Max Seltmann

 

Erlebte geistige Welt

 

Ein Sensitiver erzählt seine Lebensgeschichte

 

Donata Band 2

Vorwort und Nachwort von Gertrud Emde

G. Emde Verlag Pittenhart

 

 

 

 

Von Max Seltmann verfaßter bisher unveröffentlichter Text. Aufgrund einer medialen Intervention des Autors nach seinem irdischen Tod von Gertrud Emde inspirativ überarbeitet.

1998 Copyright @ by G. Emde Verlag Verlagsanschrift: Seeoner Straße 17, Oberbrunn, D-83132 Pittenhart

 Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags. Druck und Verarbeitung: Fritz Steinmeier, Nördlingen

Printed in Germany

 

ISBN 3-923637-23-3

Inhalt

Vorwort          

Im Elternhaus

         Meine Kindheit..................................................................... 15

         Erste Kontakte mit der Geisterwelt........................................ 16

         Vater wird bekehrt................................................................ 16

         Die .medialen Fähigkeiten meiner Mutter............................... 17

         Mutters Reise ins Jenseits...................................................... 19

 

Irrwege und Neubeginn

          In der Fremde...................................................................... 21

          Leeres Leben....................................................................... 22

          Mutters Beerdigung.............................................................. 23

          Die Stimme............................................... ;.......................... 24

          Meine Heilung...................................................................... 25

 

Neue Erfahrungen und Aufgaben

         Engelvisionen......................................................................... 27

         Geistige Heilung..................................................................... 28

         Mein erstes großes Erlebnis................................................... 29

         Ich wurde selbst ein Medium................................................. 31

         Bei den Methodisten.............................................................. 33

         Der Dienst an meinen Geschwistern....................................... 34

         Kämpfe mit den Wesenheiten................................................ 35

         Liebe für die Verirrten                                                            37

         Hilfe für einen Toten.............................................................. 38

         Verbot und Flucht.............. :.................................................. 39

         Erlebnisse mit einem Satan..................................................... 41

 

 

Hilfe für Freunde und Unbekannte

         Visionen vom Krieg.................................................... 43

        „Einsame“ Weihnachten............................................... 44

         Unfälle und Todesfälle................................................. 47

         Hilfe von Otto Hillig.................................................... 49

         Ein Mädchen findet den Heiland.................................. 49

         Ein neuer Freund......................................................... 52

         Rettung zweier Verzweifelter....................................... 55

         Freunde auf Erden und im Himmel............................... 59

 

Erlebnisse mit Fürchtegott

          Begegnung in den Bergen..................................................... 65

          Auf dem Ödhof.................................................................... 68

          Fürchtegotts Beichte............................................................. 70

          Abschied vom Ödhof........................................................... 73

          In der Geistkapelle............................................................... 75

          Bei Fürchtegott im geistigen Reich......................................... 79

 

Weitere Begegnungen hüben und drüben

          Begegnung mit Weisheitsgeistern........................................... 81

          Schauungen im Krankenhaus................................................ 86

          „Traum“-Erlebnisse.............................................................. 89

          Ein Freund geht heim............................................................ 95

 

Nachwort....................................................................................... 9


 

Vorwort

Können Sie sich vorstellen liebe Leser, wie mir zumute war, als ich hör­te,  dass ein verstorbener Schriftsteller mich bittet, seine hinterlassenen Schriften zu überarbeiten und herauszugeben? An einem Morgen, vor nunmehr etwa 10 Jahren, rief mich ein guter Freund an,  um mir das mit­zuteilen.

Den Namen Max Seltmann hatte ich noch nie gehört. Meine Reaktion war also nicht gerade voller Begeisterung, als ich antwortete: »Ich bin doch nicht arbeitslos… da könnte ja jeder kommen! Im übrigen habe ich noch nie eine „Katze im Sack“ gekauft. Bevor ich nicht weiß, wer das überhaupt ist, bevor ich nicht seine Schriften kenne und bevor ich nicht höre, wie sich dieser Verstorbene das überhaupt vorstellt, ist bei mir keine Zusage zu erwarten….“

Von unserem Freund, einem seriösen Hochschullehrer, war dann folgen­des zu erfahren: Er habe neulich abends an der Zusammenkunft eines spiritistischen Kreises teilgenommen, der schon seit 40 Jahren besteht und von ernsthaften Menschen getragen wird in der Absicht, anderen Mitmenschen in psychischer Not auch über den Tod hinaus beizustehen. Diesmal sei nun, durch das Sprechmedium des Kreises erstmalig ein Geistwesen aufgetreten, das sich als »Max Seltmann» vorgestellt habe. Zwei der Sitzungsteilnehmer begrüßten ihn begeistert als alten Freund. Die meisten anderen - auch unser Freund - kannten nicht einmal seinen Namen.

»Seltmann» habe geäußert, so berichtete unser Freund,  dass er schon länger nach einem geeigneten Menschen für diese Aufgabe suche; der Betreffende müsse selbst eine gewisse mediale Begabung haben und „in der Schwingung“ zu ihm passen, damit er ihn inspirativ beeinflussen kön­ne. Diesen Menschen habe er nun in mir gefunden, und er bitte darum, mir sein Anliegen auszurichten.

Bald darauf kam - ohne Absender - ein altes aber durchaus lesbares Manuskript zu mir. Von anderer Seite wurde mir mitgeteilt, dass ein gan­zer Stapel unveröffentlichter Schriften bei einem Freund Seltmanns auf mich warte. Ich solle alles persönlich abholen so hieß es. Nicht genug, ich erhielt ein Paket mit Broschüren zugeschickt die Seltmann zu seinen Lebzeiten verfaBt und bereits veröffentlicht hatte. Sie sind im Turm Ver­lag, Bietigheim, herausgegeben und noch heute im Buchhandel erhältlich. (Siehe die Auflistung am Ende des vorliegenden Heftes)

Ich las in den mir zu gegangenen Schriften - und war begeistert.

Unser Freund hatte mich wissen lassen, daß ich jederzeit über das ihm bekannte Sprechmedium mit »Max Seltmann" persönlich in Verbindung treten könne. Natürlich machte ich von diesem Angebot gern Gebrauch, nahm dazu Zeugen mit und einen Kassettenrecorder, um das Gespräch festzuha1ten. Die Kassetten mit den Tonprotokollen des ersten und wei­terer Gespräche mit »Seltmann" sind noch vorhanden und in meinem Be­sitz.

 

Hochinteressant war die Erfahrung, wie »Seltmann» jedesmal schon im voraus meine vorbereiteten, aber noch gar nicht ausgesprochenen Fra­gen beantwortete, wie er zukünftige Situationen voraussah und mich auf Schwierigkeiten hinwies, die im Zusammenhang mit diesem Vorhaben zu erwarten seien. Schon diese Erlebnisse wären es wert und spannend genug, zu Papier gebracht zu werden. - Aber kommen wir zu seinem ei­gentlichen Anliegen zurück.

 

Gerade in seiner Lebensgeschichte beschreibt Max Seltmann, wie sich seine Medialität ausbildete, was für gute und schlechte Erfahrungen er durchleben mußte, um seine eigentliche Aufgabe zu erlernen und endlich segensreich für notleidende Mitmenschen wirken zu können - nicht nur im irdischen Bereich, sondern auch auf jenseitigen Ebenen.

 

Jemand bezeichnete seine Schriften einmal als »geistige Krimis», weil er seine Erlebnisse so anschaulich und spannend erzählt.. Aber vor allem läßt sich aus seinen Berichten viel lernen über die im Geistigen geltende Naturgesetzlichkeit. Dabei äußert er seine Gedanken nie mit erhobenem Zeigefinger - wie wohltuend!

 

Die geschilderten Erfahrungen sind erstaunlich und auch für den auf die­sem Gebiet bewanderten Leser aufschlußreich. Wer sich noch nicht mit solchen Erfahrungen befaßt hat, wird es kaum glauben: wie ein verstor­bener Mensch in die irdischen Bereiche hineinwirken kann, und wie an­dererseits Seltmann schon zu seinen Lebzeiten im Geistigen tätig sein konnte. Die Grenzen zwischen Hüben und Drüben verwischen sich.

 

Umsomehr ist höchste Achtsamkeit geboten; auch das hat Seltmann am eigenen Leibe erfahren müssen. Ohne Orientierung auf die höchste Kraft, ohne die immer wieder erbetene Verbindung mit seinem geliebten Jesus, hätte er sich verloren gegeben.

 

Ich möchte hier einfügen: Seltmann kam in einer schwierigen Lebenspha­se mit dem umfangreichen Werk Jakob Lorbers in Berührung, der sicher bedeutendsten medialen Niederschrift seiner Zeit. So nimmt es nicht wunder, daß seine Gott-Vater-Jesus-Vorstellungen dadurch geprägt wur­den und dies in seinen Redewendungen zum Ausdruck kommt. Es gab und gibt auch andere Glaubenslehren und Sprechweisen. Der Leser soll­te diesen Einzelheiten nicht zuviel Gewicht beilegen, sondern vor allem an den Erlebnissen teilnehmen, die ihm das Hier und das Danach leben­dig nahe bringen können.

 

In diesem Sinne ist es sicher vorrangige Absicht von Seltmann, auf Grund seiner Erkenntnisse und Erfahrungen die Sinnhaftigkeit der Erden­existenz aufzuzeigen, die Einsicht zu verbreiten, daß der Mensch ein geistiges Wesen ist, das vorübergehend in einen physischen Körper ein­gekleidet ist, um sich in einem Erdenschicksal zu bewähren, eigene Er­fahrungen zu sammeln und somit weiterzureifen.

 

Angesichts dieser Schilderungen - wie auch aus einer vielfältigen weite­ren Literatur - verstehen wir die nahtlose Fortsetzung des Lebens nach dem irdischen Tod viel besser. Es scheint eben nicht so zu sein, wie wir es oft auf Beerdigungen hören: "Herr, laß sie ruhen in Frieden. Gib ihnen die ewige Ruhe." Oder, wie ich bei einer theologisch-psychologischen Tagung von evangelischen Pfarrern hörte: "Nach dem Tode sind wir in einem Augenblick verwandelt und stehen vor dem Angesicht Gottes. In diesem Licht des gnädigen Gottes schmelzen unsere Unvollkommenhei­ten und Sünden dahin.»

Brauchen wir tatsächlich unser Leben lang nur "Däumchen zu drehen“, können also unsere Zeit mit sinnlosem und sinnwidrigem Tand vertrödeln, weil ja Jesus vor 2000 Jahren für alle unsere heutigen und zukünftigen Dummheiten oder Schlechtigkeiten gestorben ist? Warum sollten wir da noch etwas für unsere innere Entwicklung tun, wenn Gottes Gnade wie ein Schwamm über alle unsere Sünden hinwegwischen wird?

 

Oft wird auch von theologischer Seite betont, der Mensch sei als unauf­lösbare Einheit von Leib und Seele zu verstehen, darum müsse die so­genannte "Ganztodtheorie" ernst genommen werden, die beim Sterben des Körpers auch mit einem Verlöschen von Seele und Geist rechnet.

 

Demnach könnte man dann nur auf eine Auferstehung am Jüngsten Tage hoffen (wer glaubt heute wirklich noch daran?) - oder auf ein Weiterle­ben in unseren Kindern, als Erinnerung oder Erbgut,….Ist das nicht depri­mierend - trostlos?

Wo ist da noch ein höherer Sinn unseres Lebens zu verstehen? Ist es nicht traurig, wie wenig überzeugende Hilfen dem heutigen Menschen von autorisierter Seite für eine sinnvolle Lebensgestaltmg gegeben wer­den, obgleich so viele anderslautende Erfahrungen vorliegen? Aber. "Nur ja nicht an den 'Geheimnissen' des traditionellen Glaubens rühren!"

Max Seltmann hat sich von diesen Verengungen frei gemacht Er schil­dert seine Sichten, seine Erlebnisse im Hier und Drüben so, daß wir voll Ehrfurcht die Liebe und Weisheit Gottes in allem Geschehen spüren können, - und auch seine Gerechtigkeit. Nichts Wesentliches geschieht absichtslos oder zufällig. Zwanglos werden wir zu einem besseren Ver­ständnis über den Sinn unseres Daseins geführt. Dabei erkemen wir all die Ungereimtheiten und Halbwahrheiten, die uns die übliche Erziehung häufig vermittelt hat. In unserer Verantwortung liegt es nun, ob wir seine

Erfahrungen und Einsichten annehmen und in den Alltag mit seinen Auf­gaben hineinnehmen wollen.

Sicher hat das Konsequenzen. Am Anfang steht das Erkennen, das bes­sere Verstehen, dann folgt das Bemühen zu neuer Weichenstellung im eigenen Leben. Ausreden zählen im anderen Leben nicht, Faulheit ist auch dort nicht gefragt. Aus meiner eigenen Erfahrung möchte ich heute sagen: Bereits das Bemühen bewirkt, daß mehr und mehr Hände sich hilfreich zeigen, sichtbare und unsichtbare, die vielerlei Ängste schwin­den lassen; die Geborgenheit nimmt zu, das Vertrauen zu unserem le­bendigen, auferstandenen Christus, unserem Bruder. und zu all seinen und unseren lichten Begleitern wächst; wir können erfahren, daß wir schon hier im Team mit ihnen tätig sein können und nie mehr wirklich al­lein sind: am Tag, bei Nacht. in jeder Lebenssituation, im Hier und dann auch im "Danach". Ist das nicht großartig?

Gewiß, das Leben hat nicht nur Höhepunkte - auch Seltmann erzählt ja von seinen schweren Krisen -, aber die Tiefpunkte des Lebens lassen sich doch besser durchstehen, wem man in allem eine liebevolle, höhere Weisheit am Werke sieht. Eine Bemerkung 'zum richtigen Verständnis der Seltmannschen sehr kon­kreten, bildreichen Schilderungen. scheint mir noch angebracht: Was

Seltmann über die Zustände in "jenseitigen" Bereichen erlebt und be­ schreibt, sind Einblicke in ganz erdnahe Ebenen der geistigen Welt Die Verhältnisse sind dort in vieler Hinsicht sehr ähnlich den irdischen Le­bensbedingungen. Damm glauben auch so viele der dort weilenden Ver­storbenen gar nicht, daß sie ihr irdisches Leben hinter sich haben, son­dern halten sich noch für lebende Menschen. Mit diesem Gedanken muß man sich unbedingt vertraut machen. Die höheren feinstofflichen Sphären gibt es auch, denn die Entwicklung geht selbstverständlich weiter und

weiter; aber von denen können wir uns als Menschen keine angemesse­ne Vorstellung bilden. Befassen wir uns also erst einmal mit den Zustän­den, in die auch wir dereinst als erstes hineinkommen. Auch ein Kind fängt mit "1+1" an, nicht mit Algebra und Wurzelziehen. 

 

Und noch etwas: Seltmann erlebt und beschreibt aus seiner Zeitsituation heraus. Es ist der zweite Weltkrieg sowie die Zeit davor und danach. Aber sehen wir uns um: Auch jetzt war soeben noch Krieg im Nachbar­land. Ist nicht vieles heute noch wie gestern und vorgestern? Und die göttlichen Gesetzmäßigkeiten sind immer die gleichen. Gewiß hat sich einiges auch zum Besseren gewandelt,

 z. B. ist die Into­leranz zwischen den verschiedenen Konfessionen in den letzten Jahr­zehnten einem stärkeren Zusammengehörigkeitsgefühl gewichen. Selt­mann legt den Finger auf Wunden. Er zeigt schonungslos auf, zu welch unchristlichem Gebahren die religiöse Intoleranz führt, namentlich wenn sie auch noch von den Amtsvertretern der Kirche geschürt wird. Heute könnte man versucht sein, aus diesen Berichten Seltmanns (besonders im Kapitel über "Fürchtegott") gar eine "Kirchenfeindlichkeit" herauszulesen.

Das wäre aber ein völliges Mißverständnis. Seltmann geht es nicht um ein Niederreißen des kirchlichen Lebens, sondern um eine Reinigung, um eine Erneuerung, um ein Ausmerzen von Amtsmißbrauch. Seine Kritik setzt dort ein, wo das hohe ethische Anliegen Jesu entstellt vermittelt wird, so als ob es auf die formelle Einhaltung von äußeren Gebräuchen und Vorschriften der Kirche ankäme, um das Heil zu erlangen. Er betont, daß es stattdessen vor allem auf die tätige Nächstenliebe, auf die Nachfolge Jesu im täglichen Leben ankomme. Ist das nicht wirklich die wichtigste Aufgabe jeder glaubwürdigen christlichen Kirche, die Men­schen immer wieder zu einer gottwohlgefälligen, nämlich ethisch verant­wortungsbewußten und sinnerfüllten Lebensführung zu bestärken - ohne Zwang und ohne Drohungen oder gar Erpressungen, sondern durch Stär­kung des Gewissens, der Verbindung mit dem "Christus in uns"?

Zugegeben, ein Geschehen, wie es in jenem Kapitel geschildert wird aus einer Zeit vor 60 Jahren, ist heute so kaum noch vorstellbar. Inzwi­schen hat es das 11. Vatikanische Konzil gegeben, dadurch wurden neue Akzente gesetzt, wenn auch in der Folgezeit nicht immer so umgesetzt, wie es notwendig wäre. Heute schieben sich neue Chancen und Versu­chungen für die kirchliche Seelsorge in den Vordergrund: Die ganze Menschheit gerät zunehmend in eine mehrfache Bedrohung ihrer Lebens­grundlagen, weil die prägenden Kräfte unserer Gesellschaft in unverant­wortlicher Weise das zukünftige Wohl von Menschen und Natur mißach­ten. Hier lägen entscheidend wichtige Aufgaben von religiösen Organi­sationen: die Menschen spirituell vorzubereiten zur Bewältigung der sich anbahnenden Menschheitskrisen, damit sie sich nicht in Katastrophen entladen, sondern möglichst in Frieden und in Gerechtigkeit für alle Menschen überwunden werden. Dazu ist es belanglos, wie sich ein Mensch das Wesen Gottes vorstellt, welche Dogmen er im einzelnen vertritt, wohin er seine Kirchensteuer entrichtet. Was zählt ist, ob er sich mitverantwortlich fühlt für das Wohlergehen aller Menschen und der Natur und daß er sich bemüht, im Sinne dieser Verantwortung zu wirken. Heute ist es an der Zeit, die Intoleranz zwischen den ethisch orientier­ten Religionen der Menschheit abzubauen und gemeinsam in Liebe für eine gute Zukunft zu wirken. Möge uns Seltmanns kritische Erinnerung an vergangene Mißstände zur Überwindung unserer gegenwärtiger Mißstän­de ermutigen.

 

Soviel zum Grundsätzlichen des Inhalts. Was war nun von mir in der Zu­sammenarbeit mit Seltmann zu erbringen? .Manches wollte klarer formuliert sein, alte Redewendungen sollten ab­geändert werden. Der Text wurde in Kapitel und Absätze untergliedert, Überschriften eingefügt, auch der Buchtitel mußte festgelegt werden. Aber bei all dem wurde der Inhalt selbst nicht geändert, auch die Rei­henfolge der einzelnen Berichte wurde beibehalten. Es sind also immer noch Seltmanns Erlebnisse, aus seiner Sicht von ihm selbst in seiner packenden Art erzählt.

Der hiermit vorgelegte Lebensbericht ist nur einer aus einer ganzen Rei­he von hinterlassenen Texten; weitere Hefte von Seltmann sind in Vorbe­reitung. Spätestens nach dem zweiten oder dritten Band werden Sie al­les verstehen, was in diesem Vorwort nur angedeutet werden konnte.

Einer dieser weiteren Texte steht in besonderer Beziehung zu dem Kapi­tel "Erlebnisse mit Fürchtegott" des vorliegenden Bandes. Seltmann hat die hier berichteten Erlebnisse wesentlich

 

 

ausführlicher noch einmal in Form eines Romans geschildert. Seine eigene Person tritt dabei unter dem Namen "Arno" auf, wie auch der Titel des Buches lautet. Die Er­zählung "Arno" stellt also eine wesentliche Ergänzung zu diesem Teil der Lebensbeschreibung dar. Sie wird dann ebenfalls in der Schriften­reihe DONATA erscheinen.

 

Für den Fall, daß Sie mit einigen Stellen dieses Buches Schwierigkeiten haben, sei noch gesagt: Lassen Sie es auf sich beruhen, was Ihnen nicht zusagt oder Ihnen zu unglaublich erscheint. Machen Sie sich nur das zu eigen, wovon sie wirklich überzeugt werden-; das andere mag warten, bis neue Erfahrungen ein besseres Urteil ermöglichen. Wir sind immer unterwegs, im Wandel. . . .

 

Viel Freude also, - nein, viel Aufmerksamkeit beim Lesen, viel Nachsin­nen, viel Kraft zur Befreiung von überkommenen Vorurteilen, manchmal auch Verständnis für das, was zwischen den Zeilen steht, und viel gei­stigen Gewinn, damit Seltmanns Schauunngen fruchtbar werden - auch für Ihr Leben, für unsere Welt, - das wünscht Ihnen

 

                                                                                              Gertrud Emde

 

Oberbrunn, im Februar 1998

 

 

                                                                                                             

 

 

Im Elternhaus

 

Meine Kindheit

Ich stamme aus einer Bergarbeiterfamilie und war der Älteste von sechs Geschwistern. Wir wohnten damals in Planitz. Meine Erinnerung geht bis zu meinem zehnten Lebensjahr zurück, und alles ist wie eingebrannt in meiner Seele.

Mit zehn Jahren sah ich zum ersten Mal einen Betrunkenen, wie er von einem Karren herab in einen Pferdestall abgeladen wurde, um dort sei­nen Rausch auszuschlafen. Bei genauem Hinsehen erkannte ich in dem Betrunkenen meinen Vater. Bei diesem Anblick gelobte ich mir, mich nie­mals zu betrinken. Dieses Gelöbnis habe ich bis heute gehalten. So dan­ke ich meinem Vater, dass er mich dadurch vor der Trunksucht bewahrt hat.

Ich ging gerne zur Schule und lernte leicht; dennoch war es eine harte Kindheit. Meine Geschwister und ich mussten Heimarbeit leisten, jeder hatte zuerst sein Soll zu erfüllen, bevor wir auf die Straße durften.

Meine Eltern waren sehr gottgläubig und erzogen uns streng. Bei Unge­horsam bekamen wir keine Schläge, vielmehr gab es hierfür andere Mit­tel. Wenn unser Vater pfiff, mussten wir sofort heim laufen, denn wer zum Tischgebet nicht anwesend war, bekam nichts mehr zu essen.

Eines Tages wurde meine Mutter von einer langwierigen Krankheit befal­len. Sie litt fast zwei Jahre an Lungenschwindsucht, wie man diese Krankheit damals nannte. Eine Heilung galt als unmöglich, und doch wur­de Mutter wieder gesund. Während dieser Zeit musste ich als der Älteste die kranke Mutter im Haushalt vertreten: Kindermädchen spielen, kochen, einkaufen, - über­haupt alles, was sie mir auftrug, waren meine Arbeiten. So lernte ich ausgezeichnet kochen, backen und scheuern und ersetzte bereits als Dreizehnjähriger die kranke Mutter im Haushalt.

Vater arbeitete im Bergwerk. Es war alles in allem eine harte Zeit für mich, da ich trotz dieser Belastung keinen Schulunterricht versäumte.

Erste Kontakte mit der Geisterwelt

Zwei Ärzte bemühten sich um meine Mutter, und als sie eines Tages wieder bei ihr waren, hatte ich mein erstes Erlebnis mit der Geisterwelt.

Während der Behandlung fing Mutter plötzlich an, mit einer völlig fremden Stimme zu sprechen, in fließendem Hochdeutsch, so dass die Ärzte aus dem Staunen nicht herauskamen. Sie gab in dieser uns fremden Stimme den Ärzten Anweisung, sie anders zu behandeln als bisher. Die Ärzte waren darüber nicht erfreut, und es gab eine lebhafte Auseinan­dersetzung. Danach änderten sie jedoch ihre Behandlungsweise und Mutter wurde gesund.

Und noch etwas Neues begann. Der Zustand, in dem Mutter in dieser fremden Stimme sprach, wiederholte sich, und so wurde es auch in der Nachbarschaft bekannt. Einige dieser Nachbarn besuchten bereits kleine Zirkel, in denen sich Geister zu Wort meldeten. Mir wollte man aufgrund meiner Kindheit nichts Näheres erzählen, obgleich ich sehr neugierig war und mehr darüber erfahren wollte.

Endlich konnte ich einmal mit dabei sein, als so ein „Kreis“ bei uns zu Hause stattfand. Mein Vater war zwar strikt dagegen, und verbot sol­che Zusammenkünfte in unserem Haus, doch die Nachbarn hielten sich nicht daran. Was Gotthold, mein Vater, sagte, übergingen sie einfach, und Lene, meine Mutter, musste sich eben als Medium zur Verfügung stellen. So bin ich bereits als Junge mit „Geistern“ in Kontakt gekom­men, bin solcherart „Eingeweihter“ geworden und habe manches dabei erlebt.

Vater war jedoch nicht zu überzeugen. Er schlug die Mutter, wenn er erfuhr, dass wieder eine „Geisterstunde“ bei uns stattgefunden hatte und nahm ihr die Kleider weg, damit niemand kommen konnte. Doch immer wieder fanden die Nachbarn Auswege, um, wie sie sagten, „Stunde“ zu halten. Dies geschah hauptsächlich dann, wenn Vater Nachtschicht hat­te.

 

Vater wird bekehrt

Eines Abends - es waren wieder einige Nachbarn gekommen, die auch Kranke mitbrachten -, sprach wieder dieser Geistarzt in seiner fremden und herrischen Sprache. Er stellte Krankheiten fest und gab Arzneimittel an. Den Kranken ging es daraufhin besser und sie wurden sogar gesund. Diesen Tatsachen konnte sich auch mein Vater nicht verschließen. Schließlich nahm er auch einmal an einer solchen „Stunde“ teil, und hat­te dabei selbst ein außergewöhnliches Erlebnis: Ein Verstorbener, es war der Lehrer Fischer, sprach zu ihm. Er war Diri­gent des Gesangvereins gewesen, dem Vater immer noch angehörte.

Vor einem halben Jahr war er nach Leipzig versetzt worden; daher wusste hier niemand etwas von seinem Tod. Fischer schilderte nun, wei­che Qualen er ausgestanden habe, als sein Leichnam verbrannt wurde. Vater war zwar nicht von der Wahrheit überzeugt; dennoch erzählte er davon in der nächsten Singstunde.

 

Da wurde er schön ausgelacht und ein Kamerad forderte ihn heraus: „Gotthold, und das willst du wirklich glauben?“ Der neue Dirigent aber meinte: „Kameraden, ich habe seine Adresse, und ich werde ihm einfach schreiben.“

So geschah es. Nach einigen Tagen war bereits die Antwort da: Fi­scher sei vor einiger Zeit verstorben und sein Leichnam eingeäschert worden. Nun war das Verwundern groß, denn Vater hatte ja von den Qualen erzählt, die Fischer bei der Verbrennung seines Leichnams erlit­ten hatte.

 

 

Die medialen Fähigkeiten meiner Mutter

„Seltmanns Lene“ wurde nun als Medium mehr und mehr bekannt.

Zu ihren medialen Fähigkeiten zählten: Heilen, Malen mit Farbstiften, Sprechen in fremden Zungen sowie das Sehen von Geistern und das Reden mit ihnen. Vater war mittlerweile bekehrt und sogar ein tüchtiger Fürsprecher geworden.

Da ereignete sich etwas, das unseren Spiritismus auf eine völlig neue Stufe heben sollte. „Vater Landbeck“, wie wir ihn nannten, kam und sprach im Kreis seiner Alten und Getreuen in meinem Elternhaus. Er leg­te auch Bücher vor, für deren Druck er Freunde und Spender suchte. Er konnte von vielen Freunden berichten, die schon gespendet hatten und dafür Bücher erhielten. Hier lernte ich erstmals die Schriften von Jakob Lorber kennen. In der Folgezeit verschlang ich sie wie Romane.

Bei meiner Mutter steigerte sich das spirituelle Leben mehr und. mehr. Es sprachen nicht mehr so viele Abgeschiedene durch sie, sondern es meldeten sich immer öfter Selige und Engel. So wurde ihr Leben viel freier, und ihre Gaben wurden vollendeter.

Doch auch ihre Gegnerschaft wurde größer. Nach einer Anzeige des Pfarrers wurde meine Mutter eines Tages sogar von der Polizei einge­sperrt. Da geschah es, dass die Frau des Pfarrers Runkwitz schwer krank wurde. Kein Arzt konnte ihr helfen. Wer kam da eines Tages zu Seltmanns Lene? - Die Frau des Herrn Pfarrer. - Sie sagte, sie habe gehört: „Wem der Arzt nicht mehr helfen kann, der bekommt Hilfe bei Seltmanns Lene!“, und deshalb sei sie hier. Sie wurde gesund, und so musste ihr Herr Gemahl anerkennen, dass es sich hier nicht um Dämonie handelte.

Eines Tages, als Vater zur Schicht war, kamen zwei Herren und baten meine Mutter, ihnen ein Bild zu malen. Sie richtete sich alles her an Pa­pier und Stiften sowie ein Messer zum Spitzen. Da es anfing, dunkel zu werden, wollte ich die Lampe anbrennen. Aber schon wurde ich von ei­nem Geistwesen zurechtgewiesen: „Laß das sein!“

Da das Malen eines Bildes eine volle Stunde in Anspruch nahm, wurde es währenddessen so finster, dass man weder die Farben erkennen konnte, noch das Bild, das gemalt wurde. Dieses Malen war ein fast un­glaublicher Vorgang. Links lagen die Stifte und das Messer; wenn ein Stift einmal verwendet war, wurde er nach rechts gelegt und kein wei­teres Mal gebraucht, denn alle Stellen von gleicher Farbe wurden in ei­nem Arbeitsgang gemalt. Eine weitere Eigenart war, dass mit dem letz­ten Stift in brauner Farbe das Werk mit einem Vers unterhalb des Bildes beendet wurde. So geschah es auch diesmal.

Die beiden Herren sahen gespannt zu und keiner sagte ein Wort.

Mutter rollte das Bild zusammen und sagte in einer tiefen, harten Stim­me, indem sie einem der Männer das Bild reichte: „So, nun walten Sie Ihres Amtes!“

 

Zu mir aber sprach sie mit sanfter Stimme: „Nun mache Licht. Amen!“

Was der Geist meinte, als er die beiden Männer aufforderte, sie soll­ten ihres Amtes walten, stellte sich gleich heraus. Ich machte Licht, und die Männer sahen sich das Bild an. Lange schauten sie dann auf Mut­ter, bis einer sich endlich gefaßt hatte: „Frau Seltmann, unser Auftrag war, Sie zu sistieren (zur Polizeiwache zu bringen, um sie zu verhören), doch das können wir nun nicht mehr tun. Wir würden uns aber freuen, wenn wir Sie wieder einmal besuchen dürften, wenn auch Ihr Mann zu­hause ist.“ Mutter bejahte. So waren wieder zwei Freunde gewonnen.

 

Mutters Reise ins Jenseits

Inzwischen war ich 14 Jahre alt geworden und erhielt in jenem Jahr auch meine Konfirmation. .

Am Karfreitag 1896 geschah ein Ereignis, von dem man in Planitz noch lange, lange sprechen sollte: Mutter durfte ihre erste Reise ins Jenseits machen. Vater war unterrichtet, alle Bekannten wussten davon und sogar einige Ungläubige waren informiert. Schon frühzeitig war Mutter an die­sem Abend hellsichtig und berichtete von Geistwesen, die sie sehe. Auch übermittelte sie Botschaften von verstorbenen Angehörigen der an­wesenden Personen.

Genau um acht Uhr wurde sie sehr müde und legte sich, wie ihr gehei­ßen wurde, auf das Sofa. Dort fiel sie in einen tiefen Schlaf. Auf An­weisung eines Engels paßte mein Vater auf, dass niemand sie berühren konnte. Doch bald war es kein Schlaf mehr, ihr Arm fiel wie leblos her­unter, und sie hörte auf zu atmen. Auf ihrem Gesicht war deutlich eine gelbe Blässe zu sehen. Wie angekündigt, dauerte dieser Zustand genau zwei Stunden lang. Dann - ein tiefer Atemzug, Mutter öffnete die Augen, hob ihren Arm und sagte: „Ich möchte nicht mehr hierher!“

Sie erhob sich. Alle schauten gespannt auf sie und so sprach sie: „Geht alle wieder nach Hause, ich bin so müde von der langen Reise, ihr wer­det alles erfahren.“

Dann sah sie ihren Schwager, Gustav Schneider, und redete ihn an: „Gustav, ich soll dich grüßen von deiner Gusel. Ach, hat die es schön, sie lebt auf einer Sonne!“

Da erwiderte mein Onkel laut: „Na, nun seht ihr den Schwindel, meine Schwester lebt ja noch!“

Vater warf ein: „Gustav, das war nicht recht von dir. Fahre doch die Feiertage einmal zu deiner Schwester und erzähle ihr, was du hier er­lebt hast.“

Onkel Gustav war einverstanden und fuhr nach Sosa, einem Ort im Erz­gebirge, um seine andere Schwester zu besuchen. Als er dort in die Stube trat, erschrak die Schwester: „Gustav, jetzt fällt mir unser Ver­säumnis ein. Unsere Gusel ist schon vor einem halben Jahr gestorben

und wir haben vergessen, es dir zu schreiben. “Onkel Gustav kam als Bekehrter zurück So habe ich

mir durch die vielen, vielen Erlebnisse ein reiches Wissen über die Geisterwelt und über das

Fortleben nach dem Tode angeeignet wie selten ein junger Mann.

 

 

Irrwege und Neubeginn

In der Fremde

 

Die Strenge im Elternhaus gefiel mir jedoch nicht. Ich wollte frei sein. So ging ich im Alter von knapp 15 Jahren in die Fremde. Da ich Tier­liebhaber war, wählte ich den Beruf eines Stallschweizers. Ich kam nur noch ganz selten nach Hause. Trotz meinem Wissen um Gott und das Fortleben nach dem Tode verlor ich mich an die Welt. Ich fiel immer, tie­fer und tiefer und wurde ein Rohling, wie es wohl selten ist. Der Um­gang mit meinen neuen Kameraden nahm mir alles, was ich an guter Er­ziehung erhalten hatte.

Nur mein Wissen über Gott und die geistige Welt blieb mir erhalten. Ich erzählte oft und mancherlei davon, doch ich wurde nur ausgelacht. Zu nehmen war es mir aber nicht mehr, denn die Erlebnisse mit meiner Mut­ter waren unlöschbar in meinem Gedächtnis eingebrannt.

So wurde ich 20 Jahre alt. Durch die gesunde Arbeit, die Milch und das gute Essen war ich recht kräftig geworden. Da verlor ich mich völlig an meine sexuellen Begierden. Ich lernte ein Mädchen kennen, meine Hed­wig. Ihr gelang es, mich wieder zu einem anständigen Menschen aufzu­richten. Ich führte sie zu mir nach Hause und so wurde sie zu einem Kind meiner Mutter: gläubig und vertrauensvoll zu Gott. Wir hatten vor zu heiraten, doch wegen meiner Einberufung zum Militär mussten wir es vorerst verschieben.

Da starb Hedwig im Januar 1903 an einer Lungenentzündung. In mir brach eine Welt zusammen. Noch eine Woche vor ihrem Tode hatten wir einen Urlaub in ihrem Elternhaus verbracht. Dort hatte sie schon im­mer vom Sterben gesprochen, und ich musste ihr geloben, im Fall ihres Todes ihre Schwester Klara zu heiraten. Am 9. Januar 1903 wurde Hed­wig beerdigt. Ich habe sie nie vergessen können.

 

Leeres Leben

Meinem Versprechen getreu heiratete ich Hedwigs Schwester Klara. Ihr Wesen war in allem das Gegenteil dessen, was mich mit meiner Hedwig verbunden hatte. So entwickelte sich dieses Zusammensein von Beginn an zu einer Fehlehe. Nach außenhin führten wir eine gute Ehe, doch mein Herz blieb leer, meine Sehnsucht ungestillt.

Ich fing wieder an, mich an die Welt zu verlieren. Beim Kartenspiel im Wirtshaus suchte ich einen Ausgleich. Das wurde zu einer richtigen Lei­denschaft. Meine Mutter wusste von meinem Zustand und betete viel für mich, wie sie mir später einmal gestand. So lebte ich innerlich leer und ziellos dahin bis 1913. Da bekam meine Mutter wieder eine langwierige Krankheit. Asthma-An­fälle bereiteten ihr viel Leid und Schmerz. Um die Schmerzen zu lindern, musste sie sitzen und konnte sich dadurch über ein Jahr lang kaum ins Bett legen. Ich war mittlerweile Eisenbahner geworden. Der häufige und lange Dienst, vor allem aber meine Spielleidenschaft führten dazu, dass ich meine kranke Mutter nur selten besuchte. Es drängte mich eines Tages sehr zu ihr hin. Als ich sie auf ihrem Kran­kenlager liegen sah und sie zum Aufstehen keine Kraft mehr hatte, spür­te ich deutlich, dass dies wohl das letzte Mal war, dass wir uns sehen konnten. Ich kniete vor meiner Mutter nieder und flehte unter Tränen: „Mutter, vergib mir, wenn ich dich gekränkt habe. Warum hat denn Hed­wig kein einziges Mal zu mir gesprochen, ich habe mich so nach einem Wort von ihr gesehnt?“ Da sagte sie zu mir ganz unerwartet und ganz in der Sprechweise meiner Hedwig: „Mein Max, du warst mir immer der Liebste!“ Das erschütterte mich so sehr, dass ich ohne ein weiteres  Wort fortrannte und sogar meine Mütze liegen ließ. Als ich einige Tage später vom Dienst heimkam, sagte meine Frau: An unserer Bratpfanne ist heute ohne Grund der Griff abgebrochen.“ Da wusste ich: Meine Mutter war gestorben, sie hatte es uns ange­zeigt. Und so war es auch. Vater schrieb mir eine Karte und teilte uns die Stunde und den Tag ihres Begräbnisses mit.

 

 

Mutters Beerdigung

Mit meinem Vater und meinen Geschwistern war ich auf der Beerdi­gung meiner Mutter. Es war Johannistag. Viele Leute waren gekommen, denn Mutter war ja bekannt und beliebt. Vom Trauerhaus aus setzte sich der Leichenzug in Bewegung.

Als wir an der Aufbahrungshalle vorbeizogen, warf ich einen Blick auf die Stelle, wo Mutter zuvor aufgebahrt gewesen war. Da erschrak ich ganz gewaltig, denn dort auf dem Sarg, wo vorher noch der Leichnam meiner Mutter gelegen hatte, sah ich mich liegen. Ich blieb vor Schreck stehen und behinderte den ganzen Leichenzug. Ich hörte eine laute, aber monotone Stimme: „Was nun, wenn du jetzt gestorben wä­rest?“

Ich war derart erschrocken, dass ich nicht mehr wusste, was ich tun soll­te. Ich hätte den ganzen Zug aufgehalten, aber die vielen Menschen hin­ter mir drängten. So wurde ich weiter geschoben, und endlich verging die Vision. - Die Stimme aber blieb!

Mutters Sarg wurde in die Redehalle getragen. Ich konnte nicht Ab­schied nehmen, denn die Stimme in mir tönte unaufhörlich. Ich nahm nichts wahr von dem, was um mich herum geschah, immer hörte ich nur diese Stimme:

„Wenn du nun gestorben wärest, was dann?“

Wir setzten uns zur Trauerfeier, doch ich hörte kein Wort von dem, was der Pfarrer sagte, sondern immer wieder nur die Worte: „Was nun, wenn du hier liegen würdest, was dann?“ Mir war richtig elend zumute, so sehr erschütterte mich dieses Geschehen.

Dann ging es weiter an das Grab. Für einige Momente hörte und sah ich nichts mehr. Als aber der Sarg hinuntergelassen wurde, kam es plötzlich wieder: „Wenn du jetzt hinab gelassen würdest, was dann?“

Ich fühlte mich elend und war dem Zusammenbrechen nah. Immer und immer wieder hörte ich nur diese Stimme in mir. Auch als der Tag der Beerdigung längst vorbei war, tönte sie weiter. Ich wollte alles verges­sen, doch die Stimme blieb.

 

 

 

Die Stimme

 

In allem, was ich bisher erfahren hatte und was ich weiterhin erlebte, suchte ich eine Antwort auf dieses Geschehen zu finden. Bei Predigern und alten Bekannten meiner Mutter suchte ich Rat. Es war alles vergeb­lich, alle versagten, niemand konnte mir helfen. Sie hatten wohl schöne und gute Worte für mich, doch die Stimme blieb. So lebte ich wie ein halb Irrer bis zum Reformationsfest.

 

Ein Arbeitskamerad sprach mich schließlich an, was mir denn fehle. Er war Spiritist. Nachdem ich ihm alles erzählt hatte, lud er mich zu einer „Sitzung“ ein. Ich folgte der Einladung. Ein gewisser Ernst Möckel aus Stenn sollte als Medium dienen. Als er nicht kam, verbrachten wir den Abend mit „Tischchen-Rücken“. Da mich das langweilte, bat ich die anderen, mich doch mal alleine an den Tisch zu lassen. Kaum legte ich vorsichtig meine Hände auf den Tisch, da bewegte er sich recht heftig. Ich fragte: „Wer bist du?“

Daraufhin klärten mich die anderen auf, dass ich anders fragen müsse. Der Tisch könne immer nur mit „Ja“ oder „Nein“ antworten. Einmal rücken bedeutet „Ja“, zweimal rücken „Nein“.         ‚

Und so fragte ich: „Bist du Hedwig?“ „Nein“, war die Antwort.

Ich nannte noch andere Namen, doch jedesmal erhielt ich ein „Nein“ als Antwort.

Erst auf die Frage: „Bist du mein Cousin?“ kam ein „Ja“. „Du“, schimpfte ich, „bist also der, der mich so peinigt?“ Darauf schwieg der Tisch. Ich hatte genug erfahren, denn mir ging es ja nur um die Stimme, von der ich mich befreien wollte. Und so ging ich nach Hause.

Am nächsten Tag hatte ich frei. Ich besuchte Ernst Möckel, der ja ei­gentlich als Medium hatte dienen sollen. Dort sprach dann tatsächlich mein verstorbener Cousin zu mir. Und ich glaubte diesem Geist. Er for­derte mich auf, ich solle am Totensonntag an seinem Grabe ein Alpen­veilchen pflanzen und sieben Vaterunser für ihn beten. Ich versprach es. Aber dennoch hörte die Stimme nicht auf.

 

 

Meine Heilung

Es sollte noch ganz anders kommen. Ich schrieb einem Freund meiner Mutter, Robert Gutbrecht in Chemnitz, dass ich ihn gerne einmal besu­chen wolle. Ich hätte am Totensonntag in der Nähe von Chemnitz, in Reichenbrand, etwas zu erledigen, und so ließe sich beides gut mitein­ander verbinden.

Ich erhielt Antwort von Gutbrechts mit der Bitte, doch nicht so lange zu warten, sondern bereits am Reformationsfest mit meiner Frau zu kom­men. Später schickten sie uns sogar noch ein Telegramm. Und so folg­ten wir der Einladung.

In Chemnitz wurde ich sehr liebevoll aufgenommen. Und doch wusste ich, dass es ihnen nur darum ging, den Sohn meiner Mutter zu ehren. Ich selbst hatte ja durch meinen schlechten lebenswandel kein Ansehen mehr.

Dort fand nun eine „Stunde“ statt und Schwester Martha Gröner diente als Medium. Zuerst redete ein Geistfreund, dann trat die Schwester zu mir, und ich wurde behandelt. Ein Inder sprach und sagte mir alles, was ich auf dem Kerbholz hätte. Ich wurde nicht geschont. Über eines musste ich mich dabei sehr wundern: Dass ich mir alles so ruhig anhören konnte, obwohl ich sonst ein jähzorniger Mensch war.

Dann wurde ich von Kopf bis Fuß behandelt. Im Zimmer roch es nach Teer und Schwefel, außerdem herrschte eine Eiseskälte. Alle rückten von mir weg. Im Anschluß daran versprach ich mir, nicht mehr zu rau­chen, nicht mehr zu fluchen und das Kartenspielen aufzugeben. Da hörte die Stimme plötzlich in mir auf und kam nie wieder. Von diesem Zeit­punkt an wurde ich ein neuer Mensch und bemühte mich um ein besse­res leben.

 

 

 

Neue Erfahrungen und Aufgaben

 

Engelvisionen

 

Mein Versprechen habe ich bis heute gehalten und seither weder ge­raucht, geflucht noch jemals wieder Karten gespielt. Mein Jähzorn machte einer inneren Ruhe Platz und ich suchte immer mehr, die innere Verbindung zu Gott wieder herzustellen. Bei Geschwistern meiner Mut­ter, auch bei meiner Schwester Kamilla, überall suchte ich Hilfe, um die­se innere Verbindung zu vertiefen und zu festigen.

Immer weiter drang ich vor in diese inneren Tiefen. Ich betete oft: ,,0 Herr, laß mich nur einmal einen Engel sehen!“

Am 18. August 1914 wurde mir dieser Wunsch erfüllt. Ich sah plötzlich, wie die Decke auseinander ging und eine weiße Gestalt erschien, die aus einem weißen Bett eine graue Gestalt herausnahm, um dann wieder durch die Decke zu entschwinden.

Am nächsten Tag erzählte ich von diesem Traum, von diesem Phantasie­bild, für das ich es hielt. Da schrie meine Schwägerin auf: „Das ist Franz, mein jüngster Bruder!“ .

Mir war es peinlich, denn ich hielt diese Vision wirklich nur für ein Er­gebnis meiner Phantasie. Vier Wochen später aber kam die Nachricht, dass Franz am 18. August im Feldlazarett St. Quentin verstorben sei. Und so hatte ich den Beweis, dass mein Erlebnis nicht bloß Phantasie war. Derartige Vorgänge wiederholten sich öfter in anderen Variationen.

Noch ein weiteres Erlebnis möchte ich schildern, weil es mir so lebens­nah gezeigt wurde. Ich war bei meiner Schwester in Oelsnitz im Erzge­birge, wo gerade eine „Stunde“ stattfand. Viele Geistgeschwister waren anwesend und eine mir unbekannte Frau diente als Medium. Jeder der Gäste sollte von dem Geist einige Worte erhalten. Und so ging das Medium in der Runde von einem zum anderen.

Da sah ich, wie vor einer älteren Frau und einem erwachsenen Mäd­chen - es waren Mutter und Tochter - ein wunderbares Wesen mit einer Harfe stand. Ich hörte deutlich das Lied, das es den bei den vorspielte und sang. Vor mir sah ich auch einen Ritter in seiner Rüstung stehen.

Das Medium wandte sich der Mutter und Tochter zu: „Vor euch steht ein Jüngling. Er spielt auf seiner goldenen Harfe und singt dazu.“

Sie sang nun mit und ich hörte gen au das gleiche Lied, das ich vorher schon selbst hören und sehen durfte.

Als ich an der Reihe war, bekam ich die Botschaft: „Vor dir steht ein Rittersmann in seiner Rüstung und mahnt dich, ja die Treue zu halten, die du gelobt hast!“ Mir wurde noch mehr aufgetragen, woran ich mich aber heute nicht mehr erinnern kann.

So wurde ich fester und fester im Glauben; - und doch war noch nicht daran zu denken, dass ich mein Leben ganz dem Herrn widmen könnte.

 

 

Geistige Heilung

Ich verbrachte den Urlaub allein mit meiner kleinen Tochter Erna wieder bei meiner Schwester Marie in Oelsnitz im Erzgebirge. Wir gingen spa­zieren und sammelten Pilze. Erna wurde plötzlich bockig und wollte un­bedingt wieder heim zur Mama. Da sie nicht davon abzubringen war, lie­fen wir zurück. Marie kochte uns die gesammelten Pilze, die wir dann auch aßen.

Abends um acht Uhr bekam ich plötzlich heftige Leibschmerzen. Ich dachte an eine Pilzvergiftung und nahm einige Mittel dagegen ein. Eine Stunde später waren die Schmerzen wieder verschwunden. Da ich auch am nächsten Morgen nichts mehr davon spürte, fuhr ich mit Erna schon früh wieder zurück nach Hause.

Zuhause angekommen, machte ich mich gleich auf die Reise zu Georg Riehle nach Dresden. Ich kannte ihn schon seit meinem zehnten Le­bensjahr, da er oft zu meiner Mutter gekommen war.

Dort hatten sich abends einige Freunde zur „Stunde“ versammelt.

Während dieser „Stunde“ fingen plötzlich meine Leibschmerzen wieder an, mich zu plagen in einer Heftigkeit, die nicht zu schildern ist. Ich hör­te kein Wort von all dem Gesprochenen und krümmte mich wie ein Wurm. Als die Schmerzen nachließen, war es abends neun Uhr gewor­den. Ich erzählte niemandem davon.

Am anderen Tag fuhr ich mit dem Zug zurück, stieg aber bereits in Chemnitz aus, um Gutbrechts zu besuchen. Es herrschte große Freude

über mein Kommen. Abends ging ich dann mit Robert zu Grönerts, wo wieder eine „Stunde“ stattfinden sollte.

Kaum hatte die „Stunde“ angefangen, überkamen mich wieder diese Leibschmerzen, viel ärger noch, als ich es bisher erlebt hatte. Ich sehn­te das Ende der „Stunde“ herbei. Da trat der Inder, der mich schon ein­mal behandelt hatte, in das Medium ein. Er richtete seine Worte an ein Wesen, das mich besetzt hatte, und belehrte es. Im selben Augenblick verschwanden die Schmerzen und ich war gesund. - So erlebte ich die erste „geistige Heilung“.

Der Inder war mein Schutzgeist geworden, und ab diesem Zeitpunkt trat ich mit ihm in eine innigere Verbindung. Auch heute noch stehe ich mit ihm in geistigem Kontakt, in brüderlicher Art. Meiner inneren Entwicklung, sagte er mir, könne er nicht mehr folgen, da in ihm andere Begriffe leb­ten als in mir. Auf seine Ratschläge jedoch gebe ich auch heute noch sehr acht, weil sie hilfreich und gut sind.

In jener Zeit überkam mich wieder ein Drängen und Suchen, und als Georg Riehle mir noch das Evangelium Jakob Lorbers schenkte, ver­mehrte sich mein Eifer auf der Suche nach „Geistig-Göttlichem“. Durch das von Jakob Lorber empfangene „Evangelium des Apostels Johannes“ wurde ich in neue geistige Wahrheiten eingeführt. Ich blieb mit Georg Riehle in ständigem Kontakt, bis der Krieg begann. Dann musste er leider seinen Dienst als Soldat verrichten.

So schloß ich mich mehr an Otto Hillig an. Durch ihn wurde nun der wahre Grund in mein Herz gelegt, denn Otto Hillig wurde zu einer „Mut­ter des Göttlichen“ in mir.

 

 

Mein erstes großes Erlebnis

Die Sehnsucht, Jesus immer tiefer zu erkennen und zu erleben, führte mich auch in andere Kreise. 0 weh, was musste ich oft erleben – an Wahrem und Falschem! Dadurch wurde ich unsicher und kam in innere Konflikte mit mir selbst.

In dieser Zeit begegnete ich einem Eisenbahner, Kurt Münch aus Lich­tentanne. Er war hellsehend. Als ich eines Tages bei ihm war, sagte er zu mir: „Max, deine Mutter ist hier. Sie sieht zumindest so aus.“ Ich zweifelte, doch nach einigem Hin und Her meinte ich: „Kurt, bitte sie doch, sie solle mir die letzten Worte sagen, die wir einst miteinander gesprochen haben.“ Und tatsächlich wurden sie mir wörtlich mitgeteilt.

Nun gab es kein Halten mehr. Mein Drängen, in diesem Geiste zu die­nen, schob alles andere in den Hintergrund. Doch wieder kamen mir Hemmnisse in den Weg. Ohne mir dessen be­wußt zu sein, wurde ich oft von niederen Wesen besetzt. Emil Scheit­hauer war es, der mich immer wieder von ihnen befreien konnte.

Ich hatte mit vielen Belastungen zu tun. In mir kamen Gesichte und Vi­sionen hoch. Ich sah Geistwesen und glaubte immer, es wäre alles nur Phantasie.

Mein geistiges Innenleben entwickelte sich mehr und mehr, doch ich er­lebte auch Rückschläge. Meine Frau konnte mir und den Offenbarungen nicht so recht folgen, denn in ihr waren andere Begriffe lebendig. Und da auch Falsches und Verkehrtes durchkam, wurde ich auch selbst wie­der unsicher.

In dieser Zeit hatte ich mein erstes großes Erlebnis:

Ganz unbewußt, ohne jegliches Verlangen, etwas zu erleben, ging ich eines Morgens zum Dienst. Da die Eisenbahn in diesen Kriegszeiten un­regelmäßig fuhr, musste ich nach Zwickau laufen. Normalerweise brauch­te ich über eine Stunde für den Weg.

Kaum hatte ich den Ort Lichtentanne verlassen, befand ich mich plötz­lich mitten im Kriegsgeschehen. Ein Donnern der Geschütze, ein Krachen vom Bersten der Granaten, ein Schreien der Kameraden. Dann auf ein­mal Totenstille.

Plötzlich stand ein junger Soldat vor mir: Arno Badstübner aus Lichten­tanne. Ich kannte ihn gut, er war noch ein junger Kerl, gerade 17 Jahre alt. Er kannte mich nicht. Mit einer wurfbereiten Handgranate stand er neben mir.

Ich redete ihn an: „Kamerad, ich habe keine Waffe bei mir. Ich weiß ja gar nicht, was eigentlich los ist mit mir. Entweder bin ich gestorben oder du bist es.“

Da kam er ganz langsam näher und ich forderte ihn auf: „Leg deine Waffe aus der Hand, denn nun sehe ich, du bist kein lebender Mensch mehr. Ich erlebe vielmehr die Gnade, deinen Geistleib zu sehen.“

Er wollte mir nicht glauben. Ich musste lange und viel mit ihm sprechen.

Ein Leutnant kam aus dem Graben, unbewaffnet, und sprach zu ihm: „Kamerad, der Freund hat recht. Sieh, ich habe auch keine Waffen mehr in meiner Hand. Der Krieg ist aus für dich.“

Darauf der junge Soldat: „Herr Leutnant, Sie wollen mich nur prüfen. Wenn ich kein Mensch mehr wäre, hätte ich ja auch keinen Leib mehr. Ich sehe mich aber noch.“

 

Der Leutnant erwiderte: „Kamerad, dann suche selbst. Ich wollte dir nur den Weg ebnen in eine für dich neue Freiheit.“

Das bildliche Erleben war plötzlich vorbei und ich war mittlerweile fast an meiner Dienststelle angelangt. Also hatte ich eine Stunde lang ganz woanders gelebt, und war zur gleichen Zeit hier auf Erden als Mensch zu meiner Arbeitsstätte gelaufen. Ich erzählte niemandem davon, da ich auch so bereits wegen meiner neuen Lebenseinstellung gehänselt wur­de.

 

 

Ich werde selbst ein Medium

Es musste meinen Arbeitskameraden natürlich auffallen, dass ich ein .an­derer Mensch geworden war. Ich fluchte nicht mehr, ließ mir fast alles gefallen und war jedem gerne behilflich. Ja, ich warnte andere sogar vor den Folgen ihrer eigenen Flucherei.

Für mich war die nun folgende Zeit von großer Bedeutung, da mein Freund Georg Riehle mit seinem Lazarettzug nach Zwickau kam. Mit ihm zusammen erlebte ich wahre Herzensfeiertage und -stunden. Damals hungerte ich nach göttlichen Wahrheiten und sie wurden mir auch ge­schenkt.

Ich wurde selbst zu einem Geisterseher und drang immer tiefer in die Lebensweise geistiger Wesen ein. Was hatte ich nicht schon alles er­lebt. Und doch schwieg ich fast immer darüber, denn noch war ich nicht genügend gefestigt. Durch verschiedene Medien ließ ich mich oft irritie­ren, bis ich schließlich selbst auch zu einem Medium wurde.

Manchmal wurde ich das Opfer von Lügen- und Falschgeistern. Ich erin­nere mich an eine merkwürdige „Stunde“ bei den Geschwistern Dörrer in Weißenbrunn. Es waren da viele Gäste versammelt, alte und erfahrene Lorberfreunde, auch Spiritisten und natürlich auch einige Medien.

Zu jener Zeit befand ich mich wie in einer Sucht, nicht mehr nach Wahr­heiten zu suchen, sondern Unwahrheiten aufzudecken. Dadurch kam ich in den Ruf, ein Störenfried zu sein und wurde entsprechend mit Mißtrau­en behandelt. Während dieser „Stunde“ stellte ich folgende Frage an den Kreis: „Wer übernimmt denn eigentlich die Verantwortung für das, was das Medium spricht?“ Münzner, ein alter und gewissenhafter Freund, meinte: „Nun, das Medium natürlich!“ Darauf die alte treue Marie Baumann, die sich als Medium zur Verfügung gestellt hatte: „Damit dürft ihr mir aber nicht kommen. Wie kann ich die Verantwortung übernehmen, wenn ich oft gar nicht weiß, was durch mich gesprochen wird!“ Ein anderer meinte: „Nun, dann muß der Geist die Verantwortung über­nehmen!“ Ich: „Ja, laufe dem Geist nach, der wird dich schön auslachen, wenn erein Lügner oder Falschgeist ist!“ Alle schwiegen und nach einiger Zeit erklärte ich: „Hier mache ich nicht mehr mit, denn ich sehe einen Pferdefuß. Wir haben das Johannes-Evan­gelium von Jakob Lorber, dort sind Wahrheiten nachzulesen, mit denen wir uns wirklich sehen lassen können. Ich kann es nicht mehr vor mir und meinem Gott verantworten, bei euch zu sein, weil ich es spüren und auch schauen kann, dass es nicht mehr die Wahrheit ist, was hier gesagt wird. Ich lehne diese Sitzungen nicht rundweg ab, da ich bei meiner ver­storbenen Mutter, die ihr ja alle gut gekannt habt, viel Gutes erlebt ha­be. Ich erbitte mir jedoch immer mehr die Kraft, um wirklich die Wahr­heit offenbaren zu können.“ Allmählich bildete sich ein fester Kreis, dem ich gerne bereit war, als Medium zu dienen. Die Kundgaben durch mich hörten aber langsam auf. Und so wandelte sich dieser Kreis mit der Zeit zu einer Freundesge­meinschaft, wie ich es bereits bei Otto Hillig erlebt hatte. Jesus immer tiefer zu erkennen, wurde zu unserem Herzensziel, und immer größer wurde die Teilnehmerschar.

 

 

Bei den Methodisten

Die Kämpfe mit der Geisterwelt hörten nicht auf, ich litt manchmal direkt an Besessenheit. Bei mir meldeten sich damals fast nur Selbstmörder. Der noch andauernde Krieg und mein eheliches Verhältnis trugen das ih­re zu diesem Zustand bei. Denn ich hatte wohl ein Familienleben und doch wieder keines, obgleich wir beide guten Willens waren.

Wieder suchte ich wie früher den Ausgleich im Dienen. Meine Not wur­de trotzdem größer. Ich schrieb Otto Hillig seitenlange Briefe und be­kam immer die Antworten, die mir halfen. Es war eine schwere Zeit für mich.

Obwohl ich sehr viele Freunde um mich hatte, ging ich noch zu den Me­thodisten und besuchte ihre Kapelle. Dort konnte ich nach den Bibel­stunden alles ansprechen, was mir nicht ganz klar war. Darum waren diese Zusammenkünfte für mich sehr wichtig. Immer mehr Menschen ka­men. Sie hatten in ihren Herzen so etwas noch nie erlebt. Ich spürte, sie kamen nur um meinetwillen. Darum dachte ich daran, selbst Methodist zu werden.

Einmal fand eine Gebetswoche statt. Am Abend erschien der Prediger mit einem Bekannten in meiner Wohnung. Ich war sehr offen zu den bei­den und erzählte ihnen, dass ich nur durch die Lorberschriften so be­wandert in der Bibel sei. Ich betonte, dass für mich gerade Lorber der Schlüssel zur Bibel geworden sei. Der Prediger nannte mich „Bruder“, und dann beteten wir innig und herzlich miteinander.

In mir reifte also der Plan, Mitglied ihrer Gemeinde zu werden. Viel­leicht könnte ich dort auch das neue Licht verbreiten. Trotzdem war ich innerlich noch unsicher. Ich betete viel um Klarheit. Da es mein Dienst erlaubte, konnte ich jeden Tag in die Kapelle nach Werdau gehen. An einem Sonntag betete ich besonders innig um ein Zeichen von Jesus. Normalerweise ging ich zusammen mit meiner Frau in den Gottesdienst. Aber an diesem Sonntag wurde ich im Stall nicht fertig und mein Auf­bruch verzögerte sich. Ich ging also allein, und der Weg wurde mir zum Gebet und zur Bitte um ein Zeichen, ob ich wirklich auf dem rechten Weg bin und mein Vorhaben auch sein Wille sei.

So erreichte ich die Kapelle. Im Flur traf ich den Prediger und wir gin­gen gemeinsam die Treppe hoch zum Saal. Ich setzte mich auf meinen Platz und der Gottesdienst begann.

Die Predigt handelte von dem neuen Tempel, den Salomo erbauen ließ, aus Vorhof, Heiligstem und Allerheiligstem. Unter anderem wurde gesagt, dass der Weg ins Allerheiligste nur über „Sein Wort“ gehe, und nicht über Sekten, Spiritisten und Neuoffenbarungen. Ich war erschüttert. Gestern sagte der Prediger noch, er kenne das Werk von Lorber, und heute war es ein Werk des Teufels. Ich war vol­ler Unruhe, und in mir sagte es immer wieder: „Höre auf, höre auf! Das hätte er dir gestern sagen müssen und nicht heute!“

Das war das Zeichen! Meine Gebete waren erhört worden. Wenn der Prediger ein Lügner ist, beruht seine ganze Lehre nicht auf Gotteswahr­heit. Still ging ich heute bist du „Ja!“

 

Der Dienst an meinen Geschwistern

Nach vier Wochen hatten wir wieder unsere Zusammenkünfte in der kleinen Küche bei meinem Freund Erler. Mein Weg war nun klar: er galt nur mehr meinen „Geschwistern“, den Menschen, die mich auf dem gei­stigen Weg begleiten wollten, meinen „Brüdern“ und „Schwestern“, wie wir uns nannten. Unsere kleine Gemeinschaft wurde immer größer und der Dienst als Medium stellte immer mehr Anforderungen an mich. Aber ich diente gerne. 1933 wurde ich nach Werdau versetzt und konnte nicht mehr regelmäßig kommen. Wenn ich dann aber kam, war es für alle eine große Freude. Ich blieb trotzdem eng mit allen verbunden und wir erlebten zusammen viel Erhebendes. Inzwischen kam ein fremder Bruder aus Berlin in unseren Kreis. Wir konnten leider nicht recht zusammenarbeiten, seine Weisheit und sein Talent brachten es langsam fertig, mich „auszubooten“. Ich habe deswe­gen viele und lange innere Kämpfe durchstehen müssen. Georg Riehle hätte ich gern um Rat gefragt, aber er war in seinem Lazarettzug unter­wegs. Ich sah keinen Ausweg. Eines Tages, als ich am Zwickauer Bahnhof zu tun hatte, kam der Laza­rettzug vorbei, in dem Georg Riehle Dienst leistete. Ich lief den Zug ent­lang bis zum Wagen Nr. 9. Georg stand schon auf dem Trittbrett und hielt nach mir Ausschau. Ich rannte den Zug entlang und schrie: „Georg, Georg, ich möchte nur ein paar Minuten mit dir sprechen!“ In diesem Moment ertönte das Notsignal der Lokomotive und der Zug blieb stehen. Ich rannte zu Georg und wir konnten volle zehn Minuten lang das für mich Nötigste besprechen. Wie sehr habe ich dafür ge­dankt!

Was war die Ursache für die kurze Fahrtunterbrechung? Auf der Vieh­rampe wurde Zuchtvieh entladen. Eine vorbeifahrende Lokomotive hatte ein Tier scheu gemacht. Beim Ausreißen trat die Kuh in das Gestänge der vielen Drähte, die das Notsignal betätigten. Der Zug musste also hal­ten, und blieb gerade so lange, bis ich mit Bruder Riehle alles bespro­chen hatte. Es war eine meiner schönsten Führungen.

 

Kämpfe mit geistigen Wesenheiten

Die Kämpfe mit Abgeschiedenen hörten nicht auf. Es war wieder eine sehr schlimme Zeit. Wochenlang quälte ich mich mit einem Selbstmör­der, und es ging mir immer schlechter. Ich wandte mich an eine junge Schwester mit der Bitte: „Hilf mir, sonst gehe ich noch unter!“

Eines Abends holte sie mich vom Dienst ab. Wir gingen an einen ruhigen Ort. Dort konnte ich erzählen, wenn auch nur wenig, weil ich so mitge­nommen war.

Ich sagte ihr, dass ich keine Kraft mehr zum Durchhalten hätte. Da flü­sterte die Schwester: „Max, du ringst doch schon immer. Wäre es nicht besser, du machst ein Ende mit deiner Ehe? Der Vater wird dir schon vergeben, aber du würdest es dir nicht vergeben können, wenn du alle mit in den Abgrund reißest, die durch dich zum Licht und Leben ge­kommen sind. Max, du brauchst Liebe und die findest du zu Hause nicht. Du mußt sehen, wie du mit allem fertig wirst.“

So war es auch: Ich hatte Kämpfe um Kämpfe durchringen müssen. Meine jüngste Tochter war blind geboren, obwohl sie nicht in Wollust, sondern mit heiligem Ernst gezeugt worden war. Auch während der Schwangerschaft meiner Frau hatte ich mich enthalten. Eigentlich hatte ich mir einen Sohn erbeten, der ein rechter Johannes werden sollte. Es wurde aber eine Tochter. Genau um 24 Uhr am 25. Mai kam sie zur Welt. Nur eine einzige Wehe und das Kind war da. In diesem Augenblick sah ich riesengroße Engel, die bei der Geburt Zeuge waren und mein Herz war übervoll vor Freude. Dann aber kamen die Kämpfe und meine Ehe litt doppelt. Wenn das blinde Kind nicht gewesen wäre, hätte ich längst Schluß ge­macht. Es war eine schlimme Zeit. Abends musste ich oft zum Nachtdienst. Da ich Eisenbahner war, ging ich immer über die hohe und lange Brücke. Als ich einmal mitten auf der Brücke war, sah ich, dass sowohl von Zwickau als auch von Reichen­bach ein Zug kam. Da hörte ich eine laute Stimme in mir: „Jetzt ist es an der Zeit, denn du wirst doch Gnade finden vor dem Vater!“ Ich zitterte, drehte mich um und rannte mit den Worten: „Jesus, Jesus, Jesus“ um mein Leben. Ich weiß nicht, was dann geschah, aber plötzlich lag ich unten am Bahndamm. Ich zitterte immer noch. Mühsam arbeitete ich mich nach oben und ging sehr nachdenklich zum Bahnhof Steinpleis. Als ich in Zwickau ausstieg, kam der Fahrdienstleiter aufgeregt auf mich zu: „Herr Seltmann, haben Sie nichts bemerkt? Der Lokführer vom D-Zug meldete, dass er einen Mann überfahren habe.“ Ich verneinte und dann wurde mir bewußt, dass ich der Mann war, den der Lokführer vermeintlich überfahren hatte. Nochmals wurde ich sehr nachdenklich über die wunderbare Rettung. Kurze Zeit darauf erschoß sich ein Mann in unserer Nachbarschaft. Ich konnte nicht mit zur Beerdigung gehen, traf aber nach einigen Tagen seine Witwe.

Ich schenkte ihr einige Trostworte und bat um Entschuldigung, dass ich nicht zur Beerdigung kommen konnte: „Aber ich will Ihnen etwas Gutes mitteilen. Ich werde Ihrem Mann eine Heimat bieten. Da er ohne Gott gelebt hat, ist er ja jetzt ohne Heimat.“ Die Frau verstand mich nicht. Aber ich erlebte etwas: Von dieser Stun­de an war ich geheilt von allen Selbstmordgedanken und von den Ein­flüssen von Selbstmördern.

 

 

Liebe für die Verirrten

Wieder gingen mir tiefe Gedanken durch den Kopf, denn ich wollte aus Liebe etwas tun, für das ich gar keine Bestätigung hatte: Darf ich denn überhaupt einem Selbstmörder Heimat bieten? Mit diesem Gedanken, der mir keine Ruhe ließ, schlief ich ein und wachte früh wieder auf.

Während meiner zweistündigen Mittagspause in Zwickau traf ich am Nachmittag eine tiefverschleierte junge Frau. Sie ging sehr langsam. Mich zog es zu ihr hin. Ich ging einige Zeit neben ihr und beobachtete ihr Gesicht. Sie schaute mich an, und ich bat sie nach einem kurzen Gruß um Verzeihung, dass ich neben ihr geblieben war. Wir kamen ins Gespräch über die Trauer um geliebte Tote. Ich fragte sie, um wen sie trauere. Sie sagte: „Um meinen Vater. Er hat sich selbst entleibt.“

Ich fühlte einen Stich im Herzen und brachte zunächst kein Wort heraus. Dann erwiderte ich: „Liebe Frau, ich frage nicht aus Neugierde. Aber wie denken Sie über ihren Vater? Es ist doch immerhin eine Schande für die Angehörigen.“

Sie aber antwortete mit fester Stimme: „Mögen die Leute sagen, was sie wollen. Ich habe meinem Vater vergeben, denn er konnte nicht an­ders handeln. Er hatte eine unheilbare Krankheit.“

Ich war ergriffen von diesem unerschütterlichen Vertrauen. „Liebe Frau, Sie haben mir etwas sehr Schönes und Liebes gesagt. Nun will ich Ih­nen auch etwas sehr Schönes sagen: Weil Sie ihrem Vater vergeben haben, so hat auch Gott in seiner Liebe ihm vergeben!“ „Wieso?“, fragte sie.

„Weil sich doch Gott von einem seiner Kinder in der Liebe nicht in den Schatten stellen läßt.“

Nun war mir klar geworden, dass man in der Liebe weit gehen kann, auch über irdische Gesetze hinweg.

Nach diesem Erlebnis habe ich all meine Liebe hauptsächlich den Selbstmördern, Verirrten und Verlorenen geschenkt. Dabei hatte ich manch wunderbare Führung. Für mich begann ein ganz anderes Lieben. Aber keiner verstand mich. So schwieg ich eben über meine Erlebnisse.

Ich fand auch keinen Freund, Bruder oder Schwester, die mich verstehen und unterstützen wollten, und so blieb ich allein. Immer allein in Kirchen und Gefängnissen, in verrufenen Wirtschaften und Kneipen, kurz überall, wo ich Versumpfte und lebensmüde antraf. Ich habe mit und ohne Erfolg gearbeitet, habe auch große Niederlagen einstecken müssen, aber das hinderte mich nicht an meiner weiteren geistigen Arbeit. Ich wurde sogar übel verleumdet, aber das war mir gleich, ein kleiner Erfolg machte alles wieder wett. Dabei wurde ich ein richtiger Seher. Ich erblickte nicht nur Herrlichkeiten und Schönheiten, sondern auch niedere Sphären, ja sogar direkte Höllen.

 

Geschadet hat mir das nie, wenn ich mich in einer höllischen Sphäre bewegt hatte. Aber wenn ich einmal Herrlichkeiten erleben durfte, war ich eine ganze Zeitlang wie heimwehkrank. Kein Mensch konnte mich verstehen, auch nicht meine Frau. Schließlich wurde mir das Schauen selbst zum Problem. Manchmal wusste ich nicht, ob es Menschen waren oder Geister, die mir erschienen. Oft waren es Tiere und dann wieder geistige Wesen. Da bat ich den Herrn, mir diese Gabe zu nehmen. Sie wurde mir daraufhin weitgehend genommen, aber ein wenig belassen. Das war immer noch genug.

 

Hilfe für einen Toten

Einmal fuhr ich an einem Sonntagabend nach 18 Uhr vom Dienst in Zwickau heim nach Werdau. Ich war schon in der Nähe von Werdau, da sah ich von weitem ein Auto am Straßenrand stehen. Als ich hinkam, sah ich den Autobesitzer. Er hielt mich an. Er hatte einen Radfahrer überfahren und an den Straßenrand gelegt. Ich kannte den Mann, er hieß Brühschwein, ein häßlicher Name. Der Verwundete bewegte immer sei­nen Mund, als wollte er sprechen. Ich neigte mich zu ihm hinunter, konn­te aber nichts verstehen. Mit dem Autobesitzer, der mich beobachtete, war nicht zu reden. Der erste Mensch, der vorbeikam, war der Sohn des Verunglückten. Er kam mit dem Rad von Werdau. Ich winkte ihn heran und rief: „Hier, Dein Va­ter! Hole schnell ein Auto und die Polizei, ehe dein Vater stirbt.“ Der junge Brühschwein fuhr schnell fort. Es kamen noch mehr Leute und auch das Polizeiauto. Sie nahmen den Unfall auf und verhörten mich. Dann kam das Krankenauto. Der Mann starb auf dem Transport. Tage später an einem Sonntag kam ich wieder abends vom Dienst.

Dort, wo das Unglück passiert war, stand auf einmal Brühschwein. Ich fuhr mit meinem Rad vorüber und grüßte ihn mit einem „Glückauf!“, das ist unser Gruß in der Bergmannsstadt Zwickau. Aber Brühschwein dank­te nicht.

Ich dachte: „Nanu, was habe ich dem denn getan? Was macht der für ein Gesicht!“ und hatte den Vorfall bald vergessen. Es dauerte einige Wochen, da stand Brühschwein wieder an der selben Stelle. Ich grüßte wieder und bekam wieder keinen Dank. Das war mir zuviel. Ich stieg vom Rad hinunter und wollte ihm „die Haare kämmen“, wie man bei uns sagte. Doch wie ich mich umdrehte, war er verschwunden. Da fiel mir ein, dass er ja verstorben war.

Bald hatte ich das Ganze vergessen, da stand er an einem Sonntag wieder an dieser Stelle. Ich fuhr langsam und grüßte ihn. Er sah mich an. Ich fragte ihn: „Weißt du, dass du gestorben bist?“

Er ging neben mir her, und ich fragte weiter, ob er auch beten könne. Aber es kam keine Antwort. „Verstehst du mich überhaupt?“

Keine Antwort, aber er blieb an meiner Seite. Als ich abzweigen musste, blieb er stehen. Ich war unzufrieden, denn er sagte kein Wort und sein Gesicht zeigte nur Gram und Not. Ich segnete ihn.

In der folgenden Zeit konnte ich direkt auf ihn warten. Er erschien mir in immer kürzeren Abständen. Ich sprach auch mit seiner Witwe und lernte so sein Leben kennen. Er hatte ein völlig verlorenes Leben verbracht ­wie auch seine Frau.

Die Begegnungen wiederholten sich immer wieder. So konnte ich ihn vor allem zu beten lehren und brachte ihn auch zum Nachdenken über seine Lage. Er verstand mich allmählich besser und zeigte sich immer öfter bis er endlich erlöst wurde. Dann, nach einer langen Pause, erschien er noch einmal und bedankte sich für meine Ausdauer.

 

 

 

Verbot und Flucht

1937 wurden unsere Zusammenkünfte verboten, trotzdem blieb ich mei­ner Aufgabe treu. Ich setzte meine Arbeit fort, ohne den Namen Jesu offen zu nennen. Inzwischen hatte ich viele Freunde gewonnen. Die mei­sten stammten aus der Geisterwelt. Mit ihnen stehe ich noch heute in Verbindung. Ansonsten pflegte ich keinen Kontakt mehr zu Geistern.

Meine Aufgabe sah ich vielmehr darin, Menschen von Besessenheit zu befreien. Ohne Hilfe ist es recht schwer, davon loszukommen.

Als endlich das Verbot unserer Versammlungen aufgehoben wurde, hatte ich eine gute Schulung hinter mir. Jetzt galt es, die Trümmer von Fal­schem und Verkehrtem zu beseitigen. Ich suchte mir neue Geschwister und fing an, mit ihnen zu arbeiten. Aber von meiner Mission waren sie nicht erbaut. Nur die ganz alten Freunde blieben treu. Mit mir waren es nur sieben. Wir kamen jeden Monat zusammen, arbeiteten gemeinsam und hatten schöne Erfolge.

Aber dann musste ich aus meiner Heimat fliehen. Nun war mein Wirken sehr gehemmt. Als ich wieder die Nähe der Verirrten und Verlorenen suchte, war es schwer, ihnen allein - ohne Freunde - zu helfen und sie aus ihrer Lage zu befreien.

Ich hatte meine Erlebnisse immer aufgeschrieben, aber durch die Flucht gingen alle Aufzeichnungen verloren. Sie fielen der Polizei in die Hände. Würde ich alles noch einmal niederschreiben, ergäbe es ein ganzes Buch. Später notierte ich wieder jede Begebenheit. So entstand man­ches „Werk“.

Heute noch tauchen meine damaligen Erlebnisse wieder auf, aber ich bin durch meine seelischen Leiden geschwächt und nicht mehr in der Lage, alles fest zuhalten und richtig wiederzugeben. Meine Erinnerungen werden erst beim Schreiben wieder lebendig.

Wer es lesen wird, was ich festgehalten habe, wird denken: Der hat es aber gut gehabt, ihm wurde ja alles geschenkt. - Irrtum! Errungen musste alles werden. Ich musste Dinge erleben, die mich tief niederdrückten, leidvolle Ereignisse, die mit Menschen zu tun hatten, die ich kannte und lieb hatte.

Jeder sollte sich bewußt werden, dass wir Menschen immer umgeben sind von Wesenheiten, die alles sehen und auch an allem teilnehmen, seien es Unterhaltungen oder Handlungen.

Einmal hatte ich ein Jahr lang von Vorfällen Kenntnis, über die ich nicht reden durfte und die mir große innere Kämpfe einbrachten. Nach einem Jahr wurde endlich alles offenbar, erst dann konnte ich auf eine Reue der Betroffenen hinwirken, die dann auch einsetzte. Vorher waren mir die Hände gebunden gewesen.

 

Erlebnisse mit einem Satan

Öfter hatte ich Erlebnisse, bei denen ich durch unreine geistige Wesen

auf satanische Anschläge aufmerksam gemacht wurde, durch die ich zu Fall gebracht und als Geistesarbeiter erledigt werden sollte. Ich hatte vor allem mit einem dieser Teufel meine Not. Er wollte mein Ende.

Da warnte mich einmal ein anderer Verirrter, ich solle nicht mehr dahin gehen, wo ich so gerne weilte, nämlich zu meiner Schwester. Ich lehnte ab, weil ich sie dann sehr betrübt hätte. Da sagte er: „Dann geh in dein Unglück, ich weiß es genau!“ Ich aber hörte nicht auf ihn und ging wei­ter dorthin.

 

Eines Abends fuhr ich nach Hause und dieses Geistwesen warnte mich wieder, ich solle wenigstens einen anderen Weg nehmen. Ich hörte nicht darauf. Als ich aus Zwickau herauskam, war tatsächlich eine Anzahl be­trunkener Russen auf der Straße. Als sie mich sahen, stürmten sie auf mich los. Ich musste bergauf fahren, um zu entkommen. Da schossen sie zweimal auf mich, aber sie trafen mich nicht. Gleich meldete sich der „Freund“: „Warum hörst du nicht auf mich?“

Das Ganze passierte noch einmal, das Geistwesen riet mir wieder, ei­nen anderen Weg zu fahren. Ich tat es nicht. Und was geschah? Ein Russenauto fuhr direkt auf mich zu. Ich landete im Straßengraben. Noch ein drittes Mal hatte ich in dieser Art meinen Kopf hinhalten müssen. Aber wiederum wurde ich beschützt und vor Schaden bewahrt.

 

 

 

Hilfe für Freunde und Unbekannte

Visionen vom Krieg

 

In der folgenden Zeit erlebte ich einige Schauungen von großer Trag­weite.

Eines Nachts stand der Herr vor mir, aber so, daß ich erschrak. Sein Gesicht war eingefallen, seine Augen voller Tränen. Er sah aus wie ei­ner, der lange krank gewesen war und nun langsam auf dem Weg der Besserung ist.

„Mein Vater“ rief ich erschreckt, „wie siehst Du aus, was ist Dir ge­schehen?“ - Da sagte er: „Nun habe ich nur noch mein Kind.“ – Ich er­widerte: „Vater, wir wollen von vorne anfangen, denn es gibt Kinder, die an Dich glauben.“

Das Bild verschwand und ich wußte nicht, wie ich es interpretieren soll­te. In meiner inneren Not ging ich zu den Geschwistern Spitznaß nach Ma­riental. Dort traf ich mehrere Freunde aus alter Zeit. Es war der Tag, an dem die Wehrmacht proklamiert wurde. Nach ihrer Frage, was mich heute zu ihnen führe, beschrieb ich das Bild, das mir solchen Kummer bereitete.

Gertrud Spitznaß versuchte mich zu beruhigen: „Ach, Max, freue dich doch mit uns, nun gibt es wieder Arbeit und wir können Geld verdienen, wir bekommen wieder ein Heer. So eine Gnade.“

„Gertrud“, brach es aus mir heraus, „gibt es zweierlei Gnade? Als wir 1918 die Waffen aus der Hand legen durften, war es nach deinen Wor­ten Gnade, und heute, wo wir wieder Waffen schmieden, soll es wie­der Gnade sein?“ Da versank um mich die reale Wirklichkeit und ich schaute Trümmer über Trümmer, zerstörte Städte und Dörfer, verfallene Menschen und eine Trauer in allen Gesichtern.        .

Ich seufzte: „Du mein armes Vaterland, mein armes Vaterland“ und mußte ohne Unterlaß weinen.

Ein weiteres Erlebnis kommt mir in Erinnerung aus dem Jahre 1933 in Steinpleis, wo Bruder Georg Riehle weilte. Er hatte gerade in Berlin ei­nen Besuch bei Sch. D. gemacht und die Feier der „Machtübernahme“ durch Adolf Hitler in der Potsdamer Garnisonskirche miterlebt. Er erzähl­te, wie der „Führer“ am Sarkophag des Alten Fritz eine Weiherede ge­halten habe. Die untergehende Abendsonne habe so wunderbar ge­schienen, daß er ganz ergriffen gewesen sei.

Da kam wieder das Schauen der Trümmer über mich.

 

 

„Georg, Georg,“, wehklagte ich, „die untergehende Sonne, 0 wenn es die aufgehende Sonne gewesen wäre. 0, du mein armes, armes Vater­land, wie wirst du es einmal ertragen können!“

Alle Geschwister waren über mich entsetzt. Ich wurde zum Kommunisten gestempelt.­ Dasselbe Bild kam noch zweimal. Nach dem Krieg sah die Wirklichkeit noch schlimmer aus, als ich es ge­schaut hatte. Als ich dann einmal in Oberrothenbach bei meiner Schwester war, traf ich dort ein Geschwisterpaar, das damals beide Schauungen angehört hatte. Ich sagte: „Fritz, weißt du noch, was ich in Steinpleis und in Mariental sagte? Alles ist eingetroffen, sogar noch schlimmer.“

Er wollte es nicht wahrhaben, doch da erinnerte sich seine Frau:

„Ja, Fritz, es ist wahr. Du, Max, hast es damals wirklich vorausge­schaut, wir aber haben es nicht geglaubt.“

 

 

„Einsame“ Weihnachten

 

Doch zurück in die Jahre vor dem Krieg. Die lieben Geschwister verstanden mich nicht mehr. Ich hatte während der ganzen Zeit weiter gearbeitet und über meine Erlebnisse ge­schwiegen. Es wurde auch gefährlich, da sich die Gestapo für mich in­teressierte. Ich wurde einsam, aber umso inniger mit Gott verbunden. So hatte ich jeden Geburtstag des Herrn zu einem Feiertag für mich gemacht.

Einmal ging ich früh vom Dienst heim, da ertönten die Kirchenglocken und ich sagte laut: ,,0 mein Jesus, an Deiner Geburtsstunde wünsche ich Dir, daß Du recht große Freude an Deinen Kindern erleben sollst.“

In mir wurde es ganz warm und ich erlebte eine Freude, die nicht zu schildern ist.

Aber es war nicht immer Freude in mir. Am 25.12.1931 ging ich früh um halb fünf Uhr zum Dienst. Ich war so niedergeschlagen, daß ich ausrief: „Mein Jesus, wie bin ich traurig, daß ich Dir heute zu Deinem Ehrentage so wenig schenken kann, denn ich sehe hier im Wald nichts als ein ro­tes Feuer und ein Meer von Qualm.“ Und ich weinte bitterlich über mich und meinen Zustand.

Als ich aber aus dem Wald herauskam und rechts abbog, sah ich hoch oben am Himmel einen Stern, der auf mich zukam und immer größer wur­de. Er kam immer näher, und sein Licht blendete mich. Als er ganz nahe war, stieg ein Mann aus diesem Lichtstern. Er hatte eine starke elektri­sche Lampe in der Hand, die wie ein Scheinwerfer leuchtete. Er kam mir ganz nahe, drehte sich um, ging vor mir her und leuchtete mir auf dem Weg. Ich sah das blutrote Feuermeer, - doch wie ich näher hin­schaute, waren das alles Wesen, die sich im Lichtkegel der Lampe krümmten.

Es schien, als ob der Lichtkegel eine riesige Anziehungskraft hätte, denn überall, wo er hinleuchtete, zog er alles an, und die Wesenheiten wurden wie in die Lampe hineingesogen. Immer mehr Massen von sol­chen Gestalten drängten sich an das Licht. Solange unser Weg dauerte, wurden immer noch weitere angezogen und aufgesogen.

Als schließlich keine dieser Wesen mehr zu sehen waren, blieb der Mann stehen und wandte mir sein Gesicht zu, es leuchtete hell wie ein Licht. Er hob seine Lampe hoch, und eine Fontäne von Licht fiel über ihn. In der Mitte dieser Fontäne bildete sich ein Kelch, dann außen her­um ein Säulentempel mit vielleicht zehn Säulen (gezählt habe ich sie nicht). Der Kelch stand wie auf einem Altar.

In diesem Lichttempel sprach der leuchtende Mann zu mir: „In dir ist Licht, in dir ist das Wort, lasse alles zu einem Brot werden in dir. Und was du nach außen stellen wirst, wird so sein, als hätte es Gott hinaus­gestellt. Nimm alles in dich auf, wie ich es in mich aufgenommen habe, und du wirst zu einem Segen werden.“ - Und vorbei war das Erlebnis. Dichte Finsternis umgab mich.

Ich mußte mich erst wieder an die äußere Wirklichkeit gewöhnen.

Über dieses Erlebnis habe ich damals lange geschwiegen, denn ich wä­re nicht verstanden worden. Wieder kam Weihnachten. Als die Adventsglocken läuteten, ging ich müde und abgespannt den Schützenberg hoch, den ich jeden Tag gehen mußte. Als ich oben war, sprach ich zu den Glocken:

„Läutet die Herr­lichkeit Jesu ein. Gesegnet sei jeder Ton.“ - Auf einmal vergingen mir wieder die Sinne für das Äußere, und ich sah eine Gruppe von herrli­chen Lichtpalmen vor mir. Sie waren so hoch wie ein Kirchturm und mit weißen Brettern eingeschalt. In der Mitte ein Springbrunnen mit allen möglichen Farben, ein prächtiger Anblick. Es war aber nicht Wasser, das da sprudelte, sondern Licht, lauter Licht. Und dort, wo es heraus­quoll, stand eine Menge Menschen - Bekannte und Unbekannte, darunter auch mein Bruder Otto Hillig, der schon seit 13 Jahren im Jenseits weil­te.

Ich sah den Herrn, umgeben von würdigen Männern mit langen Bärten, sah Engel im herrlichsten Glanz und viele Wesen, die ich noch nie ge­sehen hatte.

Da trat ein Engel hervor und verneigte sich tief vor dem Herrn:

„Herr, Herr, bist Du taub, weil Du die Bitten Deiner Kinder nicht mehr hö­ren willst? Bist Du blind, weil Du nichts mehr schauen willst? Hast Du einen Stein im Herzen, weil Dich die Not der Deinen nicht mehr be­rührt ?“

Da trat Jesus näher und sprach: „Wollen wir nicht erst einmal den ande­ren fragen?“ Er hob seine Rechte, und wies mit dem Zeigefinger auf ei­nen anderen Engel: „Holt mir euren Bruder hierher.“

Der Engel verneigte sich und kam nach wenigen Augenblicken mit Luzi­fer zurück. Der war in der Tracht eines Försters gekleidet, mit Joppe, Hut und einem grauen, struppigen Vollbart.

Jesus wandte sich zu dem ersten Engel: „Nun wiederhole du mir deine Anklage in Gegenwart eures Bruders.“ Ganz ernst wiederholte der Engel seine Worte. Dann richtete sich der Herr an Luzifer: „Was sagst du zu dieser Anklage?“

„Herr, Herr“, erwiderte dieser, „haben die nicht ihr Gutes gehabt? Wer will mich verklagen, wo ich so viele habe, die mir ihre Liebe schenken. Versorge Du die Deinen, ich versorge die Meinen.“ Da trat Otto Hillig zum Herrn: „Vater, Kinder werden Dir erstehen, Kin­der, die zu Rettern für viele Millionen werden. Denn Dein Geist hat sei­nen Einzug auf Deiner Erde gehalten.“ Die strahlenden Augen meines Bruders Otto waren mir große Verheißung.

Dann war das Bild verschwunden.

 

 

Unfälle und Todesfälle

Es waren nicht immer geistige Dinge, die ich schaute. Viele Erlebnisse betrafen Vorfälle in der materiellen, greifbaren Welt. Handelte ich dann dementsprechend, hatte ich keinen Schaden, sondern nur Nutzen; han­delte ich nicht danach, entstanden mir immer Nachteile.

Einmal erlebte ich im Geiste einen Motorradunfall. Dadurch wurde ich gewarnt, denn wirklich: Nach zehn Minuten wurde ich überfahren. Aufgrund der Warnung war ich aber vorsichtig geworden auf meinem Fahrrad, und als dann das Geräusch eines Motorrades kam, drückte ich mich ganz rechts an einen Zaun - und schon passierte es. Ich bin da­mals noch gut weggekommen, es hätte schlimmer ausgehen können, wenn ich mitten auf der Straße gefahren wäre.

Oft beobachtete ich auf der Straße geistige Wesen, die Autos überfie­len. Ich sah dann, wie es dadurch zu einem Unglück kam. Aber ich war machtlos in solchen Fällen. Bis mir einmal ein Freund den Hinweis gab: „Warum redest Du die Wesen nicht an und weisest sie zurecht, denn sie wissen nicht, daß sie Verbrecher an den Gesetzen Gottes sind.“

Tatsächlich muß ich mir Vorwürfe machen. Denn kurz darauf sah ich an einer großen Kurve eine ganze Wolke niederer Geistwesen, - und ich fuhr mit meinem Fahrrad wieder vorbei, ohne sie anzusprechen. Zehn Minuten später hörte ich von einem Unglück an eben dieser Kurve. Vier Menschen waren tot, viele verwundet. Ein Omnibus war angefahren worden. Der Schuldige, der den Unfall verursacht hatte, ein Angehöriger der Firma Wismuth, war betrunken gewesen. Ich habe lange über diesen Fall getrauert, denn ich hätte ihn abmildern können, wenn ich die Geist­wesen von ihrer Schlechtigkeit überzeugt hätte.

Viele Leser werden jetzt vielleicht meinen: „Das ist doch alles Phanta­sie, das läßt sich ja gar nicht beweisen! Das kann ich nicht glauben!“ Deshalb will ich noch einen Fall schildern, der erst vor einem Jahr ge­schehen ist:

Ich war auf einer mehrtägigen Tour in Erdmannsdorf und Chemnitz. Ich hatte mein Fahrrad in Zwickau untergestellt, nun holte ich es wieder heraus und fuhr nach Hause - langsam und froh, wieder heimkehren zu können, und in dem Bewußtsein, gedient und Freude bereitet zu haben.

Da sah ich meinen Nachbarn Ernst Pecher am Wege stehen. Er machte einen traurigen Eindruck. Ich fuhr ganz langsam und begrüßte ihn mit den Worten: „Ernst, Glückauf, wie siehst du denn aus?“ - Er gab mir keine Antwort.

Zu Hause aß ich und legte mich zur Ruhe hin, ohne viel mit meiner Frau zu reden. Am nächsten Tag sagte sie: „Du, daß du es weißt, du mußt beim Pecher Ernst mit zum Grab gehen, denn er wurde überfahren und ist im Krankenhaus gestorben.“

„Nun, da hört sich doch alles auf“, kam es aus mir hervor, „gestern Abend habe ich ihn noch angesprochen. Er machte so einen traurigen Eindruck auf mich.“ Also ein Fall, in dem ich einen Verstorbenen erschaute, obgleich ich von seinem Tod nichts wußte.

Nun ein anderes Beispiel, hier wußte ich schon von dem vorangegange­nen Tod. Die Mutter meines Schwiegersohnes war gestorben. Ich ging mit zum Begräbnis, stand unweit der Bahre und sah, wie aus der Brust des Leichnams ein blauer Dunst aufstieg. Der Dunst nahm Form an, und als es hieß, Abschied zu nehmen, umklammerte mich die blaue Dunstform und flehte:

„Max, hilf mir, du bist der einzige, der mir helfen’ kann.“ „Nicht ich, nur Jesus“, versuchte ich sie umzustimmen.

So kamen wir zum Grab. Der Pfarrer tat das Seine, die Verewigte aber war bei mir und hielt sich an mir fest. Da ging ich mit ihr weg vom Grab, rief einen Engelsfreund zu Hilfe und übergab ihm die arme Erlö­sungsbedürftige. Ich sah noch, wie sie mit ihm ging und konnte nur dan­ken, danken und wieder danken.

 

 

Hilfe von Otto Hillig

 

Nun sollen noch weitere Erlebnisse folgen. Alle Menschen, die dies ein­mal lesen. werden, möchte ich hineinführen in das Wunderbare dieser großen Gottesliebe, in der eine Weisheit verborgen ist, von der der All­tagsmensch keine Ahnung hat.

Ich durfte auch Geschehnisse aus dem Leben unseres Herrn erschauen, aber beim Niederschreiben dieser „Köstlichen Szenen“ (d. i. der Titel, unter dem sie veröffentlicht sind), kam ich fast nicht nach, da sich die Bilder direkt überstürzten. Weil ich dabei intuitiv, also gedanklich, die Reden und Schilderungen vernahm, blieb es nicht aus, daß mir einige Namen oder Worte entfallen sind. Zweifel und Vorwürfe kamen auf. Da bekam ich Unterstützung von meinem verstorbenen Bruder Otto Hillig. Seine Hilfe erlebte ich fast immer auf dem Weg zum oder vom Dienst.

Zum Beispiel betraf es einmal das Wort Johannes des Täufers über Je­sus: „Ich kenne den Menschen nicht“ (Joh. 1,33). Über dieses Wort war ich erstaunt, denn es heißt auch (Luk.1,30), daß Jesu Mutter und Johan­nes’ Mutter Verwandte gewesen seien.

Während ich darüber auf dem Heimweg vom Dienst nachdachte, melde­te sich Bruder Otto: „Alle Welt weiß, daß ich Otto Hillig heiße, aber nicht Otto Hillig (heilig) bin. Sage deiner Schwester Christine, daß sie nicht nur Christine heißt, sondern eine Christ-diene ist.“ Auf diese Wei­se erfuhr ich, daß man einen Menschen wohl dem Namen nach kennen kann, aber damit noch nichts von seiner Bestimmung und seinem Charak­ter weiß.

So wie hier, kam mir Bruder Otto oft zu Hilfe. Ich hörte ihn wie eine von außen kommende Stimme.

Durch die vielen Erlebnisse wurde ich sicherer und traute mir mehr zu. So will ich jetzt ein Erlebnis schildern, das ich vorher nicht für möglich gehalten hätte.

 

 

Ein Mädchen findet den Heiland

Im Jahre 1927 fuhr ich nach Bielefeld zu meinen Freunden. Auf der Rückreise stieg ich in Leipzig aus, um zu essen. Es war sieben Uhr abends. Um neun Uhr wollte ich weiterfahren. Ich ging zum Messplatz  und sah am Fenster eines Gasthofs den Hinweis auf ein billiges Mittag­essen. Ich ging hinein und wäre am liebsten gleich wieder umgekehrt, denn in dem Gastzimmer saßen nur aufgemachte Dirnen und Straßen­mädchen.

Ich setzte mich an einen leeren Tisch und bestellte beim Ober das Es­sen. Eines der Mädchen setzte sich zu mir und verlangte, ich solle ihr auch ein Essen bestellen, da sie Hunger habe. Ich lehnte ab, denn ich hatte solchen Menschen gegenüber einen Widerwillen, und sie ging zu den anderen zurück.

Da sah ich ein Mädchen, das etwas abseits und allein für sich saß. Ich rief ihr zu: „Bitte kommen Sie zu mir, um mir Gesellschaft zu leisten.“

Sie wollte nicht, aber die anderen sagten: „Geh nur hin zu ihm, der ist aus der Provinz.“

Sie setzte sich zu mir und ich fragte, ob sie Hunger habe. Sie bejahte und ich bestellte beim Ober ein zweites Essen. In kurzer Zeit war ich fertig; das Mädchen auch, sie muß tüchtigen Hunger

 

gehabt haben. „Fräulein,“ wandte ich mich ihr nun zu, „ich muß mit Ihnen sprechen, aber hier ist nicht der richtige Ort. Bringen Sie mich in ein gutes Lokal“

Sie war sofort bereit und in fünf Minuten saßen wir in einem kleinen Ca­fe in einer Nische.

Nachdem wir bedient worden waren, sagte ich zu ihr: „Fräulein, ich bin kein Moralprediger, aber wenn ich Sie so ansehe, fühle ich einen gro­ßen Schmerz. Haben Sie denn nicht überlegt, daß Sie sich das größte Unrecht zufügen, indem Sie Ihren leib, der doch ein Tempel Gottes wer­den soll, zu einer Verkaufsware machen?“

Da fing sie an zu weinen: „Was soll ich denn machen, ich bin seit Wo­chen arbeitslos. Meine Mutter kann nicht arbeiten, da sie immer kränk­lich ist Ich bin gerade wegen Diebstahl entlassen worden. Ich bin aber unschuldig, ich habe meinem Chef nichts entwendet Wenn Sie wüßten, was für einen Ekel ich vor den Männern empfinde, und doch brauche ich Geld und wieder Geld für mich und meine Mutter.“

Ich war tief beschämt und erschrocken über diesen Ausbruch von leid und Kummer. Innerlich betete ich: „Vater, gib mir die rechten Worte“, aber ich empfand nur tiefes Erbarmen.

Da nahm ich ihre Hand: „Fräulein, haben Sie denn keinen Heiland, dem sie alles sagen können? Ihnen fehlt der Heiland.“

Sie schwieg und sah mich nur lange bange Minuten an. Und so sprach ich weiter: „Fräulein, Sie gehen heute sofort nach Hause, reden aber zu niemandem ein Wort, auch nicht zu Ihrer Mutter. Dann stellen Sie sich

vor, Jesus, der Heiland, den Sie ja immerhin kennen, stehe vor Ihnen. Sa­gen Sie ihm dann, was Sie mir soeben gesagt haben. Alles, Ihre ganze Not, Ihren ganzen Ekel. Und bitten Sie ihn um Verzeihung, daß Sie ihn so oft betrübt haben in Ihrer Unkenntnis, daß Sie sogar Ihr leben wegwer­fen wollten. Und bitten Sie ihn um Hilfe, daß Ihr Unrecht offenbar werde.

Dann gehen Sie morgen zu Ihrem Chef. Seien Sie ganz offen und erzäh­len Sie ihm von Ihrer Not Denn, glauben Sie mir: mich hat nämlich der Heiland zu Ihnen geschickt, um Ihnen das zu sagen.“ Ich erzählte dem Mädchen noch so manches von seiner liebe zu den Verlorenen und Verirrten, so daß mir ganz warm dabei wurde.

Ich mußte aufbrechen, mein Zug ging. Das Mädchen begleitete mich noch zum Bahnhof. Beim Abschied versprach sie mir, so zu handeln, wie ich ihr geraten hatte. Sie wollte meinen Namen wissen, aber ich lehnte ab und wollte auch den ihrigen nicht wissen. Ich wünschte ihr nur alles Gute.

Im Zug, als ich mir alles noch einmal überlegte, machte ich mir Vorwür­fe, ihr Hoffnungen gemacht zu haben. Wenn sie nun enttäuscht werde? Es wäre nicht auszudenken! - Eine ganze Zeitlang beschäftigte ich mich noch mit dem Mädchen, aber dann vergaß ich dieses Menschenkind.

Einige Wochen später erhielt ich von Bruder Max Rödel in Leipzig die Aufforderung, nach Leipzig zu kommen und vor seinem versammelten Kreis zu sprechen. Ich sagte zu und fuhr an einem Samstagnachmittag nach Leipzig. Ich wollte gerade über den Platz zu einer wartenden Straßenbahn gehen, da kam mir eine Dame entgegen und begrüßte mich voller Freude. Ich entgegnete: „Sie täuschen sich, ich kenne Sie ja gar nicht“

Aber sie ließ nicht locker: „Doch, Sie sind der Mann, den der Heiland mir geschickt hatte. Bitte kommen Sie mit mir in das Cafe dort, ich muß Ihnen alles erzählen. Heute sind Sie mein Gast“

Ich wollte eigentlich ablehnen, aber die Erinnerung an damals ließ es nicht zu. Hand in Hand gingen wir in das noble Cafe und sie erzählte mir alles:

„Als ich von Ihnen fort ging, habe ich mir vorgenommen, alles zu tun, was Sie mir geraten hatten. Schon auf dem Weg zu meiner. Wohnung betete ich unablässig und habe mich nach keinem Menschen umgesehen. Die ganze Nacht habe ich kein Auge zutun können, ich mußte immer weinen und beten.

Frühzeitig machte ich mich auf den Weg zu meinem Chef und betend betrat ich das Büro. Der Chef war da. Aber ehe ich ihm etwas erklären konnte, unterbrach er mich gleich und sagte: ‚Endlich kommen Sie. Wie sehr habe ich bereut, Sie entlassen zu haben. Nicht Sie, sondern

die Di­rectrice war der Dieb. Wenn Sie wollen, nehmen Sie Ihre Stelle gleich wieder ein.’

Ich weinte vor Freude und konnte kaum etwas sagen. Der Chef sah mich fragend an. Da erzählte ich ihm die ganze Begegnung mit Ihnen und daß der Heiland mich zu ihm geschickt hätte. Mein Chef war erstaunt, solche Worte von mir zu hören und sagte: ‚Den Menschen möchte ich einmal kennenlernen.’

So trat ich wieder meine Arbeit an und habe oft an Sie gedacht. Heute ist mein Wunsch in Erfüllung gegangen, denn durch Sie habe ich meinen Heiland gefunden.“    .

Ich war erstaunt über dieses Bekenntnis und lud sie zu unserer Ver­sammlung ein, nannte auch die Adresse von Bruder Max Rödel. Aber sie lehnte ab, weil sie mit ihrem Verlobten zu ihren Schwiegereltern fahren wollte.

Was sich da in meinem Inneren abspielte, ist nicht mit Worten zu fas­sen. Der erste, dem ich das Ganze erzählen konnte, war Bruder Max

Rödel. Die Sonntagsversammlung stand unter dem Motto des Jesuswor­tes: „Lebet untereinander so, daß Mich niemand vermißt!“ Ich fühlte mich besonders angesprochen durch den Satz: „Alles, was Du tust aus Deiner innersten Liebe zum Heile deiner Mitmenschen, soll sein, als hät­te Ich es getan!“

 

 

Ein neuer Freund

Nun ein anderes tiefgründiges Erlebnis. In Chemnitz hatte mich seinerzeit ein Inder [als Geistwesen, s. S. 25] durch Martha Grönert von meiner Besessenheit geheilt. Inzwischen konnte ich ihn selbst sehen, so wie man eben Geister sieht. Seine überlegene Art störte mich zwar oft, doch mit der Zeit konnte ich ihn in mir, das heißt gedanklich, immer bes­ser vernehmen und erfuhr, daß er mein Schutzgeist sei und ein Hüter ­oder Wächteramt bei mir ausübe. Ich konnte mich nicht so recht mit ihm verständigen, alles klang so anders, als ich es in den Büchern von Lor­ber gelesen hatte. Oft gab es regelrechte Auseinandersetzungen mit ihm, weil ich mich ihm nicht unterordnen wollte und auch nicht das tat, was er mir riet. Ich widersetzte mich ihm also öfter.

Als ich mich wieder einmal in einem verrufenen Lokal (dem Burgkeller) befand, drängte er mich, ich solle das Lokal verlassen.

Ich widersetzte mich und sagte: „Nein, mein lieber Hasso Castro, ich bleibe bis 9 Uhr, erst dann gehe ich heim.“

In diesem Augenblick trat eine alte Mutter mit ihren zwei Töchtern in das Lokal und nahm an meinem Tisch Platz. Sie mußte hier gut bekannt sein, denn im Nu war die Tafel voll besetzt, und ich saß mitten drin und noch ein anderer Herr neben mir. Mir war unheimlich, aber ich dachte nicht ans Fortgehen, obwohl Hasso Castro drängte. Ich blieb.

Die Unterhaltung drehte sich nur um das Niedrigste und Gemeinste. Am schlimmsten war die alte Mutter, die mir anbot, ich solle die Nacht bei ihrer Tochter bleiben. Da ging ich zur Offensive über und fragte die alte Mutter laut vor allen Menschen, ob sie eigentlich ihre Töchter zu ordentlichen oder zu aus­schweifenden Menschen erzogen habe. Ob sie noch niemals daran ge­dacht habe, daß Gott sie einmal fragen werde: „Wo sind Deine Töchter geblieben ?“

Nach einem Schweigen fielen sie alle über mich her, warum ich über­haupt hierher komme und was ich eigentlich wolle. Ich aber hatte nun Boden unter die Füße bekommen und sagte: „Ich wollte nicht hierher kommen, sondern ich mußte hierher kommen, weil in meiner Brust etwas lebt, dem ich mich unterordne.“

Es ging hin und her, da fiel das Wort von irgendeinem Mädchen auf das „Fortleben“. Ich fing das Wort auf und erzählte, daß es ein Fortleben nach dem Tode gebe, und daß sehr viele Verstorbene unsichtbar hier seien, die nur ihre sexuelle Befriedigung ausleben wollten. „Und Du, Mutter Deiner Töchter, bist die Handlangerin.“

Da ging es über mich her. Ich aber blieb ruhig und gelassen. Als meine Zeit um war, wollte ich gehen. Nun sollte ich auf einmal bleiben. Doch ich verließ das Lokal nach Bezahlung meiner Zeche. Aber der Mann, der neben mir saß und die ganze Zeit über kein Wort gesagt hatte, folgte mir und redete mich an: „Hören Sie, lieber Mann, ich muß mit Ihnen sprechen. Ich gebe zu, ich wollte mir ein Mädel für die Nacht holen, aber Sie haben mir die Augen geöffnet. Bitte kommen Sie mit mir in ein gutes Lokal, ich muß mit Ihnen sprechen.“

„Gut“, sagte ich, „ich will Ihnen aber keine Unkosten machen, ich kann meine Zeche selbst bezahlen.“

Wir gingen in den Fremdenhof, aber alles war besetzt. Doch an einem Tisch saßen nur zwei Damen. Dort fanden wir Platz, und ich sagte offen zu dem Herrn:

„Scheuen wir uns nicht vor den Damen, und seien Sie offen zu mir, ich werde auch zu Ihnen offen sein.“

Es kam zu einer Unterhaltung, an der sich auch die bei den Damen betei­ligten. Was ich sagte, muß einen tiefen Eindruck gemacht haben. Es kam mir vor, als wären wir längst gute Bekannte. Über drei Stunden sa­ßen wir zusammen. Wenn ich nicht zum Zug gemußt hätte, wir hätten noch viel zu erzählen gehabt.

Der Mann war aus Plauen im Vogtland. Sein Zug ging zehn Minuten später als meiner, und so gingen wir gemeinsam zum Bahnhof. Auf dem Weg dorthin fragte er mich eindringlich: „Sagen Sie mir ehrlich: Spre­chen Sie die Wahrheit oder spielen Sie nur Theater? Entweder Sie sind der wahre Christ oder ein großer Schauspieler. Sie behandeln dieses mystische Problem mit einer Innigkeit und Nüchternheit, wie ich es noch von keinem Menschen gehört habe. Mit einem Schlag sehe ich mein ver­lorenes Leben. Nun frage ich: Was soll ich tun, damit ich ein anderer Mensch werde?“

Darauf ich: „Lieber Freund, Sie müssen nicht nur an Jesus glauben, son­dern mit Jesus rechnen, daß er da ist. Sein Dasein können Sie nicht aus der Welt schaffen. Ohne ihn gehen Sie verloren, aber mit ihm lernen Sie, andere Wege zu gehen.“

Er meinte: „Mann, eben darum handelt es sich ja. Ich habe genug von all den Betbrüdern, alles atmet nur Heuchelei, wenn sie von Moral reden.“ „Leider’, sagte ich, „ist das oft der Fall, aber man darf auch das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Jesus verlangt nichts. Er bittet nur: ‚Laß mich bei Dir Wohnung nehmen!’

Ich kenne Jesus aber noch von einer anderen Seite, denn Er ist nicht nur Liebe und Wahrheit, sondern auch ewige Erbarmung. Ich war ein Verlo­rener, ohne jegliche Aussicht auf Errettung, dabei bin ich ein Wissender gewesen von Jugend an. Und doch: die Gebete meiner seligen Mutter haben Jesus bewogen, mir zu helfen. Er tat es so, daß es für mich kein Ausweichen mehr gab. Und als ich den guten Willen zeigte, belohnte er mich, den größten Sünder, indem er mich in einem Augenblick von mei­nen drei größten Leidenschaften heilte: nämlich vom Rauchen, Fluchen und Kartenspielen. Schon im nächsten Augenblick hatte ich eine derarti­ge Abneigung dagegen, daß ich keine Lust mehr hatte, mich diesen La­stern noch einmal hinzugeben.

Ich erkannte die unsagbare Liebe und wurde ein Dankender. Was ich heute tue, ist weniger Arbeit und Aufgabe, es ist Dank und Bedürfnis. Ich bin es meinem Heiland schuldig, denn er ist mir inzwischen Gott und Vater, aber auch Freund und Bruder geworden.

Das mußte ich Ihnen, lieber Freund, sagen. Behalten Sie mich immer in Erinnerung, denn auch an Ihnen soll die heilende und erlösende Liebe Jesu Christi offenbar werden. Dort an dem Schalter tue ich Dienst. Wenn Sie wieder einmal nach Zwickau kommen, fragen Sie, ob Kame­rad Seltmann da ist, und wir können uns weiter unterhalten. Leben Sie wohl, und Jesus sei mit Ihnen!“

Noch oft kam der Freund aus Plauen an den Schalter und erkundigte sich nach mir. Manchmal war ich nicht da, aber seine Grüße haben mich immer gefreut. Traf er mich an, dann gab es ein Gespräch wie mit einem lieben Verwandten.

 

 

Rettung zweier Verzweifelter

Nun will ich noch ein besonderes Erlebnis festhalten. An einem Nachmit­tag wurde ich getrieben, in eines der schlimmsten Lokale zu gehen. Es war die Zeit der großen Arbeitslosigkeit. In diesem Lokal {Felsenkeller} saßen an die 20 Arbeitslose an einer großen Tafel. Ich grüßte „Glück­auf“, aber nur einer dankte mir. Neben ihn setzte ich mich, das heißt, es mußte erst Platz gemacht werden.

Dieser Mann, er war etwa Mitte 30, sprach ganz unerwartet offen zu mir. Erst konnte ich mir gar kein rechtes Bild machen, was er mir er­zählen wollte, aber dann wurde es mir klar: Er müsse sich noch „einen ansaufen“, damit er den Mut habe, seine Frau und seine Kinder totzu­schlagen und sich dann selbst wegzuräumen.

In mir kam wieder die Ruhe und Sicherheit auf: „Kamerad, komm, wir ge­hen in ein ruhiges Lokal, wo wir alleine sind. Wir haben uns viel zu er­zählen.“

Der Mann war nicht betrunken, aber besessen von seiner satanischen Idee. Seine Augen glänzten. Willig ging er mit mir in ein anderes Lokal, wo wir mehr Ruhe hatten. Ich bestellte zwei Glas Bier und bezahlte so­fort. Nun waren wir ungestört.

 „Kamerad,“ begann ich, „was ist eigentlich mit dir los? Sei ganz offen zu mir. Ich meine es gut mit dir.“

Ich sah ihn an und nahm seine linke Hand in meine rechte. Da fing er an zu sprechen und schilderte mir sein Eheleben: Daß die Frau auf die Straße gehe und er das nicht mehr ertragen könne. Er sehe keinen an­deren Ausweg und so sei es doch das Beste für ihn. Er erzählte noch von seinen Bemühungen, Arbeit zu bekommen und entschuldigte sein Tun und sein Vorhaben.

Ich beruhigte ihn, daß ich großes Verständnis für ihn habe und fragte ihn: „Hast Du es schon einmal mit dem Heiland, mit Jesus versucht?“

Er schwieg. Ich stellte ihm die Lage so dar: Wenn er glaube, auf diese Weise dem Elend entrinnen zu können, werde er in ein noch größeres hineinrennen. „Glaubst du denn nicht an ein Fortleben? Was würdest du sagen, wenn du deine Mutter darüber an den Rand der Verzweiflung brächtest?“

Da war er ganz erschüttert: „Sage mir nichts von meiner Mutter, was hat die schon wegen mir geweint ...“ Er konnte nicht weiterreden. Ich schwieg, aber mein Herz sprach um so lauter zu ihm.

„Was soll ich denn tun?“ fragte er schließlich. „Ich komme nicht mehr weiter.“

„Doch mein Freund, der Heiland ist noch da und ist dir näher, als du glaubst, denn er sendet mich, dir zu helfen, und in meiner liebe kommt er jetzt zu dir.“

„Nein, nein, das kann ich nicht glauben, alles ist verloren.“

„Nicht doch, lieber Freund, ich will dir einen Vorschlag machen. Wür­dest du mich in deine Wohnung bringen? Ist deine Frau zu Hause und auch deine Kinder?“

Er nickte, aber er wollte darauf nicht eingehen. Ich redete ihm zu: „Der Heiland in mir will euch allen helfen!“

Nach vielem Hin und Her gingen wir. Die wenigen Schritte bis zu seiner Wohnung redete ich kein Wort, er auch nicht. Wir kamen in das alte kleine Haus, finster die Treppe, ein schwaches Licht erhellte den Haus­flur. An der Tür erkannte ich auch den Namen: Seidel. Er öffnete die Tür. Ich betrat ein dunkles Zimmer. Die Frau sah mich an und wich zurück, als ich ihr die Hand zum Gruß reichen wollte.

Ich sagte: „Liebe Frau Seidel, denken Sie nicht schlecht von mir. Ich will nichts von Ihnen, sondern Ihnen etwas schenken, was Ihnen beiden den Frieden bringen soll.“

„Den kann ich schon gebrauchen“, sagte sie und reichte mir ihre Hand, ebenso die beiden Mädchen, sie waren etwa zehn und zwölf Jahre alt.

Ich ging sofort auf mein Ziel los und sagte: „Frau Seidel, Ihr Mann hat mir alles erzählt. Ich kann mir Ihre Lage sehr gut vorstellen und kann Ih­nen nur sagen: Euch beiden fehlt der Heiland, Jesus. Denken Sie aber nicht, daß ich Sie bekehren möchte. Ich will Ihnen nur den Weg zeigen, wohin Ihr beide Euch verirrt habt, und wo Ihr beide landet: in der größ­ten Verzweiflung, wo jede Rettung aussichtslos ist.“

Da sagte sie ohne jede Erregung:

„Hat Ihnen mein Mann auch alles erzählt? Ich glaube nicht. Ja, ich gehe auf die Straße, weil ich meine Kinder nicht verhungern lassen will, weil mein Mann seine Arbeitslosenunterstützung für sich und andere Frauen verwendet. Wenn ich kein Essen auf den Tisch bringe, bekomme ich noch Schläge obendrein. Wir hatten es so schön. Ich habe mitgearbei­tet. Aber jetzt ist es nicht möglich, Arbeit zu bekommen, und Gott hat uns vergessen. Reden Sie mir nicht mehr von einem Heiland! Der heutige Heiland ist Geld und Arbeit. Auch ich möchte heraus aus den Verhältnis­sen. Und glauben Sie, daß es mir Freude macht, mich zu verkaufen? Mich ekelt das leben an, aber meine Kinder sind mir mehr, als ich sa­gen kann, und nur um der Kinder willen tue ich es. Wie lange das noch geht, weiß ich nicht, denn auch ich bin fast am Ende.“

Ich war erschüttert, wandte mich zu dem Mann und sagte:

 

„Also so sieht es aus, so einer bist du! Viel zu schade bist du für den Heiland. Um deinetwillen wird deine Frau zur Hure, um der Kinder willen. Um auch dich nicht verhungern zu lassen, tut sie, was sie glaubt, tun zu müssen. Weißt du überhaupt, wie schuldig du dich machst?

Ich kenne viele Arbeitslose, aber zu hungern braucht keiner. Ich sehe hier in eurer Stube nur Reinlichkeit und Sauberkeit und einen guten Wil­len für deine Kinder. Du gemeiner Mensch, du! Und diese Frau willst du mit deinen Kindern umbringen? Was mußt du für ein Teufel sein, wenn du vorhast, diesen Engel auch noch zu bestrafen. Gib mir Antwort in Gegenwart deiner Frau und deinen Kindern!“

Der Mann schwieg auf meine harten Anklagen hin. Die Frau und die Kin­der weinten.

Ich sagte: „Frau Seidel, was soll nun werden? Geredet ist genug, ich fühle es, daß Sie sofort Ihr verkommenes leben aufgeben, sobald Ihr Mann sich wieder zum Besseren wendet. Und du, zu dir sage ich nur ein Wort: Möchtest du nicht wieder ein anständiger Mensch werden?“

Zusammengekauert saß er auf der Fußbank und weinte, aber er blieb stumm.

Ich fragte die Frau: „Würden Sie Ihrem Mann alles vergeben, wenn er wieder zu einem ordentlichen Menschen wird? Sie haben Ihn doch ge­liebt. Er ist nicht schlecht, nur verloren hat er sich.“ „Vergeben ja, ohne jede Überlegung. Aber Schläge zu bekommen für meine Liebe, das wäre zuviel. Ich muß ja mit ihm zusammenleben, schon um der Kinder willen. Wie kann ich denn den Mann noch lieben, wenn sich die Kinder ihres Vaters schämen müssen?“

„Kamerad, du hast gehört, was deine Frau gesagt hat. Was gäbe man­cher Mann für eine Frau, die eine solche Gesinnung hat, die nur um der Kinder willen sich zu einer Verlorenen gemacht hat. Nun rede endlich und höre auf mit deinem Geflenne!“

Er stand auf: „Mann, wenn es geht, ja, ich will. Aber wie soll ich es an­fangen ?“

„Das geht ganz leicht, wenn man eine solche Hilfe hat: den Heiland und deine Frau. Meide das Wirtshaus, denn dort gibt dir niemand Arbeit und Brot, sondern die paar Mark werden dir noch aus der Tasche geholt. Liebe deine Frau wieder wie am ersten Tag und habe Vertrauen zu dir selbst, dann wird alles ins rechte Lot kommen. Liebst du deine Frau noch? Und Frau Seidel: Lieben Sie noch Ihren Mann?“   Beide nickten.

„Also reicht euch die Hände, und verzeiht euch, und besiegelt den neuen Bund mit einem Kuß, der aber von Herzen kommen muß.“ Da reichten sich die beiden Menschen die Hände und die Frau sagte: „Vergib mir, niemals sollst du wieder Grund zum Klagen haben. Aber du mußt auch tun, was dieser Mann dir sagt.“ Weinend umarmten sich beide.

Da sagte ich: „So ist es recht. Nun wollen wir Versöhnung feiern. Frau Seidel, haben Sie Kaffee zu Hause?“’ Sie nickte.

„Hier, ihr beiden Mädels, sind zwei Mark, geht und holt Kuchen für das Geld, denn Versöhnung muß gefeiert werden. Sie kochen uns einen gu­ten Kaffee und dann will ich euch noch etwas erzählen von der Liebe des Heilandes, was ihr noch nicht gehört habt.“

Ich berührte das Vergangene nicht mehr, sondern erzählte, wie der Hei­land jedem Verlorenen nachgeht, der einen guten Willen hat. Beim Kaf­feetrinken wurde es recht gemütlich, denn die vier lauschten meinen Worten. Ich erzählte ihnen aus meinem Leben, wie uns auch die Not mit unserem blinden und schwachsinnigen Kind nicht gehindert hatte, nur in der Nachfolge Jesu leben zu wollen, der sein Leben auch für uns geop­fert hat.

Frau Seidel konnte ich als Schwester gewinnen. Sie fehlte danach in keiner Versammlung. Niemals mehr klagte sie über ihren Mann, der auch bald im Bergwerk Arbeit bekam. Nie mehr wurde die Vergangenheit her­vorgeholt, denn Jesus hatte ja die Schuld gestrichen. Voll Dank war mein Herz, wenn ich die Frau mit ihren Kindern in unserer Versammlung sah.

 

Freunde auf Erden und im Himmel

Nun muß ich noch einmal um Jahre zurückgreifen. Es war 1915. Damals verunglückte ein Kamerad namens Uhlig. Er war zwischen die Puffer von zwei Eisenbahnwaggons gekommen und war sofort tot. Die Witwe war Baptistin, Kamerad Uhlig ebenfalls. Ihre Nachbarin Ida Erler ging mit mir in die „Stunde“ (spiritistische Zusammenkunft), war aber Anfängerin auf diesem Gebiet, wie ich damals auch.

Ich besuchte sie eines Abends. Ihr Mann machte Musik bei einer Ge­sellschaft und war nicht zu Hause. Ida hatte auch ihre Nachbarin Uhlig und einige andere eingeladen. Das Gespräch drehte sich natürlich um den toten Nachbarn. Da sah ich ihn anwesend, ganz wie zu Lebzeiten in seiner Uniform, und ich erzählte davon. Die Witwe Uhlig bezweifelte das, da er doch „wiedergeboren“ sei. Meine Schauung trügte mich aber nicht, es war sicher mein Kamerad Uhlig.

Ich wandte mich an Ida Erler:

„Ida, wir wollen beide um Klarheit beten und dem toten Bruder im Gei­ste Jesu die Hände auflegen.“

Und zu ihm in seiner Geistgestalt: „Kamerad, du hast bestimmt Interesse daran, daß deine Frau erlebt, daß du hier unter uns bist. Du bist doch kein Verlorener, du warst ja gläubig. Aber in einem Himmel kannst du auch nicht sein, sonst wärst du nicht unter uns. Wir wollen dich stär­ken. Gib deiner Frau einen Beweis, daß du wirklich da bist.“

 

Dann stellte ich mir meinen Kameraden als Mensch vor und legte ihm die Hände auf und Schwester Ida legte ihre Hände auf meine. Ich bete­te laut: „Lieber Heiland, wenn es Dein Wille ist, dann stärke diesen Bruder, um Dich zu verherrlichen.“ Ich sah, wie sich der geistige Freund Uhlig umschaute und sich an ei­nem Küchenrahmen zu schaffen machte. Dann sahen wir, wie sich eine Rolle Sandpapier, die in ein Töpfchen hineingesteckt war, zu bewegen begann. Alle hielten den Atem an. Das Sandpapier wurde ohne unser Zutun richtiggehend aus dem Töpfchen heraus gedreht und fiel hinunter. Wir blickten uns an. Mein geistiges Auge war wieder geschlossen. Ich sagte: „Laßt uns danken für den Beweis einer solchen Liebe, dass sich ein Bruder manifestieren kann. Und betet: Lieber treuer Heiland, Je­sus Christus, wieder durften wir Deine unsagbare Liebe erleben. Wir sind viel zu schwach und zu klein, um Dir genug danken zu können. Nimm hin unseren schwachen Dank um Deiner Liebe willen.“ Das ganze löste aber bei der Witwe Uhlig das Gegenteil aus. Erregt beharrte sie, sie könne es nicht glauben. Das sei ein Geister-Zitieren und sie wolle es sich überlegen, ob sie nicht Strafantrag wegen groben Unfugs stellen werde. - Sie tat es dann aber nicht, weil ihr Prediger da­ zu keine Zustimmung gab; es sei doch alles in Ordnung und mit Gebet zugegangen. Ida Erler wurde durch dieses Geschehen tief beeindruckt und selbst hellsehend.

Nach zwei Jahren erkrankte Schwester Ida. Ich besuchte sie, wenn ich Zeit hatte. Ihr Mann war im Krieg gefallen und mit ihren bei den Kindern stand es nicht zum Besten. Sie konnte nichts essen außer Sahne und davon so wenig, daß eine volle Kaffeetasse für eine Woche reichte. Ich konnte ihr aber die Sahne besorgen von einer Schwester in Steinpleis, die ein Rittergut hatte. Jede Woche trug ich ihr diese Tasse voll Sahne hin. Als ich wieder einmal kam, sagte sie: „Max, du brauchst nur noch ein­ mal zu kommen. Das sagt mir jetzt dein Engel, der dich immer begleitet. Er hat ein leuchtendes R auf seinem Kopf. Es wird wohl sein Name sein, der mit einem R anfängt, denn er nickt jetzt.“

Wirklich, ich brachte ihr nur noch einmal das Liebesgeschenk. Als ich kam, empfing sie mich mit den Worten: „Max, der Engel dankt dir für deine Mühe.“ Sie sprach wenig. Der Besuch bei dieser Schwerkranken war immer ein Gottesdienst für mich. Ida wurde begraben und die Kinder kamen zu Verwandten.

20 Jahre später. Ich befand mich auf Urlaub mit einem Berufskameraden unten am Kochelsee. Die Frau des Kameraden war eine fröhliche, immer gut gelaunte Person und gesellte sich gerne dazu, wo viel gelacht und Spaß gemacht wurde. Eines Tages gingen wir schon frühzeitig los, um auf den Herzogstand zu steigen. An einer Verkaufsbude stand eine Anzahl Mädchen, lauter lustige, frohe Menschenkinder. Ich beteiligte mich mit einem Scherz an ihrer gesunden Fröhlichkeit.

Da sprach mich ein Mädchen an: „Sind Sie Sachse?“ „Ja, ein waschechter noch dazu“, versicherte ich ihr, „aus Werdau bei Zwickau.“ „Bei Zwickau?“ erstaunte sie. „Kennen Sie Lichtentanne?“ „Aber ja, mein Fräulein, ich habe dort fast zwölf Jahre gelebt.“ „Ist Ihnen Robert Erler, der 1917 gefallen ist und meine Mutter Ida Erler bekannt?“ „Ja, sehr gut! Dann bist du wohl die kleine Ida? Wo ist dein Bruder Georg?“ Da rief sie ihren Freundinnen zu: „Geht alleine weiter, ich habe einen Freund meiner Mutter getroffen!“ und wandte sich wieder zu mir: „Sie gestatten doch, daß ich mich Ihnen anschließe?“

„Aber gern, kleine Ida. Ich sage nun wieder Du, wie du zu mir damals Onkel sagtest. Sage es ruhig jetzt auch wieder.“

So stiegen wir nun nach oben und ich bat sie: „Ida, erzähle mir, wie es dir und deinem Bruder ergangen ist. Bergauf fällt mir das Reden schwer, aber oben werde ich dir dann manches erzählen.“

Ich erfuhr viel Wichtiges und Unwichtiges. Oben genossen wir erst ein­mal die herrliche Fernsicht. Dann zogen wir uns zurück und machten es uns unter Latschenkiefern bequem. Nun erzählte ich die Geschichte ihrer Mutter. Ich will sie hier im Stenogrammstil festhalten. „Deine Mutter, Ida, war eine Berufene wie selten eine Frau. Dein Vater war ungläubig. Aber sie haben eine gute Ehe geführt. Deine Mutter war katholisch, dein Vater evangelisch. Dein Bruder ging in die Schule, du noch nicht. Als dein Vater gefallen war, wurde deine Mutter eine Gei­sterseherin, wie Kurt Münch, damals der größte Hellseher. - Ich fühlte mich mit deiner Mutter liebevoll verbunden. Ich hatte ihr viel zu verdan­ken, da ich zu der Zeit selbst ein Suchender und Ringender war.

Nach dem Tode deines Vaters zog deine Mutter zu Kurt Münch, wo sie dann krank wurde und starb.

Nun höre: Durch deine Mutter haben sich große Engel offenbart und auch mir Dinge gezeigt, die sich teils in irdischen, teils in geistigen Sphären zutrugen. Zum Beispiel gab mir dein Vater einmal ein Bild sei­nes Lebens in der Geisterwelt. Er bedauerte, daß er sich nicht losrei­ßen könne von den Stätten, an denen er immer Musik gespielt habe. ­Ich konnte und durfte ihm ein klein wenig Licht bringen. Als Mensch hat­te er davon nichts wissen wollen, aber jetzt wollte er alles tun, um sein Leben zu bessern. Es sei so hart, da der Weg zum Heiland unendlich schwer sei. So erlebte ich deines Vaters Reue und Umkehr.

Deine Mutter aber, geläutert durch ihr Leiden, brachte wunderbare Of­fenbarungen. Ich fing fast an zu zweifeln, daß ein Mensch von einem Kaffeelöffel Sahne überhaupt leben konnte. Auf die Stunde hat sie mir ihren Tod vorausgesagt und hat auch von dir und Georg erzählt, daß ich mich um euch keine Sorgen zu machen brauchte. Ihr kamt fort von Lich­tentanne. Mit deiner Mutter habe ich oft Kontakt gehabt, weil auch ich die Gabe erhielt, geistige Freunde zu sehen. So erlebte ich einmal, wie sie mir mit deinem Vater erschien und zu mir sagte: ‚Bruder, das geistige Leben ist nur eine Fortsetzung des irdischen Lebens, aber viel ernster. Wer einmal das Leben begriffen hat und es aus der Gnade Gottes lebt, für den ist es leicht und wird es zur Seligkeit’“_

Lange saß das Mädchen da, in ihren Augen Tränen, aber auch ein Leuchten: ,“Lieber Onkel Max, mir ist es, als wenn ich dich jetzt wieder erkenne und als wenn meine Mutter ganz dicht neben mir säße. Als ich mündig wurde, kam mein Bruder Georg zu mir und wollte mich zwingen, ins Kloster zu gehen, weil auch er in der Klosterschule erzogen wurde. Ich war bei einer Tante, die meinem Beichtvater und Hochwürden den Haushalt in Freiburg führte.

Ich lehnte die Art ab, wie Georg sich mir gegenüber benahm: überhaupt nicht wie ein Bruder. Ich konnte nicht ständig so ernst sein wie er, ich liebte ja mein Leben.

Ich hatte Schneiderin gelernt. Als ich meinem Bruder allen Ernstes sag­te, ich ginge nicht ins Kloster, wurde er direkt brutal. In diesem Augen­blick kam mein Onkel Hochwürden ins Zimmer und stellte Georg zur Re­de, wie er als Sohn der Kirche so lieblos sein könne. Da sagte mein Bruder: ‚Ich muß über meine Schwester wachen, damit sie nicht eine Verlorene wird wie unsere Mutter.’

Ich war erstarrt. Aber Hochwürden sagte: ‚Ist es nötig, daß du als rech­ter Sohn der Kirche deine Mutter noch im Tode verleumdest? Warte ei­nen Augenblick, ich werde etwas holen und du sollst Zeuge sein, wie ich deine Schwester jetzt belohne.’

In wenigen Minuten kam er zurück und hatte zwei Briefe in der Hand. Als er sich gesetzt hatte, las er uns beide Briefe vor und erklärte dazu: ‚Ehe ich euch hier aufnahm, habe ich den Pfarrer in Lichtentanne und den Geistlichen der katholischen Kirche in Werdau um Auskunft gebe­ten. Hier die Antworten.

Der  katholische Pfarrer schrieb: ‚Ida Erler ist als eine Verlorene zu be­trachten, denn sie hat trotz meiner Warnungen und ernsten Vorstellun­gen meinerseits den Ungläubigen Robert Erler geheiratet und niemals mehr von den Gnadenmitteln der Kirche Gebrauch gemacht.’

Der Pfarrer der evangelischen Kirche schrieb: ‚Ida Erler ist das Weib ei­nes ehrlichen und braven Mannes geworden, der seine Familie liebte und niemals Grund zur Klage gab, obwohl er viel in unseriösen Gesell­schaften verbrachte, weil er dort Musik machte. Sein Tod wurde von al­len betrauert. Ida Erler lebte ein religiöses Leben, wie wenige in meiner Gemeinde. Sie hat durch ihre Geistesgaben manchen Menschen den Weg zu Jesus bahnen dürfen und sich dadurch einen Schatz und einen Platz im Himmel erworben.’

So ist das Urteil der zwei Priester, meine Kinder, und du Georg, laß dir das eine Lehre sein für dein ganzes Leben. Dir aber, meine Ida, lebe dein Leben, wie ich es dich gelehrt habe in Gottesfurcht und Liebe, dann wird die selige Jungfrau Freude an dir haben. Somit überreiche ich dir die beiden Briefe, die eine Ehrenrettung deiner Mutter sind. Du bleibst bei uns, solange ich lebe.’ ­

Nun, lieber Onkel’“, erzählte sie weiter, „habe ich einen Bräutigam, leider ist auch er evangelisch. Ich lasse aber nicht von ihm. Er hatte in Frei­burg eine gute Stelle als Kaufmann. Auf einmal wurde er entlassen ‚we­gen Arbeitsmangel’, wie es hieß. Ich erfuhr, wer der eigentliche Urhe­ber war: mein Bruder Georg. Lebte mein Onkel noch, wäre das sicher nicht geschehen. Doch nun könnten wir bald heiraten, denn mein Bräuti­gam hat in Köln wieder eine Stellung gefunden. Was rätst du mir: Soll ich unter diesen Umständen noch katholisch bleiben?“

„Ida, was glaubst du, was deine Mutter sagen würde, wenn sie hier wä­re ?“  „Onkel Max, ich glaube, meine Mutter ist jetzt hier und sagt: ‚Meine Ida, im Himmel wurde noch keiner gefragt, welchen Glauben er hat, aber es wird gefragt: Kind, wie hast du geliebt?’“

„Ida, nimm an, es ist deine Mutter, die dir das sagt. Ich sehe sie jetzt im Geiste vor uns beiden stehen.“

Beim Abschied sagte das Mädchen zu mir: „Onkel Max, du ahnst nicht, was du mir mit deinen Erzählungen für ein Geschenk gemacht hast. End­lich habe ich etwas von meiner Mutter erfahren dürfen, was mir Freude macht. Ich werde oft an diesen Tag denken, den mir Gott geschenkt hat und der mir den Beweis gebracht hat, daß es ein Wiedersehen im ewi­gen leben gibt.“

 

 

 

 

Erlebnisse mit Fürchtegott

 

Die folgenden Erlebnisse hat Seltmann in einem eigenen Buch in Form eines Romans ausführlicher geschildert, siehe hierzu die Bemerkungen im Vorwort. Das Buch erscheint als Band 3 in dieser Schriftenreihe unter dem Titel: „Arno“. Im folgenden werden dann nur einige Ausschnitte aus diesem Teil des Lebensberichts Max Seltmanns wiedergegeben. (Erläuterungen der Herausgeberin sind kursiv gesetzt]

 

Begegnung in den Bergen

Es war im Jahr 1936. Mit Friedrich Tesch aus Hannover hatte ich mich verabredet, den Urlaub gemeinsam in Pfronten im Allgäu zu verbringen. Jeden Tag haben wir wunderbare Ausflüge unternommen und dabei auch geistige Erlebnisse gehabt. Hier will ich nur ein einziges festhalten, das oft wieder in mir lebendig wird und mir zeigt, was der geistigen Welt durch ihr Einwirken alles möglich ist.

Wir waren unterwegs zu den Reichenbacher Wasserfällen, der Weg war. sehr beschwerlich. Unsere Unterhaltung drehte sich wie immer um das Geistige. Wir waren so vertieft, daß wir den Fußgänger nicht be­achteten, der vor uns ging, mit einer Tragebutte auf dem Rücken.

Ich muß etwas laut gesprochen haben, denn der Mann hielt inne und sprach uns an: „Verzeihen Sie einem alten Mann, der auch etwas von Ihnen vernehmen will, was Sie so untereinander besprechen. Sie reden doch vom lieben Gott.“

„Aber freilich, zu dritt wandert es sich besser als allein“, erwiderte ich, „aber es kommt darauf an, ob Sie überhaupt befriedigt sind von dem, was wir sprechen.“

Da schaute mich der alte Mann mit seinen klaren Augen offen an.

„Liebe Herren“, sagte er, „Sie ahnen ja gar nicht, was in mir vorgeht, wenn ich Ihre Worte vernehme. Ich bin ein Verfemter, von dem man nichts mehr wissen will.“

Ich lächelte. „Ein Verfemter? Lieber Freund, gibt es das eigentlich noch in unserem modernen Zeitalter? Denn wären Sie ein Spitzbube oder ein Räuber oder ein Mörder, säßen Sie doch längst hinter Schloß und Rie­geL“

„Das wohl nicht, aber mir ist noch viel Schlimmeres geschehen. Die Kir­che droht mir mit dem Fluch.“

„Lieber Mann,“ erwiderte ich, „ich habe mich schon vor zehn Jahren von der Kirche gelöst, weil ich diese Heuchelei nicht mehr mitmachen woll­te.“

„Waren Sie auch katholisch?“

„Nein, evangelisch. Aber ist denn das die Hauptsache, einer Kirche an­zugehören? Seit ich mich von der Kirche gelöst habe, bin ich erst rich­tig frei geworden, weil mir nun die Natur und die schöne Gotteswelt zur Kirche geworden ist.“

„Das verstehe ich noch nicht. Sie sprechen so erhaben über Gott und den Heiland, daß ich mich wundern muß. Das können doch nur die Pfar­rer.“

„Lieber Mann, Sie scheinen wenig von der Welt zu wissen. Haben Sie noch nie einen Laienprediger gehört? Haben Sie noch nie einen anderen Gottesdienst besucht als den in Ihrer Kirche? Ich achte jeden Glauben, aber meinen eigenen vertrete ich aus Überzeugung. Mein Glaube ist der an Jesus Christus, der für mich und für alle am Kreuz gestorben und am dritten Tage wieder auferstanden ist von den Toten. Er wird sich all de­nen, die an ihn glauben und nach seinen Worten handeln, in ihren Herzen offenbaren. Das kann ich Ihnen auch an Hand der Bibel belegen.“

„Meine Herren, wenn es Ihnen nichts ausmacht, dann möchte ich Sie bit­ten: Seien Sie heute mein Gast. Ich muß mit Ihnen sprechen.“

Ich sah Friedrich an, der nickte. „Gut, lieber Freund,“ willigte ich ein, „wir kommen gerne mit, wir können über unsere Zeit verfügen.“

Eine gute Stunde wanderten wir noch und unterhielten uns dabei.

Dann kamen wir zu einem kleinen Hof. Wir wurden erwartet und begrüßt von einer jungen Frau mit einem Kind auf dem Arm. „Hier ist meine Frau und mein Sohn“, sagte er und stellte uns vor.

„Die beiden Herren habe ich unterwegs getroffen und zu uns eingela­den. - Ich erhoffe großen Nutzen von ihnen für mich und auch für dich, meine Liesei.“ Der Willkommensgruß der Frau war herzlich, aber sie schlug die Augen nieder vor meinem Blick. „Liebe Frau“, versuchte ich sie zu ermutigen, „ich danke Ihnen und hoffe, daß die Zusammenkunft auch Ihnen großen Segen bringen wird.“

Es war noch eine Magd anwesend, sie musterte uns kalt und mit feindli­chen Blicken.

Bald saßen wir am Tisch bei einem einfachen Mahl. Nachher, als auch die Tragebütte geleert war, führte uns der alte Hausvater zu einer Bank, von der aus wir eine wunderbare Fernsicht hatten. Die junge Frau hatte derweil in der Küche zu tun.

Wir sprachen über die Kirche und den Glauben. Ich lenkte immer das Gespräch auf Jesus und auf die von ihm ausgehende Gottes- und Lie­besbeziehung. Wir saßen keine zwei Stunden, da wurden wir zum Mit­tagsmahl geholt und erlebten, daß auch die Bergbewohner gut kochen können. Nur spürte ich eine Unfreiheit, die mich geradezu beengte. So suchte ich ein tieferes Vertrauen beim alten Hausvater. Er hieß Fürch­tegott und bot mir und Friedrich das Du an. „Höre, Fürchtegott, hier bei euch stimmt etwas nicht, vor allem mit eue­rer Magd. Ich habe direkt eine Abneigung gegen sie.“

„Du meinst Barbara, sie ist eine Verwandte von mir, eine gute Katholi­kin.“

Mir ging eine Ahnung auf, mein Inneres hatte mich nicht umsonst ge­warnt. Aber mit unseren Gesprächen kamen wir nicht vorwärts, und ich sah wenig Erfolg. Leise meinte ich zu Friedrich: „Am liebsten würde ich aufbrechen.“ Er stimmte zu.

„Mein Fürchtegott“, sagte ich also, „wir möchten wieder nach Hause gehen. Wir reden um die Sache herum und kommen nicht weiter.“

Doch er bat: „Könnt Ihr dann nicht später noch ein paar Tage zu mir kommen? Am liebsten würde ich mit euch gehen.“

Er führte uns in seinem Haus und Gehöft herum. Nur eine Kuh war im Stall, sonst war das Vieh auf der Alm. Ich wunderte mich, daß das Ehe­paar getrennte Schlafräume hatte. Ich schwieg, aber ich nahm mir vor, doch noch einmal zu dem alten Mann zurück zu kommen.

Wir verabschiedeten uns kurz von den Frauen. Fürchtegott begleitete uns ein gutes Stück talabwärts und wiederholte noch einmal seine Einla­dung, einige Tage bei ihm zu verbringen. Es solle uns nichts kosten, er sei so dankbar für das, was wir ihm gegeben hätten. Ich lehnte nicht ab und glaubte, es sei alles in Ordnung.           .

Das war aber nicht der Fall, denn Friedrich grollte um den verlorenen Tag. „Friedrich“, sagte ich darauf, „ich werde noch einmal hingehen. Nicht umsonst wurden wir hierher geführt. Wir haben da eine Mission zu erfüllen.“

Er blieb bei seiner Ablehnung, und so trennten wir uns zum Ende des Urlaubs. Ich ging die letzten vier Tage noch einmal auf den Ödhof, und Friedrich fuhr nach München.

 

 

Auf dem Ödhof

Als ich wieder bei Fürchtegott einkehrte, war Bärbel die erste, die mich begrüßte.

Sie fuhr mich sogleich an: „Glauben Sie ja nicht, daß ich mich freue, daß Sie wieder hier sind. Wir können Sie gar nicht gebrauchen.“

„Deswegen bin ich wieder da“, entgegnete ich, „aber nicht für Sie, son­dern für Fürchtegott, der kann mich schon gebrauchen. Eins möchte ich Sie fragen: Gehört das zu Ihrer Religion, daß Sie Gäste, die der Haus­vater eingeladen hat, wieder hinausekeln wollen? - Wo ist Ihre Herr­schaft ?“

Sie nannte den Namen eines Ortes, den ich nicht verstand. Ich setzte mich auf die Bank. Liesei, die junge Frau, kam mit ihrem Kind auf dem Arm, hieß mich herzlich willkommen und forderte mich auf, mit ins Haus zu kommen. Ich ergriff ihre Hand.   .

„Liesei, dein Mann bot mir das Du an, und ich biete es dir auch an. Es spricht sich leichter, wenn auch die kleinste Wand weg ist. Ich kom­me als euer Freund zu euch und bin diesmal allein. Sei versichert, ich komme nicht, um euch den Frieden zu stören, sondern zu helfen, den wahren Frieden zu finden. - Wo ist denn Fürchtegott?“

„Er ist im Heu, eine Viertelstunde von hier. Ich komme gerade von ihm.“ „’ch werde zu ihm gehen“, erwiderte ich, „ich lasse nur mein Gepäck ins Haus bringen. Bärbel ist wütend, weil ich wieder gekommen bin.“

„Ich komme mit und zeige dir den Weg zu Fürchtegott. Er erwartet dich schon, aber er möchte heute gerne mit dem Heu fertig werden.“ Wir gingen los. Sie nahm wieder ihr Kind auf den Arm.

Unterwegs bat sie mich, ich solle Bärbel nicht bös’ sein. Sie sei sehr gut zu ihnen, vor allem zu dem kleinen Fürchtegott. „Liesei“, erwiderte ich, „ich fühle, hier ist ein Geheimnis. Bitte sei offen zu mir. Ich habe dir nicht nur in die Augen geschaut, sondern auch in dein Herz. Warum hast du Angst vor mir? Ich mache dir doch keine Vor­würfe. Fühlst du dich irgendwie schuldig? Weißt du, die wahre Liebe kennt keine Schuldigen.“

„Weißt du etwas von mir? Hat Fürchtegott etwas gesagt?“

„Nein, Liesei, noch kein Wort kam über seine Lippen. Aber ich ahne und fühle, daß irgend  etwas dich sehr bedrückt. Was es auch sei, du stehst vor mir ganz rein wie die Sonne da. Sieh, auch ich kenne das Leid, ich habe eine blinde, schwachsinnige Tochter von 18 Jahren.“

„Eine blinde Tochter hast du? Das muß sehr schwer sein. Wie wird dei­ne Frau damit fertig?“

 

 

„Geduldig und wie eine Christin. Was hätte auch das Klagen für einen Sinn. Was Gott uns schenkt, muß uns doch dienen. Darum müssen wir danken und alles als Geschenk seiner großen Liebe ansehen.“ „Da bin ich sicher noch sehr rückständig. Ich lebe in einer steten Got­tesfurcht, denn ich bin eine Schuldige.“

„Liesei, sage das nicht. Kennst du unseren Heiland so wenig?“

„Lieber Freund, wir sind ohne den kirchlichen Segen verheiratet. Das ist es, was mich niederdrückt. Ich komme nicht los von dem dauernden Schuldgefühl.“ „Liesei, du bist ein armes, armes Menschenkind. Jetzt freue dich, daß ich in euer Haus gekommen bin, und sei nicht traurig, denn ich komme mit einem Herzen voller Liebe zu euch.“

Bald waren wir bei Fürchtegott angelangt. Er hätte am liebsten sofort aufgehört mit seiner Arbeit. Aber ich half ihm, und so dauerte es nicht mehr lange, dann war die Arbeit erledigt. Liesei war wieder zum Haus zurückgegangen.

Diese Freude, mich wieder zu haben! Der alte Fürchtegott war wie um­gewandelt. Er habe viel über meine Worte nachgedacht. Nun freue er sich auf das, was er noch von mir hören werde.

Zu Hause ärgerte sich Liesei, denn Bärbel war weggegangen, ohne ihre Arbeit zu erledigen. So hatte sie nun selbst einen Kaffee und eine gute Vesper hergerichtet. Wir blieben im Hause am Kaffeetisch sitzen und er­zählten von den Ereignissen in der Welt und von dem, was eigentlich noch alles geschehen könnte. Fürchtegott war ein völlig weltfremder Mensch, trotz seiner 70 Jahre.

Nach einigem Hin und Her brachte ich das Gespräch zur Hauptsache: „Mein lieber Fürchtegott, wir wollen uns lieber mit dem Geistigen be­schäftigen, um die Stunden zu nutzen, die uns hier geschenkt sind. Ich bitte dich, mein lieber Bruder, sei ganz offen. Ich bin nicht um irdischer Dinge willen, sondern um des Ewigen willen zu euch gekommen. Mein Freund Friedrich war darüber etwas verärgert, aber ich fühlte in mir, daß ich euch wichtiger bin als ihm. - Was ist eigentlich mit Bärbel los? Sie steht mir so feindlich gegenüber.“

Fürchtegott wunderte sich auch über Bärbels Verhalten. „Ich ahne es längst, daß da etwas im Gange ist, aber ich weiß nicht recht, was sie eigentlich will. Wir verstehen uns sonst ganz gut.“

Inzwischen war Bärbel zurückgekommen. Sie sagte nicht, wo sie gewe­sen war.

Ich ging mit Fürchtegott wieder hinaus auf die Bank. Das Wetter war gut, mit würziger luft und klarer Fernsicht, daß ich ganz aufging in die­ser herrlichen Bergwelt.

Nun fing Fürchtegott an, sein Leben zu schildern.

 

 

Fürchtegotts „Beichte“

„Lieber Freund, ich bin hier auf dem Hof geboren. Vor ungefähr 25 Jah­ren kam ein Mädchen zu uns. Sie hatte nur ein kleines Päckchen mit ih­ren Habseligkeiten bei sich, aber eine Sorgenlast auf dem Rücken und noch eine größere unter dem Herzen. Meine Mutter erbarmte sich ihrer und tat, was jeder Mensch und Christ tun würde: Sie bot ihr Unterkunft und Gelegenheit, ihr Kind auszutragen. Das Kind, das sie geboren hat, ist heute meine Frau.

Ja, schaue mich nicht so fremd an, es klingt wie ein Märchen. Aber es ist ein bitteres Märchen.

Das Mädchen hieß Liesbeth oder Liesei, wie man hier sagt. Sie war lu­therisch.

 

 

Als sie ihr Kindchen geboren hatte, blieb sie bei uns. Mein Vater lebte nicht mehr, meine Mutter besaß das Anwesen als Witwe, und ich mach­te die Arbeit. Liesei und ich, wir haben uns innig geliebt, und unserer Liebe tat es keinen Abbruch, daß wir nur wie Bruder und Schwester miteinander lebten und Liesei als Mutter ihr Kind zu betreuen hatte. Meine Mutter wußte von unserer Zuneigung, denn Mutteraugen sehen scharf.

Vor ungefähr 13 Jahren starb meine Mutter an einer inneren Krankheit, und ich mußte ihr versprechen, Liesei zu heiraten. Sie betrachtete Liesei längst als ihre Tochter. Daß wir nicht kirchlich heiraten konnten, lag an Mutters Beichtvater, der gegen diese Ehe mit einer lutherischen war.

Ich heiratete Liesei trotzdem, habe aber unterlassen, ihre Tochter, die ebenfalls Liesbeth, liesei hieß, zu adoptieren. Wir haben eine gute Ehe geführt. leider wurde uns kein Kind geschenkt. Nach den Worten des Pfarrers ruhte auf mir und meiner Frau kein Segen, sondern ein Fluch. Nun war es der Wunsch meiner Mutter gewesen, die kleine Liesei ka­tholisch zu erziehen. So geschah es auch. Der Pfarrer kam, aber nur zu Liesei, der Tochter.

Nun höre! Vor drei Jahren starb Mutter Liesei, meine Frau. Als sie beer­digt war, wollte man mit allen Mitteln erzwingen, daß Liesei, unser Kind, aus dem Haus käme, das doch immerhin ihr Elternhaus war. Sie war noch nicht mündig, und sie sei, wie man sagte, nur mein Stiefkind. Meine Mutter hatte das Geheimnis, wer der Vater Lieseis war, mit ins Grab genommen, und in mir ruht es auch. So hatte sie es gewollt, und ich bin es meiner Liesei schuldig, mich daran zu halten, denn wir haben uns ge­liebt wie wahre Menschen. leider wurden wir nicht kirchlich getraut, weil sich der Pfarrer weigerte. Aber unser leben war Gott geweiht. Nun sollte meine geliebte Tochter, die doch nicht meine leibliche Toch­ter war, aus dem Haus. Mir blutete das Herz, und ich hatte keinen Freund, der mich verstand. Der Pfarrer war mein schlimmster Feind - un­ter der Maske der Frömmigkeit.

Da ging ich nach Innsbruck zu einem Rechtsanwalt und bat ihn um Rat. Ich erklärte ihm, daß ich das Kind liebe und daß es nicht als mein Kind anerkannt werde, weil es katholisch sei, aber ich nicht der kirchlich an­getraute Vater sei. Da sagte der Rechtsanwalt zu mir: Da ich doch von der Kirche längst gelöst sei, stehe mir nichts im Weg, meine Tochter zu heiraten.

,Machen Sie ein Testament und setzen Sie Ihre Tochter als Erbin ein. Kommen Verwandte und fechten es an, heiraten Sie sie. Aber Ihre Toch­ter bleibt die Erbin. Bestellen Sie das Aufgebot und schicken Sie Ihre Tochter bis zur Heirat irgendwo hin. Drehen Sie dem Pfarrer ein Schnippchen. Niemand kann das Aufgebot anfechten, weil es ja nicht Ihr Fleisch und Blut ist. Das ist keine Seltenheit. Sehen Sie zu, daß Sie noch zu einem Erben kommen, dann findet Ihr leben einen schönen Ab­schluß .’

Als ich das Liesei unterbreitete, wehrte sie sich entschieden: ,Du bist mein Vater, ja, fast mehr als ein Vater. Das kann ich meiner Mutter nicht antun.’  ,Doch,  Liesei, wir müssen heiraten, damit dir die Heimat erhalten bleibt. Und wenn sich die Hölle gegen uns wehrt, wir bleiben zusammen.’

,Und wenn dann ein Mann kommt, den ich liebe, und du lebst auch noch, was dann?’

,Dann werden wir auch einen Weg finden. Es wird schon alles recht werden, glaub mir.’

Und so ist Liesei meine Frau geworden. Oh, dieser Kampf und immer wieder Kampf! Das Kind ist noch nicht getauft, wir nicht kirchlich getraut…Wer sollte uns auch trauen unter die­sen Menschen?“

 

Ich legte meine Hand auf Fürchtegotts Hand:

„Fürchtegott, du hast mir erst die Hälfte erzählt, denn du bist nicht der Vater deines Sohnes.“

 

„Hat dir Liesei etwas gesagt?“

 

„Nein, Fürchtegott, aber ich weiß es, mein Inneres sagt es mir.“ „Dein Inneres hat recht. Es kam so. Mich besuchte einmal ein Neffe na­mens Josef und blieb einige Tage hier. Die beiden jungen Leute ver­standen sich gut. Da reifte in mir der Plan, Josef muß mir helfen. Ich sprach mit Liesei, wie ihr Josef gefalle. Sie sagte: ‚Gut. Er ist ein prächtiger Mensch.’ ,Dann liebe Josef, als sei er dein Mann. Ich brauche einen Erben für meinen Hof.’ Entsetzt lehnte sie mit so scharfen Worten ab, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Ich sei ihr Mann und sie wundere sich, daß ich sie immer noch für meine Tochter hielte. Sie wol­le mir alles schenken, aber untreu werden, nein, das tue sie nicht. Ich lenkte ein und sagte, zwingen werde ich sie nicht, aber mir zuliebe könnte sie es tun. Ihr Kind würde mein Kind sein und der Vater ihres Kindes würde später, wenn ich nicht mehr bin, ihr rechter Mann sein. Josef blieb auf mein Bitten auf dem Hof, ich brauchte ihn nötig, das sah

auch Liesei ein. Nach einigen Monaten sagte Josef zu mir: ,Onkel, ich muß heim, das Leben hier wird mir zur Qual, ich kann und darf nicht mehr hier bleiben.’ Ich lächelte nur und sagte: ,Wohl weil du Liesei liebst? Mein Josef, ich freue mich herzlich darüber. Liebe sie als dein Weib, und mir erfüllst du den größten Wunsch meines Lebens. Ich brau­ che einen Erben für meinen Hof, damit Liesei eine Heimat hat, wenn ich nicht mehr bin.’ Josef lehnte entrüstet ab: ,Nein, Onkel, soll ich ein Schuft werden? Gott bewahre mich davor, so zu handeln.’ Ich aber sag­te: ,Und wenn ich dich bitte, demütig bitte? Tue es, und wenn es so weit ist, dann kannst du gehen und warten auf deine Liesei. Sie ist und bleibt für mich meine Tochter. Die Ehe ist nur zum Schein geschlossen, weil ich Liesei sonst hätte fortschicken müssen.’

Nach einigen Monaten kam Liesei zu mir und sagte: ,Vater, es ist so weit. Nun kannst du dich scheiden lassen von mir. Ich habe unter Tränen dir deinen Wunsch erfüllt und schenke dir, wenn es Gottes Wille ist, ei­nen Erben. Aber Josef muß fort. Ja, ich liebe ihn, aber dich liebe ich auch, meinen allerbesten Vater.’

So ging Josef aus dem Haus, er will warten, bis meine Zeit gekommen ist. Und er hat Wort gehalten. Bis heute ist er nicht wiedergekommen, weil ich ihn darum gebeten hatte. Also ist der kleine Bub mein Sohn. Taufen lasse ich ihn nicht, das habe ich im Testament festgelegt. Er soll, wenn er mündig ist, selbst entscheiden, welchen Glauben er annehmen will. So, Max, das ist meine Beichte. Was sagt nun dein Heiland dazu?“

„Fürchtegott, mein Heiland sagt: ,Alles, was du in Liebe tust, das ist so, als hätte Ich es getan.’ Darum liebe deinen Sohn, damit er auch ein „Fürchtegott“ werde. Lieber wäre mir, er hieße Liebegott, denn nur in der Liebe kann das Gottesleben in unserer Brust wachsen und Frucht für die Ewigkeit bringen.“

Am Abend war auch Bärbel wieder da. Sie benahm sich sehr freundlich, so daß ich mir dachte: Na, was wird sie wieder ausgeheckt haben? Ih­re Freundlichkeit war zu auffallend.

Wir blieben am Abend noch lange zusammen.

 

 

Wir überspringen hier einige Abschnitte des Berichts. Darin wird u. a. eine Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Pfarrer geschildert,

der von Bärb/ über den Besuch Se/tmanns informiert worden war und nun kam, um „nach dem Rechten zu schauen“.

Wir fahren fort mit Se/tmanns Bericht beim /etzten Abend seines Aufent­halts auf dem Ödhof.

 

 

Abschied vom Ödhof

Der Nachmittag verging schnell. Bärbel mußte wieder etwas besorgen und wir, Fürchtegott, Liesei und ich, gingen zusammen auf die Anhöhe. Am Abend wollten wir noch eine kleine Feierstunde halten. Meine Ab­ reise war auf morgen Nachmittag festgesetzt, da ich dann einen günsti­gen Zug nach München hatte mit Anschluß nach Hof.

Gegen Abend war auch Bärbel wieder zurück und wir beschlossen, et­was länger aufzubleiben, da es der letzte Abend war. Als alles in Ord­nung gebracht war und der Kleine schlief, setzten wir uns wieder auf die Bank. Ich war innerlich so erfüllt von dem Schönen, das ich hatte weitergeben dürfen, daß ich beide hätte umarmen mögen. Auf einmal fing ich wieder an zu sprechen, Worte, die eigentlich nicht meine Worte waren und doch wie aus meinem Herzen kamen.

Diese Worte waren nur an die beiden gerichtet. Plötzlich stutzte Liesei: „Vater, das sind doch Worte von meiner Mutter. 0 Mutter, nur du kannst es sein, denn solche Worte hast nur du gesagt.“

Fürchtegott bestätigte: „Ja, Liesei, ich spür’ es auch, du bist es.“

Aus meinem Mund floß es fast zwei Stunden lang. Manches kam, was ich nicht wiedergeben kann. Auf einmal schwieg mein Mund mit dem Wort: „Bärbel!“

Fürchtegott erhob sich und wollte nachsehen. Da wurde er zurückgehal­ten: „ Fürchtegott, ich bin noch nicht fertig. Ich will dir noch etwas sa­gen. Eine Bitte habe ich an dich: Suche bei Gelegenheit Bärbels Koffer gut durch. Was du da finden wirst, genügt, um dir die Augen zu öffnen. Wisse, das Kind ist vielen im Wege. Ab heute aber solltet ihr ein ge­meinsames Schlafzimmer haben, denn böse Zungen wollen euren Frieden stören. Bleibt ganz ruhig und reinigt euer Haus. Beweise wirst du finden, wenn du meine Worte beachtest. Du ahnst nicht, welche Seligkeiten ich empfinde, daß ihr, meine bei den Geliebten, zusammen seid. Du Liesei, halte dein Glück fest. Halte aber auch dein Haus rein, weil es ein Haus der Liebe ist und bleiben soll, jetzt und für alle Zeiten.“

Nun hatten die beiden viele Fragen, und noch lange mußte ich ihnen über diesen Vorgang Erklärungen geben. Für die beiden Menschen blieb es ein Wunder. Liesei sagte:

„Vater, es muß Mutter gewesen sein. Nur ich kann wissen, was sie mir damals gesagt hat, als ich noch ein Kind war. Denn du, Max, du selt­samer Mann, konntest es nicht wissen. Darum sage ich dir, komme wie­der! Denn nur durch dich hat mich der Heiland frei gemacht von diesem Schuldgefühl, das mich immer belastet hatte.“

Was sollte ich noch sagen. Hier hätte jedes Wort von mir das ge­schmälert, was ihnen offenbart worden war. Der Abschiedsmorgen war angebrochen. Ich wollte nicht mehr wandern, da ich fast die ganze Nacht nicht geschlafen hatte. Das Schicksal der beiden lieben Menschen bewegte mich sehr. Es war auch so ruhig im Haus.

Fürchtegott hatte Bärbel mit einem Auftrag ins Tal geschickt. Ich war froh, daß ich sie nicht mehr sah. Nach einiger Zeit kam er zu mir und zeigte vier Briefe, die in Bärbels Koffer versteckt gewesen waren. Ich solle davon Kenntnis nehmen.

Ich lehnte ab mit den Worten: „Bruder, das ist deine Angelegenheit. Ma­che dir Abschriften und lege sie wieder dort hin, wo sie waren. Wenn nötig, kann ich dir bezeugen, daß die Briefe da waren. Aber ich glaube, dir genügt es nun zu wissen, daß du eine Natter in deinem Haus genährt hast. Meine Adresse hast du, wenn du mich brauchst. Aber ich glaube, es ist nicht nötig.

Mein Fürchtegott, wir haben uns nicht das letzte Mal gesehen und wenn es auch in der Ewigkeit sein sollte, daß wir uns wieder treffen. So, wie deine Liesbeth gestern durch mich so viel sagen konnte, so wirst auch du dich einmal mir nähern dürfen, wenn du dereinst nach dem Willen des Herrn dich gelöst hast von dieser Erde. Darauf freue ich mich schon heute.“

„Ja, Bruderherz, das werde ich tun. Aber wird auch Liesei etwas da­von erfahren?“

„Das überlassen wir dem Herrn.“

Der alte, treue Bruder begleitete mich noch weit, und wir umarmten uns lange, ehe wir uns trennten.

 

 

 

In der Geist-Kapelle

Bittere Jahre kamen. Endlich war der Krieg mit seinen verheerenden Folgen zu Ende. Das Verbot gegen unsere Zusammenkünfte war aufge­hoben worden, und ich konnte meine geistige Tätigkeit mit anderen Ge­schwistern wieder beginnen.

An einem arbeitsreichen Tag wurden wir von einem Geistwesen, dem wir etwas Licht un’d Klarheit geben konnten, gebeten, ihm auch weiter­hin Helfer zu sein. So ‚erfuhren wir sein Schicksal. Zu meiner Überraschung stellte sich heraus: Es war Josef, der Neffe meines Freundes Fürchtegott.

Von diesem geistigen Freund erfuhren wir nicht nur seine Lebensge­schichte, sondern vor allem, daß er an einer Liebe krankte. Es war sei­ne Liebe zu Liesei: Er komme nicht mehr davon los, daß seine Liesei, die doch seine Frau werden sollte, wieder geheiratet habe. Sofort ka­men mir Erinnerungen an Fürchtegott, der nun auch schon seit längerem in die ewige Heimat eingegangen war.

Ich schildere nun eine Kette von Erlebnissen ganz eigener Art, die mir das weitere Schicksal von Fürchtegott und Josef vor Augen führten. Ich besuchte einmal eine katholische Kapelle, in die sehr viele Andächti­ge zu einem Gottesdienst gekommen waren. Neben dieser Kapelle sah ich noch eine kleinere. Sie war aber von geistiger Art, außen zwar klein, doch innen so groß, daß viele hundert Menschen Platz hatten. Es waren lauter Verstorbene darin versammelt. Am Altar stand ein Priester, ein Vorbeter, und die Anwesenden sagten immer: „Maria hilf!“

Der Gottesdienst mußte schon lange gedauert haben, denn einer trat vor und sagte: „Freunde, wie lange wollt ihr denn noch hier bleiben? Wißt ihr denn nicht, daß ihr Verstorbene seid?“ - Es war Fürchtegott, der so sprach.Der Priester erregte sich und ging auf ihn zu: „Du bist ein Verdammter. Wie kommst du hierher? Und auch noch als Verstorbener! Du hast kein Recht, hier zu sein.“

Da war die ganze andächtige Ruhe vorbei. Rufe wurden laut: „Jagt ihn hinaus, diesen Ketzer!“

Fürchtegott aber stand wie eine Eiche, furchtlos. „Freunde, endlich habe ich Gelegenheit, mit euch zu sprechen. So wie ich ein Verstorbener und Seliger bin, so seid auch ihr Verstorbene und könnt genauso selig wer­den wie ich, wenn ihr mir glaubt und euch endlich von diesem Ort trennt.“ .

Der Priester war ganz aufgeregt. „Glaubt diesem Ketzer nicht!“ schrie er, „Er ist ein Abgesandter der Hölle und möchte uns alle verderben.“

Fürchtegott trat vor den Priester. „Schweige du vor allem, denn deine Priesterherrlichkeit geht nun zu Ende. Ich werde diesen Tempel zerstö­ren, wenn nur ein einziger mir glaubt. Hört auf mich, euern Fürchtegott, der sich schon als Mensch von euch trennen mußte.

Wie lange habt ihr kein Brot mehr gegessen? Das habt ihr diesem Prie­ster zu verdanken. Ihr habt nur von Hostien gelebt, und die sind euch  ausgegangen. Nun habt ihr großen Hunger. Ich bin im Auftrag unseres Gottes hier und soll versuchen, euch dahin mitzunehmen, wo es genug Brot und

 

 

Früchte gibt. Schaut mich doch an, sehe ich wie ein Ver­dammter aus? Ich habe mich bis jetzt verhüllen müssen, sonst hättet ihr euch noch gefürchtet. Sieht ein Verdammter wirklich so aus?“

Er warf seinen Mantel zur Seite und erstrahlte in einem helleuchtenden Gewand. Alle konnten es sehen. Sie schrien auf.

Einer, der Sägmüller, ging zu ihm nach vorn. „ Fürchtegott, bist du es wirklich? Dem Gesicht und deiner Gestalt nach kannst du es sein, aber wie siehst du aus? Wie ein Engel oder wie der liebe Gott. Du bist doch gestorben? - Was das schlimmste war: Du hast nicht einmal ein christliches Begräbnis bekommen.“

„Sägmüller, ich bin es. Wohl war ich der Ausgestoßene und das danke ich hier dem Herrn Pfarrer, vor dem ihr ins Mauseloch gekrochen seid. Wie steht ihr jetzt da? Und ihr könntet auch so aussehen wie ich! Dar­um bitte ich euch jetzt, kommt zu mir in mein Heim, das mir der Herr ge­schenkt hat. Kommt, ich lade euch alle ein. Da könnt ihr euch erst ein­mal richtig satt essen. Meine Liesbeth wird euch willkommen heißen, als wäret ihr unsere besten Freunde gewesen.“

Der Pfarrer war außer sich. „Glaubt ihm nicht, der will nur unser Unheil. Hier ist das Heil! Nur in ihm, dem Gekreuzigten, dürfen wir unser Heil sehen .“

Fürchtegott trat wieder zu ihm. „Auch du kannst dich überzeugen von dem, was ich sage. Als erstes müßt ihr endlich einsehen, daß ihr ge­storben seid. Glaubt mir, daß ich euch die Wahrheit sage und euer Be­stes im Sinn habe. Denn auch in der Geisterwelt, die eigentlich die Ewigkeit ist, gilt das Wort: ,Dir geschehe nach deinem Glauben.’ Es liegt also an euerem Glauben, an euerer Entscheidung, wie es mit euch weitergeht.

Und du, was kannst du deiner Gemeinde bieten, du Priester der Kirche, die man die Alleinseligmachende nennt? Nichts als diese Scheinkapelle. Nur ein Wort von mir, und sie wird zunichte werden, denn ich habe vom Herrn die Vollmacht dazu. Aber keine Macht der Welt könnte mir meine Welt, mein Haus, mein Heim, vernichten, wo viele hundert Selige jetzt leben.

Darum die Bitte: Versucht, von hier wegzukommen. Ihr könnt ja jederzeit wieder zurückkehren in euer armseliges Kirchlein.“

„Fürchtegott, darf ich mitkommen?“ meldete sich nun ein anderer. „Du weißt, daß ich dich am meisten kränkte und mein Spott immer nur dir galt. Aber wenn du recht hast, dann will ich alles wieder gut machen. Hast du aber nicht recht, dann kannst du dich freuen! Dann werde ich es tausendmal schlimmer mit dir treiben.“

„So soll es gelten, Huber. Aber mir ist bange um dich. Wenn du nun al­les so findest, wie ich euch sagte, was machst du dann mit deinem Hochwürden, für den du verleumdet, gelogen, gestohlen und anderen die Ehre abgeschnitten hast?“

„Dann zerreiße ich ihn, wenn du recht hast.“

„Dann darf ich dich nicht mitnehmen, denn in meinem Heim soll alles Un­recht mit Liebe vergolten werden.“

„Ist das dein Ernst und die volle Wahrheit? Dann lasse mich lieber hier, solange, bis einer kommt und mich holt.“

„Huber, es wird sich schon ein Ausweg finden. Vor allem prüft erst ein­mal alles. Dann werde ich euch fragen, was ihr nun tun wollt.“

Da kam ein weiterer aus der Gruppe herzu. „Ich muß dem Fürchtegott recht geben. Warum haben wir uns damals von ihm getrennt? Nur weil er eine Lutherische geheiratet hat, die wir alle eigentlich als den be­sten Menschen achten mußten. Und weil er dann die Tochter heiratete. Aber das tat er ja nur, um ihr die Heimat zu erhalten. Denkt an meine Rede, als wir über Fürchtegott Gericht hielten. Ich mahnte euch, als Christen zu handeln. Und was habt ihr getan? Genau das, was man auch dem Heiland angetan hat: ,Kreuzigt ihn!’, so hieß es dann nur noch. 0 mein Gott, wenn es möglich wäre, uns allen unsere grobe Sünde zu vergeben, wie würde ich mich glücklich fühlen. Und, mein lieber Pfarrer von Gottes Gnaden, was wirst du tun, wenn Fürchtegott doch recht be­hielte und du der Verlorene wärest?“

„Schweigt, ihr seid alle des Teufels. Ich bleibe hier und warte, bis ihr zurückkommt. Auf den Knien werdet ihr dann bitten müssen.“

„Schweig du jetzt!“, rief nun der Dorfschulze. „Wir warten ab, wie sich Fürchtegott aus der Schlinge zieht, die er sich selbst um den Hals ge­legt hat. Wißt ihr noch, als wir ihn begraben haben? Nur ich habe da­mals ein paar segnende Worte an seinem Grabe gesprochen, weil ich dazu verpflichtet war, er war ja im Grunde ein Ehrenmann. Und auch, weil seine junge Frau mich darum gebeten hatte - um ihres Sohnes wil­len, der noch kaum denken konnte.

Aber jetzt: Ein Wort habe ich noch sehr gut im Gedächtnis, das er ein­mal zu mir gesagt hat. Dir, Pfarrer, habe ich es damals wörtlich hinter­bracht. Und nun bitte ich dich, Fürchtegott, wiederhole mir das Wort. Es soll der Beweis sein für uns und vor allem für den Pfarrer.“

Fürchtegott sprach laut, daß es alle hören konnten: „Das war das Wort: ,Der Haß geht eine lange Straße und hat kein Ende, die Liebe aber ist ewig und führt zum Ziel. Wir können weder den Haß noch die Liebe vernichten, aber wir dürfen uns entscheiden, dem Haß oder der Liebe zu folgen.’“

„Jawohl, dies waren die Worte, mein Fürchtegott. Jetzt bin auch ich überzeugt. Herr Pfarrer, nun sagen Sie: Sind es dieselben Worte oder nicht?“

„Ja, es sind dieselben Worte. Aber der Teufel kann das auch so sagen. Das ist mir noch lange kein Beweis.“

„Hört, hört, meine Freunde, hier mache ich nicht mehr mit. Wollt ihr mit Fürchtegott gehen oder nicht? Wer beim Pfarrer - der nur Haß kennt, wie ihr seht - wer bei ihm bleiben will, der mag bleiben. Ich gehe mit ihm, und wenn es mein Verderben wäre. Hier, Fürchtegott, hast du meine Hand, vergib mir, wenn ich dich nicht immer verstanden habe.“

Fürchtegott reichte ihm seine Hand. „Sei mir willkommen. Und jeder, den du noch mitnimmst, wird angenommen. Niemals wirst du bereuen, dich zu mir bekannt zu haben, denn ich stehe auf Gottes Seite. Darum laßt uns nun gehen! Liesbeth wird sich am meisten freuen.“

„ Fürchtegott“, fragte da einer, „wirst du auch so viel haben, daß du uns alle satt machen kannst? Ich würde lachen, wenn du in Verlegenheit kommst, wenn wir noch mehr haben wollen.“

„Kommt und lacht mich aus, soviel ihr könnt. Wer zuletzt lacht, lacht am besten.“

 

 

 

Bei Fürchtegott im geistigen Reich

Nun waren alle vor dem kleinen Häuschen, Fürchtegotts geistigem Heim, angelangt. Der Pfarrer und sein Mesner waren weit zurück geblieben, als wollten sie erst sehen, wie sich alles entwickelt. Liesbeth stand vor der Tür und bat sie einzutreten: „Ihr werdet euch wundern, was ihr alles erleben werdet!“

„Was, hier sollen wir alle hinein?“ wunderte sich der Schulze. „Ich möchte nur wissen, wo da der Platz herkommen solL“

„Kommt nur herein und erlebt, was im Reich der Liebe alles möglich ist.“

Neugierig traten sie ein. Was für Augen machten sie da! „Das ist ja ein Palast! Wie ist denn das möglich? In dem kleinen Haus!“

„Kommt nur alle herein und nehmt Platz. Es können noch einmal so viele kommen, es ist genügend Platz.“

Endlich waren alle eingetreten - außer dem Pfarrer mit seinem Mesner. „Nehmt Platz, nehmt Platz! Zum Umschauen ist später noch viel Zeit. Wir leben ja in der Ewigkeit.“

Endlich hatten sich alle gesetzt. Nun kamen viele junge Mädchen in weißen Kleidern und brachten Brot, Früchte und Milch. Alle machten große Augen.

„Das sind jetzt meine Kinder“, sagte Liesbeth. „Auf Erden konnte ich mit Fürchtegott kein Kind bekommen. Aber er hat meinem Kind eine Heimat gegeben und ist ihm Vater geworden. Darum sind wir jetzt hier mit Hun­derten von Kindern gesegnet worden. - Nun vergeßt euren Hunger nicht, ihr werdet ohnehin nicht alles aufessen können.

Vorher wollen wir noch danken: Lieber Herr Jesus, Du Vater der Liebe, Du Sohn des Lichtes und Du Geist der Wahrheit, sei auch in dieser Stunde gegenwärtig. Segne wie immer Deine Gaben. Und sättige Du ei­nen jeden nach seiner Sehnsucht, auf daß sie Dich erkennen als den, an den sie glauben. Amen.“

Alle griffen zu und fingen an zu essen, als hätten sie eine Ewigkeit ge­hungert.

 

 

 

Wir brechen den Bericht hier ab. Die weiteren Erlebnisse in Verbindung mit Fürchtegott, Lisbeth, Josef und der jungen Lisei können in dem er­wähnten Roman „Arno“ nachgelesen werden.

 

 

Weitere Begegnungen hüben und drüben

 

Begegnung mit Weisheitsgeistern

Nun ein anderes Erlebnis.

Im Jahre 1935 reiste ich nach St. Anton in Österreich. Die Ulmer Hütte hatte es mir angetan. Leider - es war im Juni - fand ich die Hütte noch geschlossen. Ich war allein heraufgestiegen. Fast 2000 Meter war ich mit der Drahtseilbahn gefahren und hatte dann eine wunderbare Tour ge­macht. Skistecken hatten mir den Weg angegeben. Aber da ich fast nichts zu essen mitgenommen hatte - ich wollte ja auf der Ulmer Hütte bleiben - kam der Hunger. Nichts in der Tasche! Um mich her eine Welt von Schnee und Einsamkeit und ein strahlender Himmel wie selten.

Als ich mich daran satt gesehen hatte, legte ich mich an einer FeIsspal­te in die Sonne. Wohlige Wärme umgab mich und nicht der geringste Wind konnte mich belästigen. Ich war dann wohl eingeschlafen.

Plötzlich wurde ich geweckt. Ein Mann in einer fremdartigen Kleidung stand vor mir. „Was suchst du hier in unserem Reich? Wir möchten euch Menschen hier eigentlich nicht begegnen, denn eure Art, Gott zu dienen, ist uns ein Greuel.“

 

 

 

Ich sah, daß dieser Mann ein Geistwesen war und sagte: „Lieber Freund, wohl ist es wahr, daß es Menschen gibt, die euch oft vertrei­ben. Zu denen gehöre ich aber nicht. Ich bin ein Mensch, der solche Wesen wie dich sucht, um von ihnen zu lernen.“

„Was willst du von mir lernen, trägst du nicht schon alles in dir?“

„Freilich, lieber Freund, aber es ist doch etwas sehr Schönes, wenn ich etwas bestätigt bekommen kann, was ich bisher nur geahnt habe, oder wenn ich mich mit Dingen beschäftigen kann, die mir noch nicht ganz klar sind. Zum Beispiel würde ich gern wissen, was ihr hier die ganze Zeit tut in dieser Einöde ohne Gegensätze, wo euch nichts begrenzt und nichts in die Enge treibt.“

„Freund, du fragst viel. Du hast eine falsche Vorstellung von uns. Du siehst nur mich, aber um mich her sind Hunderte von strahlenden Wesen. Ihre Schönheit würde dich blenden. Du würdest dich auch nicht mit ihnen unterhalten können, weil sie so genannte Weisheitsgeister sind. Ich bin ihr Diener. Ich habe mich umhüllt, weil ich mit meinem Licht von dem An­hang, den die Menschen immer mitbringen, nicht gesehen werden will.

Dein Anhang sieht mich auch nicht anders als du.“ [Mit „Anhang“ sind die geistigen Begleiter gemeint.]

„Freilich, da hätte ich keine große Freude erlebt“, erwiderte ich, „denn mit Weisheitsgeistern konnte ich schon von jeher nichts anfangen.“ „Wieso“, fragte er, „wieso nichts anfangen? Weisheit ist doch Licht und Klarheit.“

„Ja, mein lieber Freund, aber allzu viel Licht blendet, und als ein Ver­blendeter werde ich mehr als elend. Sage mir doch das eine: Kommt die Weisheit aus der Liebe oder die Liebe aus der Weisheit?“

„Eine dumme Frage. Weißt du denn nicht, daß Weisheit und Liebe eines sind?“

„Nein, lieber Freund, das wußte ich nicht. Aber das weiß ich, daß die Liebe der Anfang allen Lebens ist und ewig bleiben wird. Die Weisheit aber ist nur das Licht der Liebe und trägt keine Schöpferkraft in sich. Nur der Liebe ist es möglich, neue Kräfte aus sich heraus zu entfalten; der Weisheit ist das unmöglich. Alles, was die Liebe umfängt und alles, was die Liebe pflegt, ist geborgen in der Ewigkeit. Das könnte ich nicht von der Weisheit sagen.

Sieh, lieber Freund, ich bin noch ein Mensch mit Fehlern. Ihr meidet alle diese Menschen, wie ich einer bin, aber merkwürdig: Die Liebe, die uns durch Jesus Christus offenbart wurde, sucht nicht nur die Weisen und Guten, sondern alle Menschen und gerade auch die irrenden. Das ist nicht mein Glaube; sondern mein Wissen, meine Erfahrung. Ich habe eine solche Liebe erlebt, die ich niemals verdient hätte und auf die ich schon gar keinen Anspruch gehabt hätte.

Du sagst: Weisheit sei Licht und Klarheit. Noch nie habe ich aus einem noch so weisen Rat die Klarheit bekommen, die ich aus der Liebe Got­tes erhalten habe. Was sagt nun deine Weisheit zu meinen Worten?“

„Dazu kann ich nichts sagen, weil es deine Begriffswelt ist. Ich muß dich einen gutmütigen Schwärmer nennen. Über einen solchen Schwär­mer sagen wir: Hände weg von denen, die das Licht der Weisheit ver­kleinern oder verdunkeln.“

„So, dann ist nach deinen Worten also auch Jesus Christus ein Schwär­mer. Dann war sein Tod am Kreuz die größte Schwärmerei, dann war der Geist in ihm, der ihm die Kraft zum Sterben am Kreuze gab, auch

nur Schwärmerei? Und sein Wort: ,Mir ist alle Macht und Gewalt gege­ben’, nennst du das auch Schwärmerei?

 

 

Siehst du, ich lasse dich nicht los, da es um die Ehrenrettung meines Heilandes geht. Weißt du, wie ich dich betrachte? Wie den Pharisäer im Tempel, der sagte: ,Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie andere Leute, oder gar wie dieser Schwärmer da, der behauptet, unsere Weis­heit sei aus der Liebe geboren.’

Aber was sagen die Kinder der Liebe, zu denen ich mich rechne, weil ich sie erfahren habe? Die Liebe, wie sie uns Jesus vorgelebt hat, ist immer darauf bedacht, gerade die Verlorenen zu retten und sie auf den Weg zum Vater zu führen. Ich kann das Wort nicht vergessen: ,Er wird 99 Gerechte verlassen und dem einen Verirrten nachgehen, bis auch dieser gerettet ist.’

Wenn ich dich und alle die, die ihren Himmel in der Weisheit gefunden haben, mit den Gerechten vergleiche: Ist dann der Verlorene, der durch den Heiland heimgeholt wird, nicht doch besser dran als ihr? Ihr wißt, daß der Heiland euch verlassen mußte, als er aus seinem Reich ausge­gangen ist, um die Verlorenen zu retten. Also seid ihr nun ohne den Herrn. Warum hat er euch verlassen? Weil niemand von euch auf den Gedanken kam: ,Ich will mich aufmachen und Gott den Dienst und Dank erweisen, den ich ihm schulde. Seiner Liebe und Gnade verdanke ich es ja, daß ich hier in diesem Himmel leben kann.’“

Ich spürte auf einmal die Anwesenheit einer großen Schar anderer gei­stiger Wesen und fuhr fort:

„Sieh’ doch, lieber Freund, viele Zuhörer habe ich um mich, du kannst sie noch besser sehen als ich. Alle sind auf dem Weg zum ewigen Ziel. Frage sie, für wen sie sich entscheiden würden: ob sie mit dir gehen möchten oder mit denen, die mir mitgegeben sind zum Schutze und zur Hilfe.“

Ich wandte mich an die neu Hinzugekommenen: „Ich bitte dich, der du Führer dieser großen Schar bist, mit wem würdest du freiwillig gehen?“

Der angesprochene Führer trat vor und sprach den „Weisheitsgeist“ an: „Er ist ein Mensch. Du bist ein Wesen im strahlenden Kleid. Aus dir leuchtet eine Erhabenheit, die aber nicht anziehend ist. Aber aus dir, du Mensch“, damit kehrte er sich mir zu, „strahlt eine Wärme, die nicht nur mich, sondern uns alle beglückt.“ - Und wieder zum „Weisheitsgeist“: „Würde ich dich mit deinem Strahlengewand bitten, uns mitzunehmen, würdest du mich mit kalten Worten abspeisen: Ich solle mich erst den  Deinen würdig zeigen. Denn ihr fürchtet euch alle, unrein zu werden durch die Wesen, die ich mitbringen wilL“

„Du hast recht. Ich müßte mir erst Anweisung holen, ob ich eurer Bitte entsprechen dürfte. Außerdem meine ich: Warum soll ich mir denn La­sten aufbürden, wenn es nicht unbedingt nötig ist.“

Auf einmal begann der neu angekommene Sprecher in einem überirdi­schen Licht zu erstrahlen: „Seht, meine Freunde, ich wollte euch einmal eine Szene erleben lassen von einem Menschen, der von meinem Geist durchdrungen ist, und von einem Bewohner des Himmels, der nur den ‚ewigen und weisen Gott’ kennen will. Ich überlasse es euch, wie ihr euch entscheidet. Geht ihr mit mir, so führe ich euch in ein Heim, wo Liebe allein der Beweggrund aller Handlungen ist. Wenn ihr nicht mit­kommen wollt, dann bleibt in der Sphäre, die ihr hier angetroffen habt und die euch so anziehend erschien. Du aber, du Menschenfreund, sprich zu allen, die um dich sind, einige Worte. Denn nun sollst auch du sie al­le sehen können.“

Vor mir erblickte ich nun deutlich viele, viele Wesen in grauen Kleidern. Und vor ihnen Jesus in leuchtend weißem Gewand. Daneben der Mann mit dem großen strahlenden Hut und heller Kleidung. Der Blick des Herrn sagte mir mehr als sein Mund.

Ich hob meinen Arm und sprach: „Liebe Geistfreunde, ich grüße euch mit den Worten unseres Herrn: Friede sei mit euch! Durch seine Gnade darf ich euch sehen und zu euch sprechen, so wie es mir in meinem Herzen zumute ist.

Ich bin noch ein Mensch; ein Mensch, wie ihr auch einer wart. Ich wer­de auch einmal das sein, was ihr jetzt seid: ein Bewohner der unendli­chen Gottes. und Geisterwelt. An euren Gewändern lese ich euren Stand ab: Ihr seid noch nicht am Ziel, wie es euch früher als Mensch in eurem Glauben so schön vor Augen stand.

,Warum kann ich das Ziel noch nicht erreichen?’ fragt mancher von euch. ,Warum entzieht sich uns Gott, an den wir doch geglaubt haben? Wo bleibt er mit seiner Gnade, den wir doch immer bitten, daß er zu uns komme?’ - Niemand gibt euch Antwort, und so sucht ihr immer neue Wege, die zu Gott führen sollen.

Darf ich euch einen Weg zeigen, der unfehlbar an das Ziel führt? Dann hört euch ohne Vorurteil meine ehrlichen und gutgemeinten Worte an:

.Wo stehst du, Mensch, und wo gehörst du hin?’

fragt Jesus einst, wenn ich ohn’ jed’ Gewinn

zu meiner Zeit werd’ diese Erd’ verlassen,

und ich nicht tat, wie mir sein Wort empfahl.

Drum laß’, 0 guter Vater, Dich erfassen

und werd’ für mich hier meine einz’ge Wahl!

 

Nun seid ihr alle hier in der ewigen Gottes- und Geisterwelt. Wie weit seid ihr gekommen? Seid versichert, daß Jesus euch liebt, aber mit ei­ner Liebe, die nur rein göttlich ist. Was ist göttliche Liebe? Liebe, die nur helfen und immer nur helfen will!

Ihr wollt, daß euch geholfen werde? Wißt ihr nicht, daß Jesus in seinem Geiste immer unter euch ist? Ihr habt gebetet: ,Herr hilf!’ oder ,Herr, komme zu uns! Wir bedürfen Deiner.’ Er aber war schon immer bei euch, nämlich als Liebe in eurer Brust. Sie möchte euch selbst zum Helfen drängen.

So ergeht es auch mir jetzt: Nicht ich spreche zu euch, sondern Jesus, der Heiland, spricht als Liebe aus meinem Herzen. Es gibt nur einen Weg zu ihm: Werdet selbst zu Helfern und Heilanden!

Ihr schaut mich groß an. Einmal muß es euch doch gesagt werden. Es mag euch neu sein, aber ich spreche in seinem Namen: ,Ich bin immer unter euch gewesen; aber ihr habt mich nicht erkannt’. So ist er auch jetzt unter euch, in euch.

Und noch etwas muß ich euch sagen: Wie leidet er unter euch! Wenn ihr nur einmal seine Sehnsucht erleben könntet, ihr wäret längst auf dem Weg in eine Heimat, die euch die größten Seligkeiten bereiten könnte.

Was ist Seligkeit? Doch nur das, was man den anderen an Gutem, an Freude und Glück erbringt. Längst habe ich erkannt, daß ich an meiner ewigen Seligkeit keinen Finger zu rühren brauche, da Jesus für all das der Garant ist - aber nur in dem Maße, wie ich als Mensch für meine Mitmenschen und Mitgeschöpfe gewirkt habe.

Wenn ich euch ansehe, muß ich mir sagen: Wieviel Liebe, 0 Gott, ist dir verloren gegangen durch diese armen Brüder. Sie haben dich immer nur von außen gesucht und ahnten nicht, wie nahe du ihnen bist in ihren Her­zen.

Ich will kein Prediger sein, sondern nur ein Bruder, der auf euere Bitte hin zu euch kommen kann. Aber sucht den Helfer in euch! Ihr werdet er­kennen, daß er nur Liebe ist. Dann werdet auch ihr das Licht finden, das eure Leuchte wird in eurem noch dunklen, nebligen Dasein. Werdet zur Liebe, zur wahren, helfenden Liebe! Wenn ihr das fertig bringt, habt ihr die helfende Hand Jesu schon erfaßt, die er euch dann nicht mehr entziehen wird. Ich muß das sagen, weil ich es euch schuldig bin. Ich müßte mir Vorwür­fe machen, wenn ich es verschwiegen hätte. Nehmt meine Worte so hin, als wenn sie der Herr gesagt hätte. Seid gesegnet in seinem Liebes­geist, damit ihr in seinem Lichte freie und frohe Wesen werden könnt. Zieht hin in Frieden!"

 

Und vorbei war das Schauen und Erleben, - vorbei aber auch der Hun­ger. Es war später geworden, als ich dachte. Nun begann der Abstieg. Mehrere Stunden brauchte ich, bis ich nach St. Christof kam. Dort stärk­te ich mich und war froh, in mein Quartier zu kommen.

Auf die Frage, wo ich den Tag zugebracht hätte, sagte ich zu meinem Wirt: "Auf der Ulmer Hütte. Sie war aber geschlossen."

"Was, auf der Ulmer Hütte und allein!" Der Wirt warf die Hände in die Höhe. "Da können sie von einem großen Glück reden, denn jeden Tag war alles in Nebel gehüllt, und wer weiß, wann Sie wieder herunterge­kommen wären. Solche Touren macht man doch nicht allein."

"Ich war auch nicht allein," beruhigte ich ihn, "denn ohne meinen Führer

gehe ich nicht auf diese Höhen. "

Ich habe noch lange über dieses Erlebnis nachgedacht und freue mich noch heute über dieses große Geschenk.

 

 

 

Schauungen im Krankenhaus

 

Am Johannistag 1946 erlitt ich einen schweren Unfall. Ich fuhr mit dem Rad zu unserer monatlichen Versammlung. Ein anderer Radfahrer über­holte mich und streifte dabei mein Vorderrad. Ich stürzte so unglücklich, daß ich einen Schädelbruch, einen Rippen- und einen Schlüsselbeinbruch davontrug. Die Folge: fast drei Stunden Bewußtlosigkeit und ein hoher Blutverlust.

Am späten Nachmittag wurde ich in das Zwickauer Krankenstift einge­liefert, wo ich wieder zur Besinnung kam. Da ich nach der ersten ärztli­chen Behandlung hohes Fieber bekam, befürchtete man mein Ableben. Ich kam in einen besonderen Raum. Eine Spritze sollte mir meinen Zu­stand erleichtern, und eine junge Schwester war ständig um mich be­sorgt.

 

Allmählich wurde mir erst ganz bewußt, was mit mir geschehen war. Schmerzen hatte ich keine, nur meine Lage war unbequem. Ich mußte ganz flach liegen. Um den Kopf hatte ich einen Gipsverband.

Meine Gedanken wanderten zu meinen Angehörigen und zu den "Ge­schwistern", die mich heute eigentlich erwartet hatten.

Auf einmal standen Hindenburg und Lenin vor meinen Augen und hinter ihnen eine große Menge Geistwesen, die alle auf mich schauten. Ich muß mich etwas aufgeregt haben, denn sofort kam die Schwester an mein Bett.

"Warum schlafen Sie nicht? Sie müssen doch schlafen!"

"Schwester, kann man da schlafen, wenn mich so viele anschauen? Hin­denburg und Lenin sind ganz nahe bei mir."

Die Schwester fühlte meinen Puls. Ich beruhigte sie. "Ich bin ganz nor­mal, ich bin ganz klar." Die Schwester glaubte mir natürlich nicht.

Ich war dann aber ruhig und wartete ab. Eine große Traurigkeit überkam mich. Dabei dachte ich überhaupt nicht an mein eigenes Ende. Aber mir war regelrecht zum Weinen zumute, denn um mich war zwar alles stumm, und doch kam es mir vor, als warteten alle auf mich. Zu einem richtigen Gebet kam ich auch nicht, denn es gab so viel Bewegung, ganze Scharen zogen an meinem Fußende vorüber.

So ging das die ganze Nacht. Die Traurigkeit verließ mich nicht, aber mein Schauen auch nicht, bis die Schwester kam und alle Kranken wusch.

Es wurde fünf Uhr früh, und alle Traurigkeit war fort. Da nahm ich müh­sam einen Stift und Papier aus dem Kasten und schrieb:

Warum denn weinen, wenn es zur ewigen Heimat geht,

wo sich alle freuen, wo sich jeder versteht?

Warum denn weinen, wenn der Weg sich verstellt?

             Freue dich, bald wird alles erhellt.

Ganz im Bann dieser Worte, die ich mit größter Mühe schrieb, war ich erfüllt von Zuversicht und blieb es auch, solange ich im Krankenhaus war.

Die Röntgenaufnahme ergab den Befund, den ich oben schon beschrie­ben habe. Ich mußte elfmal punktiert werden, aber ich verspürte keiner­lei Schmerz. Meine Zeit war ausgefüllt mit Unterhaltungen, die ich mit geistigen Freunden führte. Jeden Abend hielt ich eine Andacht mit ihnen, und ich erfuhr auch alles, was sich inzwischen bei mir zu Hause und bei meiner Schwester abgespielt hatte.

 

Mein Geburtstag kam heran. Für den Abend um acht Uhr hatte ich mit meinen Freunden eine geistige Feier geplant. Innig habe ich mich mit Jesus verbunden und bat ihn aus tiefstem Herzensgrund, daß alle Freun­de, angetan mit weißen Gewändern, meine Geburtstagsfeier miterleben sollten. So war mein Plan und meine Bitte gewesen, doch es kam ganz anders.

Eigentlich war kein Besuchstag. Darum bat ich schon am frühen Morgen die Tagesschwester: Falls heute Besuch käme, möchte sie doch eine Ausnahme machen, weil heute mein Geburtstag sei. Sie versprach es. Innerhalb einer Viertelstunde war mein Tisch voller Blumen. Bis zum Mit­tag hatte ich Ruhe, dann kamen die Besucher bis drei Uhr. Als die Visite angesagt wurde, mußten sie gehen.

Nach der Visite war Ruhe. Da bemerkte ich, wie die Wände des Zim­mers aus meiner Sicht verschwanden. Alle Kranken befanden sich mit mir in einem großen Spiegelsaal. Wegen der Spiegel sah ich alles dop­pelt. Im Hintergrund war ein Podium mit Stufen, darauf eine große Tafel, auf der ein Leuchter mit sieben Kerzen brannte. Auf den Stufen stand ein mannshoher Kelch, eingepaßt in eine Aussparung der Stufen. Es war ein schönes Bild. Und wie groß das Podium war!

Dann wurden rechts und links die Flügeltüren geöffnet, und die Besucher kamen herein. Sie wurden auf Plätze gewiesen, die ich vorher noch nicht gesehen hatte. - Ich war enttäuscht, denn alle hatten dunkle Ge­wänder an, und ich hatte doch um weiße gebeten.

Ein Engelsfreund stand auf dem Podium. Die Gratulanten kamen mit ihren Geschenken. Der Engelsfreund nahm die Pakete an, dankte und legte die kleinen in den Kelch, die größeren auf die weißgedeckte Tafel. Dann deckte er die Geschenke mit einem weißen Tuch zu.

Wieviele da zusammengekommen waren, kann ich nicht sagen. Ein Teil der Gratulanten verteilte sich an den Wänden, wo reichlich Platz war. Wieder sah ich alles doppelt wegen der Spiegel.

Die Feier begann. Meine verstorbene Tochter kam mit einer größeren Anzahl junger Schwestern in ganz weißen Gewändern. Sie stimmten ein Lob- und Danklied an, das ich oft im Geiste gehört hatte (Intermezzo aus Cavalleria Rusticana). Es ergriff mich tief und löste bei mir Tränen der Freude aus.

Da betrat der Heiland das Podium. Er hielt eine Ansprache, die aber nicht mir galt, sondern den Wesen in den dunklen Gewändern. Wieder­geben kann ich seine Worte nicht, weil meine Empfindungen dabei so stark waren, daß ich nicht mehr denken konnte. Nach seiner Rede gab

 

Christus dem Engel ein Zeichen. Die Gratulanten traten zum Engel, der zog das Tuch ab, griff in den Kelch und gab jedem ein weißes Gewand. Sie sollten es denen geben, die noch in ihren dunklen Kleidern auf den Plätzen saßen.

Dann kamen die Geschenke auf der Tafel an die Reihe. Auch aus diesen Paketen wurden immer wieder weiße Gewänder verteilt. Als die Tafel leer war, waren alle Anwesenden mit weißen Gewändern bekleidet. Mich durchrieselte eine Freude, die nicht zu schildern ist.

Nochmals traten die Sänger auf mit einem Lied, das ich noch nicht ge­hört hatte. Auch der Heiland befand sich mitten unter ihnen. Anschlie­ßend trat er vor und segnete alle mit herzlichen und lieben Worten. So endete die Feier.

 

Ich war so müde von der Freude, daß ich einschlief und nicht bemerkte, daß das Abendbrot auf mein Tischchen gestellt wurde. Als ich erwach­te, war ich erstaunt, so lange geschlafen zu haben. Es war fast Mitter­nacht geworden. Dabei hatte ich versprochen, eine Andacht mit meinen geistigen Freunden zu halten.

Da merkte ich, daß ich mich noch immer in meinem Traumzustand be­fand. Jetzt saß ich mitten unter geistigen Freunden und hörte andächtig zu, was uns der Herr, der auch bei uns war, offenbarte. An die Inhalte kann ich mich leider nicht mehr erinnern.

 

 

 

"Traum" -Erlebnisse

 

Ich hatte noch andere Erlebnisse, bei denen ich "wie im Traum" war. In einigen Fällen wurden die "geträumten" Ereignisse auch von anderen Menschen wahrgenommen, also können es nicht nur Träume gewesen sein.

Von einem solchen Fall möchte ich jetzt berichten: Ich erschien an ei­nem entfernten Ort, obgleich mein Körper zu Hause im Bett lag.

Ich hatte mir vorgenommen, wieder einmal die Bielefelder Freunde zu besuchen. Der Termin war noch unbestimmt. Da kam der Diensteinteiler zu mir und meinte: "Herr Seltmann, Sie müssen ihren Urlaub schon jetzt nehmen. Ich habe sonst einen Mann übrig. Ich hoffe, daß Sie mir Ver­ständnis entgegenbringen."

 

"Herr Sickert, das paßt mir aber schlecht", wandte ich ein. "Ich habe versprochen, in meinem Urlaub nach Bielefeld zu fahren. Ich weiß nicht, ob die Freunde morgen zu Hause sind."

Aber Sickert blieb dabei: "Herr Seltmann, ich habe Ihnen immer gehol­fen, wenn Sie etwas vorhatten. Lassen Sie mich nicht im Stich."

Ich dachte etwas nach. Dann sagte ich zu. "Also gut. Stellen Sie mir bitte einen Fahrschein nach Bielefeld aus." Zu Hause sagte ich zu meiner Frau: "Ich habe Urlaub ab morgen. Ich muß früh um halb vier Uhr heraus. Richte mir bitte meine Sachen." Natür­lich war sie nicht sehr erfreut darüber, aber ich bestand darauf und ging zeitig schlafen, um ausgeruht zu sein für die neunstündige Fahrt.

Ich schlief ein und träumte, ich sei bei Familie Depenbrock in Bielefeld im Wohnzimmer.

Marie, die Frau, die auch hellsichtig war, bekam einen Schrecken. "Heinrich, Max ist gestorben! Ich sehe ihn an der Türe stehen."

 

Darauf ich: "Nein, nicht gestorben! Aber ich bin da, um euch zu sagen, daß ich morgen Nachmittag bei euch sein werde." Ich sah noch, wie Heinrich Depenbrock seinen Kanarienvogel fütterte, wie der kleine Vogel ihm auf die Schulter geflogen kam und wie er mit ihm sprach.

Dann war das Bild oder der Traum vorüber.

 

Pünktlich fuhr der Zug am nächsten Tag in Bielefeld ein. Else und Marie standen auf dem Bahnhof an der Sperre. Ich begrüßte sie erstaunt: "Wo wollt ihr denn hinfahren?""Aber Max", sagte Marie, "du. bist ja selbst gestern abend bei uns ge­wesen und hast uns angekündigt, daß du mit diesem Zug kommst."

 

 

Da fiel mir der Traum ein. "Sag, Marie, hat der Heinrich in dem Moment den Kanarienvogel gefüttert, als ich bei euch im Zimmer war?" "Ja, genau so war's", versicherte Marie.

Für mich war das wieder eine Bestätigung, daß es sich bei meinen "Träumen" um wirkliche Geschehnisse handelt.

 

Ein anderer "Traum" spielte an einem mir unbekannten Ort. Ich ging wie gewöhnlich schlafen. Mitten in der Nacht hatte ich ein Erlebnis ganz ei­genartiger Natur. Ich befand mich auf einem riesigen Platz, Millionen Menschen standen in Reih und Glied, haargenau gestaffelt, wie mit einer Schnur gezogen, im­mer etwa 50 Menschen hintereinander. Alle hatten schwarze Festanzü­ge an, Frauen waren nicht dabei. In der Mitte war eine Tribüne aufge­baut mit einer Stufenleiter auf jeder Seite. Oben standen Leute, die eine große Kamera und ein Mikrofon bedienten. Ich befand mich weit weg, in Dienstuniform. Einige Männer sprachen etwas in das Mikrofon, was ich aber nicht verstehen konnte.

 

Auf einmal hörte ich zweimal meinen Namen rufen. Ich erschrak.

"Ist Max Seltmann nicht da?" wurde laut gefragt. "Er ist doch geladen!" Da rief ich: "Hier bin ich!" Durch das Mikrofon wurde gesagt: "Bemühen Sie sich nach vorne!" Und wie es im Traum zugeht: in einem Moment war ich dort, und der Mann, der das Mikrofon bediente, sagte: "Spre­chen Sie zehn Minuten, alle Sender sind eingestellt auf Ihre Rede. Und wenn Sie fertig sind, werden Sie gefilmt. Dann sprechen sie noch einmal sieben Sekunden."

 

Ich habe normalerweise keine Angst, doch hier hatte ich sie. Der Mann sagte noch einmal: "Beginnen Sie!" Ich fing an zu sprechen. Die Worte weiß ich nicht mehr, aber es klang laut und deutlich, damit mich alle hö­ren konnten. Plötzlich wurde ich von meiner Frau geweckt und ausgeschimpft, weil "bei diesem Geschrei" kein Mensch schlafen könne. Ich spürte einen heftigen Schmerz in meiner Brust. "Ja, was habe ich denn gesagt?" fragte ich erregt.

 

"Was du gesagt hast, war so schön, daß man es nicht wiederholen und sich merken kann.. Aber bei diesem Geschrei kann kein Mensch im Hau­se schlafen." Ich konnte nun auch nicht wieder einschlafen. Es war mir, als ob ich in Gedanken weiterredete. Noch immer sah ich deutlich die vielen Men­schen, die Tribüne, das Mikrofon und die Kamera. Mir wurde auch klar, daß ich auf dieser Kundgebung sieben Segnungen vortragen sollte. Da stand ich auf, setzte mich an die Schreibmaschine und schrieb die sieben Segnungen nieder. Sie waren an alle Menschen gerichtet, jede Segnung an eine bestimmte Klasse. Leider sind diese Texte von der Volkspolizei beschlagnahmt worden, wie so viele andere Offenbarungen auch. Dieses beeindruckende Erlebnis hatte ich noch lange Zeit vor Augen. Auch jetzt, da ich es niederschreibe, steht es wieder ganz lebendig vor mir.

 

Nun noch ein drittes "Traumerlebnis", auch wieder so gewaltig, daß ich

lange Zeit brauchte, um es ganz zu erfassen.

 

Ich befand mich in einem großen, ziemlich langen Tal. Wasser war nicht zu sehen, nur langgestreckte Wiesen, Felder, Obstbäume. Nach beiden Seiten stieg das Gelände allmählich an. Vereinzelt standen kleine Baumhütten. Die Menschen, die dort wohnten, machten einen freudlosen Eindruck. Niemand arbeitete. Nur wenige Frauen sah ich, sie trugen All­tagskleider.

Ich näherte mich den Leuten. Sie schauten mich feindselig an. Ich fragte die Männer, warum sie mir so abwehrend begegneten, ich käme doch in friedlicher Absicht. Da wurde der eine gleich grob und schrie mich an: Er wisse schon, daß ich nur spionieren wolle. Ich solle ja sofort das Tal verlassen, sonst werde es mir übel ergehen.

"Aber gerade um deinetwillen bin ich gekommen", erwiderte ich. "Du bist doch der Vorsteher dieser Gemeinde. Bist du dir eigentlich bewußt, welche Verantwortung du übernommen hast als Führer einer Gemein­schaft, die nur von Raub und Diebstahl lebt? Wie bald kann sich hier al­les ändern, wenn einmal eine Säuberung vorgenommen wird!"

 

"Wieso Säuberung? Sind wir denn anderen  Rechenschaft schuldig über unser Tun? Ich möchte den sehen, der uns an unserem Gewerbe hin­dert!"

"Freund", sagte ich, "du scheinst die Gefahren nicht zu kennen, in denen ihr lebt. Der Wink eines Engels genügt, und ihr seid verloren. Wißt ihr denn nicht, daß ihr keine Menschen mehr seid? Schau, auch ich bin nur in meinem Astralleib hier, darum bin ich für euch unantastbar und unver­letzbar. Mein Körper liegt zu Hause im Bett. Das ist nicht mein, sondern Gottes Wille. Ich kann alles um euch her sehen, und ich erkenne deut­lich, daß ihr keine auf Erden lebenden Menschen mehr seid."

Der Grobian kam nur noch mehr in Wut. Er ballte die Faust und schlug mir ins Gesicht. Aber er schlug durch meinen Körper hindurch und wäre fast hingefallen. So erlebte er, daß ich tatsächlich ohne Körper war. Ich wich einen Schritt zurück. "Freund", sagte ich ganz ruhig, "du wärst beinahe hingefallen, wenn ich dich nicht gehalten hätte. Siehst du nun ein, daß es für dich und euch besser. wäre, meinen Worten zu glauben? Laßt euch also eine neue Heimat zuweisen!"

"Nie und nimmer, und wenn tausend solcher Trugleiber kämen, wie du ei­ner bist. Wir bleiben hier." Noch einmal versuchte ich, sie in ruhigem Ton zu überzeugen, daß sie in einer Trugwelt lebten, aber vergebens. Alles Reden war nutzlos, ihre Haltung wurde immer drohender.         .

 

Da rief ich um Hilfe und im nächsten Augenblick waren Tausende von Helfern da und umstellten die Bewohner des Tales.

"Was sagst du nun zu diesen vielen Helfern? Euer Leben ist an einem Scheideweg angelangt. Entweder ihr ändert euren Sinn, oder wir ergrei­fen Maßnahmen, die eurem bisherigen Tun und Dasein eine andere Rich­tung geben. Es wird nicht angenehm sein, das kann ich euch versichern."

"Wir können es abwarten", wurde mir drohend geantwortet.

 

Da geschah etwas, was mir unfaßbar schien. Plötzlich waren weitere Tausende von Helfern da, legten eine kleine Bahn mit vielen Loren an und begannen zu arbeiten. Wo kamen auf einmal diese Massen von Er­de her? Ich sah, daß das Tal von beiden Seiten mehr und mehr zuge­schüttet wurde.

Nun merkten auch die Bewohner, was da vor sich ging und daß es ernst wurde.

 

Der eine protestierte, man solle es nicht zulassen. Aber sie waren ein­gekesselt und machtlos. Die Erdmassen bedrohten allmählich ihre Wohn­stätten. Schon waren einige Häuser zugeschüttet. Die Bewohner brüllten, man solle doch aufhören. Aber die Erdbewegungen gingen immer weiter.

Der Vorsteher stürmte wieder auf mich zu. Er schrie wie ein wildes Tier. Mir wurde bange vor diesem Menschen, denn sein Gesicht war Schrecken erregend. Ich konnte kein Wort hervorbringen und wandte mich an den Engel, der bei mir stand und nicht aus der Ruhe zu bringen war. "Hilf mir, ich bin zu schwach, um etwas zu sagen. Handle du statt mei­ner."

 

Aber er sagte: "Ich bin nur zu deiner Sicherheit hier. Ich soll dich vor diesen Teufeln schützen. Handle aus deiner Eingebung und fürchte dich nicht. Der Herr hat schon oft durch uns versucht, diese Teufel wieder zu besseren Wesen zu machen. Bloßes Zureden hilft hier nicht mehr."

Da sagte ich zu dem Vorsteher: "Es ist zu spät, das rückgängig zu ma­chen, was der Herr mit euch vorhat. Nur eines könnt ihr tun - als erstes Zeichen eurer Umkehr: Helft mit, das Tal in eine Hochebene Zu verwan­deln! Zeigt, daß ihr wieder zu brauchbaren Menschen werden wollt! Tut ihr es nicht, dann werden diese Helfer dafür sorgen, daß ihr unter den Erdmassen begraben werdet."

"Nie und nimmer!", schrie er. "Ich soll mich euch unterordnen? Lieber lasse ich mich begraben!"

"Dann tue es! - Aber ihr anderen, was sagt ihr? Wollt ihr nicht ehrliche Bewohner in der Geisterwelt werden? Laßt euren Vorsteher, der nur

 

aufs Herrschen aus ist, tun, was er will! Wendet euch ab von ihm und geht dorthin, wo ihr ein besseres Dasein finden könnt, und zwar auf Dauer!"

Einer trat vor und fragte: "Aus welcher Macht wirkst du? Noch keiner hat unseren Vorsteher bisher zwingen können. Bist du ein Bote des uner­bittlichen Gottes?"

"Nein, genau umgekehrt. Ein Bote Gottes, der die Liebe ist und keine Freude hat am Gericht über die Verlorenen. Sieh mich an, auch ich war auf Abwege geraten und völlig heruntergekommen. Aber heute bin ich glücklich, Gott dienen zu können, der die Unglücklichen retten und auf den Weg zum Heil führen will. Also nochmals meine Bitte an alle, die ihr guten Willens seid: Geht zu diesen Helfern, die euere alte Heimat ver­bessern wollen und arbeitet mit. Ihr werdet mir noch einmal danken."

"Und was wird aus denen, die nicht mitkommen?" wollten einige wissen.

_,Das braucht nicht euere Sorge zu sein. Gott hat mehr als genug Mittel und Wege. Je lieber ihr den Brüdern helft, desto fröhlicher werdet ihr werden. Dann könnt ihr die anderen, die zurückgeblieben sind, ermuntern. Sie werden immer weniger Raum um sich haben. Ihr könnt ihnen zurufen: 'Kommt und folgt uns nach!' Wenn sie kommen, dann ist es gut. Kommen sie aber nicht, dann weiß Gott, was ihr Schicksal sein wird."

Noch einmal trat ich zu dem Vorsteher und sagte: "Siehst du, über zwei Drittel sind dir schon abtrünnig geworden. Die anderen werden auch noch mitkommen, das kann ich dir schon jetzt sagen. Versuche nicht, je­manden festzuhalten. Sobald du Gewalt anwendest, wirst du im Moment stumm und unfähig, ein Glied zu rühren. Und du wirst solange gelähmt bleiben, bis du ganz klein und demütig geworden bist. Dann wirst du Gott bitten, dir ein gnädiger Richter zu sein."

Da hob er wieder die Hand, um mich zu schlagen, aber im nächsten Au­genblick war er steif und stumm. Ein Bild zum Erbarmen, wie sein Ge­sicht größte Wut und Verachtung ausstrahlte. - Da schraken die anderen vor ihm zurück.

 

Und ich befand mich wieder in meinem normalen Zustand, zu Hause im Bett.

Oft fragte ich mich, was wohl aus den Bewohnern und dem Vorsteher geworden ist. Eines Tages bekam ich die Antwort: Alle konnten gerettet werden bis auf den Vorsteher. Ihm hatte man ein Loch gelassen, wo er bis zum Hals im Sumpf steckte. Jeden Augenblick mußte er fürchten, darin zu versinken.

 

Ein Freund geht heim

 

Nun soll noch ein Erlebnis folgen, an dem ich nur indirekt beteiligt war.

Schon seit 1916 habe ich versucht, in spiritistischen Kreisen, denen es nur um interessante Geisterkontakte ging, auf mehr Verantwortungsbe­wußtsein hinzuwirken. Es drängte mich, diese Freunde zu einer höheren Lebenseinstellung zu bringen. In Lichtentanne, wo ich damals wohnte, habe ich viele Herzen gewinnen können. Darunter einen Bruder mit Na­men Hermann Walter.

Seine Eltern hatten zur Gemeinschaft Dietel in Niederplanitz gehört. In der Familie Walter konnte ich beeindruckende Offenbarungen durchge­ben und gewann die ganze Familie für meine Anliegen, mit Ausnahme von Hermanns Frau, Liesel. Sie war ein eifriges Mitglied der "Landes­kirchlichen Gemeinschaft."

 

Es war mir nicht gelungen, Liesel Walter von den durch Lorber offen­barten Wahrheiten zu überzeugen. Desto treuer und eifriger war ihr Mann Hermann in unseren Zusammenkünften. Er hatte als Bergmann ei­nen verantwortungsvollen Posten. Darum wurde er 1914 nicht zum Kriegsdienst eingezogen.

1916 wurde Hermann schwer krank. Ich habe ihn in jener Zeit oft be­sucht. Leider ging Frau Liesel jedes Mal aus dem Raum, sobald ich kam. Die Krankheit war ernst. Das Verhältnis zwischen Hermann und mir wurde immer inniger, zum Leidwesen seiner Frau. An. sich hatten die beiden eine gute Ehe geführt.

Hermanns Vater, Eduard, war verstorben. Ein älterer Bruder, Paul, hatte einen Tag vor seiner Hochzeit aus Angst vor der Ehe Selbstmord verübt. Die alte Mutter lebte noch und ich liebte sie wie meine eigene.

Die Krankheit wurde immer schlimmer. Hermann nahm keine Linderungs­mittel. "Ich will tragen, was Gott mir auferlegt hat", war seine Antwort. Als eines Nachmittags wieder - wie täglich - der Arzt kam, meinte Her­mann: "Herr Doktor, morgen kommen Sie das letzte Mal, dann gehe ich heim."

Zu Liesel und seiner Mutter sagte er das gleiche. Sie wollten es kaum glauben.

Der Abend verlief ruhig. Er bat seine 17jährige Tochter: "Geh morgen nicht zur Arbeit. Sollst auch meinen Gott erleben in meinem Sterben."

 

Der nächste Tag begann. Er wandte sich an seine Frau: "Liesel, heute kochst du mir Schweinsknochen und grüne Klöße (unser Nationalgericht) und bringst mir einen Krug Bier. Ich muß mich stärken." Alles geschah nach seinen Wünschen. Der Vormittag verging, Hermann

hatte keine Schmerzen. Alle freuten sich. Gegen Mittag wurde das Es­ sen fertig, Hermann aß ganz wenig von allem. Dann sagte er zu seiner Liesei, zu seiner Tochter und zu seiner Mutter:

"Liesel, um vier Uhr gehe ich heim. Sei klug und gib für das Begräbnis nicht so viel aus. Feiert kein Totenmahl wie üblich, sondern bleibt still für euch."

Liesel wehrte ab: "Hermann, dir geht es doch wieder besser, rede jetzt nicht vom Sterben!"

"Nicht vom Sterben, Liesel", widersprach er, "sondern vom neuen Leben rede ich, welches mir durchs Sterben geschenkt wird. Bitte, laßt mich  allein, ich werde müde."

So schlief er ruhig eine Stunde. Die Lieben wichen nicht von seinem La­ger. Dann wurde er wieder wach, sah sich um und sagte zu ihnen:

"Nun wird es ernst. Vater ist mit Paul gekommen, um mich abzuholen. Liesei, jetzt ist auch der Heiland da, er steht dort am Fußende meines Bettes. Vater und Paul stehen hier, aber der Heiland sieht nur dich an, meine Liesel"

Hermann sprach nun im Flüsterton weiter, er unterhielt sich mit seinem Vater, verstehen konnte man ihn nicht. So ging es lange, lange Minuten. Dann richtete er das Wort wieder an seine Familie: "Jetzt kommt ein ernster Engel mit einem Schwert. Vater und Paul lassen euch sagen: ,Ihr Lieben alle, bleibt im rechten Frieden!' Und ich bitte euch: Bleibt ver­bunden in der Liebe Jesu, die mich jetzt ruft."

Immer schwächer wurde sein Atem. Wie ein Licht, das kein Öl mehr hat, schlief er ein, ohne nur einen Laut von sich zu geben. Wie ein Ver­klärter lag er da.

Am Abend kamen die Freunde von Liesel aus der Landeskirchlichen Gemeinschaft, um einen Trauergottesdienst zu halten. Liesel war ja eine treue Anhängerin. Aber Liesel wehrte ab.

"Es ist nicht nötig, für Hermanns Seelenheil zu beten. Denn wer so stirbt wie mein Hermann, kann kein Verlorener sein, wie ihr mir immer gesagt habt, nur weil er Spiritist und Lorber-Anhänger war. Nun bereue ich es, meinem Hermann nicht schon früher gefolgt zu sein. Er war der beste Mann, den mir Gott schenken konnte. Hermann hat, als es zum Ende ging, noch seinen Heiland gesehen, er habe mich dauernd angeschaut, eine volle Stunde lang. Seine letzten Worte werden in mir immer wie eingebrannt sein. Sie lauteten: 'Bleibt verbunden in der Liebe Jesu, die mich jetzt ruft!'"

 

 

 

Nachwort

 

Hier brechen die Erlebnisse und Berichte ab.

Vieles wurde schriftlich festgehalten, vieles ging verloren. Seltmann spricht ja davon. Aber auch das begrenzt Vorhandene reicht aus, um sich ein wenig in die Lebendigkeit des "Hüben und Drüben" hineinzule­ben. Es ist Seltmanns Lebensgeschichte, es sind seine Erfahrungen. Und trotzdem - in anderen Variationen könnten es die unseren sein.

Hier in unserem irdischen Leben erfahren wir täglich ein lebendiges Ge­schehen - im Materiellen. Wollten wir doch noch mehr auch von der Le­bendigkeit des Geistigen Kenntnis nehmen. Sie schließt sich naht/os an das irdische Geschehen an, reiht sich dann weiter über "erdnahe" Ge­gebenheiten zu immer feineren, geistigeren Situationen - vom Dunkel zum Licht, vom Unvollkommenen hin zum Vollkommenen - Gott.

 

Es ist ein weiter beschwerlicher Weg. Je bewußter wir auf diesen Ent­wicklungsweg einschwenken und je mehr wir begreifen, daß wir als Mensch, aber auch als weiterlebendes Geistwesen, um Hilfe ansuchen können, desto klarer können wir das Wichtige vom Unwichtigen unter­scheiden: Wer bin ich eigentlich? Was ist der Sinn meines Erdenaufent­halts? Warum bin ich in diese Reduziertheit, in diese Wissensbe­schränktheit hineingeboren? Sollte ich nicht gerade dadurch meine Rei­fe, meinen Entwicklungsstand überprüfen und mich neu bewähren? Kann ich die Erde als Schulungsort verstehen, wo jede Gegebenheit ihren Sinn hat als Hilfe auf diesem Entwicklungsweg und mir zum wirklichen Weiterkommen dienen könnte? Wie weit begreife ich, was es bedeutet: "Trachte zuerst nach dem Reiche Gottes m." oder. "Du sollst Gott über alles lieben und deinen Nächsten wie dich selbst!" Habe ich diese Aus­sagen so durchdacht, daß ich sie in meinem Alltag in die Praxis umset­zen kann? Was werden die "Früchte meines Lebens" sein, auf die es später ankommen wird, wenn ich dereinst die irdischen Augen schließe? Bin ich mir bewußt, ein Kind des Geistes zu sein, mit einem irdischen Körper bekleidet, den ich einmal. ablegen werde, um in der geistigen Welt weiterzuleben?

 

In dem Buch" Arno" hat Seltmann auf alle diese Fragen aus seiner Sicht Antworten eingeflochten. Im Rahmen einer spannenden Handlung leuchten die erweiterten Gesetzmäßigkeiten, denen jeder Mensch unter­worfen ist, auf. Sollten wir nicht schon heute versuchen, Bürger beider Welten - der sichtbaren und der unsichtbaren - zu werden?!

 

Diese „erlebte geistige Wirklichkeit" ist es, die Seltmann nicht müde wird, .seinen Lesern zu beschreiben und zu erklären - aus seiner Sicht und mit der Aufforderung an jeden, sich zu fragen: 'Was hat mein jetzi­ges Denken und Tun für Konsequenzen im Hier und im Drüben?“

 

Zum Abschluß lassen wir Seltmann noch einmal selbst zu Worte kom­men.

Am 12. Februar 1995 hatte ich Gelegenheit, ihm über unser ungenanntes Medium, Frau H. - über das er seinerzeit mit mir in Kontakt gekommen war - einige Fragen zu stellen. Er schilderte uns daraufhin, wie er sein eigenes Hinübergehen erlebt hatte:

 

"Die letzten Wochen meines Lebens waren für mich nicht leicht; denn ich hatte meine Sprache verloren. Und, wie ihr vielleicht schon erfahren habt: ich habe gerne geredet Es war für mich eine große Übung der Geduld, die mir manchmal zu Lebzeiten auch etwas gefehlt hat Aber dann, als die Stunde kam, da ich hinüber durfte, erfüllte ein helles Licht den Raum. Ich sah meine liebe Suse, meine Frau, wie sie strahlend im Lichtgewand vor mir stand. Sie kam, um mich abzuholen. Auch Jesus durfte ich erblicken, wie er mir seine Hände entgegenstreckte.

In der jenseitigen Welt bedurfte ich noch der Ruhe und der Sammlung. Und meine liebe Suse .hat sich meiner angenommen. Dann, zu einem viel späteren Zeitpunkt, durfte ich alle anderen begrüßen. Doch ich will hier nicht zu viel darüber erzählen, weil es mit diesem Buch, das ihr heraus­geben wollt, wenig zu tun hat"

Auf die Frage, wie er heute zu der Vorstellungswelt von Jakob Lorber steht:

 

"Ich stehe dazu heute nicht anders wie damals zu Lebzeiten. Diese Of­fenbarungen waren alle sehr wegweisend für mein ganzes leben. Und auch ich durfte ja dann Botschaften empfangen. Ich habe sie aufge­schrieben und konnte sie durch innere Hellsicht ganz miterleben und wahrnehmen."

 

Die letzte Frage ging danach, wie Seltmann heute die Wirklichkeit der "traumartigen Erlebnisse“ beurteilt, die im letzten Kapitel wiedergegeben sind:

 

"Es waren keine Träume im üblichen Sinne, sondern seelische Erlebnis­se. Es war meine Seele, die in den so genannten Astralbereichen das Wort des Herrn verkündigt hat, denn ich durfte ja auch sonst neben mei­nem irdischen Dasein gleichzeitig in der jenseitigen Welt wirken. Und auch Jesus durfte ich in seiner Lebendigkeit erleben, damals und auch heute immer wieder. Ihr wißt doch, daß Seele, Geist und leib voneinan­der unabhängig sind [und sich voneinander lösen können]. Aber dieses war mir meistens nur in den Nachtstunden, wenn der Körper ruhte, voll bewußt" -….

 

Er schloß mit den Worten:

 

"Seid eingehüllt in die göttliche Liebe und Gnade!"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DONATA

Schriftenreihe mit inspiriert empfangenen Texten

und Berichten über spirituelle Erfahrungen

 

Herausgegeben von Gertrud Emde

 

DO-1                   Gertrud Emde (Text), Carla Schröfl (Federzeichnungen):

                            Ein Kindertageslauf (1991)

        DO-2                   Max Seltmann:

                            Erlebte geistige Welt. Ein Sensitiver erzählt seine Le­bensgeschichte (1998)

 

DO-3                  Max Seltmann:    Arno

        

DO-4                  Gertrud Emde:

                            Christliches Heilen (Vortrag, 1996)

 

 

Erschienen im G. Emde Verlag, Pittenhart

 

 

 

Tonkassetten mit Vorträgen von Gertrud Emde

 

GT-1 GT-2 GT-3 GT-4 GT-5* GT-6

 

GT - .1             Geistiges Heilen - ein christlicher Auftrag (Heiligkreuztal 1985)  

GT – 2             Geistheilung durch jenseitige Helfer (Bad Ischl 1986)

GT – 3             Geistiges Heilen - Spiritualität im Alltag (Heiligkreuztal 1986)

GT – 4             Drei Meditationen (Heiligkreuztal/Ottobrunn 1986)

GT – 5*           Geistiges Heilen (Marburg 1986)

GT – 6             Geistiges Heilen - Chancen, Grenzen und Gefahren (Regens­burg 1987)

GT - 7             Wanderungen und Sichten in geistigen Bereichen (München  1987)

GT - 8*           Geistheilen und Aura (Wien 1988)

GT - 9             Unsere unsichtbaren Begleiter - Hilfen und Gefahren (Landau

           1988)

GT-10             Heil werden und Heil bringen - in anderen Kulturen und bei uns

                        (Heiligkreuztal 1988)

GT-11*           Das Leben danach - aus der Sicht einer Sensitiven (Augsburg 1990)

GT-12*           Das Leben danach - aus der Sicht einer Sensitiven (Bonn 1990)

GT-13             Spirituelle Lebenshilfe. Wie können wir geistiges Heilen verste­hen und anwenden?

                        (Bern/Schweiz 1990)

GT-14*           Spirituelle Lebenshilfe. Wie können wir geistiges Heilen verste­hen und anwenden?

                        (Baden-Baden 1991)       

GT-15*           Spirituelle Lebensberatung (Bad Herrenalb 1991)

GT-16*           Engel - unsere Begleiter und Heiler (Stuttgart 1991)

GT-17             Geistiges Heilen (Heilbronn 1991)

 

 

GT-18*           Bei Daskalos auf Cypern - eine Reise ins Verstehen (München 1992)

GT-19*           Das geistige Umfeld des Menschen (Hochreute 1992)

GT-20*           Geistiges Heilen als Ergänzung zur Schulmedizin (München 1994)

GT-21             Sterben, Tod, Leben danach (Augsburg 1994)

GT-23*           Christliche Gesundheitsvorsorge (Augsburg 1996)

VT-73*           Begegnungen mit Engeln und Naturwesen / mit Erlebnisberich­ten

                        Von Tagungsteilnehmern  (Wies/Steingaden),                                                                                  

VT-123*         Medialität und Verantwortung - Über den Umgang mit der eige­nen Sensitivität

                        (Freising 1995)

 

 

Die mit * markierten Titel umfassen zwei Kassetten

 

 

 

 

Erschienen im G. Emde Verlag, Pittenhart