Prüfung des Glaubens

 

In Edessa, einer kleinen Stadt in Mesopotamien, residierte Abgarus. Sein Königreich war gut in Ordnung. Da er Kenntnis von dem Dasein Jesu erhielt, suchte und fand er auch Verbindung mit Ihm. Leider wurde sein Wunsch, Jesus von Nazareth ganz in sein Land als Bürger zu bekommen, nicht erfüllt, aber etwas Größeres wurde ihm zuteil, nämlich die Gnade und das Wohlwollen Jesu. Mehrere Male reiste Brachus, sein Diener, nach Judäa und brachte herrliche Verheißungen mit. Aber der Wunsch, ihm und dem kranken Sohn Heilung zu bringen, wurde ihm versagt, da der Herr und ewige Gott andere Absichten mit ihm hatte. So ging dieser Sohn und Thronerbe mit dem Bewusstsein des freien und ewigen Lebens aus dieser Welt, um in der Ewigkeit ein Leben anzufangen, das für die damalige Zeit vollständig neu war.

 

Die Zeit der Trauer um den Sohn war noch nicht vorüber, als sich König Abgarus und sein ganzes Haus zu einer noch größeren Trauer vorbereiten musste, denn er hatte durch seinen Diener in Erfahrung gebracht, dass man Jesus, den Wundermann, kreuzigen wollte. Alle Bemühungen des König Abgarus, Jesus zu bewegen, Judäa zu verlassen, scheiterten an der Bereitschaft Jesu, das größte Opfer zu bringen.

 

Es war an einem Freitag, nachmittags, als Brachus zu seinem Herrn kam und ihm meldete, dass sich die Sonne verfinstere und ihren Schein verlöre. Da befahl Abgarus, Trauer anzulegen für drei Tage, da Jesus von Nazareth am Kreuze verstorben sei nach dem Willen der Tempelpriester. „Wie kannst du das wissen, mein Herr“, erwähnte Brachus, „sind doch seit der letzten Botschaft nur wenige Tage verflossen. Nach dem, was ich erlebt und gesehen habe, ist es eine Unmöglichkeit“. – „Brachus gehorche, veranlasse die Trauer, bald wirst du die Bestätigung erhalten. Damit aber in unseren Herzen nichts, als nur reine Trauer um den großen Heiland Jesu lebt, wollen wir uns von allem enthalten und nur das Nötigste tun und zu uns nehmen“.

 

So geschah es nach dem Willen des Königs. Dieser aber blieb in seinen Gemächern, nur des allerfrühesten Morgens und des späten Abends ging er auf das Dach, um zu beten und sich zu verinnerlichen. So auch am Sonntag früh. Mit dem Sonnenaufgang hatte er sein Gebet beendet, da sieht er, wie aus der Luft zwei Jünglinge in weißem Gewand auf ihn zukommen. Er schaut und schaut, da erkennt er in dem einen seinen verstorbenen Sohn. Er möchte rufen, hineilen, aber da seine Füße gelähmt waren, musste er bleiben.

 

Ehe er sich von dem Schmerze in seinem Fuße erholt hatte, sind die beiden Gestalten bei ihm, grüßen ihn mit erhobener Rechten. Da spricht sein Sohn: „Vater, freue dich, eben kommen wir vom Grabe des Herrn, es ist leer, nichts ist eine Beute des Todes geblieben“. – „Bist du es wirklich, mein tiefbetrauerter Sohn?  So gesund und strahlend habe ich dich noch nie gesehen, komme in meine Arme, ich möchte dich an meine Brust drücken“. – „Es geht nicht, mein Vater, aber nach einer kleinen Zeit darfst du, wie mir mein Führer sagte, einmal in unsere Welt einkehren und die großen Wunder der Liebe und Gnade Gottes schauen.

 

Eines aber darf ich dir sagen: alle Tore des Lebens stehen offen. Was die Erde an Wundern die letzten drei Jahre erlebte, ist dem Geisterreich in drei Tagen geworden. Überall, wo der Name Jesus genannt wird, ist eine Lichtquelle geworden. In diesem Licht ist so viel gewandelt worden, dass es für Erdenbegriffe unmöglich ist, dieses zu schildern. Nur was böse war ist finster geblieben. Auch um und in dir soll Licht und Freude sein. Darum vernimm die frohe Kunde: Jesus ist vom Tode erstanden, alle Herrschaft des Lebens ist Ihm zugefallen. Für Ewigkeiten wird nur noch dort der Tod sein, wo man das Leben meidet, welches der Auferstandene gibt. Schaue uns beide an, nicht eine Spur der Zersetzung wirst du an uns finden, da das Leben uns ergriffen hat durch die unendliche Gnade des Herrn. Leget nun alle Trauer für immer ab, das Leben hat den Sieg über allen Tod davongetragen“.

 

„Sahest du den Herrn, unseren ewigen Gott, unser Licht aus dem Urlicht?“ – „Ja, mein Vater, nicht nur gesehen, sondern gesegnet und geweihet für das ewige Leben. Aus Seiner Liebesfülle durften wir empfangen nach unserem Sehnen. Wir sind durch Ihn, den Ewigen und Lebendigen eine neue Schöpfung geworden. Künde allen diese frohe Botschaft, damit alle Anteil an diesem Leben haben. Dir aber, mein Vater, alles Heil aus Jesu, dem Lebendigen“.

 

„Mein Sohn, wer ist dieser dein Begleiter, warum blickt er so ernst auf mich?“ – „Mein Vater, es ist mein Führer und Lehrer. Nie hätte ich mich in der ewigen Gotteswelt zurechtfinden können. Licht und überall Licht umgab mich, meine Augen waren dieses Lichtes ungewohnt. So nahm mich dieser Führer bei der Hand und führte mich in eine Welt, die mir vollständig fremd und doch so überschön ist. Herrliche Ländereien, blaue Seen und strahlende Menschen zogen meine Aufmerksamkeit auf sich, dann aber wurde ich begrüßt von den Ältesten, als wenn man mich längst erwartet hätte. Meine Freude war riesengroß. Als ich aber von dem Heiland, der nichts anderes, als Gott von Ewigkeit ist, erzählte, hat man mich nicht so recht verstanden. Nun ist es anders geworden. Seit Er selbst die Botschaft von Seinem Ringen und Sterben brachte, warf sich alles auf den Boden und weinte überlaut. Als Er aber sagte, dass Er nicht im Tode bliebe und alle von Seinem Leben beleben wolle, erhoben sich alle und der Jubel wollte kein Ende nehmen. Wir erhielten von Ihm die rechte Weihe, wir durften aber auch Blicke tun, die schrecklich waren. Dorthin eilte Er mit seinem Anhang, um auch denen die Botschaft des Lebens zu bringen“.

 

„O, mein Sohn, du Glücklicher durch des ewigen Gottes Gnade, am liebsten eilte ich an eurer Seite zu Ihm, der meines Lebens Stütze und meiner Seele Trost und Inhalt ist“. – „Vater, gedulde dich noch eine kleine Zeit, denn bald wird kein Unterschied zwischen Menschen und Geistern sein, denn Gott, als der Ewige und nun vom Tode Erstandene, wird wieder in Seine Urhimmel zurückkehren und im Geiste überall dort sein, wo man sich an Seinem Heilandsleben bereicherte, welches Er uns allen offenbarte. Auch du wirst gar bald ganz eingeweiht werden. Bleibe in dieser deiner Liebe, bleib in diesem deinem Frieden, dann kann Sein Geist, der ein Geist allen Lebens ist, sich einen mit deinem Geiste. Amen“.

 

Hier verschwanden die beiden Lichtgestalten, Abgarus aber zitterte vor Freude. Seine Schmerzen nicht mehr achtend, eilte er nach unten in seine Gemächer, um seinem Weibe und Kindern die eben erlebte Gnade, den Besuch des Sohnes und Bruders, zu schildern, und dass es gerade sein Sohn war, der die Auferstehung des wahren Heilandes übermittelte.

 

Abgarus ließ seine Getreuen, Diener und Freunde laden zwecks Übermittlung der Freudenkunde, aber er wurde enttäuscht, man glaubte ihm nicht. Hethmann, der Hausmeister, dem auch alle Diener, Knechte und Mägde unterstellt waren, sagte: „Herr, bis jetzt habe ich geschwiegen, ich wollte dir nicht wehe tun, weil du ein guter Herr und guter Vater deiner Landeskinder bist. Es ist schwer, dich zu verstehen, da manchmal deine Handlungen dem rechten Verstand widersprechen. Du klammerst dich an den Heiland fest, der weder dir, noch deinem Sohn helfen konnte. Menschen, die die schwerste Strafe verdient hätten, gibst du Vertrauensposten. Landestrauer ordnest du an, weil man deinen Heiland gekreuzigt hatte. Und jetzt willst du uns glaubhaft machen, dein verstorbener Sohn sei gekommen und habe die Botschaft, dein Heiland sei wieder zum Leben erstanden, gebracht. Herr, was zu viel ist, ist zu viel. Wir sind keine Kinder mehr, die jedes Wort glauben, was aus des Vaters Munde kommt“.

„Ich bin betrübt, Hethmann, solche Worte aus deinem Munde zu hören. Nur dem Heiland Jesu hast du es zu danken, dass ich dich in deinem Dienst belasse. In all den Jahren müsstest du mich kennen, dass ich das Gute vom Schlechten, das Falsche vom Richtigen unterscheiden kann. Wenn du mir, deinem Herrn und König, nicht glauben kannst, so hättest du wenigstens dem Freunde trauen können“. – „Herr verzeihe mir, es lag mir ferne, dich zu betrüben. An mir liegt nichts, aber deinem Volk kann nicht zugemutet werden, Dinge zu glauben, die im reinen Phantastischen liegen. Du machst dir die Priester zu Feinden. Solange du nicht mit Beweisen kommst, ist uns und deinem Volke nicht gedient“.

 

„Hethmann, es ist gut, die Beweise werden noch erbracht werden, es kommt nur darauf an, ob du und alle deine Leute auch die Beweise annehmen. Aber da du offen und ehrlich bist, so will ich dich ebenso fragen, welcher Art sollen denn die Beweise sein, da es sich um große Dinge handelt, müssen auch die Beweise groß sein“. – „Gewiss, Herr, mit der Stunde, wo du gesund bist und dich ohne Schmerzen bewegen kannst, will ich deines Glaubens sein und alles daran wenden, dass alle sich zu deinem Glauben bekehren“. – „Gut, Hethmann, es sei. Die Stunde ist nicht mehr fern, wo mir, euch und allem Volk das größte Heil widerfahren wird. Bis dahin aber wollen wir nicht mehr davon reden“.

 

So vergingen Wochen, Monate. Abgarus änderte seine Ordnung nicht, der früheste Morgen und der späte Abend gehörte Jesu und seinem Sohn Omar. Hethmann beobachtete seinen Herrn unausgesetzt. Keine Veränderung in seinem Wesen gewahrte er, aber die Ruhe und das Zielsichere machte ihn unsicher. Darum suchte er eines Tages den Oberpriester des dortigen Tempels auf und gab ihm ein getreues Bild seines Herrn.

 

Der Oberpriester, ein älterer erfahrener Mann, eingeweiht in manche Wissenschaft, sagte: „Hethmann, es ist gut, dass du gekommen bist und mir alles getreulich offenbart hast. Ich fürchte, wir müssen alle unsere Götter verlassen und uns dem Einen und Wahren, uns unbekannten Gott, nähern. Deine Nachrichten stimmen mit denen des Königs überein. Aus Rom ist strengste Anweisung da, den Verkündern der neuen Lehre des jüdischen Wundermannes nicht feindlich entgegenzutreten. Der Statthalter Cyrenius hat allen Priestern der heidnischen Religionen die Lehre des unbekannten Gottes anempfohlen“. – „Empfohlen ist aber noch nicht annehmen, haben wir nicht genug Götter und Priester?“ – „Hethmann, verkenne die Lage nicht. Ich kenne den Gott der Juden, auch zum Teil die Lehre, siehe, es ist mein Brot. Wenn ich meine Götter verlassen könnte, ich würde es sofort tun, aber wie würde ich vor dem Volk bestehen? Darum warten wir, was der König tun wird, von ihm hängt alles ab“. Erwiderte Hethmann: „Da wäre es wohl gut, sich mit den wenigen Juden in Edessa zu befreunden?“ – „Da rate ich dir ab, es sind nur Händler und Geschäftemacher. Ihre Religion ist das Verdienen, ihr Handeln ist das Gegenteil von der Lehre des Judengottes. Der Wundermann aber soll ein Feind des Tempels gewesen sein“.

 

„Mein Oberpriester, Abgarus behauptet aus sich heraus, der Wundermann sei von den Templern gekreuzigt und vom Tode wieder erstanden zu neuem Leben. Dieses habe ich als phantastisch hingestellt“. – „Hethmann, ich hätte Abgarus geglaubt. Nach der Lehre des unbekannten Gottes soll ein Sohn von Ihm kommen, alle Schulden und Missetaten auf sich nehmen und durch Sein trauriges Ende die Gottheit und die Menschheit wieder versöhnen. Für uns Menschen kann daraus nur Gutes entstehen, denn in dieser Lehre ist viel, viel Liebe verborgen, die bei unseren Göttern nicht zu finden ist. Du kannst dich aber schon mit dem Gedanken vertraut machen, dass der Gott der Juden unendlich mehr ist, als alle unsere Götter zusammen. Nun, wo ich alt geworden bin, sehe ich alles mit anderen Augen an. Wie froh wäre ich, wenn ich die reine Wahrheit erfahren könnte. Komme doch wieder zu mir“. – „Gerne, wenn Abgarus gesund ist, sollst du der Erste sein, den ich an des Königs Hof bringe“.

Die Unterredung mit dem Oberpriester Zeno hat Hethmann zu vielem Nachdenken veranlasst. Dann hatte Brachus auf die Fragen des Hethmann, was eigentlich früh und abends der König auf dem Dache tue, geantwortet: „Er betet“. Erstaunt spricht Hethmann: „Er betet? Seit wann ist es denn Sitte, des morgens und abends allein zu sein und zu beten, dazu ist ja der kleine Bettempel da“. Antwortet Brachus: „Siehe Hethmann, unser Herr ist anderer Religion geworden. Du weißt von meinen Reisen nach Judäa, du weißt, dass der Heiland Jesus kein Märchen, sondern Tatsache ist. Du weißt aber auch, dass ich dem König, unserem Herrn, in allen Dingen recht gebe, weil ich selbst mit dem Heiland Jesus und seinen Jüngern gesprochen habe. Du weißt aber auch, dass unser König ein anderer, ein gerechter und liebevoller Fürst geworden ist. Siehe, wir alle erlebten die Umwandlung unseres Herrn. Ist es da nicht Pflicht, nach den Gründen zu forschen? Ich bin froh, es getan zu haben, denn dadurch bin ich auch getrieben worden, ein anderer zu werden“.

 

„Du magst Recht haben, Brachus, aber wie stehen wir da? Wo soll ich meine Götter hintun, die mir lieb und teuer sind? Ich kann doch nicht einem Phantom nachjagen, denn etwas anderes ist doch euer Heiland Jesus nicht. Ich möchte euch ja so gerne glauben. Tag und Nacht habe ich keine Ruhe, ich möchte vor mir selber fliehen“. – „Aber Hethmann, ist dies nicht für dich der beste Beweis, dass du einen Heiland brauchst? Warum gaben dir deine so lieb gewordenen Götter die Ruhe und den Frieden nicht? Bei mir ist es anders, in mir ist Ruhe, Frieden, selige Gewissheit, dass ich einen lebendigen und keinen toten Gott habe. Das unaussprechlich Große ist geschehen, dass ich mit meinem Gott reden kann und Seine tröstliche Antwort vernehme.

 

Begrabe ruhig deine Götter. Werden sie wieder lebendig, wie Jesus, der Heiland und Wundermann lebendig wurde, dann bleibe ihnen getreu, verbleiben sie aber in ihrem Grabe, dann sind sie nicht einmal den Gedanken des Nachtrauerns wert“. – „Brachus, du verlangst viel, ich kann doch nicht mit dem, was mir heilig ist, brechen!“ – „Doch, Hethmann, die Wahrheit um das ewige Sein und Leben verlangt es, oder kannst du für das Leben deiner Götter einstehen? Ich kann es für Jesus, den Heiland, weil ich Ihn fühle, empfinde, Sein mir so liebes und trautes Wort in mir höre und nur den einen Wunsch habe, Ihn nie mehr zu verlieren“.

 

„Ach Brachus, ich kann dich auch nicht mehr verstehen. Statt dass du mir entgegenkommst, entfernst du dich von mir. Deine Worte haben nicht den Erfolg gebracht, den ich von dir erwartete, im Gegenteil, du hast mich noch verwirrter gemacht“. – „Mit diesen Worten offenbarst du mir aufs neue den Wert deiner Götter. Darum ist es auch nicht mehr nötig, noch länger davon zu sprechen. Ich vertraue meinem Gott, es wird sich alles so fügen, dass du und alle in Edessa sich zu meinem Gott bekennen“.