Kamillo – Antonio – Baltasar

 

 

Die Soldaten gingen zu ihren Pferden: es war eine Unterbrechung gekommen. Auch kamen wieder neue Gäste, sodass der Wirt sich von uns trennte. Wir unterhielten uns über das Gesprochene, dann kam ein Soldat und bat Kamillo, mit hinaus zu kommen, ein Unglück sei geschehen. Eilends ging er hinaus, so war ich mit Antonio allein.

 

Dieser sagte: „Ich habe dich gut verstanden, aber da nun Jesus nicht mehr ist, wird es schwer zu beweisen sein, dass Seine Jünger auch wirklich in Seinem Geiste die Lehre verbreiten. Was versuchen nicht eure Priester mit ihrem Jehova. Ihr Tun spricht Jehovas Gesetzen Hohn, aber sie sind eben Priester und das Volk hat eben zu glauben.

 

Hier in Cilicien, überhaupt in Asien, herrscht völliges Heidentum und wird beherrscht von gar schlauen Priestern. Juden wirst du auch antreffen, aber von einer neuen Lehre werden sie nicht viel wissen wollen, da ja ihre Lehre ihnen ein ganz nettes Einkommen und Ansehen gibt. In den größeren Handelsstädten ist ja auch die Kunde des Heilandes durchgedrungen, kommst du aber mehr nördlich, hört dieses auf. Wir Römer haben Anweisungen, den Ausbreitern der neuen Lehre keine Schwierigkeiten zu machen! Wie aber wollen wir feststellen, dass es auch die rechte Jesuslehre ist?

 

Ich bin ganz dafür, dass die Menschen in ihrem finsteren Aberglauben das rechte Licht bekommen, aber was nützt alles gute Licht, wenn die Leuchter nichts taugen?! Auf Wunderwerke lege ich wenig Wert, meistens ist es Blendwerk. Ich liebe die Wahrheit. Bei einem Künder der ewigen Wahrheit möchte ein jedes Wort ein Strahl von Wahrheit sein!  Siehe, ich kenne euren Moses wie auch die Propheten. Es ist alles gut, aber wie stehen die Priester da? Wenn es nach mir ginge, wären sie alle ausgerottet, auch die wenigen Guten. Darum bin ich sehr kritisch, auch mit den Kündern der neuen Lehre.“

 

„Du bist im Recht Antonio, denn wären diese Zustände nicht, brauchte Gott Seinen Sohn nicht auf diese Erde zu den Menschen, die keine Menschen mehr sind, zu senden. Aber bedenke, wenn kein Erlöser, kein Retter gekommen wäre, könntest du dir vorstellen, was aus der Menschheit werden würde? Es wird trotz dem Kommen des Menschen-  und Gottessohnes, trotz Seines Todes und Auferstehung, die Seine überherrliche Lehre besiegelte, noch überaus schlimm werden, von deren Zuständen wir uns nichts vorstellen könnten.“ -„Wieso, Freund Jakobus, sind unsere Gesetze nicht aus der Gerechtigkeit hervorgegangen?“

 

„Wohl ist es so, aber in einem hat sich der Gesetzgeber geirrt: dass sich alles Falsche und Böse nicht mit den härtesten Strafen ausrotten lässt und dass die Saat des Falschen und Bösen hundertmal besser aufgeht, als die Saat des Guten und Wahren. Wenn du den Menschen durchblicken könntest, wäre dein Verlangen nach einem Erlöser größer, als nach guten Gesetzen“. Spricht Antonio: „Jakobus, was siehst du in mir, weil ich nach deinem Ausspruch einen Erlöser brauche?“

 

Da sagte ich: „Antonio, deine Ehre, dein Wahrheits- und Gerechtigkeitssinn ist härter wie Stein, was wir, und vor allem  der Meister als Liebe bezeichnen, betrachtest du als Schwäche. Du hast noch kein Weib gebraucht, du glaubtest es sei Erniedrigung und es vereinbart sich nicht mit deinen Ehr- und Wahrheitsbegriffen. In Wahrheit ist es aber Eigenliebe, die nahe an Hochmut grenzt. Errege dich nicht, Antonio, denn einmal muss es doch gesagt werden, da du es doch von selbst nicht finden wirst. Wie wahr ich aber gesprochen habe, soll beweisen, dass ich dir noch sage, dein Pferd hat einen deiner Leute schwer verletzt, man kommt, um dich zu holen“.

 

Ehe Antonio etwas erwidern konnte, tritt ein Soldat ein und bittet Antonio zu Kamillo, ein Unglück sei geschehen. Antonio steht schnell auf und folgt dem Soldaten. Die Gäste aber hatten unsere Unterhaltung gehört und fragten mich, wie ich das wissen könnte, da ich das Zimmer doch nicht verlassen habe.

 

Da sagte ich: „ Liebe Männer, es ist nichts besonderes, da mir der Geist Gottes, von dem ihr nichts wisset, es mir offenbarte. Eure Götter können euch leider keine Offenbarungen geben, da sie ohne Leben sind. Ich als Zeuge des ewigen und lebendigen Gottes kann und darf es euch sagen, weil ich auch die Beweise nicht schuldig bleibe“. Spricht einer, ein alter Grieche: „Auf die Beweise wäre ich aber neugierig, denn bis jetzt hat noch niemand gewagt, unseren Göttern das Leben abzusprechen.“

 

„Ja, dieses stimmt, einesteils aus Furcht und anderenteils, weil niemand etwas besseres und lebendigeres hat“, erwiderte ich. „Wir aber, die wir Zeugen sind von der Menschwerdung des lebendigen Gottes, dürfen aus dem Reichtum des ewigen Gotteslebens doch anders reden, als eure Priester, weil wir mit dem ewig wahren Leben doch verbunden sind – in unserem Inneren!“

 

Erwiderte der Grieche: „Junger Mann, sei nicht so selbstbewusst, denn meistens hält die Prüfung nicht stand. Worte sind immer billig, aber auf den Erfolg kommt es an. Mir liegt nichts an den Worten oder an einer neuen Lehre, sondern an dem Beweis, ob meine oder deine Götter leben“. Sage ich: „Nur einen Gott kennen wir, Jehova Zebaoth ist Sein Name. Sichtbar aber ist Er allen Geschaffenen und fühlbar im eigenen Herzen, wer aber ganz in den von Ihm geoffenbarten Willen eingeht, kann auch Seine Einsprache vernehmen“.

 

Entgegnete der Grieche: „Mein Freund, dies sind alles nur Worte, mir liegt an Beweisen. Kannst du den mir vor drei Tagen gehabten Traum erzählen und deuten, dann will ich gerne deinen Worten glauben“.

 

Da sagte ich: „ Nichts leichter, als das. Du hattest am Tage viel Ärger, einer deiner Leute hatte dich belogen um eines geringen Vorteiles willen, da konntest du nicht gleich einschlafen, da du zu keinen Resultaten kamst, ob du den Mann behältst oder nicht. Endlich schliefst du ein und hattest folgenden Traum:

 

Du gingest eine lange Straße, die rechts und links von Bäumen bewachsen war und kamst doch an kein Ziel. Lange dehnte sich der Weg, dann hörten die Bäume auf und du kamst an ein großes Feld. So weit das Auge schaute ging das Feld, aber es war unbebaut, alles war Unkraut, jedes erdenkliche Gestrüpp wucherte, dass du kaum weiter gehen konntest. Da sagtest du `Warum stehet hier kein Weizen oder Gerste?`, aber du sahest niemand und wolltest umkehren. Da stand hinter dir einer deiner Knechte und sagte: `Herr, nur um ein weniges Land von diesem Unkrautfelde bitte ich dich, es würde mir gelingen, dass ich mich loskaufen könnte`. Da sagtest du: `Nie und nimmer, ich kann keinen Herrn neben mir gebrauchen. Zur Strafe aber sollst du ganz allein diesen Boden zu einem Weizenfelde umarbeiten`.

 

Als du aufwachtest, hattest du den Traum vergessen, im Laufe des Tages fiel er dir wieder ein, als du den Knecht sahest. Sein scheues Wesen fiel dir sofort auf, da fragtest du ihn, ob ihm etwas fehle. Da sagte er zu dir: `Ja, Herr, ich suche eine Möglichkeit, von hier fortzukommen, ich möchte nicht immer bei dir als Knecht verbleiben, da du keine Verheirateten duldest`. Du aber sagtest ihm: `Gehe an deine Arbeit und komme mir nicht mehr mit solchen Reden`.

 

Siehe, dies war dein Traum und seine Begebenheit, zuvor und darnach, - und was will dir dieser Traum sagen?  Du bist reich, groß ist deine Welt, doch zu einem Weizenfeld hat es deine Nächstenliebe noch nicht gebracht, da du nur an dich denkst. Die Straße mit den Bäumen stellen deine erfüllten Pflichten dar, aber zum Ende bist du gefangen in deinem eigenen Unkraut. Da sich in dir das Gottesleben regt und dich bat, den Anfang zu machen zu einem Weizenfeld, lehntest du ab. Deine Liebe soll nur dir und keinem anderen dienen.

 

Habe ich nun recht gesprochen, oder verlangst du noch andere Beweise?“ -  „Du hast recht gesprochen – erwiderte der Grieche – genau so war es. Nun verpflichtet mich mein Wort, deinem Gott zu glauben.“ - „Nein Baltasar“, sage ich , „du bist frei. Wenn du nicht ganz freiwillig aus dir selbst heraus an den lebendigen Gott glauben willst, dann lebe in deinem alten Irrtum weiter. Gott will einem jeden Menschen oder Wesen seine vollste Freiheit lassen. Es muss den Menschen selbst Bedürfnis werden, nach dem lebendigen Gott zu suchen und zu forschen!“   Erwiderte der Grieche: „Mag sein, aber wo finde ich den lebendigen Gott?“ -  „In dir“, erwiderte ich, „in deinem eigenen Herzen. Die Wege zu Ihm sind Liebe zum Nächsten, Liebe zu den Armen und Verlassenen!“

 

Es kommen Antonio mit einigen Soldaten, die den Verunglückten tragen, der völlig bewusstlos ist. Sie legen ihn in eine Ecke, wo Decken und Teppiche rasch zu einem Lager bereitet wurden. Dann kommt Kamillo und spricht: „Holt einen Priester ehe er stirbt, dem vermag niemand mehr zu helfen“.

 

Da stand ich auf und sagte zu Kamillo: „Kamillo, jetzt wäre für dich und die anderen Gelegenheit, die wunderbare Heilkraft des von den Toten erstandenen Heilandes Jesus zu erleben, wenn ihr wollt“. Ganz aufgeregt erwiderte er: „Jakobus, du könntest, du wolltest diesem helfen?“ – „ Nicht ich, sondern Jesus in mir kann es, so es euer Wunsch ist, denn ohne eure Bereitwilligkeit sind mir die Hände gebunden“. Spricht Kamillo: „Tue nach deinem Willen, Jakobus, es ist einer meiner besten Leute, er würde uns allen fehlen. Aber wenn er leben bleiben würde, würde er ein Krüppel bleiben und lebenslang große Schmerzen ausstehen müssen, er hat ja das Kreuz gebrochen“.

 

Ohne etwas zu erwidern ging ich hin zum Leblosen, legte meine Hand auf sein blasses Gesicht, betete, bis ich in voller Harmonie mit dem Meister war und sagte laut: „Hendrick, stehe auf, mein und auch dein Heiland will, dass du lebest und gesund seiest. Dir aber, mein Jesus und mein Herr und mein Gott, danke ich für Deine Gnade, Liebe und Erbarmung,   Amen“.

 

 Da erhob sich der Soldat, blickte verwundert um sich und sagte: „Was ist mit mir geschehen? Hättet ihr mich doch lieber gelassen, wo ich war. Ein freundlicher Mann, der fast aussah, wie du – hier zeigte er auf mich – sagte: `deine Stunde ist noch nicht gekommen. Lebe, sei gesund, aber suche fürderhin Mein Leben!´“

 

Spricht Kamillo: „Jakobus, du machst uns zu einem Schuldner, wie könnten wir dir nur danken?“ Da sagte ich: „Mit nichts anderem, als dass ihr an den glaubet, dessen Liebe, Macht und Herrlichkeit ihr eben erlebt habt! Es ist für euch der beste Beweis: Jesus lebt und wird ewig leben und auch alle die, die an Ihn glauben, mit Ihm leben und von dem Reichtum Seiner Liebe, Gnade und Kraft erfüllt werden nach dem Maße ihres Glaubens und ihrer Liebe“.

 

Da spricht Antonio: „Jakobus, dies ändert die ganze Situation. Wir waren Suchende, Kritische, nach Beweisen Fordernde. Jetzt sind wir Bittende, aber nicht um Beweise bittende, sondern um Licht, Klarheit und Gewissheit“.

 

Der Grieche ist stumm vor Bewunderung, dann aber spricht er: „Ihr Männer, hier ist mehr denn alle Priester und Altäre. Hier ist der unbekannte Gott, der ohne Worte jedem sagt: `ICH bin das Leben`. O, wer auch dieses sagen und erleben könnte: einen Todgeweihten in die vollste Gesundheit zurückversetzen, kann nur ein Gott, der wahrhaft Leben ist! O du treuer Zeuge deines Gottes, mache uns bekannt mit dem lebendigen Gott, damit wir alle toten Götter entbehren können“.

 

Es waren der Wirt, sein Weib und seine Töchter in das große Zimmer gekommen, um dem Verunglückten eine Erleichterung zu geben. Als sie aber das große und herrliche Wunder erlebten, war es ganz aus. Jedes Wort nahmen sie auf als die höchste Himmelsspende. Als aber die Worte des Baltasar gehört waren, sagte Mauritius: „Kinder, traget alle Götter hinaus in den Hof, der gegenwärtige Gott soll ein gereinigtes Haus als Zeichen unseres Glaubens an Ihn finden! Ist schon das Weinwunder ein herrlicher Beweis Seiner Macht und Kraft, - dieses Heilwunder aber ist Liebe über Liebe!

 

Ihr seid heute alle meine Gäste, und die Stunde, die wir noch zusammen sind, wollen wir dem lebendigen Gott weihen und als Dank darbringen. Dich aber, du Zeuge und Betreuer lebendiger Liebe bitte ich, öffne deinen Mund und sei der Mittler des wahren Gotteslebens“.

  

Sehet nun, an diesem Abend habe ich bis zum frühen Morgen das Leben des geliebten Meisters dargestellt und habe einen Samen gelegt, mit Hilfe des Herrn, der herrliche Frucht bringen wird“.

 

Maria: „Jakobus, warum ist es in Jerusalem so schwer. Es ist mir, als wenn ich den Herrn so wenig verstehe, wie in der Zeit, wo wir im Hause Josephs lebten.“ - „Maria, noch oft wirst du so denken. Wann wird die Zeit kommen, wo du denken wirst, wie der Herr. Ist Sein Opfer nicht die Zusage, dass Er uns Alles sein will? – Gerade in Jerusalem, wo die Hölle und der tiefste Hass uns verfolgt, wird der Liebe höchster Lebenssieg offenbar werden. Wo noch Angst und Furcht sich einschleichen, kann der Meister uns nicht Alles sein, denn wir stellen ja nur hinaus, was wir von Ihm überkommen haben!“.

 

Maria: „Du hast in allem recht, lieber Jakobus, es ist das Leid der anderen, das meine Seele traurig macht, obwohl mein Geist sich mit Jesus ganz eins fühlt und weiß, wir sollen recht wachen, damit wir in Seiner Liebe nichts versäumen. Gehen wir alle zur Ruhe, du aber Jakobus, segne uns heute, mir ist, als wenn unser Jesus viel herrlicher wäre!“

 

Jakobus tat, wie Maria geheißen. In dieser Nacht konnte der Feind die Ruhe nicht stören.