Der Menschensohn

 

Ein hochrechteckiges Bild (Goldgrund, Schmuckrahmen) ist einer um weniges schmaleren Schriftspalte mit verzierter Initiale E zugeordnet. In den drei Bildzonen sehen wir oben auf hohem Thron - weißblaue Stufen beiderseits - einen segnenden Christus, der in der Linken ein leeres Schriftband hält. Darunter drei verschiedenfarbig gekleidete Frauengestalten mit weißem Haar (oder Schleier), die beiden äußeren wieder mit langen leeren Schriftrollen, die mittlere mit einem kleinen Hirsch auf der Brust. Unten findet sich rechts ein gesichtsloser Engel mit betend erhobenen Händen, links das Brustbild einer Frau mit Zweig in einem großen silbernen Ring.

Goldene Bänder überziehen gleichsam verhüllend den unteren Teil des roten Gewandes Christi. Der Hirsch auf der Brust der mittleren Frau steht auf kleinen Goldrechtecken. Golden auch das Innenfeld des Silberringes.

Wie ist das alles zu verstehen? - Hören wir Hildegard: "Und danach sah ich sieben blendendweiße Marmorstufen. Ein Sitz war auf diesen Stufen errichtet. Darauf saß ein jugendlicher Mann. [...] Dieser Mann schaute in die Welt und rief den Menschen, die darin waren, mit mächtiger Stimme zu: ,Ihr törichten Menschen, ihr welket dahin in Lauheit und Schande. Nicht ein Auge wollet ihr öffnen, um zu sehen, was ihr in der Vorzüglichkeit eures Geistes seid, sondern immerdar brennet ihr, als wenn ihr die Erkenntnis des Guten und Bösen nicht hättet, noch die Ehre, daß ihr das Böse zu meiden und das Gute zu vollbringen wisset.' "

"Nun", so Hildegard, "schaute ich weiter und sah vor dem Manne drei Gestalten beieinanderstehen.

Sie blickten mit großer Hingebung auf ihn. Gen Norden aber (im Bild links unten) erblickte ich eine Art Rad, das in der Luft hing. Es bedeutete das Kreisen der göttlichen Barmherzigkeit. [...]

Und noch eine andere Gestalt sah ich (rechts unten). Sie war so leuchtenden Antlitzes, daß ich sie nicht voll anzuschauen vermochte" (dies drückt der Maler offensichtlich durch das leere Gesicht aus). [...] Von dieser Engelsgestalt sagt Hildegard, daß sie aus Liebe zu Gott die Spaltungen der Ungläubigen meide und nach der Schau des ewigen Friedens trachte.

Fünf Gestalten also unter dem Menschensohn. Es sind, Hildegard offenbart es, fünf Tugenden.

Die letztbeschriebene unten rechts ist die "Eintracht". Links unten findet sich die "Vollkommenheit". Die mittlere von den dreien in der Zwischenzone ist die "Beharrlichkeit", zu ihrer Rechten (vom Betrachter her links) das "himmlische Begehren", zu ihrer Linken die "Herzenszerknirschung". Mit seidenen Gewändern sind diese Tugenden bekleidet. Von der mittleren Mittelzone, also der "Beharrlichkeit", sagt Hildegard, sie sei die Säule und der Schutzwall ihrer Genossinnen. Sie trage als einzige von allen einen Umhang, der auf das Ausharren in der Gesetzeserfüllung deute. Und dann weiter im Wortlaut: "Wer kann mir eine Wunde beibringen? Nicht der Starke noch der Schwache, nicht der Vornehme noch der Geringe, nicht der Reiche noch der Arme, dass ich nicht verharrte im wahren Gott.'

Und die Gestalt zu ihrer Rechten (das ,himmlische Begehren'), von keiner Sorge um die Welt beschwert, allein verlangend, aufgelöst und mit Christus zu sein (Phil 1,23), blickte den Hirsch an und sagte: ,Wie der Hirsch nach der Wasserquelle verlangt, so sehnt sich meine Seele nach Dir, 0 Gott (Ps 41, 1). Daher will ich über Berge und Hügel und über des vergänglichen Lebens süße Schwäche hinwegspringen und nur Ausschau halten in der Herzenseinfalt nach dem Quell des lebendigen Wassers.'

Und die Gestalt zu ihrer Linken (die ,Herzenszerknirschung') seufzte weinend und klagend ständig nach Gott. Sie schaute auf die Fensterchen und sprach: ,Immerdar schaue und fasse ich das wahre, ewige Licht. Nicht im Sinnen, nicht im Sehnen, nicht im Erschauen kann ich mich genügsam ersättigen an der beständigen Wonne, die im hocherhabenen Gott ist.'"  

Hildegards Deutung  

Aus der Predigt des Menschensohnes an den Menschen  

Dem, der willig und guten Herzens den Samen meines Wortes aufnimmt, verleihe Ich als gutem Acker die großen Gaben des Heiligen Geistes in reichlicher Fülle. Der aber, der bald sich meinem Worte öffnet, bald ihm die Aufnahme verweigert, ist wie ein Acker, der einmal grünt und das andere Mal brachliegt. Doch wird ein solcher Mensch nicht ganz verlorengehen, weil er etwas grünende Lebenskraft in sich hat, wenn er auch in seiner Seele Hunger leidet. Aber sterben, ganz und gar, wird der, dem jede Bereitschaft für meine Ermahnung fehlt, der weder durch die Anregung des Heiligen Geistes noch durch die Belehrung der Menschen sein Herz zum Guten erwecken will. Darüber wunderst du dich, 0 Mensch, und willst wissen, warum dies so geschieht. Aber wie du mit sterblichem Blick die Gottheit nicht anzuschauen vermagst, so kannst du auch ihre Geheimnisse nicht mit sterblichem Sinn erfassen, oder nur insoweit, als es dir durch Gottes Zulassung möglich ist. Du aber verweilst mit zweifelnder Seele bald hier, bald dort. [...] Hebe doch deinen Finger, und berühre die Wolken! Was dann? Du kannst es nicht. So auch das nicht, daß du erfassest, was du nicht wissen sollst. Die Gräslein können den Acker nicht begreifen, aus dem sie sprießen. Denn sie haben nicht Sinn und Verstand und kennen weder ihr eigenes Wesen noch die Wirkung ihres Samens. Und doch umgeben sie den Acker mit der Anmut der Fruchtbarkeit. Mücke und Ameise und die übrigen kleineren Tiere verlangen nicht, über ihresgleichen zu herrschen oder Kraft und Sinn des Löwen und der anderen großen Tiere zu verstehen. Wieviel weniger kannst du erkennen, was im Wissen Gottes ist! Was hast du getan, oder wo warst du, als Himmel und Erde erschaffen wurden? Der sie geschaffen hat, bedurfte dabei deiner Hilfe nicht. So auch jetzt. Was erforschest du das Gericht Gottes? Wenn dich der heilbringende Regen vom Himmel berührt, so zeige mir, wie du auf dem Acker deines Herzens arbeitest, und wie du ihn bebaust! Gefällt mir deine Arbeit, so gebe Ich dir die beste Frucht, und deiner Mühe wird der Lohn der Fruchtbarkeit entsprechen.