Von: Sandra Sch
Gesendet: Sonntag, 4. November 2001 15:57
An: Freundeskreis-Lorberliste@yahoogroups.ca
Betreff: [Freundeskreis-Lorberliste] Von der Verheißung des Vaters
Liebe Freunde,

zur Zeit beschäftige ich mich sehr intensiv mit den "Schriften und Predigten" von Meister Eckehart in der Übersetzung von Herman Büttner. In dem Text "Von der Verheißung des Vaters/Predigt über die Apostelgeschichte I,4" fand ich eine sehr schöne Stelle, die ich gerne mit euch teilen möchte:
Hier sagen nun die Meister: der Wille sei nur in der Weise frei, dass niemand ihn zu zwingen vermag außer Gott. - Gott zwingt den Willen nicht, er setzt ihn in Freiheit: so dass er nichts will als was Gott und die Freiheit selber ist! Da vermag nun der Geist nichts anderes mehr zu wollen, als was Gott will. Das ist keine Unfreiheit an ihm, das ist seine eigenste Freiheit.

Nun fragen manche Leute:"Wenn ich Gott habe und die Gottesliebe, so kann ich also ruhig alles tun, was ich will?" Sie verstehen das Wort verkehrt! Solange du irgend etwas vermagst, was wider Gott ist und wider sein Gebot, solange hast du eben die Gottesliebe nicht - die Welt magst du ja wohl betrügen, als habest du sie. Der Mensch, der in Gottes Willen und in Gottes Liebe steht, dem ist es eine Freude alles zu tun, was Gott lieb ist, und alles zu lassen, was wider Gott ist! Es ist ihm ebenso unmöglich, etwas zu unterlassen, was Gott getan haben will, wie etwas zu tun, was wider Gott ist. Recht wie einer dem die Beine gebunden sind: so unmöglich es dem ist zu gehen, so unmöglich ist es für den Menschen, Böses zu tun, der in Gottes Willen steht. Es hat jemand gesagt: "Hätte Gott auch geboten, das Böse zu tun und das Gute zu meiden, dennoch wäre ich außer stande, Böses zu tun!" Denn niemand liebt die Tugend, als wer die Tugend selber ist. Und wer nun sich selber und alle Dinge gelassen hat, wer nirgend nach dem Seinen trachtet, und was er tut, ohne ein Warum tut, nur aus Liebe, der ist für diese ganze Welt tot: er lebt in Gott und Gott in ihm.


Nun sprechen manche Leute: "Ihr sagt uns schöne Reden und wir werden doch nichts davon gewahr!" - Das ist meine Klage auch! Diese Erfahrung ist etwas so Hohes - oder auch Gemeines, dass du sie nicht kaufen darfst um einen Heller oder einen halben Pfennig! Hab einzig ein rechtes Trachten und einen freien Willen, so wird sie dir zu teil.
Alles Liebe und Gute

Sandra

Von: Luis 
Gesendet: Montag, 5. November 2001 10:54
An: Freundeskreis-Lorberliste@yahoogroups.ca
Betreff: RE: [Freundeskreis-Lorberliste] Von der Verheißung des Vaters

Liebe Sandra,
die von dir angegebene Stelle könnte direkt von Jesus stammen. Sie ist so wahr. Besonders der teil:
Solange du irgend etwas vermagst, was wider Gott ist und wider sein Gebot, solange hast du eben die Gottesliebe nicht. (Aus "Schriften und Predigten" von Meister Eckehart)
Ergänzend kann man zufügen: Jeder Mensch durchläuft drei Zustände in der Gottesliebe:
 
1. Keine oder kaum Gottesliebe
2. Entwicklung der Gottesliebe
3. Volle Gottesliebe (Wiedergeburt des Geistes?)
 
Wer sich im 2. Zustand befindet, hat noch ein Weg zum 3. Zustand vor sich. Er muss laufen. Es gibt aber zwei möglichkeiten dies zu erreichen: Eine längere und eine kürzere.
 
Die längere heisst die Gebote halten. Die kürzere heisst den ganzen Weg überspringen. Wie? Da können wir aus der Geistige Sonne entnehmen:
Wer Gott in seinem Herzen zu lieben anfängt (2. Zustand), der hat den Weg schon zurückgelegt; wer aber Gott nur durch die Haltung des Gesetzes liebt, der ist mit seiner liebe noch immer ein Reisender auf dem Wege, allda keine Früchte wachsen und nicht selten Räuber und Diebe des Wanderers harren. (Geist.Sonne.2.102.2)
Da wird die Frage »Sollten wir dann uns darum kümmern, wie genau wir die Gesetze halten, oder vielmehr wie intensiv wir die Gottesliebe in uns entwickeln?« nicht mehr schwer beantwortbar sein.
 
Die komplette Kapitel 100, 102 und 102 sind in nächsten Email mit dem Betreff:
 
    Gott über alles lieben Teil 1
 
wiedergegeben.
 
Herzliche Grüsse
 
Luis