Sieg des Lebens

 

 

Zwei Männer brachten auf einem zweirädrigen Wagen einen Mann. Mit festen Stricken hatte man ihn an einen Holzklotz gebunden. Seinem Munde entquoll Schaum, seine Augen waren wie gebrochen. Die Menge entsetzte sich vor diesem Elend, was sich ihnen hier zeigte.

 

Da sagte der eine zu Hermes: „Wir haben von der Heilung vieler Kranken gehört und haben erfahren, dass Kranke hierher gebracht wurden. Unser armer, wirrer Bruder hatte heute einen besonders schweren Anfall. Wir waren gezwungen, ihn an das Holz zu binden, sonst hätte großes Unglück geschehen können. Dürfen wir auch auf Hilfe rechnen? Oder wo ist der Wundermann, damit wir mit ihm sprechen können?“ Hermes: „Dort, dieser ist es, der Ilona an der Hand hält. Aber warum kommt ihr zu mir, da ihr doch Juden seid und an euren Gott glaubt?“ – „Verzeihe mir, in meiner Not habe ich es übersehen, dass du das Gewand eines heidnischen Priesters trägst“.

 

Jakobus, der diese Szene beobachtete, ging hin und sagte: „Befreit diesen Kranken von seinen Fesseln. Er leidet furchtbare Qualen, denn nicht Liebe zu eurem leidenden Bruder ist es, warum ihr ihn brachtet, sondern Furcht, es könnte euch Übles geschehen“. Da sagte der andere: „Es ist gefährlich, ihn frei zu lassen, in seiner Wut weiß er nicht, was er tut“. – „Weil ihr ihn nicht behandelt wie einen Kranken, sondern wie ein wildgewordenes Tier. Dabei kennt ihr den Moses und die Propheten. Es muss sehr schlecht um euren Glauben stehen, sonst wäre euer Bruder längst gesund“. Beide schwiegen. Als aber der Kranke aufs neue an zu stöhnen fing, sagte der erste: „Auf deine Verantwortung hin mache ich ihn los, vielleicht kannst du uns noch helfen“

 

In wenigen Minuten war er frei. Er lag nun auf der Straße, blutunterlaufen waren die Striemen, ein Bild des Mitleids, denn er war fast nackend. Er war zu schwach, sich empor zu richten, aber seine Augen blickten so bittend, so dass Jakobus sagte: „Im Namen Jesu, des lebendigen Gottes und ewigen Herrn, erstehe in voller Gesundheit und sei vollkommen frei. Du aber, du finsteres Wesen, gehe zurück in deine finstere Sphäre, werde demütig vor Gott, dem Herrn, dessen Güte du missbrauchtest“. – „Nie“, brüllte das Wesen durch des Kranken Mund, „Er sei verflucht“. – „Halt! Kein Wort weiter“, sagte mit fester Stimme Jakobus, „nun gebiete ich dir im Namen und im Geiste Jesu, verlasse augenblicklich diesen Menschen, sonst kommt noch größere Verdammnis über dich“.

 

Da  riss es nochmals den Kranken herum, dann stand er auf, kindlich war sein Blick. Dann sagte er: „O Gott und Herr Zebaoth, wie leicht ist es mir jetzt. Darf ich dir danken, du guter Mann, oder dem lichten Wesen, was ich in dir erschaue?“ Jakobus: „Stärke dich vorerst mit diesem Brot und diesen Früchten, damit dein Hunger gestillt und du in dir zur Ruhe kommst. Du aber, Helena, bringe Wasser, um den Schmutz von seinem Leibe zu entfernen und um die Wunden zu reinigen, die die Lieblosigkeit seiner Brüder verursachte“.

 

Rasch war eine Schüssel mit Wasser zur Stelle. Ohne zu fragen, wusch Helena dem Geheilten, der niedergekniet war, den Schmutz von seinem Leibe. Dann holte sie etwas Öl und betupfte die wunden Stellen.

 

Jakobus verwies den Brüdern, die da Einspruch gegen das Waschen erhoben, ihre Rede und sprach: „Schweiget vorläufig, denn nicht um euer Heil seid ihr gekommen. Dieser euer Bruder bleibt nun hier und wird woanders eine Unterkunft finden. Nehmet euren Wagen und gehet wieder nach eurer Behausung, denn nur denen diene ich, die da hungern und dürsten nach der ewigen Wahrheit aus dem lebendigen Gott.

 

Ihr seid reich, und tut vor den Menschen, als wäret ihr arm. Euer Streben war und ist nur nach dem Mammon. Für solche Menschen ist die Botschaft des Friedens und der Liebe nicht an der Zeit. Ändert euren Sinn und werdet wieder getreu eurem Gott, dann wird das Evangelium des heiligen Gottes euch nicht vorenthalten werden. Du aber, Rudomin, iss, dein Leib braucht Stärkung und Labung. Lasse deine Brüder ziehen, die nie deine Brüder waren. Die ewige Liebe, die für deine Erlösung sorgte, wird auch für deine weitere Unterkunft sorgen“. Die anderen waren froh, ihren Bruder auf diese leichte Art los zu werden, nahmen ihren Karren und zogen von dannen.

 

Die Anwesenden murrten über diese Lieblosigkeit, Jakobus aber sagte: „Lasset euer Murren, sondern Erbarmung soll euch erfüllen. Ihr wart Zeugen dieser wunderbaren Errettung, euer Herz wäre voll Freude gewesen, so die anderen auch recht dankbar gewesen wären. Aber was euch Schmerzen machte, macht auch dem gegenwärtigen Gott Schmerzen. Darum wollen wir doppelt dankbar sein für diese Gnade, den Zug in uns lebenswahrer gestalten, nur helfen und wieder helfen wollen, wo Elend, Not und großes Leid ist“.

 

Rudomin hatte etwas Brot und einige Früchte genommen, dann sagte er: „Ich habe vorläufig genug. Warum sind denn diese vielen Menschen hier. Ihre Gesichter strahlen doch vor Freude, was ist ihnen Schönes geschehen? Könnte ich doch auch wieder so froh werden, wie ich es früher war“. Jakobus: „Du wirst noch froher werden, als alle diese hier, denn der Heiland, den diese gefunden und auch angenommen haben, wird auch dein Heiland sein. Er allein machte dich wieder gesund, auch dieses Brot schickte Er dir“. – „Wo ist dieser Heiland, damit ich Ihm danken kann. Wo ist Er hingegangen, ich möchte zu Ihm und Sein treuer Knecht sein“.

 

Jakobus: „Dieses ist nicht so einfach, da dieser Heiland unsichtbar ist. Er kann nur gefühlt und erlebt werden im Herzen. Du glaubst doch an Gott, den Herrn Zebaoth?“ – „Eigentlich nicht mehr, lieber Mann, denn schon lange ist es her, seit ich nichts mehr von Gott hörte. Meine Brüder mochten den Priester nicht, er kostete zu viel. Aber nun kann ich doch nicht hier bleiben, ich habe nichts, was ich dem Heiland zum Opfer geben könnte. Auch kann ich eure Liebe nicht entschädigen“. Jakobus: „Sei ohne Sorge, Rudomin, dieser gute Heiland verlangt nur nach einem Opfer welches das Herz freiwillig gibt. Du musst aber alles hingeben, was als falsche Liebe in dir lebt. Je nach dem Maße du hingibst, empfängst du, nur mit dem Unterschied, was du empfängst, bleibt dir ewig, während du nur Zeitliches geben könntest“.

 

Eiligen Schrittes kam der alte Mann, der am Tage vorher für seinen Sohn bat. Er hatte seinen Sohn und dessen Weib mitgebracht. Jakobus sah dieselben. Er sagte zu Rudomin: „Rudomin, jetzt wirst du eine Freude erleben. Nun kannst du gleich erfahren, was der Heiland zu geben vermag“.

 

Mit Tränen in den Augen tritt der alte Mann hin zu Jakobus und sagt: „Dank und Freude erfüllt mein Herz. Hier ist mein Sohn, er ist gesund durch deinen Gott. Wie sollen wir die Guttat deines Gottes lohnen? Worte können es nicht ausdrücken, was ich für deinen Gott empfinde. In mir ist alles wie neu, alles hat ein anderes Gesicht, ja die Sonne am Himmel scheint viel heller. Schau meinen Sohn, ist er nicht so frisch, als wäre er nie krank gewesen? Schaue sein Weib an, welche Freude leuchtet aus ihren Augen, wo bisher nur Angst und Sorge war? Komm, Gabriele, und du, Darius, wir wollen niederknien und anbeten den unbekannten Gott“.

 

Da knieten die Drei nieder. Dann aber knieten auch Rudomin und alle Geheilten nieder. Herminus, der alte Vater aber betete: „O, Du heiliges Gotteswesen, Du uns unbekannter Gott. Mit Deiner Dir eigenen Liebe hast Du uns aller Angst, Not und Sorge ledig gemacht. Wir möchten danken Deiner würdig. Unsere Liebe, unsere Gedanken möchten wir Dir geben, aber wir kennen Dich nicht, wissen nicht, was Deiner Liebe, Deiner Kraft und Macht als Zeugnis aus unserem Mund dienen soll. O lasse uns Dich erkennen. Wir glauben an Dich, ohne zu wissen, wer Du bist, wir vertauen Dir, weil Deine Liebe, Macht und Kraft sich so wunderbar und herrlich an uns offenbart hat. Du gabst uns so viel, o schenke uns dies eine noch, dass wir Dich begreifen können. Und nimm uns die Furcht vor Deiner Heiligkeit, damit wir Deine Liebe mit Liebe erwidern können. Alles Heil nur Dir!“

 

Jakobus war ergriffen von diesem Bild und von dem Erleben. Er sagte: „Brüder, Schwestern, stehet auf. Im Namen des Herrn und in Seinem Geiste verkündige ich euch die Botschaft des heiligen Gottes, der euch allen so nahe ist und sich euch durch mich offenbaren lässt. Durch Seine Kraft und Macht und Erbarmung seid ihr geheilt an eurem Leibe. Auch habt ihr schon Worte des Lebens gehört, aber es darf nicht beim Hören bleiben, sondern in euch, in eurer inneren Welt, von der ich schon kündete, sollen sie das Fundament und das Grundleben eurer Gotterkenntnis sein, damit ihr immer und immer in Verbindung bleibt mit dem ewigen und lebendigen Gott.

Gott wurde Mensch und erhob dadurch den Menschen zum Träger Seines Geistes und Vollender Seines Erlösungswerkes. Durch mich kam Er in Seinem Geiste der Liebe zu euch. Es wäre Ihm ein Leichtes gewesen, durch Seine Allmacht eure Götter zu vernichten, oder durch harte Gerichte euch zu zwingen, Ihn anzubeten. Er tat es nicht. Mit Liebe will Er wecken das in euch ruhende Geistesleben. In Liebe trägt Er euch und will warten, ob ihr Ihn auch lieben und Ihm vertrauen könnt.

 

Wenn ihr bedenkt, alles ist aus Ihm, alles ist Sein Eigentum, Er könnte fordern. Er tut es nicht, Er bittet, dass ihr euch bekehrt und Raum in euch frei macht, damit Sein Geist der Liebe und des Lebens euch belebe und ihr zu frohen, glücklichen Kindern Seiner Liebe werdet.

 

Dieser Gott der Liebe hat nur einen Feind, es ist das Böse im Menschenherzen. Dieser Feind ist das Trennende und das Gottesleben Vernichtende. Solange dieser Feind das Herrschende und Belebende in euch ist, kann sich Sein Leben nicht durchsetzen. Weil der Mensch das Ebenbild Seiner Selbst ist, soll er auch Gestalter seiner eigenen inneren Welt sein. Nun wählet, prüfet euch, und alles weitere offenbart euch euer eigener Geist, der das ewige Geschenk Seiner Gottheit in euch ist“.

 

Jakobus schwieg. Herminus aber, ergriffen bis ins Innerste, sagte: „O, ihr Kinder und ihr lieben Freunde, was durften wir vernehmen! Nicht genug, dass der Heilige Gesundheit eurem Leibe gab, alle Angst, Sorge und Kummer von euch nahm, nun hören wir die Botschaft, dass Er uns Vater sein will und uns zu Seinen Kindern macht. Denkt an die vergangenen Tage, Wochen und Jahre, endlos war die Angst, trostlos die Zukunft. Die Priester waren unwürdige Vertreter ihrer Götter, kalt und tot waren ihre Worte, und hier lebt alles, sogar die Worte sind Leben aus Gott. O Du ewiger Gott, Deine Macht hätte mich zu einem Sklaven gemacht, so Du es gefordert hättest, weil Du meine Bitte erfüllt hast. Deine Liebe aber, die uns Dein Bote kündete, macht uns zum Kinde. So nimm mich auf in Deinen Liebesbund, mein Denken und Tun soll Dir immer gehören“.

 

Jakobus geht ins Haus, bringt eine Schüssel reinen Wassers, begibt sich hin zu dem in Andacht verharrenden Herminus und spricht: „Auf dein Gelübde hin bestätige ich den Liebesbund zwischen dem ewigen und heiligen Vater und weihe dich mit dem äußeren Zeichen, dem reinen frischen Wasser für Gott, den Herrn und heiligen Vater. Sein Geist durchwehe deine Seele, Seine Liebe werde dein Leben und Seine Gnade und Sein Friede erweise sich täglich an dir, zum Heile deiner Mitmenschen. Amen.

 

Ihr alle aber, die ihr Zeugen dieser Handlung wart, geht nach euren Hütten und dorthin, wo euch die Pflicht hinstellte. Wer in sich der festen Überzeugung ist, dass es ohne diesen lebendigen Gott kein rechtes Leben ist, tue dasselbe, was Herminus tat. Gelobet euch Gott, dem Ewigen und Herrlichen an, dann will ich euch auch gerne dienen und euch weihen zum Zeichen vollständiger Bindung. Prüfet euch ernstlich, lasst nicht eure Liebe ein flackerndes Feuer sein, sondern ein Brand, der nie verlöschen kann. Ziehet hin in Frieden, die Gnade Gottes und Seine Liebe bleibe bei euch und in euch jetzt und allezeit! Herminus, du bleibst mit deinen Kindern. Ilona, nimm dich des Rudomin an und bleibe. Irene mag mit Helena ein Mahl richten, Gott zur Ehre und euch zum Segen“.

 

Da tritt Hermes hin zu Jakobus und spricht: „Willst du mich auch fortschicken, jetzt, wo du die Beweise gegeben hast von der Kraft und Macht Gottes? Nun ist in mir die Frage brennend geworden: `Wer und was ist Gott?` Wohl kenne ich die Schrift der Juden, aber sie ist zu geheimnisvoll und voller Widersprüche“. Jakobus: „Hermes, wenn du willst, bleibe, das heißt, wenn du ernstlich verlangend nach Wahrheit suchst. Bedenke aber auch, dass du deine Götter, deinen Dienst lassen musst, denn der alleinige und ewige Gott will dich ganz. In Gott gibt es nur Vollkommenes, nichts Halbes, darum erwäge recht ernstlich“. Hermes: „Ist schon geschehen, denn vor deinem Gott gibt es kein Entrinnen. Früher oder später muss sich doch ein jeder zu Ihm bekennen, da Er doch alle Macht und Kraft ist. Führe mich ein in die rechte Lebenslehre, damit ich bald ein rechter Priester werde, aber ein Priester nach dem Willen des ewigen Gottes“.

 

Viele verabschiedeten sich von Jakobus mit Tränen in den Augen. Das Glück, ihre Gesundheit wiedererlangt zu haben, war zu groß. Jakobus ließ sie auch ziehen, denn er wusste, die Kraft der Liebe Jesu wird sie weiter tragen und doch noch rechte Nachfolger aus ihnen machen. Es vergingen aber trotzdem einige Stunden. Inzwischen hatte Helena mit Irene ein Essen bereitet, welches den Dagebliebenen recht mundete.