In Rakka

 

 

Jakobus, der an dem lauten Treiben in der Herberge kein Wohlgefallen hatte, ging, da der Abend hereingebrochen war, in das Schlafgemach, welches Arnaut bestellt und auch bezahlt hatte. Auch für sein leibliches Wohl war gesorgt worden. Es war eigenartig, in dieser Nacht konnte er keine Ruhe finden, der Lärm hielt die ganze Nacht an. Es war ein Kommen und Gehen.

 

Schon frühzeitig nahm er das Morgenmahl, welches eine Magd ihm bereitete. Die war allein in dieser großen und öden Gaststube, ein Bild voller Schmutz und Abfall. Da entschuldigte sich die Magd, weil sie es Jakobus ansah, dass es ihm nicht gefiel.

 

Jakobus: „Es kommt ja weniger auf den Schmutz in dieser Stube an, sondern auf den Schmutz im inwendigen Menschen. Was ich hier erlebe, übersteigt alle Grenzen“. Die Magd: „Ja, wir müssen nur arbeiten und arbeiten für karges Essen und die paar Kittel, die wir auf dem Leibe tragen. Nicht einmal einen Groschen habe ich, um meiner kranken Mutter ein paar Früchte kaufen zu können“. Jakobus: „Ist deine Mutter in der Nähe, könntest du mich zu ihr führen? Geld habe ich auch keines, aber ich trage einen Gottesschatz an Kraft in mir, die sie aller Leibesnot entbinden könnte“. Die Magd: „Auch du wirst ihr nicht helfen können, denn der Priester Arius hat sich schon viel Mühe gegeben. Für uns gibt es eben nur Arbeit, Kummer und Trübsal bis zur Todesstunde“. Jakobus: „Aber Amelia, warum siehst du das Leben von der schwarzen Seite, hast du nicht eine sonnige Kindheit und manche frohe Stunden gehabt? Freilich, wenn du verzagst, unterbrichst du ja den Lebenswillen in dir“.

 

Amelia: „Fremdling, du kennst unser Leben nicht. Es ist auch besser, mit vergrämtem Gesicht umherzulaufen, als mit einem fröhlichen, denn schnell ist man ein Opfer der Händler, was aber dann geschieht, weiß man nicht. Erst vor zwei Tagen sind über 100 im Hofe gewesen, welch ein Elend“. Jakobus: „Ich weiß um dieses und noch mehr. Es wird auch noch längere Zeit dauern, bis hier rechte Ordnung wird. Aber gerade deswegen sollst du ganz froh sein, um deiner Mutter willen, die heute noch ganz gesund werden wird, wenn sie will“. Amelia: „Bist du ein Arzt oder Priester? Zu Arius habe ich kein Vertrauen mehr, in seiner Nähe wird mir unheimlich“.

 

Es kamen Treiber von Karawanen in die Stube, die ungestüm ihre Suppe verlangten, es waren rohe Menschen. Da die Magd allein war, dauerte es natürlich viel länger. Sie verwünschten die Magd, obwohl dieselbe sich die größte Mühe gab, was auch alle sahen. Immer lauter wurden die wüsten Gesellen.

 

Da ging Jakobus hin und sagte: „Es ist nicht fein von euch, auf dieses arme Menschenkind euren Zorn und eure Rohheit auszugießen. Ihr seht es ja, dass sich ihre Hände und Füße lebhaft bewegen“. – „Sei du ja stille, du Tagedieb von einem Juden. Erschlagen müsste man einen jeden von euch, ihr seid ja nichts anderes wert“, spricht einer. Jakobus: „Klebt noch nicht genug Blut an deinen Fingern, oder willst du, dass deine Schandtaten offenbar werden?“

 

Da sprang der Mann auf und wollte sich an Jakobus vergreifen. Dieser aber sah ihn fest an, da wich er zurück, Schritt um Schritt, Jakobus aber folgte ihm. An der Türe drehte er sich um und eilends war er hinaus. Die anderen waren entsetzt, entgeistert sahen sie Jakobus an.

 

Dieser aber sagte: „Ziehet daraus eine Lehre, und befleckt euch nicht mit dem Blut von euren Brüdern, denn einmal kommt die Stund, wo alles offenbar wird“. Spricht einer: „Ja, wer bist du denn, dass du den Ausbund von Wut gebändigt hast?“ Jakobus: „Nichts anderes, als ihr, ein Mensch von Fleisch und Blut, aber erfüllt mit dem Gedanken, allen Menschen zu helfen und sie glücklich zu machen. So, wie ihr heute steht, lauft ihr Gefahr, bei nächster Gelegenheit erschlagen zu werden. Ein Sinn für Höheres, sogar für ein ewiges Leben, geht euch gänzlich ab, denn ihr hättet fühlen müssen, dass diese arme Maid dort sehr schweren Kummer hat. Statt eines freundlichen Grußes verflucht ihr sie noch“. Spricht einer: „Freilich hast du recht, aber es ist mit uns eben so, sind die Herren nicht da, dann sind wir die Herren. Es liegt eben so in uns“.

 

Jakobus: „Ich möchte euch auch keinerlei Vorschriften machen, aber ich fühle mich verpflichtet, das Mädchen vor eurer Brutalität zu schützen“. Antwortet ein anderer: „So, seit wann sind denn die Juden Helden geworden. Nach meinen Erfahrungen seid ihr Juden nur Helden im Betrügen, aber nicht im ehrlichen Kampf“.

 

Die Magd bringt die Morgensuppe und einige Brote, vergessen ist ihr aller Streit. Mit Hast verzehren sie ihr Morgenmahl. Jakobus aber schaute wortlos zu. Er war unbefriedigt, weil es nicht gelang, eine Verbindung herzustellen, auch wollte er den Schimpf nicht auf sich sitzen lassen.

 

Andere Männer kamen und verlangten ihre Morgensuppe. Es war wieder genau der rohe Ton, wie bei den anderen. Einer aber starrte ihn mit finsteren und unfreundlichen Augen an. Nach einer Weile steht er auf, geht hin zu Jakobus und spricht: „Was tust du hier in Rakka, bist wohl einer, den der Tempel zum Raub geschickt?“

 

Jakobus: „Im Gegenteil, ich bin in der Mission des Gekreuzigten und Auferstandenen hier. Ich bin niemanden verpflichtet, Rede und Antwort zu stehen, als nur meinem Herrn und Meister“. Spricht der Frager: „Wenn du die Wahrheit sprichst, dann entschuldige meine unfreundliche Art. Ich könnte ja jeden Juden in das Gesicht schlagen, dem ich begegne, weil sie ihren Stammesgenossen, der anderer Art war, an das Kreuz lieferten. Wie viel habe ich von dem Heiland und Wundertäter gehört, Er interessiert mich. Was macht das elende Judenpack, liefert Ihn an das Kreuz, damit ja niemand weiter diese von Ihm ausgeführten Wohltaten erhalten könne. Ich kann nur nicht verstehen, dass Er sich alles dieses gefallen ließ, denn Er soll auch im Besitz von großer Kraft und Weisheit gewesen sein“.

 

Jakobus: „Du hast recht vernommen, es ist alles so gewesen. Dass Er am Kreuze endete, war ja Vorausbestimmung. Du wirst es nicht so leicht fassen können, denn für uns, Seine Jünger, war es auch unfassbar, bis Er Selbst als Auferstandener uns anderer Meinung machte. Sein Sterben am Kreuze wurde zum Heil aller Menschen. Dieses Heil aber zu verkünden ist meine  und anderer Jünger Mission“. -  „Es klingt sehr geheimnisvoll, ja fast unglaublich“, erwiderte der Mann, „wäre es nicht richtiger gewesen, Er hätte Seine Macht und Kraft gebraucht und Seine Feinde umgebracht. Seine Feinde sind geblieben, ja, es sind ihrer mehr geworden, die Folgen Seiner Unterlassung aber müssen Seine Anhänger tragen, auch du wirst nicht verschont bleiben. Ich habe genug gesehen, ich könnte jeden Juden erschlagen, der des Wundertäters wegen seine Stammesgenossen ins größte Elend bringt“.

 

Jakobus: „Obeth, ich könnte dir noch viel mehr sagen, aber es würde dir nicht zum Heile gereichen. Sei aber versichert, der Herr und Meister Jesus ist von allem unterrichtet. Er weiß um alles, nicht das Kleinste und Geringste entgeht Ihm. Unser Leid ist auch Sein Leid. Darum bin ich stille und bin mir bewusst, wenn es nicht im Plane der Erlösung liegen würde, würde es nicht zugelassen werden“.

 

Obeth: „Wie kommt es, dass du meinen Namen weißt, wir sehen uns doch erst seit wenigen Minuten?“ Jakobus: „Ich weiß noch um mehr, ich weiß sogar, dass deine Mutter eine Jüdin war und viel vom kommenden Messias erzählte, dein Vater aber nannte dieses blinde Schwärmerei“. Obeth: „Mann, du wirst rätselhaft, kein Mensch in dieser Umgebung weiß um dieses. Die Eltern sind tot, für mich sind es alte Geschichten“. Jakobus: „Mag sein, Obeth, der Mutter Sehnsucht aber liegt in dir, denn es gab eine Zeit, wo du auf den Wundermann Jesus große Hoffnung gesetzt hast“.

 

Obeth: „Leugnen ist zwecklos, aber was nützt mir Sein Tod? Was ein Lebendiger nicht vermochte, bringt ein Toter gleich gar nicht fertig“. Jakobus: „Wieder ein Irrtum deinerseits, denn mit Jesu Sterben ist der Weg zum Leben frei. Du sagtest, was ein Lebendiger nicht vermochte, bringt ein Toter gleich gar nicht fertig. Bist du überhaupt imstande, dir ein Bild von Jesu Macht, kraft und Herrlichkeit zu machen? Du kannst es nicht, weil du Jesu Liebe nicht in Rechnung stellst. Dir ist es einfach unbegreiflich, im Besitze der Macht zu sein und im entscheidenden Moment zu versagen. O, mein Freund, da haben andere damit gerechnet, und warum? Damit das Erlösungswerk zunichte geworden wäre. Bei Seinem Tode triumphierten alle Seine Feinde, bei Seiner Auferstehung aber hatte das Leben den Sieg über allen Tod errungen. Darum werden alle, die an Ihn glauben, leben, obgleich sie sterben“.

 

Obeth: „Jetzt hast du aber wieder daneben gehauen. Machst das Leben deines Meisters interessant, und zum Schluss stellst du alles auf den Kopf. Sie werden leben, obgleich sie sterben, dies ist totaler Widerspruch. Du bist halt auch schwärmerisch veranlagt, wie meine Mutter“. Jakobus: „Obeth, besser ein Schwärmer für das Leben, als ein kalter Verstandesmensch gegen das Leben, denn einmal muss es doch offenbar werden. Einem Schwärmer stehen immer noch Türen zum Leben offen, während ein Verstandesmensch sie zuschlägt. Lass dir aber gesagt sein, den Nachfolgern Jesu ist alle Schwärmerei ein Greuel, ihnen ist das Leben heiliger Ernst. Das Leben aber will gesucht und erfasst sein, bedeutet mitunter größte Hingabe und festen Willen. Was du lebst, ist kein Leben, nur ein Vegetieren im Weltgeist. Weltgeist ist gerichtet, und die Folge ist der Tod. Leben aber ist befreites Sein aus dem Geiste der Barmliebe, mit dem Erfolg einer nie aufhörenden Glückseligkeit“.