Sabbat in Rakka

 

 

Es waren zu dieser Feier auch Fremde zugegen, die erst gegen Abend in der großen Herberge eingekehrt waren. Da sich die Heilungen schnell herumsprachen, war die Neugierde umso größer.

 

Unter den Zugewanderten war auch ein römischer Kaufmann, der sehr viel von Jesus gehört hatte auf seinen großen Reisen, aber nie Wert darauf gelegt hatte. Heute war Gelegenheit, einen Jesusjünger zu hören, darum ging er dahin, wo die anderen hineilten. Die Rede des Jakobus war ihm eine Enttäuschung, er hatte gehofft, ein Wunder zu erleben. Nun kam in später Abendstunde dieser Jakobus und erbat sich ein Nachtmahl, da er den ganzen Tag noch nichts weiter genossen hatte.

 

Die Wirtin bediente ihn selbst und hoffte, von ihm noch einige Worte zu vernehmen. Aber der römische Kaufmann hatte ihn mit Beschlag belegt und fragte ihn gerade, ob er behaupten könne, alles das, was er rede und tue, dass es auch aus dem Geiste wäre.

 

Jakobus: „Lieber Freud, wenn du am heutigen Abend meine Worte hingenommen hast, als wenn sie aus mir kämen, dann wird dich auch meine Antwort nicht befriedigen, denn wer das Wort nicht als Wunder oder Offenbarung aus Gott annehmen kann, mit dem ist schwer reden. Du hast ein Wunder erwartet, weil dich ja nie die Lehre des Herrn und Meisters interessierte, sondern nur Seine Wunderwerke“.

 

Der Römer: „Du magst recht haben, Lehren und Worte bedürfen einer Prüfung, Werke aber nicht, sie sprechen für sich und halten jeder Kritik stand. Mir ist ja immer das Reale und Natürliche lieber als das Übersinnliche. Dein Meister hat aus einer unfruchtbaren Gegend eine fruchtbare gemacht. Dieses Wunder hält eben jeder Kritik stand, und seine Feinde müssen es zweifellos als Wunder anerkennen. Warum soll ich mich um die neue Lehre kümmern, denn ein Jude werde ich doch nie und nimmer“.

 

Jakobus: „Lieber Danilos, deine Rede beweist mir, wie wenig du dich um Jesus von Nazareth bekümmert hast. Es war nicht klug von dir. Andere Römer suchten die Bekanntschaft mit Jesus und haben 1000 Segnungen dabei gehabt. Du sprichst, du bist für das Reale und Natürliche und weist das Übersinnliche, sagen wir, das Göttliche, von dir. Nun sage ich dir aber, Jesus war das Natürlichste, was sich nur erkennen lässt. Seine Reden, Seine Taten so einfach, so natürlich, dass an Übersinnliches gar nicht zu denken ist. Sein Innenleben war die Gottheit. Alles was Er lehrte und tat geschah eben aus dem göttlichen Urgeist. Gott und Wunder sind eins, denn ohne Gott ist kein Wunder denkbar. Da auch Gott das natürlichste Wesen ist, müssen auch die Wunder, wie alle Offenbarungen, natürlich sein. Freilich ist es ohne Weisheit und Kraft nicht möglich, aber diese sind ja der Gottheit eigen“.

 

Spricht der Römer: „Du nanntest mich bei meinem Namen, wer offenbarte dir diesen? Dann will ich deine Ausführungen gerne anerkennen, aber was hat das direkt mit Jesus zu tun? Sein Innenleben war die Gottheit, sagst du, aber nun frage ich dich, hat denn die Gottheit nötig, sich hinter einem Menschen zu verstecken? Das kommt mir unnatürlich vor, dass eine Gottheit, die Liebe, Weisheit und Kraft ist, sich einen Menschen erwählt, ihren Willen demselben aufzwingt und hinter diesem Menschen Deckung nimmt. Ist denn unter diesen Umständen Jesus ernst zu nehmen, denn das Treibende ist ja Gott. Wie viele Götter gibt es eigentlich?“

 

Jakobus: „Lieber Freund, mit diesen deinen Gedankengängen wirst du kaum das Lebensziel erreichen. Der heutige Abend hätte dir mehr geben müssen. Dies kommt aber daher, weil du alles menschlich betrachtest. Gott und Mensch sind zwei, Gott, der Schöpfer und Mensch der Geschaffene. Gott ist Gott und Mensch ist Mensch. Gott wurde Mensch nur, um den Menschen auf die Stufe der Vollkommenheit zu stellen, damit der Mensch wieder in den Besitz der göttlichen Liebe, Weisheit und Kraft gelange, die er verloren hatte, als er sich festigen sollte in der von Gott verliehenen Freiheit.

 

Jesus tat dieses nicht aus Zwang, sondern aus dem Drängen Seines eigenen Geistes heraus, der ja göttlichen Ursprungs ist. Auch dein innerer Geist ist göttlichen Ursprungs und wohnt in deiner Seele, die wieder in deinem Fleischleib ihren Wohnsitz hat. Dein eigener Geist ist direkt aus Gott, deine Seele aber geschöpflich hervorgegangen. Dein eigener Geist bewegt sich in der allergrößten Freiheit, deine Seele aber ist an Gesetze gebunden. Dein Geist kann deine Seele zur höchsten Stufe der Vollkommenheit führen, das heißt, wenn du festen Willens bist.

 

Dein Geist kann aber auch, wenn du willst, zur größten Trägheit verurteilt werden, dann geht eben deine Seele in all dem Geschöpflichen zu Grunde. Auf der Stufe der Vollkommenheit eint sich die Seele mit unserem Geist und wird göttlich, d.h., der ewige Gott kann deinen Geist dienend fördern. Wenn aber deine Seele ganz vertiert, dann ist alles Tierische und Niedrige zu ihrem Element gemacht. Nun mache dir ein Bild um den Stand eines Menschen.

 

Der Römer: „Ich fange an, dich zu begreifen. Aber warum lässt die Gottheit, da sie alles erschaffen hat, den Menschen fallen, dass er zum Tier, ja zum Teufel wird? Hier bin ich noch im Unklaren.“

 

Jakobus: „Weil Gott den Menschen frei erschaffen hat, und denselben als Herr über alle Dinge auf unserer Erde zu Seiner Freude sehen wollte, damit der Mensch, mit dem Erbgut aus Gott, alles Geschaffene und Vergängliche zum Vollkommenen und Ewigen umgestalten sollte.

 

Der Mensch aber versagte. Darum musste Gott selbst Mensch werden, um die Schöpfung zu retten, damit dieselbe nicht zum Opfer des Welt- und Lebensfeindes werde. Um aber Mensch zu werden, brauchte Er ein Gefäß, und dieses war der Mensch Jesus. Diesem gelang es, Seine Seele auf die Stufe der Vollkommenheit zu stellen und darum konnte der in Ihm wohnende Geist sich ganz mit Gott einen, so dass zwischen Gott und Jesus kein Unterschied mehr war.

 

Nun aber war der Mensch Jesus immer noch frei. Darum wirkte Er aus den Kräften der Gottheit, die ja in Ihm zusammengeballt waren, und schuf in Seiner Liebe ein für alle Menschen neues Leben, welches jeden Tod überdauert und die Krone der Vollkommenheit ist. Darum ging ja Jesus wieder aus dem Tode hervor, um allen, allen den Beweis zu geben: Er lebt und wird ewig leben, und alle, die an Ihn glauben und nach Seiner Lehre tun, mit Ihm“. 

 

Der Römer: „Lieber Freund, nun lass mich allein, es zu viel für heute, ich muss alles nochmals überdenken“.

 

Die Beiden waren in ihrer Unterhaltung so vertieft, dass sie nicht bemerkt hatten, wie viele ihren Reden lauschten und völlig befriedigt waren, denn über allem lagerte ein Schein von Glückseligkeit.

 

Am Morgen war Ruhe. Nur das Nötigste taten die Fremden an ihrem Vieh und an ihren Wagen. Es war Sabbat. Es waren am Abend vorher auch Fremde gekommen, die ihre Ruhe aufsuchten und von dem Geschehen in Rakka keine Ahnung hatten.

 

Ein griechischer Handelsherr ging nun am Vormittag zum Tempel, um zu opfern, wie er es jeden Sabbat tat, um die Götter nicht zu betrüben. Er erstaunte aber, am Tempel viel Volks anzutreffen, er war dieses Bild nicht gewohnt. Er brachte sein Opfer, mehrere Pfund Silber, aber der Priester nahm es nicht an und sagte: „Lieber Freund, wir haben den unbekannten Gott zu unserem Gott gemacht, da wir die Erfahrung machten, dass der bisher unbekannte Gott Leben über Leben ist, die anderen Götter aber nur Sinnbilder und völlig tot sind“.

 

Spricht der Grieche: „Aber was soll das heißen, wollt ihr das ganze Land in Not und Trauer bringen, wie kann man so die Götter betrüben?“ – Arius: „Im Gegenteil, lieber Freund, nun ist der Anfang gemacht, dass alles Elend schwinden wird. Dort, schaue dir die kleine Schar an, gestern waren sie noch aussätzig und heute geben sie dem wahren Gott die Ehre“.

 

Der Grieche: „Aber hört doch auf, in ganz Judäa ist die Hölle los, da sie diesen Jesus, den man kreuzigte, auf einmal wieder lebendig machten und man behauptet, er sei Gott. Was ich da erlebte, ist grauenvoll. Die alten Priester behaupten, Gott zu dienen und verfolgen die, die da glauben, Jesus sei Gott und lebe. Von Jesus aber merkt man nichts, denn alle die Verfolgten werden doch ein Opfer ihres Glaubens und gehen elendig zu Grunde“.

 

Arius: „Lieber Freund, was du erlebtest, kann ja wahr sein, und ich kann dir deswegen nichts dagegen halten. Aber wahr ist es auch, dass gestern diese 30 geheilt wurden, und eine mit schwerer Gicht beladene Frau wieder ihre volle Gesundheit im Namen des Herrn Jesus von einem Jünger des Herrn wieder zurück erhielt“.

Der Grieche: „Lass mich mit den 30 reden, damit ich sie befragen kann. Ich habe wohl viel reden gehört von den Wundern des Jesu, aber sein Tod ist eine unleugsame Tatsache“. – Arius: „Es ist nicht nötig, andere zu befragen, denn dort kommt der Jünger des Herrn Jesus und noch viele kommen mit“.

 

Es war auch so. Jakobus hatte kaum sein Morgengebet beendet, kommt auch Danilos. Schweigend setzte er sich zu Jakobus und nimmt auch schweigend sein Morgenmahl ein. Jakobus belässt ihn in seinem Schweigen, denn er fühlt, alles ist noch im Gären. Mit der Zeit füllte sich die Gaststube, aber es wurde nicht laut, denn alle sahen auf Jakobus und erwarteten ein Wort von ihm.

 

Spricht Jakobus: „Liebe Freunde, nehmt eure Suppe ein. Da heute Sabbat ist, können wir ja nach dem neugeweihten Tempel gehen, wohin noch viele kommen werden und auch Kranke mitbringen. Aber nur, wer da will und wem an dem Heil seiner Seele liegt“.

 

So erlebte man in Rakka, dass aus der Herberge eine Schar Männer nach dem Tempel gingen und sich leise unterhielten, auch treffen sie andere, sogar welche mit Wagen, worauf Kranke gebettet liegen. Es füllt sich schnell der Tempelplatz, als auch Jakobus mit Danilos kommt.

 

Arius geht auf Jakobus zu und spricht: „Bruder, du wirst erwartet. Hier ist ein Freund, der sich noch an vielem stößt, was in deiner Heimat geschieht. Du übernimmst doch den Dienst der Liebe?“ – Jakobus. „Arius, heute bist du wie immer Priester. Lass dich ganz durchdringen vom Geist des Dienens, dann wird alles gut werden. Wenn der Geist dich drängt, dann stehe ich dir bei“.

 

Arius begrüßte die Besucher, schilderte nochmals die erlebte Liebe und Gnade von gestern, die nun immer und immer geschenkt wird, wenn der Glaube und das Vertrauen zum wahren und ewigen Gott immer lebendiger wird. Darum wird der Sendbote dieses wahren Gottes uns denselben noch mehr schildern, damit keiner mehr bereue, seine toten Götter verlassen zu haben.

 

Hier tritt Jakobus vor und spricht mit lauter Stimme: „Brüder und Schwestern, unsagbare Freude lebt in mir, da ich in euch den Zug erlebe, ganz dem wahren und lebendigen Gott zu dienen. Mit dem Verlassen eurer toten Götter müsst ihr aber auch das euch angewöhnte Leben verlassen, das ihr bisher lebtet. Ihr lebtet nur für euch, der andere mochte sehen, wie er weiter kam. Euer Priester musste Opfer fordern, um seinen Verpflichtungen nachzukommen. Dieser Zustand machte euch unfrei.

 

Ihr lerntet nun den wahren Gott und Herrn kennen. Ich, als Sein Bote, möchte euch noch mehr mit Seinem Willen bekannt machen, der mit wenigen Worten gesagt ist. Er lautet: Liebet euch, wie Ich euch geliebt habe! Diese Liebe soll nicht Gesetz werden. Wer in dieser Liebe lebt, wird in Gott und Gott in ihm leben. Ein jeder sei für den anderen da, und keiner sei mehr und größer als der andere. Lebet ihr in diesem Geiste der Liebe, dann kommt der Segen sichtbar, und alle Not und leiden werden nur selten Gast bei euch sein. Darum bringt nun eure Kranken, damit alle Herzen von der Freude übervoll werden und Gott, der Lebendige und Ewigwahre sich ganz offenbaren kann“.

 

Schwerkranke, einige Blinde und ein Krüppel wurden vor den Altar gebracht, auf dem ein einfaches Holzkreuz stand. Mehrere Lampen standen darauf. Jakobus bat, die Lampen anzubrennen, da ja Sabbat sei und dieser Tag immer eine besondere Weihe und Ruhe geben soll. Schnell brannten die Lampen. Ein eigenartiges Bild für die Rakkaer, ein grobes Kreuz und sieben brennende Lampen am hellen Tag.

 

Jakobus: „Im Namen Gottes und Seines Sohnes Jesu Christi diene ich euch. Vor allem euch, die ihr Erlösung von euren Leiden sucht. Eure Hoffnung soll nicht zuschanden werden. Doch müsst ihr glauben können, dass nicht ich, sondern der wahre Gott und Herr, der Vater aller Menschenkinder  es ist, der da Leben und Gesundheit gibt. In Seinem Auftrag segne ich euch, in Seiner Liebe diene ich euch und Sein Geist erfülle euch, wie ich erfüllt bin!“

 

Jakobus berührte jeden mit seinen Händen, seine Augen leuchteten, der Strom von Kraft durchdrang ihn, bis er den letzten berührt hatte. Dann sagte er: „Steht auf von eurem Lager und dankt mit den Herzen für die Gnade und verherrlicht die große Gottesliebe, indem ihr euch gegenseitig dient“. Alle standen auf. Da brach das Schweigen der großen Menge. Alle wollten sie die Kranken und nun Gesunden sehen.            

 

Jakobus aber sagte: „Nicht so, meine Geliebten, lasst den Dank keinen Rausch sein. Es ist die Art des Herrn, nur Glückliche zu sehen. Macht euch vertraut mit Seinem Vater- und Heilandsgeist, dann werdet ihr wahre Schwestern und Brüder. Des einen Freude sei auch des anderen Freude, des einen Leid sei aber auch des anderen Leid. Dann kommt der rechte Himmel zu euch und ihr erlebt Freuden, die ihr noch nicht kennt.

 

Es ist genug für heute. Geht wieder in eure Behausung zurück, der Sabbat wird nicht nur im Tempel, sondern im Herzen und im Tun gefeiert und soll nicht Opfern, Beten und Entsagen sein, sondern Freuen und immer neue Freuden den anderen bereiten. Da aber euer Herz nach einem Wort der Gnade und Liebe dürstet, so spricht der Herr zu euch:

 

„Endlich ist für Mich und auch für euch die Stunde gekommen, wo wir in den rechten Verkehr treten können. Immer musste Ich von der Ferne sehen euer Ringen, euer Tun und Schaffen. Aber trotz eures Schaffens waret ihr gebunden vom falschen Geist. Nun aber hat die Befreiungsstunde geschlagen. Ich Selbst wollte es, dass die Nacht zum Tage werde und ihr im Licht Mich suchen und erkennen könnt. Nie werde ich euch verlassen noch versäumen, solange ihr an Mich glaubt und von den Gaben meiner Liebe, Gnade und Erbarmung Gebrauch macht. Meine Liebe sei auch die eure, Mein Segen das sichtbare Zeichen und Mein Geist das belebende in euch für die anderen. Legt ab das Niedere und ziehet den neuen Menschen an, den Ich als Jesus vorlebte. So ziehet in Frieden, mein Segen und Mein Frieden sei mit euch allen. Amen“.

 

Die Feier war kurz, aber beglückend. Alle wollten Jakobus danken, der aber wehrte ab. „Liebet euch“ war sein Wort, „es ist der beste Dank!“

 

Die alte Wurka sah alles mit Freuden, sie schien neu belebt zu sein. Sie sagte nur: „Ach, nur noch einmal jung sein und diese Liebe leben zu dürfen!“