast das Leben der Liebe erfasst. Freue dich dessen, denn wer das Leben aufgenommen hat, der ist auch von Ihm, unserem herrlichen Gott und Vater, angenommen und aller Tod ist überwunden. Jesus lebt, trotz Tod und Todespein, und alle, die an Ihn glauben, mit heißem Herzen Ihn erfassen, werden ewig mit Ihm leben in Seinem Reiche, wo es kein Leid und kein Geschrei mehr geben wird. Fürchtet euch nicht vor den Menschen, die euch rauben möchten diesen, nun euren Glauben, sondern seid euch bewusst, dass der Vater um alles weiß, dass Er keinen vergisst, der Ihm die Treue gelobt, und der Lohn wird nicht ausbleiben. Ihr werdet geliebt werden von Ihm, und Er gibt Sich Selbst als Lohn“.