Sabine

 

 

In einer Oberstube lag Sabine mit bleichen und abgezehrten Wangen, des Wirtes einzige Tochter. Das schleichende Gift hatte ihren Körper fast zersetzt, aber ihre Augen bitten um Erlösung.

 

Als die Beiden  an das Lager treten, sagt Petro: „Sabine, eine große Verheißung ist mir geworden, wir sollen alle recht froh werden“. Sabine: „Ja Vater, wenn ich endlich in das Grab zur Mutter gefolgt bin, dann wirst du froh sein“. Jakobus: „Mitnichten, meine Tochter, du sollst leben. Leben zur Freude Gottes und zur Freude deiner Mitmenschen. Dein Heiland und Erlöser, den du schon so oft in schlaflosen Nächten schautest, kommt in mir zu dir und spricht: `Glaube endlich, dass Ich Wirklichkeit und kein Traumbild bin. Stehe auf und lasse dich von niemand irre machen, denn Ich bin das Leben, die Liebe und das wahre Sein!“.

 

Da erhob sich Sabine mit großer Mühe. Jakobus legte ihr die Hände auf, zusehends kam Farbe und Leben in sie. Da sagte sie: „Ja, ich fühle das Leben, aber wo ist Er, den ich so oft schaute, den ich liebe unaussprechlich? Wie kann ich zu Ihm gelangen?“ Jakobus: „Sabine, kleide dich an und komme zu uns herunter, du sollst alles erfahren, was deine Sehnsucht ist, doch vor Fremden schweige“.

 

Die beiden Händler waren ganz verwirrt, als Sabine an der Hand Petros durch die Gaststube in die Küche ging. Jakobus aber setzte sich zu den Händlern. Da fragte Achmet: „Was ist geschehen mit Sabine?“ – „Nichts -  erwiderte Jakobus - nur das wurde ihr, wonach sie sich sehnte: Gesundheit! Freilich, du wirst keinen Nutzen davon haben, denn Gott ist dir ja gleichgültig“. Armino: „Fremder, lass dich doch nicht bitten. Was ist mir Sabine geschehen, denn das ist das größte Wunder, was ich mir denken kann, von dieser Krankheit ist noch niemand genesen“. Jakobus: „Du hast recht, aber bei Gott ist eben nichts unmöglich, Sein heiliger Wille vermag alles“.

 

Petro kommt an den Tisch und spricht: „Lasst alle Geschäfte ruhen. Sabine ist mir neu geschenkt worden, darum feiern wir diesen Tag, der mir so viel Glück brachte. Und du, der du mich Bruder nanntest, sei auch den anderen Bruder und offenbare uns den rechten Gott!“

 

Da wurden die anderen alle aufmerksam, die noch in der Stube sich befanden. Sie sahen auf Petro, der ganz anders war. Sie fragten: „Was ist geschehen?“ Petro aber sagte: „Sabine ist gesund geworden durch den Gott, den wir nicht kannten“. Da schauten die anderen ungläubig auf Petro, dieser aber sprach: „Bald werdet ihr es sehen. Sabine lässt nur ein Mahl richten, denn heute ist der Tag der Freude. Sagt es euren Kameraden, beendet euer Tagewerk, heute sind alle zahlfrei und alle Schulden sind gestrichen“.

 

Achmet: „Petro, bist du ein Narr geworden. Was soll das heißen: zahlfrei und alle Schulden gestrichen, bist du denn so reich geworden?“ Petro: „Ja, ja und wieder ja, denn das Leben ist zu uns gekommen. Die Freude braucht Betätigung, sonst würde mit alles tot erscheinen. Wenn du aber nichts davon sehen willst, dann störe mich wenigstens nicht in meiner Freude“. Jakobus: „Schön gesagt, Petro, dieser Tag wird dir viel Freude machen, aber nun sage Sabine, sie solle kommen“.

 

Mit einiger Scheu kommt Sabine in das Gastzimmer, niemand sah ihr die Spuren des jahrelangen Krankseins an. Petro war überrascht über seine Tochter. Er weinte laut und sagte: „Sabine, wenn das die Mutter erlebt hätte!“ Sabine: „Vater, sie sieht uns und ist selig, denn vorhin sah ich sie, obwohl ich nicht träumte“.

 

Sie gab Jakobus die Hand und sagte: „Ich weiß deinen Namen nicht, aber ich muss dir danken. Ich bin wie im Traum und frage mich, bin ich denn noch am Leben? Wie oft ersehnte ich den Tod, er wäre mir süß gewesen in meinen Schmerzen. Aber nun fühle ich das Leben und bitte dich, lehre mich, wie ich recht dankbar sein kann“. Jakobus: „O Sabine, sorge dich um nichts als nur um dieses, dass die wahre und heilige Liebe dich erfüllen möge, denn der wahre Gott ist ja die Liebe und das Leben Selbst. Wer in dieser Seiner Liebe lebt, lebt in Gott und Gott in ihm. Sein Geist wird dir alles offenbar machen“.

Die anderen waren sprachlos über die Lieblichkeit dieser jungen Menschenblume, wie ruhig und frei sie um sich schaute. Da sagte sie zu Achmet: „Aber Freund, warum blicken deine Augen trübe und Schatten verdecken dein Gesicht? Hast du mir doch so oft Trost zugesprochen. Freue dich doch mit Vater und mir. Ich bin wirklich ganz gesund und fühle neue Kraft und neue Freude, dass ich Berge abtragen möchte“. Achmet: „Sabine, Sabine, ich möchte mich freuen mit euch, aber hier innen ist etwas, was mich bindet. Lass mich gehen, ich brauche Zeit“. Sabine: „Nein Achmet, wie ein Vater voller Teilnahme warst du zu uns. In der großen Not warst du uns Freund, und nun musst du dir gefallen lassen, dass wir dich in deiner Not nicht alleine lassen. Auch dir wird Gott helfen, wie Er mir geholfen hat, dieser Freund wird dir dazu verhelfen“.

 

Sabine verließ die Gaststube, um in der Küche zu helfen den beiden Mägden. Da sagte Achmet: „Petro, Ist das wirklich deine Sabine?! Wie ein Engel sieht sie aus und ihre Sprache, ist die nicht wie ein Ton aus den Himmeln? Ich muss mich vor ihr schämen, weil ich mich so wenig in der Gewalt hatte“. Petro: „Du bist unser aller Freund und bleibst es auch. Nur das Glück wirst du mit uns teilen müssen, denn nun hat aller Kampf und Sorge ein Ende“.

 

Jakobus: „Petro, heute schaust du das Leben von der Lichtseite, trotzdem wird das Leben ein Kampf bleiben. Ein Stillesein und Stillestehen würde die Entwicklung hemmen. Aber das Leben bekommt von heute an einen anderen Sinn und einen anderen Inhalt. Sage deiner Sabine, sie solle noch für 30 Mann mehr zubereiten, denn heute bekommst du noch viele Gäste in dein Haus“. Petro „Wenn du es sagst, dann muss es auch wahr sein, es verdoppelt nur meine Freude“. Armino: „Freund, bist du allwissend, weil du Dinge voraussagst, die mir unbegreiflich sind. Kannst du mir sagen, wer diese 30 Mann sind, und was wollen denn die gerade hier bei Petro?“

 

Jakobus: „Es wäre schlimm, wenn ich als Bote der ewigen Liebe und als ein Willenträger Gottes nichts weiter hätte, als nur das, was man im Kopfe trägt! Schon durch das Verbundensein mit hm, dem wahren und lebendigen Gott, offenbart Er mir Dinge, die den anderen unbegreiflich sind. Gerade du wirst sehr große Freude erleben an den Römern, die aus Edessa kommen, denn es ist einer darunter, dem du dein Leben zu verdanken hast, als man dich überfiel und deine Habe rauben wollte“. – „Was, Benediktus, der gefallene Priester? Er kommt mit Römern hierher?“ Jakobus: „Ja, gerade der. Es ist aber möglich, dass du ihn nicht verstehen wirst, weil er das Evangelium der Liebe Jesu als etwas Unbegreifliches hinstellt“.

 

Es war auch so. Kaum dass die Zeit hinreichte, um das Essen fertig zu bringen, kommt der Tross von Römern, um bei Petro zu übernachten, wie sie es schon so oft taten. Laurentius, der Führer und kaiserlicher Amtswalter, begrüßt Petro wie einen alten Freund und verlangt Quartier für sich und alle seine Leute.

 

Lachend begrüßt ihn Petro und spricht: „O Laurentius, alles ist schon bereitet. Komme mit deinen Leuten, heute seid ihr meine lieben Gäste“. Laurentius: „Was ist dir Gutes widerfahren, du lachst ja und siehst aus wie der Glücklichste der Glücklichen?“ Petro: „Bin ich auch, Laurentius, du kennst mich ja seit Jahren und ebenso Sabine, willst du sie sehen?“ Laurentius: „Nein Petro, kranke Menschen machen mich traurig. Es ist schon genug Elend, was ich auf Straßen, in Dörfern und Städten sehe, an einem Krankenbett erlebe ich keine Freude“. Petro: „Laurentius, diesmal wirst du meine Freude teilen, Sabine ist gesund, ich werde sie holen“.

 

Freudig eilt sie herbei und spricht: „Vater, ich habe jetzt keine Zeit, was hast du für mich?“ Da sieht sie Laurentius stehen, geht hin zu ihm und, ihm die Hand reichend, sagt sie: „Lieber, edler Freund, du kommst zur rechten Stunde. Heute ist bei uns der Tag der Freude und des Dankes, ich bin richtig gesund“. Laurentius: „Bist du wirklich Sabine, Petros Sorgenkind? Beim Zeus, so schön sah ich noch keine Mädchenblume“. Sabine: „Ich bin es, edler Freund, ein Bote Gottes machte mich gesund. Aber noch Besseres brachte er mir, den Heiland, den ich schon lange als Unbekannten liebe. Aber, verzeihe lieber Freund, dort wartet Arbeit, du wirst alles erfahren durch den Gottesboten“.

 

Laurentius: „Petro, war das wirklich Sabine? Nun verstehe ich deine Freude, ich gönne sie dir. Aber stelle mich dem Gottesboten vor, ich bin recht neugierig geworden“. Petro ruft Jakobus und spricht: „Bruder, dieser Freund möchte mit dir bekannt werden, schenke ihm auch deine Freundschaft“.