Der Liebe Lohn

 

 

„Gern, liebe Freunde, doch zuvor lasst die Becher füllen, einen Wein wird uns der Herr schenken, den ihr alle noch nicht verkostet habt“. Rasch waren die Becher gefüllt, übervoll waren noch die Kannen, da sagte Jakobus: „Nun Freunde, trinken wir auf das Wohl aller Menschen, die eines guten Willens sind, damit ihre Herzen die Wahrheit aus Gott, unserem ewigen Heiland und Vater, ganz aufnehmen“. Da tranken alle, ihre Augen glänzten, denn solch guten Wein hatten sie alle noch nicht getrunken.

 

Jakobus stand auf und sagte: „Liebe Freunde und nun auch Brüder, habe ich zuviel gesagt, dass der ewige Gott und Herr die ewige Liebe Selbst ist? Nun wir alle den guten Willen haben, Ihn als Den zu erkennen und zu lieben, der Er in Wirklichkeit ist, kann Er uns auch mit Seinem übervollen Herzen beglücken.

 

Als der Herr uns allen durch den schrecklichen Kreuzestod genommen war, waren wir alle wie zerschlagen. Zweifel durchsetzte uns, alle Freude am Leben war uns genommen. In der größten Traurigkeit kommt uns die Kunde, der Herr ist auferstanden! Zweifel und Freude rang in mir, ich musste allein sein, ich hätte vergehen mögen vor Schmerz.

 

Da, liebe Freunde, erklangen Seine klaren Worte in mir: `Jakobus, Mein Bruder, warum verlierst du dich? Weißt du nicht, dass wir beide uns nie mehr trennen können? Ist es nicht genug, dass Ich unter größten Schmerzen ein Leben ausgebären konnte, was allen zum ewigen Heile dient? Darum schaue für Augenblicke, was jetzt in der geistigen Welt vorgeht. Sei nicht traurig, sondern stark in der Freude. Nicht Zweifel, sondern groß im Bewusstsein, dass Ich der Überwinder und Sieger bin und allen das ewige Leben geben kann!`

 

Da wurde ich ganz ruhig, ich dachte, wo Sein Wort erklingt, ist Er nicht weit, ist Wirklichkeit. Und ich schaute riesige Geisterheere, die das große Wunder der Liebe als herrlichste Offenbarung annahmen. Engel waren bereit, sie aus ihrem Elend heraus zu führen. Andere riefen: `Du Sohn Davids, erlöse uns von all dem Übel, wie Du andere erlöst hast`. Da zeigte Er ihnen die Wundmale an Seinen Händen und sagte: `Aus Meinen Händen floss das Blut, welches euch allen Erlösung bringt! Verlasset alles, was euch noch bindet, und gehet ein in eine Bindung mit Mir, denn Ich bin das Leben und alles Sein!` Keiner widersprach, sondern gläubig beugten sie ihre Häupter! Und eine Wolke von Licht und Helle kam über sie, dass sie Engel erschauen konnten, die sie nun aus ihrem Elend fortführten.

 

Da, liebe Freunde, schämte ich mich vor mir selber. Ich richtete mich auf und sprach zu mir: `Nie soll der Herr mehr Grund haben, traurig zu sein über mich!` Da überkam mich eine Freude, in der alles Glück lag.

 

Und sehet, liebe Freunde, auch wenn der Herr uns allen nicht persönlich erschienen wäre, ich wusste, der Herr lebt! Sein Sterben ist mein Gewinn. Sein Tod die Stunde, wo die Ewigkeit alle ihre Pforten öffnete, allen zum Heile, allen zum Glück! Auch denen, die nicht im Verderben verbleiben wollen. In dieser Freude bin ich bis zu dieser Stunde! Als der Herr sichtbar in unsere Mitte trat, war ich nicht seliger denn jetzt, da ich die größte Seligkeit in mir trage, die ich nur steigern kann, wenn ich mit der Liebe des Herrn, wie z.B. euch, beglücke.

 

Nun hätte ich euch nichts mehr zu sagen, alles andere liegt an euch. Was in mir liegt, das selbe werdet ihr auch in euch finden. Vielleicht noch herrlicher, denn es kommt ja nur darauf an, wie ihr das Leben in euch gestaltet.

Du Sabine, bleibe in deiner kindlichen Liebe, dann wird Der, Der dir zum Heiland wurde, dir ganz Vater werden. – Du Petro, steigere deine Liebe ganz in Seinem Sinn, in Seinem Geiste, dann wird der Ewige und Herrliche dir zum Freund und Bruder. Seine ganze Liebe, Sein ganzes Herz ist Sein Vermächtnis, werdet ganz Sein Eigentum, dann gehört Er auch euch, und der Himmel wird allen offenbar.

 

So nehmet nun hin Seinen Geist. Ertraget euch in Seiner Liebe und Geduld, dann seid ihr entbunden von dem Geist, der euch hinderte, mit dem Höchsten zu verkehren. Er aber spricht in mir: `Öffnet eure Herzen für die Not der Armen, das ist der Weg zu Meinem Vaterherzen. Sollten aber Zweifel kommen, da schaut im Geiste Meine segnenden Hände, die euch jetzt allen sichtbar werden. Meine Liebe und Gnade bleibe bei euch immerdar, damit ihr zum Segen für die anderen werdet`“. Alle sahen die Hände, die sich ihnen zeigten. Da sagte Sabine: „O Du treuer Heiland, ich sehe auch Dich. Hilf mir, dass ich auch Dein Kind werde“.

 

Die Erscheinung verging, sie genügte dem Benediktus. Er sagte mit tränenerstickter Stimme: „O ich Tor, der ich war, ein halbes Leben schleppte ich mich mit meiner Last herum, jetzt erst ist mir leicht. Deine Hände habe ich gesehen, o Herr, habe Dank für diese Offenbarung, denn wo Deine Hände sichtbar werden, ist auch Dein Herz nicht mehr weit. Und verwehre mir nicht, wenn ich von nun an an Deinem Herzen Trost suche“.

 

Laurentius spricht: „Meine Freunde, der heutige Abend ist der Abschied aus einer alten, und der Eingang in eine neue Welt. Nacht ist es in uns. Wie aber wir einem neuen Tag entgegen gehen, so ist es auch in unserem Glaubensleben. Da Größte, was ich heute erlebte, ist dieses, dass keinem von uns allen je ein Vorwurf wurde, sondern: `Nehmet die Verheißung Meiner Liebe und Gnade, die euch schon immer gehörte`.

 

Wir Römer, die wir die Ehre als das Höchste ansehen, können die Fehler und Vergehen anderer nicht so leicht verzeihen, und betrachten dieselben als ehrlos. Dieser Jesus aber, in Seiner Liebe und mit Seinem großen Herzen, deckt alles und bittet: `Nehmet Mich als euren Herrn, als Gott und Vater, dann werdet ihr Mein Eigentum`. O meine Freunde, dieses ist viel, fast zu viel. Aber nun kein Wort, denn jedes Wort ist Verkleinerung Seiner Liebe“.

 

Jakobus: „Endlich ist die Schranke gefallen und voller Freude ist das Herz des Vaters! Verkostet nochmals den Wein, den wir mit kindlichem Dank genießen wollen. Du aber, Du herrlicher Vater und Jesus, erfülle unsere Bitte und bleibe auch sichtbar in unserer Mitte“.

 

Da wurden nun allen die Augen aufgetan. Sie sahen den Herrn im schneeweißen Gewand, wie Er segnend die Hände ausbreitet und über alle hält. Und hörbar werden Seine Worte: „Bleibet in Meiner Liebe und gedenket derer, die noch in Not und Armut leben! Für das Werk Meiner Liebe gab Ich Meinen Kindern das Vorrecht. O nützet die Zeit und die Stunde! Denn zur Zeit der größten Zeiten wird eine Not und Armut werden, der ihr schon heute vorbeugen sollt. Ich habe eure Schuld getilgt, und suche Kinder, die in Meinem Geiste ebenso handeln können. Dann wird der Himmel sich zur Erde senken und alles Weh und Leid tilgen. Nicht dieses wird zum Himmel, wenn Ich unter euch treten kann, sondern wenn ihr Mich verkörpert und durch euer Handeln und Tun beweist, dass Ich in euch bin Liebe  und Leben, Geduld und Barmherzigkeit! So verbleibet in Meiner Liebe. Mein Segen und Meine Gnade sei euer Teil. Amen!“

 

Lange blieb der Herr sichtbar, den einen über den Kopf streichend, dem anderen die Hand drückend. Die Herzen aber waren noch unfrei, bis auf Sabine. Sabine sagte: „O mein Heiland, mein Gott und Vater, nimm den letzten Rest von Furcht von den Brüdern, damit sie ganz Deine Liebe erfahren“.

 

Da sagte der Herr: Sabine, Ich habe die Macht, Welten zu erschaffen und zu zerstören, aber vor einem unfreien Kinde bin Ich machtlos. Nur mit Liebe kann Ich es umwerben, damit es die ganze Süße Meiner Vaterliebe verkoste, aber weiter nichts, um nicht dem Gegner neue Waffen zu geben. Ich darf nur Mein nennen, was sich ganz frei zu Mir bekennt! Und wenn Ich verbluten müsste unter Weh, Ich darf die Grenzen der eingeräumten Freiheit nicht verletzen, da es die Erlösung aller und allem gilt. Meine Kraft aber fließt allen zu, und Meine Liebe ist ein Quell für alle. Sorget dafür, dass ihr ganz Meine Liebe zu der euren macht. Bedenket aber auch, wo Ich bin, ist auch Mein Gegner! Um eure Sehnsucht zu stillen, öffne ich eure Augen, eure Herzen aber müsst ihr selbst öffnen. Dies künde Ich euch als euer Vater, Gott und Erlöser. Amen“.

 

Langsam verschwand das Gesicht, nur bei Sabine nicht. Im Geiste reichte sie Ihm den Becher, da sagte Er zu ihr: „Sabine, so wie du Mich jetzt erfreust, so sollst du noch viele erfreuen. Die Heilkraft soll dir werden, aus deinen Händen soll die Kraft strömen, die Kranken Genesung bringt. Aus deinem Herzen aber sollen sich Ströme ergießen, die, so sie in Meiner Liebe geboren sind, sich überall als Meine Gnade und Mein Segen offenbaren“.

 

Sabine trug diese Worte, diese Verheißung, still in sich. Jakobus sagte: „Sabine, glaube und handle nach Seinem Willen, dann wirst du die Herrlichkeit des Vaters erleben und andere durch dich. Bleibe aber in rechter Liebe und Demut, dann kann dir kein Lebensfeind die Gabe rauben“.