Konzentrat und Hinweise zum Buch von 

Edith Mikeleitis

„DER GROSSE MITTAG“

Verlag Otto Aug. Ehlers, Darmstadt

     

Edith Mikeleitis hat dieses Buch in fast zehnjähriger Arbeit erstellt. In den Bermerkungen auf der Umschlagseite zu diesem Buch heißt es u.a.:

‚Die Aufgabe, die bisher niemand ergriffen hat, hieß Friedrich Nietzsche gleichwie Richard Wagner. Der eine ist ohne den anderen nicht zu denken, denn sie verkörpern die beiden entscheidenden Haltungen des menschlichen Bewusstseins. In Ihnen liegen die Spannungpole unseres Zeitalters, und der Austrag uhres Schicksals klärt den Horizont der Gegenwart. Denn in jedem von uns stecken ein Nietzsche und ein Wagner; in jedem von uns wird der Streitausgefochten zwischen dem sich vergottenden und dem sich Gott unterwerfenden Ich. Das Ringen dieser beiden mächtigen Geister ist kein abgetanes Ereignes des vorigen Jahrhunderts, sondern ein Vorgang, der unserer heutigen Bewusstwerdung dient. Die Schau, die im „Großen Mittag gewonnen wurde, stellt das Phänomen des Nihilismus, das kein bloßes Politikum ist, in die Entscheidung der Menschheit. Nietzsche wie Wagner waren Vorauswisser und Vorantreiber. Daß des einen Geistesglut zu Asche verbrannte und der andere aus Vereinzelung zum göttlichen Gesetz zurückfand, erschließt sich uns als zwingendes, mahnendes Gleichnis. 

Edith Mikeleitis hat Ihre zehnjährigen Recherchen in ihr liebendes Herz gestellt. Ihr wurden Innewerdungen geschenkt, die sich insbesondere auf Friedrich Nietzsche, Richard und Cosima Wagner beziehen. Sie war Kennerin der Neuoffenbarungsschriften, insbesondere die von Jakob Lorber.  Die von ihr herausgegebenen Bücher erreichten Millionen-Auflage. Die meisten Bücher sind bereits vergriffen und werden zur Zeit nicht mehr verlegt. Erhältlich ist z.B. im Verlag Friedrich Zluhan, Bietigheim noch Ihr Buch „Der Plan Gottes“, der sich insbesondere mit den Offenbarungen  durch Jakob Lorber befasst.  Was Friedrich Nietsche leisten sollte, nämlich die geistige Kommentierung insbesondere des ‚Lohengrin’, des ‚Nibelungenringes’ und des‚ Parzifals’, hat Karl Dvorak teilweise nachgeliefert. Iim Anschluß an die Kommentierung des auszugsweise wiedergegebenen Buches ‚DER GROSSE MITTAG’ finden Sie die geistige Deutungen des ‚Lohengrins’ und des ‚Nibelungenliedes’.

Nachfolgend Auszüge aus ‚DER GROSSE MITTAG’ mit Anmerkungen von  L. Broß  in blauer Schrift. Dieses Buch wird an dieser Stelle auszugsweise kommentiert, weil es uns eine große Hilfe zur Verinnerlichung der in der Neuoffenbarung gelesenen Gottesworte war und es im Buchhandel nicht mehr erworben werden kann. Wer es selbst vollständig lesen möchte, kann es in der Bibliothek der TH Darmstadt ausleihen.

S. 11     R.Wagner zu Nietzsche:  "Mein Werk ist vor mir selbst wie mit einem Schleier verhüllt. Ich kann es nicht als Ganzes schauen. Sie werden der Spiegel sein, der es mich sehen lehrt.." (Zwischen Friedrich Nietzsche Richard und Cosima Wagner hatte sich in Tribschen eine geistige Freundschaft entwickelt)

S. 12     "Siegfried ist die Kampfansage gegen unser gemein gewordenes Jahrhundert, gegen den Händlergeist, der die Lebensluft verdirbt.." 

S.15      Er fühlte keinen Boden unter sich. Bisher galt ihm sein Amt als Philologe als das Seil, an dem er sich, den Abgrund entlang, halten wollte, bis er das weltumstürzende Werk getan: ein Werk, das namenlose und schemenhaft noch in keinem Bezug sich fassen ließ. 

Cosima R.Wagner/über  und zu Nietzsche

Er ist wie ein Schicksal, wie eine geballte Faust, die einmal zustoßen wird... Ich weiß es nicht auszudrücken. Aber im Hintergrund seiner schüchternen Augen steht eine brennende Kühnheit, die wartet... Das zieht mich an. Ich spüre, wie er mir Impulse gibt, ohne zu sprechen. Und wenn er seine klugen Sätze formt, brauche ich nur ein Wort zu sagen, und er weiß besser, was ich meine, als ich selbst... Er soll meinem Werk dienen, verstehst du ? (In dieser Phase erkannten beide in sich Ihre noch nicht in Worte ausgedrückte ‚Sternenherkunft’. Diese Ahnung eröffnet sich uns, wenn wir uns mit unserer göttlichen Herkunft befassen. Richard Wagner konnte seine Zweifel über das göttliche Jenseits ausräumen, Friedrich Nietzsche vertiefte immer mehr den Standpunkt Satanas: 1. Stufe : Ich will so sein wie Gott, 2. Stufe : Ich will Gott töten und Alleinschöpfer sein. Er gab sich dem Einfluß dunkler Engel immer mehr hin) 

Mikeleitis über R.Wagner: In beinahe kindlicher Einfachheit bezog sich bei Wagner jedes Erlebnis auf die schöpferische Mitte eines Gestaltungswillens, der ebenso stark im Schaffen sich äußerte wie im Durchsetzen des Geschaffenen. 

S.16   Beethoven ist mein Gegenbild.  Ihm galt seine Liebe, aber seine Besessenheit dem eigenen Werk, und er ahnte, dass seine Liebe höher  griff  als seine Besessenheit zu erfüllen vermochte.(Auch Beethovens Musik kommt aus den Himmeln) In Gedanken zu Nietzsche: „Er geht nur seinen eigenen Weg!“ 

S.17.   Wagners Gedanken über Nietzsche beim Hinausgehen ins Freie: Mit dem unvoreingenommenen Blick des magisch Schauenden begriff er die geheimen Zusammenhänge zwischen Kindheit und Schicksal in dem Jüngling, dem die Last einer ungeheuren  Klugheit den Weg zur schöpferischen Mitte des Lebens versperren wollte.... 

S.17/18 Richard Wagner war das, was er mit der äußersten Herausforderung aller seiner Kräfte selbst zu werden ersehnte, dem er sich entgegentrug: ein Auserwählter - nicht nur ein Berufener. Als Krönung der Gnade war ihm Cosima zugefallen.

Zuvor in seinen Gedanken: Bis in alle Einzelheiten vergegenwärtigte er sich diese Frau, die den Makel seiner ersten abgründigen Begegnung mit dem Weibe in ihm zu versöhnen berufen war. Rührend und hoheitsvoll trug sie die Bürde ihrer Mutterschaft mit den Schwingen einer Göttin. (Friedrich war von den Ausstrahlungen von Richard und Cosima phasziniert. Diese Auserwählung beansprucht er auch. Sein Wunsch wurde aber nicht aus reiner Liebe geboren, sondern aus dem Denken eines gefallenen Engels. Edith Mikeleitis formuliert es treffend mit den Worten: ‚Als Krönung der Gnade war ihm Cosima zugefallen. So denkt kein selbstloser Engel, der sich an der engelhaften Ausstrahlung reinen Herzens erfreut und sich in dieser Freude zu anderen himmlischen Ufern entflammt. Er beansprucht Cosima vielmehr für sich allein!) 

Einmal als Kind war die Gnade spürbar über Friedrich gewesen. Er hatte vor dem heiligen Georg mit dem Schwert gestanden, jenem Bildwerk der Röckener Kirche, das aus einer katholischen Erbschaft übriggeblieben war. Der Drache hatte sich unter dem heiligen Schwert zur machtlosen Schlange erniedrigt, die in den Staub biß, während der Held in der Strahlenglorie des Siegers demütig die Augen zum Himmel erhob.... Da hatte sich dem erschütterten Knaben das Gesicht der Schlange mit listigem Blick zugekehrt und ihm vielsagend bedeutet, dass ihrer Macht niemals ein Ende sein würde. Man hatte ihn ohnmächtig vor dem Bildwerk gefunden und nach Hause getragen. Seitdem gähnte die Finsternis in ihm. Er musste die Finsternis überfliegen, um zu neuen Horizonten zu gelangen...( Hinter der Gnade dieser Schau erkante Friedrich trotz seines Elternhauses - sein Vater war Pfarrer - aber nicht den himmlischen Vater, sondern ließ sich allein vom dunklen Engel ergreifen)

Der heutige Tag sollte diese Forderung erneuern. Das Genie hatte ihn in seine Reihen aufgenommen. Er würde dem Ruf folgen...Durch das geheime Vergrößerungsvermögen der Zuneigung und Begeisterung öffneten ihm die nachklingenden Worte Wagners und Cosimas Räume, die er vordem nicht ermessen hatte, und es wollten in ihm Seligkeit, Sehnsucht und Erwartung nicht zum Schweigen kommen. (Die ihm eröffnenden Räume waren aber nicht die der Liebe, sondern der bloßen kalten Weisheit)                                                                                             

S. 19   Beim Anblick des Sohnes von Wagner und Cosima in Tribschen: Er fühlte sich abgewiesen, und es vollzog sich in ihm eine hellsichtige Bewusstwerdung seines eigenen, tief einsamen Schicksals. Doch geschah dies gleichsam wie ein Blitz...(Ein kalter Blitz, der ihm seine Vereinsamung erahnen ließ)

Wie die junge Mutter sanft und verklärt das Kind betrachtete, den ersten Sohn, den sie zur Welt gebracht, meinte Friedrich, es müsse ihm selber das Los ebenso erblühen. Nur in seinem abgründigen Sein glaubte er nicht daran. Dort blieben Kälte und Finsternis mächtig. Er bemerkte Cosimas sinnende Blicke nicht, die etwas in seinem Gesicht zu suchen schienen. In der dichten Zärtlichkeit ihres erfüllten Frauentums erkannte sie seine eigentümliche Wachheit, die niemals die Aufsicht über die Regungen seines Wesens verlor, und sie wusste, dass er sich in den Armen einer Frau kaum zu vergessen imstande sein würde, immer auf der Hut vor der Preisgabe. (Das erwärmende Vertrauen kennt nur die Liebe und nicht die kalte Weisheit. Auch Kant war Junggeselle und sprach seine Hirngespinnste selbst mit seinen Studenten niemals ab)

S.20   Friedrich begriff, als er diesem Rätsel nachsann (über Alberich und der zauberischen Lichterscheinung des germanischen Sehnsuchtstraumes), dass nur das Dunkle das Licht erkennen kann und dass deshalb auch das Dunkle in Wagner die vollkommene Mächtigkeit Siegfrieds zu beschwören imstande war. Doch Wagner, in seltsam treffender Antwort auf die heimlichen Gedanken Nietzsches, sagte unvermittelt: „Daß ich Siegfried überhaupt erblicken durfte, ist das Geheimnis der eröffnenden Gewalt göttlichen Lichts im Künstler, das plötzlich ferne Dunkelheiten aufreißt und seine Wunder enthüllt. Ich halte mich da an das Wort des großen David, des glühenden im Gefolge Jehovas, der behauptete : „In Deinem Licht sehen wir das Licht“. (Richard Wagner antwortet ihm , weil er seine dunklen Gedanken erkennt. Dieses Erkennen erfolgt immer durch eine göttliche Innewerdung. Jesus Christus ist im Geburtsgeist, der sich in unserem Geist-Seelen-Herzen befindet, in jedem Menschen anwesend. Richard Wagner hat sich diese Anwesenheit durch Hinwendung eröffnet, Friedrich hat sie aufgrund seiner Hinwendung zum dunklen Engel verschlossen. Er erschaut das Licht aus seiner Dunkelheit. Sein Pol ruht in der durch die Liebe entstandenen Materie. Die Liebe erbarmte sich der Geistwesen, die sich ins Unendliche zerstreuten und verloren gewesen wären. Um ihrer Freiheit willen mussten sie zur Materie verdichtet werden. In dieser Beengung erscheint Friedrich alles finster und er schaut aus dieser Finsternis in das Licht.)                                                                                             

Friedrich abweisend: „Ich sehe in der Kunst die höchste Aufgabe und  die eigentliche meta-physische Tätigkeit dieses Lebens, nicht in der Religion“. R.Wagner verstand, dass Friedrich damit die Religion für die Menschheit der Zukunft ausschalten wollte, um das ungeheure Verlangen an die Kunst zu stellen, Gott neu zu enthüllen....(So dachte aber nur Richard Wagner. Friedrich erkannte nicht, dass er durch seine Kunst ebenfalls Gott enthüllen würde. Er ahnte nicht, dass seine kalte Kunst ihn nur erneut wie Satana in den geistigen Tod führen würde)

S.20   Manches - und wahrscheinlich das Eigentliche - wird dem Menschen nur in der Musik gegeben, sagte R. Wagner. (Die Musik hat eine höhere Schwingung als die durch die Stimme gebildeten Worte. Die Musik kann eine tönende Gottoffenbarung sein)

S.21   „Ich halte Sie für den einzigen Menschen, der weiß, was ich will“.... „In Ihrer Nähe fühle ich mich berechtigt, nach den höchsten Möglichkeiten göttlicher Kündung zu streben. Es handelt sich darum, die Musik dem Himmel abzulauschen....“ ...“Sie verstehen mich schon! Als Gott weiterleben! Ein Gott muß das Menschliche erfahren, um es zu  überwinden. Im Leiden wird er stark genug, das Chaos in seine Gewalt zu zwingen und es zu gestalten. Er sprengt die Grenzen und öffnet neue Horizonte!“... „Ich will in Gemeinschaft mit Ihnen, und nur mit Ihnen, die Rangordnung wieder herstellen, Friedrich Nietzsche!“ ...Wann können wir als Gott weiterleben? Wenn wir unseren Geburtsgeist befreien, ich dem der eine Pol unser wieder rein gewordenes Ich bildet und der andere Pol unsere Sonne Jesus Christus. Eigentlich sind dann nicht wir der Gott, sondern allein Jesus Christus. Er belässt uns aber unsere Freiheit. Eine solche Freiheit kann aber nur unter Seiner Sonne bestehen. Seine Kinder haben sich dann zu göttlchen Söhnen entwickelt!)

Wieder trafen seine Worte wie ein leichter, aber schmerzender Schlag jene empfindliche Stelle in Friedrichs Wesen, wo sich der Ehrgeiz, ein einziger zu sein, über dem fehlenden Glaubensvermögen zu üppiger Wucherung erhoben hatte. Der Abstand zwischen sich und dem Meister, der dieser unbewusst mit jedem Gedanken aufriß, tat sich klaffend auf. Aber noch überwog der Stolz darauf, in solche Nähe zu dem weltberühmten Manne gerückt worden zu sein.... 

S. 22    .. „Ich brauche die Bereiten, die Offenen, die Frommen, die Suchenden, die Demütigen und die Gläubigen. Ich habe Bayreuth erwählt. Vor Jahren fand ich es zufällig“. Mein Herz fand es. 

S.24    Als sich Friedrich in seinem Zimmer im ersten Stock befand, stand er noch lange am offenen Fenster, äußerlich gelassen, doch innerlich aufgewühlt und aufgerufen zum Titanenkampf mit dem einzigen, um dessen Bewältigung es sich lohnte. Der Wagnerschen Welt hatte er noch nichts entgegenzusetzen als den einen, der höher reichte als Siegfried; den Erben alles vergangenen Geistes, den Adligsten aller Edlen und den Erstling eines neuen Adels: den neuen Menschen. Ihn zu erschaffen - ein Ziel, eines Gottes würdig!  (Zu welchem Titanenkampf vermag uns unser Ehrgeit zu treiben. Bereits in diesem Ansatz versteckt sich unsere Blindheit. Doch wir rennen dagegen an und versteigen uns in kalte, wenn auch wohlgeformte  Hirn-gespinnste!) 

S.25   Mit seiner verhalten tönenden Stimme mühte sich Friedrich um lehrhafte Eindringlichkeit, und er empfand Genugtuung, wie willig die Schüler mitgingen. Sie vertrauten ihm. Doch nun glühten seine Augen auf. „In unserem entgötterten Zeitalter schweigen die ewigen Mächte. Darum auch schweigt die Tragödie. Es bläht sich dafür das Wissen der Philologen und der zu kurz Gekommenen. Was für ein Zeitalter! Die Zeitgenossen leben im Vordergründigen und haben den großen Hintergrund vergessen. ..“...Unter den Schülern leitete sich eine unterdrückte Bewegung weiter... 

S.26   (N.)Ich habe Ihnen von Dionysos und von der Gewalt Apollos erzählt. In unserer Zeit erheben sich ungestüm die vom Göttlichen nicht  mehr gebundenen Mächte des Chaos...(Er sieht die Welt realistisch) 

S.35   (N.)„Als ich zwölf Jahre alt war, erdachte ich mir eine wunderliche Dreieinigkeit, nämlich Gott-Vater, Gott-Sohn, Gott-Teufel.“ Damit fing ich an zu philosophieren.  (Bereits damals ließ er sich von seinem Schlangenerlebnis in der Kirche leiten) 

Wagner:   „Streng genommen ist die Musik die einzige dem christlichen Glauben ganz entsprechende Kunst, wie die einzige Musik lediglich ein Produkt des Christentums ist. Denn als reine Form eines gänzlich vom Begriff losgelösten göttlichen Gehalts darf sie uns eine welterlösende Geburt des göttlichen Dogmas von der Nichtigkeit der Erscheinungswelt selbst gelten. Aber dazu gehört viel Blut, viel Leiden, viel Liebe, viel Zeugung und viel Geburt dazu, damit ein Werk entstehen kann, das erlöst...“ 

S.36   (N.)„Alles Gute ist die Verwandlung eines Bösen und jeder Gott hat seinen Teufel zum Vater. So will es das Gesetz des Lebens.“  (Ein negativ denkender Geist pflegt immer alles zu verkehren. Das Leben kann aber niemals vom negativen Pol fließen, sondern immer nur vom positiven Pol zum negativen Pol. So fließt auch der Strom. Das Negative kann nur Empfänger sein. ) 

S. 45   „Das Wort ist mehr als Musik. Das Wort ist Magie der Schöpfung. Das dürfen wir nicht vergessen.“ (N. zu R.W.) (Hier empfand Friedrich wieder aus dem Herzen)

R.W. zu N.: „Sehen Sie, das ist gerade das Verhängnis unserer abgelebten Zeit, dass das Wort seine Kraft eingebüßt hat! Die höchste religiöse Feier des Volkes ist heute nicht mehr in der Sprache allein möglich. Das Wort ist leicht geworden. Darum hülle ich es in die Musik ein wie das Sakrament in die Hostie und lege es den Andächtigen zur Verwandlung ins Herz.  Wort und Musik zusammen werden die Zeugung vollbringen, die der Menschheit die neue Gestalt schenken wird.“ (Welch ein Verständnis. Nach unserer seelischen und geistigen Wiedergeburt erhält der Mensch eine neue Gestalt, seine strahlende Lichtgestalt.) 

S.47   Während Friedrich durch die Nacht schritt, erkannte er die Rolle, die auch der Begabteste neben Wagner zu spielen hatte,  mit unheimlicher Deutlichkeit: die Rolle eines Planeten, eines Trabanten. Sein Selbstgefühl riet ihm warnend: flieh, gehe nie wieder in seine Nähe! Noch ist es Zeit. Sich mit ihm zu messen, muß Niederlage bedeuten! Genie bleibt ein Geschenk des Himmels. (Sein Selbstgefühl wurde vom dunklen Engel beherrscht. Er hätte sich auch zu der Höhe von Richard Wagner hochschwingen können, um Richards Opern aus dieser Sonne zu beleuchten. Zum Mondtrabenten, das ohne Eigenlicht ist, werden wir nur dann, wenn wir den Gottesfunken in uns isolieren und nicht aufbrechen lassen.)                                                                                             

Aber er setzte seinen Ehrgeiz dagegen.  Ihm gehörte das Wort. Ihm gehörte ein behänder Verstand, ein Denken, das Vermessenheit nicht scheute. Und dennoch! Das echte Genie bedurfte alles dessen nicht. Er stand auf der anderen Seite. Wo in aller Welt? Auf Gottes Seite, antwortete eine Stimme. So muß ich auf des Menschen Seite stehen, murmelte er. (Der göttlichen Einsprache schenkte er keine Beachtung. In ihm dominierte der dunkle Engel. Wer auf der Seite des Außenmenschen steht,  kann seine Herzensstrahlung  nicht aktivieren.) 

Je mehr sich die Bosheit oder Besserwisserei an R. Wagner versuchte, um so glanzvoller setzte sich sein Werk durch, ungeachtet der schlechten Aufführungen und der technischen Ansprüche. Mit der Gewalt von innen wuchs es über die Zufälligkeiten der Zeit. 

S. 48   In einsamer Klösterlichkeit wollte er seine Freunde um sich sammeln, um mit ihnen den neuen Menschen zu erziehen. Erneuerung und Wiedergeburt des Menschen zum Herrscher über die Erde - das musste das Ziel eines Athenäums sein, einer Universitas über allen Universitäten, dem die Lehrer der Menschheit entsprangen. (So versuchte sich auch schon Kant und ähnlich denkende Menschen. Die Gelehrten dieser Erde propagieren die Selbstbestimmung der Menschen)

                                                                             

S.53   N. zu seiner Schwester Elisabeth:  „Man kann andere Leute schwer ertragen, wenn man Wagners Freund geworden ist. Er atmet anders ein und aus als gewöhnliche Menschen. Auf jedes seiner Erlebnisse drückt er den Stempel der Ewigkeit. Seine metaphysische Existenz  ist seine wirkliche Existenz in einem Ausmaß, wie wahrscheinlich niemand begreifen kann.“..(Friedrich ist noch offen für die himmlische Strahlung, die von Richard Wagner ausgeht)

„Wenn ich mit Wagner und Cosima zusammen bin, wanken die morschen Pfeiler des Jahrhunderts. Ein dionysischer Vogel wiegt sich in den Zweigen der Weltesche und lockt wunderbar. Man wird seine Stimme überall hören. Er erweckt tote Seelen. Vernimmst du die Urlust am Schmerz, der die Tiefen der Schöpfung aufwühlt ? Das ist Wagners Musik !  Der tragische Mythos des Volkes vereinigt sich mit seinem Genius, und der deutsche Geist ersteht aus dumpfen Schlaf, darin ihn die tückischen Zwerge in langer Entfremdung hielten...“

„Mit Wagner zusammen bin ich bereit, Träger seines Ruhmes zu sein und auf dem eigenen Ruhm zu verzichten. Es ist das Äußerste, was ein Mensch für den anderen zu tun vermag.“ Er erschrak vor diesem plötzlich hervorgebrochenen Gedanken.... „Für mich ist Philologie nur soweit wertvoll, als sie die Theokratie des Schönen auf Erden begründen kann.“...(Friedrich lässt sich sogar von dieser Strahlung noch erfassen und zu hochsteigenden Gedanken inspirieren) 

S. 54   Doch Friedrich war der Unheilbarkeit des Jahrhunderts verfallen, und er verwirrte sich zwischen Ideal und Wirklichkeit.  „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“..Als Knabe hatte er manchmal in der Kirche gesessen wie ein Abtrünniger, kalt und spöttisch. Seine ausweichenden Antworten glitten wie Schlangen an allen Fallen vorbei, die man ihm stellte. Er verriet sich nicht. Auf einem Zettel hatte er notiert: „Das Christentum gab dem Eros Gift zu trinken. Er starb zwar nicht daran, aber entartete zum Laster.“ Zur Mutter über seinen Glauben: „Was kümmerst du dich darum? Hat nicht der Teufel die weitesten Perspektiven für Gott, weil er der älteste Freund der Erkenntnis ist?“ .. Es gibt viele Götter, aber keinen Gott.“ .. Beschwichtigend: „Du darfst solche Worte nicht ernst nehmen, Mutter. Die scharfen Waffen von Wissenschaft und Kunst taugen nicht zum Hausgebrauch. Man muß mit ihnen umzugehen lernen. Ich übe mich für meine Aufgabe, verstehst du das? Ich will der Entdecker neuer Horizonte werden. Sollte ich mich dann davor scheuen, den Gedanken der Philosophen nachzugehen?“... Seine Mutter: „Kein Ruhm der Welt kann dich vor der Hölle retten!“...

„Man kann es Gott auch so heimzahlen, dass man besser ist, als er den Menschen gemacht hat“, sagte er leise.(Friedrich sieht die Unzulänglichkeiten der Menschen. Aber sie sollen ja nur dazu dienen, sich daraus in Liebe zu befreien. Die Unzulänglichkeit resultiert aus dem Fall, in die sich jeder Mensch mehr oder weniger selbst hineinmanövriert hat. Die Willensfreiheit ist unser höchstes Gut. Wir sollen keine Marrionetten sein, die nur Gutes und Wahres denken und leben können. Zur Erprobung unserer Freiheit musste uns auch die Möglichkeit gegeben werden, gottabgewendet zu denken. Die nicht gefallenen Engel hatten begriffen, wer stets die Sonne bleibt. Die gefallenen Engel haben nicht begriffen, dass alles Leben und ihre Weisheit auch aus Gott fließen, auch wenn Er sich ihnen nicht zeigte) 

S.64   „Nein“, widersprach Friedrich sich selbst, „die Majestät der Natur verblasst  vor der Majestät des menschlichen Geistes. Aus der Begegnung zwischen Natur und Geist entsteht das Kunstwerk, und es nimmt einen Rang ein, den die sichtbare Natur niemals erreicht. Die Kunst ist der Weg der Menschheit zur Wahrheit ihres ursprünglichen Seins.“ (N. zu sich selbst über Worte von R.W.) (Der menschliche Geist kann nur dann majestätisch sein, wenn daraus  die Liebessonne strahlt. Sonst ist die Majestät nur geliehen und gleicht der eines Mondtrabanten)

S.65   „Siegfried ist die deutsche Idee“, ließ sich Wagner vernehmen. „Siegfried - Tristan - Parsifal - es ist immer derselbe in der Verwandlung. Es ist immer der Verkünder des Lichts. Siegfried, der den Drachen tötet...“  Da konnte sich Friedrich nicht enthalten: „Siegfried wäre nicht geboren ohne seinen Dichter. Der Dichter allein ist der Schöpfer des Daseins - der Musiker nur der Verklärer, wenn nicht der Auflöser...“  (Der Dichter kann nicht leben, wenn ihm nicht in jedem Augenblick göttliches Leben geschenkt wird und nur aus diesem göttlichen Leben fließen seine Inspirationen aus der jenseitigen Welt) 

Wagner, erregt aufspringend: „Die Seele unseres Jahrhunderts ist stumpf und müde geworden. ich nehme Dichtung und Musik, um sie wachzurütteln. Ich will der Menschheit ein neues Gesetz geben. Das alte ist vergangen, es muß ganz und gar neu werden...“ Nach einer Pause: „Wer wird jemals ermessen, wie viel grauenhafte Einsamkeit dazu gehört, damit solche Werke entstehen können! Man hat mir ein wildes Leben nachgesagt. Was für ein Missverständnis! Aber jede Einsamkeit kann zur Selbstvernichtung führen, und wenn diese Gefahr über mir schwebte, riß ich Menschen an mich, um im Du mich selber wieder zu finden.“ (Richard Wagner spricht aus, was Friedrich blüht, wenn er sich aufgrund seiner kalten Ideen vereinsamt) 

S.67   Friedrich dachte daran, dass Cosima ihn einen dunklen Cherub genannt hatte - einen dunklen Cherub. Die ganze Nacht über hatte sich das Wort in seinem Herzen gestoßen. (Cosimas einfühlsames Herz konnte wahrnehmen, welchem Einfluß Friedrich unterlag. Sie war ihm seine heimliche Liebe und diese Liebe ließ ihn aufhorchen. Er stieß sich aber an ihren Worten, weil sie sich mit seinem negativen Einfluß nicht deckte)                                                                                          

S.68   Vielleicht, wenn ihre Fürsorge ihm gegolten hätte, wäre er geneigt gewesen, ihren Gott ernst zu nehmen....(Weshalb erhält nicht jeder Mensch die gleichen Lebensbedingungen und wird in unterschiedliche Verhältnisse, mit unterschiedlichen Begabungen geboren? Dies hängt mit unserem seelischen Vorleben  und mit den Talenten zusammen, die uns zu einer Besonderheit machen, die es sonst nicht mehr gibt. Aufgrund der Verschiedenheit sollen wir aneinander wachsen. Friedrich wurde in keine armen Verhältnisse geboren. Dennoch folgte er nicht dem Beispiel seines Vaters und nahm die christlichen Lehren an. Auch die dunklen Engel lassen ihre Elite inkarnieren. Cosimas himmlisches Wesen wurde ihm nur in den Weg gestellt, um seinen Gottesfunken zu beleben. Aber nicht, um Cosima von Richard zu lösen, sondern um in ihm eine Umwenden zu bewirken. Sein Umwenden wäre  durch Neidüberwinden gefördert worden)

„Erst als ich Richards Musik und ihn selber kennenlernte, wusste ich, was ein echtes Genie ist.“ (Cosima).... Sie ahnte nicht, wie tief ihn ihr Wort vom echten Genie traf. Unterschied sie zwischen dem lauteren Genie aus erster Hand der Götter und dem gewollten Genie aus der Hand des Menschen, wie es einst Plato getan? ....Sein Gesicht hatte eine abgründige Starrheit angenommen, die wie eine Maske auf ihm lag. Die Trauer eines verlorenen Engels um seinen Himmel, so schien es Cosima, rührte sie aus seinen schwermütigen Zügen an. (Auch Richard Wagner sollte ihm wie schon sein Vater eine Richtschnur sein. Das Genie aus der Hand der Menschen kann nur ein Mondtrabant sein) 

S. 70   Richard Wagner zu Friedrich Nietzsche: „Die Welt ist mit Ihnen um ein Wunder reicher geworden. Sie begreifen, ehe man ausspricht. Sie sind wissend geboren. Ihre Erkenntnisse sind nur ein Wiedererinnern - ein Wiedererkennen der Weisheit von Anbeginn...“ ( Richard kann von seinem Freund Friedrich nur gut denken und sieht in Friedrichs Worte eine himmlische Herkunft. Er kann auch in Friedrichs Worten einen geistigen Gehalt erblicken, denn jeder Gedanke stammt ursprünglich aus Gott, ist aber beim Durchlaufen durch niedrigere Schwingungszonen immer mehr ummäntelt worden.)

Es ist zu viel, dachte Friedrich gequält, während er lächelte und dem Meister dankte. Ich bin immer nur ein Sehnsüchtiger, ein Trunkener, der draußen bleibt, wenn die anderen Feste feiern...(Friedrich erkennt selbst, wo er steht)

„Wir wären zusammen imstande, die Welt aus den Angeln zu heben, Friedrich! Wir gründen ein neues Griechenland, einen neuen Staat nach Platos Muster!“ (Richard Wagner bewundert Friedrichs Scharfblick. Später erfährt Friedrich, dass seine Thesen nur ein anderes Vorzeichen hätten haben müssen) 

S.71   R.W. zu C., als sie N. im Garten schreiten sahen:   „Wenn ein Mensch das Außerordentliche wagt, entbrennt im Kosmos gleich die Schlacht um sein Schicksal, und Engel und Dämonen werden aufgerufen, um ihn zu versuchen, an wen er seine Freiheit verlieren wird. Mit seiner Erlösung jubelt die Welt: Erlösung ! Mit seinem Fall reißt er die Welt in den Abgrund hinein, und die Dämonen triumphieren.“ Wagners Züge hatten sich verändert. Das Seherische, das Uralte, das nur manchmal für andere deutlich wurde, weitete sein Gesicht. Was er soeben gesagt, traf auf ihn selbst zu. Immer drohte über ihm der Blitz der Vernichtung...  (Diese Warnung gilt aber aber auch für Friedrich!)

F. zu R. u.C.: „Uns ist nur eine Fackel in die Hand gegeben, um die Finsternis zu erleuchten: die Kunst.“  „Auch die Kunst ist nichts ohne die Liebe, sagte Cosima. (Cosima durchschaut Friedrich total)

Friedrich schwieg mit zusammengepressten Lippen. Dann stieß er wie aus großer Not hervor: „Was wollen Sie ? Ist nicht unser Himmel leer gewesen, bis endlich des Meisters Gestalten darauf emporgestiegen sind ? Der Künstler gibt das neue Gesetz!“ (Erkennt Friedrich den leeren Himmel nach dem Geisterfall ? Das Gesetz des Künstlers ist das des Gerichtes, wenn er nicht zur Liebe findet!)   Wagner hob die Hand, er verbarg sich hinter einem Lächeln. Es ist etwas Luziferische in Ihren Worten, etwas Gleißnerisches, das mich verführen will...“ (Richard Wagner durchschaut Friedrich ebenfalls)

 „Der neue Gesetzgeber muß fähig sein, in den Abgrund zu blicken und die alten Götter darin versinken zu sehen, sagte Friedrich hart.  „Den Deutschen steht die christliche Heuchelei schlecht!“ (Friedrich sieht die Heuchelei in der Christenheit. Er erkennt aber nicht den Einfluß dämonischer Geister. Er sieht nicht , dass der Mensch zwei Seelen in seiner Brust hat und dass der Mensch als Christ heucheln kann, wenn er aus seiner ungeläuterten Niederseele agiert) 

S.76/8   Das gesicherte Selbstbewusstsein, das aus Wagners Worten sprach, erkältete die leidenschaftliche Begeisterung in Friedrich. So suchte er sich erneut des mächtigem und eindringlichem Bereich zu entziehen, seiner selbst nicht sicher und immer halb bereit, sich hinzuwerfen und in stürmischer Liebesbezeugung den eigenen Weg zu verleugnen, oder heftig aufzubegehren, den anderen feindlich anzugehen und sich gegen ihn zu verschwören. Nur in Cosimas Nähe versöhnte sich der Zwiespalt auf eine beinahe schmerzliche süße Art.   (Edith Mikeleitis versteht es treffend die Seelenkämpfe in Friedrich deutlich werden zu lassen) 

Cosima:  „Kennen Sie seine Todessehnsucht? Es ist eine zehrende Sucht, und alle seine Werke sind davon erfüllt. Liebe und Tod sind bei ihm verschwistert wie in der griechischen Sage. In Richards Musik gibt der Tod immer die tiefste Stimme, und diese Stimme ist ihm die liebste.“... „Sie sind der einzige, Friedrich, der den höchsten schaffenden Willen noch wahrnehmen kann.“  (Cosima weiß, dass sich Friedrich ebenso wie Richard zu geistigen Höhen aufschwingen könnte, er müsste seinem Leben nur ein anderes Vorzeichen geben) 

S.82   Nietzsche:  Wagner schafft für eine Gattung Mensch, welche noch nicht vorhanden ist.“.. (Erneut erkennt Friedrich, dass es möglich ist, dass sich der Mensch zu dem Menschen gestalten kann, wie ihn Gott ursprünglich gesehen hat)   „Die öffentliche Meinung ist die Macht der Halben und Mittelmäßigen, der schlechten Kopien, der zusammengestohlenen  Allerweltsmenschen.“        

                                                                                     

S 86   Nietzsche:  „Moral ist die Abkehr vom Willen zum Dasein“..   Die höchste Verantwortlichkeit darf nur einer haben, der auch das Böseste ohne Gewissensbisse heraufzubeschwören weiß.“..   (Ohne Gewissensbisse sind wir geistig tot)

Die peinigenste Tortur in diesem Leben ist die, im Gegensatz zu den Werten zu stehen, um deretwillen man es auf dieser Erde aushält, nur weil man der Wahrheit die Ehre geben muß.“.. (Die Wahrheit ohne Liebe ist Gericht)

„Hat jemand in unserer heutigen Welt Richard Wagner als europäischer Gestalt irgend etwas an die Seite zu stellen ? Und dennoch genügt sein Name noch nicht. Ein neuer Heiland muß hervorsteigen und über der Welt leuchten..., ein neuer Name...“ Seine Schultern bebten in der Überspannung seines Wesens.   „Alle Ziele sind vernichtet“, flüsterte er. „Oh, wir Heimatlosen von Anbeginn! Wir müssen Entdecker und Eroberer werden ! Wir sollten ausziehen, um uns eine Heimat zu erwerben...“   (Friedrich hat sich entschieden, für ihn kommt nur der Weg innerhalb des Gerichtes in Frage) 

S.89   Nietzsche:  „Einer müsste den Tod töten... Einer müsste - der Mörder Gottes sein !“   (Aus der Zwangsjacke des Gerichtes kann man sich nur durch den Weg der Liebe befreien)   Das grausige Wort stand, so leise es gesprochen war, magisch im Raum - gleißend und fahl, ein Höllenwort. (Edith Mikeleitis beschreibt den Zustand eines Menschen, der lieblos geworden ist. In ihm herrscht das nackte Grauen) 

Dennoch verfolgte ihn das Höllenwort. Fast spielerisch war es in ihm aufgestiegen, ein Wort wie alle anderen, eine geistreiche Sentenz, dem Versucher, dem Zyniker gemäß, wie die Gegenwart ihn allenthalben züchtigte. Ein Angriff gegen das Nichts, dem man nirgends beikommen konnte. (Ganz töten konnte er seine Liebe in sich nicht) 

S. 91   „Die Dialektik ist Notwehr in den Händen derer, die keine anderen Waffen mehr haben“, antwortete Nietzsche dem Schatten Sokrates.... Überall sind die Instinkte in Anarchie. Die triebhaften  Gewalten wollen den Tyrannen über die Menschheit machen. Darum muß ich einen Gegentyrannen aufrichten, der stärker ist.“  (Der im Gericht stehende glaubt, die Kräfte, die auf ihn wirken,  besiegen zu können, wenn er ihnen mit noch größerer eigener Bosheit begegnet)

S. 95   Wagner zu Nietzsche:   „Sie sind der einzige meiner Freunde, der sich nicht in einem Irrtum befindet, Friedrich. Es ist ein Geheimnis um uns. Wir sind zusammen eine geballte Kraft, darin das geistige Gefüge der Welt sichtbar wird. Sie allein, mein Freund, machen meinen Kampf wieder zu einem göttlichen Kampf! Ich danke Ihnen !“  (Richard Wagner lockt schon wieder und will Friedrich umpolen.) 

S. 96   Als Pfarrerssohn beherrschte Friedrich die biblischen Geschichten, und das Bild Kains stand vor ihm, der seinen Bruder Abel erschlagen hatte, weil Gott sein Opfer nicht so gnädig angesehen hatte wie das Abels...

Mikeleitis:   Denn er war Kain, nicht Abel, dessen Opferrauch steil zum Himmel stieg. Er war Kain, der Unstete und Flüchtige, dem das Werk nicht mühelos gelang, sondern dem der Wind die Flamme ausschlug und dem die Himmel sich verschlossen... 

S. 102   Nietzsche in einer Vorlesung in Basel:   „Der Mensch, ins Titanische sich steigernd, erkämpft sich selbst seine Kultur und zwingt die Götter, sich mit ihm zu verbinden, weil er in seiner selbsteigenen Weisheit die Existenz und die Weisheit derselben in seiner Hand hat.“   (Dies ist ein Irrtum. Die geliehene Weisheit soll uns zur Gotterkenntnis führen. Wir haben kein eigenes Leben, sondern müssen an dem Gottesleben angeschlossen bleiben, um weise sein zu können.) 

S. 105/6   Nietzsche als Soldat vor einem Sterbenden:   Warum ließ es Gott zu, dass Edles verdarb und Böses triumphierte?   (Das Leben hört mit unserem Tod nicht auf. Die Hinterbliebenen sollen ohne den Getöteten wachsen)

„Glaubst du an Gott?“ flüsterte der Sterbende... In Zorn und Schmerz weiteten sich Friedrichs Züge, daraus Erbarmen wie eine Flamme schlug.  Er  streichelte  die  verkrampften Hände, aber er  wagte nicht auszusprechen, was in ihm schrie. Gott ist tot. Er schändet den Glauben und wirft den Adligen ein Hohngelächter in den Rücken. Stirb im Trotz, Kamerad! Es ist das einzige Glück, was wir ihm entgegenhalten können...   (Friedrich hat sich verhärtet und ist nicht fähig, dem Sterbenden trostende Worte zu schenken)                                                                                             

S. 115   Nietzsche dachte:  Die Menschen des Tals wehren sich gegen das Böse, aber tun nicht das Gute. Ich will ein Mensch des Gipfels sein - mich gegen das Gute wehren, damit das Böse geschehe... (Nur der Gottzugewendete ist Vorbild. ) 

S. 116/7   War Wagner nicht der ersehnte Gottmensch, so war er der Feind, der Gegenpol, das Widerbild, das es zu vernichten galt. Was hatte Cosima zu ihm gesagt? „Richard will das geistige Reich einigen, wie Bismarck das weltliche einigen will. Vielleicht ahnen Sie nichts von seiner innersten Schwermut und von seinem Wunsch, die Menschheit zu erlösen.“  Cosimas Bild umschlang ihn wie ein zauberischer Bann. Was wusste diese Frau von den Qualen der Hölle, die er beständig litt ?  Aber hätte ich meine Jugend ohne Wagnerische Musik ausgehalten ? dachte er. Er allein öffnet ein Meer von Gefühlen, darin man untertauchen kann. Er allein ist grenzenlos, wo alles begrenzt und eng ist... Eine Welt ohne Wagner wäre ärmer. Er ist ein Unersetzlicher... Aber er saugt alle Kraft und Größe um eines jenseitigen Phantoms willen aus dem Menschen und liefert sie, die willenlos gewordenen, an den Verderber aus !  Er ist die Stimme des Chaos, wehrte er sich.  (Göttliche Musik befreit und  beflügelt , saugt aber nicht aus : Er vermag sich nicht  in den gehobenen Zustand von Richard Wagner zu versetzen) 

S. 118   Nietzsche: „Ich werde dir eine Bergpredigt halten, die deine Seligpreisungen in alle Winde zerbläst ! Du sagst:  „Selig sind die Einfältigen.“ Ich aber sage euch: „Hütet euch vor der heiligen Einfalt ! Alles ist ihr unheilig, was nichteinfältig ist. Sie spielt noch mit dem Feuer der Scheiterhaufen!“ Du sagst: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen!“ Ich aber sage euch: „Zweierlei will der rechte Mann: Gefahr und Spiel. Der Mann soll zum Kriege erzogen werden und das Weib zur Erholung des Krieges. Alles andere ist Torheit !“ Du sagst: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden!“ Ich sage euch: „An dem, der von Grund aus gerecht sein will, wird auch noch die Lüge zur Menschenfreundlichkeit.“ Du sagst: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Ich aber sage euch: „Scham und Schande ! Ich mag sie nicht, die Barmherzigen, die selig sind in ihrem Mitleiden. Zu sehr gebricht es ihnen an Scham ! Wo in der Welt geschahen größere Torheiten als bei den Mitleidigen ? Sie schufen erst das Leid der Welt. Alle Schaffenden aber sind hart.“ Du sagst: „Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ Ich aber sage euch: „An dem Besten ist noch etwas zum Ekeln, und der Beste ist noch etwas, das überwunden werden muß...Zerbrecht, zerbrecht mir die Guten und Gerechten !“ Er horchte seinen Worten nach, aber sie waren im Sturm zerflattert, als hätten sie kein Gewicht...Ich bin Philologe und habe mir vorgesetzt, eine neue Universitas zu gründen, um den neuen Menschen zu erziehen. Das ist genug. Ich werde , mir daran genügen lassen müssen !  (Friedrich wird vollkommen von negativen Gedanken beherrscht) 

S. 120   „Ich möchte einen großen Gewaltherrn, einen gewitzten Unhold züchten“, sagte Friedrich, „der alles Vergangene unter seine Gnade und Ungnade zwänge, bis ihm Brücke und Herold zum neuen Land würde...“  Nichts an ihm verriet, dass seine Worte darauf angelegt waren, eine böse und nachhaltige Wirkung zu verbreiten. Einem reinen und sehr hochgesinnten Jüngling glich er in der Erscheinung, wenn auch der bauschige Schnurrbart ganz den Mund verbarg. 

S. 121   „Der Mensch ist böse“, murmelte Friedrich. „Wer die Wahrheit will, muß auch das Böse wollen. Christus hat eine Illusion vom Menschen gepredigt - und darüber ist die Menschheit zu Betrügern,  Mördern und Dieben geworden. Es mochte gut sein für die kleinen Leute, dass man ihnen sagte: Er litt und trug an der  Menschen Sünde... Damit dämpfte man die Starken. Wer aber predigt die große Sünde, die die Menschen frei zu machen wagt ? Das Böse ist des Menschen beste Kraft.“ 

S. 122   Wieder erhob Friedrich seine leise, aber durchdringende Stimme: „Man hat mit der Predigt von einer anderen Welt das Diesseits zum Spielball der Schlechten  gemacht, denn die Besten schlagen sich mit ihren Flügeln an den Wänden des Jenseits wund, ohne hineinzufinden. Wir müssen der Erde treu bleiben und ihrer Tugend. Wir müssen die verlogenen Tugenden auf die Erde zurückholen und ihnen andere Namen geben...“  Ein feines, kaltes Lachen spielte sich auf Friedrichs Zügen. „Hat sich denn je ein Gott gezeigt, der Menschheit zu helfen ? So müssen wir Suchenden uns zur Gegenseite wenden...“...Friedrich lachte herausfordernd. „Gefährlich  ? Wer geht denn der Gefahr aus dem Weg, der einzigen Kraft, die uns Mut und Härte schenkt ? Nur ein besonderes Leben hat Sinn, und darum suche ich den höchsten Grad der Gerechtigkeit zu erproben, mit der ein Mensch sich lebt.“....„Feige Teufel reden uns zu, zu beten ! Händefalten und Hände in den Schoß legen, um es bequemer zu haben ? Ich will in die götterlose Wüste gehen und den Dämonen huldigen, weil sie die einzige Wirklichkeit  sind, die ich gespürt habe !“ 

S. 124   Der junge Arzt, der  „Magier“, hatte ihn beim Abschied mit einem Lächeln gewarnt: „Sie gehören zu den Menschen, die für sich allein die Welt tragen wollen wie Atlas oder besser Christopherus. Aber wir wissen heute zu wenig über die Wirklichkeit unserer patriotischen Gefühle, als dass wir unsere Motive nicht zu verdächtigen verpflichtet wären. Und gerade sie, verehrter Herr Professor, scheinen mir einer von denen zu sein, hinter den vordergründigen Ereignissen den gefährlichen Hydrakopf ganz anderer Weltkämpfe zu erblicken. Im künftigen Kampfe werden sie Stellung beziehen müssen. Doch jetzt darf ich Ihnen um ihrer Kräftigung willen raten: - halten Sie sich zurück und benützen Sie ihre schweizerische Staatsangehörigkeit, um für die Freiheit geistig einzustehen.“  Die Gestalt des Arztes trat manchmal als Lockung, Versprechen oder auch als Warnung vor ihn hin, und niemals begriff er es ganz, warum dieser Mensch ihm so bedeutungsvoll geworden war.  (Fouquer gehörten zu den Personen, die die Stimme Gottes zu ihm brachten, weil er sie im eigenen Herzen zu begraben begonnen hatte)

S. 125   Wagner:  Nur den Vertrauten verriet er seinen Plan, aus Wolfram von Eschenbachs ‚Parzival’ die Weltgestalt des reinen Toren ‚Parsifal’ zu machen, erfüllter und zukunftsträchtiger als es der frühe Dichter vermocht hatte, dem die Erfahrung der dämonischen Welt nur erst am Horizont auftaucht, doch nicht zu schmerzhafter Überwindung geworden war.      Als Friedrich sich endlich entschloß, Tribschen wieder aufzusuchen, spürte er mit der Feinfühligkeit seines immer wachen Misstrauens, dass der Meister sich aus dem magischen Kreis, der sie beide umschlossen, um einen Schritt entfernt hatte.(Er selbst war doch hinausgetreten) Noch überschaute er das Fremde nicht, dem er in Wagners Augen begegnete. Er gab sich, von Sehnsucht nach der gewohnten Nähe erhitzt, liebenswürdig und werbend, wie nie zuvor.(Die Erde, die er über sein Gewissen geworfen hatte, war schon wieder ein wenig abgetragen worden) Seine Augen leuchteten wie die eines gläubigen Jünglings. „Sie sind weit über Schopenhauer hinausgewachsen, verehrter Meister“, sagte Friedrich. „Sie haben immer mehr Last und Ballast abgeworfen und befinden sich wie ein Luftschiffer des Geistes im freien Element, wo Ihnen nur noch neue Horizonte begegnen. Der Genius der Menschheit verlangt danach, zu wissen, nicht zu glauben, und Sie bringen ihm das Wissen.“ Wagner murmelte nur: „ Nur der Schuldige mit der Speerwunde, dem die Wahrheit zur Qual wird, vermag den Gottmenschen zu gebären - den Vollender irdischen Geschicks...“   Diese Worte warfen Friedrich heftig auf sich selber zurück. Er fühlte sich weit über das Gesagte hinaus getroffen, denn er schaute sich selber als den geopferten Sünder, dessen Feuer zum Himmel emporstieg.   (Er starb in geistiger Umnachtung; Satana wurde in alle Materie verstreut !) 

S. 126   Cosimas Mutter zu N.:   „Ich fühle, dass Sie sich heimlich gegen diese Musik auflehnen, Herr Professor.“   Er starrte sie betroffen an. „Warum denken Sie das, verehrte Frau Gräfin ?“   Sie lächelte liebenswürdig. „Sie haben das Doppelgesicht von Vergangenheit und Zukunft, cher ami! Ich weiß, was Sie denken. Sie haben Angst, aber sie wissen nicht, dass Sie Angst haben. Sie   haben Angst auch vor dieser Musik. Sie haben vor allen Dingen Angst, die für Sie unerreichbar sind....“   (Angst haben wir, wenn wir ohne Liebe sind)    Cosima neigte sich zu ihrer Mutter, um sie abzulenken, denn sie bemerkte den bleichen Schatten auf Friedrichs Gesicht. Sie begriff, wie hart ihn diese Worte trafen und wie ratlos er war. Aber sie verhielt sich schweigend. Die Maske legte sich wieder über seine Züge. (Die Maske sollte seine Angst verbergen)  

S. 127/8   Wagner ließ seine Hände leise über die Tasten gleiten und horchte jenem Grundlaut nach, der ihn seit Tagen verfolgte und bewegte. Schwebend und kaum  irdisch zu fassen, tönte eine sternenhafte Urmusik in ihm, doch wenn er danach griff, entzog sie sich dem Gefüge irdischer Harmonie.... Aber in dieser behutsamen Stunde wähnte sich Wagner seiner Innengesichte nahe und verband sich ihnen, während die beiden anderen (Cosima und Friedrich) ihn träumend und phantasierend wähnten.

Cosima zu Friedrich: „Meine Mutter hat eine unheimliche Fähigkeit, Dinge zu sagen, die verletzen können“, flüsterte sie. „Sie ist unglücklich, aber sie trägt es mit einem heroischen Leichtsinn. Nur muß sie ihre scharfsinnigen Beobachtungen um jeden Preis loswerden...“...(Wie sehr konnte sich Cosima in Friedrichs Lage versetzen)

N.später: „Lassen wir das. Ihre Mutter hat mich nicht verletzt. Sie weiß mehr von mir, als ich zugeben möchte.“ (Er erkennt sich selbst) Erstaunt sah sie ihn an. Das freiwillige Geständnis erwärmte sie. Sie griff nach seinen Händen. Ihre zarte Wärme durchströmte ihn versucherisch.  Er presste seine Lippen auf ihre Finger. „Was ahnen Sie von den Schatten, von dem Widerbild, das mich verfolgt, Cosima“, flüsterte er.   (Sind wir Herr unserer eigenen Gedanken ?)  

Gefoltert vom Stachel der Spottlust, vernahm Friedrich einen Teil der Dichtung vom reinen Toren Parsifal, der das sündige Menschen-Ich in einen höheren Seinszustand hinauf erlöste und die Dämonin Kundry entsühnte. Er hat alles in Weihrauch verwandelt, dachte Friedrich, Weihrauch riecht süßlich und verlogen... 

S. 129   Friedrich fühlte sich wie ausgelöscht. Ein luziferisch Glänzendes erhob sich dafür ins Namenlose. Das alles ist Seelenwahnsinn, dachte er... Ich muß mich aus diesem Netz befreien. Ich bin das Opfer in einem Spinnengewebe, aber ich will es zerreißen. Ich muß nüchtern sein, wo der andere von sich selber berauscht ist. Dem Erlösungsqualm Parsifals will ich den  Ernüchterungsrausch des Menschen entgegensetzen. Ich will einen Menschen schaffen, für den die Erde das Schlachtfeld wird, darauf er sich selber erhöht. Ich werde der Heiland der Ernüchterung sein. Dieser Heiland ist es allein, den die Welt braucht...Um den Halbgott herum wird alles zum Satyrespiel, murmelte er ingrimmig und schlief ein.   (Den Lichtschimmer, der in Tribschen in sein Herz floß, hatte er schon wieder durch finstere Gedanken überlagert)  

S. 133   Nietzsche   So wäre diese Welt, die nur  eine Fiktion schien, durch einen Gewaltakt umzuschaffen - und die Möglichkeit wäre im Bereich des Wirklichen, dass der Mensch der Selbstschöpfer aller Dinge, dass er Gott sei. Ich Nietzsche, bin die Welt. Sie ist, weil ich bin. Sie ist, wie ich will...(Gedanken sind wirkende Kräfte. Nietzsches Gedanken sind von vielen Menschen aufgegriffen worden und haben seine Saat aufgehen lassen)  

S. 135   Nietzsche beim Beobachten eines Tieres:  Der Mensch ist eine dunkle und verhüllte Sache.   (Beim Anblick des Tieres ist er sich wieder unsicher)  

S. 136   Cosima zu N. über Wagner:   In seiner Welt mit ihm zu leben, ist vollkommenes Glück.   (Vollkommenen Glück ist Gemeinschaft mit Gott)     In Gedanken:   Es gab keine menschlichen Gesetze, die sich ihm in den Weg stellen durften, und die göttlichen Gesetze verstand er besser zu deuten als engherzige Ausleger, die sich dazu befugt dünkten.   (Damit kritisierte sie die Kirchen-Vertreter)  

S. 138   „Man muß die unendliche Verwirrung der irdischen Zusammenhänge klardenken, vereinfachen, deuten“, fuhr Wagner fort, und wenn der Prophet sagt: ‚alle Hügel sollen eben und alle Täler erhöht werden, und was krumm ist, soll gerade werden’, so entspricht das dem Schaffen  des Künstlers.“... „Mannheim entwickelt sich zu einem Stoßtrupp für mein Werk.“    Nach einem Räuspern der Verlegenheit sagte Friedrich: „Solche Stoßtrupps werden sich mehren. Mit Ihnen hat sich das menschliche Klima entscheidend verändert, und das macht Sie zu einem Gesetzgeber unseres Jahrhunderts.“  (Friedrich redet nicht wie er denkt, sondern wie es Richard Wagner gefällt)

Wagner schnellte begeistert empor und ging im Zimmer auf und ab. „Das ist es, Freund, das ist es!“ rief er. „Ich fühle, wie ich den Blitz aus den höheren Himmeln hervorlocke, damit er auf die Menschheit herabstößt, und sie scheidet. Ich habe in neuen Sphären Entdeckungen gemacht, die das Reich des Alberich zu entsetzlicher Wut herausfordern müssen. Ich kenne mein Los. Ich habe durch den Einbruch zu hellerem Licht die Finsternis heraufbeschworen, und sie wird in den magischen Kreis zum Entscheidungskampf treten...“

In Friedrich stieg ein tödlicher Schauer auf. Ich werde auf der anderen Seite stehen müssen, dachte er fast zwangshaft. Wir beide können nicht vereint am selben Pol stehen. Gehst du zur Rechten, so gehe ich zur Linken. (Der Neid hatte ihn wieder gepackt)

S. 140/1   Uneingeschränkt trug er sich dem Meister zu, und er meinte, wie einmal ganz am Anfang ihrer Begegnung, daß Richard Wagner der Gottmensch zu sein vermöchte, der in der auseinanderfallenden Welt die neue Mitte zu setzen imstande sein würde....Während er Wagner mit aufrichtiger Bewunderung Glück wünschte - alles mit gesetzten und schönen Worten - dachte er: Nur die siegreichen erleben das Wunder des glühenden Aufgeschlossenseins bis in die letzten Seinstiefen. Dort erst, am Grunde, klingen die uralten Glocken des goldenen Lichts und der  herrlichen Freiheit. Der Wert eines Lebens zeigt sich an seiner Sieghaftigkeit über die schwere Masse irdischer Trägheit. 

S. 143/4   Wagners Gedanken über Nietzsches erstes Buch:   Friedrich schien ihn bis ins letzte Geheimnis erlauscht zu haben, so dass er sich selber in der Beglänzung eines leuchtenden Geistes schaute. Er las Cosima vor: Je mehr ich nämlich in der Natur jene allgegenwärtigen Kunsttriebe und in ihnen eine inbrünstige Sehnsucht zum Schein, zum Erlöstwerden durch den Schein gewahr werde, um so mehr fühle ich mich zu der metaphysischen Annahme gedrängt, dass das Wahrhaftseiende und Ureigne als das ewig Leidende und Widerspruchsvolle, zugleich die entzückende Vision, den lustvollen Schein zu seiner steten Erlösung braucht: welchen Schein wir, völlig in ihn befangen, ja, aus ihm bestehend, als das wahrhaft Nichtseiende, d.h. als ein fortwährendes Werden in Zeit, Raum und Kausalität, mit anderen Worten als empirische Realität zu empfinden genötigt sind...“

Wagner unterbrach sich und rief: „Ist das nicht wunderbar ausgedrückt ? In meine Worte übersetzt heißt es, dass die Welt in ihrer Erscheinungsform und in ihrer beständigen Verwandlung nichts anderes ist als ein ewiges Suchen nach der Urwirklichkeit Gottes - nach der Idee aller Erscheinung !“

Zögernd sagte Cosima: „Ich glaube, dass du nur deine eigenen Worte in Friedrichs Worte hineinlegst - und dass er etwas ganz anderes meint... Er ist nicht einfach genug, um zu überzeugen.“ (Cosima sieht tiefer)

Der Zweifel in ihrer Stimme ließ ihn aufhorchen. (Wir hören auf unsere innere Stimme; in der Phase zuvor war er von eigenen, himmlischen Gedanken beherrscht und so legte er die Worte von Friedrich aus und gab ihnen seine eigene Deutung )

Aber er wehrte sich dagegen, denn er brauchte diese Blitze und pythischen Dämpfe, um in der letzten Auflösung aller Vorwände zu sich selber zu kommen. „Friedrich hat meine Erfahrungen in Worte zu fassen verstanden wie kein anderer. In mir spiegelt sich wie in einem Meer die gesamte heutige Erscheinungsträchtigkeit der Welt und will in meiner Kunst zur Selbsterkenntnis erlöst werden. Friedrich begreift unser Zeitalter, indem er mich deutet.

Sie drang nicht weiter in ihn, doch nahm sie sich vor, wachsam zu sein....Aber auch sie wurde vom heißen Atem des Werkes hingerissen. Als sie zu Ende gelesen hatte, blickte sie dennoch nachdenklich zu dem schneegekränzten Pilatusmassiv hinauf. So einsam, hoch und kalt würde sich Nietzsches Geist versteigen. Es bangte ihr um den Freund, doch sie wusste nicht warum. Er hatte sich stürmisch vorgewagt, aber würde er es ohne Richard Wagner unternommen haben?  Weitete er sich nicht in die Umrisse eines Giganten hinein, die niemals seine eigenen Umrisse zu werden vermochten ? Die Überwältigung seines eigenen Umfangs würde ihn sprengen, denn seine Begeisterung kam nicht aus einem warmen und erfüllten Herzen, sondern aus vulkanischer

Getriebenheit, die ihn bis zum Kern aller Dinge schleuderte. Es war etwas Unheiliges, und Cosima erschauerte. Wagners Kunst, sie floß aus den Quellen, die sein Herz als klopfender Hammer seines glühenden Lebens ihm erschloß. Er ließ sich von der Liebe führen. Er griff beinahe scheu nach den Geheimnissen der Schöpfung, und noch in seinem Ungestüm und in seiner Maßlosigkeit wahrte ihn eine fromme Einfalt, die ihn einem Kinde vertrauter machte als dem eisig brennenden Feuer, darin Nietzsches Geist funkelte.

Am Abend sagte Cosima  zu Richard über Nietzsche: „Friedrich ist ein Dichter, wusstest Du das schon?

Aber er will kein Dichter sein. Es ist ihm nicht genug. ..“ Er sah sie erstaunt an. Seine Gedanken waren andere Wege gegangen. „Jetzt, wo Du es aussprichst, sehe ich es selbst. Was für ein gefährliches Unternehmen, wenn ein Dichter ein philosophisches System zu schaffen strebt. Immer werden sich die Bilder aus dem Urgrund des Schöpferischen symbolhaft anbieten, damit er sie in die mystische Kraft seiner Sprache fasse, doch er wird sie gewaltsam in sein denkerisches System hineinpressen. Er wird die Wahrheit wollen und wird der Lüge anheimfallen...“

Doch schon übermannte ihn seine Ergriffenheit von neuem.... „Als mein Deuter und Künder wird er in die Geistesgeschichte eingehen.“

Eine Gefahr hatte sich ihr blitzhaft erhellt, um gleich darauf ins Undurchdringliche zurückzusinken. Doch ihr Herz zitterte.  Mußte die Rache eines Außersichgeratenen, der nicht mehr zu sich finden konnte, nicht zum Orkan sich steigern ? Friedrichs Buch war kein dichtendes Gebet - es war eine rasende Trunkenheit - eine unheilige Begierde. Nach einer Weile sagte Cosima: „Ehrgeiz ist eine der unerbittlichsten Triebfedern seines Lebens. Wir werden es zu spüren bekommen.“ (Cosima konnte aufgrund ihrer tiefen Liebe vorausschauen)  

S. 146   Wagner hatte an Friedrich u.a geschrieben: „Was hätte ich Ihnen zu sagen, das Sie nicht wüssten und aus Ihrem Innersten sich selber sagen könnten ? Sie sehen und erkennen ja alles...“   Friedrich lächelte bitter, als er diese Zeilen las. Wußte er alles? Das Unterste und Oberste - wohl !  Das Strahlende, die Aureole des Genies, nach der allein ihn verlangte - es war nicht durch Wissen zu erwerben.   ( Unser Verstehen ist nur durch Öffnen unseres Seelen-Geist-Herzens möglich, in dem sich Jesus zu regen beginnt !  Oalims Gesicht ! 173. Kapitel im 2. Band der Haushaltung Gottes von Jakob Lorber)  

S. 151   „Ich meine, es fehle dem heutigen Menschen an Ehrfurcht vor der wirklichen Größe“, sagte Cosima. „Und wirkliche Größe ist ohne Demut und Selbstlosigkeit nicht zu denken.“  

S. 153/4   Von neuem getroffen, richtete sich Friedrich auf. Kann ich in dieses blendende Licht eingehen, ohne mich selbst zu verlieren? dachte er, während er erschüttert lauschte, jeden Takt in sich zur großen Musik ausweitend.... Ich muß mein bleiben ... ich muß mein bleiben - und koste es meine Seligkeit...(Wir verlieren nicht unser Ich, wenn wir in das Licht Gottes eingehen) Nach dem Besuch in Tribschen folgte für Friedrich eine Zeit, die zwischen übersteigertem Kraftbewusstsein und auswegloser Schwermut schwankte. Seine Seele wohnte in zwei Welten: in tropischer Überhitzung und in der Nüchternheit der Analyse...Konnte man Liebe verstehen ? Grausam war er sich dessen bewusst, was in ihm vorging, und dennoch wusste er das Letzte nicht. Aber Richard Wagner wusste es, auch Cosima vielleicht. 

S. 155   Aber Cosima sagte nachdenklich zu Friedrich: „ Ist nicht der menschliche Wille eine Macht, der mit dem göttlichen Willen nichts zu tun hat ? Warum sagte Christus: Dein Wille geschehe ?’ In Richard ist nichts von diesem bösen, steilen Menschenwillen. Er lässt es in sich geschehen...“ Sie griff nach seiner Hand, die beinahe zart und schön war. Sie hielt sie dicht vor ihre Augen. „Ich wage zu behaupten, dass es in Richard das große Weibliche ist, das seinem männlichen Geist die Künstlerschaft verleiht. Und das große Weibliche  ist auch in Ihnen, Friedrich. Die Mystiker sagen, dass der vollkommene Mensch mann-weiblich und getrennt in Geschlechter sei. Wahrscheinlich sind es unsere irdischen Augen, die immer nur die eine oder die andere Hälfte des Menschen beleuchtet sehen. Aber im Künstler wird auch die unbeleuchtete Hälfte wirksam, und das erzeugt das vollkommene, das kosmische Kunstwerk...“...

Die Sehnsucht in ihm wurde zum zersprengenden Schmerz. Verführerisch lockte ihn die Seligkeit, sich ihr zu Füßen zu werfen. Gefahr war es, doch er wollte die Gefahr. Er fühlte, dass sein Wesen zerrissen werden mochte, doch welche Lust lag in der Selbstzerfleischung ! Er verlor das Bewusstsein für Raum und Zeit. Mit den Sturmstößen der Leidenschaft war er dahin durchgebrochen, wo sich das Magische der Natur mit dem Dämonischen der Menschenseele vermählt.

Da rettete sich Cosima mit klopfendem Herzen in ein Lächeln, und sie entzog ihm ihre Hände. (Wenn wir in den Schwingungsbereich eines liebenden Menschen treten, werden wir auch von eigenen seelischen Belastungen etwas befreit, sodaß wieder unsere höhere Seele Einfluß gewinnt.)  

S.161   Doch beim Lesen der „Geburt der Tragödie“ von Nietzsche, wie Sie das Buch abkürzend untereinander nannten, hatte sich Gersdorff  bei aller Begeisterung nicht des Eindrucks erwehren können, dass die Wahrheit darin im Letzten um einer Vorstellung willen vergewaltigt wurde. 

S. 164   Wagner:....„Ich bin die entscheidende Krisis dieser Zeit, denn nur der einzelne Mensch in seinem äußersten Mut zu sich selbst vermag den abtrünnigen und verkommenen Zeitgeist niederzuringen. Niemals wird es die Masse sein, der ein so heiliges Amt obliegt...“ 

S. 165   Ohne dass er es wusste, spielte Freidrich seine Manfred-Meditationen. Im Übermaß seines Gefühls spürte er nicht, wie seinen schwer aufeinanderfolgenden Dissonanzen die Auflösung in jene urselige Harmonie fehlte, wo aus ungeheurer Entfremdung die auseinandergespannten Gegensätze ineinanderschwellen und sich in einer sphärisch tönenden Sekunde im Wesen der Liebe berühren. Seine Musik erlöste nicht, nicht einmal ihn selber. Bis zur Selbstvernichtung trieb es ihn hinein in das Gewühl der Qual und der  Dunkelheit, und er merkte es nicht, dass Wagners Stimme schwieg und kein Laut von nebenan sein Spiel unterbrach. Gersdorff trat unhörbar hinter seinen Stuhl, die Arme verschränkt, gesenkten Gesichts, leidend vor Mitleiden, denn ihm wurde wie eine Vision die brennende Auseinandersetzung zwischen Wagner und dem Freunde bewusst. 

S. 166   Auch Richard Wagner kam lautlos in das Zimmer und winkte Gersdorff, ihn nicht zu verraten.   ... Zuweilen hob Wagner abwehrend die Hand, als wollte er den Sturz ins Dunkle aufhalten, und sein Mund nahm einen bitteren Ausdruck an. Doch er schwieg, bis sich Friedrich endlich über die Tasten sinken ließ, die Stirn auf das kühle Elfenbein gepresst.   Da erhob sich Wagner, trat zu dem Übermannten und legte die Hand auf seinen Kopf. “Damit der Bogen nicht zerbreche, ist die Kunst da - aber Ihre Erlösung liegt im Wort, nicht in der Musik, mein Freund...“    (So redet nur ein wahrer Freund)  

Hans von Bülow zu den Meditationen Nietzsches: „Ihre Meditationen haben vom musikalischen Standpunkt aus nur den Wert, den ein Verbrechen in der moralischen Welt hat...“ (Welch eine kalte Dusche für Friedrich)

Friedrich sah beinahe teilnahmslos auf diese Zeilen, die für ihn längst überlebt waren. Er wusste: Der Dämon stieß ihn unerbittlich in das Wagnis, sich mit dem Höchsten messen zu müssen, um ihn, wenn der Rausch verflogen war, in kalter Verzweiflung zurückzulassen. (Hans von Bülow leistete einen schlechten Dienst. Wer ohne Liebe die Wahrheit sagt, öffnet Dämonen die Tür)  

S. 169/170   Schon manchmal hatte Burckhart (ein Freund von N.) dieses vornehme Gesicht sich in einem Hochmut ohnegleichen entblößen sehen....Zu N.: Nur die Menschen verwandeln das immer gegenwärtige Paradies in eine Hölle durch ihre falschen Gedanken über mein und dein, ich und du. Im Grunde ist der christliche Standpunkt der einzige, der zur Wahrheit führt, nämlich, dass wir viele ein Leib in Christo sind, aber untereinander ist einer des anderen Glied’.“   Friedrichs Gesicht verwandelte sich für einen Augenblick in eine Grimasse, um gleich darauf glatt und höflich sich ihm zuzuwenden: „Sie sind ein Pfarrerssohn wie ich, Herr Professor“, sagte er gewandt. So etwas steckt im Blut, und für jeden Gedanken findet man einen Bibekspruch.“   Bei der Verabschiedung zu N.: „Glauben Sie mir, die Gewaltmenschen der Renaissance waren bei aller genialischen Begabung eher Gottesgeißeln als Beglücker der Menschheit.“                                                                             

S. 171   Friedrich ging in den Semesterferien nicht nach Bayreuth, sondern widmete sich über Wochen an seinen ‚unzeitgemäßen Aufsätzen’ , um das Geheimnis des Genius zu ergründen, wie er sich zu Zeiten als Menschheitsdurchbruch zu neuen Ufern ereignete.... Seine Kollegs wurden leerer und leerer, und man verständigte sich in dem Überlicht der Beobachtung, darin er mitleidlos stand, von Universität zu Universität darüber, dieses Werk sei höherer Unsinn und verdiene der Ablehnung der Jugend. 

S. 173   Wagner: Siegried muß tragisch enden. Er kennt noch nicht die Überwindungskräfte Parsifals, der die Götternot in seinem persönlichen Ich in das reine Gold göttlicher Weisheit und Heilkraft umwandelt und die Urmächte dadurch erlöst.   (Geistige Wiedergeburt)  

S. 174   Friedrich bemerkte, wie Cosima bebte. Er erinnerte sich an den Tag in Tribschen, als Wagner immer wieder wie in einer Beschwörung den Trauermarsch aus der ‚Götterdämmerung’ hatte ertönen lassen, bis sich Cosima vor der Wucht dieser Musik die Ohren zugehalten hatte. Soviel Trauer war Menschen nicht möglich zu ertragen. Woher nahm der Meister die Kraft, sie zu erleben?    Da Friedrich ganz in der Nähe des Flügels saß, war Wagners Gesicht dicht vor ihm. Der gewaltige Ausdruck von Entrücktheit und Betörung erschütterte ihn. So mochte der Zauberpriester vergangener Völker ausgesehen haben, bei dem jedes Wort noch etwas von der schöpferischen Kraft der Ursprache hatte.   (Friedrich wertete den vergeistigten Ausdruck von Richard Wagner ab)                                                                                                                                          

S. 175 In Wagners Gesicht stand wieder der große Glanz... „Der  schöpferische Mensch denkt nicht - er ist.  Er ist allwissend, allgegenwärtig und allmächtig, wenn auch nur in der Widerspiegelung des Weltgeistes - in einer schwachen Widerspiegelung vielleicht. Das Denken gehört noch der irdischen Sphäre an. Es ist der mühsame Versuch des Sterblichen, sich etwas von den Fähigkeiten des unsterblichen Wesens zurückzugewinnen. Darum ist das Genie in einer gewissen Weise vom Denken unabhängig. Es schaut und erkennt die Zusammenhänge, ehe es sie benennt. Er muß sein ewiges Wissen hier auf der Erde Gestalt werden lassen. Er muß das, was er schaut, ausdrücken. Geht er diesen schweren Weg nicht, wird er abtrünnig und verdämmert im Nichts. Die Liebestat des Genius wird hier auf der Erde im Menschen vollzogen, den wir ein Genie nennen...“

Friedrich hatte aufmerksam zugehört, aber kalt und erstarrt, weil ihm das die Antwort schien, die er seit Wochen geahnt, als er sich um die neue Kunst des Denkens mühte... Das Denken gehört noch der irdischen Sphäre an... klang es in ihm nach... Mühsames Rückgewinnen ewiger Fähigkeiten... Der Genius beschattet das Genie, und dieses ist der Erlöser der gefangenen Menschheit... Niemals würde er den Genius über sich fühlen, der seine Stirn küsste... Aber gab es nicht auch den Dämon, der seinen dunklen Flügel schon über ihn hielt ? Friedrich fror.... 

S. 176   Nur Richard Wagner strahlte lebendiges Feuer aus. „Ich kenne keine andere Wirklichkeit als die des Geistes“, sagte er lächelnd, auf den Wogen der Erkenntnis ein Schiffer, dem die Ufer der anderen außer Sicht genommen waren... 

S. 177   Nietzsche: „Er bleibt dem Sinn der Erde nicht treu... Er will die Menschheit von der Welt erlösen - ich will die Menschheit zur Welt bekehren, ich will sie erdentreu machen...“ 

S. 178   Wie hatte Wagner ihm in einem früheren Brief geschrieben ? Der Künstler hat das Sein und das Wesen - der Philosoph hat nur das Denken. Die Welt aber lebt aus dem Sein, nicht aus dem Denken! 

S. 181   Malvida zu N.: „Christus predigte nicht den Wettkampf, sondern die Liebe“, sagte sie. „Und seine Lehre hat die Griechen überwunden.“  Friedrichs Gesicht wurde eiskalt. „Das ganze heutige Leben krankt an dem Sieg dieser Lehre. Ich bin dazu in die Welt gekommen, den Sieger zu besiegen!“   (Auch die Finsternis wirft seine Elite  auf die Erde und ausgerechnet in eine Pfarrers-Familie!)   

S. 190   N: „Meine Aufgabe wird es sein, die Menschheit zu Entschlüssen zu drängen, die über alle Zukunft entscheiden.. Ich muß die Vergangenheit befruchten und die Zukunft zeugen.“ 

S. 193   Cosima neigte sich Friedrich aufgeschlossener zu als je zuvor. Vielleicht warb sie um ihn, von dessen besonderer Verwobenheit mit dem Meister sie wusste. Sie kannte den Grad der Gefährlichkeit  in ihm besser als Richard Wagner, und sie tastete sich in den mutmaßlichen Zusammenhängen seiner Natur weiblich-kühn dahin, wo sie die Fäden vermutete, die das Labyrinth zu entwirren vermochten. Adriane in jedem Augenblick, meisterhafte Finderin verborgener Ausgänge und Pfade, spielte sie versuchend auf allen Saiten seines Innenlebens, bis er sich ihr schließlich in seiner einsamen Not enthüllte. „Ihre Entschlossenheit zum Äußersten treibt sie in ein gefährliches Leben“, sagte er sinnend. „Sie werden in tödliche Gegnerschaft zur Gesellschaft treten, mein Freund.“  

S. 207/8   W. zu N.:   „Mein Gesamtwerk  müsste von einem gleichgesinnten Geist noch einmal unter einem neuen Gesichtspunkt der Nation erklärt und dargereicht werden, bevor ich die Festspiele eröffne. Die Tat von Bayreuth gehört in eine Linie mit dem protestantischen Heroismus, der sich nicht nur in Luther, sondern schon vor ihm in den Mystikern, in den Griechen der großen Zeit und vielleicht auch in den Ägyptern des Echnatonszeitalters offenbart hat. Ich bin ein Nachfahre Luthers, auch wenn ich nicht zu den  Religionsgründern gehöre, Niemand anders als Sie, Friedrich, ist dazu fähig, die großen Perspektiven zu stellen, die dazu nötig sind, das innere Gesicht meines Werks sichtbar zu machen. Wollen Sie das für mich tun?“

Wagner hatte sich entschlossen allen Spiels entkleidet. Nackt und ernst forderte er nach fünf Jahren der Freundschaft ein uneingeschränktes Bekenntnis.    Schon als Knabe hatte Friedrich es nicht ertragen, wenn jemand ihn zwingen wollte. Der kleinste Druck erregte ihn zu ungestümem Widerspruch. Auch jetzt war seine erste Regung, nein zu sagen und sich abzuwenden. Doch sein Blick in das offene Gesicht eines Eroberers und eines Kindes, diese zwiespältige Mischung von Kühnheit und Vertrauen, bezwang ihn. Sein Herz ließ sich von dem göttlichen Spieler überwältigen. Auch trat soeben Cosima zu ihnen, beugte sich über Friedrichs Schulter und sagte sanft: „Ich glaube, wir dürfen die Deutung getrost unserem Freund selbst überlassen. Er hat genügend philosophischen Scharfblick und die echte Musikalität, die dazu gehören, um dein Werk besser zu verstehen als du es kannst.“ Sie hatte Friedrich jeder Antwort enthoben und zugleich ihn auf den rechten Weg gesetzt. Längst wusste sie darum, dass er sich um eine Deutung des Wagnerschen Werkes mühte, ja, dass es unvermeidbar gleich einer Forderung oder Drohung in ihm wühlte.

Friedrich fühlte eine warme Welle von schwesterliche Liebe über sich hinwegwehen, die ihn weich und offen machte. Er gab manches von seiner dritten ‚Unzeitgemäßen’ preis, deren Geheimhaltung er sich geschworen hatte. Doch je mehr Friedrich daraus verriet, desto unsicherer fühlte er sich - und die Ahnung bedrängte ihn, dass er sein denkerisches Gebäude ohne Fundamente baute, denn er wusste nicht, wen er verherrlichen, was er künden sollte - fehlte ihm doch dazu die neue Wertsetzung, als deren Schöpfer er sich ausersehen hatte, die aber noch in weiter Ferne lag.

So schwieg er schließlich, auf eine bedenkliche Weise von den Freunden abgerückt, deren ewigkeitssichere Haltung ihm wie eine Posse der Göttlichkeit erschien, bar aller Wirklichkeit und allen Grundes. Ihre Gesichter verwischten sich vor ihm, und er erhob sich, um sich zurückzuziehen. 

S. 209   N.: Nannte sich Wagner einen Nachfahren Luthers ?  Vermessenheit eines, den er selbst in der Vermessenheit bestärkt hatte !  Niemand anderer als er durfte das göttliche Bild aus sich erzeugen, das die Menschheit neu formen sollte, denn er war stärker als Wagner, weil er gleichsam durch ihn gegen ihn mächtig geworden war...                                                                             

S. 208   Als man sich unter den verschleierten Lampen in der Bibliothek niedergelassen hatte, ging Wagner zum Flügel, nahm den roten Band in die Hände, setzte ihn aufgeschlagen auf das Notenband und begann grimmig zu spielen.    Friedrich presste die Lippen eng aufeinander und wartete. Von Wagner vorgetragen, erschien ihm die Musik eng und gemacht. Er wusste, dass sie Wagners Kunst nicht auszulöschen imstande war.

Dann erhob sich Wagner lachend und zornig, ein Urmächtiger, der mit einem Felsblock spielt. „Wollen Sie mir mit Ihrem Geschenk zeigen, dass da auch einer ist, der etwas Gutes zustande bringt ? Warum nicht ? Sehr gut sogar !  Aber sollte ich davor Furcht haben ? Haben Sie es nötig, mich verkleinern zu wollen, Herr Professor ? Können Sie mich nicht ertragen wie ich bin ? Nehmen Sie diesen Band wieder mit zurück nach Basel. Ich werde Johannes Brahms im Auge behalten. Er ist begabt!“    

S. 248   Cosimas Schultern zogen sich zusammen.  Zu Nietzsche: „Ich glaube, in Ihrer Welt kann man nur leben, wenn man alles verlässt, was warm und friedlich ist... Dabei wären Sie gern glücklich ! Warum ist Ihnen alles verdächtig, was gut und angenehm ist?“    

S. 249   Sie wandte sich plötzlich und fasste nach seiner Hand. Ihr Blick zwang ihn, sie anzusehen. „Wissen Sie, dass Sie und der König gemeinsame Züge haben ? Vielleicht werden Sie darüber lachen und es mir nicht glauben. Doch ich bin dessen sicher. Ihnen beiden eignet eine gefährliche Verwegenheit des Geistes, die keine Kriegsregeln anerkennt. Richard mit seiner Leidenschaft der Rechtlichkeit und dem ungestümen Atem eines Welterneuerers achtet das Maß der Welt wenigstens so weit, als er es mit in seine Pläne einbezieht. Sie und der König aber setzen sich darüber hinweg.“ 

S. 250/1   Cosima hatte sich in ihre Erzählung so eingelebt, dass sie den Zuhörer fast vergessen hatte. Sie fuhr fort: „Richard sagte, mit denselben Worten wie oft zu mir: ‚Das vollkommene Weib ist vielleicht ein höherer Typus des Menschen als der vollkommene Mann - auch etwas Selteneres.  In jedem Fall verkörpert das Weib das göttliche Wesen der Liebe !’  Aber das nahm der König ungeduldig auf und empörte sich. ‚Der männliche Geist ist in jedem Fall das höhere Prinzip’, sagte er hart. - Richard verstand, dass gerade Ludwigs Ablehnung des Weibes die eigentliche Urfremdheit zwischen ihnen war. Männerfreundschaften kennen keine Erlösung, und nur aus der Erlösung wird der Mensch fruchtbar.“ 

S. 253   Wagner zu Nietzsche:   „Aus Ihrer Schrift ‚Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben’ habe ich mir einen Satz gemerkt, lieber Freund, der so gut ist, dass er von mir sein könnte !“ Er lachte gutmütig und übersah, wie Friedrich empfindlich zusammenzuckte.  „Dieser Satz lautet: ‚Durch die Kraft, das Vergangene wieder Geschichte zu machen, wird der Mensch zum Menschen, aber in seinem Übermaß von Historie hört  der Mensch wieder auf !’ ... Sehen Sie, wir stehen mitten in diesem Zeitpunkt. Nicht mehr die Historie, sondern nur noch der echte Mythos dient dem Menschen von heute zur Bewusstwerdung, und Bewußtwerdung ist unser Schicksal. Denn der Zukünftige wird einmal der mythischen Ebene ebenso entsteigen wie der verstandesmäßig-historischen, und in die geistige Ebene hinaufwachsen, die immer Bewusstwerdung bedeutet, während verstandesmäßige Auffassung des Lebens stets eine Verdummung, eine Verdunkelung bedeutet. Der Verstand ist das Nachtlicht, das leuchtet, wenn uns die Sonne des Geistes nicht aufgegangen ist, aber hüten wir uns, ihn für die Sonne selbst zu halten !“

... „Als meine Musik zum erstenmal von einem Orchester ertönte, hielten mich die einen für einen schlimmen Nichtskönner, die anderen für einen Nachahmer Beethovens ohne jeden eigenen Einfall, die dritten für einen Revolutionär, und nur ganz wenige erkannten, dass sich darin ein neuer Aufbruch vorbereitete...“ 

S. 261   Cosima fasste Friedrich leicht am Arm und beugte sich dicht zu ihm. Ihre rosige Schönheit stand vor ihm wie eine Maske. „Warum sind Sie so grausam gegen sich selbst ? Warum beschwören Sie das Schicksal gegen die Menschheit ? Ich verstehe Sie nicht!“      Er zog sich vor ihrer verführerischen Nähe in sich selbst zurück. Würde sie ihn wärmen, wenn er fror ? Würde sie ihn kühlen, wenn er brannte? Würde sie ihm folgen, wenn alle ihn verließen ? Er fühlte einen bitteren Geschmack auf der Zunge und wusste, dass nichts davon sich erfüllen konnte. „Es ist schade, dass es keinen Gott gibt“, murmelte er. „Dann wüsste doch einer, was mich quält !“    Sie nahm ihren Kopf zurück und lachte. „Wollen Sie für sich allein Gott abschaffen ?“ 

S. 275   Rées Augen zwinkerten unschlüssig. Dann sagte er mit einer gewissen Würde: „Die vorurteilslose Kälte und Ruhe des Erkennenden hat nichts mit dem christlichen Ideal gemein, wie Sie zugeben müssen. Also sind auch Sie des Teufels, denn dieser Begriff entstammt der christlichen Terminologie. Aber trösten Sie sich, Friedrich, die scharfe Kälte ist so gut ein Reizmittel wie ein hoher Wärmegrad !“

Übermütig klopfte ihn Friedrich auf die Schulter. „Gut pariert, Luzifer ! Ich folge Ihren Spuren. Ein neuer, härterer und höherer Typus Mensch wird durch uns entstehen. Es lebe der Realismus !“ 

S. 277   „Bayreuth ist ein Abenteuer des Geistes, aber es ist das größte Abenteuer, das in der Geschichte der Kunst jemals gewagt worden ist. Daß es gelungen ist, bedeutet eine Wende in der Anschauungskraft der Menschheit...“ 

S. 278   Im lichten Auge Wagners zerstreuten sich die Schatten, und Friedrichs brennende, vor Rée verleugnete Liebe lohte empor. 

S. 279   Wagner:   “...Gegen die Sonne des Südens, gegen den Schein des materiellen Tages müssen wir das höhere Licht des Geistes hervorbringen und zu reiner Wirklichkeit machen. Das Licht des Geistes ist das ursprüngliche Licht. Ehe denn die kosmischen Sonnen erschaffen wurden, war der Geist - und Geist ist Licht... In diesem Licht sehen wir das Licht !“

Wieder kam in Wagners Züge der seherische Glanz, der dieses Antlitz umschuf, so dass es aus den kleineren Umrissen in unbegrenzbare heraustrat. Wäre nicht das ätzende Gift des Spottes schon zu tief in Friedrichs Bewusstsein gesickert - es hätte ihn die echte Gewalt der Begeisterung dem Meister ans Herz gerissen. Doch durch das verdunkelte Gespinst aus Zweifel und Notwehr drangen die Lichtpfeile nicht mehr bis zur Mitte... Wagner hatte sich eines Ausspruches des Paulus bedient. ‚In Deinem Licht sehen wir das Licht...’ Des Meisters christliche Entwicklung ließ Friedrich verstummen....

„Bayreuth ist mein Geschenk an das deutsche Volk. Aber man versteht es nicht“, murmelte er, und das Unvermögen dieser Welt überschattete ihn. 

S. 280   Die Deutschen müssen es immer erst von anderen Völkern erfahren, was Wertvolles aus ihnen geboren worden ist....“ „Als Sie nach Tribschen kamen, Friedrich, leuchtete Ihre Seele in solchem Glauben, dass es noch heute meine Überzeugung ist, wir könnten zusammen eine Weltwende herbeiführen, aber nicht gegeneinander, sondern miteinander !“ 

S. 283   Friedrich:   „Meine Religion, wenn ich etwas noch so nennen darf, liegt in der Arbeit für die Erzeugung des Genius. Alles, was wir erhoffen können, werden wir durch Erziehung erlangen.“ 

S. 286   Ein französischer Graf zu Wagner:   „Der neue Mensch steckt im alten wie die Schlange in der schon aufgerissenen Haut, ehe sie diese abwirft. Der neue Mensch ist nichts anderes als der Mensch, der alte Illusionen verloren und dafür neue Wahrheiten gewonnen hat.“   Friedrich murmelte dazu: „Das Sterbezimmer dieses Jahrhunderts birgt den neuen Menschen nicht. Man muß diesen neuen Menschen erziehen - man muß ihn züchten.“   Nach einer Pause sagte Wagner verstimmt: „Der Mensch ist in seinem innersten Wesen unerziehbar, weil er dort fertig und vollkommen ist. Alle Erziehung ist nichts anderes als das Hinführen zur eigenen Vollkommenheit !“ 

S. 287   Aber heute half es Friedrich nicht, dass Rée mit umschweifigen Worten bewies, die Tugenden der christlichen Moral seien nichts anderes als Lebensneid. 

S. 288   Auch Richard Wagner wurde unter dem großen zwielichtigen Himmel milde und offen. Er liebe immer, hatte er einmal zu Friedrich gesagt. Seine Musik sei Liebe, seine Erkenntnisse seien Liebe, jeder Atemzug sei Liebe, und nur aus Liebe könne er schaffen. Ja, er behauptete - und damals hatte Friedrich darüber gelächelt - Geist und Liebe seien dasselbe. Geist sei Liebe und Liebe sei Geist - und nur darum hätte Christus sagen können, wer in der Liebe bleibet, der bleibt in mir und ich in ihm.

S. 289   „Ich misstraue einer Religion, auf die sich die Kleine-Leute-Moral zu berufen pflegt“, sagte Friedrich leichthin.

„Das könnten meine Worte sein. Friedrich, aber aus einer Zeit, die mir weiter zurückzuliegen scheint als eine Ewigkeit. Ich erinnere mich daran wie etwa an das Kindergeschwätz meines Knabenalters. Man muß wahrscheinlich erst alle Ausweglosigkeit des menschlichen Denkens erfahren haben, um die einzige Möglichkeit der Erlösung, wie der Nazarener sie vorgelebt hat, zu verstehen und sie anzunehmen. Wie haben wir beide uns in die höchste Welt der Griechen einzuleben versucht ! Doch in Dionysos ist nur die Ahnung von Christus, und der zerstückte Gott, der sich zum Opfer gibt, nur eine Vorschau auf das wahre Brot des Lebens, das Christus immerwährend verteilt.“ 

S. 290   Friedrich meinte, in Wagners Ton liege Selbstverspottung. Er blickte zur Seite, sich dessen zu vergewissern. Doch Wagners Gesicht zeigte Ergriffenheit. Ratlos  senkte er den Kopf. Er verstand nichts.   (Verstehen oder Nichtverstehen! Was bringt hier ein  Verhalten,  das  nur  Nächstenliebe ist ? Auf die Nächstenliebe der Elsa zu Ortrud in „Lohengrin“ darf ich aufmerksam machen;à menschliche Humanität! S. 4 )   

War der Meister unter die Theologen gegangen ?   „Ich habe mir einmal in der Maske der Gottlosigkeit gefallen und bin darin unserem aufgeklärten Jahrhundert gefolgt. Aber hätte ich eine einzige Note schreiben oder eine einzige Gestalt bilden können, wenn nicht schon damals das schöpferische Gottbewusstsein in mir gewirkt hätte ? Aus sich selber vermag der Mensch nichts. Es muß eine wahre Welt geben, die über dieser Wirklichkeit existiert und aus der wir die Begriffe von Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit wie eine Erinnerung in dieses Traumland hinübergenommen haben. Ohne diese wahre Welt wüssten wir nichts davon. Wenn es dieses Jenseits nicht gäbe, fiele alle Moral in sich zusammen. Dann hätte Darwin recht mit seiner Behauptung, dass der Sieg der Selbstsucht das Gesetz dieses Lebens wäre.“...

„Ich betrachte das Christentum als die verhängnisvollste Lüge der Verführung, die es bisher gegeben hat“, sagte Friedrich sehr leise und wie nebenbei.

Wagner überhörte diesen Einwand. Er hatte wohl nichts anderes erwartet, denn die Tribschener Gespräche klangen ihm noch im Ohr. „Haben Sie schon daran gedacht, was es heißt, dass der Mensch das Gleichnis Gottes sei ? Das heißt, dass er gut sei ? Ich habe etwas davon gespürt, als ich die Feier des Abendmals mit Cosima beging. Nur eine große Dichtung könnte ausdrücken, welche geheimnishütende Höhen sich mir geöffnet haben. Das mystische Erlebnis der Vereinigung mit Gott ist das eigentliche Leben, das irdische davon nur ein Abglanz. Wer die heilige Kommunion einmal in sich erfahren hat, dem ist alles aufklärerische Geschwätz wie ein Wind, der über die große Wasserfläche geht und sie kräuselt. Was für ein Spuk wird uns vorgemacht, um diese ungöttliche Welt zu erklären und in Ursache und Wirkung aufzuteilen. Aber der irdische Mensch bleibt misstrauisch gegen den Gespensterreigen der Wissenschaften. Soviel Misstrauen, soviel Philosophie ! Alle Philosophie ist nur ein Irrlicht gegen die Sonne des Lebens ! 

S. 291/2/3   Wagner hatte mit verhaltener Stimme und wie über viele Köpfe hinweg gesprochen, zu einer unendlichen horchenden Schar, die sich unsichtbar vor ihm beugte. Jetzt wandte er sich geradezu an Friedrich: „Ich konnte früher nicht begreifen, warum das Himmelreich den Demütigen und den Armen im Geist versprochen worden ist. Jetzt weiß ich es. Nicht die Niedrigen und Beschränkten in der Gesinnung sind gemeint, sondern diejenigen, die ihre Stärke und Klugheit unter den göttlichen Willen und in seinen Dienst stellen. Das Christentum ist ebenso missverstanden wie falsch ausgelegt von denen, deren Seelenorgane so verkümmert sind, dass sie die Liebe als das schöpferische Prinzip alles Lebens nicht begreifen. Aber Sie, Friedrich, müssen diese Seeleorgane besitzen. Das Christentum ist keine Religion - es ist eine Tatsache. Tatsachen kann man nicht leugnen.“

Friedrich schwieg. Er wusste nicht zu antworten? Wagner hatte die Legionen aller anerkannten Tugenden und Werte hinter sich, die zwei Jahrtausende geprägt hatten. Er aber stand als Einzelner dagegen, und er blickte in den Abgrund, aus dem er die neuen Werte hervorzuzwingen wollte, die das künftige Jahrtausend bestimmen würden. (Wir stehen in einem Gedankenmeer und können daraus schöpfen. Unsere Neigungen entscheiden, welchem Einfluß wir unterliegen)

Richard Wagner, ganz im Bann seines schöpferischen Aufbruchs, rang die stumme Abwehr des Freundes nieder. Er begann, von der Entstehungsgeschichte des ‚Parsifal’ zu erzählen. Hingerissen, trunken von der Inspiration, unter welcher er jetzt stand, war ihm auch die erste Ahnung dieser Gestalt schon vor zwanzig Jahren erschienen. Nicht mehr Götterwelt und Mythos, die nur wie eine Fata Morgana der Wahrheit im Bewusstsein der Menschheit von dem wirklichen Wesen des Göttlichen zeugten, sondern das göttliche Wesen selbst hieß es zu begreifen und darzustellen. „Jetzt muß es getan werden“, rief er aus, sein Gesicht den letzten Lichtspeeren der Sonne zugewandt. „Nach der Götterdämmerung bleibt nur der Aufgang Parifals - oder die Welt ist verloren. Jeder meiner Schritte hat zu diesem einen Ziel hingeführt, und auch die Irrtümer standen im Dienst dieser einen Aufgabe. ‚Parsifal’ wird mein letztes Werk sein. Ich weiß es. Danach ist nicht mehr Kunst, nicht mehr Dichtung - danach ist Eingehen in Gott. Doch zuvor werden sich die ungeheuren Ströme des schaffenden Weltgeistes noch einmal in mich ergießen, und ich werde noch einmal standhalten...“

Friedrich verkrampfte die Hände in den Taschen, um den Schmerz in seiner Brust auszuhalten. Spielt er sich selber etwas vor ? fagte er sich. Kann es ihm ernst sein mit dem, was er sonst sagt ? Wäre eine solche Gottbesessenheit möglich, so müsste ich sie erlebt haben. Da ich sie nicht erfahren habe, muß sie Lüge sein... Oder, stach der Zweifel  in sein Herz, blühen ihm reichere und inbrünstigere Gebilde ? (Jeder Zweifel ist ein Abwenden von Gott und eröffnet den Einstrom finsterer Gedanken!)

 Fährt er auf unendlichen Meeren, taucht er in geheimnisbergende Schächten und hebt er sich in Himmel, von denen ich ausgeschlossen bin ? Eifersucht brannte in ihm auf. Durfte ein Mensch in dieser Welt leben, der weiter, höher und tiefer reichte als er selbst ? Gehörte er, Friedrich Nietzsche, zu den Schlecht-weggekommenen?

Wagner blieb stehen und wies über das Meere ( sie waren in Sorent/Italien). Sehen Sie, Friedrich, wir wissen, dass das Wasser seinem Wesen nach durchsichtig ist, und dennoch erscheint es finster wie ein Abgrund, wenn kein Licht es durchleuchtet. Also ist es mit der menschlichen Seele. Bricht die Liebe nicht hindurch, so ist sie dunkel und böse, doch sobald ein Strahl, und sei es ein verirrter, sie trifft, flieht die Finsternis in ihr Nichts...“

Aber der schweigsame Begleiter dachte anders: Muß man diese Welt verleumden und sich in das Jenseits flüchten ? Ist das nicht die Schwäche dessen, der mit dem harten Leben nicht fertig wird ? In Wagners Vorstellung gibt sich alles viel zu einfach, viel zu wohltuend, als dass es Wahrheit sein könnte. Ich misstraue allem, was wohltut... Mit der Tugend gründet man nicht die Herrschaft der Tugend. Mit der Tugend verzichtet man auf Macht und verliert den Willen zur Macht...(Dies sind satanische Gedanken! Der übelste : So sein zu wollen wie Gott !)

Wagner beachtete Friedrichs Einsilbigkeit nicht. Das eigene schwere und große Schicksal breitete sich um ihn und gab keinen Blick mehr frei für den anderen. Aber dessen Gegenwart schloß ihn auf. Es war etwas in Friedrichs Wesen, das ihn über alle Gegensätze hinweg anzog.  (Friedrich spricht später von einer Sternenfreundschaft. Beide waren wohl hohe Geister vor dem Fall Satanas. Haben sich beide inkarnieren lassen, um auf der Erde gegenpolige Standpunkte zu beziehen ? Werden wir nicht zur Höchstleistung angespornt, wenn wir mit gegenpoligen Standpunkten konfrontiert werden?)

 „Was liegt an mir ?“ fuhr er zu sprechen fort. „Ich habe das Vorecht, mehr leisten zu dürfen als irgend ein Mensch der Gegenwart. Nur der prophetische Mensch darf sich opfern, weil er allein Wert genug hat, um geopfert zu werden. Das ist meine Nachfolge Christi. Das Ringen um die letzte Möglichkeit meiner künstlerischen Aussage ist mein Evangelium der Liebe. Und ich weiß darum, dass das prophetische Wort den Mund tötet, der es formte. Der Mensch, der die ganze durch ihn schwingende Welt Gestalt werden lässt, stirbt, wenn er das Werk vollbracht hat. Das ist die Gnade über ihn. Ach, Freund, ich spüre, wie sich der Abend schon über mich senkt. Und Parsifal kommt mir entgegen, um mich in den Untergang und in den Aufgang zu geleiten...“...

Mit scheuen Blick streifte Friedrich den Sprechenden. Das bleiche Mondlicht verwischte die Züge, und er sah nur den großen Umriß des mächtigen Kopfes. Es klang gewaltig und überzeugend, was Wagner sagte, aber konnte ein Mensch dieses Jahrhunderts noch ernsthaft zur christlichen Moral zurückkehren, ohne zu Kreuze zu kriechen ? Hätte seinem spähenden und kritischen Geist das Erlebnis einer christlichen Wie-dergeburt versagt bleiben können, wenn es sie gab? (Wir sind vom Engelseinfluß abgeschnitten, wenn wir aus der Liebe fallen !)

 Wahrscheinlich gehörte Richard Wagner zu jenen schwärmerischen Trunkenbolden des Gefühls, denen die Menschheit soviel Übles verdankte. Der Thron der Anbetung für das Genie war von wohlfeilen Sklavennaturen in der ganzen Welt rasch errichtet, aber die strengen und schlichten Geister hatten zu wachen, dass die Wahrheit vor den Berauschten beschützt bleibe. Friedrich, nur ein schmaler Schatten neben dem ganz in sich selbst Versunkenen, stöhnte im Übermaß seiner Bedrängnis.

Doch Wagner achtete nicht darauf. „Ach, Freund, wenn ich Ihnen doch erklären könnte, was Paulus damit gemeint hat, wenn er sagte: ‚Siehe, es ist alles neu geworden !’ Es ist ein Erlebnis hinter dem Erlebbaren. Ein völlig vom göttlichen Liebeswissen erfüllter Mensch wird in seinen ersten Ursprung zurückgerissen. Er verlässt alle Kreatur ... Ich weiß nun, warum ich mit der vollen Ausführung des ‚Parsifal’ erst jetzt beginnen darf. Um den Gral zu finden, muß man die Schmerzen der Welt erfahren und überwunden haben, Doch ihre Überwindung geschieht durch  liebendes Mitleiden...“

Einsam und fremd schritt Nietzsche an Richard Wagners Seite. Er hörte Worte, aber keines davon vermochte er zu glauben. Sie waren für ihn weder fassbar noch greifbar. Wie ein erkaltetes, aus den Kreisen der Sonne ausgestoßenes Gestirn irrte sein Geist angstvoll hinter dem strahlenden Glanz dieses Einen her, der ihm alles vorweggenommen hatte, wonach er selber inbrünstig begehrte. Es fröstelte ihn. Er wollte nach Hause. Doch wo gab es ein Zuhause für ihn?

Wagners Worte klangen ihm wie Stimmen aus der Wolke nach. „Selbst die Kunst ist nur ein Schrittstein - nicht mehr. Auch die Kunst wird einmal nicht mehr sein. Auch die Sprache nicht, auch die Weissagung nicht ... Was für eine Kraft der Erkenntnis: ‚Wenn aber kommen wird das Vollkommene, dann wird das Stückwerk aufhören...’ 

S. 295   Verlassen, ausgelöscht blieb Friedrich zurück. Mit schleppenden Schritten ging er zur Villa. Niemand erwartete ihn. Die Räume waren dunkel und leer. „Ich werde Gott töten...“, flüsterte er, doch seine Worte ließen ihn erschauern. (Wenn wir erschauern, empfinden wir das Erschauern mitbeobachtender Engel, oder auch Sein Erschauern bis zur stillen Träne, aus der unsere Erde hervorging! Hiervon war also auch Friedrich nicht abgeschnitten.)

S. 296   N.: Und Richard Wagner steht mir überall im Wege.... Ich muß ihm die Maske abreißen... 

S. 297   Wagners Größe forderte ihn heraus, eine höhere Natur zu erfinden, die sein Bild auszulöschen imstande war.  Auf keinem anderen Wege gab es Befreiung. Aber wo war sie, die neue Seele ? Wo war das höhere Selbst ? Wagner suchte es im Jenseits und in der „wahren Welt“. Darum musste er es hier, in seinem leibhaftigen Körper suchen. (Es wird sich herausstellen, dass er sie dort nicht findet, weil außerhalb der Liebe nur gähnende Leere ist, bzw. erkaltete Weisheit)  

S. 298   Das Bild eines neuen Menschen will ich schaffen, eines starken und selbstsüchtigen Menschen, der sich nichts vorlügt. 

S. 299   Malvida: Aber war denn dieser schon berühmte Professor Friedrich Nietzsche jemals ein junger Mensch gewesen ? Sie schüttelte den Kopf. Es war etwas in ihm, das uralt, kalt und gespenstisch aus der letzten Tiefe aufstieg.  (Seine Herkunft ist immer höher anzusetzen, zumal wir an die Sternenfreundschaft denken müssen. Friedrich könnte den gefährlicheren Auftrag übernommen haben. Er musste also zuvor den Geisterfall mitvollziehen ! Es könnte aber auch sein, dass Friedrich seinen Freund Richard nur aus der Zeit vor dem Fall kannte. Er hat sich dann aber mit Satana von Gott abgewendet und versucht, sich und ihre Schritte nur noch einmal auf irdischer Ebene zu begründen)  

S. 300/1   Nach einer Seele schrie er, die ihm die grauenhafte Aufgabe abnähme, seine Zeit zu kreuzigen. War er dafür geschaffen, hart und grausam und unerbittlich zu sein ? Er verlangsamte den Schritt und redete sich selber zu. „Bin ich von Natur aus der Einsamkeit nicht gewachsen, so werde ich meine Natur dazu erziehen. Was bedeutet schon der Tod am Kreuz gegenüber der unaufhörlichen Pein der Selbsterduldung? Wüste, wohin ich den Fuß auch setze .Wüste auch in mir ?...

Um ihn war Unnahbarkeit gebreitet, und wenn er sich freundlich und höflich mit einem Menschen unterhielt, spürte der andere seine Fremdheit, seine Abseitigkeit und die verborgene Düsternis seiner Seele. Niemals fiel es jemandem ein, ihn für seinesgleichen zu halten - und das gab ihm die Rolle eines Narren oder eines Fürsten oder eines Verbrechers - eines ganz und gar außerhalb der Welt Stehenden. Dann war der Griff nach dem Chloral oder dem Brom die einzige Hilfe für die Nacht (Er konnte nicht schlafen und hatte Schmerzen). Lohnte ein solches Leben ?   (Wir schotten uns auch von Seinen Heilkräften ab, wenn wir gegenpolig denken)  

S. 302   Peter Gast: „Wagner hat Freiheit genug, um auch Ihnen die Freiheit des Geistes zu geben! Was für eine Kraftprobe für ihn! Jede Seite Ihres Buches wird ihn dazu anspornen, über sich selbst hinaus zu wachsen. Er wird Ihnen die letzte Entfaltung seines Genies verdanken, Maestro!“ ...

Und so schickte er das Buch („Menschliches, Allzumenschliches“) mit dem Versuch, es in scherzhaften Widmungsversen harmlos erscheinen zu lassen, an Cosima und Richard Wagner in Bayreuth. Aus den Händen entlassen, reute ihn der Entschluß, und der ungeheure Mord einer Freundschaft begann ihn langsam zu vereisen, Stumm und alt schlich er umher, und kaum noch vermochte Peter Gast ihn mit seinen flachen und schwülstigen Melodien aufzuheitern.  (In diesem Zustand war ihm seine himmlische Herkunft nicht bewusst! Er dachte aus irdischen Moralbegriffen, die er in sich noch nicht ganz ausgemerzt hatte. Das Ausmerzen seiner Freundschaft zu Richard Wagner schmerzte ihn zutiefst. Wenn wir die Liebe in uns töten, bereiten wir uns heftigste Seelenschmerzen. )     Da traf Wagners Dichtung des Parsifal bei ihm ein. 

S. 304   Friedrich zuckte (beim Lesen des Parsifals) schmerzlich zusammen. Aber sogleich nahm er eine kühle und wache Haltung ein, auf der Hut vor seiner Empfindsamkeit, die ihn in diesem Augenblick ahnen ließ, dass sein Buch ‚Menschliches, Allzumenschliches’ in den Händen der Freunde in Bayreuth die Empörung hervorrufen würde, die es in heimlicher Absicht auslösen sollte. Und im verborgensten Grund seiner Seele frohlockte eine Stimme, dass nun Rache genommen sei für übermenschliches Leiden... (Dies sind wohl nicht seine Gedanken , sondern die des dunklen Engels!) Doch für ihn, den Einsamen, gab es keinen Vater und keinen Kraftspender. Er war der Mensch mit sich allein...In seinem Buch, das er Peter Gast beim Abschied schenkte, deutete er auf eine Stelle, die mit einem roten Stift gekennzeichnet war. (Hier konnte er noch den himmlischen Einfluß wahrnehmen, aufgrund dessen er diese Zeilen unterstrich.)

S. 305   Mit einer verächtlichen Handbewegung löschte Friedrich  den Eindruck der Wagnerschen Dichtung in  sich aus. Als er allein war, schrieb er : „Ich bin der Erste, und ich bin der Letzte, und außer mir ist kein Gott !“  Endlich begab er sich mit steifen, seltsam verlorenen Schritten zum Schreibtisch und schrieb unter die ersten Sätze in steiler, großer Schrift : „Der auf ewig Abhandengekommene“ (Kannte Friedrich Nietzsche die Schöpfungsgeschichte und den Fall Satanas?)  

S. 306   ...“Wir müssen Verräter werden, Untreue üben, unsere Ideale immer wieder preisgeben .“   .. Seit Sorrent gab es nur eine stille Übereinkunft - dass jeder seinen Weg allein fortsetze... 

Cosima beim Lesen des neuen Buches von N.:   Das ganze Wesen des Freundes war zu einem schrillen Schrei geworden. Die dumpfe Sucht, Richard Wagners übergroße Gestalt aus seinem Weg zu räumen, hatte ihm einen frevlerischen Mut gegeben.

Was für ein Abfall ! Von Seite zu Seite wuchs ihre Erregung und hatte sie sich zuerst zum Lesen nur gezwungen, so konnte sie nun nicht davon ablassen, qualvoll in die Umschnürungen und Maße eines Geistes gepresst, dem die Verleumdung aller Ideale mit Peitschen in das eigene Gesicht schlug. Eine unselige Verstrickung zwischen hohen Erkenntnissen und der Unfähigkeit, über den eigenen Persönlichkeitswahn hinauszublicken, drückten dem Buch den Stempel einer unvorstellbaren Oberflächlichkeit auf. Vielleicht war es Spuk und Traum, dass jemand so Ungeheuerliches gewagt haben soll-te ? Die Preisgabe von Wahrheit und Liebe im Namen des freien Geistes trieb Cosima das Blut ins Gesicht. Die schamlose Enthüllung der Selbstsucht als obersten Gesetzes schmerzte sie wie ein Angriff auf die eigene Gestalt.(Auch unseren Freunden bereiten wir Schmerzen, denn wir wollen ja auch die Liebe in ihnen töten) Oder verstand sie alles falsch ? Bedurfte es neuer geistiger Organe, um zu wissen, was er meinte ? Es begegneten ihr Sätze von solcher Schönheit und Kraft, dass sie daran ermaß, wie tief das Dunkel war, aus dem sie sich hervorhoben. Kein Engel war mehr bei ihm. Oder gab es finstere Engel, die sich seiner bemächtigt hatten ?

Beklommen schaute Cosima umher. Der kleine Umkreis der Wachskerzen reichte nicht weit. dahinter flatterten Schatten und züngelten Gefahren. Sie warf das Buch mit einem Aufschrei zu Boden und zog die Decke über das Gesicht. Sie, die Gefasste und Verhaltene, bebte von den Schrecken der Hölle, die sie geschaut. Wo würde Friedrichs Vermessenheit haltmachen ? Der schrille Schrei seiner gepeinigten Seele übertönte den Wohllaut himmlischer Chöre. Der selbstische Mensch war aufgestanden, um Gott zu morden...

Am Morgen stand Cosima auf, ... nahm die Briefe von Friedrich Nietzsche, setzte sich damit an den Ofen und verbrannte sie.

Auf einem las sie noch: Geliebter Meister, erst durch Sie und Ihr kühnes und einzigartiges Werk bin ich in die Sphäre der höchsten Lebensgewalt hinaufgehoben worden und weiß nun, dass die religiöse Erneuerung unseres tief abgefallenen Zeitalters sich durch die Kunst, ihre tragische Kunst, vollziehen wird...“ 

Die einmütige Ablehnung seines Buches durch alle seine Freunde warf Friedrich in die äußerste Vereinsamung. Aber von Kind an hatte ein Wunschtraum in ihm gelebt: für die Wahrheit  leiden zu dürfen. ( Dies ist sein Inkarnationpotential !)  

S. 308/9   In der Unwegsamkeit geistiger Bezirke, die er als einziger betreten hatte, gab es keinen Gefährten. Es gab weder Sicherheiten, noch Licht, noch Glanz, noch Bestätigung, noch Wärme. Es gab dort nichts, was einem von außen kam. Es musste alles aus seinem eigenen Wesen geboren werde. Erst nach geraumer Zeit sagte er mit schwerer Zunge: „Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Ein neuer Mensch muß das Ziel sein, und wenn darüber in künftigen Kriegen die ganze Menschheit vernichtet werden müsste...“

Burckhart wandte sich schroff um und blickte den Sprechenden an. Aber er sah nur in ein höfliches, starres, fast lebloses Gesicht. Der alte Gelehrte antwortete nicht mehr. Es gab zuviel, was unausgesprochen zwischen ihnen lag. Und wenn er sich bisher die Mühe gemacht hatte, alle Schärfe zu verbergen und den Unglücklichen nicht noch tiefer ins Weglose zu hetzen, so erkannte er jetzt, dass es zu spät war. Er verabschiedete sich in einer ihm ungewohnten Herzlichkeit, als sähe er den jungen Freund zum letzten Mal...

Es war etwas geschehen, wovon nur die Legende raunte. Kain hatte den Bruder ermordet, Mord machte die Erde dürr, und der Mörder hastete unstet und flüchtig durch die Finsternis...  

S. 311   So fand sich Friedrich allein an der äußeren Grenze seiner Widerstandkraft. Der Damm war gerissen. Die sichtbaren Stützen seines Lebens knickten vor dem Ansturm zusammen, als seien sie aus Ton gefügt gewesen, und nur noch eine Sehnsucht lebte in seinem Herzen, die urmächtiges Heimweh war. „Mutter“, flüsterte er, sooft es still in ihm wurde und die Kopfschmerzen nachließen. Es war nicht die leibliche Mutter in Naumburg, die er rief , es war der Wunsch nach dem Urschoß, der ihn wieder aufnehmen sollte, damit er neu geboren würde....(Der Urschoß Satanas ? War sein Geist einer ihrer engsten Gefährten? Hier reichten seine Gedanken noch nicht bis zu seiner Sternenfreundschaft zu Richard Wagner)  

S. 312/2   Cosima hatte Lisbeth von dem letzten Buch ihres Bruders erzählt und angedeutet, dass der Meister es aus Freundschaft zu Friedrich nicht gelesen, sondern stillschweigend übergangen habe, weil darin der Bruch zwischen ihm und dem Bruder offenbar geworden sei......Lisbeth sei entsetzt über die Wandlung des Bruders zum Gotteslästerer und Verräter an seinem Freund Wagner...„Warum hast Du das Buch geschrieben ?“ fragte eines Abends die Mutter aus quälender Unrast. Zorn sprang aus seinen Augen. Er hatte den beiden Frauen dringend angeraten, es nicht zu lesen. Er antwortete nicht und wandte sich ab. „Du warst schon als Kind ehrgeizig“, fuhr sie fort. Sie hob beschwörend die Hände, und Furcht sprang ihn aus ihren Augen an. Nun wich er nicht mehr aus. Ihr Zugriff rief ihn zur Gegenwehr auf. „Die Entfesselung des Ehrgeizes ist die Peitsche, die die großen Taten der Menschheit erzwungen hat“, sagte er. „Jeder große Lehrer weiß das!“  „Aber Wagner ist so hoch gestiegen, dass niemand mehr ihn zum Wettkampf herausfordern darf“, beharrte sie.

„Angreifen ist bei mir eine Form der Dankbarkeit.“ Friedrichs Widerstand verstieg sich hochmütig. „Jede Begabung kann sich nur ringend entfalten.“... (Wie viel göttliche Weisheit steckt in dieser Aussage, auch die dunklen Engel stehen auf  dem göttlichen Grund) Kaum für sie hörbar sagte er: „Suche ich denn mein Heil ? - Ich suche mein Werk...“...Nichts blieb, was zu lieben war, als die Zukunft! Die Aufgabe rief wieder, und wer sollte widerstehen ?   ... Musik musste in ihm getötet werden... 

S. 314   „Ich muß das höhere Selbst vorleben, um die Menschheit aus dem Sterbezimmer des Jahrhunderts emporzureißen und die neue Seele zu bilden, die allein die Kraft haben wird zu überstehen. Wagner will die Sache des Friedens fördern, ich dagegen will die Sache des Krieges fördern. Denn ich will, dass der Mensch kräftiger zum Guten und zum Bösen aus dem Kriege hervorgehe.“   (Dies ist doch ein göttliches Vorhaben. Der Gute soll lernen, wohin er abgleitet, wenn er das Böse will !)  

S. 316   „Meine Aufgabe ist, einen Augenblick höchster Selbstbestimmung der Menschheit vorzubereiten, einen großen Mittag , wo sie zurückschaut und hinausschaut, wo sie aus der Herrschaft des Zufalls und der Priester heraustritt und die Frage des Warum, des Wozu zum erstenmal als Ganzes stellt - diese Aufgabe folgt mit Notwendikeit aus der Einsicht, dass die Menschheit nicht von selber auf dem rechten Wege ist, dass sie durchaus nicht göttlich regiert wird, dass vielmehr gerade unter ihren heiligsten Wertbegriffen der Instinkt der Verneinung, der Verderbnis, der Decadence verführerisch gewaltet hat.“

Als er diese Sätze hingeschrieben hatte, stand er auf und ging in der Haltung eínes Priesters und eines Königs zum Fenster. Die Sonne ging unter. Er breitete die Arme aus. Ein Priester und Fürst stand hier, der Tugend genug hatte für die Weltherrschaft!   ( à Buch von Des Griffin : „Wer regiert die Welt?“ Diagnosen-Verlag)  

S. 320   Auch Ludwig hatte die Mitte verloren. Die unselige Verstrickung ihrer beider Leben mit dem siegreichen Aufgang Wagners verwies sie in die zweite Reihe. 

S. 322/3   Friedrich:   Es lastete der Befehl auf ihm, einen neuen Himmel zu bauen. Denn etwas zum Anbeten musste dem Erdenbürger als natürlicher Ausdruck seiner religiösen Süchte bleiben. Doch wo war der Gott dieses neuen Himmels? „Ich werde mich selbst zum Gott empormartern wie der König Vicvamitra, der sich aus tausendjährigen Selbstmarterungen ein solches Machtgefühl erzwang, dass er in der eigenen Hölle den eigenen Himmel schuf“, redete er zu sich selber. Aber die erhabene Gestalt des Gekreuzigten hob sich aus dem Schattenreich seiner Vorstellungen.(Himmlische Einsprache)Lügner, Verführer“, flüsterte er und wehrte die Erscheinung ab. „Du Lockmittel, das die Komödie dieses Daseins nur in die Länge zieht! Ohne Sinn und Ziel - das ist die Wahrheit, aber die ewige Wiederkehr auszuhalten und nicht zu unterliegen - das ist die neue Religion, und die Menschen sollen sie lernen. Sie soll die Religion der freiesten, heitersten und erhabensten Seelen sein, denn sie kennt nicht die Tyrannei eines Gottes, nicht die Furcht vor dem Jüngsten Gericht. Sie spottet aller Qualen. Der Triumph des Menschen über das Leiden wird in mir vollkommen werden ! Ich will das Holz zu meinem eigenen Scheiterhaufen zusammensuchen und bei meiner Verbrennung zusehen.“ 

S. 324   „... Du bist ein Gott, und nie hörte ich Göttlicheres ? Amor fati ... amor fati … Ich liebe mein Schicksal !“

Als er diese Sätze geschrieben hatte, als das Ungeheure - die ewige Verfluchung des Lebens - aus ihm hervorgetreten war, fror die Einsamkeit um ihn, der Damm zwischen ihm und den Lebendigen wuchs langsam höher, und der Zwang der Zwänge ergriff seine treibenden Gedanken. Da das Entsetzen ihn nicht übermannt hatte, erhob ihn ein solcher Sieg weit über Christus. Ein Übermensch trat in seine Geburt, dem kein Jenseits die Qual dieser Erde milderte.

Aber kein Glanz und keine Liebe warteten, wenn der glühende Rausch verflogen war, und seine Verlorenheit weinte. 

S. 330   „..Das allein ist Stärke: zu bejahen, wovor einem graut...“ 

S. 339/340   Der Arzt Fouquers zu Blanche in der Sixtinischen Kapelle in Rom,  in Hörweite Friedrich mit Lou. Blanche erschien Friedrich  in ihrer Haltung als das Süßeste, was er jemals gesehen hatte:   ..“Michelangelo  hat dem Christus des ewigen Gerichts dieselben Züge gegeben wie dem Adam, den der Schöpfer gerade erweckt. Siehst Du das, Blanche ? Das ist von tiefer Bedeutung. Es heißt, dass jeder sterbliche Mensch, jeder Adam, Christus in sich birgt. Der Buonarotti erlebte in der Hingabe an sein gewaltiges Werk, dass der Mensch nur etwas vermag, wenn er in sich den Christus mächtig werden lässt und den Eigenwillen zerbricht...“

„Jeder, der freiwerden will, kann es nur durch sich selber werden“, murmelte Friedrich mit hartem Gesicht. 

Noch einmal drang die Stimme Fouquers zu ihnen herüber. „Der Mensch der Gegenwart vergisst immer, dass das Genie seine Liebesfülle in anderer Weise zu äußern hat als der gewöhnliche Mensch. ... Er suchte die Wahrheit nicht in dem engen Raum seines eigenen Ichs allein, sondern in der Grenzenlosigkeit Gottes. Der heutige Mensch hält sich selber für den einzigen Gegenstand seines Suchens und verliert über der Verzerrung des sterblichen Bildes das ewige Bildnis aus den Augen. Das macht ihn unglücklich, unstet und verworren. Er meint in der Verlorenheit seiner eigenen gottlosen Gedanken das Gefüge der Schöpfung erkennen zu können - und erkennt doch nur die eigene Grimasse. Das ist die Rückkehr zur Urdämonie...“ (Wir begegnen immer Menschen, die uns fördern oder ermahnen sollen, weil wir uns vom himmlischen Einfluß abgeschnürt haben. Unsere Seele ist entzückt, wenn wir einem irdischen Engel begegenen)  

S. 342   Die Russin Lou zu Friedrich , beide machten sich den Hof  und Friedrich dachte gar an einer Ehe:   „Sie werden der Gott des künftigen Jahrtausends sein, und ich bin Ihre erste Jüngerin. Maria Magdalena, aus der sieben Teufel ausgetrieben wurden...“ Sie lachte ein helles und weiches Lachen, dem Friedrich versonnen lauschte. 

S. 348   Doch Lou ließ sich nicht beirren. Sie wollte ihm das innerste Geheimnis entreißen. „Wagners Ruhm ist nicht mehr zu überbieten. Er beherrscht die Kunstwelt. Man erzählt sich überall, dass seine Rückkehr zum Christentum einer großen Bekehrung gleichkäme!“.. „Ist nicht die Tatsache seines breiten Ruhms das bedenkliche Zeichen seines Niedergangs ?“ murmelte er mit zusammengepressten Lippen. „Jeder Geist, der führen will, muß für seine Zeit unnahbar bleiben, damit er genügend Zugkraft nach oben behält...“...Lou zu F.:„Man muß Titanenkraft haben, um nicht der Verlockung zu verfallen, sich an die Menge hinzuwerfen - und Sie haben Titanenkräfte!“...„Verstehen Sie denn nicht, Lou? Die Menschheit lechzt nach einem neuen Gott !  Einmal hier in Tribschen, glaubte ich, Richard Wagner könnte der neue Gott sein, der den furchtbaren Absturz der Menschheit aufhalten würde. Ich betete ihn an. Jedes Wort, das ich schrieb, galt ihm. Jede Inbrunst war auf ihn gerichtet. Seine Kunst erschien mir wie der tragende Strom, auf dem der neue Mensch ins Dasein schiffte. Unsere Gespräche in Tribschen grenzten ans Göttliche. ...Behütet vom schwesterlichen Geist Cosimas erlebte ich die Weihen eines Priesters am Thron des neuen Jahrtausends...“(Die himmlische Weisheit und Liebe flutete in alle ein, in Friedrich wohl mehr  die Weisheit)

S. 349   „Ich muß Wagner aus mir ausmerzen wie eine tödliche Krankheit!“...(Hier war seine Weisheit bereits erkaltet und floß aus dem dunklen Engel oder aus sich selbst, weil er sie sich angeeignet hatte)

„Ich liebe das Leben in seiner Pein, ich liebe es auch dann noch, wenn es nichts anderes für mich hat als Qual und Verzweifelung. Gerade weil der Christ nur deshalb Leiden auf sich nimmt, um einmal die Freuden des Jenseits zu gewinnen, will ich leiden, ohne jemals als etwas anderes als Leiden damit zu erwerben. Das ist meine List gegen das Schicksal. Amor fati!  In mir erfüllt sich der Mensch als Prometeus, der den Göttern das Feuer raubt, das das Leben erhält.“   (Über die Herkunft des Feuers hat er wohl nicht nachgedacht, so  wie viele Menschen, die nur an das glauben, was sie sehen)  

S. 36o/1   „Fühlen Sie denn nicht die Armseligkeit in Parifals körperlichem Ekel vor der irdischen Liebe, Lou ?“ drang er in sie ein.  (Dies ist sein Missverständnis. Parsifal empfindet keinen körperlichen Ekel vor der irdischen Liebe. Er hat sie vielmehr erhöht. „Sine me tangere (rühre mich nicht an), sagte Jesus zu Maria Magdalena nach Seiner Auferstehung. Parsifal stellt in der Oper unseren Urichgeist dar, der gekommen war, um den leidenden Geburtsgeist in Amfortas zu erlösen. Der Kuß von Kundry erweckte den Urichgeist in Parsifal zum vollen Leben, sodaß er in sich erkannte, welchen Weg er zu gehen hatte.- Über den Kuß gibt es eine Schrift, empfangen vom Herrn durch Mayerhofer am 29.10.1871 - abgedruckt in „Liebe, das Grundgesetz des Lebens“ , herausgegeben von der Neu-Salems-Gesellschaft, Bietigheim)  

 „Was für eine unjugendlich Haltung! Das Werk eines Greises, der seine Jugendsünden büßen will! Soll die Welt etwa an diesem Parsifal gesunden ? Soll die Menschheit katholisch werden? In meiner Weltanschauung verbitte ich mir das Bild des Gekreuzigten! Was für eine entsetzliche Stätte hat das Christentum schon allein dadurch aus der Erde zu machen gewusst, dass es überall das Kreuz aufrichtete und sie dergestalt als einen Ort bezeichnete, wo der Gerechte zu Tode gemartert wird!“

„Wird er es etwa nicht?“ fragte Lou und wandte ihm ihr zorniges Gesicht zu. „Sie haben es in früheren Gesprächen oft betont. Sie können sich vor mir nicht verstellen, Friedrich! In Ihnen lebt keine größere Liebe als die zu Christus und zu Wagner! Ja, beide erscheinen Ihnen in einem Bilde !“ (Welch ein himmlischer Weitblick! Sie bezieht sich auf unseren Geburtsgeist) Er starrte sie mit seinen glühenden, seltsam einsaugenden Augen an, als sähe er sie zum erstenmal. Mit welcher Gewalt riß sie seine Verborgenheit ans Licht!  Sie fuhr fort: „Daß ich Ihnen das erst sagen muß, Friedrich ! Kennen Sie sich selber so schlecht ? Sie sollten eine Kutte nehmen und in einen Mönchsorden eintreten, anstatt sich Mörder Gottes zu nennen!“...   

„Zwischen mir und Richard Wagner geht die Entscheidung der Welt, verstehen Sie das ?“sagte Friedrich (Eine Einsprache Satanas oder seine Meinung, die er mit ihr teilt)

S. 362/3   „Hören Sie auf, Friedrich“, rief Lou, und die Lust zu treffen, blitzte aus ihrem Blick. „Ich allein weiß, was niemand weiß. Daß Sie Wagner anbeten ! Daß Sie ohne seine Musik nicht leben können!“   Ungläubig starrte er in ihr Gesicht. Eine Ahnung, wie wenig Liebe in ihr war,(aber eine egoistische Liebe, die sie zu ihm haben sollte!) überkam ihn, doch ließ er sie ungenützt. „Ich lache, Lou, ich lache! Was Sie da behaupten, ist eine Schlinge, die einmal um meinem Hals lag. Aber nun bin ich entsprungen, entronnen! Die Schlinge baumelt leer im Wind...“ ...Hieb und Gegenhieb von früh bis spät, und mitten darin die ganz in Einsamkeit und Ratlosigkeit gehüllte Erscheinung Nietzsches.  Der Mensch wird zu seiner Höhe emporgemartert... hämmerte es in seinem Kopf. „Zu welcher Höhe?“ fragte Lou ihn, als er diesen Gedanken laut werden ließ. „Wenn alles Gleiche sich unendlich wiederholt, wie Sie glauben und wie Sie es verkünden wollen, dann gibt es keine Entwicklung...“

So fing sie ihn in den eigenen Schlingen, und er staunte über die Klarheit ihres Versandes. Doch in der kalten Helle seiner Wiederkunftslehre gab es nicht einmal mehr das Erbarmen des klaren Verstandes. Es war alles ganz anders, als das Menschenhirn begreifen konnte - alles ganz anders... Er lachte leise in sich hinein. Der Freundin wurde Angst vor seinem unseligen Blick. Man konnte nicht immer in einem dunklen Eiswald sitzen und sich vormachen, dass man nicht fröre...

Seine Krankheit war zu ihm zurückgekehrt. Sie war ihm treu geblieben, nachdem Lou ihn verlassen hatte... Nichts ging ihn mehr an als dieses Alleinsein, gequält von Übelkeit und Angstpein. 

S. 365   „Du bist mein einziger Sohn“, sagte die Mutter zu ihm, als er ihr beim Frühstück gegenüber saß. „Dein Vater hatte eine Richtschnur in seinem Leben, und das war das Wort Gottes. Da du mir verboten hast, in Deine Schriften hineinzusehen, kann nichts Gutes darin stehen. Gott ist nicht in ihnen. Du streust Böses aus, aber das Böse fällt tausendfach auf Dich zurück!“     .. Er wollte aufspringen und sich ihr entziehen, doch sie hielt ihn  mit ihrer kleinen harten Hand fest...   „Rühre mich nicht an, Mutter! Ziehe zuvor Deine Schuhe aus, denn das Land, worauf Du trittst, ist heiliges Land!“   Sie lehnte sich totenblaß in ihren Stuhl zurück. Es gab eine heimliche Verabredung zwischen den Menschen, heilige Worte nicht auf sich selber zu beziehen, und der Sohn entrückte ihr in ein kaltes, unfassbares Licht, vor dem ihr graute.

„Ich dulde keine Einmischung mehr in meinem Leben. Wüßtet ihr, mit wem ihr es zu tun habt - die Knie würden euch beben und euer Mund würde anbeten !“

Sie starrte ihn an wie ein Gespenst. Sie rang nach Atem, bevor sie hervorstoßen konnte: „Mein Sohn, mein Sohn -  komm zu Dir!“ Und dann weinte sie hilflos....

Die Qual dieses Anblicks war nicht zu ertragen. Das Zimmer verlor seine Wirklichkeit, es wurde zu einem magisch durchfluteten Raum, darin alle Laute wie das Kichern von Geistern klangen. Die verzerrte Maske der Mutter wuchs vor seinen Augen riesenhaft und bleckte ihn an wie der verkörperte Unverstand der kleinen Welt. Seine Hände umkrampften zitternd die Armlehnen. Jetzt, da die große Angst aus dem großen Schlupfwinkel aufgetrieben worden war, stand sie in ihm und presste ihm den Atem ab. Es müsste gut sein, vor der Mutter niederstürzen zu können, um den schmerzenden Kopf in ihrem Schoß zu bergen wie als Knabe. Aber dieses dort, was da wie ein Ungeheuer der Verzagtheit sich gebärdete, war nicht seine Mutter. Das war das, was feindlich und töricht ihm den Weg zu verstellen suchte...

Ich bin der Retter der Welt. Sollte der Heiland vor zweitausend Jahren der einzige gewesen sein, der den Versuch der Erlösung unternommen hatte ? Milder gestimmt, sagte er zur Mutter: „Was würde es Dir nützen, wenn ich Dir meinen Weg erklären wollte, Mutter ? Niemand kann ihn einsehen, weil dazu einer gehörte, der größer wäre, als ich es bin, und den gibt es nicht...“... 

S. 374   Cosima:   Niemals, so wusste sie, würde er (Richard) den Abfall Friedrich Nietzsches verschmerzen, der die wahrsten Worte über das Wesen des Genius gefunden und ihm geschenkt hatte, um dann in einer wüsten Verkehrung alles zurückzunehmen und ihn in einem Höllenkunststück ohnegleichen zum Seiltänzer der Lüge umzustempeln...Stein erwog vorsichtig, was er zu Wagner sagen durfte. „Man könnte ihn kaum anders beschreiben als ruhig und höflich nach außen und verzweifelt und atemlos nach innen. Er trägt Masken. Er ist Meister darin. Er liebt die Maske. Er sagt, um jeden tiefen Geist wüchs fortwährend eine Maske...“ „Er ist ein Don Juan der Erkenntnis - er nennt sich selber so“, unterbrach Wagner ihn. „Ich habe es mir wohl gemerkt. Er hat Geist, Kitzel und Genuß an der Jagd nach Erkenntnis zu den höchsten und fernsten Strernen hinauf. Bis ihn zuletzt nichts mehr zu erjagen übrigbleibt als das absolut Wehtuende der Erkenntnis. Gleich dem Trinker, dem am Ende nur noch Absinth und Scheidewasser schmeckt, gelüstet es ihn zuletzt nach der Hölle! Vielleicht, dass auch sie ihn enttäuscht wie alles Erkannte. und dann müsste er in alle Ewigkeit stehen bleiben, an die Enttäuschung festgenagelt und selber zum steinernen Gast geworden, mit einem Verlangen nach der Abendmahlzeit der Erkenntnis, die ihm nie mehr zuteil wird - denn die ganze Welt der Dinge hat diesem Gierigen keinen Bissen mehr zu reichen!“ 

S. 376   Wagner:   ...“Seine Vereinsamung ist tödlich. Er hat zur Gesellschaft nur noch den Cesarenschauder, der ihn vor sich selber überfällt...Er ist des Scharfblicks beraubt, den ein Gesetzgeber, wie er es sein will, nötig hat. Ich habe diesen Genieschauder vor mir selber überwunden. Ich habe Parsifal geschaffen...“ ...„Nicht Titan! Jeder Titan, auch Prometheus, ist nur ein Rebell gegen Gott. Ich habe von allem Anfang an Parsifal in mir getragen - und Parsifal ist kein Titan -  er ist der Geliebte Gottes!“...(Kirchliche Vorstellung: Jesus ist nur der Sohn Gottes)„Selbst Kain war nur ein Schatten gegen ihn“, sagte er. „Brudermord stand am Anfang der Welt - aber Friedrich Nietzsche will Gott morden!“..„Lies nicht weiter“, forderte er hart. „Ein Wahnsinniger sucht seinen Untergang. Dennoch liebe ich ihn. Sie erhob zweifelnd die Schultern. „Sein Übermensch ist nur der Schatten des Parsifals“, sagte sie leise.

„Ja, Parsifal...“ Er wies in die Ferne. „Er ist nur der schwächere Bruder des Christus (so tief hat Richard Wagner nicht gesehen, Jesus musste auch erst wachsen, er sollte Friedrichs Aufgabe sein, seinen Parsifal geistig zu deuten)), und das ganze Geheimnis ist damit noch nicht entschleiert...(Er sieht es also selbst) Verstehst Du mich ? Ich hatte Jesus von Nazareth ungeteilt in seiner ganzen Herrlichkeit gestalten müssen - und mich nicht feige hinter Parsifal verstecken sollen. Unsere Zeit ist aufgebrochen, Christus wieder zu entdecken, und sie wird fälschlich meinen, dass Nietzsches Übermensch der neue Christus sei... doch er wird Phantom bleiben. Einer, der mit Gewalt will, kann die Gewalt nicht brechen. Einer, der nicht liebt, kann den Haß nicht überwinden...“

Ein Strahl der späten Sonne glitt durch eine Vorhangspalte und beleuchtete seine Züge. Sie waren durchsichtig und edel. Die Spuren von Alter und Krankheit traten zurück. „Ich konnte den neuen Menschen nicht schaffen... Ich war nicht rein genug dazu. Ich war immer noch zu sehr Künstler...Immer nur Künstler - und - das ist nicht genug...“ Er küsste sie. „Es werden noch Jahrhunderte vergehen, ehe die Erde wieder eine solche Liebe trägt wie die deine. Götter lieben anders als Menschen...“ (Richard Wagner hat also den vollen himmlischen Sinn seines Parsifals nicht erkannt. Er war ein Werkzeug in der Hand Gottes. Wenn wir die in Parsifal handelnde Personen in einen Menschen stellen, dann können wir seine geistige Wiedergeburt miterleben. Kundry stellt hierbei unser Ich vor. Es muß wie Kundry sterben, wenn Jesus, unserer Urichgeistgeist unseren Geburtsgeist erlöst und beide zum Heiligen Geist verschmelzen. Hierbei verlieren wir unser Ich nicht, es hat aber alle Verunreinigungen abgelegt.)

S. 380   Wagner nahm ein Blatt von seinem Schreibblock und schrieb aus der Erinnerung Worte, die er einmal zu Nietzsche gesagt hatte: Jeder Genius überschaut, ehe er sich in die eigenen Höhen hebt, die Gipfel der Landschaft, die sich ihm darbietet, und er grüßt die Berge freudig und verwandt. Denn sie alle sind ihm Nachbarn und Freunde, und auch, indem er sich in seine eigenen Bezirke schwingt, erinnert er sich ihrer ragenden Kühnheit. Sie geben ihm Mut und Sicherheit... So war mir Schopenhauer ein Gipfelfreund, bis ich ihn überstieg. Noch immer grüße ich ihn mit der Wärme, die wir Einsamen füreinander haben. Doch ich habe ihn längst verlassen. Wo ich bin - dort gibt es keine Nachbarschaft mehr...

„Wo ich bin, gibt es keine Nachbarschaft mehr“, murmelte er vor sich hin. Niemals vorher war es ihm so deutlich gewesen wie jetzt. Trotz Cosima, trotz der Freunde, trotz der Kinder - einsam, einsam, einsam. Das war der Preis, der zu bezahlen war, wenn man alle seine menschlichen Leiden und Entzückungen von den Flammen des Schöpferfeuers verzehren ließ. 

S. 380/1   „Wieder eines seiner Bücher, die davon leben, dass sie keine Bücher sind,“ sagte Cosima hart, nachdem sie gewahrte. dass bei Richard das neue Buch von Friedrich mit dem Titel „Die fröhliche Wissenschaft“ sah.

„Was sind sie sonst ?“ fragte er mit einem Lächeln.

„Schreie aus der Wüste der Verzweiflung“, erwiderte sie.

„Doch die ganze Menschheit geht in die Wüste. Sie weiß es noch nicht. Durch ihn wird sie es wissen lernen. Sie wird seine Schreie hören und glauben, dass er die Wahrheit verkünde...“

„Er und ich - wir haben verschiedene Wege aus der Wüste hinaus gesucht. Die Hilfsbedürftigkeit der äußeren Wissenschaften wird immer sichtbarer. Die Natur fängt an, immer dürftiger neben dem Scheinglanz unserer Entdeckungen auszusehen, doch spürt der Mensch, dass er mit den bekannten Werkzeugen und Methoden nicht das Wesentliche, nicht das Gesuchte finden und konstruieren kann. Das geborgte Licht reicht nicht aus, um die Mystifikationsversuche der Wissenschaften und das wunderliche Wesen der Philosophien zu durchdringen. Dazu gehört das geistige Licht der Religion. Nur das Christentum kann Europa wieder aufwecken und die Völker sichern. Nietzsche leidet an einer nicht zu bewältigenden Summe von Widersprüchen, weil er sich vom wahren Licht  abschließt und die Utopie des Lebens ohne Gott sucht. Heroismus eines Selbsthenkers! Ich habe die Wüste weit hinter mir gelassen...“

„Er fällt ihr anheim“ Ihr Mund wurde eng.

„Die Wüste wächst! Weh dem, der die Wüste in sich birgt !“ 

S. 382- 387   Nietzsche schreibt für seinen „Zarathustra“ Gedanken nieder:

„Ein tiefer Mensch braucht Freunde, es wäre denn, dass er seinen Gott noch hat. - Und ich habe weder Gott noch Freunde“, klagte er in die von Wärme zitternden Luft (in Santa Margherita/Italien), um eine Stimme zu hören. Aber es antwortete niemand.   „Still, still!  Ward die Welt nicht eben vollkommen ? Was geschah mir doch?   Wie ein zärtlicher Wind , ungesehn, auf getäfeltem Meere tanzt, leicht, federleicht: so tanzt der Schlaf aus mir...“   Besänftigend gegen die unheimliche Einsamkeit klangen Zarathustras Worte aus des Dichters Munde. Er allein war der Bruder inter pares, und Zarathustra war aus ihm selber hervorgetreten...„Meine Seele streckt sich lang aus - länger! Sie liegt stille, meine wunderliche Seele. Zuviel Gutes hat sie schon geschmeckt, diese goldene Traurigkeit drückt sie, sie verzieht den Mund.  O Glück! O Glück! Willst du wohl singen, o meine Seele ? Du liegst im Grase. Aber das ist die heimliche feierliche Stunde, wo kein Hirt seine Flöte bläst. Die Welt ist vollkommen.  Was geschieht mir ? Still ! Es sticht mich - wehe  - ins Herz. O zerbrich, Herz, nach solchem Glücke, nach solchem Stiche !“  Seine eigene Stimme, durch die Mittagsstille weithin hallend, berauschte ihn. Die schönen Bilder seiner Verse wollten ihn glauben machen, dass das grausame Gesetz der ewigen Wiederkehr alles Gleichen ihm die Stirn niemals fahl gemacht hatte und dass es zukünftige Möglichkeiten gäbe, ganze Milchstraßen von Möglichkeiten, zu denen er seine Fahrt erst antreten wollte. Und wieder hob er seine Stimme und sang:  „Wie er die Geliebteste vor sich her stößt, zärtlich noch in seiner Härte - der Eifersüchtige - , also stoße ich diese selige Stunde vor mir her.  Willig zu meinem Schmerze bin ich hier. Willig zu meiner Seligkeit!   Und wanderte ich allein - was hungerte meine Seele in Nächten und Irrpfaden? Und stieg ich Berge, wen suchte ich je, wenn nicht dich auf Bergen?  Du Lichtabgrund!  Und unter Menschen hasse ich am besten alle Leisetreter und Halb - und Halben und Zweifelnde, zögernde Ziehwolken... Wer nicht segnen kann, der soll fluchen lernen!“   Gleich einem Astronomen des Ideals richtete er sich auf, breitete die Arme weit aus, um einer letzten Erkenntnis auf die Spur zu kommen und horchte.  Da hörte er Schritte sich nahen, und ein Schatten legte sich über das Gras vor ihn hin.  Ein Zittern in seiner Seele, die wundergläubig war, fragte: Ist vielleicht Zarathustra leibhaftig zu mir gekommen, da ich so inbrünstig mit ihm sprach?  Aber vor ihm stand nur ein bärtiger Mann mittleren Alters, mit einem leichten weißen Anzug bekleidet, wie ihn Kurgäste trugen, breitschultrig und etwas linkisch, mit sehr hellen und gütigen Augen in einem derben Gesicht. „Erlauben Sie mir zu fragen, von wem die Verse sind, die ich das Glück hatte, soeben von Ihnen zu hören“, fragte der Freund stockend.... Friedrich: „Verse ? Waren es Verse ? Waren es nicht vielmehr Gedanken, mein Herr?   Der andere lächelte. „Alle guten Gedanken sind Verse, meine ich“, sagte er mit harten Tonfall des Slawen...„Warum erwarten Sie soviel von den Deutschen?“  „Weil die Deutschen einen Richard Wagner hervorgebracht haben“, antwortete Ljepkin ohne sich zu besinnen.   Diese Worte trafen Nietzsche. Aber Ljepkin bemerkte es nicht. So begann er von Konzerten zu erzählen, die Richard Wagner vor vielen Jahren in Petersburg gegeben hatte, und fast versagte ihm die Stimme, als er von der Parsifalaufführung in Bayreuth sprach. „Glauben Sie, dass es für ein Volk genug ist, einen Richard Wagner hervorgebracht zu haben ? fragte Friedrich.  „Es ist doch keine Zufälligkeit, wenn mitten in Europa ein solcher Stern aufgegangen ist“, rief Ljepkin. „Ein Stern erster Größe ! Das hat Bedeutung. Das zieht neue Bewegungen nach sich! Ich warte darauf, dass die Welt den geistigen Weg Wagners nachzugehen beginnt. Das wird durch die Abgründe führen, die dem Meister nicht unbekannt sind, doch danach die Befreiung. Es wird ein undogmatisches Christentum sein, das die Völker zueinanderführen wird.“ Etwas Verzücktes kam in seine Augen.

„Sehen Sie , mein Herr, seit den Petersburger Konzerten reise ich immer dorthin, wo der Meister sich befindet. Ich werde die nächste Woche in Venedig sein...Stumm ging Nietzsche neben dem Russen einher. Je begeisterter dieser redete, desto kälter wurde es in Ihm. Schließlich sagte er: „Es ist nachteilig für einen Denker, an eine einzige Person gebunden zu sein.“

Ljepkin verstand ihn nicht. „Wagners Größe ist über alle Zweifel erhaben“, rief er aus. „Ich habe die ersten Aufführungen in Bayreuth miterlebt, und ich habe einsehen gelernt, dass er das einzig gültige Maß für sich in sich selber trägt !“ (Jeder Mensch trägt dieses Maß in sich. Richard Wagner hat dies mit seinen Opern auszudrücken ver-standen, weil er sich auf den göttlichen Liebeeinfluß ausgerichtet hatte.)

„Ich bewundere Sie“, warf Nietzsche spöttisch ein. „Sie müssen Nerven haben, um die ich Sie beneide !“  „Man braucht nur Liebe zu haben, und man hat Kraft! Liebe ist Kraft !  Ich habe mich gefragt, wie es Richard Wagner möglich war, ein solches Riesenwerk in einem kurzen Menschenleben zu schaffen, und ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass er es durch seine ungewöhnliche Liebeskraft vermocht hat. Er ist kein Künstler für die Schwachen und Dekadenten. Er ist einer, für den man stark sein muß !“

Fast augenblicklich spürte Friedrich wieder den dumpfen Schmerz im Kopf, dem er soeben erst entkommen war. Er hob in verzweifelter Abwehr die Hand: „Was wissen Sie von décadence“, rief er aus. „Ihren robusten Nerven erscheint in einer seltsamen Verkehrung Richard Wagner als der starke Mann ! Es würde schlecht um die Welt bestellt sein, wenn das neue Jahrtausend seinen Namen trüge !“

Verblüfft sah Ljepkin ihn an. „Sie sprachen vorhin  Verse - wunderbare Verse ! Ich dachte, auch Sie müssten Wagner lieben. Jeder Deutsche müsste ihn lieben. Er ist wie ein Versprechen für die Welt... Ein großes Versprechen !“  „Die Deutschen haben einen Goethe und einen Beethoven hervorgebracht“, entgegnete Friedrich kühl.   „Aber Wagner ist unvergleichlich ! Seine Werke sind im Grunde die Bewusstwerdung des ganzen Menschenweges von den Ursprüngen bis zur Erlösung.  Das ist eine Tat, die über die Welt leuchten wird. Die Bewusstwerdung ist das Schicksal unseres Jahrtausends !“   „Was erwarten Sie von den Deutschen ?“ fragte Friedrich, sich zur Ruhe zwingend.  Ljepkin dachte nach. „Wir Russen haben nach dem Westen hinübergelauscht und die großen Worte des Geistes vernommen, die von dorther kamen. Aber das öffentliche Leben des Westens trug nichts vom Geist dieser Worte. Es ist krank von der Gier nach Gold. Jeder Gedanke ist befleckt von der Gesinnung des Händlergeistes...“  „Das ist die Geschichte der modernen Verdüsterung durch das Christentum“, warf Nietzsche bitter ein. „Es hat die Starken ausgerottet und die Schäbigen und Schwachen geschützt.“   Überrascht blickte Ljepkin ihn an. „Weil der Geist aus den Kirchen entwichen ist, droht Anarchie! Ich habe verstanden. Aber Richard Wagner hat das wahre Christentum wieder in das europäische Gespräch hineingestellt. Das ist seine Tat...“  „Christentum - das ist die Rache der Schlechtweggekommenen an den Starken !“ Ungeduldig fügte Friedrich hinzu: Alles, was aus der Stärke stammt, ist gut. Alles, was aus der Schwäche stammt, ist schlecht.“

Der Russe senkte den Kopf. Sehr leise sagte er: „Man muß stark sein, um Christ zu sein - sehr stark. Wagner weiß das. Parsifal ist stärker als Siegfried.“ (Der Urichgeist ist der auferstandene Jesus, der ausgeschüttete Pfingstgeist, den auch die nicht gefallenen Engel erwerben müssen, wenn sie weiterkommen wollen) Er sprach mit einer Stimme, als schäme er sich der Enthüllung seines Glaubens.

„Die erlahmte Genussfähigkeit unserer Welt ist die große Chance für das Christentum“, sagte Friedrich mit finster verzogenem Mund. „Die Verachtung der Natürlichkeit züchtet die Wertschätzungen der Kranken und Schwachen... Der Wille zur Macht - das allein ist der Wille zum Leben !“ Er hielt inne. Dieses Wort leuchtete in seinem Bewusstsein auf, und fast vergaß er seinen Begleiter. War nicht die Verkündung Zarathustras dieses klare Wort vom Willen zur Macht ?

Ljepkin war stehen geblieben und lehnte seinen Kopf an einen Baumstamm. Er suchte nach genauen Worten. „Christentum  - das ist Wille zum Geist, und Geist ist Herrschaft über das, was wir Natur nennen. Christentum ist Freiheit, nicht Knechtschaft !“

Nietzsche machte eine abwehrende Handbewegung. Ihn fing das Gespräch zu ermüden an. „Predigen Sie Askese, Herr Ljepkin ? Wo Ordnung und Dienste und Liebesblicke sind - da ist der heimliche Wille, Sklaven zu machen. Auf Schleichwegen schleicht sich der Schwächere in die Burg - und stiehlt die Macht!“ (So denken gefallene Geister, weil Sie sich von dem Guten und Wahren abgesondert haben.)

...Ljepkin wurde es unheimlich. Etwas in den Augen des anderen war, als käme er aus einem Lande, wo sonst niemand wohnte.

„Ich bin der Freund Wagners“, sagte Nietzsche entschlossen. „Wissen Sie etwas über Freundschaft, Herr Ljepkin ? Freundschaft ist das Härteste, das Wachste und das Wahrste, was ein Mensch zu geben vermag. Daß Wagner und ich uns fremd werden mussten, ist das Gesetz über uns. Wir müssen unsere Sternenfreundschaft glauben, selbst wenn wir einander Erdenfeinde sein müssen...“ (Hier blitzt in Friedrich seine Erinnerung an den himmlischen Zustand als Freund Richard Wagners auf)

„So sind Sie Friedrich Nietzsche?“ fragte Ljepkin, und man sah ihm an, dass er überrascht war.  Friedrichs Stimme hatte einen harten Klang, als er sagte: „Ich warne Sie, Herr Ljepkin! Wagner errät die reichen Herzen, die sich gerne verschwenden, und er erfindet immer neue Höllenkunststücke, um sie zu ködern und hörig zu machen. Sie werden nicht mehr zu sich selber finden, wenn Sie sich ihm ganz hinwerfen, und eines Tages werden Sie begreifen, dass man den hassen muß, der uns den eigenen Weg verstellt !“ (Der vorherige Blitz hat ihn nicht erleuchtet !)

Nach diesen Worten wandte er sich ohne Abschied von seinem Begleiter und schritt hastig in der Richtung seines Albergos davon.

Noch am selben Tag brachte ein Diener ihm einen Brief mit einer Fürstenkrone und einen prachtvollen Rosenstrauß. „Sie sind ein Dichter, Herr Nietzsche“, schrieb Ljepkin. „Aber Sie sind in Gefahr. Freundschaft ist das Härteste, das Wachste und das Wahrste, was ein Mensch zu geben vermag, haben Sie gesagt. Ich fühle Freundschaft für Sie. Darum bitte ich Sie, noch einmal rückwärts zu schauen bis zu dem Punkt, wo Sie sich von Richard Wagner trennten. Der Schnitt ins offene Fleisch ist ein tödlicher Eingriff gewesen. ‚Nur eine Waffe taugt: - Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug!’ - Fürst Fjodor Ljepkin.“   Nach dieser Begegnung versank Friedrich wieder in die Nacht der Schwermut....  (Immer wieder erleben wir einen Mahnruf unseres himmlischen Vaters. So wurde Friedrich Nietzsche auch mit den Vorhaltungen des Fürsten konfrontiert)  

S. 388/9   Mit einem grimmigen Lachen schob er die Blätter vom Tisch und erhob sich. Ein Ungeheuer war Zarathustra, der Übermensch, den er gegen den Lichtengel mit dem Flammenschwert stellen wollte. Der dunkle Engel im bleichen Glanz seiner Eisenkälte würde ihm beistehen. Aber seine Erwählung machte nicht glücklich.

„Du bist ein unverbesserlicher Pastorensohn“, verspottete er sich selbst, „und kannst nichts erfinden, was nicht schon erfunden ist, das sie das Buch der Bücher nennen !“

Er stampfte mit dem Fuß auf. „Unverbesserlicher Pastorensohn“, höhnte er, „vergiftet wie die anderen. In Banden falscher Werte und Wahn-Werte! Ach, dass mich einer von dem Erlöser erlöste !“ Haß fieberte durch sein Blut. Alle Wege waren verstellt, alle Wege schon begangen...

Zu dem Fürst in seiner Wohnung, der ihn erneut aufsuchte:

„Unabhängigkeit der Seele - das gilt es hier“, sagte er. „Kein Opfer kann da zu groß sein. Seinen liebsten Freund selbst muß man opfern können, und sei er noch dazu der herrlichste Mensch - die Zierde der Welt, das Genie ohnegleichen... Ich liebe die Freiheit als die Freiheit großer Seelen, und diese Freiheit ist durch ihn bedroht. Verstehen Sie mich, Fürst ?“

Ljepkin schüttelte langsam den Kopf. Seine sprechenden Augen füllten sich mit Trauer. Man sah ihm an, wie stark ihn das Erlebnis dieser Begegnung beschäftigte - er war es auch, der fortan ohne Namennennung gewichtige Summen für die Drucklegung von Nietzsches Werken spendete. 

S. 390   „Meine Verwandtschaft zu Richard Wagner ist, dass wir tiefer gelitten haben, auch aneinander, als Menschen dieses Jahrhunderts zu leiden vermöchten. Diese Verwandtschaft wird unsere Namen für ewig zusammenbringen.“

Der Fürst verneigte sich. Er wagte nicht, Nietzsche die Hand hinzustrecken. Abwesend, als sei Ljepkin nicht mehr da, sagte er so leise, dass nur ein Hauch davon deutlich an des Fürsten Ohr drang: „Ich habe ihn geliebt - und niemanden sonst... Er war ein Mensch nach meinem Herzen...“ (Sein Herz meldet sich in Wehmut!)  

S. 392/3   Nietzsche auf einem schweizer Berg:  Wer hörte ihn, den stellvertretenden Menschen dieses Jahrhunderts, der die Bürde auf sich genommen hatte, einen Weg durch die Trümmer vergangener Werte zu neuen Werten zu finden ? Ein Prediger in der Wüste - wie er dieses Bild liebte ! Der Bote des dunklen Engels war er, der das erstarrte Gesetz zerbricht und die neue Gemeinde schafft... Die große Predigt suchte er, um den Schwall der Reden auszulöschen, deren Klang ihm noch im Ohr gellte.

„Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muß“, sagte er. Seine Stimme war brüchig und heiser, aber es war eine Menschenstimme, mit welcher man klagen konnte: „Meine Verachtung und meine Sehnsucht wachsen, je höher ich steige...Abtrünnige sehe ich nur noch unter mir, und unter ihnen den Abtrünnigsten, den Verräter am Geist, der dem neuen Weg auswich und die alten, abgetretenen Wege zurückging... Ich ziehe aus in ein Land, wo der schlimmste aller Bäume nicht wächst... das Kreuz !“

Er lauschte. Würden ihm die Donner des Sinai antworten ? Doch es war tiefe Mittagsstille um ihn.

„Ein grausiges Evangelium will ich euch lehren, damit ihr die Vertreibung aus dem Paradies als die Wonne begreift, die euch in das Höhere zwingt. Das Höhere aber heißt: Jenseits von Gut und Böse... Hört mich, ihr Fliehenden, ihr Verräter: Diese Sonne ist schon hinuntergegangen, aber wir glühen und leuchten noch in ihrem Abendrot ! Das Ziel der Menschheit liegt im Übermenschen, doch dieser, den ich dafür hielt, war nur ein Schauspieler !  Krank vom Weihrauch und Erlösungsdunst !  Wie verachte ich das Jahrhundert, das Helden spielen muß, weil es heroisch nicht mehr zu sein vermag ! Wißt ihr, um welche furchtbaren Entscheidungen mein ganzes Wesen kreist ? An ein rasendes Rad von Problemen bin ich gebunden... Mit mir bereitet sich eine Katastrophe vor... wer rettet mich vor mir selbst ?

Er breitet die Arme aus und schrie mit lauter Stimme, doch antwortete niemand. Da warf er sich zu Boden, blieb demütig, mit dem Gesicht zur Erde, im Staube liegen, bis er die Schwingen des dunklen Engels rauschen hörte und den Schatten in seinem Rücken spürte. Ein Schauder durchrieselte ihn bis zu den Fußspitzen, und er fühlte den großen Mittag über sich... 

S. 402   „Der Mensch ist der erste Fehlgriff, den Gott tat“, flüsterte er, die eigene Trostlosigkeit kalt in seiner Brust fühlend. „Wagner hat die Menschen in das Irrenhaus des Glaubens zurückgeführt, aus dem sie schon halb entwichen waren. Man muß krank genug für ihn sein, um seine Musik ertragen zu können !“ 

S. 403   Liesbeths lächelndes Gesicht, ihre Begrüßungsworte und ihre Umarmung nahm Friedrich wie ein schattenhaftes Spiel hin, das ihn nichts anging. Malvidas mütterliche Wärme lichtete seine Züge zu einem erkennenden Blick. Sie erschrak, denn sie hatte ihn lange nicht gesehen (Sie betreute ihn in Sorent). Es wob um ihn eine fremde , beängstigende Luft, die ihn undurchdringlich abschloß. Nicht die Blässe seiner Haut, nicht die schlechter gewordenen Augen, der unsichere Gang und die leise Stimme waren es, die sie bei seinem Anblick frösteln ließ, sondern das Unnennbare, das ihm anhaftete, als käme er aus einem Lande, darin niemand sonst wohnte... 

S. 412   Wieder bei Fouquer in Florenz:

„Es wird Sie nicht freuen“, sagte Fouquer mit einer Handbewegung, die dämpfen und beruhigen sollte. „Sie wissen viel. Sie wissen zuviel. Man könnte sagen, dass Sie alle Vokabeln dieser Welt beherrschen, doch nun müssten Sie das richtige Vorzeichen setzen, damit sich Ihr Gesang zur Offenbarung weite...“ 

S. 413-420   „Es gibt und gab in der Welt keinen Menschen, der den Mut besaß, das auszusprechen, was Sie ausgesprochen haben... aber es macht nicht glücklich.“  „Ich suche nicht mein Glück. Ich suche mein Werk“, wehrte sich Friedrich. In seiner Stimme stand jene Schärfe, die seine Freunde bewundert und seine Feinde gefürchtet hatten.  Der Arzt nickte zustimmend. In seinem Gesicht waren die Augen das Beherrschende, sehr helle, ernste und warme Augen. „Ich meine, dass man in dieser Blickrichtung sein Werk nicht finden kann, denn Glück und Werk bedeuten eins.“  Friedrich setzte ihm schroffen Hochmut entgegen. „Das Feuer des Geistes brodelt und raucht, wo das Gesindel mit seinen schmutzigen Lumpen herantritt. Mancher, der sich  von den anderen abkehrt, wendet sich nur vom Gesindel ab, weil er die reine Flamme des Geistes nicht mit ihm teilen will !“  Fouquer lächelte. Er rückte seinen Stuhl näher zu seinem Gast heran, doch nicht in wachsender Vertraulichkeit, sondern wie einer, der sich des stärksten Einflusses vergewissern will. „Sie haben recht.. Man muß die Flamme hüten. Doch Sie tragen sie in eine verkehrte Richtung!“  Die Sicherheit Fouquers bestürzte Friedrich. „Wer sagt Ihnen, dass es eine verkehrte Richtung ist ?“  „Es sagen mir die Widersprüche in Ihren eigenen Gedanken, mein lieber Herr Professor. Zarathustra ist ein Unding in sich selber. Er müsste ein großer Tugendhafter sein, um nicht ein Fürchterlicher zu werden... Sie wollen einen neuen Heiland gebären, aber Sie statten ihn mit der Lust zum Bösen aus...“  „Was ist böse ? Was ist gut „ unterbrach Nietzsche ihn scharf. „Das sind menschliche Urteile, die vor der Wahrheit nicht gelten !“  „Wahrheit!“ sagte der Arzt still und schloß die Augen, als stünde dahinter eine Vision vor ihm auf. „Dein Wort ist Wahrheit !“... Aber das hat nichts mit Meinungen der Sterblichen zu tun. In seinem geistigen Bewusstsein kann niemand Gott leugnen, wie er auch die Wahrheit nicht leugnen kann. Das wissen Sie selber am besten. Sie gebrauchen das Wort ‚Ewigkeit’ und Sie wissen, dass Ungeheures geschehen muß, um dem Menschen seine geistige Herrschaft wiederzugeben, die er im Nebel des Materialismus nicht mehr sieht. Aber Sie wollen diese geistige Herrschaft in der Richtung des Willens zum Bösen suchen, damit dahinter sich das neue Gute offenbare ... Das ist ein gefährlicher Weg !“  „Der Kampf gegen die Kanallie gehört zum neuen Heiland. Ist eine gewisse Bändigung erreicht, so muß die Kluft zwischen diesen Gereinigten und dem Rest so furchtbar wie möglich aufgerissen werden...“  Fouquer hob abwehrend die Hand. „Wir sollten die Gefährlichkeit des Hasses besser begreifen lernen ... Er frisst den, der haßt und nicht den, der gehasst wird.“  Friedrich fuhr auf. „Nicht mein Haß, sondern mein Ekel frisst mir am Leben! Verstehen Sie ? Mein Ekel!“  „Weil Sie nicht genug lieben“, sagte Fouquer verhalten und fast wider Willen, als fiele es ihm schwer, dieses ganz Einfache auszusprechen. „Sie wollen dem Bösen Kräfte zumessen, die es nicht besitzt, nämlich Kräfte des Guten. Damit wollen Sie die Eigenschaften des Lichts auf die Finsternis übertragen - und das geht nicht. Sie täuschen sich selbst. Wahrheit ist Licht, und Lüge ist Finsternis, wenn ich dieses Gleichnis gebrauchen darf...Es ist zu simpel, werden Sie sagen. Aber ich habe das Komplizierte mit Misstrauen zu betrachten gelernt. Die Wahrheit ist einfach und klar ... In Deinem Licht sehen wir das Licht ...!“  „Peinlich, peinlich“, flüsterte Friedrich. „Was haben die Bibelsprüche mit der Wahrheit zu tun ! Mancher, der wie ein Vernichter daherkam, wollte seinen Fuß nur dem Gesindel in den Nacken setzen, um den Geist zu befreien. Ich will der Welt neue Werte setzen. Ich will die Gewichte der Welt neu bestimmen. Fortan soll das Gesindel am Marterkreuz sterben - nicht der Edle !“  Erst nach langer Zeit antwortete Fouquer leise: „Der Edle darf nicht auf derselben Ebene kämpfen wie das Gesindel. Dadurch stellt er sich ihm gleich und verliert seine Macht. Er muß sein Schild rein halten und sein Schwert an der Liebe schärfen, nicht am Haß.“  Friedrich starrte den anderen ungläubig an. „Ich bin nicht zu Ihnen gekommen, um die Märchen einer Amme zu hören“, sagte er. „Ich will den Mut zum Bösen lehren, um die Unwetter der Starken über die Schwächlinge heraufzubeschwören ! Was wäre denn meine Liebe zum Übermenschen, wenn ich anders spräche ?“  Der Arzt saß unbeweglich, die Hände auf den Lehnen seines Sessels. Nachdenklich betrachtete er den Gast. „Verwechseln Sie nicht Lebendigkeit mit Zwiespalt, Herr Professor?“ fragte er endlich. „ Das ist der allgemeine Irrtum, an dem die Welt leidet. Sie wollen den Übermenschen - doch Übermensch ist nur ein neues Wort für den ewigen Menschen, wie Christus ihn uns gezeigt hat...“ Heftig entgegnete Nietzsche: „Sie missverstehen die Zeichen der Zeit Doktor. Ich will mir die künftigen Erzieher der Menschheit erziehen, aber die ersten müssen sich selber erziehen, und für diese schreibe ich!“

Der verzerrte Ausdruck in Nietzsches Zügen ließ in Fouquers Augen eine Wärme aufblühen, die den anderen erreichte. Er strich Friedrich über die Hand, und diese Berührung erschütterte ihn. Die Pein seiner Einsamkeit löste sich in Tränen auf, die lautlos über seine Wangen liefen. Er tat nichts, um sie zu trocknen. (Sein Herz brach auf) Er saß vor dem Arzt, und Stille breitete sich um sie aus. Dann richtete er sich auf und sagte hoffnungslos: „Wer will dem aus sich selbst rollenden Rad der ewigen Wiederkehr entrinnen ?“ (Sein kalter Verstand hatte das Herz wieder verschlossen)

„Ewige Wiederkehr“, wiederholte Fouquer langsam. „Grausamer Gedanke, aber Ihrer Selbstqual würdig, Friedrich Nietzsche. Das Fürchterlichste wollen Sie leiden, um die Stärke des Auserwählten zu beweisen, doch dadurch wird die Wahrheit nicht verändert. Und die Wahrheit heißt nicht ‚Sinnlosigkeit’!“

„Was ist diese Welt?“ Friedrichs Stimme klang heiser. „Die Welt ist ein Ungeheuer, ohne Anfang, ohne Ende, eine feste eherne Größe von Kraft, welche nicht größer und nicht kleiner wird, ein Haushalt ohne Ausgaben und Einbußen, aber auch ohne Zuwachs und ohne Einnahme - vom Nichts umschlossen als von seiner Grenze...“ Grauen sprach aus seinen Worten. Das Glosen in seinen Augen war wie eine von innen entfaltete Glut, die von Gespenstern genährt wurde.

„Es gibt Sätze in Ihren Werken, wo Sie der Wahrheit sehr nahe sind“, sagte Fouquer. Sie schrieben einmal: „Der Mensch wird der Verklärer des Daseins, wenn er sich selbst zu verklären lernt!“  Nietzsche antwortete nicht. „Sie sind hart mit sich und mit dem Menschen. Sie sind verzweifelt, doch aus der Wahrheit wächst nicht Verzweifelung, sondern Zuversicht. Es ist keine frohe Botschaft, die Sie bringen ! Es ist kaum zu glauben, dass Sie die Erbarmungslosigkeit und die Sinnlosigkeit Ihrer Erkenntnisse ertragen konnten, ohne zu zerspringen!“   „Ich bin nicht feige wie die anderen“, murmelte Friedrich, aber sein Gesicht blieb voller Schatten und Traurigkeit. „Der eigentliche Wertmesser für einen Menschen ist, wie viel Wahrheit er wagt. Ich sehe die Furchtbarkeit des Lebens und sage dennoch ‚ja’ dazu. Die Verzweifelung überwinden und dem Nichts ins Auge blicken ohne zu zittern - verstehen Sie das ?“  F: „Wäre es nicht ebenso denkbar, über das Nichts und die Sinnlosigkeit hinweg das ewige Gesetz des Guten zu sehen, das unantastbar wahr bleibt ? Das wäre die frohe Botschaft...“Zum zweitenmal hatte der Arzt den Ausdruck ‚Frohe Botschaft’ gebraucht. Nietzsche horchte auf. Es klang schön und verlockend. Doch was Fouquer damit meinte, ging ihn nichts an. „Dieses sogenannte Gesetz des Guten ist nur eine Vorstellung des illusionistischen christlichen Denkens, lieber Doktor! Es tritt nirgends in Erscheinung. Die Stärksten werden die Welt als böse erkennen und den Mut zum Bösen gewinnen, um zu herrschen. Dieser Wille zur Macht ist meine einzige Predigt !“..

F: Der Mensch hält es nicht lange aus, böse zu sein“ sagte er und noch immer lag ein Lächeln um seine Lippen. „Das Böse ist nicht die Heimat des Menschen. Er steht darin wie in einer Qual. Wie in der Heimatlosigkeit. Jeder Mensch verlangt nach Heimat, und sie ist nur im Guten. Der Mensch ist mehr als sein irdisches Leben, er ist mehr als sein irdisches Leben, er ist mehr als sein Schicksal, ja er ist mehr als die Engel... Sie werden mir antworten, dass dies kindliche Beschwichtigungen eines Schwächlings sind, der die Wahrheit nicht sehen will, doch...“(Der Mensch ist mehr als die Engel! Eine Aussage von Edith Mikeleitis, die das Lorber-Werk kannte. Sie hat es Fouquer in den Mund gelegt)

Friedrich unterbrach ihn erneut erregt, wieder trat eine tödliche Gereiztheit in seinen Blick, als hielten die Dämme der Selbstbeherrschung nicht stand. Feindlich sah er den Arzt an, dessen lächelnde Sicherheit ihn reizte. „Die heroische Größe wird nicht im Zustand der Beruhigung gefunden“, sagte er mit einem Unterton von Hohn. „Das Christentum ist die Todfeindschaft gegen die Herren der Erde! Es ist der Haß gegen den Geist, gegen den Stolz, gegen den Mut, gegen die Freiheit des Geistes und gegen die Freuden der Sinne - gegen die Freuden überhaupt...“...

F.: „Es hat das Böse nur die Macht, die wir ihm geben,“ sagte er ruhig. „Und die Freude ist niemals an das Böse geknüpft. Das ist Täuschung, die teuer bezahlt werden muß... Das wirkliche Leben des Menschen wirkt unantastbar. In der vollkommenen Schöpfung und nur, wo Sie dieses wahre Leben erreichen, werden Sie zum Erlöser...“...

„Sie haben mir damals im Zug so unerwartet geholfen, Doktor Fouquer. Ich weiß noch immer nicht, wie Sie diese Heilung zustande gebracht haben...“(Den inneren Heiler fühlt er nicht!)

„Es ist kein Geheimnis dabei“, erwiderte der Arzt gleichmütig. „Ich bemühe mich, die vom Leben und vom Schicksal unantastbare Vollkommenheit in meinem Patienten zu erreichen ... eben diese, und nur diese ...“

Er schwieg, gerade als Friedrich das zu hören gehofft hatte, um dessen willen er gekommen war. Fouquer machte keine Anstalten, mehr zu sagen. Wahrscheinlich gab es kein Geheimnis, und der Zufall hatte mitgespielt. Enttäuscht erhob sich Friedrich und trat neben den Arzt. Er fühlte eine unzähmbare Lust, ihn zu beleidigen und außer sich zu bringen. „Ich kenne kein unantastbares Leben und keine vollkommene Schöpfung“, sagte er höhnisch. „Beweist sich Gottes Macht etwa darin, dass er seinem Sohn kreuzigen lässt ?“  „Nehmen Sie seine Auferstehung wörtlich“, erwiderte Fouquer ruhig, „und Sie haben den ganzen Sinn des Christentums!“  Ein zittriges Leuchten blitzte in Friedrichs Augen auf. „Vielleicht bin ich der Antichrist ...“sagte er versuchend.  Da wandte sich Fouquer entschlossen zu ihm. Ihre Gesichter standen sich so nahe gegenüber, dass es kein Entweichen gab. Friedrich musste den vollen Blick des Arztes ertragen, aus dem Zorn sprühte. „Sie sind vermessen, Friedrich Nietzsche. Sie wissen, wie vermessen Sie sind. Aber Sie nehmen nur das als eigene Schuld auf sich, was frevlerisch in der  heutigen Menschheit umgeht - den Abfall von Gott ! Sie sind der erste Verführte, und Sie werden Millionen Verführter nach sich ziehen... Wohin sich der Mensch ohne Gott und außer Gott endet - immer meint er Selbstvergottung in allen Dingen ! Aber Selbstvergottung ist das Vernichtungsurteil, das der Mensch über sich selber fällt!“

Friedrich wich zurück. Das Grauen überwältigte ihn, jenes Grauen, das ihn unvermittelt überstürzte und anpackte, wo immer er sich befand und aus dessen Krallen er sich nur mit seinem felsensprengenden Willen befreien konnte. „Die Menschheit muß ihr Ziel über sich selbst hinaus verlegen - aber nicht in ein Jenseits hinein, das es nicht gibt ... Um über sich hinauszuwachsen, muß der Mensch sich selbst vergotten!“ Er sprach leise und heiser mit großer Anstrengung.

Der Anblick des um Haltung Ringenden ließ Fouquers Zorn sinken, Seine Züge wurden frei und groß. Er gewann die Unbeirrbarkeit eines, der nicht Meinungen, sondern Gewissheiten vertritt. „Um über sich selbst hinauszukommen, muß der Mensch Gott oder das Prinzip des Guten voll in sich aufnehmen - und der Geist wird über das Fleisch mächtig sein. Der Nazarener wandelt auf dem Wasser, stillte den Sturm, heilte die Kranken, erweckte die Toten, und - was mehr ist - er verwandelte die Sünder. Aus welcher Macht, glauben Sie, hat er das getan ? Ist das nicht die Frage, die seit zweitausend Jahren die Menschheit im Wachen und im Schlafen quält ? Jeder muß sie für sich selber beantworten, doch niemand kommt an dieser Antwort vorbei, auch wenn er sich versteckt. Und wer diese Frage für sich richtig beantwortet, mit dem ist die Herrschaft. Oder meinen Sie, die Taten des Nazareners  waren an seine Person gebunden ?

Friedrich brach in höhnisches Gelächter aus, das ihm selber in den Ohren gellte. Es stieß aus ihm hervor als die Verzweiflung seiner Seele. Es schüttelte ihn und wurde ein schluchzendes Stammeln. Endlich brachte er die Worte heraus, die verständlich waren: „Sie sind ein Romantiker wie Richard Wagner ! Sie treiben Taschenspielerkünste mit biblischer Geschichte wie ein Pfarrer auf der Kanzlei ! Sie ... Sie ...!

„Lassen Sie, Friedrich Nietzsche“, sagte Fouquer ruhig und legte die Hand auf seine Schulter. „Lassen Sie ! Sie wissen keine Antwort. Noch nicht. Wie sagte Sokrates im Gastmahl, als Agathon ihn widerlegen wollte und dabei ihn selber angriff ? ‚Nein, geliebter Agathon, du kannst eben nur der Wahrheit nicht widersprechen ! - Auf Sokrates kommt es gar nicht an !’“

Damit führte er Friedrich hinaus in den Garten. Es war nun ganz still in ihm geworden, seltsam still, als habe eine mächtige Hand die Wogen geglättet. Traurig sagte er : „Das Christentum hat uns um die Ernte der antiken Kultur gebracht...“

Der Arzt schüttelte den Kopf. „Die Götter verblassen vor dem Lichte Gottes. Und selbst der Antichrist muß sich durch die Verkehrung der Wahrheit der göttlichen Symbole bedienen, weil er nichts erschaffen kann als die Lüge.“ 

S. 421  F.: „Der große Mittag ist über mir, da der Mensch auf der Mitte seiner Bahn steht und zwischen Tier und Übermensch, und seinen Weg zum Abend als seine höchste Hoffnung feiert: denn es ist der Weg zu einem neuen Morgen !“ Er sagte die Worte Zarathustras wieder, immer wieder, als wolle er sich daran festhalten. 

S. 426   „Niemals wird Zarathustra eine Gestalt sein“, warf ihm (Burghardt) Friedrich entgegen. „Darum kann er nicht untergehen. Er ist die tausendfache Möglichkeit Mensch. Er ist der Überwinder der Moral. Er ist der Schuldige und der Unschuldige - er ist der Übermensch !“    

S. 429   F.: „Ich habe Gott gemordet. Und kein Blitz hat mich getroffen !“  (Satana wollte nur größer sein als Gott, Friedrich will Ihn sogar morden. Weshalb will er Ihn eigentlich morden. Er glaubt doch an kein Jenseits ! Dies ist der größte Widerspruch in seinem Zarathustra)

S. 432   Der Freiherr von Stein beugte sich zu Nietzsche hinüber. Die Wärme seiner Augen warb um Vertrauen. „Sie haben einmal das Schönste über Wagner geschrieben, was jemals über ihn gesagt worden ist. Das allein wird bleiben. Er ist für die Menschheit, vielleicht sage ich besser für die Bewusstwerdung der Menschheit zu wichtig, als dass ihn seine eigenen Schwächen beeinträchtigen könnten. Das Schicksal unserer Gegenwart heißt: Bewusstwerdung !“  

S. 434   Stein zu Friedrich:   „Frau Wagner braucht Freunde“, fuhr er fort. „Es ist eine übermenschliche Vornahme, das Wagnersche Werk gegen die Oberflächlichkeit unserer Gegenwart zur großen Wirkung zu bringen. Sie wird es schaffen. Doch sie braucht Freunde.“

„Wagner fördert die Oberflächlichkeit, denn er hat das Mitleid auf den Thron gehoben - das Mitleid, das die Kraft schwächt und die Lebenstriebe der Starken mordet ! Der Mensch von morgen darf Gott nichts, sich selber aber alles verdanken!“ 

S. 435   Richard Wagner hatte ihm (Heinrich von Stein) einmal kurz vor seinem Tode gesagt: „Friedrich Nietzsche ist als Dichter in einem hohen Grade inspiriert, und man vergisst, wenn man eines seiner Gedichte vor sich hat, dass er durch die Hybris seiner Selbstvergottung der Menschheit  zum Verhängnis werden wird !...“  

S. 436   Wieder kamen Stein die Worte Wagners ins Gedächtnis ... ‚Für meine Werke werden die verkümmerten Sinne der Menschen sich erst enfalten müssen. Man nimmt mich nicht auf, wie man andere Künstler aufnimmt... Man braucht neue Organe für meine Welt !“ (Es sind vor allem Menschen, die die Neuoffenbarungen angenommen haben. Durch die Annahme schärfen sich beim Lesen die seelisch-geistigen Organe)

S. 439   Cosima ließ ihre schönen Hände den Dienst am Teetisch vollenden, dann sagte sie wie zum Abschluß einer langen Gedankenreihe: „Da er nicht Christus zu sein vermag, muß er (Friedrich)der Antichrist sein. Das fordert sein Ehrgeiz von ihm.“

Heinrich von Stein setzte die Tasse hart auf den Teller. Ihre Worte schienen weiblich übertrieben, dennoch bargen sie tiefe Erkenntnisse, die er undeutlich gewusst hatte. „Das Gegenbild - ja, das will er sein ! Aus seiner schrecklichen Einsamkeit heraus predigt er das goldene Zeitalter des Übermenschen, was gleichbedeutend ist mit Gewalt und Unsicherheit. Er prophezeit die furchtbarsten Kriege, den Untergang, das Verhängnis, und ich konnte mich die ganze Zeit über des Verdachts nicht erwehren, dass gerade er, der Prophet, es ist, der das Verhängnis herbeiziehen wird. Schon Hiob sagt: Was ich gefürchtet habe, ist über mich gekommen !“

... Mit einer sehr verhaltenen Stimme sagte Cosima: „Der Antichrist existiert allein durch die Nachahmung der Wahrheit. Er ist ohne eigentliche schöpferische Kraft. Schöpferische Kraft ist nur bei Gott! Darum sind auch Nietzsches Prophezeiungen nur oberflächlich wahr. Man kann sie umblasen, wenn Gottes Winde wehen !“ 

S. 440   Ein trauervolles Lächeln machte Cosimas Züge weicher. „Daß er leidet, ist seine einzige Gewähr dafür, dass er von Gottes Hand nicht loskommt...Er hängt an einem Seil über dem Abgrund. Um den Abgrund aufzudecken und das Nichts der Abgefallenen wissend zu erleiden - dafür ist er als Opfertier in die Wüste geschickt worden...“ (Nachvollziehung des Falls Satanas auf irdischer Ebene; Friedrich vollzieht den Fall freiwillig, weil er sich dem Einfluß höchster dämonischer Geister geöffnet hat und sie in Worte kleidet, ohne seinen Gottesfunken in sich zu gewahren)

Vor Stein leuchteten geheimnisvolle Zusammenhänge auf. „Er wechselt von einer Meinung zur anderen, er flieht von einer Überzeugung zur anderen...“, sagte er nachdenklich.

Cosima bewegte die Lippen. Doch er konnte nichts hören. Dann sagte sie: „Nietzsche ist der einzige Mensch, der den ganzen Irrtum dieser Welt zu ende zu denken wagt - und das ist seine Größe !“

Stein betrachtete sie hingerissen. Sie glich einer Priesterin aus dem früheren Griechenland. Durch ihre Seelenkämpfe weit über jenes Maß hinausgehoben, verstand sie die Zeichen der Zeit deutend zu künden.

Nach einer Weile fuhr sie fort: „Es ist Nietzsches Klugheit entgangen, dass er einzig gegen den toten Buchstaben eifert, nicht gegen Christus selbst. Es gibt in Wirklichkeit keinen Antichristen, weil der Antichrist nur Täuschung ist, dass das lebendige Wort des Geistes bekämpft werden könnte. In Wahrheit steht der Antichrist immer nur vor der Pforte ... immer draußen ... Selbst der Blick in das Paradies ist ihm versagt...“  

S. 449   Friedrich nahm das Gespräch wieder auf. „Es ist notwendig, Mutter, dass jemand kommt und neue Ordnung gibt. Der Händlergeist hat sich der alten Werte als Ware bemächtigt, und nun steht die große Sintflut der Barbarei vor der Tür ! Wo ist die Arche, darin die Besten sich bergen können ? Ich will sie für die Menschheit bauen !“ 

S. 450   F.: „Die großen Seelen sind ausgestorben, weil die Gesellschaft die Schwächlinge schützt.... „Ich werde Christus die Maske vom Gesicht reißen, denn er hat unsere Welt die Schönheit und Würde genommen. Er hat die Welt unvornehm gemacht. Er ist ein Lügner und Verbrecher wider Willen...“  Da schrie sie auf, flammend, keine Mutter mehr, sondern ein entschlossener Mensch, dem das Unerhörteste geschah - ihr Sohn war der Antichrist ! 

S. 459   Wieder bei Fouquer:  „Sie sind“, sagte Fouquer mit gespannter Aufmerksamkeit seinem Gast zugewandt, „darum in die äußerste Not und Abhängigkeit geraten, weil Sie wie ein Strahlenbrecher die moderne Entwicklung der Entgötterung des Lebens auffangen und zu einer Wirklichkeit machen wollen, während doch Ihr Denken alle Elemente des christlichen Ideals in sich trägt und nicht davon loskommt - nur, dass sie ihm ein entgegengesetztes Vorzeichen geben. Das geht über Ihre Kraft. Das geht über die Menschenkraft überhaupt, weil es zur Selbstvernichtung führt. Sie können mit allen Beweismitteln des Verstandes die Wahrheit nicht unwahr machen !“

...“Ich widerspreche Ihnen, Doktor Fouquer ! Ich widerspreche Ihnen, wie nie zuvor widersprochen worden ist ! Ich behaupte statt dessen, dass jener Hebräer, auf den Sie sich stützen, seine Lehre widerrufen hätte, wenn er nicht zu früh gestorben wäre ! Er war zum Widerrufen edel genug - nur, dass er nicht ausgereift war und die Menschheit an seine Unreife band - das war seine Schuld. Vielleicht hätte die Erde lieben gelernt - und dazu Lachen dazu !“

„Können Sie selber lachen, Herr Professor ?“ fragte der andere ruhig.

Friedrich überhörte den Einwurf und fuhr fort: „Durch den Hebräer ist die wahre Welt zu einer Fabel geworden, und wir Abenländler haben seit zweitausend Jahren eine Geschichte des Irrtums geschrieben. Die Heiligenlegenden sind die zweideutigste Literatur, die es überhaupt gibt. Unser Begriff ‚Geist’ hat in der Welt des Hebräers überhaupt keinen Sinn ! Er lehrt: ‚Selig sind die geistig Armen !’ Bedenken Sie ! Seine Unfähigkeit zum Wiederstand gegen die Starken wird bei ihm zur Moral. Seine Flucht in das Unbegreifliche ist ein Eingeständnis, dass er mit dieser Welt nicht fertig wurde !“

„Werden Sie mit der Welt fertig ?“ fragte der Arzt wiederum ruhig.

„Ich kenne Aufgaben von einer Höhe, dass dafür bisher der Begriff gefehlt hat, Doktor Fouquer. Erst  von mir an gibt es wieder Hoffnungen und Ziele für die Menschenzukunft. Alle Machtgebilde der alten Gesellschaft sind durch mich gesprengt worden...“

Der Arzt schüttelte den Kopf. Er sah Friedrich still an. Dann sagte er: „Und dennoch bemühen Sie sich, Ihre Lehre von der ewigen Wiederkunft religiöses Gewicht zu geben, Herr Professor. Ich habe den vierten Teil Ihres Zarathustra gelesen. Dieses Buch ist unwirklich im höchsten Sinne. Die Welt darin ist Stückwerk. Es schließt sich nirgends, was angefangen hat. Es ist eine tiefe Pein darin, die um die eigene Unzulänglichkeit weiß...“

Friedrichs feine, gebrechliche Hände verkrampften sich. Es war in des Arztes Wesen jenes unüberwindbare Sichere, das auch über seinem Vater gewesen war, wenn dieser auf der Kanzel gestanden hatte. Sein Gedächtnis schloß sich plötzlich auf, und er vernahm die dunkle Stimme in der Kirche zu Röcken: ‚In der Welt habt ihr Angst. Seid getrost, ich habe die Welt überwunden.’ Er raffte sich auf wie aus einem Traum und antwortete mit einer heiseren und mühsamen Stimme: ‚Kant hat gesagt, dass der ethische Mensch weder der Idee eines anderen Wesens über ihm noch einer anderen Triebfeder als des Gesetzes selbst bedarf, um seine Pflicht zu erkennen und zu tun. Ist das nicht das Größte ? Ist das nicht die Religion des Übermenschen ?“ (Kant wollte Gott innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft sperren)

Doktor Fouquer machte eine abwehrende Handbewegung.

„Auch Kant war schon ein Strahlenbrecher - er war schon einer, der eine sich entgöttlichte Welt vorfand und darin nach dem Gesetz suchte, das er wiederum nur in etwas von Gott Abgeleitetem, nämlich in dem ‚Gesetz in Dir’ zu finden vermochte. -

Lassen wir alle Philosophie ! Jede hat es an sich, dass sie nicht ganz stimmt. Und wo nur ein Weniges am Ganzen fehlt, ist das Ganze nicht ganz, nicht wahr ? Die Unteilbarkeit der Wahrheit ist ihr Signum und ihre Gewalt. Bei Christus, den Sie nicht begreifen, stimmen Wort, Bild und Leben in Vollkommenheit überein. In Zarathustra nicht. Das ist der Unterschied.“

Es war unmöglich, mit Fouquer ein Gespräch zu führen, das nicht an die harten Grenzen eines Glaubens stieß, wie er nur aus Beschränktheit oder aus der Offenbarung kommen konnte. Aber gehörte nicht auch ihm die Offenbarung ? Niemals wäre Zarathustra ohne Offenbarung möglich gewesen. Sie standen gleich zu gleich. (Welch ein Irrtum !)

Doch bevor Friedrich erwidern konnte, beugte sich Fouquer gegen ihn vor, und sein Gesicht nahm einen feierlichen und ersten Ausdruck an. In seinen Augen standen Güte und Wissen. „Sie sind nicht demütig genug, um den richtigen Weg zu finden“, sagte er mit Festigkeit. „Wahre Demut ist Inspiration und Gesundheit. Aber Sie wollen nicht Führung, sondern Selbstvergottung - und das vermag der Mensch nicht auszuhalten ...“ Jetzt sprach Fouquer sehr leise, als scheue er sich vor seinen eigenen Worten: „Sie haben längst die Zone überschritten, die Menschen je vor Ihnen erreicht haben, Friedrich Nietzsche. Sie stehen nicht mehr im Menschengericht. Niemand darf Sie anrühren - Sie nähern sich der Grenze, wo ein einziger weiterer Schritt genügt, um Sie in den Abgrund zu stürzen. Der Abgrund heißt geistige Finsternis !“ (Am Lebensende geriet er tatsächlich in die geistige Finsternis. Das irdische Bewusstsein wurde ihm genommen)  

S. 462   Friedrich richtete sich hochmütig auf und zuckte mit den Achseln: „Was kümmert mich ihr rechter Weg. Ich schließe Kreise um mich und heilige Grenzen... Ich baue neue Gebirge aus immer heiligeren Bergen. Daß mir niemand dorthin folgt - was kümmert´s mich ?“

Er wusste nicht, dass auf seinem Gesicht die Vereinsamung wie ein Zeichen stand, und dass die Gebärde seiner Hände wie die eines verzweifelten Kindes war, das sich im Stürzen an einem Schatten zu halten versucht. „Ich weise die Menschheit in ferne Zukünfte, die kein Traum noch sah .. Dorthin, wo viele Götter walten, die ich erschuf...“... „Sie haben mir gesagt, ich sei kein froher Botschafter, und nur auf den frohen Botschafter warte die gemarterte Welt. Haben Sie meine frohe Botschaft nicht vernommen ? Mein Tag kündigt sich mit einem Sturm an...“

Der glimmende Schein in seinen Augen war unheimlich geworden. Der Arzt legte beruhigend seine Hand auf seinen Arm. Da hörte Friedrich zu sprechen auf. Nur der Blick Fouquers  hatte noch Wirklichkeit in diesem Raum, und dieser Blick legte sich auf ihn wie ein Vorhang, der das Grauen verbarg. Er wollte sich in diese Ruhe hineinfallen lassen wie in eine Tiefe, daraus niemand mehr emporzutauchen brauchte, doch der Arzt ließ ihn nicht. „In Ihnen wird das Schicksal unserer Weltstunde aufs Furchtbarste offenbart, Friedrich Nietzsche. Sie entziffern die schreckliche Schrift des dunklen Engels - als sein vermessenster Jünger. Dennoch werden Sie von Gott gehalten - von niemandem sonst ...“ (Unser Geburtsgeist ist der Lebensspender)

Friedrich schien mit einem abwesenden und fast verklärten Ausdruck zu lauschen. Dann lachte er ein schmerzhaftes, einsames Lachen, das in grellen Tönen über den Rasen sprang. Er erhob sich, klopfte Fouquer auf die Schulter wie einer, der sich nun genug des Unsinns angehört habe und sagte gönnerisch: Lassen Sie uns zu Ihrer Nichte gehen, der ich einen Gruß zu bestellen habe !“ (Friedrich wollte noch einmal dieses engelhafte Mädchen sehen)  

S. 463   ... Er wusste nicht, dass sein Gesicht immer noch die Grimasse der Überheblichkeit trug, mit der er Fouquer auf die Schulter geklopft hatte. Seine Züge gehorchten einer Macht außer ihm. Während sein Herz sich der makellosen Reinheit des Augenblicks öffnete, brandete die Pein in ihm weiter...

Um die Gestalt des seltsamen Philosophen wob eine fremde, unübertretbare Hülle, die nicht von dieser Welt war. So mochte Kain im kalten Glanz des Traums vom Bösen über die Erde gehetzt sein, um sich vor Gott zu verbergen... 

S. 456   Blanche zog ihre Schulltern ein wenig zusammen, als fröre sie, Sie hatte einen solchen Ton der inneren Verzweifelung noch niemals gehört und wusste sich nicht zu helfen. Ihr Blick streifte die schmale Gestalt neben sich. Damals war er liebenswürdig  und traurig, aber nicht abweisend und böse gewesen.

„Woran arbeiten Sie jetzt ?“ fragte sie.

„Ich diktiere, wenn ich mich irgendwo länger aufhalte, etwa täglich zwei Stunden an einer Philosophie der Zukunft. Ich werde das Buch  ‚Jenseits von Gut und Böse’ nennen.“

...Was dieser Hebräer schuf, war Menschenwerk und Menschenwahnsinn! Wußten Sie das nicht, mein Fräulein ? Er war nur ein armes Stück Mensch - ein Gespenst - und kein Auferstandener !“

Sie wurde nun ganz still. Sie spürte, wie er sich nur mühsam aufrechthielt. Sein Gesicht sah jetzt nicht mehr starr und böse,  sondern verfallen und arm aus, und sie hätte ihm gerne die Hand auf die Stirn gelegt, doch wagte sie es nicht.

Ihr Freund zu ihr , nachdem ihr Onkel Friedrich zur Pforte geleitet hatte: „Er sieht aus, als sei er aus der eigenen Asche emporgestiegen.“

Aber Blanche schwieg. Eine Tür hatte sich vor ihr geöffnet, und was sie dahinter erblickt hatte, war zeitloses, raumloses Grauen. Doch es gehörte der Ewigkeit mehr an als dieser irdischen Welt...  

S.466/7   In Friedrich klangen die Worte Fouquers nach: ‚Christus kam in der Beweisung des Geistes und der Kraft, denn er heilte Sünde und Krankheit und weckte Tote auf... Und was vermag Ihre Philosophie, Herr Professor ?’ Aber das waren philosophische Kunstgriffe eines Mannes gewesen, der die Göttin des Jahrhunderts, die Vernunft, auszuschalten versuchte. Vernunft, die Luther ‚die kluge Hur’  genannt hatte, würde die angemaßten Throne des Priestertums stürzen, das den Schritt der Starken und Furchtlosen aufzuhalten sich erfrechte, die Erde stank nach dem Weihrauch der Heuchelei, und mit der Gewalt eines Orkans würde seine Philosophie über die erstarrte Seelenlandschaft der abendländischen Menschheit brausen, bis strahlend neu und zukunftsreich versunkene Welten emportauchten. 

S. 468   Fouquers Worte peinigten ihn. Sobald er in das Labyrinth der Widersprüche seiner eigenen Konzeptionen eintrat, begann sein Herz zu klopfen, der Schweiß trat ihm auf die Stirn, und die eiskalte Klarheit einzelner Gedanken trieb durch den Wirrwarr, dass er meinte, es müsse endlich die Wahrheit sein und sich ihm ergeben. Doch griff er danach und fügte er es in das Ganze ein, so verflog sie wie ein Nebelfetzen, und der Widersprüche waren mehr geworden... 

S. 469   Da alle Götter ermordet  und alle Altäre zerschlagen waren, musste man sich selber einen Altar bauen, um würdig zu sein, der Mörder Gottes genannt zu werden.

Es war kein Spiel mehr, als er sich eines Tages in Ruta auf einsamer Klippe Opferfeuer entzündete. Er war der Opferer und das Opfer, der Gott und sein Geschöpf. Er stand im Kreis der verzehrenden Flammen und verkündete sich selbst: „Ich lösche das Jenseits aus und bleibe der Erde treu. Ich bin ein Gott der Werdenden und Starken. Ich liebe die Grausamsten, ich liebe die Härtesten, denn sie werden das ekle Gezücht der kleinen Menschen in den Staub treten und die Ede zu einer Stätte der Vornehmen machen ! Wer will noch das Jenseits ? (In unserem Bekanntenkeis glaubt kaum jemand an das Leben nach dem Tod. Die Kirche lehrt immer noch die Auferstehung von den Toten nach dem Jüngsten Gericht ! )

Wer gibt noch der langweiligen Wertung der bleibenden und stehenden Tugend sein Verlangen ? Die Schwächlinge, die sich fürchten, Ich aber bin der Gott der Furchtlosen. Ich liebe den Wechsel, den Widerspruch, den Untergang. Ich bin ein Verhängnis. Ich bin eine Wolke, und der der tödliche Blitz zuckt. Man wird in meinem Namen die furchtbarsten Kriege führen, die je die Welt erlebt hat. Aber die Wenigen, die übrigbleiben werden, müssen hart und biegsam wie Stahl sein, denn sie werden meinen Thron ewig begründen...“  (Dies ist tatsächlich eingetreten und insbesondere die Machthaber des dritten Reiches haben die Thesen Nietzsches zu verwerten gewusst, gepaart mit der Gralssage, die dem Stab um Himmler von Otto Rahn überbracht worden war. Hinweis auf das Buch von Otto Rahn: „Kreuzzug gegen den Gral - Luzifers Hofgesind“. In der Wewelsburg in der Nähe von Paderborn sollte der tausendjährige Mittelpunkt der SS entstehen)  

S. 470  Das war die größte Qual seines Daseins, dass er sich die hohen Ziele wie eine auswendig gelernte Regel täglich vorsagen musste, ehe er sich ihrer entsann. Immer von neuem galt es, die eigene Höhe zu erklimmen, und immer aus dem tiefsten Abgrund sich zu ermannen. ... Gegen Tod und Hölle stemmte er mit keuchendem Atem den Willen zu einer Weltregierung. 

S. 471/2   Begegnung mit einem Alten in den Bergen:  „Ihr habt Heimweh, Herr !“ sagte der Alte.  „Heimweh ?“ fragte er und wusste auf einmal, dass wirklich Heimweh wie ein wütendes Feuer in ihm brannte. Der Alte nickte. „Der Mensch hat immer Heimweh, wenn er nicht zu Hause ist“  „Und wo ist der Mensch zu Hause ?“ fragte Friedrich. Benedetto schien nachzudenken, aber nicht, weil er unsicher war, sondern weil er nach der richtigen Erklärung suchte. „Man muß sagen, dass der Mensch bei  Gott zu Hause ist, Herr.“   Nach einer Weile Friedrich: „Warum denken Sie, dass ich Heimweh habe ?“ „Euer Herz schrie aus Eurem Lachen, und Euer Herz glaubt nicht, was Euer Kopf denkt - darum habt Ihr Heimweh !“ „Was soll ich tun, damit mein Herz glaubt, was mein Kopf denkt?“ fragte er, und all sein Hochmut war vergangen.  „“Es muß nicht so sein, dass Euer Herz glaubt, was Euer Kopf denkt ... Es muß anders sein, ganz anders. Euer Kopf muß glauben, was Euer Herz weiß !“ ... Das Herz kehrt immer heim, sooft es ausgezogen ist in die Fremde, wenn man es seinen Weg gehen lässt und es nicht stört ... Euer Herz möchte heimkehren, Herr, aber Ihr lässt es nicht zu !“  Friedrich presste seine Hände gegen die Schläfen, und sein Mund verzerrte sich. Der Alte griff beruhigend nach seinen Arm. „Der Mensch geht immer in die Irre, wenn er sein Herz nicht heimkehren lässt“, flüsterte der Greis. „Es ist die Hand über Euch, Herr, die große Hand, aber sie wird Euch loslassen, wenn Euer Fuß sich nicht wendet...“  (Wieder eine Ermahnung unseres himmlischen Vaters)  

S. 476   „Vielleicht ist alles nicht wahr ? Vielleicht bin ich nur ein Posserreißer der Wahrheit - weiter nichts ?“ 

S. 477   Und plötzlich überfielen ihn anstößige Bilder und Worte, und er musste sie aussprechen, obwohl er sich vor sich selber schämte, und es war, als ob ihn eine unziemliche, verkehrte Gewalt dazu zwänge, unanständige Gebärden zu machen, zu kichern, Grimassen zu schneiden und sich sogleich in einer teuflischen Glut zu winden, die seine Gebeine stach und sein Blut zum Brausen brachte. - Es wird da sein Heulen und Zähne klappern - musste er denken - und noch etwas anderes wird da sein - die Wollust der Hölle.. Hüten Sie sich vor der Wollust der Hölle, hatte einmal jemand gesagt... 

S. 478   Ein Freund: „Ich spüre wie Du ringst - doch mir scheint, Du wehrst Dich gegen die Urgewalt des Göttlichen im Menschen...“  

S. 479  „Das prophetische Wort ist nur im Dienst der Liebe ein heiliges Wort. Jedes andere wendet sich unverzüglich gegen den, der es ausspricht..“, sagte der Freund.  „Meinst Du, dass die Umwertung aller Werte schon die Wahrheit an sich ist ? Was soll die Menschheit dadurch gewinnen ?“ 

S. 480   „Der Zarathustra ist ein heiliges Buch. Es ist das tiefste Buch, das die Welt besitzt. Ich werde das Buch der Weltregierung hinzufügen.“ 

S. 481   „Mein Verdacht ist, dass es überhaupt keine Wahrheit gibt“, stieß Friedrich hervor... 

S. 482   „Ich bin der Antichrist und der frohe Botschafter - verstehst Du das?“ 

S. 484   „Vergessen Sie nicht, Meister, dass Sie ein welthistorisches Ereignis sind, das die Menschheit in zwei Teile spaltet...“, sagte Peter Gast.   Aber Friedrich wandte unwillig seinen Kopf ab. Seine zitternde Sehnsucht ging zu dem anderen, dessen schöpferische Macht die Liebe gewesen. War sein vermessener Wunsch, von Angesicht zu Angesicht zu schauen, in Erfüllung gegangen ? Hatte sich ihm der Schleier gehoben, dahinter die Wahrheit sich barg?...Es treib ihn eine Meute schattenhafter Gespenster... 

S. 486   Die Wüste wuchs... Das große, schwere Auge über ihn, das sich niemals schloß und das niemals schlief, war es allein, vor dessen Allgesicht er sich heimlich verantwortete, aber er nannte es das eigene Ich. 

Er las: „Wer mich verachtet und nimmt meine Worte nicht auf, der hat schon seinen Richter. Das Wort, welches ich geredet habe, das wird ihn richten am Jüngsten Tag !“ 

S. 487   Friedrich erhob sich, richtete sich steil auf und reckte die Hände zum Himmel. Sein Gesicht war wie ausgelöscht. Nur die Augen glühten von einem Feuer ohne den Strahlenglanz des Lichts, das des Feuers Sinn ist. „Ich rufe die Bösesten! Ich rufe die neuesten Gesetzgeber ! Ich rufe die Eroberer und Entdecker eines neuen Landes! Ich rufe die Erbarmungslosen, die den Übermenschen züchten wollen !“...Er schrieb: „Ich zog den Vorhang weg von der Verdorbenheit des Menschen... 

S. 488   Meine Behauptung ist, dass alle Werte, in denen jetzt die Menschheit ihre oberste Wünschbarkeit zusammenfasste, Werte sind, die zum Untergang verdammt werden müssen...“...Es galt nun, sie in das Ganze zu ordnen, das ‚Der Antichrist’ heißen sollte. 

S. 489   Er schrieb: „Ich heiße das Christentum den Einen großen Fluch, die Eine große innerlichste Verdorbenheit, den Einen großen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig, heimlich, unterirdisch, klein genug ist - ich heiße es den Einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit.“ 

S. 491   Er schrieb: „ ‚Der Fall Wagner’ und ‚Nietzsche contra Wagner’ glänzten und gleißten in der satanischen Helligkeit seines Bewusstseins, darin der bleiche Schein nicht unterging. Es war kein irdisches Licht mehr, das ihm leuchtete. Zwischen kühnen Wahrheiten und verhohlenen Einstellungen trat der labyrinthische Mensch zutage, den er Richard Wagner nannte - und der doch, wie alle seine Werke, seine heimliche Selbstdarstellung war. In allen Begegnungen, in allen Abbildern der Welt erlebte er nur sich selbst... 

S. 492/3   Das mächtige Bild eines Thrones erhob sich vor ihm, darauf er als Herrscher saß - Weltherrscher, Dionysos, Gott. Unmessbar groß richtete er sich selber vor sich auf. Bis in die fernsten Zeiten würde sein Name reichen: Das Jahrtausend des heroischen Menschen begann. .. War er nicht das Gesetz der Welt ? 

S. 494/5   „Ihr fragt mich, warum ich so gute Bücher schreibe? Warum ich ein Schicksal bin? Nun, ich will es Euch verraten, euch, die ihr unvoreingenommen und böse genug seid, mich zu verstehen. Ich finde auch die gewaltige menschenformende Rede, die alle Antworten für das neue Jahrtausend geben soll. Seht, was im Verhältnis zum Guten übermenschlich ist, was böse ist, - das ist mein Reich von dieser Welt. Ich liebe die Realität wie sie ist und alles  Furchtbare und Fragwürdige in ihr, und darum ist erst mit mir die Größe des Menschen geboren. Ich bin stolz darauf, der erste Immoralist zu sein. Niemand bisher hat die christliche Moral unter sich gefühlt. Dazu gehört eine Höhe , ein Fernblick, eine bisher ganz unerhörte psychologische Tiefe und Abgründigkeit. Alle Denker bisher standen im Dienste der Weltverleumdung. Ich als der erste Übermensch stehe auf der anderen Seite. Ich gehe den Weg zu Ende, den die Feigheit nur angedeutet hat. Man hat die Begriffe ‚Jenseits’ und ‚wahre Welt’ erfunden, um die einzige Welt zu entwerten, die es gibt. Ich bin ein Verhängnis. Von  mir an beginnt das Zeitalter der Donner- und Wetterschläge gegen alles, was christlich gesinnt oder christlich infekt ist. .. Euer Schlachtruf sei fortan: Dionysos gegen den Gekreuzigten !“ ...

„Es ist vollbracht“, flüsterte er, in sich zusammensinkend wie nach einer übermenschlichen Anstrengung. Er warf sich auf sein Bett. Aus seiner Kehle drang Schluchsen, aber sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. Es schmerzte ihn das unaufhörliche Klopfen seines Herzens, und er wünschte, es würde aufhören und stille stehn. „Niemand redet mit mir als ich selbst, und meine Stimme kommt wie die eines Sterbenden zu mir... Meine geliebte Stimme, durch dich täusche ich mich über meine Einsamkeit hinweg und lüge mich in die Liebe und in die Vielheit hinein, denn mein Herz sträubt sich zu glauben, dass die Liebe tot sei. ich ertrage den Schauer der einsamsten Einsamkeit nicht und rede mit mir, als ob ich zwei wäre...“(Die Verzückung war nur ein wirres Gemisch von Widersprüchen, in das sich wenige Strahlen verirrten, sobald er die Liebe mit einbezog. Sie schenkte ihm aber keine Klarheit))

Die Verzückung war wieder von ihm geglitten wie ein Glanz, der über ihn weggezogen war, um ihn in  desto schwärzere Nacht zu stürzen. Und mit der Finsternis war die Angst wieder da... In der Welt habt ihr Angst! Seid getrost, ich habe die Welt überwunden! - War das die Stimme seines Vaters? Gehörte auch der Vater zu den Widersachern, die ihn versuchen wollten? So musste er auch den Vater aus seinem Herzen reißen... 

S. 497   Ein Fremder, der sich später vorstellte:  „Es ist etwas in Ihren Büchern, das die Welt aufpeitschen wird wie ein Orkan. Die falschen Ordnungen werden fallen, und die alten. ewigen Ordnungen werden aus dem gesunkenen wieder zum Vorschein kommen! Es wird sichtbar werden, dass kein Tüttelchen vom Gesetz verlorengegangen und dass selbst der Unglaube der Menschen nur en Schrittstein zu dem ist, was vor fast zweitausend Jahren verkündet wurde...“  Sprachlos starrte Friedrich ihn  an. Es erwies sich, dass dieser Baltasaar gekommen war, um ihm zu sagen, was des Spieles Ende sein würde. er hatte anderes zu hören gehofft. Aber er fragte nicht.  „Ihnen zu begegnen, war mein Wunsch“, fuhr der andere fort. „Ich suchte Sie, Ihre Spur war nicht leicht aufzufinden... Ein Zufall haft mir...“  Friedrichs Züge blieben starr. Es war gänzlich unglaubhaft, dass es einen Menschen gab, der um seinetwillen aufgebrochen war, weil - er nicht an das glaubte, was in seinen Büchern stand. „Ich glaubte, Sie wüssten auch dieses...“ „Was“, fragte Friedrich betroffen.  „daß ein Verhängnis nichts endgültiges ist ... Sie nennen sich ein Verhängnis ... Ich las es und bewunderte  Ihren titanischen Scharfblick . Sie haben sich selber richtig eingeordnet - und wer vermag das sonst zu tun?“...„Ist Ihnen nicht aufgefallen, dass die Wahrheit mit wenig Worten auskommt, während man viele Millionen Erklärungen für den Irrtum braucht ?“   Unwillig schüttelte Friedrich den Kopf. „Was ist Wahrheit?“  „Ich dachte, Sie wüssten das alles ... Es ist viel Absicht in Ihren Büchern - und ein ungeheurer Wissen... Warum sollten Sie dieses Letzte verschweigen wollen, um das Verhängnis wirklich heraufzubeschwören, das nötig ist, damit die Erkenntnis wachse ? Warum sollten Sie Ihren tiefen christlichen  Glauben verschweigen ?“ Ein furchtbarer Schmerz durchzuckte Friedrich. Was er ein ganzes Leben lang mit aller Anstrengung weit von sich gehalten hatte, sollte jetzt nicht mächtig über ihn werden, jetzt, da schon der Sieg sich ihm zuneigte. Wußte dieser Fremde nicht, dass er als einziger die Pforte des verschlossenen Paradieses gesprengt hatte, um einen leeren Thron umzuwerfen ?  „Ich habe mich getäuscht“, sagte der andere still....Sie kamen wieder in die Stadt. Eine gute Obstfrau sah ihn merkwürdig, beinahe ängstlich an. Ihr Blick bewegte ihn wie eine Huldigung. Das Außerordentliche war endlich auf seiner Stirn hervorgetreten. Es war sichtbar geworden...(Und erneut wirkt der himmlische Vater auf Friedrich ein)  

S. 499/500   Da lag ein Brief seiner Schwester aus Paraguay. Ihre weinerlichen Klagen über die Gefährlichkeit seines Lebens und über die Vermessenheit seines Beginnens trieben einen Orkan der Wut in seinen Ohren, sein Herz schlug wild, und in allen Nerven fühlte er hämmernde Gespanntheit, als ob er im nächsten  Augenblick zerspringen müsste. Er zwang sich dennoch Lisbeth zu antworten... „Du hast nicht den entferntesten Begriff  davon, nächstverwandt mit dem Menschen und Schicksal zu sein, in dem sich die Frage von Jahrtausenden entschieden hat... Das, was ich zu tun habe, ist furchtbar in jedem Sinne des Wortes:  Ich fordere nicht einzelne - ich fordere die Menschheit mit meiner entsetzlichen Anklage als Ganzes heraus. Wie auch die Entscheidung fällt, für oder gegen mich, in jedem Fall haftet unsäglich viel Verhängnis in meinem Namen...“...Etwas Dunkles, Grauenhaftes begann ihn einzuspinnen. Ein Überfall des Schattens, der ihn immer verfolgte- oder eine Gewalttat des alten Gottes, der auferstanden war ? Wer lag hier ? Er wusste es nicht. Auf eine furchtbare Weise verwandelte er sich selbst zum Gespenst, das vor ihm stand und seine eigenen Hände fesselte. Er musste sich losmachen. Er musste sich befreien. Ein Schrei durchdrang die Stille. 

S. 501   Er schrieb noch einmal Briefe und zuletzt an Cosima und ersetzte auf einen schweren Büttenbogen das Bekenntnis: „Ariadne, ich liebe Dich! Dionysos“ Cosimas Gesicht neigte sich über diese Zeilen. Er sah, wie sie das Papier küsste. „Es ist nichts verloren“, flüsterte er. „Wir haben das goldene Gleichgewicht der Welt....“  Doch als er auf die Straße trat und die Briefe in den Postkasten warf, zerriß das Gespinnst seines Wahns noch einmal.  Ein Bild stürzte ihn hin, das sich wie mit ewigen Strichen in ihm eingeprägt hatte. Es war das hingebende Gesicht Cosimas in Tribschen, als sie sich dem Geliebten an die Brust geworfen hatte.  

Er stand auf dem Bürgersteig der belebten Straße und schloß die Augen. Eine beglänzte und versunkene Welt war um ihn, eine stille Welt mit Blumenbeeten und rauschenden Bäumen. Aber darüber brauste plötzlich die heransprengende Musik des einen, der das Abendrot und das Morgenrot in seiner Hand hielt und Ariadne hinter dem Feuerzauber barg, damit niemand sie entreißen konnte. Doch wer war Siegfried, dass er die Flammen durchschreiten durfte ? Wer war mächtiger als Dionysos, der Gekreuzigte ?

Ein triumphierendes Lachen brach aus dem Verzauberten hervor. Die Menschen auf den Straßen sahen sich um. Das brachte ihn zur Besinnung. 

S. 503   Seine Arme, seine Beine, sein Kopf - nichts mehr gehörte zusammen. Alles strebte, sich von ihm loszureißen. Er hielt mühsam das Ganze in Zucht. Es brauchte Gewalt und Macht eines Titanen, um das goldene Gleichgewicht der Welt zu zwingen !

Da sah er, als er den Kopf hob, einen rohen Kutscher mit der Peitsche auf ein entkräftetes Pferd einzuschlagen, dem die Last auf dem Wagen zu schwer war.

Er erstarrte. Ein Schauer lief über sein Herz. Die sieben Ringe der Einsamkeit hielten es fest, es durfte sich nicht rühren. Da fuhr der Blitz aus der Wolke. Friedrich duckte sich. Er fühlte, wie sich das Ungeheuerliche vollzog. Zuckend fuhr der weiße Strahl des Erbarmens herab, und die sieben Ringe schmolzen in seiner Glut.

Heiß schoß es in sein Herz ein, eine Welle, stark und gewaltig, und ein Schmerz. der sein Antlitz aufriß und die Masken verbrannte. Mit einem Schrei stürzte der Getroffene zu dem leidenden Tier hin und hing sich weinend und schluchsend, Worte der Liebe und des Mitleids ausstoßend, an den Hals des Pferdes. Mit einem neuen Glück rieb er seinen Kopf an der armen Kreatur und fühlte die Wärme des Geschöpfs.

Danach wurde es dunkel um ihn...

Die Säulen waren zerbrochen. Der steil ins Nichts aufgetürmte Thron war gestürzt. Der Geblendete lag an der Schwelle der Pforte, die der Engel mit dem Schwert bewachte... 

S. 504   Friedrich Nietzsche versank in die Stille des Seins, das tief unter allem Sprechbaren ruhte. Was aus ihm noch hervordrang, war wie das Haschen nach Gedankenfetzen. Zuweilen hörte er Stimmen, die ihn aufhorchen ließen, und manchmal schwebte Musik über ihm, die ihn niemals abwendig geworden war, so untreu auch das Greifbare zerstob.

 Als die Mutter ihren Sohn wieder an sich nahm, hing er an ihrem Arm - wie damals, als er ein Knabe und vor dem Gesicht des Gekreuzigten hingesunken war. Er fühlte sich geborgen, und er lächelte...(Als Friedrichs heimliche Liebe zu Cosima noch einmal durchbrach und er sich liebevoll um das geschundete Pferd kümmerte, senkte sich das Erbarmen unseres über alles geliebten Jesus Christus über ihn)