1.    Von: Gerd Kujoth

Die Demut - das Grundfundament allen Lebens (Demut Teil 1) 

Über die Demut bekommt man in christlichen Predigten nicht allzuviel zu hören. Die Demut ist so etwas Erniedrigendes, mit der sich fast niemand gerne beschäftigen möchte. Um diese Abneigung gegenüber der Demut zu überwinden, müßte ihre herausragende Wichtigkeit erkannt werden. Das kommt in der Bibel zu wenig zum Ausdruck, obwohl in ihr so manche Verse über die Demut enthalten sind. In der Neuoffenbarung jedoch wird die Wichtigkeit und besonders die grundlegende Stellung der Demut ganz deutlich hervorgehoben.

Was aber ist die Demut? - Demut heißt Dienmut und ist die Gesinnung des Dienens. Die Demut ist somit der Mut, Gott und dem Nächsten Dienste zu verrichten. Ein unterster Diener muß gehorchen. Er darf keine Befehle erteilen, sondern empfängt Befehle und muß sie ausführen. Je mehr aber ein Befehlsempfänger hochmütig ist, um so mehr fühlt er sich gedrückt und erniedrigt. Dem möchten die Menschen ausweichen und streben deshalb danach, selbständig und unabhängig zu werden oder doch wenigstens eine höhere Stellung einzunehmen. Deswegen dient der Diener auch nicht freiwillig, sondern gezwungen, weil er seinen Lebensunterhalt verdienen muß. Er ist deshalb nicht wahrhaft demütig, lieber würde Er der Herr sein, damit er tun könnte nach seinem Gutdünken. Aber der himmlische Vater hat das alles in dieser Erdenschule so eingerichtet, damit ein jeder Mensch sich zum Dienen aufraffen muß, wenn auch zunächst gezwungenermaßen. Die Nachfolger Jesu sollen jedoch die Demut freiwillig ausüben und aus Liebe dem Nächsten Dienste verrichten oder sie sollen doch wenigstens, wenn sie gezwungen dienen, voll ergeben in Gottes Führung sein.

Aber die Demut ist noch mehr. Sie ist auch das Erdulden von Demütigungen, die in allerlei Not und Leid bestehen, wie Beleidigung, Verfolgung, Armut, Krankheit und Schmerz. Die Demut ist aber nicht nur eine Tat, wie Dienste zu verrichten und Demütigungen zu erdulden, sondern sie ist auch ein Gefühl. Es ist sogar das Dienen und das Demütigungen-Erdulden erst wahre Demut, wenn der Wille zum Dienen und das Erdulden der Demütigungen aus dem Demutsgefühl hervorgeht. Ohne das Demutsgefühl wird ein Mensch, der gedemütigt wurde, voll Ärger oder gar Zorn, den sich aber viele äußerlich nicht anmerken lassen. Was aber ist das Demutsgefühl? – Das Demutsgefühl ist das Gefühl des Sich-geringer-Haltens als alle anderen. Jesus sagt: „Keiner dünke sich zu sein über den andern! Ihr alle seid gleich Brüder; aber der sich am geringsten zu sein dünkt und will aller andern Knecht und Diener sein, der ist unter allen dennoch der Meiste und der Höchste!“ (2.GEJ 159,8)

Aber warum will denn Gott Seine Geschöpfe so demütig haben? Die Menschen fühlen sich doch viel leichter und erhabener, wenn sie keine untergeordneten Dienste verrichten müssen, sondern eine höhere Stellung einnehmen und Befehle erteilen können. Und sie fühlen sich ganz besonders gut und frei, wenn sie selbständig und unabhängig sind und sie niemandem gehorsam sein müssen. - Um diese Frage zu beantworten, müssen wir auf den Zweck der Demut zu sprechen kommen. Keine Gemeinschaft verschiedenster Menschen kann bestehen, wenn jeder nur Befehle erteilen und niemand gehorchen will. Dann wäre ja auch niemand da, der die Anordnungen der Herrschenden ausführen würde. Auf der Erde funktionieren die Volksgemeinschaften nur, weil die Anordnungen der Herrschenden hauptsächlich mit Zwangsmaßnahmen durchgesetzt werden. Fallen die Zwangsmaßnahmen weg, machen alle, was sie wollen und es entsteht eine Unordnung. Im Himmel dagegen entsteht keine Unordnung, trotz der höchsten Freiheit, die dort herrscht. Zwangsmaßnahmen sind im Himmel aber undenkbar. An ihre Stelle treten die Liebe und die Demut vor Gott und den Nächsten.

Wenn es Gott möglich gewesen wäre, das Herrschen als das Ziel des Lebens einzusetzen, so hätte Er es auch so eingerichtet, daß ein jeder Mensch ein erster Herrscher sein könnte. Gott aber sah es von Ewigkeit her, daß keine Gemeinschaft aus lauter unbeschränkten Herrschern funktionieren kann, sondern nur gerade umgekehrt. „Wäre im hochmutsvollen Herrschen über die andern des Lebens Ausbildung bedungen“, sagt Jesus, „so würde von Mir sicher eine solche Ordnung getroffen sein, daß ein jeder Mensch irgendein unbeschränktes Recht zum Herrschen hätte. Doch das ist Meiner ewigen Ordnung zuwider.“ (4.GEJ 95,2) Deshalb hat Er die Demut, den Mut zum Dienen, als „das eigentlichste Grundfundament allen Lebens“ eingesetzt. (2.HG 12,15)

Am Baum des Lebens entsprechen die Wurzeln der Demut, der Stamm entspricht der Liebe und die Äste, Zweige und Blätter entsprechen der Wahrheit und der Weisheit. Wie aus den Wurzeln der Stamm hervorwächst, so wächst aus der Demut die Liebe hervor. Und wie aus dem Stamm die Äste und Zweige hervorwachsen, so wächst aus der Liebe die Wahrheit oder das Licht hervor. (Fl 12,17) Ohne die Demut gibt es kein Wachstum am Baum des Lebens, wie auch ein Baum ohne die Wurzeln nicht wachsen, sondern absterben würde. Nur in dem Maße, wie wir in der Demut fortschreiten, schreiten wir auch in der Lebensvollendung fort. Die rechte Demut ist der Same fürs ewige Leben in Gott! Sie ist der Anfang der reinen Liebe, – die Liebe aber das ewige Leben selbst! (2.HG 207,23-24)

Wenn die Demut das Grundfundament allen Lebens ist, so muß der himmlische Vater Selbst der Demütigste sein, denn Er ist der Grund von allem. Jesus sagte: „Lernet von Mir, denn Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“ (Matth. 11,29) Die Größe Seiner Demut zeigte Er uns dadurch, daß Er, der unendliche Gott, nur als einfacher Mensch in einem Stall geboren werden wollte, unter Seinen Geschöpfen gleich ihnen lebte und Sich von ihnen demütigen ließ, bis zum ehrlosen Tod am Kreuz. „Und siehe, Ich euer aller Schöpfer und Vater“, sagt Jesus, „wollte vor euch ein schwaches Menschenkind werden mit allem Zurückhalte Meiner ewigen und unendlichen göttlichen Herrlichkeit, auf daß ihr durch dieses über alles demütige Beispiel an eurem alten Herrschgeist einen Ekel bekommen sollet! Aber nein! Gerade in dieser Zeit aller Zeiten, in der Sich der Herr aller Herrlichkeit unter alle Menschen erniedrigt hat, um sie alle in solcher Seiner Niedrigkeit zu gewinnen, wollen die Menschen am meisten Herren sein und herrschen!“ (JJ 236,32-34)

Jesus hat uns vorgelebt, wie auch wir als Seine Nachfolger in der Demut leben und uns demütigen lassen sollen, aber wie schwer fällt den Kindern Gottes gerade dies. „Nehmet euch alle an Mir ein Beispiel!“ sagt Jesus, „Ich bin der Herr über alles im Himmel und auf Erden, in Mir ist alle Macht, Gewalt und Kraft, und dennoch bin Ich von ganzem Herzen voll Liebe, Demut, Sanftmut, Geduld, Güte und Barmherzigkeit. Seid ihr alle desgleichen, und man wird daraus wohl erkennen, daß ihr wahrhaft Meine Jünger seid!“ (10.GEJ 90,4)

Wenn Jesus sagte, daß wir alle Ihm gleich sein sollen und daß wir von Ihm lernen sollen, so heißt das, daß niemand von Anfang an voll Liebe, Demut, Sanftmut und Geduld ist. Selbst die erstgeschaffenen Geister mußten diese Eigenschaften erst in ihrer freien Selbständigkeit erlernen. Denn in allen geschaffenen Wesen begegneten sich schon vom Anfang ihres Seins an zwei Gefühle, die gegeneinander um die Herrschaft kämpften. Erstens das Hoheitsgefühl, in dem sich das Wesen Gott gleich fühlt, wenn es erkennt, daß es mit göttlichen Eigenschaften ausgestattet ist, weshalb es sich bewußt wird, daß das Urlicht Gottes in ihm ist und zweitens das Demuts- oder Abhängigkeitsgefühl, in dem sich das Wesen aus dem Schöpfer hervorgegangen fühlt, weil es sich bewußt ist, zeitlich einen Anfang gehabt zu haben. Das erste Gefühl stellt das Geschöpf unbedingt dem Schöpfer gleich, wie aus sich hervorgehend und völlig unabhängig von dem ewigen Urgrunde; das zweite aber muß sich dennoch als ein von und aus dem ewigen Urgrunde hervorgerufenes und somit vom Haupturgrunde sehr abhängiges Geschöpf ansehen.

Dieses zweite, demütigende Gefühl muß aber das erste Hoheitsgefühl ebenfalls zu einem Demutsgefühle machen, was unumgänglich notwendig ist für das freie Geschöpf, denn solange das Hoheitsgefühl nicht die Demut zur Grundlage hat, kann sich daraus größter Hochmut entwickeln. Das Hoheitsgefühl aber will sich nicht demütigen lassen und streitet ganz gewaltig gegen solch eine Erniedrigung und will das Demutsgefühl erdrücken. Durch solchen Kampf aber entsteht dann Groll und am Ende Haß gegen den Urgrund allen Seins und aus dem gegen das niedere Demuts- oder Abhängigkeitsgefühl. Ist das Demutsgefühl erdrückt, erlahmt das Hoheitsgefühl, es verfinstert sich und wird zu Hochmut. Das Urlicht im geschaffenen Wesen wird dann zu Nacht und Finsternis. In dieser geistigen Finsternis erkennt das Wesen dann kaum mehr das Urlicht in sich und entfernt sich blind und dabei dennoch selbständig vom Urgrunde seines Seins und Werdens und erkennt diesen nicht mehr in seiner Verblendung. (1.GEJ 1,16-20)

Diese Vorgänge, die uns im 1. Band des „großen Evangeliums“, Kapitel 1 geschildert sind, spielen sich in allen geschaffenen Wesen ab. In den urgeschaffenen Geistern siegte bei einem Teil von ihnen das Hoheitsgefühl, und sie fielen dadurch von Gott ab. „Im Anfange war der Größte mir der Nächste“, sagte Jesus, „dieser aber erhob sich und wollte Mir gleich sein und wollte Mich übertreffen und entfernte sich darum von Mir. Darum aber baute Ich dann Himmel und Erde und gab die Ordnung, daß nur das Geringe Mir am nächsten sein soll! Nun aber erwählte Ich für Mich alle Niedrigkeit der Welt; und es werden darum nur die die Größten sein bei Mir, die gleich Mir in der Welt wie in sich selbst die Geringsten und Niedrigsten sind.“ (JJ 114,15-18)

Wer Gott gegenüber demütig ist, der anerkennt seine völlige Abhängigkeit von Ihm und seine völlige Nichtigkeit vor Ihm. Der größte der Engel wollte von Gott unabhängig sein. Er wollte selbst Gott sein und herrschen. Dadurch siegte in ihm das Hoheitsgefühl, das zu größtem Hochmut wurde. Das Licht in ihm erlosch und er fiel in die Finsternis. Mit ihm fiel eine große Schar der Geister, die durch ihn erschaffen wurden. Die Rückführung der Geister suchte er in seinem noch ungebrochenen Hochmut dadurch zu verhindern, indem er das erste Menschenpaar überredete, Gott ungehorsam zu werden. Sie würden dann nicht nur nicht des Todes sterben, sondern könnten darüber hinaus sogar Gott gleich werden. Er versuchte also in dem ersten Menschenpaar das Hoheitsgefühl zu stärken, was ihm auch zunächst gelang. Sie wurden ungehorsam und fielen, und so blieb Gott nichts anderes übrig, als Selbst auf die Erde zu kommen, um die Demut vorzuleben. Er nahm Knechtsgestalt an, erniedrigte Sich Selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Kreuzestod. (Phil. 2,7-8) Durch Seinen Gehorsam machte Er den Ungehorsam Adams wieder gut und durch Seine Selbsterniedrigung besiegte Er Satanas Hochmut. Nun sind nicht mehr die größten geschaffenen Geister bei Gott die Nächsten, sondern die gleich Ihm in der Welt und in sich selbst die Geringsten und Niedrigsten sind.

Wie der Grund des geistigen Lebens die Demut ist, so ist der Hochmut der Grund und die Mutter aller Sünden. „Es gibt vor Mir“, sagt Jesus, „im Grunde des Grundes nur so ganz eigentlich eine einzige Sünde, welche die Mutter aller anderen Sünden ist, und diese Sünde heißt: Hochmut! Aus dem Hochmute aber geht dann alles andere, was nur immer Sünde heißt, hervor – als da ist die Selbstsucht, Herrschlust, Eigenliebe, Neid, Geiz, Wucher, Betrug, Dieberei, Raub, Zorn, Mord, Trägheit zur rechten Arbeit, der süße Müßiggang auf Kosten der unhochmütigen Arbeiter, Hang zum Wohlleben und Großtun, Geilheit des Fleisches, Unzucht, Hurerei, Gottesvergessenheit und endlich wohl auch oft eine gänzliche Gottlosigkeit und mit dieser der vollste Ungehorsam gegen alle Gesetze, mögen sie göttlichen oder bloß politischen Ursprunges sein.

Betrachtet jede dieser aufgezählten Hauptsünden für sich ganz analytisch, und ihr werdet am Grunde einer jeden den Hochmut ersehen. Wer dann aller seiner vermeintlichen tausend Sünden wie mit einem Schlage los sein will, der sehe allein darauf, daß er seines wie immer gearteten Hochmutes ledig werde, so wird er auch ledig sein aller seiner anderen Sünden. Denn viele Sünden sind ohne Hochmut gar nicht denkbar, und das darum, weil er der alleinige Grund dieser Sünden ist. Sünden aber, die ohne Hochmut begangen werden, sind keine Sünden, weil sie den Grund zur Sünde nicht in sich bergen.“ (3.Hi. Seite 477, 29-32)

„Denn so ihr Sünden hättet, so viel, als es da gibt des Grases auf der Erde und des Sandes an den weiten Ufern des Meeres, und hättet aber dabei keine Spur von einem Hochmute, so wären alle diese Sünden wie gar keine vor Mir! Denn wo kein Hochmut ist, da ist die Liebe, die in sich birgt alle Demut; Liebe und Demut aber tilgen alle Fehler und Sünden, so ihrer noch so viele wären, – denn Liebe und Demut töten alle Sünden! – Aber so nur ein Atom des Hochmutes hinter den anderen Sünden steckt, die die Menschen begehen in der Zeit der Probe ihrer Freiwerdung, so belebt dieses Atom alle Sünden, ja sogar die kleinsten. Und solche Geister werden einst, wie auch schon hier, sehr gewaltig zu kämpfen haben, um auch nur eines Atoms des Hochmutes loszuwerden.“ (3.Hi. Seite 487, 84)

Wer Sünden begangen hat, so zahlreich wie der Sand an den Ufern des Meeres, der kann alle diese Sünden mit einem Schlag loswerden, wenn er das letzte Atom, d.h. das letzte kleinste Teilchen Hochmut, das diesen Sünden zugrunde lag, aus sich herausgeschafft hat. Viele Sünden sind ohne Hochmut gar nicht denkbar, während andere auch ohne Hochmut ausgeführt werden können. Wenn solch eine Sünde wirklich einmal ohne Hochmut begangen wird, was sicher selten vorkommt, so ist sie dann aber so gut wie keine Sünde, denn nur der Hochmut macht eine Sünde groß. Führt aber ein völlig Demütiger, der keinerlei Hochmut in sich hat, eine Tat aus und sähe diese Tat vor den Menschen auch so aus, als wäre sie eine Sünde, der hat vor Gott keine Sünde begangen. Denn wer völlig demütig ist, der handelt nicht mehr selbstsüchtig, sondern aus wahrer Liebe.

Kisehel, einer der Urväter der Menschheit, demütigte sich bis auf den Grund, so daß selbst das kleinste Teilchen Hochmut in ihm erstarb. In dieser Demut ergriff er alsbald den himmlischen Vater in der Liebe seines Herzens, worauf Dieser ihm alle seine Sünden auf ewig vertilgte. (1.HG 176-179)

In der Kundgabe „Das große Morgenrot“, im 3. Band „Himmelsgaben“ und auch in „Erde und Mond“, Kapitel 61 bis 65, gibt uns der himmlische Vater ein großes Licht an die Hand, mit dem sich ein jeder ganz scharf durch und durch erleuchten lassen kann, ob er noch einen kleinen oder auch größeren Hochmut in sich hat. In diesem Licht beschreibt der himmlische Vater verschiedene Lebenssituationen und die Reaktionen der Menschen darauf, wenn ihnen Hochmut zugrunde liegt. Da kann sich dann ein jeder prüfen, ob er sich in der gleichen Situation nicht genauso verhalten würde. Es ist nämlich nicht so einfach, an sich selbst festzustellen, wo man noch hochmütig ist. Mit diesem Licht aber kann ein jeder in seine Lebenswinkel und Herzenskammern hineinleuchten und sorgfältigst nachspüren, ob er nicht irgendwo etwas antrifft, was mit dem Hochmute irgendeine Ähnlichkeit haben könnte. Wer etwas hochmutähnliches in seinem Inneren aufgespürt hat, der verabscheue es augenblicklich und strebe alsbald mit allen Kräften danach, daß er seines noch so gering scheinenden Hochmutes loswerde, sonst könnte dieser mit der Zeit zu wachsen anfangen und den sonst edlen Menschen geistig zugrunde richten. (3.Hi. Seite 478,34) Denn: „Der Weg zum Himmel ist ein gar enger,“ sagt Jesus, „und ist belegt mit allerlei Dornen. Das größte Dornenhindernis aber ist und bleibt der Hochmut und die ganze Legion seiner Abarten.“ (6.GEJ 236,11)

Da ist zunächst die Herrschlust. Da wollen die Menschen lieber befehlen als gehorchen und streben deshalb danach, ihren Mitmenschen gegenüber eine höhere Stellung einzunehmen. Eine herrschende Position zu haben, bringt so manche weltliche Vorteile mit sich, die aber zumeist geistige Nachteile nach sich ziehen. Denn durch das Herrschen wird der Mensch nur allzuleicht hochmütig, das heißt: Es kommt leicht ein Hochgefühl in sein Gemüt, das ihn sich als einen höheren und besseren Menschen als alle anderen fühlen läßt. „Versuche du“, sagt Jesus, „einem ärmsten Bettler eine Königskrone aufzusetzen, und du wirst dich alsbald überzeugen, wie seine frühere Demut und Geduld mit mehr denn Blitzesschnelle verdampft sein wird! Und es ist darum sehr gut, daß es sehr wenige Könige und sehr viele demütige Bettler gibt.“ (4.GEJ 83,2)

Durch Herrschen und Befehlen wird der Hochmut am meisten geübt und gefördert. Je mehr jemand in seiner Position zu sagen hat, um so gefährdeter ist er, herrschlustig und damit hochmütig zu werden. Wohl nur selten kann sich jemand, der eine mehr oder weniger herrschende und vor der Welt glänzende Stellung einnimmt, davon freihalten. Er muß sich sehr in acht nehmen, daß er nicht von der Erhabenheit des hohen Amtes in der Person mitgerissen wird, wo er dann sehr stolz und hochmütig würde und sich für einen besseren Menschen als die anderen hielte. (3.GEJ 165,15)

„Ein jeder Herrscher“, sagt Jesus, „wenn noch so gerecht, kann auf der Welt unmöglich das Hohe seines Standes in den Staub der Demut herabziehen. Er muß sich wie ein Gott förmlich anbeten lassen, ansonst er kein rechter Herrscher wäre. Das Reich Gottes aber kann nur von denen in Besitz genommen werden, die sich bis in die letzte und kleinste Lebensfiber gedemütigt haben. Wer auf der Welt eine nur geringe Stellung einnahm, dem ist es auch ein leichtes, in der Demut Tiefe hinabzusteigen. Aber nicht so für den, der den höchsten Gipfel menschlicher Würde und Größe in der Welt eingenommen hat. Wer am Meer wohnt, der hat nur wenige Schritte, und er befindet sich am Ufer der Segnungen des niederen Meeres. Wer sich aber noch auf einer höchsten Bergspitze befindet, wird bedeutend länger brauchen, bis er zum Strande des Meeres hinabgelangt. Die Herrscher befinden sich geistig auf solchen Höhen. Es braucht da mehr, um ans Meer zu kommen, als bei denen, die schon am Meer wohnen. David war ein König ganz nach dem Herzen Gottes, denn er war gut und recht. Und doch mußte er in der Geisterwelt mehrere hundert Jahre harren, bis die völlige Erlösung zu ihm kam.“ (d.h. bis aller Königsstolz vergangen war) (2.RB 211,6-8)

Der Herrschlust liegt die Rangsucht zugrunde, bei der ein Mensch einen höheren Rang anstrebt, als ihn seine Mitmenschen besitzen. „Diese Rangsucht“, sagt Jesus, „ist der eigentliche Hauptteufel bei den Menschen und ist mit dem Satan schon fast homogen.“ (EM 63,1)

Anlagen dazu bemerkt man schon bei den Kindern wenn sich eines vor dem andern hervortun will, denn schon einem Kinde gefällt es, wenn ihm von den übrigen gehuldigt wird. Besonders stark ist dieser Trieb beim weiblichen Geschlechte zu Hause. Da wird das Mädchen sich sehr bald schön finden und sich zu putzen anfangen, und wird schon in jungen Jahren gefallsüchtig. Alle sollen sie als die Schönste anerkennen. Diese sehr oft bei den Jungfräuleins auftauchende Eitelkeit ist nichts anderes als ein recht gesundes Samenkorn des Hochmutes. (5.GEJ 10,12)

„Bei den Knaben...“, sagt Jesus, „will ein jeder der Stärkere sein und mit seiner Kraft seinen Kameraden total besiegen und wird ihm auch womöglich ohne Gnade und Pardon mit seinen Händen und Füßen darüber nicht selten einen nahe mörderischen Beweis liefern, um nur als der Stärkste und deswegen der Gefürchtetste in der Knabengesellschaft dazustehen.

Bei solchen Anlässen merkt man die Gegenwart des satanisch-bösen Rangdämons gar leicht schon bei den Kindern.“ (EM 63,4-5) Und wenn dieser Dämon nicht sogleich bekämpft wird, so wird aus solch einem Mädchen am Ende gar eine Hure und aus dem Knaben ein Grobian, Raufer und überhaupt ein Mensch, dem nichts mehr als nur er sich selbst heilig ist. „Sie wissen bald alles besser als ein anderer, verstehen alles besser, und ihr Urteil muß das richtigste sein, bloß weil sie es von sich gegeben haben. Wer sich einem solchen Urteile nicht unterziehen will, der ist im glimpflichsten Falle ein Esel; in einem etwas mehr demonstrativen Falle aber wird er geprügelt. Das liegt alles an der Ranglust, nach der ein jeder der Vorzüglichere sein will, und wenn er auch wirklich der Allerletzte wäre... Dieser allerböseste Teufel im menschlichen Fleische ist die Quelle alles Übels unter dem menschlichen Geschlechte und ist vollkommen gleichartig mit der untersten und tiefsten Hölle, denn in ihm sind alle Übel vereinigt.“ (EM 63,8+10-11)

Ohne rangsüchtige Menschen hätte es nie einen Krieg gegeben. (EM 63,12) Kein anderes Laster kann so viele in sein Verderben ziehen wie dieses. Ein einziger Mensch kann Millionen mit hineinziehen und seinem Rangsuchtsdämon unterstellen. Jesus erklärt uns in Erde und Mond, wie das zustande kommt. Er sagt: „Ein Mensch, der sehr viel dieses Dämons in sich hat, wird sich bald Unterwürflinge bilden, anfangs unter dem Namen ‘Freunde’, aber diese Freunde werden aus lauter Freundschaft das tun müssen, was ihr gebietender Hauptfreund will, und das darum, weil er sie in seinen rangsüchtigen Dämon hinein gezogen hat. Diese seine Freunde werden wieder Freunde wählen und in den nämlichen Dämon hineinziehen, in den sie selbst hineingezogen wurden. Dadurch aber wird der Haupträdelsführer schon ein Oberhaupt, und weil die Sache gut geht, so fängt er an zu gebieten, und sein Dämon wird bald Tausende in sein Garn ziehen, und sie alle werden tanzen, wie er pfeift.

So entstehen dann Dynastien. Da seht einer an der Spitze, diktiert und gibt Gesetze, wie sie ihm nur seine Laune gebietet, und Tausende müssen sie befolgen, ob unter blutigen Tränen, ob willig oder nicht willig, das ist gleich; denn wo einmal eine Macht sich zu einem Knäuel vereinigt hat, da scheitert jeder spezielle Widerstand, und Vernunft, Verstand und Weisheit müssen weichen, wo tyrannischer Despotismus den Thron bestiegen hat. Beliebt es dem Tyrannen, seine Untertanen blind zu haben, – er darf nur gebieten, daß ihnen die Augen ausgestochen werden. Und seine Helfershelfer, vom gleichen Dämon beseelt, tun ja alles, was der Gebieter wünscht. Aber es geschieht den Menschen recht, daß Tyrannen über sie herrschen; wenn sie gerade auch keine Tyrannen sind, so sind sie doch wenigstens hartnäckige Despoten, die aber ebenso wie der Tyrann den pünktlichsten Gehorsam fordern, den leisesten Widerspruch als eine Majestätsbeleidigung erklären und ihn – wenn nicht mit dem Tode, so doch wenigstens mit einem zeitweiligen, schweren Kerker bestrafen. Aber, wie gesagt, es geschieht den Menschen recht, daß es so ist. (EM 63, 12-13)

Wo liegt nun die Ursache, daß sich die Rangsucht unter den Menschen so sehr ausbreiten konnte? – Weil die Menschen das größte Wohlgefallen daran haben, eine hohe Stellung einnehmen zu können und diese auch für ihre Kinder erstreben. Jesus sagt dazu: „Die Menschen selbst haben Gott auf die Seite und ihren eigenen Hochmutsdämon auf den Thron gesetzt, und was sie einst taten, das tun sie noch; denn überall sorgen die Eltern ja bei ihren Kindern, daß sie etwas Besseres und Höheres werden als sie selbst. Der einfache Bauer, wenn er auch seinen Wunsch nicht ausführen kann, so hat er ihn doch wenigstens im Herzen, demzufolge sein Sohn ein großer Herr und seine Tochter, wenn sie nur irgend ein weicheres Gesicht hat, wenigsten eine Bürgersfrau in einer Stadt oder das Weib irgend eines Landbeamten werden möchte. Ein Schuster ist weit entfernt, seine Kinder sein Handwerk lernen zu lassen; und hat er eine etwas mehr schöne als häßliche Tochter, da wäre es keinem seines Handwerkes zu raten, sie zum Weibe zu verlangen, weil sie leicht eine Beamtenfrau, wenn nicht noch mehr werden kann. Der Schuhmacherssohn muß natürlich studieren und dann je mehr desto besser werden. Ist die Tochter eines solchen Toren wirklich eine Rätin geworden und der Sohn etwa gar ein Kriminalaktuar, dann darf es der Vater ja nicht gar zu keck weg  mehr wagen, sich seinen hochgestellten Kindern mit aufgesetztem Hute zu nahen. Es kränkt ihn zwar sehr, und er weint oft gar bittere Tränen, daß ihn seine Kinder nicht mehr kennen wollen; aber es geschieht ihm recht. Warum war er ein solcher Esel und hatte Freude daran, sich statt zwei Stützen für sein Alter nur zwei Tyrannen heranzubilden?!“ (EM 63, 14)

„Wer läßt denn die Kinder studieren? Die Eltern. - Warum? Damit die Kinder etwas werden sollen. - Und was sollen die Kinder werden? Ganz natürlich, wenn es möglich ist allezeit mehr als die Eltern; denn  überall heißt es: ‘Ich lasse meinen Sohn studieren, auf daß er einst entweder ein Geistlicher oder ein Staatsbeamter werden möchte, und wenn er es zu einem Hofrate oder gar zu einem Minister bringen könnte oder als Geistlicher womöglich zu einem Bischofe, so wäre es mir wohl am liebsten.’ Also spricht das Gemüt eines Vaters, und ebenso das Herz einer Mutter. Aber daß ein Vater sagen möchte: ‘Ich lasse meine Kinder nur darum studieren, daß sie sich recht nützliche Kenntnisse sammeln sollen, um dann mit weisem Vorteil das zu sein, was ich selber bin oder auch etwas Geringeres, aber gut und recht!’, das wird nicht leichtlich gehört werden, noch weniger Mein Wort: ‘Wer unter euch der Erste sein will, der sei der Letzte und euer aller Knecht.’

Das habe Ich geboten und siehe, kaum ein Bettler befolgt dieses Gebot; aber was der Satan befiehlt durch seinen Dämon, nach dem rennt klein und groß, Kind und Greis. Daher geschieht aber der Welt auch zehnmal und hundertmal recht, daß sie mit Schwert und Feuer tyrannisiert wird; denn sie hat ja selbst das größte Wohlgefallen daran.

Hört auf, aus den Kindern Tyrannen zu erziehen, und werdet selbst lieber die Letzten als die Ersten, dann werden die Tyrannen auf den Thronen bald allein dastehen; und weil ihr tief drunten stehen werdet, so werden auch sie tief herab von ihrer Höhe steigen müssen, um nicht auf selber verlassen zugrunde zu gehen.“ (EM 63,16-18)

„Wenn demnach die Menschheit samt und sämtlich herabstiege auf den Grund der Demut, da mag dann der Fürst mit Laternen seinesgleichen und seine Hoheitsanerkennung bei selben suchen, und er wird sie so wenig finden als geschliffene Diamanten in einem Flußschottergerölle. Sehet, das ist der Weg zur Glückseligkeit hier und jenseits; dadurch kann Menschheit und Fürst gebessert werden, - nicht aber durch Widerspenstigkeit, und noch weniger durch allerlei meuterische Aufstände gegen eine geordnete Macht.“ (EM 63,25-26)

„Wer andere bessern will, der bessere zuerst sich und lebe gerecht, – so werden die anderen ihm nachfolgen, wenn sie den Vorteil ersehen werden... Aber leider ist jedes Übel leichter als dieses auszurotten, und das darum, weil die Menschen selbst das größte Wohlgefallen daran haben; und ein jeder will lieber ein hochgeehrter Herr als im wahren Sinne des Wortes ein untergebenster Knecht und Diener sein.“ (EM 63,27+29)

Nicht nur ein großer Herrscher, auch ein kleinerer Amtsinhaber muß sich sehr in acht nehmen, daß er nicht stolz und hochmütig wird. Die Autorität eines Amtes springt gar leicht auf den Amtsinhaber über. Jesus sagt: „Wer von euch Menschen aber ein Amt hat, der bilde sich darauf ja nichts ein als Mensch,“ (3.Hi. Seite 490,97) denn es gibt Beamte, „die gewöhnlich auf ihre Amtswürde ein so großes Gewicht legen, daß sie die anderen, ihnen untergeordneten Menschen nicht selten für nahe weniger als nichts betrachten.“ (3.Hi. Seite 481,48)

„Ich will, daß ihr euch wegen eines Amtes nicht auch in euer Person über die anderen Menschen erheben sollet! Wohl sollt ihr allzeit euer Amt treu, gut und gerecht handhaben, - aber dabei niemals auch nur einen Augenblick vergessen, daß die, über welche ihr ein gutes Amt ausübt, vollkommen euch ebenbürtig und somit eure Brüder sind! Die wahre Nächstenliebe aber lehrt euch solches von selbst aus der wahren Liebe, die ihr als Kindlein zu Mir habt.

Wenn es nötig ist, da lasset das Ansehen und die Ehre eures Amtes walten; aber ihr selbst seid voll Demut und Liebe, so wird euer Gericht über eure verirrten Brüder und Schwestern stets ein nach Meiner Ordnung gerechtes sein! Ich sage dir: Wer da nicht abläßt vom kleinsten Stäubchen Hochmutes, dem wird in der Folge Mein Reich nicht geoffenbart werden im Geiste, und er wird nicht eher hineinkommen, als bis er das letzte Stäubchen Hochmutes wird aus sich geschafft haben!“ (3.GEJ 165,8-11)

Es ist schwer, ein hohes Amt zu haben und dabei dennoch im Herzen demütig zu sein. Nur des Herrn Gnade und große Erbarmung kann einen Amtsinhaber inmitten seines irdischen Ansehens auf dem Standpunkt der Ordnung der Himmel, also der Demut, erhalten. (3.GEJ 165,16) Zu Cyrenius, der seinem Amt einmal den Rücken kehren wollte, um allein nach der Lehre Jesu zu leben, sagte Jesus: „Du kannst auch bleiben, was und wer du bist, und stehst dem vor, dem du vorgestellt bist; aber nicht zu deinem Ansehen, sondern zum vielseitigen Nutzen der Menschen. Wer recht demütig ist und voll der reinen, uneigennützigen Liebe zu Gott dem Vater und zu allen Menschen und hat stets das rege Bestreben, allen Menschen, so möglich, zu dienen in der Ordnung Gottes, der schwimmt ganz wohlbehalten und bestverwahrt über die sonst gar so leicht todbringenden Fluten aller Weltsünden hinweg.“ (3.GEJ 13,3+10)

„Du kannst nicht dafür, daß ein römisches Reich dereinst entstanden ist. Nun ist es einmal da, und du kannst es nicht zunichte machen! Das Reich aber hat dennoch gute Gesetze, die zur Aufrechterhaltung einer Ordnung und zur Demütigung der Menschen recht wohl taugen. Dünkst du dich ein Herr zu sein, der über dem Gesetze steht und darum eine Krone tragen kann, so bist du auf dem falschen Wege für dich, wennschon nicht gegenüber den Menschen, die das Gesetz, das einmal sanktioniert ist, sowieso tragen müssen mit allen seinen Vor- und Nachteilen. Stellst du dich aber auch unter das Gesetz und betrachtest dich bloß als den vom Staate und von der Notwendigkeit aufgestellten Leiter und Ausfolger desselben, so stehst du am rechten Standpunkt!“ (3.GEJ 14,2)

Nicht nur durch das Ausüben einer höheren Position kann sich ein Mensch für vorzüglicher halten und damit hochmütig werden, auch die Reichen stehen in dieser Gefahr. Sie dünken sich meist um so viel mehr wert, wie sie reicher sind als andere Menschen und schauen verächtlich auf die Armen herab. Nicht daß niemand reich sein dürfe, Lazarus war reich und doch nicht hochmütig, weil er nach der Lehre Jesu lebte, denn er brauchte den Reichtum hauptsächlich nicht für sich, sondern verwaltete ihn für die Armen.

„Saget auch nicht,“ sagt Jesus, „dies Haus, dieser Grund und dieses Vermögen gehört mir. In meinem Hause bin ich der Herr, und auf meinem Grunde habe ich zu schaffen. – Seht, in solchen Äußerungen steckt eine große Portion Hochmut! Wahrlich, die also denken, reden und handeln, bei denen werde Ich nimmer Einzug halten, weil sie nicht Mich als den Herrn, dem allein alles wahrhaftigst und vollkommenst zu eigen ist, sondern nur sich als den Herrn ihrer ihnen von Mir nur auf eine sehr kurze Zeit geliehenen Sache ansehen.“ (3.Hi. Seite 491,102)

Wird ein reicher Mensch in seiner Pracht voll des Hochmutes, so begeht er eine mächtige Sünde gegen seine eigene Seele und gegen den göttlichen Geist in ihm und verdirbt sich und alle seine Nachkommen, die sich dann schon von der Geburt an für viel besser als alle anderen halten. (3.GEJ 14,11-12) „Eben darum“, sagt Jesus, „ist die Armut auf dieser Erde so überwiegend groß vor der Wohlhabenheit der Menschen, um dadurch den Hochmut gleichfort am scharfen Zügel zu haben!“ (4.GEJ 83,2) „Die Armut ist zwar eine gar große Plage für die Menschen, aber sie trägt den edlen Keim der Demut und wahren Bescheidenheit in sich und sie wird darum auch stets unter den Menschen verbleiben.“ (4.GEJ 79,3)

Es gibt noch viele andere Gelegenheiten und Situationen, in denen sich ein Mensch für vorzüglicher als alle anderen halten kann, wodurch er dann sehr stolz und hochmütig wird. „Wenn jemand recht viel gelernt hat“, sagt Jesus, „und hat seinen Verstand mit recht tüchtigen Wissenschaften ausgerüstet, so daß andere, ungelehrte Menschen im Fache des Wissens als bare Nullen gegen ihn sich verhalten, und wenn es nun einem Ungelehrten einfiele, dem Hochgelehrten gegenüber zu behaupten, daß er auch etwas verstehe und es sogar eine Schande wäre, so jemand, der... zwanzig Jahre nichts als studiert hat und sich mit Wissenschaften über Wissenschaften beschäftigte, nicht mehr verstünde als einer, der dazu weder Vermögen noch Gelegenheit hatte, – ja da wäre es aus beim Herrn Doktor! Der würde so einem naseweisen Lümmel ganz kurios begegnen und ihm zeigen, ob er das Recht habe, ihm gegenüber solch impertinente Bemerkungen zu machen.

Seht, das ist schon wieder Hochmut, der aus dem Herrn Doktor statt des Segens nur einen Fluch für die arme Menschheit zieht. Wieviel Gutes könnte ein demütiger Gelehrter stiften, und wie gesegnet wären alle seine Arbeiten, die er mit Mir zum Frommen der armen Menschheit vollführte! Wie würde er wahrhaft geschätzt, geliebt und gesucht sein!

Ja, je weniger er aus sich machte, desto mehr würden die anderen aus ihm machen. – Aber nein, der Hochmut als Eigendünkel der meisten Gelehrten versengt und verbrennt all das Edle und Gute, das aus ihnen hätte hervorgehen können, da er sie, je älter und größer er (der Hochmut) wird, für die arme und bedürftige Menschheit ganz unzugänglich macht.“ (3.Hi. Seite 480,45-481,47)

„Also gibt es noch ferner wirklich recht gute Menschen, die das Glück haben, mit recht guten und schönen Kindern begabt zu sein. Auf diese Kinder, besonders so sie schon erwachsen sind, bilden sie sich aber dann schon einen solchen Fleck ein, daß es gerade aus ist. Solche Kinder finden dann nach der starken Einbildung ihrer Eltern schon kaum wo ihresgleichen. Sind die Eltern, was sehr oft der Fall ist, auch noch recht wohlhabend dazu, dann haben sie natürlich einen desto größeren Wert.

Aber solche Überschätzung der Kinder ist nicht Meiner Ordnung gemäß und daher Mir nicht im geringsten wohlgefällig; denn die rechte Liebe der Eltern zu ihren Kindern solle sein wie ein rechtes Licht und die Liebe zu den armen Kindern anderer, armer Eltern wie ein großer Feuerbrand, dann wird sie sich Meines allzeitigen und ewigen Wohlgefallens und Segens zu erfreuen haben. Aber solch eine Liebe, wie sie oben gezeigt wurde, ist Mir sehr zuwider, daher Ich sie auch nie segnen werde weder hier noch dort.“ (3.Hi. Seite 489,95-96)

Ein hochmütiger Mensch ist auch sehr ehrsüchtig und erwartet von den anderen Menschen, gelobt zu werden oder Beifall zu bekommen. Wird diese Erwartung nicht erfüllt oder wird er sogar kritisiert, so ist er zutiefst gekränkt. Jesus sagt: „Wer von sich selbst in was immer eine zu gute Meinung hat, der verlangt, daß auch andere von ihm das meinen sollen. Nun aber setzen wir den Fall – der sich leider nur gar zu oft ergibt –, daß andere solch eine ihre eigenen Fähigkeiten überwiegende Vortrefflichkeit anerkennen und sehr beloben, so wird dann der vortreffliche A noch lobbegieriger. Er wendet bald alles an, um seine Vortrefflichkeit noch mehr zu heben. Es gelingt ihm, er wird ein Virtuose, will dann schon viel mehr Weihrauch. Man streut ihm Blumen und Kränze. Er fühlt sich als eine Art Gott, wird am Ende selbst von Bewunderung über sich, sozusagen, ganz hingerissen. Und wenn dann aber etwa doch jemand so keck wäre und sagte zu ihm: „Freund! Du überschätzest dich, es ist nicht soviel an dem, was du bist und leistest. Siehe, einige interessierte Lobhudler und Weihrauchstreuer haben dich mit ihrem ganz leeren Lobgequake trunken und verwirrt gemacht, und du warst so uneinsichtig und nahmst ein glänzendes wertloses Geflitter für bares gediegenes Gold an. Werde aber nun nüchtern und beschaue deine vermeinte außerordentliche Vortrefflichkeit mit klaren Augen, und du wirst finden, daß daran neun Zehntel rein zu verwerfen sind.

Auf solch eine recht weise Belehrung wird dann der vortreffliche A erbost und wird dem recht weisen Belehrer auf eine Art übers Maul fahren, wie man zu sagen pflegt, daß sich dieser für alle Zeiten den Gusto wird vergehen lassen, ihm je wieder einmal mit einer weisen Belehrung zu kommen. – Und seht, so wuchert dann der Hochmut fort und verzehrt endlich alles Edle, was sonst der Geist vermöge seiner besseren und ausgezeichneteren Talente hätte zum Frommen vieler schwächer begabter Menschen zustande bringen können.“ (3.Hi. Seite 479,42-44)

„Ich sage euch: Suchet, sei es in was immer, nie die Ehre der Welt; denn diese ist eine Pest für Seele und Geist, und ihre Folgen kommen früher oder später, die Erde verheerend, zum Vorschein.“ (3.Hi. Seite 481,52)

Nicht alle Menschen sind Inhaber einer herrschenden Position, nicht alle haben einen besonders guten Beruf, es sind auch nicht alle reich und die meisten haben keine herausragende Fähigkeit, mit der sie vor den anderen Menschen glänzen können. Da sollten sie doch eigentlich demütig sein. Sie werden auch, indem sie in dieser Welt klein sind, von Gott in der Demut gehalten. Sie sind dadurch auch viel demütiger, als wenn sie in der Welt groß gewesen wären. Aber völlig demütig sind sie dadurch zumeist noch nicht, denn wenn sie es auch in der Wirklichkeit nicht sind, so wünscht sich aber doch so mancher in seinem Herzen, ein Großer zu sein. Sie stellen sich in ihrer Phantasie vor, wie das wäre, wenn sie ein Herrscher wären. Oder sie stellen sich vor, reich zu sein und malen sich in ihrer Phantasie aus, was sie sich alles anschaffen würden, wenn sie genug Geld hätten. Oder sie malen sich aus, sie hätten eine herausragende Fähigkeit, wegen der ihnen von anderen Menschen zugejubelt wird. Und manch einer, der von seinem Vorgesetzten gedemütigt worden ist, kostet es so richtig aus, wenn er sich vorstellt, wie er seinen Chef demütigen kann. - Das ist alles noch Hochmut, der zwar nicht in der Tat ausgeführt wird, sich aber doch noch im Herzen befindet.

Auch der Eifersucht liegt der Hochmut zugrunde, denn ein Eifersüchtiger hält sich im Grunde für mehr wert als den anderen, auf den er eifersüchtig ist und erwartet deshalb von dem, den er sehr liebt, am meisten wiedergeliebt zu werden. Ein völlig demütiger Mensch ist mit allem zufrieden. Würde sich der Eifersüchtige völlig demütigen, so wäre er nicht mehr eifersüchtig, sondern würde es mit Geduld ertragen, so er von dem ihm lieben Menschen weniger wiedergeliebt würde und dieser den anderen mehr liebte.

„Lachet auch nicht zu gewaltig über so manche Dummheit der Schwachen“, sagt Jesus, „denn auch in einem solchen Lachen liegt der eigene Hochmut versteckt und erbittert das Herz des Ausgelachten oft mehr als eine ganz ernste Rüge. Also seid auch keine Freunde von den sogenannten Bonmots (geistreiche witzige Worte) und anderen beißenden Reden und Bemerkungen, wodurch bestimmte Menschen heruntergemacht werden. Denn darin liegt auch wieder Hochmut als ein Grundübel aller Übel.“ (3.Hi. Seite 490,99) Es zeugt auch ganz und gar nicht von Demut, wenn über einen anderen in einer ihn herabsetzenden Weise gesprochen wird. Da erlebt jemand, oder er hört es von anderen, wie sich ein Mitmensch unrecht oder lieblos verhalten hat und erzählt das Dritten weiter. Da stellt sich dann der Erzähler nicht unter, sondern über den Beschuldigten und macht ihn, manchmal auch zu Unrecht, hinter seinem Rücken schlecht und das ist weder Liebe noch Demut.

Unter den religiösen Menschen kommt der geistige Hochmut recht oft vor. Das ist ein ihn erhebendes Besserseinsgefühl, das sich in das Herz einschleicht, wenn ein Mensch z.B. tiefe göttliche Weisheiten von sich geben kann oder wenn er schon einige Siege über die Sünde errungen hat oder wenn er meint, in der Heiligung oder Wiedergeburt schon weit fortgeschritten zu sein.

„Es würde aber jemand sein“, sagt Jesus, „der sonst gerecht wäre und niemand zu ihm sagen könnte: Siehe, dieser und jener Sünden hast du dich schuldig gemacht, – aber er täte sich darauf viel zugute und achtete sich für viel besser als jene, die er als grobe Sünder erkennt. Wahrlich, da nützete ihm alle seine Gerechtigkeit nichts. Denn da er sich auf seine Gerechtigkeit und Unbescholtenheit etwas zugute täte, so wäre er schon vom Hochmute befangen und somit vor Mir schlechter als einer, der sein Leben lang – aber natürlich ohne allen Hochmut – in seinem Fleische gesündigt hätte, was an und für sich wohl auch eine starke Sünde ist, aber selbst mit dem geringsten Hochmute in gar keinem Vergleiche steht.“ (3.Hi. Seite 478,33) Das sollten wir uns fest einprägen: Der geringste Hochmut ist bei weitem schlechter als jede andere Sünde für sich allein genommen, ohne den Hochmut. Wenn z. B. jemand eine Fleischessünde begeht, ohne dabei nur im geringsten hochmütig zu sein, der hat wohl gesündigt, aber diese Sünde ist im Verhältnis zur gleichen Sünde, auch wenn nur ein einziges Atom Hochmut hinter dieser Sünde stand, verschwindend gering.

Wie leicht sich Menschen, die sich der fleischlichen Sünden enthalten können, über diejenigen erheben, die das nicht können oder wollen, zeigt uns Jesus an einem Beispiel und sagt: „Manche Menschen beiderlei Geschlechts haben gewisserart von Geburt an ein züchtigeres Fleisch und enthalten sich demnach auch um vieles leichter von all den sinnlichen Gelüsten des Fleisches. Diese Menschen triumphieren dann aber gewöhnlich nicht über sich selbst, sondern hauptsächlich über ihre Nebenmenschen, deren Natur nicht aus so keuschen Substantialspezifiken zusammengesetzt ist. – Diese also um vieles leichter keusch lebenden Menschen aber verachten dann gewöhnlich diejenigen, die es wirklich einen großen Kampf kostet, um sich der fleischlichen Werke zu enthalten. Ja, solche Menschen können oft beim besten Willen nicht das in die Ausführung bringen, was den andern ein leichtes ist.

Wenn nun solche sich der fleischlichen Werke leicht enthaltenden Menschen über die in diesem Punkte Schwachen sich lustig machen, sie schmähen, oft verfluchen und ihnen die Hölle an den Hals schleudern, da sie sich natürlich für besser und unfehlbarer halten als ihre schwächeren Brüder und Schwestern, – da verfallen solche fleischlich ohne ihr besonderes Verdienst Reineren schon dem Hochmute und sind dadurch schon bei weitem größere Sünder in sich selbst als ihre schwachen Nebenmenschen.“ (3.Hi. Seite 479,40-41) Den Schwachen, die sich wohl auch der fleischlichen Werke enthalten wollen, denen es aber trotz eines großen Kampfes lange Zeit hindurch nicht gelungen ist, sind oftmals wieder in die Sünde zurückgefallen. Das hat sie demütig gemacht, weshalb sie vor Gott bei weitem besser dastehen als die fleischlich Reineren.

Dem himmlischen Vater ist ein Sünder, der in seiner Schwäche gegen seine Sünden gekämpft und am Ende doch gesiegt hat, wegen seiner größeren Demut ums Tausendfache lieber, als ein Gerechter, der sich stark wähnt, weil ihm der Sieg ein leichtes war. Wer einen leichten Sieg errungen hat, ist stolz auf seine Stärke, wer aber viel gesündigt und erst nach schweren Kämpfen gesiegt hat, der ist demütig, denn er hat keinen Grund, stolz zu sein. Deshalb verläßt der himmlische Vater als der gute Hirte lieber 99 gerechte Schafe, um das hundertste zu suchen, das verloren gegangen ist. Den verlorenen Sohn haben seine Fehler und Sünden demütig gemacht, so daß er nur noch Tagelöhner im Hause seines Vaters sein wollte. Wer auf seine vermeintliche noch so große Gerechtigkeit wie der Pharisäer, der im Tempel betete, nur im geringsten stolz ist, ist bei weitem schlechter als ein großer Sünder, der durch seine Sünden, wie der Zöllner, demütig geworden ist. (2.Hi. Seite 189,5-18) Maria, die Leibesmutter Jesu sagte: „Das gerechte Leben ist nicht unser, sondern des Herrn, und ist eine Gnade! Wer da aus sich gerecht zu leben glaubt, der lebt vor Gott sicher am wenigsten gerecht; wer aber stets seine Schuld vor Gott bekennt, der ist es, der da gerecht lebt vor Gott.“ (JJ 6,28-29)

Wer ein gewisses Kraftgefühl in sich verspürt und sich für stark genug fühlt, aus eigener Kraft siegreich in geistiger Hinsicht fortschreiten zu können, der hat die rechte Demut noch nicht in sich. Jesus sagt: „Dieses Kraftgefühl ist aber oft nichts anderes als ein geistiger Hochmut, der sich vorgedrungen vor anderen Menschenbrüdern fühlt und daher etwas Außergewöhnliches leisten möchte zur eigenen Eitelkeitsbefriedigung oder auch aus Bewunderungssucht vor anderen. Hütet euch daher vor diesen Trieben; denn Meine Anhänger sollen arm im Geiste sein, wie ihr wisset, damit sie eben alles von Mir erhalten und Gott wahrhaft schauen können! Die aber, welche sich geistig reich wähnen, das sind eben die, welche meinen, Vollendete zu sein, mit ihrer Selbstüberwindung prunken und voll des geistigen Hochmutes werden.“ (11.GEJ 51,10)

Der Gefahr des geistigen Hochmutes sind besonders die Menschen ausgesetzt, die Schauungen haben oder prophetische Worte bekommen, denn ein gewisses prophetisches Hochgefühl kann gar leicht zu einem Hochmütlein werden. (5.GEJ 141,6) Diese meinen oftmals, besonders weit fortgeschritten zu sein, doch haben diese Fähigkeiten sehr oft natürliche Ursachen, ohne daß eine große Fortgeschrittenheit in der Wiedergeburt vorhanden ist. Thomas von Kempen sagt: „Glaube nicht, irgendwie fortgeschritten zu sein, wenn du dich nicht als der Mindeste von allen fühlst.“ (NCh)

Damit Paulus sich nicht der hohen Offenbarungen, die er vom Herrn bekam, überheben konnte, wurde ihm ein Pfahl ins Fleisch gegeben. Denn: „Was ist wohl leichter, als sich in einem hohen (von Gott gegebenen) Amte zu überheben und sich für besser zu halten denn alle seine Brüder, denen ein solches Amt nicht zuteil ward? Was aber ist für des Menschen Geist wohl auch gefährlicher als eben solch eine gar leicht mögliche Überhebung?! Darum also war es auch für Paulus und jeden seines Amtes nötig, eine beständige Mahnung im Fleische zu haben.“ (2.Hi. Seite 190,11-12) Paulus aber bat den Herrn dreimal, daß Er ihn von dieser Probe befreien solle. Da sprach Jesus zu ihm: „Laß dir an Meiner Gnade genügen, denn Meine Kraft wird in der Schwachheit vollendet.“ Daraufhin sprach Paulus: „Also will ich mich am liebsten meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Darum habe ich Wohlgefallen an Schwachheiten, an Mißhandlungen, an Nöten, an Verfolgungen, an Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ (2.Kor. 12,9-10) „Warum denn also? – Weil Paulus wohl wußte“, sagt Jesus, „daß Ich dem Schwachen und dadurch Demütigen stets näher bin als einem Starken oder sich wenigstens törichterweise für stark Wähnenden!“ (2.Hi. Seite 190,14)

„Wen der Herr aber berufen hat,“ sagt Henoch, „vor den Brüdern von Seiner unendlichen Liebe zu zeugen, der zeuge immerhin, aber stets in der allerhöchsten Demut seines eigenen Herzens, stets eingedenk, daß man nur ein allernutzlosester Diener ist, den der Herr nur gar zu leicht rathalten kann! Wehe aber dem, der darob glauben würde, er sei mehr denn seine Brüder, oder der Herr habe seiner nötig; wahrlich, ein solcher Frevler wird seinem eigenen Gerichte nicht entrinnen!“ (1.HG 83,17-18) „Wer da predigt, der sei geringer denn alle seine Brüder, so wird er zeugen, daß er wahrhaft ein Diener der Liebe ist! Wer das Wort des Herrn aus dem Munde eines Bruders vernimmt, der danke dem Herrn für die unaussprechliche Gnade; der Prediger aber bedenke bei sich, daß er der Allerunwürdigste ist, und halte jeden seiner Brüder für besser denn sich, so wird er sein Herz bewahren vor dem Hochmute, welcher ist des Todes Vater!“ (1.HG 83,20-21)

Es kann ein Mensch, der sich um Demut bemüht, schon recht viel Hochmut abgelegt haben und hat doch noch nicht den Grund der Demut erreicht. Der Grund der Demut oder des Hochmutes liegt bei jedem Menschen in seiner Ehre. Jesus sagt: „Es läßt sich aber der Hochmut der Menschen nirgends in einem so hohen Grade merken als gerade dort, wo es sich um die Vergebung des vermeintlichen Standesansehens handelt. Ich könnte eine Million und abermals eine volle Million Menschen vorführen, die sogar recht sanft, liebreich, mildtätig und voll Gerechtigkeit sind. Ja, ihr Gerechtigkeitssinn geht oft so weit, daß sie es für ein großes Verbrechen hielten, jemanden auch nur um eine Sperrnadel Wertes zu hintergehen; aber nur bei der Ehre ihres Standes darf sie beileibe niemand angreifen – dann ist es aus!“ (3.Hi. Seite 488,85-86)

Wessen Herz noch voll Hochmutes ist, der wird nach einem demütigenden Stoß alsbald in Zorn geraten (Fl. 9,26) und nach Vergeltung oder Rache sinnen. Wessen Herz aber nur noch wenig des Hochmutes in sich hat, der wird seinem Beleidiger wohl vergeben. „Vergeben sie (aber)“, sagt Jesus, „aus einer Art Großmut dem Betaster ihrer Ehre auch sozusagen ganz und gar, so bleibt aber dennoch etwas zurück, das dem Betaster ihrer Ehre heimlich denn doch gemerkt wird. Und wäre er auch ehedem des Hauses bester Freund gewesen und hätte die an ihrer Ehre Gekränkten auch tausendmal um Vergebung gebeten, so wird er aber dennoch nimmermehr ganz imstande sein, jenen Fleck vollkommen auszulöschen, den er entweder durch eine Unbesonnenheit oder auch im Wege früherer zu intimer Vertrautheit dem Hause zugefügt hatte.

Man will zwar darüber ganz hinausgehen und tun, als wäre da nie etwas vorgefallen, aber dessenungeachtet wird man im Reden doch kürzer gefaßt. Man macht sich nicht mehr soviel daraus, so der Freund auch längere Zeit nicht ins Haus kam. Man erkundigt sich seltener nach seinem Befinden und dergleichen mehr.

Worin liegt aber da der Grund von solch einem Benehmen? Sehet, daran sind bloß drei Atome Hochmutes schuld, und diese drei Atome genügen, daß Ich bei solchen Menschen, mögen sie sonst auch von einer sehr schätzbaren Art sein, so lange nicht werde einziehen können, als bis nicht das letzte Atomchen Hochmutes aus ihren Herzen weichen wird.“ (3.Hi. Seite 488,87-89)

Hinter jeder Beleidigung, sowohl von Seiten des Beleidigers als auch von Seiten des Beleidigten steckt der Hochmut. (3.HG 103,4) Derbe Zurechtweisungen sind nie ganz in der Ordnung, weil sie im Hintergrund nicht die Liebe, sondern einen versteckten Hochmut haben. (3.GEJ 59,2) Dazu gehört auch, jemandem ins Gesicht zu sagen, er sei hochmütig. Ebenso ist auch derjenige noch nicht vom Hochmut befreit, der auf eine Zurechtweisung sehr empfindlich reagiert und den schon eine Kleinigkeit beleidigt. Ein völlig demütiger Mensch aber vergibt sofort, ja er nimmt von vornherein nie irgend etwas von seinen Mitmenschen als eine Beleidigung an.

„Ja“, sagt da jemand, „soll ein Mensch denn gar kein Ehrgefühl haben (und jede Beleidigung schweigend erdulden)?“ „O ja,“ sagt Jesus, „der Mensch kann allerdings ein Ehrgefühl haben, aber das muß von der edelsten Art sein! Hat dich irgendein noch schwachgeistiger Mensch (der in der Liebe und Demut noch schwach ist) beleidigt, so werde ihm darum nicht gram, sondern gehe hin und sage zu ihm: ,Freund, mich kannst du mit nichts beleidigen; denn ich liebe dich und alle Menschen! Die mir fluchen, die segne ich, und die mir Übles tun, denen tue ich nach allen meinen Kräften nur Gutes! Aber es ist nicht fein, daß ein Mensch den andern beleidigt; darum unterlasse das für die Folge zu deinem höchst eigenen Heile! Denn du könntest bei deiner stets wachsenden Beleidigungssucht einmal an einen kommen, der dir die Sache sehr übelnähme und dir dann große und gewiß sehr unliebsame Ungelegenheiten bereiten könnte, und du müßtest es dann nur dir selbst zuschreiben, daß dir Unangenehmes begegnet ist!‘

Werdet ihr mit einem, der euch beleidigt hat, ohne den geringsten Groll im Herzen also reden, so habt ihr das edle und göttliche Ehrgefühl in eurem Herzen vollkommen gerechtfertigt. Sowie ihr aber darob noch so eine Art kleinen Grolles in euch merket und werdet auf den Menschen bitter und unfreundlich, so ist das noch eine Folge eines kleinen, in eurer Seele verborgenen Hochmutes, der allein noch lange gut genügt, die Vereinigung eurer Seelen mit Meinem Lichtgeiste in euch zu verhindern.“ (5.GEJ 125,5-6)

Ein Atom Hochmut genügt, die Wiedergeburt des Geistes in der Seele zu verhindern. Wird ein Mensch in seiner Ehre gekränkt, und er empfindet gegenüber dem Beleidiger seiner Ehre schon von Anfang an keinen Groll in seinem Herzen und kann über ihn nur Gutes denken und reden und kann ihm Gutes tun, wenn sich ihm die Gelegenheit bietet, (3.GEJ 8,6) so ist er wahrhaft demütig.

Wir haben nun durch das neue Wort des himmlischen Vaters gesehen, was alles Hochmut ist und welchen Wert die Demut vor Ihm hat. Wir sind bestürzt, daß wir noch so manchen Hochmut an uns selbst entdeckt haben und können nur bitten: „Jesus, Du unser lieber Vater, der Du den Hochmütigen widerstehst, den Demütigen aber Gnade verleihst, vertreibe allen Hochmut aus meinem Herzen, damit ich zu den geistlich Armen, zu den Demütigen gehören darf. Laß mich willig in Deine Schule gehen, die mich wahrhaft demütig machen kann. Laß mich ein Nichts werden, damit Du mir alles sein kannst. Amen.“

 

Quellenverzeichnis 

GEJ                      Das große Evangelium Johannes, Jakob Lorber, 10 Bände, 1981-1986

11.GEJ                 Das große Evangelium Johannes, Band 11, Leopold Engel, 1987

HG                       Die Haushaltung Gottes, Jakob Lorber, 3 Bände, 1981

JJ                         Die Jugend Jesu, Jakob Lorber, 1996

RB                       Von der Hölle bis zum Himmel, (Robert Blum), Jakob Lorber, 2 Bände, 1963

Hi.                        Himmelsgaben, Jakob Lorber, 3 Bände, 1935-1993

EM                       Erde und Mond, Jakob Lorber, 1953

Fl.                        Die Fliege, Jakob Lorber,1979

NCh                     Die Nachfolge Christi, Thomas von Kempen

                                                                                                                                                                                                                                                                                          

 

Das Größte ist die Demut (Demut Teil 2)

 

Einst fragten die Jünger den Herrn: „Herr, Du hast uns nun viel erzählt von der eigentlichen Gestalt des Himmelreiches, und wie es dort verschiedene Stufen der ewigen Glückseligkeit gibt, von denen einige Gott am nächsten, andere von Gott entfernter und wiederum welche gewisser-art von der Gnadensonne am entferntesten abstehen. Wir fanden das ganz richtig und jeder reinen Vernunft gemäß; denn es muß auch in den Himmeln Unterschiede geben, sowohl in der Form, als in den verschiedenen Stufen der Seligkeit und der Seligen. Wir möchten aber nun von Dir erfahren, wer denn einst in Deinen Himmeln der Erste sein wird und, wie man sagt, natürlich nach Gott der Größte.“ (Matth.18,1)

Es waren aber in der Nähe mehrere kleine Kinder; von denen Jesus eines zu Sich rief, stellte es in die Mitte der fragenden Jünger (Matth. 18,2) und sagte zu ihnen: „Wahrlich, so ihr euch nicht umkehret von solchen weltlich hochtrabenden Gedanken und nicht werdet ebenso demütig wie diese Kinder, da kommet ihr selbst, obwohl ihr nun Meine Jünger seid, nicht in das Himmelreich hinein! (Matth.18,3) Wer sich selbst erniedrigt wie dieses Kind und keine Spur irgendeines Hochmutes in sich verspürt, der ist der Größte im Himmelreiche; (Matth.18,4) denn nur die wahre Demut eines reinen Herzens bestimmt allein den Seligkeitsgrad in den Himmeln.“ (5.GEJ 244,1-3)

Aus dieser Antwort des Herrn geht hervor, wie nicht das Groß-sein-wollen, sondern das Klein-sein-wollen oder der Geringste-sein-wollen die wahre Größe der Gotteskinder ausmacht. Deshalb ist die Demut ein gar überaus wichtiges Lebensfeld, auf dem man erst ganz zur vollen Wiedergeburt des Geistes in seiner Seele gelangen kann. In einer jeden Seele liegt beständig ein Hoheitsgefühl und Ehrgeiz, der bei der geringsten Gelegenheit und Veranlassung sich nur zu leicht zu einer alles zerstörenden Zornleidenschaft entflammt und nicht eher zu dämpfen oder gar vollauf zu löschen ist, bis die Beleidigung vergolten und der Rachedurst gestillt ist. Durch diese gräßliche Leidenschaft aber wird die Seele so zerstört und von Materie voll, daß sie für eine innerliche, geistige Vollendung fast völlig untauglich wird. (4.GEJ 82,1-2)

Dem Hochmut liegt der Ehrgeiz zugrunde, bei der sich jemand vor den anderen hervortun will. „Darum hüte sich ein jeder vor dem Ehrgeiz,“ sagt Jesus, „weil er der Vater des Neides, der Selbstsucht und am Ende, wenn er seine Nahrung findet, des dicksten Hochmuts ist, der in der Hölle seine Urheimat hat!“ (6.GEJ 236,12) „Der Hochmut, wie immer geartet er auch sein möchte und von wo immer er seinen Ursprung nehmen mag, ist für Seele und Geist eine allergiftigste Stickluft aus der Hölle, durch die in kurzer Zeit alles Leben zugrunde gehen muß.“ (3.Hi. Seite 478,35) und „Es ist des Satans Lust, die blinden Menschen durch den in sie eingepflanzten Hochmut von der Ordnung Gottes soweit als möglich wegzubringen.“ (3.GEJ 207,7) „Daher hütet euch alle vor allem vor dem Hochmut; denn nichts in der Welt zerstört die Seele mehr als der stets zornschnaubende Hochmut und Stolz!“ (4.GEJ 82,7)

„Der Hochmut treibt die Seele mit aller Gewalt in ihres Leibes Fleisch, und diese, sich in sich selber stets mehr und mehr aufblähend, wird dadurch ordentlich völlig eins mit ihrem Fleische und kann in solch einem Zustande dann nichts anderes fühlen und empfinden als den Tod des Fleisches. Wo aber die Seele von ihrem Hochmute absteht und sich demütigt, da isoliert sie sich auch stets mehr von ihres Leibes grobem Fleische und steht mit demselben nur allein durch den ihr verwandten Nervengeist im Verbande. Ist das bei einer Seele einmal eingetreten, dann wird sie auch schon lebensfühlend in sich werden, und bestrebt sie sich, auch mehr und mehr in der Nächstenliebe und dadurch auch in der reinen Liebe zu Gott, den sie in ihrer Demut auch bald und leicht finden wird, recht tüchtig zu werden, so ruft sie dadurch auch ihren jenseitigen Geist aus Gott wach und fängt an, sich mit demselben zu einen. Wenn das aber einmal vor sich geht, dann geht sie schon in das vollkommene, ewige Leben ein und wird dadurch Gott ähnlicher und ähnlicher in allem, und das ewige Leben ist in ihr zur großen Klarheit geworden.“ (6.GEJ 111,4-5)

Erst mit der vollen Demut kann der Mensch zur Wiedergeburt des Geistes in seiner Seele gelangen, (4.GEJ 82,1) denn die Demut selbst ist nichts anderes, als das sich stets mehr und stärkere Kondensieren des Lebens. Erst wenn das göttliche Leben in der Seele genügend verdichtet ist, kann der Geist in der Seele geboren werden. Der Hochmut aber ist ein stets lockereres Gestalten und sich ins Endloseste hin auseinander Zerstreuen und am Ende nahe gänzliches Verlieren des Lebens und das ist der zweite oder geistige Tod. (4.GEJ 95,1)

Jesus sagte: „Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen; auf daß ihr Kinder eures Vaters im Himmel seid.“ (Matth. 5,44-45) Wer über seine Beleidiger nicht schimpft, auch nicht in Gedanken, sondern ohne den geringsten Groll im Herzen über sie nur Gutes denken und reden und ihnen Gutes wünschen oder sogar tun kann, der liebt seine Feinde und segnet, die ihm fluchen. Wer das kann, der ist erst ein wahres Kind des Vaters im Himmel. Jesus sagt: „Jeder, der seinem Bruder zürnt, wird dem Gericht verfallen sein... Wer aber sagt: Du Narr! (wer also jemandem ein Schimpfwort an den Kopf wirft) wird dem höllischen Feuer verfallen sein“, (Matth. 5,22) nämlich dem höllischen Feuer im eigenen Herzen. Wie leicht passiert es uns bei einer Autofahrt, daß wir durch das Verhalten eines anderen Autofahrers gereizt werden, und schon haben wir einen kleinen Groll gegen ihn im Herzen und ein Schimpfwort in den Gedanken oder gar auf der Zunge. Wer diese Unart bei sich feststellt, der kann daraus erkennen, daß er vom Hochmut noch nicht ganz frei ist.

„Meine lieben Kindlein“, sagt Jesus, „lasset beiseite, was nur immer den Namen Ärger hat! Denn seht, aller noch so geringe Ärger entstammt der Hölle und verträgt sich nie mit der reinen Natur Meiner himmlischen, noch kleinen Kindlein, als wie ihr es nun noch seid. Ihr müßt euch überhaupt über gar keine Erscheinung, wie böse sie auch immer aussehen mag, auch nur im geringsten ärgern. Denn das Ärgern der Kinder der Himmel verleiht der Hölle einen Vorschub und gibt ihr Stoff zum Wiederärger, den sie nur zu leicht und zu bald vergrößert und in einen neuen Wirkungsstand setzt.“ (2.RB 169,6) Jeglicher Ärger ist ein Abkömmling des Zornes und der Rache. (3.GEJ 59,8) Wer Böses mit Bösem vergilt, der ist vom Rachedurst noch nicht frei. Hören wir nicht ab und zu jemanden sagen, oder denken wir nicht manchmal selbst noch so, wenn uns jemand etwas angetan hat: „Das zahle ich ihm heim“ oder: „Das soll er mir büßen?“ - Das sind alles noch Rachegedanken, hinter denen größter Hochmut steckt. Wer weniger hochmütig ist, der sagt oder denkt von jemandem, der ihm ein Unrecht zugefügt hat: „Das müßte er auch einmal erleiden, dann weiß er wie das ist.“ Ein Demütiger aber sagt oder denkt: „Der Herr vergelte es dir nach Seinem Willen“ und stellt es dem Ratschluß Gottes anheim, ob und was ihm geschehen soll. Wer dann noch für den, der ihm ein Unrecht zugefügt hat, beten kann, wie Jesus am Kreuz gebeten hat: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ und ihm freudigen Herzens Gutes tun kann, der ist dann schon groß in der Demut. Jesus sagt: „Zorn und Rache muß aus euren Herzen weichen, an ihre Stelle muß Erbarmung, Güte und Sanftmut treten. Wo das der Fall ist, da ist die volle Gottähnlichkeit auch nicht mehr ferne, und diese ist das Ziel, nach dem allein ihr alle zu streben habt.“ (7.GEJ 140,4)

Aber was können wir Menschen nun tun, daß unser Hochmut nicht noch stärker wird, da doch in einer jeden Seele der Keim dazu als das bekannte Hoheitsgefühl vorhanden ist? – Durch die Demut allein ist dieses möglich! (4.GEJ 83,1+3) Aber wie wird man demütig? – Demütig wird man nicht von selbst, sondern mit der Demut muß schon bei der Erziehung der Kinder angefangen werden. Das Vorhandensein des Hoheitsgefühls merkt man schon an der Kinder Schamhaftigkeit. Die Kinder schämen sich, wenn sie z.B. wegen ihres Aussehens lächerlich gemacht werden, wenn sie sich ungeschickt benommen haben und sie deswegen ausgelacht werden oder wenn sie einen Fehler begangen haben und sie deswegen bloßgestellt werden. In diesem Schämen zeigt sich der verletzte Stolz. Ein Erzieher der Kinder sollte es nun verstehen, das Schamhaftigkeitsgefühl zur rechten Demut zu lenken. Aber das ist zumeist nicht der Fall, sondern da wird dieses Gefühl in den Kinderehrgeiz hinübergelenkt. Der Erzieher beginnt, den Ehrgeiz des Kindes anzuregen, besser als die anderen zu sein oder der Beste zu werden. „Da fängt (dann) ein Kind gleich an,“ sagt Jesus, „sich als ein vorzüglicheres zu denken denn ein anderes. Es wird leicht beleidigt und gekränkt und weint darum ganz bitterlich; in diesem Weinen gibt es klar und deutlich kund, daß es in seinem Hoheitsgefühle von jemand verletzt worden ist.

Suchen nun schwache und sehr kurzsichtige Eltern das beleidigte Kind dadurch zu besänftigen, daß sie, wenn auch nur zum Scheine, den Beleidiger des Kindes zur Verantwortung und zur Strafe ziehen, so haben sie bei dem Kind schon den ersten Keim zur Stillung des Rachedurstes gelegt; und so die Eltern ihr Kind gleichfort auf dieselbe Weise besänftigen, so erziehen sie aus demselben nicht selten einen Teufel für sich und für viele andere Menschen. Wo aber die Eltern klug sind und dem Kind schon frühzeitig stets den größeren Wert in den andern Menschen und Kindern erschauen lassen und so das Schamhaftigkeitsgefühl in eine rechte Demut hinüberlenken, da werden sie aus ihren Kindern Engel ziehen, die später als wahre Lebensvorbilder den andern... voranleuchten und sie erquicken werden mit ihrer Sanftmut und Geduld.

Da aber Kinder nur selten eine solche Erziehung erhalten, durch die ihr Geist in ihrer Seele erweckt würde, so hat dann der erwachsene und zur reineren Erkenntnis gelangte Mensch vor allem darauf zu sehen, daß er sich der wahren und rechten Demut befleißige aus allen seinen Kräften. Bevor er nicht den letzten Rest eines Hochmutsgefühles getilgt hat, kann er weder hier noch jenseits in eine völlige Vollendung des rein geistigen Himmelslebens übergehen.“ (4.GEJ 83,5-7)

Wie aber machen wir es als Erwachsene, die wir in unserer Kindheit nicht zur Demut erzogen worden sind, nun aber die Wichtigkeit der Demut erkannt haben, wahrhaft demütig zu werden? – Indem wir uns zunächst einmal sorgfältig prüfen, ob auch wir in den verschiedensten Situationen so reagieren würden, wie es uns der Herr als Hochmut geschildert hat. Manchem fehlt vielleicht gar nicht mehr viel bis zur vollkommenen Demut, aber er prüft sich zu wenig und hat nicht acht darauf, wo es bei ihm noch fehlt, weshalb er nicht völlig wiedergeboren werden kann. Jesus gibt uns daher den Rat: „Wer da sich selbst erproben will, ob er in der Demut ganz vollendet ist, der frage sein Herz, ob er noch durch irgend etwas beleidigt werden kann, und ob er seinen größten Beleidigern und Verfolgern leicht aus vollem Herzen vergeben kann und Gutes tun denen, die ihm Arges zugefügt haben, ob er gar keine Sehnsucht nach irgendeiner Weltherrlichkeit dann und wann fühlt, ob es ihm angenehm ist, als der Geringste unter den Geringen sogar sich zu fühlen, um jedermann in allem dienen zu können! Wer das alles ohne Trauer und Wehmut vermag, der ist schon hier ein Einwohner der höchsten Himmel Gottes und wird es bleiben in Ewigkeit; denn durch solch eine gerechte Demut wird nicht nur die Seele völlig eins mit ihrem Geiste, sondern auch zum größten Teile der Leib.“ (4.GEJ 83,8)

Sind wir uns dessen bewußt, was Jesus uns hier gesagt hat? – In diesem kleinen Abschnitt steckt die ganze Vollendung bis zur Wiedergeburt. Wir sind schon hier auf dieser Erde in unserem Leibe ein Einwohner des höchsten Himmels, wenn wir uns nie mehr beleidigt fühlen, unseren größten Beleidigern und Verfolgern nicht nur mit Mühe und Not, sondern mit Leichtigkeit aus vollem Herzen vergeben und denen Gutes tun können, die uns etwas Böses angetan haben, wenn wir gar keine Sehnsucht nach irgendeiner Weltherrlichkeit, wie einer höheren Position, nach mehr Anerkennung, mehr Besitz oder nach weltlichen Vergnügungen dann und wann fühlen, wenn wir uns als der Geringste unter den Geringen fühlen, um jedermann in allem dienen zu können. Wer das alles ohne Trauer und Wehmut zu verspüren und sogar mit freudigem Herzen ausführen kann, dessen Seele ist eins mit ihrem Geiste.

Wer nach solch einer Selbstprüfung noch Hochmut in sich entdeckt hat, und seien es nur wenige Atome, der übe sich in der Demut, zu der es auf dieser Erde viele Gelegenheiten gibt. Wir sind auf dieser Erde in einem die Seele und den Geist hemmenden Leib inkarniert, damit wir unsere Ideen, die wir in die Tat umsetzen möchten, nicht in kürzester Zeit, sondern nur nach und nach realisieren können. Dies ist vom Herrn deswegen so eingerichtet worden, damit wir uns bei jeder möglichen Gelegenheit in der allernotwendigsten Eigenschaft des Lebens üben sollen. Diese Eigenschaft ist die Mutter der Demut und heißt: die göttliche Geduld. (2.GS 111,12) Wer demütig werden will, der übe sich in der Geduld, zu der wir sicher täglich Gelegenheit haben, der übe sich aber auch im Gehorsam, denn der Gehorsam, nach Gottes Willen zu handeln, ist der Same der wahren inneren Demut. (2.HG 13,16) Das Wasser ist ein Sinnbild der Demut. Es bewegt sich, wenn es nicht gehindert wird, ohne Rast und Ruhe nach der größeren Niederung fort. Dabei klärt es sich und ist erst dann völlig klar, wenn es des Meeres Niederung erreicht hat. So kommt auch der Mensch erst dann zu einer Klarheit seiner Seele, wenn er nicht irdisch nach den höchsten Würden strebt, sondern nach dem niedersten Standpunkt, und das ist die wahre Demut. Durch Gehorsam streben wir nach unten, denn durch ihn unterstellen wir uns anderen Menschen. Darum kann die Demut nie durchs Gebieten, sondern nur durchs Gehorchen erreicht werden. (1.RB 19,11) Die Demut wird deshalb neben der Übung in der Geduld, auch durch Gehorsamsübungen gefördert, indem wir die göttlichen und auch politischen Gesetze freiwillig beachten. Gehorsam kann aber auch unserem Vorgesetzten gegenüber geübt werden. Wir leisten auf der Arbeitsstelle gezwungenermaßen allerlei Dienste, die wir widerwillig oder im willigen Gehorsam ausführen können. Und „je untergeordneter oft ein Dienst erscheint, desto tauglicher ist er für die wahre Ausbildung des Lebens,“ sagt Jesus, denn „durch das Dienen wird die Demut am meisten geübt und gefördert.“ (4.GEJ 95,1) „’Dienen’ heißt deshalb das große Losungswort durch alle Sphären der Unendlichkeit.“ (4.GEJ 99,1)

Auch der Herr kam nicht unter uns Menschen, um „sich dienen zu lassen, sondern damit Er diene und Sein Leben gebe zum Lösegeld für viele.“ (Matth. 20,28) Während des letzten Abendmahles stand Jesus auf, legte Seine Kleider ab, nahm einen Schurz und umgürtete sich. Darauf goß Er Wasser in ein Becken und fing an, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Schurz zu trocknen. Das war ein untergeordneter Dienst, wie ihn nur niedriggestellte Diener ausführen mußten. Deswegen wehrte sich Petrus zunächst dagegen, als er an die Reihe kam, ließ es dann aber doch zu. Nach der Fußwaschung sprach Jesus zu ihnen: „Versteht ihr, was Ich euch getan habe? Ihr heißet Mich Meister und Herr und saget es mit Recht, denn Ich bin es auch. Wenn nun Ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr einander die Füße waschen. Ein Beispiel habe Ich euch gegeben, damit auch ihr tut, wie Ich euch getan habe.“ (Joh. 13,4-15) Ist es nicht so, daß wir manchmal lieber einander den Kopf, anstatt der Füße waschen?

Jesus war wie ein Diener unter Seinen Jüngern. (Luk. 22,27) So sollen auch wir sein. Wie aber werden wir zu einem Diener? – Indem wir in die Tiefe hinabsteigen und uns selbst erniedrigen. Dadurch stellen wir uns unter alle Menschen, achten alle mehr als uns selbst und sind auf diese Weise bestrebt, allen zu dienen. Dazu ein Beispiel:

In jungen Jahren arbeitete ich in einem christlichen Heim. Da kam eine Frau zu uns, die gewisse seelische Probleme hatte. Nach einiger Zeit war sie in einer bestimmten Hinsicht mit der Leitung des Heimes nicht mehr einverstanden. Da sie aber für ihr Anliegen kein Verständnis fand, leerte sie eines Tages ihren Abfallkorb mitten im Zimmer auf den Boden aus. Die Angestellte, die das Zimmer zu putzen hatte, erzählte das der Leitung und den anderen Angestellten. Sie war entsetzt und sagte: „Das putze ich nicht auf!“ Eine andere Angestellte, die im Büro arbeitete, ging dann auf das Zimmer, putzte den Abfall auf und sprach mit der Frau. Die Frau sah ihr Unrecht ein und hat dann den Abfallkorb nicht mehr ausgeleert. Hier haben wir das Beispiel einer Fußwaschung oder Selbsterniedrigung, und das heißt, mit aller Selbstverständlichkeit niedrigste Dienste zu verrichten, die man eigentlich gar nicht zu machen brauchte und ohne eine Anerkennung ernten zu wollen. Solch ein Dienst bewirkt mehr, als jemandem so richtig die Meinung zu sagen oder anders gesagt, als jemandem den Kopf zu waschen.

„Im Hochmute“, sagt Jesus, „hat alles Dienen ein Ende genommen und somit auch alle weitere Fort- und Ausbildung des Lebens. Deshalb muß ein jeder Mensch und Engel zum Dienen sich bequemen und am Ende eben im ewigen, stets mehr und ausgebreiteteren Dienen die größte Wonne und Seligkeit finden. Ohne Dienen aber gibt es kein Leben, keine haltbare Dauer desselben, kein Glück, keine Glückseligkeit und keine Liebe, keine Weisheit und keine Wonne des Lebens weder hier noch jenseits; und wer sich einen Himmel voll Dienstlosigkeit, voll Trägheit und müßiger Schwelgerei denkt, der irrt sich groß!“ (4.GEJ 95,1-3)

„Auch der Hölle arge Bewohner verstehen sich darauf (aufs Dienen), - nur mit dem gewaltigen Unterschiede von der Dienerei der Bewohner der Himmel: In der Hölle will im Grunde jeder bedient sein; und dient schon einer dem andern, so ist das bloß eine Augendienerei, also ein allezeit höchst selbstliebig interessierter Scheindienst, wodurch einer den andern täuschen will, um ihn bei einer günstigen Gelegenheit desto sicherer unter seine Krallen zu bekommen und aus seinem Falle Vorteile für sich zu ziehen... Es ist dies wohl auch ein Dienen, aber ein höchst eigennütziges, und sonach ist jeder irgend mehr oder weniger eigennützige Dienst, den sich die Menschen gegenseitig erweisen, auch stets mehr oder weniger mit der Dienerei der Hölle verwandt und kann, insoweit er mit der Hölle verwandt ist, unmöglich einen Wert vor Mir und allen Meinen Himmeln haben. Nur ein rein uneigennütziger Dienst ist auch ein wahrer und somit auch ein rein himmlischer Dienst und hat vor Mir und vor allen Meinen Himmeln allein einen wahren und vollkommenen Wert.“ (4.GEJ 99,2+5)

Nun übt sich jemand in der Liebe und Demut und verrichtet seinen Nächsten Liebesdienste. Für diese Dienste wurde er immer wieder mal von verschiedenen Seiten aus gelobt. Er wies zwar stets das Lob zurück, aber dennoch konnte er eine kleine Freude über das Lob nicht unterdrücken. Das kommt daher, weil es einer jeden Seele schon vom Urbeginne ihres Seins an lieber ist, so sie gelobt, als so sie, wenn auch berechtigt, getadelt wird. Aber solange in einer Seele noch Gier nach Lob vorhanden ist, ist jedes, auch das verdiente Lob Gift für die Seele und schädlich für den Geist, denn da wird der Mensch von der eigenen Vortrefflichkeit überzeugt. Aus diesem Grunde schädigt aber auch ein jeder, der Schmeichelei betreibt, in gefährlicher Weise die Seelen seiner Nächsten. Nicht daß gar nie ein Lob ausgesprochen werden darf, ein Lob kann auch eine erzieherische Wirkung haben, aber es sollte doch sehr sparsam und mit Bedacht ausgeteilt werden. Wir sollten dabei bedenken, wann und wem ein Lob ausgesprochen werden darf und daß selbst das kleinste Lob schon eine stolz machende Wirkung haben kann. Natürlich freut sich ein jeder über ein Lob und fühlt sich dadurch emporgehoben. Ein Tadel bewirkt das Gegenteil. Er drückt die Stimmung herunter und ein jeder fühlt sich schlecht, denn er ist gedemütigt worden. Aber gerade das ist heilsam für die Seele und es sollte sich eigentlich ein jeder über eine Demütigung freuen, so wie Maria, die Leibesmutter Jesu, sich über jede Demütigung gefreut hat. Als ein Weib einmal, so wie sie meinte, Maria beleidigte und sich dieses Weib deswegen Vorwürfe machte, sprach Jakob zu ihr: „’(Maria) ist sanfter als eine Turteltaube; darum kann sie nimmer beleidiget werden. Wenn sie auch jemand beleidigen möchte, so kann er aber das doch nicht zuwege bringen. Denn da segnet sie ihn für eine Beleidigung zehn Male und bittet selbst den Beleidiger auf eine Art um seine Freundschaft wieder, der auch der härteste Stein nicht widerstehen könnte! Siehe, so gut ist dieses Weib! Daher sei ja ohne Sorge; denn ich versichere dir, daß sie soeben zu Gott für dich betet!’ Und also war es auch. Maria betete fürwahr zu Gott für dieses Weib, daß Er ihr den Verstand erleuchten möchte, und sie dann einsehe, daß sie (die Maria) auch nur ein schwaches Weib sei. Maria war wohl vom höchsten Adel; aber ihre Freude bestand darin, daß sie gedemütigt werde allerorts und von jedermann.“ (JJ 94,10-15)

Mit dem Zunehmen an Wissen und Können wächst sehr leicht, ohne daß es der Betreffende merkt, der Hochmut. Jeder, der irgendeine herausragende Fähigkeit besitzt, der etwas besser weiß oder kann als ein anderer, der steht schon in der Gefahr, darauf stolz zu werden. Da fängt dann der Betreffende an, sich für mehr, höher, besser oder vorzüglicher zu halten als seine Nebenmenschen. (3.Hi. Seite 479,41) Das kann so weit gehen, daß er sich sogar selbst lobt, entweder heimlich oder auch vor anderen. Etwas Ärgeres aber kann sich ein Mensch nicht antun, denn da versetzt er sich selbst geistig einen Todesstoß ins eigene Herz. (1.RB 37,2-7) Aus diesem Zustand kann ihn dann zumeist nur Gott mit einer kleinen Demütigung heraushelfen. Aber auch der Mensch kann der ihn erhebenden Wirkung eines Lobes oder Eigenlobes entgegentreten, indem er bekennt, wozu Jesus seine Jünger aufforderte: „Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen war, so sprechet: Wir sind unnütze Knechte, wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren!“ (Luk. 17,10) denn: „wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden.“ (Matth. 23,12)

„Solange noch jemand sagt: ‚Ich habe getan, und ich habe gegeben!’, da ist er noch ferne von dem, der da spricht: ‚Ich bin allzeit ein fauler und unnützer Knecht gewesen!’ und ist somit auch noch fern von Meinem Reiche. Nur wenn er in sich lebendig bekennt und spricht: ‚Herr, mein Gott und Vater! Ich bin in allem nichts, wie auch alle Menschen vor Dir gar nichts sind, sondern Du allein bist Alles in Allem!’“ „Siehe unsere Arbeit also an, als wäre sie etwas vor Dir! Denn wir sehen es ein und bekennen es lebendig vor Dir, daß all das Gute, das da ist an unserer Arbeit, eine Tat ist von Dir; wir aber waren Dir nur hinderlich an Deiner Arbeit durch unsere ungeschickten Hände. Nimm daher unseren Willen anstatt des Werkes an, und allzeit geschehe nur Dein heiliger Wille!“ (2.HG 241,17) „dann ist er Meinem Reiche nahe, und Mein Reich ist nahe zu ihm gekommen.“ (Schr. 30,16)

Ein Beispiel der Selbsterniedrigung gibt uns der Erzengel Gabriel, der Maria die Botschaft ihrer Empfängnis vom Heiligen Geist brachte. Maria sagte zu ihm, als er einmal sichtbar bei der Familie war: „Wahrlich, dir gleich ist keiner; denn du hast der Erde wohl die größte Botschaft gebracht, und das Heil allen Völkern!“ Und Gabriel erwiderte der Maria: „O Jungfrau, im Anfange hast du dich geirrt; denn siehe, der Herr hat schon mit mir angefangen, Sich zur Ausführung der größten Tat der kleinsten und geringsten Mittel zu bedienen! Darum bin ich wohl nur der Geringste und Kleinste im Reiche Gottes, aber nicht der Größte! – Wohl habe ich der Erde die größte und heiligste Botschaft gebracht; aber darum bin ich nicht, als wäre mir an Größe keiner gleich; wohl aber umgekehrt, wie ich nämlich der Geringste bin im Reiche Gottes!“ Da verwunderte sich Maria samt Joseph über die große Demut des Erzengels. Das Jesuskindlein aber sprach: „Du, Mein Gabriel, hast recht aus dir, und die Mutter hat auch recht; denn also bist du der Größte, weil du der Geringste bist aus und in dir!“ (JJ 114,10-19)

„Das Reich Gottes kann nur von denen in Besitz genommen werden“, sagt Jesus, „die sich bis in die letzte und kleinste Lebensfiber gedemütigt haben.“ (2.RB 211,6) Joseph demütigte sich selbst, indem er zu Cyrenius, der sich in Gottes Willen ergeben hatte, sprach: „O Bruder! Du bist groß geworden vor dem Herrn; wahrlich, du bist ein Heide gewesen – und bist nun besser denn viele Israeliten! Ja, ich selbst muß es vor dir bekennen: Dein Herz und dein Mund beschämet hoch mich selbst; denn eine solche Ergebung in den Willen des Herrn habe ich an mir selbst noch nicht erlebt!“ Hier richtete Sich das Kindlein auf und sprach: „Joseph! Ich weiß, warum Ich dich erwählte; doch größer warst du noch nie vor Mir als eben jetzt, da du deine Schwäche vor einem Heiden bekennest!“ (JJ 189,12-15)

„Wer aus euch sich erniedrigt am meisten vor seinen Brüdern“, sagt Jesus, „der ist der Erste im Gottesreiche; jedes Sichbesserdünken setzt ihn aber im Gottesreiche auf eine letzte Stufe zurück.“ (2.GEJ 76,2) „Ganz etwas anderes wäre es, so jemand auf dieser Welt bloß der einstigen himmlischen Priorität wegen der Geringste und ein Diener aller werden wollte! Oh, der wird auch einer der Letzten im Reiche Gottes sein!“ (2.GEJ 76,7) „So aber jemand sich unter alle seine Brüder herabgesetzt hat und also bereit ist, allen zu dienen nach seiner Fähigkeit, so ist er der Erste im Reiche Gottes, und alle andern können sich ganz füglich nach ihm bilden. Wahrhaft göttlich großen Geistes ist nur derjenige, der sich unter alle menschliche Kreatur herabzuwürdigen vermag!“ (2.GEJ 76,4)

Können wir das in der Tiefe erfassen: Nur dessen Geist ist göttlich groß, der sich unter alle Menschen herabzuwürdigen vermag? - Es ist nicht einfach, so demütig zu werden, daß wir uns unter alle Menschen herabwürdigen können. Da ist jemand intelligent, besitzt hervorragende Fähigkeiten und soll sich trotzdem für geringer halten, als jemand, dessen Intelligenz nicht so groß ist und der nur mit geringen Fähigkeiten ausgestattet ist. Das ist äußerst schwer für ihn. Es ist auch äußerst schwer für jemanden, der eine höhere Position in der Gesellschaft einnimmt, sich für geringer zu halten, als ein niedrigster Arbeiter. Jesus sagt: „So jemand von euch noch irgendein Hoheits- und somit Besserseinsgefühl in sich verspürt, da ist er von der alles verzehrenden, gierigsten Hölle noch nicht frei und noch lange nicht geschickt zum Reiche Gottes; denn solch ein Mensch ist nicht freien Geistes.“ (2.GEJ 76,3)

Es fragt sich nun, wie wir unser Besserseinsgefühl loswerden können? – Indem wir uns bewußt werden, daß nicht die hervorragenden Fähigkeiten, die wir besitzen und nicht die höhere Position, die wir uns errungen haben, bei Gott etwas gelten, sondern nur die Demut, gepaart mit der Liebe. Je demütiger jemand wird, umsomehr stehen ihm nicht seine Vorzüge, die er besitzt, im Vordergrund, sondern seine Mangelhaftigkeit. Der völlig Hochmütige, der ein Teufel ist, hält sich für besser, höher und mehr wert als alle anderen und verachtet alle anderen. Der vollkommen Demütige aber, der schon hier auf Erden ein Himmelsbürger ist, hält sich für den Geringsten unter den Geringen und achtet alle anderen mehr als sich selbst. (Phil. 2,3)

Wie können wir der Geringste sein und uns unter alle Menschen herabwürdigen? – Indem wir alle anderen mehr achten als uns selbst. – Wie achten wir aber alle anderen mehr als uns selbst? – Indem jeder nicht nur das Seine ins Auge faßt, sondern auch das des anderen und so zum Diener aller anderen wird. (Phil. 2,4) Kisehel hat es uns vorgemacht. Er wollte lieber der Letzte, Geringste und Schwächste sein, um niemandem etwas voraus zu haben, aber andererseits wollte er der Stärkste sein, um allen dienen zu können. Er wollte nicht ein Führer der anderen sein und ihnen Verhaltungsregeln vorschreiben, sondern er wollte sich lieber von den anderen führen lassen und lieber gehorchen. Gerade deshalb machte ihn der himmlische Vater zum Führer der anderen und sagte zu ihm: „Das ist das Größte: Wer wahrhaft sein will der Letzte und der Geringste, der ist bei Mir der Größte; denn nichts als die wahre Demut macht euch wahrhaft groß vor Mir!“ (2.HG 11,6) Nur dem Demütigsten, der am meisten dient, kann die meiste Macht gegeben werden. Nur dem Demütigsten kann am meisten anvertraut werden, nämlich die Leitung und Führung der Menschen und Geister. Der Demütigste ist gleichzeitig auch der allertätigste zum Wohle aller.

Nun will sich jemand selbst erniedrigen und versucht, sich unter alle Menschen herabzuwürdigen und will sich für den Geringsten unter den Geringen halten. Aber bald darauf stellt er fest, daß sein Herz da nicht mitmacht. Trotzdem er sich immer wieder sagt: „Ich bin der Geringste unter den Geringen“, spürt er manchmal immer noch das Gefühl des Besserseins in sich. Ja, die völlige Demut ist erst dann erreicht, wenn jemand nicht nur denkt, der Geringste unter den Geringen zu sein, sondern sich im Herzen auch so fühlt. (4.GEJ 83,8)

Wenn es die Demut gebietet, sich zu erniedrigen, so ist es aber eine übertriebene, falsche Demut, sich untertänig zu verhalten. Mit einem untertänigen Verhalten verleiten wir unsere Mitmenschen dazu, sich uns gegenüber für besser zu halten, wodurch wir sie hochmütig machen. Es ist auch keine wahre Demut, sich unter alle Scheusale zu verachten. Demütig zu sein, heißt nicht, sich minderwertig zu fühlen. Wer Minderwertigkeitsgefühle hat, ist mit sich unzufrieden, verachtet sich, möchte mehr sein als er ist und mehr können, als er an Fähigkeiten besitzt. Deshalb steckt hinter dem Sich-minderwertig-Fühlen noch ein verborgener Hochmut. Dasselbe gilt für Depressionen. Der Demütige fühlt sich zwar als der Geringste unter den Geringen, aber nicht weil er sich minderwertig fühlt und verachtet, sondern weil er alle anderen mehr achtet, als sich selbst. Der Mensch ist ein Werk Gottes, und wer sich als Werk Gottes verachtet, der verachtet ja auch Gott. So gefehlt es also ist, so sich ein Mensch überschätzt, so gefehlt ist es aber auch, so sich ein Mensch unterschätzt. (7.GEJ 141,8-11) „Demut,“ sagt Jesus, „ist wohl die erste und größte Tugend eines jeden menschlichen Herzens, aber sie darf ebensowenig übertrieben werden wie eine andere Regel des Lebens.“ (BM 183,7) „Jene Demut, die da hervorgeht aus der reinen Liebe, ist eine rechte und wahre Demut; denn sie achtet und liebt im Nebenmenschen einen Bruder als Bruder, macht aber weder sich selbst noch den Nächsten zu einem Gott, vor dem man auf die Knie fallen und ihn anbeten soll.“ (3.GEJ 195,13)

Die wahre Demut ist nicht eine äußerliche Gebärde, wie Kniefall, gebeugte Haltung oder ein demutsvolles Gesicht, das jemand macht, sondern sie ist das Demutsgefühl im Herzen und die aus ihm hervorgehenden Taten. Jesus sagt: „Die wahre Demut liegt ja ohnehin nicht in einem äußerlichen Werke ins Gesicht, sondern im Herzen, der vollen Wahrheit gemäß. Gehe nach Jerusalem, und siehe dort die Pharisäer und alle Schriftgelehrten an, mit welch demutsvollen Gesichtern und Kleidern sie einherschreiten; ihre Herzen aber sind danebst doch des stinkendsten Hochmutes voll und hassen bis tief unter die Hölle jedermann, der nicht nach ihrer Pfeife tanzen will, – während ein König mit Krone und Zepter, so er diese nicht setzt über den Wert eines Menschen, so demutsvollen Gemütes sein kann wie ein letzter Bettler auf der Straße!“ (4.GEJ 86,3)

Wenn der Hochmut, wie es zumeist der Fall ist, sich in unseren Herzen hartnäckig festhält und nicht weichen will, dann kommen wir in der Demut nur weiter, wenn wir gedemütigt werden. Lehnen wir uns gegen eine Demütigung auf, so bleiben wir hochmütig, nehmen wir sie aber in Geduld und völliger Gottergebenheit an, so hat die Demut in uns gesiegt. Die Demut können wir im Zusammenleben mit unseren Mitmenschen bei vielen Gelegenheiten des täglichen Lebens erlernen.

Wenn das Gute, das wir beabsichtigen oder tun, schlecht gemacht wird, wenn unsere Pläne durchkreuzt werden, wenn man unserem Geschmack zuwiderhandelt, unseren Rat verschmäht, unsere Ansichten lächerlich macht, und wir nehmen alles still in Liebe und Geduld an, so ist das ein Sieg der Demut.

Wenn wir jede Mißstimmung, jede Unregelmäßigkeit, jede Unordnung und jede verkehrte Handlung (1.RB 95,9) bei anderen, zwar nicht gutheißen, aber ertragen können, ohne uns zu ärgern, so ist das ein Sieg der Demut.

Wenn wir jeder Torheit, Verschrobenheit und jeder Gefühllosigkeit, mit Geduld begegnen können, so ist das ein Sieg der Demut.

Wenn wir jeden unrechten Widerspruch, jeden ungerechtfertigten Tadel und jedes Unrecht, das uns geschieht ertragen können, wie Jesus es ertragen hat, so ist das ein Sieg der Demut.

Wenn es uns nie daran liegt, weder uns selbst noch unsere Werke im Gespräch zu erwähnen, wenn es uns nie daran liegt, gelobt, geehrt oder gar berühmt zu werden, (2.HG 10,25-27) ja, wenn es uns in Wahrheit recht ist, unbekannt zu bleiben, so ist das ein Sieg der Demut.

Wenn wir vernachlässigt oder vergessen werden, wenn wir verspottet oder beleidigt werden, wenn wir verachtet oder verfolgt werden und wir nehmen das alles dankbar aus des Herrn Hand an, so ist das ein Sieg der Demut.

Wenn wir über alle bitteren Vorkommnisse, die uns auf dieser Erde begegnen können, weder klagen, noch murren oder ärgerlich werden, (3.GEJ 8,7) so ist das ein Sieg der Demut.

Wenn wir mit jeder Lebensstellung, jeder Lebenssituation und mit allem, wie der Herr es führt, zufrieden sind, so ist das ein Sieg der Demut. (BM 68,13-21)

Wenn wir uns selbst demütigen können, indem wir unsere Schwächen, Fehler oder Sünden vor einem anderen Menschen bekennen, (JJ 189,13-15) so ist das ein Sieg der Demut.

Wenn wir niemals Böses mit Bösem und Scheltwort mit Scheltwort vergelten, (1.Petr. 3,9) sondern Böses mit Gutem vergelten können und sogar unseren Feinden Gutes tun und für sie beten können, ja, wenn wir uns in allem, wie es nun gesagt wurde, auch so verhalten können, dann, ja dann sind wir in der Demut vollendet.

Viele, die Gotteskinder sein möchten, weichen allem aus, was sie in die Tiefe führen könnte. Anstatt ihr Kreuz auf sich zu nehmen, suchen sie vielmehr Befreiung von allen Demütigungen. Betrachten wir doch alle Demütigungen, seien sie von Freund oder Feind, als willkommene Gelegenheit, um uns in der echten Demut zu üben. Nehmen wir alles freudig an, was uns demütigt. Lassen wir es uns gefallen, schwach, niedrig und nichts zu sein.

Ein großartiges Beispiel, wie wir Demütigungen annehmen und uns selbst demütigen sollen, ist die Nonne von Tabenna. Sie lebte zur Zeit des frühen Christentums im Nonnenkloster zu Tabenna in Ägypten. Alle hielten sie für nicht ganz normal und hatten einen solchen Abscheu vor ihr, daß keine mit ihr essen wollte. Sie half in der Küche, erledigte jede unangenehme Arbeit, welche die anderen ihr auftrugen und war sozusagen das Wischtuch des Klosters. Mit einem Lumpen hielt sie den Kopf umhüllt, während die anderen geschoren waren und Kapuzen trugen. Keine der vierhundert Nonnen sah sie jemals am Tisch essen während der vielen Jahre, die sie im Kloster lebte, sondern sie war mit dem zufrieden, was sie beim Spülen der Geschirre fand. Sie kränkte niemand und murrte nie, obgleich sie beschimpft, verwünscht, geschlagen und verächtlich behandelt wurde.

Ein ganz unerwartetes Ereignis brachte eine Wendung in ihr klösterliches Küchendasein. Im Porphyrgebirge lebte der heilige Piterum als Einsiedler. Eines Tages hatte er eine Vision, in der ein Engel zu ihm sagte: „Was bist du stolz auf deine Frömmigkeit und dein weltfernes Leben? Willst du ein Weib sehen, das frömmer ist als du, so geh’ nach dem Frauenkloster der Mönche von Tabenna! Dort wirst du eine finden, die einen Lumpen um den Kopf gebunden hat. Diese ist besser als du; denn obgleich sie von allen Seiten Unbill erfährt, hat sie niemals ihr Herz von Gott gewendet; du dagegen sitzest hier (in der Einsamkeit), deine Gedanken aber schweifen in den Städten umher.“ Obwohl Piterum sonst nie seine abgelegene Einsiedelei verließ, machte er sich nach der Vision auf den Weg nach Tabenna. Der Ruf seiner Heiligkeit verschaffte ihm ohne weiteres Einlaß im Kloster. Dort wünschte er die Nonnen zu sehen. Die Vorsteherin stellte sie ihm alle vor, aber nach Piterums Vision fehlte gerade jene unter ihnen, die er suchte. Auf seine Frage, ob dies alle seien, erwiderten die Nonnen: „Eine haben wir noch in der Küche, aber die ist närrisch.“ „Führt sie herein“, sprach Piterum, „ich möchte sie sehen.“ Die Nonnen gingen in die Küche und versuchten, die gewünschte Schwester zu holen. Aber sie weigerte sich kurzerhand, mitzukommen, ahnend, daß ihr Geheimnis verraten werden könnte. Doch die anderen zogen sie mit Gewalt und sagten: „Der heilige Piterum wünscht dich zu sehen.“

Als Piterum nun die Nonne sah, ereignete sich eine höchst überraschende Szene, auf die keine der Schwestern vorbereitet war und die in einem Augenblick die bisherige Situation ins Gegenteil umkehrte. Zu ihrem maßlosen Erstaunen fiel der heilige Piterum alsogleich dem „Wischtuch des Klosters“ zu Füßen und sagte zu ihr: „Segne mich!“ Im gleichen Moment kniete jedoch auch die verachtete Nonne nieder und bat Piterum: „Segne du mich, Herr!“ Über die beinahe komische Situation dieses gegenseitigen Wunsches, gesegnet zu werden, wunderten sich die verdutzt zuschauenden Nonnen aufs höchste. Sie konnten das Geschehen in keiner Weise begreifen, starrten einander nur fassungslos an und sprachen schließlich zu Piterum: „Vater, laß dich doch nicht zum besten halten, sie ist ja närrisch.“ Piterum aber antwortete: „Ihr seid närrisch; denn sie ist (in der Heiligkeit) meine und eure Mutter, und ich wünsche nur ihrer würdig befunden zu werden am Tage des Gerichtes.“

Nach dieser unerwarteten Mitteilung Piterums kam eine wirkliche Betroffenheit über die versammelten Nonnen. Mit Schrecken gewahrten sie, wie unchristlich sie ihre Küchenmagd behandelt hatten. Sie fielen der Verachteten ebenfalls zu Füßen, und jede gestand ein anderes Vergehen, dessen sie sich schuldig gemacht hatte. Die eine bekannte, sie mit Spülwasser begossen zu haben, die andere, sie so stark geschlagen zu haben, daß sie blaue Flecken bekommen hatte, und die dritte klagte sich an, ihr die Nase mit Senf bestrichen zu haben. Alle ohne Ausnahme hatten sich ihr gegenüber gar nicht als fromme Klosterschwestern benommen, sondern sich die unstatthaftesten Übergriffe erlaubt und baten nun voll Reue für ihr häßliches Verhalten um Verzeihung.

Die Närrin im Kloster aber wollte nicht Ruhm und Ehre bei den Schwestern genießen und fand die vielen Abbitten lästig. Sie fühlte sich in ihrer verborgenen Herzensgemeinschaft mit Gott ertappt und entwich nach wenigen Tagen aus dem Kloster. Wohin sie ging, wo sie sich verbarg und wo sie gestorben ist, hat niemand erfahren. (DCN)

An diesem Beispiel sehen wir den Unterschied zwischen zwei Menschen, die Gott näher kommen wollen: Da sitzt jemand friedlich in der Einsamkeit, um sein Herz Gott besser zuwenden zu können, weswegen er im Ruf der Heiligkeit steht, schweift aber mit seinen Gedanken in den Städten umher. Im Kloster dagegen lebt eine Nonne, die sich vieler Demütigungen ausgesetzt hat, obwohl sie ihnen hätte ausweichen oder sich hätte verteidigen können und hat trotzdem niemals ihr Herz von Gott gewendet. Sie erblickt in jeder Plage, die sie von Menschen erfährt, eine von Gott gegebene Gelegenheit, sich in der Demut zu üben. Sie hält ihr inneres Leben geheim und als es dennoch ans Licht kommt und sie geehrt wird, ist ihr das unangenehm. Deshalb weicht sie der Ehre aus, indem sie sich heimlich davonschleicht. – Und wir? – Hätten wir auch so gehandelt? – Ich glaube, wir hätten, wenn wir uns überhaupt hätten solche Demütigungen gefallen lassen, am Ende doch die Ehre genossen. - Nun brauchen wir zwar diese Nonne nicht in allem nachzuahmen, aber sie ist uns dennoch ein großes Vorbild in der Demut.

Wir können vom himmlischen Vater alles haben, nur die Demut nicht. Diese kann und darf Er uns nicht einfach geben, sondern nur lehren und begehren, denn die Demut ist jedes Menschen Eigentum, hervorgehend aus dem Kampf zwischen dem Abhängigkeits- und dem Hoheitsgefühl. Wie uns der himmlische Vater die Demut nicht geben kann, so kann Er uns auch die freie Liebe zu Ihm nicht geben, aber einen Anteil Liebe hat Er jedem Menschen bei der Erschaffung mitgegeben. Mit dieser freien eigenen Liebe müssen wir Ihn erfassen, wenn wir das Leben in uns erfassen wollen. (1.HG 142,4-6) Die Demut aber ist das einzige, das wir Jesus geben können, ohne es eigentlich vorher von Ihm empfangen zu haben. Das ist der Acker, auf dem Er nicht säte und den eigentlichen Samen in das Erdreich streute – und doch ernten will! (2.HG 11,10-12)

Wenn der himmlische Vater uns die Demut auch nicht einfach geben kann, so kann Er uns aber doch zur Demut führen und muß es auch tun, denn allein sind wir nicht imstande vollkommen demütig zu werden. Wer also den ernsten Willen hat, vollkommen demütig zu werden und die Wiedergeburt zu erreichen, der muß bis in die tiefste Wurzel seines Hochmutes gedemütigt werden. Jesus übte Sein Leben lang die Demut. Den Stolz demütigte Er durch die Armut, die Herrschlust bändigte Er durch den willigsten Gehorsam zu denen, die wie alle Menschen gegen Ihn wie gar nichts waren. (JJ 300, 6-7) Aber zum Schluß mußte Er noch von den hochmütigsten Menschen seiner Zeit durch Seine Gefangennehmung, Verurteilung und Kreuzigung gedemütigt und vollständig entehrt werden. (2.GS 114,4-5) Auch wir, die wir uns schon lange bemühen, demütig zu sein und auch schon manchen Hochmut abgelegt haben, müssen zum Schluß vollständig entehrt werden, und diese Entehrung willig erdulden, wie sie Jesus willig erduldet hat.

Jesus sagt: „In Christus ging alle urgöttliche Weisheit in die Liebe zum Vater über; dadurch ward aus Sohn und Vater Eins. Desgleichen muß es aber auch bei dem Menschen der Fall sein. Bevor er nicht in seinem hochmütigen Verstande und in allen Begehrungen desselben, welche auf allerlei Ehrungen hinauslaufen, bis auf den letzten Tropfen gedemütigt wird, – ja, bevor er nicht alles der Liebe zu Füßen legen wird und darum erleiden wird eine kurze Verfinsterung aller seiner weltlichen Weisheit, wird er wahrlich nicht in die Herrlichkeit des Vaters eingehen.“ (Sch. 17,16)

„Ihr wisset, was unter ‚Sohn‘ zu verstehen ist, die Weisheit des Vaters nämlich. Dem Sohne entspricht hernach auch alles in einem jeden Menschen, was da ein Angehör der Weisheit ist. Dergleichen Angehör ist der Verstand, die Vernunft, allerlei Wissenschaft und Erkenntnis. Dieses Angehör der Weisheit muß aber zugleich auch in einem jeden Menschen diejenige Demütigung, gleichsam die Kreuzigung durchmachen, muß dann wie getötet in ein neues Grab im Herzen gelegt werden, von da wieder auferstehen und sich dann, dem Vater gänzlich hingebend und aufopfernd, in die Höhe begeben, um eins zu werden mit dem Vater. Ist solches geschehen, dann erst wird die Verheißung des Vaters, welche ist das ewige Leben, in des Menschen Leben offenbar werden. Das ist der Akt der Wiedergeburt.“ (Schr. 30,4-6)

Wer einen klugen Verstand und eine gute Erkenntnis hat, der muß an seinem Verstand und seiner Erkenntnis, auf welche der Mensch gewöhnlich stolz ist, gedemütigt werden. Selbst der größte Weise muß sich vor der unendlichen Weisheit Gottes beugen bis zur innersten Faser seines Lebens. Das ist heilsam sogar für den tiefsinnigsten Engelsgeist, denn auch die größten Engel müssen demütig sein, so sie ganz selig sein wollen. (1.RB 37,9)

Wir müssen also zuvor dort, wo wir noch hochmütig sind, bis auf das äußerste gedemütigt werden, ehe wir zu der unvergänglichen Ehre erhoben werden können, nämlich der Wiedergeburt, die uns ewig niemand mehr nehmen kann. (6.GEJ 21,12) Erst nachdem wir bis in die tiefste Wurzel unseres Hochmutes gedemütigt worden sind, können wir uns als der Geringste unter den Geringen fühlen. Dann können wir uns unter alle Menschen herabsetzen und haben dann erst die wahre Gesinnung des Dienens im Herzen. Dann fällt uns das Dienen nicht mehr schwer, sondern es ist uns eine Freude und Wonne, allen zu dienen. In diesem Zustand sind wir Jesus nahe. Er sagt: „Näher ist Mir niemand und Ich nie jemandem näher irgendwann als gerade im Zustande seiner größten Demütigung vor Mir.“ (2.HG 23,27)

„Darum befleißiget auch ihr euch vor allem der Demut! Wenn ihr derselben innerste Wurzel werdet gefunden haben, dann habt ihr auch vollends Mich gefunden!“ (2.HG 12,17) „denn ohne die wahre, innere Demut seines Herzens kann Mich niemand wahrhaft liebend in seinem Herzen erfassen.“ (2.HG 12,14) „Wenn aber jemand Meine Lehre vollends befolgen wird, der wird es gut haben hier und jenseits; denn eine demütige Seele findet sich bald in allem zurecht, und weil sie Mir am nächsten ist, so hat sie auch allezeit die allersicherste und allerbeste Hilfe bei der Hand.“ (EM 63,28)

Weil es in der heutigen Zeit so wenig vollkommen Demütige gibt, bekommen die Menschen Jesus so wenig zu Gesicht. Selbst wenn jemand nur noch ein Atom Hochmut in seinem Herzen hat, wird Er ihm nicht erscheinen. Deshalb ist die Demut eine der notwendigsten Tugenden. „Aber diese Tugend“, sagt Jesus, „besteht eigentlich nur in der rechten Liebe zu Gott und zum Nächsten. Sie ist die sanfte Geduld des Herzens, durch die der Mensch seine Vorzüglichkeit wohl erkennt, sich aber über seine noch viel schwächeren Brüder nie herrscherisch erhebt, sondern sie nur mit desto mehr Liebe umfaßt und zur eigenen erkannten höheren Vollendung durch Lehre, Rat und Tat zu erheben trachtet.“ (7.GEJ 141,9)

Demut und Liebe hängen so eng zusammen, daß es keine wahre Demut ohne Liebe und keine wahre Liebe ohne Demut gibt. Man kann auch sagen: Die Demut vollendet die Liebe und die Liebe vollendet die Demut. Ja, die Demut besteht eigentlich nur in der wahren Liebe zu Gott und zum Nächsten und die Liebe besteht eigentlich nur in der wahren Demut. Denn die Demut ist ja der Mut, allen Dienste zu verrichten und das will ja auch die Liebe. Als jemand einst den himmlischen Vater über die Demut reden hörte, rief er begeistert aus: „Er - Er Selbst hat es uns allen nun gezeigt, daß vor Ihm nur die Niedrigkeit der wahren Demut im Verbande mit der reinen Liebe zu Ihm etwas gilt, alles andere aber gänzlich ohne Wert ist.“ (2.HG 9,16)

„Die Demut“, sagt der himmlische Vater, „ist die innerste, allerhöchste Kraft, Macht und Gewalt in Mir Selbst. Alles, was da füllt die ganze Unendlichkeit, ist durch die Demut entstanden und ist aus ihr hervorgegangen.“ (2.HG 11,14) „In der wahren Demut besteht die eigentliche, allerhöchste Freiheit des Lebens, daher auch die größte Vollkommenheit desselben. Durch die Demut könnet ihr sogar euch in Mir der unantastbaren Heiligkeit Meiner Gottheit nahen, – ja die wahre Demut ist des Menschen höchste Weisheit, die höchste Liebe, die höchste Kraft allen Lebens, die Macht und die höchste Gewalt, vor der die ganze Unendlichkeit ehrfurchtsvoll erbebt!“ (2.HG 11,13) 

 

Quellenverzeichnis 

GEJ                      Das große Evangelium Johannes, Jakob Lorber, 10 Bände, 1981-1986

HG                       Die Haushaltung Gottes, Jakob Lorber, 3 Bände, 1981

GS                       Die geistige Sonne, Jakob Lorber, 2 Bände, 1955, 1956

JJ                         Die Jugend Jesu, Jakob Lorber, 1996

RB                       Von der Hölle bis zum Himmel, (Robert Blum), Jakob Lorber, 2 Bände, 1963

BM                      Bischof Martin, Jakob Lorber, 1960

Hi.                        Himmelsgaben, Jakob Lorber, 3 Bände, 1935-1993

EM                       Erde und Mond, Jakob Lorber, 1953

Schr.                    Schrifttexterklärungen, Jakob Lorber, 1958

DCN                    Der christliche Narr, Walter Nigg  

                                                                                                                                                                                                                                     

 

2.    Von: GerdFredMueller
Gesendet: Montag, 11. Juni 2001 20:14
An: Freundeskreis-Lorberliste@yahoogroups.com
Betreff: [Freundeskreis-Lorberliste] Demut = Dien-mut


Liebe Freunde,

vor ein paar Tagen hat Jochen auf einen Beitrag von G. Kujoth über "Die Demut - das Grundfundament allen Lebens" im Heft "Das Wort" Nr. 3 (Mai-Juni 2001) aufmerksam gemacht. Ich möchte aus diesem tiefschürfenden Artikel, der in allen Aussagen durch die NO belegt ist, ein paar Passagen herausgreifen um eigens darauf aufmerksam zu machen und auch zu fragen, was können wir tun um unsere Bereitschaft zur Demut zu verbessern.

Der alte Ausdruck Dien-mut =  Demut ist ja sehr aussagefähig. Freiwillig soll sie sein, absichtlich sogar, die Demut. Wichtig erscheint mir die Unterscheidung zwischen Demütigungen erdulden einerseits und dem willentlichen (absichtlichen) demütig sein andererseits. Das gipfelt dann in dem Satz: "Es ist sogar das Dienen und das Demütigungen-Erdulden erst dann die wahre Demut, wenn der Wille zum Dienen und das Erdulden der Demütigungen aus dem Demutsgefühl hervorgehen". Und dann eine Art Quintessenz: "Das
Demutsgefühl ist das Gefühl des Sich-für-geringer-Haltens als alle anderen!"

Dazu passt auch das von Ralf mitgeteilte Gedicht von E. Fried: "es ist was es ist, sagt die Liebe" (die ja die Demut als Basis hat). 
Wäre es nicht nützlich sich mal darüber auszusprechen, was man im eigenen Alttag tun kann, um am Verbessern des Demutsgefühls in sich selbst zu arbeiten. Gibt es da z.B. Merksätze, die man im Alltagsgeschehen leicht und schnell parat hat? Geht das evtl. sogar so weit zu sagen: Nicht mein Wille, sondern der Wille meines Mitmenschen geschehe!? In dem Gedicht (durch Ralf) heißt es z.B. "Es ist wie es ist!". Könnte man auch sagen "Ich nehm's, wie es
kommt!"? Kein Fatalismus, sondern ein positives sich dem Herrn Anvertrauen; und Sich-Bilden im Sinne der Nachfolge.

Vielleicht hat ja jemand eine gute Idee und auch Erfahrung, wie man das Streben nach Demut leicht in den eigenen Alltag "einbauen" kann. Franz von Assisi hat da gebetet: "Mache mich zu Deinem Werkzeug!"

Herzliche Grüße
Gerd-Fred