Geistige Deutung des Brüder Grimm-Märchens „Aschenputtel“ 

Vergegenwärtigen wir uns zunächst bitte das Geschehen in der Urschöpfung. Eine Zuammenfassung finden wir, wenn wir folgende Link´s dieser Homepage wählen:    

1. „Vorträge“, 2. „Die Urschöpfung  des Menschen“.

Erst wenn wir diesen Hintergrund vor Augen haben, können wir  mit dem Lesen des Märchens „Aschenputtel“ beginnen. Das äußere Geschehen ist für die Kinder geschrieben worden. Für den lesenden Erwachsenen gibt es einen inneren Sinn. Im folgenden ist das Märchen in roter Schrift geschrieben, die geistige Deutung hingegen in schwarzer Schrift: 

Karl Dvorak

Einem reichen Manne  wurde seine Frau krank, und als sie fühlte, daß ihr Ende herankam, rief sie ihr einziges Töchterlein zu sich ans Bett und sprach "liebes Kind, bleibe fromm und gut, so wird dir der liebe Gott immer beistehen, und ich will vom Himmel auf dich herabblicken, und will um dich sein."  

Darauf tat sie die Augen zu und verschied. Das Mädchen ging jeden Tag hinaus zu dem Grabe der Mutter und weinte, und blieb fromm und gut. Als der Winter kam, deckte der Schnee ein weißes Tüchlein auf das Grab, und als die Sonne im Frühjahr es wieder herabgezogen hatte, nahm sich der Mann eine andere Frau.  

Der reiche Mann ist Gott, der Vater. Einerseits ist die erkrankte Frau die Kirche, andererseits ist sie das Weib, mit der Gott Seine Kinder zeugte, wozu auch wir gehören. Diese Frau erkrankte. In ihrer gewonnenen Selbständigkeit erkrankte die göttliche Weisheit, denn die selbständigen Wesenheiten konnten sich von Gott als Götter neben Gott entfernen. Sie vergaßen hierbei , daß sie liebesabhängig waren.

Die Mutter starb, sie sagte aber zuvor zur einzigen Tochter, stets fromm und gut zu bleiben, um den Beistand von Gott zu erhalten. Bevor die Mutter (Satana) starb, also zur Materie verdichtet wurde, sprach sie hier also zu der einzigen Tochter. Diese Tochter ist die höchste Liebe in uns, gesammelt in den rein gebliebenen Seelenspezifikaten, die nach Swedenborg die Überreste genannt werden. Sie erhielten den Auftrag, immer fromm und gut zu bleiben.

Nach dem Fall Satanas mußte sich der reiche Mann eine neue Frau nehmen. Die neue Frau ist die neue Schöpfung. Die neue Schöpfung ist das Gebilde, das wir unter dem Link „Kosmos“ finden. In dieser neuen Schöpfung schuf Gott auch Menschen und fing in ihnen die noch rein gebliebenen Seelenspezifikate ein. Es ist unsere höhere Seele, in der sich auch unser Geburtsgeist befindet. Hierzu Näheres unter dem Link. „Seminar in Obertraun“.  

Die Frau hatte zwei Töchter mit ins Haus gebracht, die schön und weiß von Angesicht waren, aber garstig und schwarz von Herzen. Da ging eine schlimme Zeit für das arme Stiefkind an. "Soll die dumme Gans bei uns in der Stube sitzen", sprachen sie, "wer Brot essen will, muß es verdienen“: hinaus mit der Küchenmagd." Sie nahmen ihm seine schönen Kleider weg, zogen ihm einen grauen alten Kittel an, und gaben ihm hölzerne Schuhe. 

Wer sind diese zwei Töchter in uns? Es sind unser Eigenverstand und unser Eigenwille. Sie sind die Stieftöchter. Sie sind es deshalb, weil sie der Vater nicht Selbst geschaffen hat. Wir selbst haben sie aus der falschen Mutter gestaltet. Aus der falschen Mutter hat Gott jedem Menschen einen gereinigten Funken gegeben, den jeder Mensch seit seiner Geburt besitzt. Es ist der Geburtsgeist, ein göttlicher Funke mit Schöpferkraft. Deswegen konnte er seine Seele und im Mutterleib die fleischliche Hülle bilden. Gott ist für Mißbildungen nicht verantwortlich. Fehlentwicklungen haben wir selbst zu verantworten, denn bevor wir uns inkarniert haben, hatten wir ein Vorleben. Dieses Vorleben schildert auch Franz Kreuzwegerer in seinem Vortrag „Einblick in die geistige Wiedergeburt des Menschen“.

Die falsche Mutter ist in uns nunmehr unser Wachbewußtsein im Kopfe. Das Wachbewußtsein ist der falsche Mutterboden einer Lichtstruktur, die von der Liebe gefangen genommen werden mußte, um daraus die neue Schöpfung zu gestalten.

Für das Aschenputtel begann eine schlimme Zeit. Es durfte nicht mehr in der guten Stube sitzen. Um essen zu können, mußte es arbeiten und der falschen Mutter und den Stieftöchtern dienen. Sie mußte ihre schönen Kleider abgeben, einen grauen Kittel anziehen und hölzerne Schuhe tragen.

"Seht einmal die stolze Prinzessin, wie sie geputzt ist", riefen sie, lachten und führten es in die Küche. Da mußte es von Morgen bis Abend schwere Arbeit tun, früh vor Tag aufstehen, Wasser tragen, Feuer anmachen, kochen und waschen. Obendrein taten ihm die Schwestern alles ersinnliche Herzeleid an, verspotteten es und schütteten ihm die Erbsen und Linsen in die Asche, so daß es sitzen und sie wieder auslesen mußte. Abends, wenn es sich müde gearbeitet hatte, kam es in kein Bett, sondern mußte sich neben den Herd in die Asche legen. Und weil es darum immer staubig und schmutzig aussah, nannten sie es Aschenputtel.  

Die wahre Tochter aus Gott sind die Überreste der rein gebliebenen Liebe mit ihrem Sitz in unserem Herzen. Der Herr nennt diese Tochter in der Bibel die Tochter Zion. In den Werken von Jakob Böhme ist sie die Jungfrau Sophia. Er nennt diese Tochter Maria, die Mutterkirche. Dies alles sind Namen für die rein gebliebenen Seelenspezifikate. 

Unser Wachbewußtsein hat in unserem Kopfverstand und Eigenwillen Handlanger. Göttliche Inspirationen drängt er ab und verpflichtet die rein gebliebenen Seelenspezifikate zu Schwerstarbeiten. Göttliche Inspirationen werden abgeblockt und hinausgedrängt, sie dürfen nicht im Wohnzimmer verbleiben. Der graue Kittel soll sie vor der Welt verbergen. Alle diese Verdrängungen geschehen täglich. Wir verdrängen himmlische Gedanken und tauschen sie mit Weltgedanken aus. Wir wollen es nicht wahrhaben, daß in unserer Brust und in unserem Herzen ein Vater ist, von dem die göttlichen Inspirationen kommen. Wir wollen diese Tochter nicht zulassen. „Seht die stolze Prinzessin, wie sie geputzt ist, Ab in den grauen Kittel und hinein in die Küche!“ Sie musste von morgens bis abends schwer arbeiten und hinzu kam das Herzeleid. Die Stieftöchter verspotteten sie und schütteten Erbsen und Linsen in die Asche, die sie auslesen mußte. Abends mußte sie sich in die Asche legen.  

Der göttliche Geist in uns wird vom menschlichen Verstehen und Wollen abgeschoben. Linsen und Erbsen werden in die Asche geworfen, d.h. unser Verstand und unser Wollen sind der Überzeugung, daß alle Gedanken und Willensregungen vom eigenen Ich kommen. Aber es sind eingetragene Gedanken und Willensregungen von anderen Wesenheiten. Unser Aschenputtel muß die aus menschlichem Verstand und Wollen vergeudeten und verschütteten wertvollen Gottkräfte von der menschlichen Schlacke wieder befreien. Es sind weltlich verbrannte Gedanken, verbrannt durch die Haßliebe oder durch die Verachtungsliebe gegenüber allem, was göttlich ist. Dies ist ein Höllenfeuer. Aus der Asche ist das Gute und Reine wieder zu befreien.  

Es trug sich zu, daß der Vater einmal in die Messe ziehen wollte, da fragte er die beiden Stieftöchter, was er ihnen mitbringen sollte. "Schöne Kleider" sagte die eine, "Perlen und Edelsteine" die zweite.

"Aber du, Aschenputtel" sprach er, "was willst du haben?"    "Vater, das erste Reis, das Euch auf Eurem Heimweg an den Hut stößt, das brecht für mich ab."  

Dies ist ein wunderbares Gleichnis. Was will der Verstand im Menschen, was will unser Eigenwille? Sie wollen Güter der Welt, schöne Kleider und Perlen. Wenn wir einmal irdisch gestorben sind, so tragen wir die Kleider, die aus unserem Denken und Wollen, aus unserer Glaubensmeinung,  entstanden sind. Wir finden im Jenseits keine Geschäfte, in denen wir uns Kleider kaufen können.

Unser Verstand und unser Eigenwille vergeudet aber immer wieder die empfangenen Lebenskräfte, anstatt sie richtig anzuwenden. Was wünscht sich hingegen das Aschenputtel? Sie wünscht sich das erste Ästchen. Aus einem neuen Reis, aus Jesse Stamm, erhalten wir den neuen Geist des Lebens.  

Er kaufte nun für die beiden Stiefschwestern schöne Kleider, Perlen und Edelsteine, und auf dem Rückweg, als er durch einen grünen Busch ritt, streifte ihn ein Haselreis und stieß ihm den Hut ab. Da brach er das Reis ab und nahm es mit. Als er nach Haus kam, gab er den Stieftöchtern, was sie sich gewünscht hatten, und dem Aschenputtel gab er das Reis von dem Haselbusch. Aschenputtel dankte ihm, ging zu seiner Mutter Grab und pflanzte das Reis darauf, und weinte so sehr, daß die Tränen darauf niederfielen und es begossen. Es wuchs aber, und ward ein schöner Baum. Aschenputtel ging alle Tage dreimal darunter, weinte und betete, und allemal kam ein weißes Vöglein auf den Baum, und wenn es einen Wunsch aussprach, so warf ihm das Vöglein herab, was es sich gewünscht hatte.  

Dieses Reis wird auf das Grab der echten Mutter eingepflanzt. Es ist die reine Liebe, die es in uns noch gibt. Daraus erwächst ein gewaltiger Baum und von diesem Baum erhält das Aschenputtel später ihr Kleid.

In diesem einfachen Volksmärchen werden uns unendliche Tiefen zuteil. Es sind inhaltsschwere Worte. Was in der Bibel steht, finden wir im Aschenputtel in kindlich einfacher Art. Alle Völker bekamen das Wort und die Lehren Gottes. „Der Vater entsprach den Wünschen der Töchter!“  Auf dem Rückweg streifte er einen Haselbusch, sodaß ihm der Hut abgestoßen wurde.

Hier können wir uns an das von Franz Schubert vertonte Gedicht erinnern:

                              „Der Hut flog ihm vom Kopfe,

                              er wendete sich nicht.“

Was wir auf dem Kopfe haben, was uns behütet, das ist das, was wir behaupten. Unsere Meinung müssen wir verlieren. Unser Vertrauen zu unserem Kopfverstand müssen wir zugunsten der göttlichen Inspiration aus unserem Herzen ablegen. Das Reis, das den Hut abstieß, ist die göttliche Erbarmung. Wir haben neue göttliche Offenbarungen erhalten. Es ist der Reis aus Jesse Stamm, das Wort aus Jesum Christum. Dieses Reis wird uns zum Baum des Lebens. So machte es auch das Aschenputtel. Es nahm das Reis und pflanzte es auf der Mutter Grab. Mit ihren Tränen begoß sie es. Auch der Vater weinte mit Michael einst Tränen, woraus die neue Schöpfung und unsere Erde entstand.

Wenn wir zum Grabe der Mutter gehen, so gehen wir zum neuen Leben. Für die Engel des Himmels ist das Grab nicht das Ende, sondern die Auferstehung zum ewigen Leben. Die Restliebe geht zum Grab, nimmt die Neuoffenbarung, die sie von Gott erhalten hat, und pflanzt sie in ihre Lebensliebe ein. Daraus erwächst ein wunderbarer Baum. Die Tränen sind Symbol der Trauer. Wir bereuen unsere begangene Schuld. Dann befinden wir uns in der wahren Demut. Die Seele ist wahrhaft demütig, sie beugt sich, sodaß aus den vergossenen Tränen der Reis sprießt und daraus ein lebendiger Baum erwächst.

Jedes Mal, wenn das Aschenputtel zum Grab ging und dort weinte, kam ein weißes Vögelein. Dieses Vögelein erfüllte dem Aschenputtel alle Wünsche, die sie dort aussprach.

Alle Tage ging Aschenputtel dreimal zum Grab. Die Zahl drei steht dafür, daß die Seele in ihrem Wunsch den ganzen Willen in das Geschehen der Wiedergeburt hineinlegt. Einer Seele, die sich so hingibt, wird jeder Wunsch erfüllt. Perfekte Wunscherfüllung geschieht nur dadurch, daß ich mich Gott ganz zuwende. Zuvor falle ich in Reue und begebe mich ganz in Seine Liebe. „Liebe Gott über alles, dann wird euch alles andere zufallen.,“ spricht Jesus. Dann müssen wir Gott nicht bitten und um etwas betteln, wir müssen nur von unserem Ich frei sein. Gott weiß es, bevor wir einen Wunsch äußern, bevor wir ihn formuliert haben. So groß ist die Liebe des Vaters. Aber wir müssen uns für Seine göttlichen Gaben öffnen.

Es begab sich aber, daß der König ein Fest anstellte, das drei Tage dauern sollte, und wozu alle schönen Jungfrauen im Lande eingeladen wurden, damit sich sein Sohn eine Braut aussuchen möchte. Die zwei Stiefschwestern, als sie hörten, daß sie auch dabei erscheinen sollten, waren guter Dinge, riefen Aschenputtel und sprachen "Kämm uns die Haare, bürste uns die Schuhe und mache uns die Schnallen fest, wir gehen zur Hochzeit auf des Königs Schloß."  

Die beiden Stieftöchter, unser Verstand und unser Eigenwille,  nehmen an dem Weltgeschehen teil. Ihr Handlanger ist der Vater, Der Vater entspricht unserem durch das Gottwort erleuchteten Verstand. Aber er will, daß noch sein Menschenverstand und sein Eigenwollen vordergründig bleiben.  

 

Aschenputtel gehorchte, weinte aber, weil es auch gern zum Tanz mitgegangen wäre, und bat die Stiefmutter, sie möchte es ihm erlauben.    

Unser rein gebliebenes Seelchen muß der Welt dienen. 

"Du Aschenputtel" sprach sie, "bist voll Staub und Schmutz, und willst zur Hochzeit? du hast keine Kleider und Schuhe, und willst tanzen". Als es aber mit Bitten anhielt, sprach sie endlich "da habe ich dir eine Schüssel Linsen in die Asche geschüttet, wenn du die Linsen in zwei Stunden wieder ausgelesen hast, so sollst du mitgehen."  

Was will uns diese Begebenheit sagen?

Die Stiefmutter symbolisiert das Erbböse. Sie drängt die rein gebliebenen Seelenanteile ab, damit sie nicht wirksam werden können.

Aschenputtel sehnt sich danach, auch zum Königsfest gehen zu dürfen. Drei Tage soll es dauern. Die drei bedeutet, daß Gott den ganzen Menschen prüfen will, den natürlichen, den seelischen und den geistigen Menschen. Der natürlich äußere Mensch ist das Ich mit seinem Wachbewußtsein und dem Menschenverstand und dem Eigenwillen. Das Aschenputtel ist hingegen die rein gebliebene Jungfrau. Eigenverstand und Eigenwillen wollen sie verdrängen. Sie wollen selbst das Gut empfangen. Wenn wir dem Nächsten dienen und gute Werke tun, dann wollen wir dafür entlohnt werden, dann wollen wir das Himmelreich erben. Aber wir verdienen keinen Lohn, wenn wir uns Gott ganz zuwenden.

Das Aschenputtel war demütig. Die Stiefmutter tritt in Aktion. Sie verkörpert das in uns herrschende Böse. Das Böse sagt zu unseren guten Empfindungen nein. „Du darfst mit dem Königssohn nicht tanzen. Hier ist kein irdischer Tanz, sondern ein himmlischer Reigen gemeint.  Durch Swedenborg erfahren wir, daß es im Himmel Tänze und Reigen zur himmlischen Musik gibt. Jesus warnte uns nur vor den Tänzen der irdischen Welt.

Hier ruft der König zum Fest. Der König ist die Mensch gewordene Liebe Gottes, die wir mit dem Namen Jesus Christus bezeichnen. Wir alle wollen zum Fest hineilen. Doch wir alle sind in unserem Außenmenschen noch Stieftöchter. Wir werden nicht angenommen, wenn Aschenputtel nicht mitkommen darf.  Solange wir es verhindern, daß der göttliche Geist in unserer rein gebliebenen Seele  ebenfalls zum Fest kommt, werden wir von Gott nicht angenommen.  

Das Mädchen ging durch die Hintertür nach dem Garten und rief "ihr zahmen Täubchen, ihr Turteltäubchen, all ihr Vöglein unter dem Himmel, kommt und helft mir lesen,  

        die guten ins Töpfchen,

        die schlechten ins Kröpfchen."  

Da kamen zum Küchenfenster zwei weiße Täubchen herein, und danach die Turteltäubchen, und endlich schwirrten und schwärmten alle Vöglein unter dem Himmel herein und ließen sich um die Asche nieder. Und die Täubchen nickten mit den Köpfchen und fingen an pick, pick, pick, pick, und da fingen die übrigen auch an pick, pick, pick, pick, und lasen alle guten Körnlein in die Schüssel. Kaum war eine Stunde herum, so waren sie schon fertig und flogen alle wieder hinaus.  

Da brachte das Mädchen die Schüssel der Stiefmutter, freute sich und glaubte, es dürfte nun mit auf die Hochzeit gehen.  

Der Heilige Geist wird durch die Tauben symbolisiert. Die Engel des Himmels überwachen das Geschehen im Gesamtmenschen. Unsere rein gebliebene Seele ist wie eine zarte Blume, die wie Wiesenblumen von Elfenkindern gepflegt werden.  

Unser Verstand und unser Wollen haben nur Aschegedanken und Ascheimpulse in ihre Seelenwelt gesetzt. Sie können Gott nicht empfangen. Aschenputtel muß die Körner aus der Asche herauslesen. Die rein gebliebene Seele muß all die falschen Verstandes- und Willensregungen unseres Wachbewußtseins durch ihre Liebe herauslesen, besser gesagt: erlösen. Hierbei wird dem Aschenputtel geholfen. Eine weiße Taube ist das Symbol des Heiligen Geistes Jesus Christi. Er hilft der erwachten Seele den Unflat aus der Sünde zu erlösen. 

Aber sie sprach "nein, Aschenputtel, du hast keine Kleider, und kannst nicht tanzen, du wirst nur ausgelacht." Als es nun weinte, sprach sie, "wenn du mir zwei Schüsseln voll Linsen in einer Stunde aus der Asche rein lesen kannst, so sollst du mitgehen" und dachte "das kann es ja nimmermehr."  

Unser Verstand verwirft immer wieder die Inspirationen als unseriös. Der Verstand und der Eigenwille sind gegen göttliche Inspirationen. Wir drängen sie immer wieder ab und verwerfen sie, weil sie nicht mit der Welt übereinstimmen. In unserer Lust und Leidenschaft bleiben wir kalt verstandesdenkend und kalt wollend. Darum kann unser Geist nicht erwachen, darum darf die rein gebliebene Seele nicht zum Fest mitgehen. 

Als sie die zwei Schüsseln Linsen in die Asche geschüttet hatte, ging das Mädchen durch die Hintertür nach dem Garten und rief "ihr zahmen Täubchen, ihr Turteltäubchen, all ihr Vöglein unter dem Himmel, kommt und helft mit lesen,  

        die guten ins Töpfchen,

        die schlechten ins Kröpfchen."  

Da kamen zum Küchenfenster zwei weiße Täubchen herein und danach die Turteltäubchen, und endlich schwirrten und schwärmten alle Vögel unter dem Himmel herein und ließen sich um die Asche nieder. Und die Täubchen nickten mit ihren Köpfchen und fingen an pick, pick, pick, pick, und da fingen die übrigen auch an pick, pick, pick, pick, und lasen alle guten Körner in die Schüsseln. Und ehe eine halbe Stunde herum war, waren sie schon fertig, und flogen alle wieder hinaus.  

Da trug das Mädchen die Schüsseln zu der Stiefmutter, freute sich und glaubte, nun dürfte es mit auf die Hochzeit gehen. Aber sie sprach "es hilft dir alles nichts, du kommst nicht mit, denn du hast keine Kleider und kannst nicht tanzen; wir müßten uns deiner schämen." Darauf kehrte sie ihm den Rücken zu und eilte mit ihren zwei stolzen Töchtern fort.  

Aber Gott gibt nicht nach. Er ist der Stärkere, wenn wir Ihn im Unterbewußtsein unserer Seele zulassen. 

Als nun niemand mehr daheim war, ging Aschenputtel zu seiner Mutter Grab unter den Haselbaum und rief  

        "Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich,

        wirf Gold und Silber über mich."  

Da warf ihm der Vogel ein golden und silbern Kleid herunter und mit Seide und Silber ausgestickte Pantoffeln. In aller Eile zog es das Kleid an und ging zur Hochzeit. Seine Schwestern aber und die Stiefmutter kannten es nicht und meinten, es müsse eine fremde Königstochter sein, so schön sah es in dem goldenen Kleide aus. An Aschenputtel dachten sie gar nicht und dachten, es säße daheim im Schmutz und suchte die Linsen aus der Asche. Der Königssohn kam ihm entgegen, nahm es bei der Hand und tanzte mit ihm. Er wollte auch sonst mit niemand tanzen, also daß er ihm die Hand nicht losließ, und wenn ein anderer kam, es aufzufordern, sprach er "das ist meine Tänzerin."  

Der göttliche Geist, den wir Jesus Christus nennen, der in unsere Seele am Tage der Eingeburt in uns erwacht, hat nur ein Bedürfnis: sich mit dem Menschen zu verbinden. Er will sich nur mit den rein gebliebenen Seelenteilen verbinden, mit der reinen Jungfrau Sophia. Er kann sich nur mit ihr verbinden und nicht mit dem äußeren Kopfverstand oder mit dem Eigenwillen. In Gleichklang und Harmonie kann Er nur mit der Reinseele treten, um sie dann fortzuentwickeln.  

Es tanzte, bis es Abend war, da wollte es nach Haus gehen. Der Königssohn aber sprach "ich gehe mit und begleite dich" denn er wollte sehen, wem das schöne Mädchen angehörte. Sie entwischte ihm aber und sprang in das Taubenhaus.  

Solange das Ichbewußtsein des Kopfverstandes mit den rein gebliebenen Seelenanteilen noch nicht in Harmonie steht, kann der göttliche Geist nicht einfließen. Auch wenn er bei der Eingeburt kurzfristig einfließt, sodaß wir erleuchtet werden, so muß er sich wieder zurückziehen, wenn es in uns noch fremde Gäste gibt. Aschenputtel muß sich daher in ein Taubenhaus flüchten. Sie wird dort nicht gefunden. Im Taubenhaus befindet sie sich unter dem Schutz des Heiligen Geistes, sodaß wir mit unserem Kopfverstand hiervon nichts wahrnehmen.  

Nun wartete der Königssohn, bis der  Vater kam, und sagte ihm, das fremde Mädchen wäre in das Taubenhaus gesprungen. Der Alte dachte "sollte es Aschenputtel sein?" und sie  mußten ihm Axt und Hacken bringen, damit er das Taubenhaus entzweischlagen konnte, aber es war niemand darin. Und als sie ins Haus kamen, lag Aschenputtel in seinen schmutzigen Kleidern in der Asche, und ein trübes Öllämpchen brannte im Schornstein; denn Aschenputtel war geschwind aus dem Taubenhaus hinten herabgesprungen, und war zu dem Haselbäumchen gelaufen: da hatte es die schönen Kleider abgezogen und aufs Grab gelegt und der Vogel hatte sie wieder weggenommen, und dann hatte es sich in seinem grauen Kittelchen in die Küche zur Asche gesetzt.  

Das Taubenhaus wird vom Vater zerspalten. Der Vater der Überreste ist unser göttlicher Geburtsgeist. Er steht gegenüber den eigenen Überresten in Kampfbereitschaft und kann nicht entdecken, wo die Überreste gelagert sind. Der göttliche Geist kann sich mit ihnen nicht verbinden, weil unser Kopfverstand und unser Eigenwillen Widerstand leisten.

Das Öllämpchen der religiösen Hingabe beleuchtet das in der Asche liegende Aschenputtel.  

Am andern Tag, als das Fest von neuem anhub, und die Eltern und Stiefschwestern wieder fort waren, ging Aschenputtel zu dem Haselbaum und sprach  

"Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich,

 wirf Gold und Silber über mich."  

Da warf der Vogel ein noch viel stolzeres Kleid herab als am vorigen Tag. Und als es mit diesem Kleide auf der Hochzeit erschien, erstaunte jedermann über seine Schönheit. Der Königssohn aber hatte gewartet, bis es kam, nahm es gleich bei der Hand und tanzte nur allein mit ihm. Wenn die andern kamen und es aufforderten, sprach er "das ist meine Tänzerin." Als es nun Abend war, wollte es fort und der Königssohn ging ihm nach und wollte sehen, in welches Haus es ging: aber es sprang ihm fort und in den Garten hinter dem Haus. Darin stand ein schöner großer Baum, an dem die herrlichsten Birnen hingen, es kletterte so behend wie ein Eichhörnchen zwischen die Äste, und der Königssohn wußte nicht, wo es hingekommen war. Er wartete aber, bis der Vater kam, und sprach zu ihm "das fremde Mädchen ist mir entwischt, und ich glaube, es ist auf den Birnbaum gesprungen." Der Vater dachte "sollte es Aschenputtel sein?" ließ sich die Axt holen und hieb den Baum um, aber es war niemand darauf. Und als sie in die Küche kamen, lag Aschenputtel da in der Asche, wie sonst auch, denn es war auf der andern Seite vom Baum herabgesprungen, hatte dem Vogel auf dem Haselbäumchen die schönen Kleider wiedergebracht und sein graues Kittelchen angezogen.  

Die drei Tage sind ein Sinnbild für das Geschehen auf verschiedenen Ebenen. Der erste Festtag steht für die natürliche Ebene. Der zweite Festtag für die Seelenebene und der dritte Festtag für die Geistebene.  

Am dritten Tag, als die Eltern und Schwestern fort waren, ging Aschenputtel wieder zu seiner Mutter Grab und sprach zu dem Bäumchen  

        "Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich,

        wirf Gold und Silber über mich."  

Nun warf ihm der Vogel ein Kleid herab, das war so prächtig und glänzend, wie es noch keins gehabt hatte, und die Pantoffeln waren ganz golden. Als es in dem Kleid zu der Hochzeit kam, wußten sie alle nicht, was sie vor Verwunderung sagen sollten. Der Königssohn tanzte ganz allein mit ihm, und wenn es einer aufforderte, sprach er "das ist meine Tänzerin."  

Am 3. Tag erhielt Aschenputtel das prächtigste Kleid und goldene Schuh. Alle auf dem Fest erstarrten vor Verwunderung ob dieser strahlenden Schönheit.  

Als es nun Abend war, wollte Aschenputtel fort, und der Königssohn wollte es begleiten, aber es entsprang ihm so geschwind, daß er nicht folgen konnte. Der Königssohn hatte aber eine List gebraucht, und hatte die ganze Treppe mit Pech bestreichen lassen: da war, als es hinabsprang, der linke Pantoffel des Mädchens hängen geblieben. Der Königssohn hob ihn auf, und er war klein und zierlich und ganz golden.  

Auf dem Wege zu unserer Wiedergeburt haben wir die schönsten und herrlichsten Erlebnisse. Doch zuvor weicht alles zurück. Wir sind wie verlassen. Aschenputtel kehrt wieder in das Reich des Transzendenten zurück. Der äußere Mensch nimmt hiervon nichts wahr. Wir fragen uns, warum uns dies passiert. Es wird uns kalt, wir spüren die Liebe nicht, es wird uns um unser Herz nicht warm. Wir empfangen keine Innewerdungen. Wir sind vereinsamt.

In dieser Phase ist unser Aschenputtel, unsere reine Seele, in den Himmel entrückt. Deswegen kann der äußere Mensch nichts mehr empfinden. Dies geschieht, damit auch die übrige Seele reifen kann. Der göttliche Geist steigt in die Tiefen unserer Hölle hinab, wirkt dort und erobert für uns die Freiheit, um unsere Seele aus der Knechtschaft des Bösen zu befreien. 

Am nächsten Morgen ging er damit zu dem Mann und sagte zu ihm "keine andere soll meine Gemahlin werden als die, an deren Fuß dieser goldene Schuh paßt." Da freuten sich die  beiden Schwestern, denn sie hatten schöne Füße. Die älteste ging mit dem Schuh in die Kammer und wollte ihn anprobieren, und die Mutter stand dabei. Aber sie konnte mit der großen Zehe nicht hineinkommen, und der Schuh war ihr zu klein, da reichte ihr die Mutter ein Messer und  sprach "hau die Zehe ab: wann du Königin bist, so brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen." Das Mädchen hieb die Zehe ab, zwängte den Fuß in den Schuh, verbiß den Schmerz und ging heraus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd und ritt mit ihr fort. Sie mußten aber an dem Grabe vorbei, da saßen die zwei Täubchen auf dem Haselbäumchen und riefen

       "rucke di guck, rucke di guck,

        Blut ist im Schuck (Schuh):

        Der Schuck ist zu klein,

        die rechte Braut sitzt noch daheim."  

Da blickte er auf ihren Fuß und sah, wie das Blut herausquoll. Er wendete sein Pferd um, brachte die falsche Braut wieder nach Hause und sagte, das wäre nicht die rechte, die andere Schwester solle den Schuh anziehen. Da ging diese in die Kammer und kam mit den Zehen glücklich in den Schuh, aber die Ferse war zu groß. Da reichte ihr die Mutter ein Messer und sprach "hau ein Stück von der Ferse ab: wann du Königin bist, brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen." Das Mädchen hieb ein Stück von der Ferse ab, zwängte den Fuß in den Schuh, verbiß den Schmerz und ging heraus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd und ritt mit ihr fort. Als sie an dem Haselbäumchen vorbeikamen, saßen die zwei Täubchen darauf und riefen

        "rucke di guck, rucke di guck,

        Blut ist im Schuck (Schuh):

        Der Schuck ist zu klein,

        die rechte Braut sitzt noch daheim."  

Er blickte nieder auf ihren Fuß und sah, wie das Blut aus dem Schuh quoll und an den weißen Strümpfen ganz rot heraufgestiegen war. Da wendete er sein Pferd und brachte die falsche Braut wieder nach Haus. "Das ist auch nicht die rechte," sprach er, "habt ihr keine andere Tochter?" "Nein" sagte der Mann, "nur von meiner verstorbenen Frau ist noch ein kleines verbuttetes Aschenputtel da: das kann unmöglich die Braut sein." Der Königssohn sprach, er sollte es heraufschicken, die Mutter aber antwortete "ach nein, das ist viel zu schmutzig, das darf sich nicht sehen lassen." Er wollte es aber durchaus haben, und Aschenputtel mußte gerufen werden.  

Da wusch es sich erst Hände und Angesicht rein, ging dann hin und neigte sich vor dem Königssohn, der ihm den goldenen Schuh reichte. Dann setzte es sich auf einen Schemel, zog den Fuß aus dem schweren Holzschuh und steckte ihn in den Pantoffel, der war wie angegossen. Und als es sich in die Höhe richtete und der König ihm ins Gesicht sah, so erkannte er das schöne Mädchen, das mit ihm getanzt hatte, und rief "das ist die rechte Braut." Die Stiefmutter und die beiden Schwestern erschraken und wurden bleich vor Arger: er aber nahm Aschenputtel aufs Pferd und ritt mit ihm fort. Als sie an dem Haselbäumchen vorbeikamen, riefen die zwei weißen Täubchen  

        "rucke di guck, rucke di guck

        kein Blut im Schuck  

        Der Schuck ist nicht zu klein,

        die rechte Braut, die führt er heim."  

Und als sie das gerufen hatten, kamen sie beide herabgeflogen und setzten sich dem Aschenputtel auf die Schultern, eine rechts, die andere links, und blieben da sitzen.  

Als die Hochzeit mit dem Königssohn sollte gehalten werden, kamen die falschen Schwestern, wollten sich einschmeicheln und teil an seinem Glück nehmen. Als die Brautleute nun zur Kirche gingen, war die älteste zur rechten, die jüngste zur linken Seite: da pickten die Tauben einer jeden das eine Auge aus. Hernach, als sie herausgingen, war die älteste zur linken und die jüngste zur rechten: da pickten die Tauben einer jeden das andere Auge aus. Und waren sie also für ihre Bosheit und Falschheit mit Blindheit auf ihr Lebtag bestraft.  

Die letzte Szene zeigt uns, wie die rein gebliebene Seele, das Aschenputtel, vom Herrn Jesus Christus in den Himmel geführt wird. Der äußere Menschenverstand und der Eigenwillen sind bemüht, an dem Glück teilzunehmen. Sie wollen ebenfalls an der Hochzeit teilnehmen, d.h. in das Unterbewußtsein, in die Seelenebene und von dort in die Geistebene hineingelangen, um sagen zu können, daß sie doch noch etwas geworden sind. Bei diesem Schritt verlieren sie durch den Einfluß des Heiligen Geistes ihr Augenlicht. „Selig sind die Blinden, denn sie werden sehend werden!“  Für die Seelen- und Geistebene fehlt uns die Sehe. Hier sind wir blind und es überkommt uns ein Zustand, wo wir auf dem Wege zu Gott durch die Nacht der Finsternis gehen müssen. So spricht Eckehart von Hochheim in seiner 32. Predigt: „Und wenn wir unsere Geschaffenheit verlassen und über den Abgrund in das Unerborene hinüberschweben, dann verlieren wir unseren Verstand und unser Eigenwollen.“ Unser äußerer Verstand erblindet und unser äußeres Wollen sinkt in sich zusammen. Unser Ich wird minimiert, der Vogel Phönix fliegt in die Flammen, er verbrennt zur Asche und aus der Asche erhebt sich der neue Gottgeborene.

Der Königsohn kommt mit seinem Hofstaat. Die rein gebliebene Seele und die geläuterten Seelenanteile sind allein würdig, von Jesus Christus abgeholt zu werden. Der Vater, unser menschlicher Verstand, muß sich beugen. Das menschliche Wollen muß seinen Geist aufgeben, denn nun setzt ein göttliches Wollen ein. 

Das Aschenputtel ist ein Gleichnis unseres täglichen Lebens. Unser Denken und Wollen muß in Demut erkennen lernen, daß es ein inneres Bewußtsein gibt, ein Denken im Herzen. Das Denken im Herzen wird durch das liebe Aschenputtel symbolisiert. Vor der Welt gilt es nichts. Sie lacht über das Aschenputtel und schiebt es in den letzten Winkel ab. „Was willst du denn?“, fragt die Welt verächtlich. Doch die Letzten werden die Ersten sein! Die Letzten öffnen uns den neuen Himmel, bringen das Reich Gottes in irdische Bereiche herunter.

Vielleicht werden auch wir in der Asche unserer Sünden die Erbsen und Linsen unserer Verfehlungen herauslösen und lernen, liebend zu dienen und alles anzunehmen, was Gott uns gibt. Er wird unseren goldenen Schuh aufheben und unser himmlisches Kleid reichen, das uns genommen werden mußte als wir bis in diese irdische Welt hinabgestiegen sind. Dann wird Er uns heimführen und die Tauben des Heiligen Geistes werden rufen, daß Er nun die rechte Braut heimführt.

Dies ist der Sinn des Lebens. Solange unser Aschenputtel von der Liebe Jesu unentdeckt bleibt und nicht im Festkleid auftritt, bleiben wir im Irrtum und im Wahn des irdisch-menschlichen Lebens stecken und verharren darin, bis wir aus unserer Illusion erwachen, um zu erkennen, daß das Erdenleben ein kleines Märchen war.